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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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VI.

Edelsburg, am letzten Abend vor meiner Abreise.

»Mein guter Sigismund!

Du bist von Deinem Vater, meinem Herzensbruder, dazu erzogen worden, mich als das mauvais sujet der Familie zu betrachten. Und als ihr – Du sowohl als Deine edle Sippe – mich nicht mehr schinden konntet, bist du mir mit deiner albernen Wohlerzogenheit entgegengetreten. Wir sind keine Freunde, und dieser Brief ist daher auch kein Freundschaftsakt. Du erhältst ihn unter Verhältnissen, die Erklärungen von meiner Seite unnötig machen. Dein Urteil über mich ist mir gleichgültig, aber Du magst wissen, daß Du nie und nimmer etwas von mir erben wirst – weder Du noch – sie!

Lies die beifolgenden Aufzeichnungen, die zur Belehrung eines in allen Tugenden erwachsenen Jünglings verfaßt worden sind. Sie werden vielleicht die eine oder andre Deiner Illusionen zerstören – doch dann ist die Absicht dieser Zeilen auch erreicht. Meine Memoiren eigne ich Dir also zu, damit Du sie als Richtschnur benutzest.

Also studiere sie eifrig!«

Dem Briefe war ein Manuskript älteren Datums beigefügt, das die elegante Handschrift des Kammerjunkers aufwies.

»Ich schreibe hier meinen Lebensroman. Allerdings stimme ich mit der Ansicht eines bedeutenden Kritikers, der leider nicht mehr lebt, darin überein, daß die Ichform eines Romans zu verwerfen ist, aber nichtsdestoweniger wird man es begreiflich finden, daß ich, um meinen persönlichen Roman zu erzählen, die Ichform benutzen muß. Die Schilderung meiner Eltern und meiner Kindheit schenke ich mir. Gottlob ist es aus der Mode gekommen, mit der Schilderung des Helden schon bei der Wiege anzufangen, und es würde Dir außerdem wenig nützen, wenn ich Dir berichtete, wie ich als Sohn tugendsamer, aber armer Eltern von einer Amme aufgepäppelt wurde und wie ich sehr frühzeitig von der Frucht des Baumes der Erkenntnis kostete. Ich bin entschieden überzeugt, daß in meiner Kindheitsgeschichte auch nicht ein einziges Moment zur Beurteilung meines späteren Schicksals enthalten ist.

Lassen wir sie also ruhig weg. Als ich ein siebzehnjähriger Jüngling war, debütierte ich in Kopenhagen als vaurien, doch gab es damals immerhin noch Laster, in denen ich nicht meinen Mann stellte. Wenn es Dich interessiert, will ich aber bemerken, daß ich als Achtzehnjähriger einen Wechsel fälschte, was die gute Familie in so hohem Grade alterierte, daß sie mich per Zwangspaß nach Amerika exportierte. Ich will keine Zeit mit eingeflochtenen, moralisierenden Betrachtungen vergeuden, aber ich kann mich doch nicht der Bemerkung enthalten, daß ein Mann, selbst wenn er als Achtzehnjähriger einen falschen Wechsel geschrieben hat, immer noch sehr ehrbar und rechtschaffen sein kann. Dies ist mein einziges wirkliches Verbrechen, und ich darf ruhig behaupten, daß es in der Reihe meiner übrigen unmoralischen Handlungen ziemlich hoch steht.

Aber, wie gesagt, man zog die Hand von mir ab. Heimkehrende Amerikafahrer werden Dir berichten können, wie meine ersten Jahre draußen in the far west verliefen. Ich verweile nur bei den Ereignissen, die typisch für mich sind, und da will ich gleich sagen, daß ich nach einigen wirklich ehrlichen Versuchen, mich durchzuschlagen, eine Entdeckung machte, die maßgebend für mein ganzes Leben wurde. Ich machte nämlich die Entdeckung, daß der Mann, um sich in den Sattel zu schwingen, das Weib als Steigbügel benutzen kann. Ich verlange nicht, daß Du diese Entdeckung als von mir gemacht hinnimmst. Ich weiß sehr wohl, daß schon zu allen Zeiten viele Männer das Weib als Steigbügel benutzt haben. Eine gute Partie zu machen, dazu werden die armen Männer aus guter Familie ja geradezu abgerichtet, und sich mit Geld zu verheiraten, ist ebenso verdienstvoll, wie ein Examen zu machen oder die drahtlose Telegraphie zu erfinden. Das weiß ich alles sehr wohl. Aber das Neue oder, richtiger das Besondere in meiner Methode bestand darin, daß ich mich überhaupt nicht verheiratete; dazu habe ich mich niemals bequemen können, denn ich bin geborener Solist und hasse die häusliche Gemütlichkeit. Ich habe mich aber auch niemals von Weibern unterhalten lassen, durchaus nicht, das hatte ich auch gar nicht nötig. Ich benutzte sie – tout simplement.

Es begann mit Verlobungen. In Amerika verlobt man sich sehr leicht, und ich bin mindestens zwanzigmal verlobt gewesen, immer mit netten, anständigen Mädchen, die ebenso jungfräulich in das nächstfolgende Verlöbnis hineinschritten, wie sie in das vorangegangene mit mir gekommen waren. Es währte jedesmal nicht lange; aber ich war sehr nett und rücksichtsvoll und stehe mit meinen Verflossenen, die inzwischen wohl Großmütter geworden sind, noch auf dem schönsten Fuße. Während vieler Jahre verschaffte mir das mehrere vortreffliche Anstellungen und ehrbare Ämter. Ich wechselte allerdings etwas häufig, aber abgesehen von einem einzigen Fall, hat mich meine Tätigkeit als Verlobter eine hübsch mit lebenden Blumen geschmückte Treppe hinaufgeführt, mit Blumen, deren süßen Duft ich einatmete, ohne sie zu brechen.

So wurde ich älter – bis in die Dreißiger gelangte ich hinein, und es paßte nicht mehr so recht für mich, verlobt zu sein. Kurz entschlossen sprang ich daher über die verheirateten Frauen hinweg und legte mich auf die Witwen. Von diesen ist in Amerika immer eine große Auswahl vorhanden. Ich hatte mir nach und nach einige Geschäftskenntnisse erworben und war auch im Spiel immer glücklich gewesen. Selbst im Börsenspiel hatte ich niemals Pech, und so begann ich, Geld zu verdienen. Ich wurde der Geschäftsführer verschiedener junger Witwen, und behandelte diese gut und gewissenhaft. – Eines schönen Tages machte ich die Wahrnehmung, daß ich ein wohlhabender Mann war, und wie alle Leute von mitgebrachter Kultur begann ich mich nach Europa zu sehnen. Ich will keine Vergleiche über die alte und die neue Welt anstellen, denn das ist nutzlos und banal, aber ein vermögender Edelmann kann seinen Wohnsitz nun einmal nur in Europa haben.

Ich machte mich also von meiner letzten Witwe frei, um nach Paris zu ziehen, und erst hier beginnt meine Geschichte den Gegenstand zu berühren, mit dem ich Dein Wissen, mein guter Sigismund, bereichern will.

Ich logierte mich in einem kleinen, hübschen Hause am Square de Roule ein und schickte meine Karte herum. Die dänische Gesandtschaft kannte meine Bankverbindungen, auch war ihr meine Familie zu Hause nicht unbekannt. So wurde ich denn wohlwollend aufgenommen, und der Zufall fügte es, daß ich durch den dänischen Gesandten in ein exquisit feines Haus eingeführt wurde, wo ich mit verschiedenen französischen Adelsfamilien in Berührung kam.

An meinen amerikanischen Verbindungen hielt ich ebenfalls noch fest, und nach Verlauf einer kurzen Zeit gelang es mir, einen Verkehr zwischen dem feinsten französischen blauen Blut aus den Tagen Franz des Ersten und der Plutokratie der neuen Welt anzubahnen. Natürlich führte ich diese Vermittlung nicht umsonst aus, sondern ließ die Plutokratie kräftig bluten. Sehr interessant sind zum Beispiel die Aufzeichnungen der Beträge, die ein Mr. Thomson aus Detroit und ein Mr. Smith aus Denver mir dafür zahlten, daß ich ihnen Eingang in die Salons der Herzogin de la Rochefoucauld und der Madame de Saint Leger verschaffte. Ich war sehr teuer, aber ich fungierte auch in tadelloser Weise und hatte eine feine Nase für Menschen.

Im Jahre 1890 machte ich die Bekanntschaft einer amerikanischen Konzertsängerin, die in den letzten Tagen des Kaiserreichs eine Rolle gespielt hatte und dann aus Paris verschwunden war. Der Himmel mag wissen, was sie in den dazwischen liegenden zwanzig Jahren gewesen ist. Sie selbst behauptete, in Amerika mit einem halbverrückten Doktor verheiratet gewesen zu sein, und niemand konnte es ihr widerlegen. Sie hatte jetzt eine achtzehnjährige Tochter bei sich, die Polly hieß und einfach wunderbar war. Ich kann Weiber wohl beurteilen, aber nicht beschreiben, und mit einem Versuch, Dir Polly Bradlaugh zu beschreiben, will ich dich lieber verschonen. Du kennst sie, wie sie jetzt ist; – damals war sie von einer fraîcheur inexprimable – sie war einfach vollendet! Und eine Mannsperson wie ich darf wohl beanspruchen, daß man ihrem Urteil Wert beimißt.

Madame Bradlaugh war nicht sonderlich wohlhabend, auch nicht sehr fein, und ihre Stimme natürlich längst zum Teufel. Aber sie machte einen imposanten und nicht gerade abstoßenden Eindruck. Du kennst wohl jene Sorte von Müttern, die, wenn sie ihre schönen Töchter begleiten, wie ein memento mori wirken. So war Mrs. Bradlaugh nun nicht, sondern leichtlebig, musikalisch, liebenswürdig, kurz gesagt, recht einnehmend, ihre Tochter aber schön wie eine Göttin. Über Reichtum verfügten sie nicht, doch wurden beide, die in Begleitung eines Stallmeisters aus der Zeit des Prinzen Plonpon erschienen, überall wohl aufgenommen. – Nun ist aber eine Heirat immer eine ernste Sache, und in Paris, wo so viele wirklich prächtige Partieen zu haben sind, ist Schönheit allein nicht genug. Mrs. Bradlaugh hätte sich nun mit Leichtigkeit ein sorgenfreies Alter sichern können, wenn sie ihre Tochter der Halbwelt geopfert hätte. Dreihunderttausend Franken jährlich und ein eigenes Hotel hätte Miß Bradlaugh mit Leichtigkeit erzielen können, denn ein paar russische Fürsten, deren Reichtum ins Unermeßliche ging, waren mehr als bereit dazu. Aber Polly war verständig und – laß mich hinzufügen – auch willensstark.

Ich glaube, ihr Verstand und ihre Willenskraft retteten sie, wenn man hier von Rettung reden kann. Ich für meine Person halte nämlich die Stellung einer privilegierten Pariser Liebhaberin für ebenso begehrenswert wie die einer Ministerfrau. Doch das ist Geschmacksache.

Von dem, was ich jetzt erzähle, hat noch niemand etwas erfahren, doch da es von durchgreifender Bedeutung für mich und auch für sie ist, so will ich es Dir erzählen und bitte Dich, gut aufzupassen.

Schon am ersten Abend, an dem ich Polly sah, war ich von ihrer Schönheit geblendet; so ließ ich mich denn ihrer Mama vorstellen, und dank meiner Routine im Behandeln von Witwen gewann ich bald ihr Vertrauen. Ich rühme mich guter Manieren, habe ein ganzes Teil gesehen, kurz mein Auftreten war tadellos. Außerdem sah ich vor dreizehn Jahren noch recht gut aus, und Geld hatte ich – natürlich nicht bei weitem so viel, als Miß Polly beanspruchen konnte, aber – enfin, ich stellte doch schon immer etwas vor. Ich wurde der Kavalier der Damen, leistete ihnen verschiedene Dienste und verschaffte ihnen – natürlich gratis – Einladungen in amerikanische, englische und französische Kreise. Nachdem ich in ihren sehr genau abgepaßten Hausstand aufgenommen worden war, machte ich selbst den Vorschlag, ihr kleines Vermögen zu verwalten, kurz gesagt, ich wurde ihnen das, was ein in der Pariser Gesellschaft erfahrener Lotse zwei Damen, die nichts sind und viel sein wollen, nur werden kann. Eine Zeitlang besorgte ich dies gratis, denn ich bin von Natur recht groß veranlagt und vermag von augenblicklichen Vorteilen abzusehen. Außerdem hatte ich zu jener Zeit gerade beträchtliches Glück an der New Yorker Börse und legte den Grund zu dem, was ich jetzt, ohne unbescheiden zu sein, mein kleines Vermögen nennen kann. Ja, ich habe einmal sogar über eine Million Kronen besessen, doch hat es freilich nicht lange gedauert, war aber gerade in jenen Tagen der Fall. Ich stand damals dem Entschluß nahe, Polly zu heiraten, und – ich will es bekennen – freite regelrecht um sie. Eine Benommenheit war über mich gekommen, eine tiefe Benommenheit, die nicht das Geringste mit Liebe zu tun hatte, und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß diese Benommenheit noch zu jetziger Stunde vorhanden ist und zwölf ganze Jahre hindurch gewährt hat. Ich nenne es nicht Liebe, denn mein Gefühl enthält keinen Tropfen von Altruismus, und das, glaub' ich, gehört rezeptmäßig dazu. Aber so wie damals bin ich noch heute in leidenschaftlicher Weise von diesem Weibe benommen – – und mit dieser Benommenheit werde ich sterben – wenn ich nicht an ihr sterbe.

Ich freite also, und sie sagte – Nein!

Da ich auch bloß ein Mensch bin, so nahm ich mir vor, den Verkehr mit den beiden Damen abzubrechen. Selbstredend sagte Polly mir allerhand von Freundschaft und geschwisterlichem Gefühl und Erkenntlichkeit, Worte, die die Weiber immer bei solchen Gelegenheiten auf der Zunge haben, und die aus einer Art von Nächstenliebe hervorgehen. Darauf biß ich indessen nicht an. Ich legte ihr ganz ausführlich meine Gefühle klar, übertrieb nichts, sondern tat im Gegenteil mit meinem Egoismus groß, aber ich verbarg auch nicht, was ich von ihr wollte, und sagte rein heraus: wenn sie nicht so wolle wie ich, dann habe sie auch von mir nichts mehr zu erwarten, dann sei es aus und vorbei. Der Narr eines Weibes sei ich nie gewesen und wolle ich auch niemals sein!

Ich glaube, ich habe eine ganz besondere Begabung, auf Weiber einzureden, und die Unannehmlichkeit, meine goldenen Worte zurückzunehmen oder auch nur einen Versuch dazu zu machen, werde ich mir nie bereiten. Beachte wohl: selbst die gerissensten Romandichter sind nicht imstande, eine Verführungsszene überzeugend zu schildern, während doch in der Praxis so viele Tolpatsche die Sache virtuos verstehen. Sie läßt sich eben nicht durch Worte ausdrücken, sondern liegt im Blut, im ganzen Interieur. Auf der Szene kann man sie ebenfalls nicht darstellen, schon allein aus dem Grunde, weil die beiden Darsteller – mit Respekt zu melden – sich nicht zusammen ins Bett legen können. Durch Musik allerdings läßt sie sich ausdrücken – eine Sekunde lang vorzaubern.

Ich will nicht lang und breit berichten, was da geschah und wie es geschah, sondern mich kurz fassen und erklären, daß gerade, weil mich Polly Bradlaugh nicht liebte und ich sie nicht liebte, und gerade, weil sie mich verschmähte und meine Assistenz, die sie für wertvoll ansah, nicht verlieren wollte, sie meine Geliebte wurde.

Ich hasse physiologische Untersuchungen der Triebe und werde Dich mit jedwedem Versuch, zu erklären, wie es zuging, verschonen. Im Interesse der Wahrheit muß ich sogar eingestehen, daß es mir anfangs eine nicht geringe Enttäuschung bereitete – aber dennoch lag in diesem ganzen Verhältnis eine gewisse Pikanterie, die nicht anders als anspornend wirken konnte. Polly hatte Willenskraft, und ich hatte Willenskraft, doch ohne zu prahlen, darf ich behaupten, daß mein Wille gleich die Oberhand gewann und sie auch behielt.

Meine Stellung in der Gesellschaft war fest genug, daß ich die beiden Damen beschützen konnte, und ich darf – wieder ohne zu prahlen – behaupten, daß ich ganz außerordentlich geschickt manövrierte. Ich unterhielt nicht etwa die beiden Damen – o, nein, ich unterstützte sie kaum und meine Gaben waren ebenso diskret als bescheiden. Aber ich verwaltete ihr kleines Vermögen mit Umsicht, lief ab und zu ein kleines Risiko und sorgte dafür, daß immer genug Geld da war. So ging es ein Jahr lang. Die Mama wurde selbstverständlich Mitwisserin; die gute Seele hoffte gewiß auf eine Ehe, denn sie kannte mich nicht, und die alte Welt war ihr neu. Ich selbst war ruhig. Meine feste Absicht war jetzt die, Polly eine gute Partie machen zu lassen, und ihr die zu besorgen, bildete jetzt das Ziel meiner Arbeit.

Da machte ich plötzlich eine Wahrnehmung, die mich im höchsten Grade beunruhigte. Ich will gern zugeben, was ich jetzt erzähle, ist für den, der sich mit den kritischen Einzelheiten in Pollys und meinem Leben nicht vertraut gemacht hat, schwer verständlich. Ich selbst dagegen kann es mit Leichtigkeit erfassen, und wenn Du Dir rechte Mühe gibst, wirst Du es vielleicht auch begreifen.

Polly machte die Bekanntschaft eines reichen, englischen Edelmannes, eines Lord Newton, der ein netter, junger Mann war, mir freilich nicht imponierte, aber hunderttausend Pfund jährlich Rente und einen schönen Titel besaß. Er war von ihr sehr eingenommen, unabhängig, ohne mütterlichen Anhang und hatte alle Lust, sie zu heiraten. Mrs. Bradlaugh und ich waren sehr für die Partie; es wäre ja geradezu lächerlich gewesen, nicht mit beiden Händen zuzugreifen, und Polly war von dem jungen Manne auch sehr eingenommen, ich glaube gar, sie war in ihn verliebt. Aber als wir sie darüber zur Rede stellten, erklärte sie zu meiner großen Verblüffung aufs Bestimmteste, daß sie den Mann nicht heiraten werde. Nun, ich redete, was man in solchen Fällen zu reden pflegt, denn ich war sehr für die Partie. Zu einer Szene zwischen uns kam es wohl nicht, aber es kann sein, daß mein Ton etwas heftig wurde, und da erklärte sie rund heraus, daß sie diesen Mann nicht – betrügen wolle, daß er zu gut für sie sei. Dies war unbedingt ein gegen mich gerichteter Stich, was ich sehr wohl verstand; aber ich bin es ja von den Frauen gewohnt, daß sie mir Vorwürfe machen, weil sie durch mich Freude und Befriedigung gefunden haben. Das ist ein ganz natürlicher Zug bei ihnen, und jeder vernünftige Mann rechnet damit, obwohl etwas ganz Ungerechtes und Inkonsequentes darin liegt. Aber das ganz Merkwürdige bei der Sache bestand darin, daß sie im schönsten Zuge war, sich in den Engländer zu verlieben, und ihn in ihrer erwachenden Liebe zu solcher Höhe emporhob, daß sie, wie es in der Bibel heißt – zu der sie doch sonst nicht in Beziehung stand – Asche auf ihr prächtiges braunblondes Haar streute. Und eines Tages sagte sie etwas, das mir einen Augenblick lang all meine sonstige Überlegenheit raubte: ›Helmut,‹ sagte sie – ich erinnere mich der Worte, als wären sie erst heute gesprochen worden – ›wenn du bereit bist, durch eigene Hand zu sterben, so will ich ihm mein Jawort geben.‹

Das klang mir furchtbar töricht, war aber im Grunde genommen gar nicht so dumm. Es lebte in ihr etwas – etwas wirklich Urkräftiges, alles Überwältigendes, etwas rein Instinktives, das ich niemals habe verstehen können, wenn ich auch immer damit zu rechnen wußte. Ich antwortete natürlich, daß mir nichts ferner liege, als eine derartige selbstopfernde Handlung; ich befände mich ganz außerordentlich wohl in diesem Leben und wolle vom Tode durchaus nichts wissen. Kurz gesagt, ich schlug es ihr ab. Aber noch heute krankt sie daran, und den jungen Engländer hat sie nie vergessen. Nun, was diesen letzteren betrifft, so brach er ein Jahr später bei einer Steeplechase den Hals, und zu der Zeit war Polly bereits mit Graf Henrik Eisenbart vermählt.

Jetzt kommen wir nämlich zu Ihrer Gnaden hochwohlgeborenem Gemahl.

Mit dem vita ante acta des Grafen Eisenbart will ich dich ebenfalls verschonen, und zwar schon aus dem Grunde, weil es mir selbst nur unvollständig bekannt ist und ich auch nicht glaube, daß es sonderlich interessant gewesen sein kann. Ich traf ihn zum erstenmal auf dem Ball Bullier in Paris, und wir schlossen unsere Bekanntschaft recht nachdrücklich dadurch, daß ich gleich am ersten Abend die Ehre hatte, ihm das Leben zu retten. Ich habe seitdem oft bereut, daß ich es getan, und mein einziger Trost beruht darin, daß ich weiß, daß er in noch höherem Maße bedauert hat, daß gerade ich es war, der die Tat beging. Immerhin war es eine verteufelt fixe Leistung von mir, und da Du mich auch von einer schmeichelhafteren Seite kennen lernen sollst, so will ich das Ganze erzählen.

Graf Henrik war, nachdem er das juristische Staatsexamen überwältigt hatte, als Legationssekretär nach Paris geschickt worden, und zwar allein zu dem Zweck, unter kundiger Aufsicht verdorben zu werden. Er war nämlich etwas zu naiv von Charakter, und seine Frau Mama, ein vernünftiges Weib, sah sehr wohl ein, daß es sich für einen Mann, der im Leben vorwärts kommen soll, durchaus nicht schickt, sämtliche Tugenden zu besitzen, sondern daß auch ein gewisses Quantum Laster dazu gehört.

In den guten alten Tagen importierte man diese aus Paris. Einiges wußten ausschließlich die höheren Rangklassen, anderes wurde auch über diese hinaus gebräuchlich. – Also rüstete man den Stammhalter Henrik mit einem Begleiter und einer wohlgespickten Börse aus und sandte ihn nach Paris. Der Begleiter war ein Kandidat Juris, der es später noch ungewöhnlich weit gebracht hat. Er war perfekt in allen Dingen – auch in den Lastern – doch erlaubt mir meine Zeit nicht, hierbei länger zu verweilen. Graf Henrik glich einem Lohengrin, denn er trug damals einen sehr langen, hellen Bart, den er später, weil er seine Frau genierte, auf dem ehelichen Altar geopfert hat. Hier auf dem Ball Bullier nun genierte der Bart die Franzosen; sie sahen Henrik für einen Deutschen an und titulierten ihn » sale Allemand«. – Darob geriet der bärtige Kämpe in eine Raserei, in die solch große Mannspersonen, wenn sie etwas betrunken sind, mitunter geraten können. Er gebärdete sich wie ein Wikinger und schlug ein paar französische Studenten, die ihn ihrerseits genierten, zu Boden.

Natürlich entstand – wie bei solchen Gelegenheiten immer in Paris – große Empörung, viel Geschrei, selbst Dolche wurden gezückt. Henrik, der wie rasend war, wollte partout die hitzigsten seiner Gegner umbringen, stark wie ein Bär war er ja. Sein weiser Mentor, der augenscheinlich glaubte, er befinde sich im ›Figaro‹ in Kopenhagen, lief schleunigst nach der Polizei, und als diese erschien, ergriff sie selbstredend gegen den ›sale Allemand‹ Partei. Darob geriet Henrik in noch vollkommenere Wildheit und ging sogar gegen die Schergen los, die ihn ihrerseits mit blanker Waffe attackierten. Da geschah es denn, daß ich, der ich durch meinen ehemaligen Aufenthalt in the far west eine gewisse Fähigkeit erworben habe, Luft um mich zu machen, gerade im letzten Augenblick einigen von den Ordnungshütern die Arme aus dem Gelenk drehte, eine Reservetür sprengte und den Stammhalter in Sicherheit brachte. Es steht somit fest, daß ich ihm das Leben gerettet habe, denn die Polizei hätte ihn sicher niedergemacht, da er ja der angreifende Teil gewesen war und obendrein für einen Deutschen gehalten wurde. In jenen Tagen war alles, was Deutsch heißt, in Paris noch mehr verhaßt als heute, wo die Politik andre Bahnen einzuschlagen gestattet.

So saßen wir denn auf ein paar Weinfässern im Hinterhof und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Henrik nannte mich seinen Lebensretter, drückte mich als das große Kind, das er war, an sein Herz und wir schlossen Bruderschaft fürs Leben. Am nächsten Tage klärte ich Seine Exzellenz den Gesandten über die Affäre auf und veranlaßte, daß der weise Mentor, den die Polizei auf der Walstatt gefangen genommen hatte, aus seinem Arrest entlassen wurde.

Henrik und ich aber waren von nun an unzertrennlich, und ersterer wurde somit auch bald bei den Damen Bradlaugh eingeführt. Die Mama war sofort entzückt von ihm, denn eine so seelengute Haut wie ihn gibt's ja nicht so bald wieder, und er strahlte damals geradezu von Herzensgüte. Polly interessierte sich auch für ihn, doch zeigte sie sich im übrigen ganz beherrscht. Seit der Affäre mit dem Lord war eine gewisse Kühle zwischen ihr und mir eingetreten, eine Kühle, die nur ab und zu von einer unbeschreiblichen, fast raubtierartigen Wildheit, die zu meinen wertvollsten Erinnerungen gehört, unterbrochen wurde. Außerdem aber hatte ich damals Pech im Börsenspiel und war daher in recht mißvergnügter Stimmung, und so kam mir schließlich der unselige Gedanke, aus Polly und Henrik ein Paar zu machen.

Ja, daran findest Du freilich wenig Gefallen, mein tugendsamer Herr Neffe, aber Du liesest ja auch nicht die Geschichte eines Heiligen, sondern die meinige, und ich kann mich daher ohne Kommentar an das Faktum halten. Die Mama war hingerissen, Henrik verliebt wie ein Fisch und Polly nach einer Krisis gerade so weit herabgekommen, daß es ihr gefiel, sich selbst zum Opfer zu bringen. Mit derartigen Verirrungen muß man ja selbst bei den stärksten Frauen rechnen.

Aber nun kam noch etwas ganz besonderes hinzu: Polly verlangte auf das Bestimmteste, daß Henrik ihr Verhältnis zu mir kennen solle. In diesem Falle war nicht die Rede davon, daß ich verschwinden müsse, sterben oder dergleichen wie beim ersten Male, nein, im Gegenteil, aber auch der gute Wikinger sollte nicht von ihr betrogen werden; er sollte sie ganz und gar kennen und so weiter. Ich fand das anfangs zwar absurd, aber bei näherer Überlegung sagte mir die Idee doch zu. Sie schmeckte ein wenig nach schlechten französischen Romanen, denen ich schon von jeher verfallen war, und außerdem wollte ich auch ungern ganz und gar auf Polly Verzicht leisten. Ich dachte mir, wenn der Wikinger mit offenen Augen in den Bund hineintritt, so wird meine Lage zweifellos ungenierter sein.

Also trat ich Pollys Plan bei, ja, ich tat mehr als das: ich arrangierte das Ganze. Wir führten ein richtiges Drama auf, wie Meister Ohnet es nicht besser hätte ersinnen können. Die Frau Mama ermutigte den zaghaften Wikinger, dieser brachte stammelnd und in ziemlich schlechtem Französisch seine Werbung vor, und Polly erwiderte, daß es ihr leider unmöglich sei, ja zu sagen – warum, das wisse ich!

Nun trat ich auf die Szene, der Duzbruder, Lebensretter und Freund des Wikingerknaben. Anfangs leugnete ich scheinbar, dann erzählte ich alles, und die gute Seele wurde außerordentlich betrübt. Er lief ein paar Tage lang auf eigene Faust umher, dann kam er zurück und erzählte mir allerhand von seiner lieben Mutter, seinem Namen und der Ehre seines Geschlechts. Ich bemerkte hierauf sehr kühl, daß er in allen Stücken recht habe, aber ich meinerseits wolle mich niemals verheiraten, betrachte mein Abenteuer mit Polly als beendet und dächte daran, mich von den Damen zurückzuziehen.

Dir, mein Herr Neveu, wird nun diese ganze Sache natürlich höchst widerwärtig erscheinen; mich freilich wirst Du ohne weiteres verstehen und darum über mein Verhalten nicht erstaunt sein, aber daß auch sie, der Engel, den du anbetest, so handeln konnte, das vermagst du natürlich nicht zu begreifen. Darum will ich den Versuch nicht scheuen, es Dir zu erklären: Weißt Du, was beständig – drohend wie ein Schreckensgespenst – vor ihren Augen stand? – le demimonde! In Paris ist der Schritt dorthin nicht lang und wird öfter gemacht, als man glaubt. Er wird selten auf einmal gemacht – der Weg dorthin ist genau derselbe, den Polly bereits betreten hatte. Eine Chance hatte sie sich bereits entgehen lassen; nach einer tiefen inneren Anschauung hatte sie gehandelt, wobei ihr Gelegenheit genug geblieben war, zu überdenken, ob sie klug oder dumm handle. Der Lord war über alle Berge, ihre Lage unsicher, und nun kam diese große dänische Dogge an und wollte reinen Tisch machen. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, hatte Polly genug konventionelle Ehen gesehen, und durch mich hatte sie eine Seite des Lebens kennen gelernt, die die Frauen der Gesellschaft sonst erst in der Ehe kennen lernen. Sie wußte, was diese war. In jenem Augenblick, als der Mann, den sie nicht liebte, um sie anhielt, war sie nichts als ein Mädchen, das zu Schaden gekommen war und eine Reparatur nötig hatte, voilà tout! Ganz so närrisch nämlich ist die Theorie der guten Sozialdemokraten von der Gleichheit der Menschen nicht.

Und da der biedere Wikinger verliebt war wie ein Märzhase, so wurden die beiden unter meinem und Mamas Segen vermählt. Ich vermag dafür zu garantieren, daß wir alle vier bei der Gelegenheit als die Ladies und Gentlemen auftraten, die wir waren. Das ist einem eben schon angeboren – trotz der Sozialdemokraten.

Während des ersten Ehejahres hielt ich mich in einem gewissen Abstand von ihnen, dann kam das übliche Ereignis, das programmmäßig eintraf, und da Henrik der älteste Sohn des Lehnsgrafen war und er nun selbst Vater eines Sohnes war, so erhielt er Papas und Mamas Absolution. Der Herr Papa segnete bald darauf das Zeitliche, und Henrik erbte die Grafschaft.

Inzwischen hatte ich der Mama Bradlaugh in Riva am Gardasee die Augen zugedrückt, und da ich dieser lieben Frau noch in letzter Stunde feierlich gelobt hatte, auf Polly ein wachsames Auge zu haben, so näherte ich mich vorsichtig dem Taubenschlag. Ich fand die beiden Turteltauben, jede auf ihrer Stange; Polly langweilte sich, indes Henrik sich als Trockenamme betätigte. Sofort war mir klar, daß Polly sich weder aus dem Kind etwas machte, noch ihren Mann liebte. Dem Versprechen, das ich ihrer seligen Mutter gegeben, eingedenk, machte ich einige schwache Versuche, das Ganze wieder einzurenken, doch kam ich mir dabei recht lächerlich vor. Polly war herrlich, und die Erinnerungen regten sich, und zwar nicht allein bei mir. Eines Tages kam Henrik entsetzt in mein Zimmer gesprungen und erzählte mir, seine Frau habe ihm soeben gesagt, daß sie mich noch liebe. Er baute auf mich wie auf einen Ehrenmann, und da er weder aus noch ein wußte, fragte er mich ganz naiv um Rat. Nun muß ich gestehen, daß ich für diesen Menschen niemals viel übrig gehabt habe. Ich habe ihm zwar das Leben gerettet, doch das hätte ich im gleichen Augenblick auch jeder andern Person gegenüber getan. Dafür hab ich sein Essen gegessen, seinen Wein getrunken, seine Pferde geritten und auf sein Wild geschossen. Seine Heirat arrangierte ich nur um Pollys willen, er selbst war mir in dieser Hinsicht völlig gleichgültig. Folglich verspürte ich betreffs seiner Person auch keine Gewissensbisse.

Ich sagte ihm rund heraus, daß es meinem Lebensplan durchaus zuwiderlaufe, ein so schönes Weib wie Polly zu bitten, von ihrer Liebe zu mir abzustehen – daß ich indes selbstredend bereit sei, sofort abzureisen, aber nicht für die Folgen einstehen könne, wenn sie mitreiste. Was die beiden darauf miteinander geredet haben, weiß ich nicht, aber er bat mich selbst, bei ihm zu bleiben, und seitdem haben wir beide immer von Polly wie von einer lieben gemeinsamen Freundin, die wir beide hochschätzten, geredet. Ich brachte die alte Welt in das neue Heim, und daran hat sie nur Freude gehabt. Wir beide haben uns durchaus korrekt aufgeführt, und was vor zehn Jahren unser Blut noch zum Sieden bringen konnte, das wirkt jetzt nicht mehr explosiv!«

Am Fuße des Manuskripts war hinzugefügt: »Dies ist die Geschichte, die ich Dir erzählen wollte. Allerdings habe ich sie nicht um Deinetwillen geschrieben, denn ich weiß, daß Du Dich vielleicht über das Ganze hinwegsetzest. Aber ich habe ihr gesagt, daß Du alles wissen sollst, worauf sie, um es zu verhindern, mir gedroht, mich angefleht und schließlich geweint hat. Vielleicht wirst Du zu philosophieren beginnen (obwohl Du zu dieser Tätigkeit nicht besonders geeignet erscheinst): Sie hat nicht einen Mann gehabt, sie hat zwei Männer gehabt. – Eine vortreffliche Philosophie, mein tugendsamer Herr Neveu, aber lies diesen Bericht noch einmal durch: als sie damals dem Lord Newton den Laufpaß gab, verstand sie noch nicht zu lügen – jetzt aber – Dir gegenüber – hat sie's schon gelernt!

Willst Du sie trotz meines väterlichen Rates bei Dir aufnehmen, gut, tue es – doch dann nimmst Du auch mich in den Kauf, denn mein war sie und ist sie, und ich werde das Idyll arrondieren. Darauf kannst Du Dich verlassen.

Lies ihr dieses laut vor und höre dann, was sie Dir über einen abwesenden Mann vorflunkern wird. Ich habe ihr gesagt, daß Du alles erfahren sollst, und sie wird sicher danach handeln.

Dein Onkel Helmut von Viffert.«

Skram faltete die Papiere zusammen und verließ das Zimmer. Nun galt es, auf neuem Wissen einen neuen Plan aufzubauen.

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