Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Palle Rosenkrantz >

Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
Schließen

Navigation:

Zweites Buch.
Gräfin Polly

I.

Das Automobil des Grafen war ein großer, roter Wagen von dreißig Pferdekräften; die beiden offenen Sitze des Inneren waren mit braunem Leder bezogen, und die mächtige Laterne blitzte in der Sonne um die Wette mit den schweren, blanken Beschlägen. Skram saß, in einen Staubmantel gehüllt, auf dem Hintersitz und überließ den Wagen der Führung des Chauffeurs. Er wollte nachdenken.

Waldhof lag drei Meilen Wegs entfernt, und die Landstraße lief durch ein stark kupiertes Terrain. Es war, als stünde der Wagen still, und als werde die Landschaft unter ihm hinweggezogen. Der Weg schien einem breiten gelbweißen Bande gleich auf mächtigen Rollen zu laufen, während die Gegend auf beiden Seiten mit Feldern, Gehöften und Kirchen langsamer als der Weg vorüberzugleiten schien; nur der Wald am Horizont, der scheinbar eine feste Umrahmung des Ganzen bildete, stand still; er lag anscheinend außerhalb der Maschinerie.

Der Chauffeur hatte Ordre erhalten, die Fahrt über das erlaubte Maß zu beschleunigen, denn Skram hatte Eile, und mit heiserem Tuten fuhr der große, rote Wagen an den niedrigen Hütten, den Ententeichen und den Wirtsgärten vorbei, am Zaune des Kirchhofes herum, dann vorwärts, auf- und niedergleitend und mit wiegender Bewegung die Hindernisse nehmend.

Skram dachte über die Sache nach. Er liebte es, Verantwortung zu tragen, niemals war er froher, als wenn er einer Tatsache gegenüberstand, die eine neue, von ihm – seiner Persönlichkeit und Kraft – geschaffene Situation hervorrief. Hätte es sich hier um eine einfache bürgerliche Familie gehandelt – hätte sich dieses Schauspiel in einem einfachen bürgerlichen Hause abgespielt – dann hätte kein Diener des Rechts gezögert, auf der Stelle einzuschreiten. Daß wirklich ein Mord vorlag, betrachtete Skram als feststehend, denn mit einem Messer, das abends um acht Uhr auf dem Toilettentisch des Grafen gelegen hatte, konnte der Kammerjunker sich nicht um zwei Uhr nachts den Hals abschneiden, ohne sich das Messer zu holen, und daß er zwischen zwölf und zwei Uhr nachts eins der ihm geschenkten Messer umgetauscht haben konnte, war ganz undenkbar. Er hätte dann das Schlafzimmer der Gräfin passieren oder auf einem weiten Umweg über verschiedene Treppen durch das Schlafzimmer des Grafen gehen müssen, denn die nach dem Korridor führende Tür des Ankleidezimmers war in der Nacht verschlossen. Das hatte Skram konstatiert. Nach allem, was vorlag, mußte sich eine Person nach zwei Uhr nachts, als der Kammerjunker von seinem nächtlichen Besuch bei Mamsell Leonie zurückgekehrt war, Zugang zu seinen Zimmern verschafft haben. Da nun sicher noch einige Zeit verstrichen war, bis der Kammerjunker zur Ruhe gegangen und eingeschlafen war, so konnte die Tat nicht gut vor drei Uhr geschehen sein. Und für diesen Zeitpunkt mußte sich Jörgens und Leonies Alibi feststellen lassen. Graf Henrik konnte diese Person ebenfalls nicht sein, denn er hätte Skram sicher nicht auf die Verschiedenheit der Messer aufmerksam gemacht, wenn er selbst als der Täter die Messer umgetauscht hätte, um die Spur des Verbrechens zu verwischen.

Natürlich lag der Gedanke nahe, daß ein sehr raffinierter Verbrecher auf einen solchen Plan verfallen könnte, jedoch solch ein raffinierter Verbrecher war Graf Henrik auf keinen Fall. Er, ein Mann von gerader Denkweise, war wohl ein wenig schwerfällig, hatte keinen sonderlich hellen Kopf, aber er war ehrlich und treuherzig. Ein solcher Mann konnte in seinem Leben allenfalls wirklich ein Verbrechen begehen und auch Schritte tun, es zu verbergen – das bewirkt ja einfach der Selbsterhaltungstrieb – aber immer mußten sich in seiner Verteidigungstaktik Züge finden, die seiner Natur entsprachen. Wenn er den Umtausch bewirkt hätte, dann hätte er sicher nicht den Tagesnamen übersehen, er, der doch ganz pedantisch daran festhielt, daß jeder Tag sein bestimmtes Messer habe – für den diese Tagesnamen täglich eine Rolle spielten. Und wenn er es wirklich übersehen hätte – infolge der Aufregung, infolge jener unverständlichen Blindheit, von der Verbrechen oft begleitet sind – so würde seine Reflexion doch wieder erwacht sein, als er das Messer in der Hand hielt. Er würde dann niemals den Mann, der ihm gefährlich werden konnte, auf eine Spur leiten, die ganz unnötig war, da dieser Mann ja noch gar keinen Verdacht geäußert hatte. Auch beim Gespräch über Jörgen hatte der Graf keinen Augenblick lang den Eindruck des Schuldigen gemacht. Skram fühlte sich völlig überzeugt, daß er hier kein Recht zum Einschreiten habe und daß jeder Angriffspunkt mangle.

Aber der Kammerjunker war ermordet worden, und es war so gut wie ausgeschlossen, daß der Täter von außen her gekommen war. Es mußte jemand von den Bewohnern des Schlosses gewesen sein, und nach allen Erwägungen blieb nur noch eine Person übrig: die Gräfin Polly!

Und sie hatte Beweggründe für die Tat gehabt. Es war klar, daß ihrem Wunsch, ihr Leben zu leben, nichts andres als eine Spätsommerverliebtheit in Sigismund Viffert zu Grunde lag, den sie noch vor Erkaltung ihres Opfers aufgesucht hatte. Viffert hatte ihr gedroht, das stand ja deutlich in dem Briefe; er hatte gesagt, daß er seinem jungen Neffen alles erzählen werde. Den Heiligenschein, der von ihr ausstrahlte, hatte er ihr nehmen und den jungen Mann hatte er sehend machen wollen – so sehend, daß der Zauber brechen mußte. Und damit dieses nicht geschehe, mußte er sterben. Das war klar. Gräfin Polly hatte schon einmal eine ähnliche leidenschaftliche Liebe gehabt – damals, als sie zu Viffert gesagt hatte: »Wenn du bereit bist, durch eigene Hand zu sterben.« Nun trat wieder eine solche Leidenschaft in ihr Leben, jetzt aber kannte sie die Menschen, sie kannte das Leben, und sie kannte Viffert, und nun fragte sie nicht, ob er sterben wolle, sondern nahm ihm das Leben, während er schlief, weil es das Sicherste war und weil sie seinen Tod wollte.

Sie hatte nichts von den Messern gewußt und die Bemerkung bei Tisch vielleicht überhört. Daher nahm sie das scharfgeschliffene Messer, das – wie sie wußte – auf dem Tisch des Grafen lag, als Waffe an sich; es galt für sie vor allem, Viffert aus dem Leben zu schaffen, und weniger, die Spur des Verbrechens zu verwischen. Er mußte sterben, bevor es Tag wurde, denn am nächsten Tage wollte er reden, das hatte er selbst gesagt, und sie wußte, daß er Wort halten würde. Sie hatte nicht überlegt, wie sie ihre Tat verbergen solle, denn dazu fanden sich wohl immer noch Mittel im Hause. Und sie schreckte wohl auch kaum davor zurück, den Verdacht auf Jörgen oder gar Henrik zu lenken. Sie konnte nicht ahnen, daß Viffert einen Brief geschrieben und diesen Leonie zur Besorgung übergeben hatte, und wie sollte wohl jemand, ohne den Inhalt des Briefes zu kennen, auf einen Verdacht gegen sie verfallen? So war sie denn, nachdem sie gelauscht und seine Tritte über den Fußboden und die Treppe mit atemloser Spannung verfolgt hatte, hinaufgeschlichen – hatte gewartet, bis sie annehmen konnte, daß er schlafe, und ihn dann umgebracht. Dann hatte sie sich wohl umgesehen und die Messer entdeckt, und sofort war ihr der Gedanke gekommen, daß sie auf leichte Weise den Verdacht gegen jedermann ausschließen könne. Sie kannte die Messer wohl, doch beachtete sie die Tagesnamen nicht; als Frau interessierte sie sich nicht für Barbiermesser und bekümmerte sich nicht um die Toilettenfinessen ihres Mannes. Sie griff blind darauf zu, nahm das Donnerstag-Messer und schlich damit in ihr Schlafzimmer hinab, nicht ahnend, daß ein Zufall ihr die Kammerzofe in den Weg führen könnte, die nicht, wie die Gräfin glauben mußte, ruhig schlafend in ihrer Mansarde lag.

Und dann – früh des Morgens – war sie ausgeritten, um fern von aller Unruhe und aller Pein, die die Entdeckung des Todesfalls mit sich bringen mußte, zu sein – – um ihn zu treffen und Pläne für ihr künftiges Leben zu schmieden. –

Dies waren die Gedanken, die Skrams Gehirn durchjagten, während der gelbweiße Weg unter ihm fortgerissen wurde. So war es zugegangen, und daraufhin war er berechtigt, Gräfin Polly Eisenbart zu jeder Stunde zu verhaften und sie des Mordes zu bezichtigen, des Verbrechens, dessen Strafe – der Tod ist.

Aber wollte er das wirklich tun?

Skram war ein heftiger Widersacher der in der Rechtsordnung festgesetzten Todesstrafe, aber ebenso heftige Abneigung hegte er gegen die Veranlassung dieser Strafe – gegen den Mord. Er betrachtete das Leben als ein Recht aller. Nur im Notwehrfalle, wo Leben gegen Leben stand, erschien ihm das Töten eines Menschen statthaft, obwohl er selbst hier verlangte, daß es tunlich vermieden werde. In diesem Punkt war er Fanatiker, und jung war er ja auch. Hier Schonung zu üben, wie das Herz es verlangte, ging gegen die Erfahrung seines Lebens und den Grundzug seines Charakters. Nicht, daß es ihn getrieben hätte, das Wehe der Vergeltung über ihr Haupt zu bringen, aber ihm deuchte es unumgänglich, daß sie, die die erste Forderung der Gesellschaft, Achtung vor dem Leben des andern zu empfinden, verletzt hatte, auch die Wiedervergeltung derselben Gesellschaft – die Strafe auf sich nähme.

So sicher war er seiner Sache, daß er in Gedanken die Gräfin bereits ihrer Strafe gegenüberstellte und von allen andern Möglichkeiten absah.

Aber wenn es auch für ihn in dieser Hinsicht kein Zweifeln und Zögern mehr gab, wie stand es denn mit den andern, die nicht so wissend und sehend waren wie er?

Viffert war tot; diese Tatsache stand fest; aber es konnte sich um Selbstmord handeln; im Edelsburger Polizeiprotokoll stand vorläufig geschrieben, daß Selbstmord vorliege, und es gab nur einen, der mit Sicherheit wußte, daß es nicht so zusammenhing. Die Beweggründe zu der Tat kannten nur sie und er. Sie hatte ihre treibende Kraft gefühlt, und er hatte sie aus den Worten des Toten herausgelesen, die, ohne von dieser Kraft zu reden, ihn doch vermuten ließen, zu welcher Stärke sie bei ihr anwachsen könnte. Aber nicht einmal ihr Mann, der doch behauptete, daß sie nichts vor ihm verberge, ahnte, daß sie Sigismund Viffert liebte, und Skrams einziger Zeuge war der Brief, der ebenfalls nichts Positives besagte. Die Enthüllungen, die im Briefe Vifferts standen, hatten ihm wohl Gewißheit verschafft, allein nur, weil sie sich auf sein Wissen von dem gefundenen Messer stützten. Die Erzählung allein war nicht hinreichend, diese Gewißheit zu schaffen; sie bildete nur ein Beweismoment, einen Anlaß für Glauben oder Nichtglauben – für eine richterliche Vermutung. Der Brief selbst besagte nichts; ihm wie auch dem Testament konnte Skram jede beliebige Auslegung unterschieben. Und die Gräfin würde sicher ihre Schuld verneinen. Er erinnerte sich noch ihrer Worte: Was ich nicht sagen will, das sage ich nicht, und wenn man mich auf ein glühendes Eisen legte. Sie würde wie der Inkakönig mit den Worten auf den Lippen sterben: Auch ich hab' nicht auf Rosen gelegen; aber eingestehen würde sie nichts.

Und was die Messer betraf – freilich der Kreisarzt war vorhin Zeuge gewesen, aber dieser hatte nicht die im Etui liegenden Klingen am Abend vorher gesehen, und die Worte des Grafen klangen noch in Skrams Ohren: »Es muß eine Vertauschung vorgekommen sein; das ist zwar merkwürdig, aber immerhin möglich; es muß eine Vertauschung vorliegen.« Und schließlich gedachte Skram auch seiner eigenen Worte: »Tuesday kann leicht für Thursday gelesen werden.« Und zwei Buchstaben von wenigen Millimetern Höhe sollten die Grundlage dazu bilden, die Gräfin Polly Eisenbart auf Edelsburg des Mordes zu bezichtigen?

Die Sozialdemokraten vielleicht würden es glauben, aber der wohlgesinntere Mittelstand und gar die Großen im Lande – – –?

Niemals! Auf das Zeugnis eines einzigen Beamten hin wird keiner zum Tode verurteilt. Nein, jeder würde es für Selbstmord halten; daß hier Selbstmord vorlag, konnte man doch schon daran erkennen, daß der Kammerjunker es so eilig mit seinem Testament gehabt hatte. Der junge Richter, würde es heißen, befindet sich auf einer falschen Spur; es ist ja ganz schön, eine wachsame Behörde zu haben, aber besser ist es immerhin, das Schwert des Rechts einem alten, ruhigen Manne anzuvertrauen, und nicht einem Brausekopf, der – um sich einen Namen zu machen – darauf losstürmt und Menschenleben vernichtet!

Ein Brausekopf, der vorwärts stürmt, von seinem Ehrgeiz getrieben? – Nun, er, der die Wahrheit kannte, war jedenfalls bereit, auch die Verantwortung auf sich zu nehmen.

Und eins nahm er sich vor: hier sollte kein Fehler begangen werden. So ist es schon ein Fehler, das Schwert zu ziehen, wenn man es nicht schwingen darf; denn so oft das Schwert des Rechts gegen den Willen des Volkes geschwungen wird – so oft es geschwungen wird, ohne daß das Volk einsieht, warum – erhält die Schneide eine Scharte, und die blanke Klinge wird bei solchem Mißbrauch zur stumpfen Säge.

Nein, tausendmal lieber Verbrechen ohne Strafe – als Strafe ohne Verbrechen, und das Verbrechen muß, um ein solches zu sein, von allen erkannt werden.

Denn die Allgemeinheit straft – nicht ein einziger. – –

Nun zeichneten sich die roten Dächer von Waldhof zwischen dem Grün der Bäume ab. Skram schaute auf. Hic Rhodus hic salta!

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.