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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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III.

Eine kleine Meile von Waldhof entfernt liegt am Waldsaum ein altes Hünengrab, über das sich hohe Buchen neigen. Es ist eine runde Erhöhung, auf deren Spitze ein Dolmen von schweren, moosbewachsenen Steinen steht. Die Erhöhung liegt nicht weit von der Landstraße entfernt, und ein Fußpfad führt über die Feldsteinmauer, die den Wald vom Ackerlande trennt. Von dieser Höhe aus hat man nach Südwesten eine weite Aussicht über das Land, das sich wellenförmig zum Meere hinabsenkt. Weit draußen am Horizont, hinter grünen Hügeln hervorschimmernd, liegt eine kleine Stadt mit spitzen Türmen, sowie auch die Edelsburg mit ihrem grünen Kupferdach, während hinter beiden das Meer als schmaler blauer Streifen glänzt.

Der Wind kam von Südwest und schlug den Fahrenden kühl und scharf ins Gesicht. Eine Unterhaltung war darum nur schwer zu führen, und die Gräfin rief daher dem Chauffeur zu, daß er anhalten solle. »Skram,« sagte sie, »wir haben schon früher an dieser Stelle geplaudert. Ich möchte nun mit Ihnen reden. Kommen Sie, wir wollen zum Hügel hinaufgehen und uns Zeit zur Aussprache lassen. Später können wir schweigen und einholen, was wir an Zeit verloren haben.«

Skram neigte den Kopf und stieg aus dem Wagen. Dann reichte er der Gräfin die Hand, und diese sprang leicht auf den grauen, staubbedeckten Weg. Der Chauffeur drehte den Wagen zur Seite und setzte sich hin, um zu warten wie einer, der über seine Zeit nicht selbst verfügt.

Die Gräfin schritt mit Skram nun zur Steinkammer hinauf. Einen Augenblick lang blieb sie stehen und starrte über die gelblichen Felder hin, dann sagte sie mit traurigem Lächeln: »Skram, alles dieses ist mein, und doch verlasse ich es gern – um ihm zu folgen.«

Skram sagte nichts.

Sie fuhr fort: »Es gab eine Zeit, da war ich wirklich stolz und froh, alles dieses zu besitzen, und doch lernte ich bald verstehen, daß ich in Wirklichkeit nichts besaß, weil es nur in der Gesamtheit, als das Ganze mein eigen war – weil es zu groß ist, um es im Kleinen zu verteilen. Nun, da ich im Begriffe stehe, dieses Land zu verlassen, bin ich ihm noch fremder, als da ich kam. Wer hier an seinem Besitz Freude haben soll, muß sein Eigentumsrecht mit andern teilen können; hier sind es die Kleinen, die über die Großen herrschen, und diese Kleinen besitzen hier das Land. Und mit ihnen habe ich es niemals teilen mögen; sie trauen mir auch nicht, und ich habe sie nie gewinnen können.«

Skram betrachtete sie, wie sie dort im Sonnenschein stand. Seine Feindin – sie, mit der er kämpfte – sie, die er besiegen wollte. – Ihr Antlitz war nicht so, wie er es von früher her kannte; sie war nicht mehr die lächelnde Königin – nicht mehr la belle dame sans merci, sondern eine betrübte, bereuende Frau. –

Hastig wandte sie sich zu ihm um.

»Skram,« sagte sie, »sind Sie eigentlich mein Freund, oder mein Feind?« dabei blickte sie ihn scharf an, als verlange sie eine Antwort.

»Ich habe keinen Anspruch auf die Vertraulichkeit Euer Gnaden,« sagte Skram ruhig. »Ich habe bisher immer geglaubt, daß ich Ihr Freund sei, aber es gibt doch Handlungen, durch die Menschen – und selbst eine Frau wie Sie – meine Freundschaft verlieren können.«

»Bedeutet das, daß Sie mein Feind sind?« fragte sie in demselben traurigen Ton.

»Mir gefällt die Art nicht, in der Sie diese Sache nehmen,« sagte Skram. »Ich sage Ihnen rund heraus: Lieben Sie Sigismund Viffert, so haben weder ich, noch ein andrer das Recht, zwischen Sie und Ihre Liebe zu treten. Doch dann gebietet das Gesetz der Ehre, daß Sie alle Folgen dieser Liebe tragen.«

Dies sagte Skram, um sie von dem Weg, den sie betreten hatte, fortzuleiten.

»Sie denken wohl an das Testament?« fragte sie. »Glauben Sie wirklich, daß dieses jetzt eine Rolle für mich spielt? – Oder sollte es möglich sein, daß Viffert mich in seinem Brief an Sigismund – um uns voneinander zu trennen – verleumdet hat? – Skram, nun müssen Sie mir sagen, warum Sie mit Sigismund zu reden wünschten. Wollten Sie – mein Freund – mich verraten ihm gegenüber, den ich liebe?«

Skram schüttelte den Kopf.

»Nein, ich wollte nur sehen, ob er es ist, den Sie lieben, denn das hatten Sie mir ja noch nicht gesagt. Sie hatten mir ja sogar verboten, danach zu fragen.«

»Gestern,« sagte sie leise, »aber heute ist nicht gestern, und viel hat sich inzwischen geändert. Nun bedarf ich Ihrer Vertraulichkeit, Ihrer Freundschaft, und nun spreche ich das aus, was ich gestern nicht aussprechen wollte: Ja, ich liebe ihn, er ist für mich das Leben, das ich in allen vergangenen Jahren nicht leben durfte. Ich klammere mich an dies Leben, ich will es, ich will es! Und Sie müssen mir helfen, nun, da ich in Not bin.«

Sie ergriff seine Hand.

»Skram, ich frage Sie bei unsrer Freundschaft – wollen Sie mir wirklich Ihre Hilfe abschlagen? – – Geben Sie mir den Brief, Skram! Ja? – Geben Sie mir den Brief.«

Hat sie Viffert ermordet? fragte Skram sich selbst, und sein Blick wurde ruhiger und fester bei dieser Frage.

»Euer Gnaden müssen mir klarlegen, wozu Sie meine Freundschaft wünschen; denn erst, wenn ich das weiß, kann ich antworten. Ich muß wissen, wobei ich helfen soll, und ob ich die Hilfe, die Sie verlangen, auch leisten kann. Ihnen den Brief zu übergeben, dazu habe ich nicht das Recht.«

Ihr Blick war nur betrübt. Sie sah ihn an und sagte leise: »Männer sind Egoisten – alle!«

Dann setzte sie sich auf einen der großen Steine an dem Grab; ihre Hand spielte mit den Blumen im Moose, und ihr Fuß bewegte sich ganz leise – wie in Ungeduld. Und sie redete auch zuerst.

Den Kopf erhebend, sagte sie: »Wann verließen Sie Viffert gestern abend, Skram?«

»Gegen Mitternacht,« erwiderte er.

»Wissen Sie, daß er gleich, nachdem Sie ihn verlassen hatten, an meine Tür klopfte?«

Skram stutzte. – »An Ihre Tür? – Waren Sie denn da noch nicht zur Ruhe gegangen?«

»Doch,« erwiderte sie, »aber ich schlafe oft schlecht. Ich lag noch wach im Bett und las. Ich liege oft und lese bis in den hellen Morgen hinein. Es ist eine Angewohnheit von mir, die er kannte. Helmut Viffert und ich standen auf sehr vertrautem Fuß miteinander, und er hat oft in der Nacht, wenn alles schlief, an meinem Bett gesessen.«

Sie sagte das in ganz natürlichem Ton, ohne es näher zu erklären.

Skram schwieg.

Die Gräfin fuhr fort: »Er klopfte an meine Tür, die unverschlossen war. Leonie pflegt sonst diesen Eingang zu benutzen – denn sie schläft oben, das heißt, noch über seinen Zimmern.«

Das wußte Skram; er wunderte sich bloß darüber, daß Viffert dem Anschein nach seinen Besuch bei der Gräfin, noch bevor er sich zur Mansarde hinaufbemüht, abgestattet hatte. Aber er verriet nichts von diesen Gedanken.

»Ich glaubte auch, es sei Leonie,« fuhr die Gräfin fort, »denn diese kommt nachts zuweilen zu mir. Ich glaubte es um so mehr, als er und ich am letzten Abend im Zorn voneinander gegangen waren, und ich ihm das gesagt hatte, was ich ihm schon lange hatte sagen wollen.

»Aber er war es doch.

»Er redete nicht viel, sondern bat mich nur, zu vergessen, daß er zornig gewesen, denn er wolle nicht in Unfrieden von mir scheiden. Er beabsichtige, in der Frühe des nächsten Morgens abzureisen, um mir nicht eher wieder zu begegnen, als bis ich selbst es wünschte. Er benahm sich sehr demütig und redete mit weicher Stimme. Ich weiß, daß er in allen Tonarten reden kann; ich kenne seine Redeweise und lasse mich von ihr nicht mehr beeinflussen.

»›Ich bin zu alt,‹ sagte er – ›und das Alter hat kein Recht mehr. Versprich mir nur, daß er – du weißt schon, wen ich meine – dir niemals mehr sein wird, als ich dir gewesen bin.‹

»Ich antwortete nicht, denn ich mochte hierüber kein Wort zu ihm sagen.

»Dann redete er von den alten Tagen, von Dingen, die nur er und ich kennen und über die ich mit andern nicht sprechen kann.

»Doch ich antwortete ihm nicht.

»Da fragte er mich, ob ich zürnen würde, wenn er jetzt mit Henrik redete. – ›Henrik schläft,‹ sagte ich. ›Ich weiß, daß mein Mann immer bis Sonnenaufgang fest schläft. Im übrigen weißt du ja,‹ fügte ich hinzu, ›daß du Henrik nichts sagen kannst, wenn ich dir verbiete, es ihm zu sagen‹.

»›Hm – Sigismund,‹ schaltete er ein.

»Und ich erwiderte: ›Einmal erfährt er es doch, und so ist es gleich, ob er es durch dich oder durch mich erfährt.‹

»Er ging nun zur Tür, die nach Henriks Toilettenzimmer führt, öffnete sie und trat in das Zimmer ein. Ich sah, daß er Licht machte, und hörte gleich darauf etwas klirren, als krame er am Toilettentisch herum. Ich horchte auf, dann kam er zurück. Vor meinem Bett blieb er stehen und sah mich mit starrem Blick an. Ich erschauderte einen Augenblick lang, denn der Gedanke drängte sich mir auf, daß er soeben Henriks Barbiermesser genommen haben könne, um mich damit –

»Er muß mir den Gedanken vom Gesicht gelesen haben – der Schein meiner Leselampe fiel ja scharf auf mich herab – denn er sagte lächelnd: ›Nein, Polly – du sollst leben. – Lebe wohl.‹ Und dann ging er. – –«

Skram hatte, nach vorne gebeugt, dieser seltsamen Erzählung gelauscht. Warum erzählte sie ihm das? Warum nahm sie seinem Glauben den einzigen festen Anhaltspunkt fort? Sie, die ja gar nicht wissen konnte, was er glaubte und warum er es glaubte. Was sie ihm da erzählt hatte, bedeutete nichts Geringeres, als daß Viffert selbst die Messer umgetauscht habe. Erzählte sie das, ohne etwas von dem Umtausch zu wissen? Durch andere konnte sie nichts davon erfahren haben, und er selbst, der einzige, der es wußte, hatte kein Wort darüber gesprochen.

Warum erzählte sie ihm das?

Etwa, weil es Wahrheit war? Von seiner Vermutung, daß sie die Person sei, die Viffert ermordet hatte, konnte sie ja gar nichts ahnen. Oder ahnte sie es doch? Aber wie konnte sie dann wissen, daß es gerade auf eine Erklärung für den Umtausch der Messer ankam? Sie hatte ja – falls sie die Täterin war – beim Umtausch einen Fehler begangen, und sie war nicht auf Edelsburg gewesen, als Jörgen die Leiche gefunden hatte. Sie hätte ihren Fehler am nächsten Morgen, noch ehe das Haus erwacht war, entdecken können, doch dann hätte sie ihn berichtigt.

Skram fühlte, daß der Grund unter ihm wich. War ihre Erzählung wahr, dann war Viffert nicht ermordet worden, sondern von eigener Hand gestorben.

Sie stand noch vor ihm und schaute ihn mit demselben traurigen Blick an.

»Sie verstehen wohl, Skram, was ich Ihnen soeben erzählt habe, das vermag ich nicht so zu gestalten, daß auch Sigismund es erfahren darf. Ich weiß, daß ich ihn verliere, wenn er etwas davon erfährt, was nun – da Helmut tot ist – der Vergangenheit angehört. Und Sie verstehen nun auch wohl, Skram, daß ich bei dem Gedanken zittere, daß Sie nicht mehr mein Freund sein könnten – Sie, der mein Geschick in den Händen hat und alles ans Licht ziehen kann, was auf Edelsburg in der letzten Nacht geschehen ist. Ihnen darf ich alles erzählen, aber dann – müssen Sie mich auch schonen. Das ist es, worum ich Sie bitte. Und darum müssen Sie mir den Brief geben.«

Skram erhob den Kopf. »Meinen Sie damit, daß ich kein Verhör über Sie abhalten und nicht suchen soll, den Motiven zu Vifferts Selbstmord auf den Grund zu kommen? Das vermag ich gut zu verstehen. Und Sie brauchen sich nicht zu fürchten, denn nie werde ich alles dies unnötigerweise einer gaffenden Pöbelmenge bloßlegen. Aber warum erzählten Sie mir das eigentlich unaufgefordert?«

»Weil ich fühle, daß ich zum Reden gezwungen werden könnte. Als Sie mir erzählten, daß Viffert Hand an sich gelegt habe, begriff ich sofort, daß es mit dem Messer, das auf meines Mannes Tisch gelegen hatte, geschehen sein müsse. Viffert selbst hatte ja keine Barbiermesser; ein närrischer Zwangsgedanke ließ ihn beständig befürchten, daß er sich den Hals durchschneiden könne. Das hat er mir erst kürzlich erzählt. Er konnte keine geladenen Waffen bei sich tragen, weder Türme noch hohe Berge besteigen, ja, kaum auf dem Bahnsteig stehen, wenn ein Zug einlief, alles aus Furcht vor Selbstmord. Er, der doch vor dem Tode solche Angst hatte. Darum war er jetzt genötigt, das Messer aus meines Mannes Zimmer zu holen. Und da dieses nach dem Korridor zu verschlossen ist, mußte er mein Schlafzimmer passieren. Verstehen Sie nun, warum ich glaubte, es Ihnen erzählen zu müssen?«

Skram verstand es. – Als Graf Henrik ihm den Unterschied der beiden Messer gezeigt hatte, war er sofort überzeugt gewesen, daß der Graf nicht der Mörder sei. Als Leonie ihm berichtet hatte, was in der Nacht auf Edelsburg geschehen war, hatte er sofort eingeräumt, daß weder sie noch Jörgen an der Tat beteiligt sein könnten. Aber in keinem von beiden Berichten hatte die überzeugende Kraft gelegen wie in den traurigen Worten der Gräfin, die alles erklärten, auch das, was nur er wußte.

Und doch war sein erster Gedanke nicht der: sie ist unschuldig. Nein, der Gedanke, der ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, lautete: sie hat telephonisch mit dem Kreisarzt Kühn verkehrt, und er hat ihr alles erzählt. Und nun lügt sie, um mich auf eine falsche Spur zu bringen! – Skram fühlte, daß der Verdacht da war, dem kein Richter, und wenn er noch so stark ist, widerstehen kann.

»Haben Euer Gnaden mit dem Kreisarzt Kühn gesprochen?« fragte er.

»Mit Kühn? – Heute? – Nein! Warum fragen Sie?« Sie sah verwundert auf.

»Weil ich nicht allein damit zu schaffen habe,« sagte Skram ruhig. »Bei der Leichenschau wirken Richter und Arzt zusammen, und es wird notwendig sein, Kühn dasselbe Vertrauen zu schenken, das Sie mir erwiesen haben.«

»Kühn ist seit vielen Jahren mein Arzt,« sagte sie. »Ihm kann ich wohl vertrauen, und was ich Ihnen sage, kann ich auch ihm sagen. – Vielleicht sogar besser, weil er älter ist als Sie. – Aber bedeutete Ihre Äußerung vorhin, daß Sie meine Vertraulichkeit dennoch nicht wünschen?«

»Nein,« sagte Skram, »das bedeutete sie nicht. Sie bedeutete nur; daß ich nicht versprechen kann, Kühn gegenüber in jeder Hinsicht zu schweigen.« – –

Sie hatte also nicht mit dem Kreisarzt gesprochen.

»Kann es umgangen werden, daß ich im Verhör nach den Dingen gefragt werde, die Sie nun ohnehin schon wissen?«

»Das sollte ich meinen,« versetzte Skram. »Besonders wenn Sie – kurz entschlossen – auf Vifferts Erbe Verzicht leisteten.«

»Wieso dann?« fragte sie und blickte ihn erstaunt an.

»Euer Gnaden müssen bedenken, daß die Ereignisse von heute nacht keine Zeugen gehabt haben. Bei einem so geheimnisvollen Todesfall wie diesem lösen sich Zungen, die sonst gebunden sind. Gegen giftiges Geschwätz kann sich niemand wehren und...«

Die Gräfin erhob sich hastig.

»Meinen Sie, daß irgend ein Mensch wagen könne zu glauben, daß ich – ich Helmut Viffert ermordet hätte, um sein lumpiges Geld zu erben?«

»Ja,« sagte Skram ruhig.

Die Gräfin erglühte.

»Das glauben Sie vielleicht gar selbst?«

»Ja,« sagte Skram. »Ich glaubte freilich nicht, daß Sie Viffert ermordet hätten, um ihn zu beerben, aber bis zu dem Augenblick, da Sie mir dieses erzählten, glaubte ich, daß Sie Viffert ermordet hätten, um ihn zu hindern, seinem Neffen alles zu erzählen, wie er es ja angedroht hatte, und der Umstand, daß Sie mich um den Brief baten, hat mich in meinen Glauben bestärkt. Nun wissen Sie es.«

Die Gräfin war jetzt ganz blaß; sie stand, an einen der großen Steine gelehnt, die Hände geballt und die Zähne fest zusammengebissen.

»Viffert schreibt gewiß in dem Brief an Sigismund, den Sie gelesen haben, daß ich seine Geliebte gewesen sei, vielleicht sogar, seine bezahlte Geliebte, eine Abenteurerin, die er gefunden habe! Und daher bieten Sie mir solchen Hohn!«

»Ich bitte Euer Gnaden, mich nur als Richter zu betrachten,« sagte Skram. »Das bin ich jetzt lediglich. Mein Beruf zwingt mich mitunter dazu, die Rücksicht, die sich Männer sonst Damen gegenüber auferlegen, beiseite zu setzen. Darum allein konnte ich nicht antworten, als Sie mich fragten, ob ich Ihr Freund sei. Ich kann es nicht sein, solange mein Richteramt mir gebietet, da Gewißheit zu suchen, wo andre sich mit Vermutungen begnügen können. Ich habe Ursache gehabt zu glauben, daß Sie es seien, der ihn ermordet hat, und ich habe es für richtig gehalten, es Ihnen zu sagen. Nun wissen Sie es also.« –

Es war, als ob der Wald sich über ihnen schlösse, die gelblichen Felder und die weißen Gehöfte verbergend, das Meer verbergend, das hinter den roten Dächern der Stadt und den blanken Türmen der Edelsburg blinkte. Es war, als stünde Skram in der kleinen dumpfen Stube des Rathauses, ein Verhör abhaltend, und als werde der grünbemooste Grabhügel zu einem grünbezogenen Tisch.

Skrams Herz klopfte, sein Puls schlug heftig, und doch stand er nur vor der Entscheidung über eine Sache, in die ihn sein Beruf verwickelt hatte; es war dieselbe Erregung, die er zum ersten Male gespürt, als er im Beginn seiner Laufbahn das von bebenden Lippen gesprochene Geständnis einer Kindesmörderin angehört hatte.

Und sie, die dort vor ihm stand – schien vor der Schranke zu stehen, der Schranke, hinter der er als Richter sicher auf seinem Stuhl saß.

Seine Worte waren nur Taktik, nicht die Worte eines Menschen zum andern gewesen.

Die Gräfin machte einen Schritt vorwärts, dann sagte sie mit traurigem Tonfall: »Kommen Sie, Herr Amtsrichter, wir wollen gehen. Mich friert. Ich will nach Hause.«

Er folgte ihr, und sie winkte dem Chauffeur, der den Wagen auf den Weg brachte.

»Wollen Sie an meiner Seite Platz nehmen, Herr Amtsrichter?« fragte sie. »Ich werde selbst die Führung übernehmen; das wird meinen Nerven gut tun.«

»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte Skram.

Sie lächelte schmerzlich. »Sie fürchten sich doch nicht etwa, mit mir zu fahren, jetzt, nachdem – – –«

»Ich fürchte mich nie,« sagte Skram ruhig.

Dann nahmen sie Platz, und die Gräfin setzte den großen, roten Wagen in Bewegung.

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