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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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IV.

»Der Herr Amtsrichter mögen entschuldigen, aber der Herr Graf ist eben dabei, sich umzukleiden.«

Skram stand in der Vorhalle des Schlosses Jörgen gegenüber, den er hatte rufen lassen.

»Ganz gleich,« sagte Skram, »heute kann ich darauf nicht Rücksicht nehmen. Ich muß den Grafen sogleich sprechen.«

»Der Herr Graf ist gerade dabei, sich zu rasieren,« sagte Jörgen etwas unwillig; »es ist unmöglich, ihn zu stören. Aber ich werde den Herrn Amtsrichter sofort melden.«

»Sie bleiben hier,« versetzte Skram kurz und schob den Diener beiseite. Nicht um alles in der Welt wollte er sich diese Gelegenheit entgehen lassen.

Hastig eilte er die Treppe hinauf und stand gleich darauf vor der Tür, die zum Ankleidezimmer führte. Nach einem kurzen, kräftigen Klopfen trat er ein.

Der Graf stand vor dem Spiegel. Die eine Hälfte seines Gesichtes war eingeseift, und in der Rechten hielt er ein Barbiermesser. Er blickte Skram etwas verwundert an, aber er war doch ein zu wohlerzogener Mann, als daß er seiner Verwunderung Ausdruck gegeben hätte.

»Entschuldigen Sie gütigst, Herr Graf,« sagte Skram, »aber nach dem, was vorgefallen ist, muß ich Sie dringend sprechen.«

Der Graf machte nicht die geringste Andeutung darüber, daß der Amtsrichter doch wenigstens so lange hätte warten können, bis er den Schaum vom Gesicht entfernt habe, sondern deutete auf einen Stuhl und sagte lächelnd: »Wenn ich hiemit bloß erst fertig wäre! Wir haben ja heute genug Unglück mit einem Barbiermesser gehabt.« Und ernster fügte er hinzu: »Um eins möchte ich Sie bitten, Skram, betrachten Sie alles, was ich gestern sagte, als nicht gesagt. Über die Toten nur Gutes, und am Grabe senkt man den Degen.«

Skram nahm Platz und betrachtete den Grafen der jetzt anfing, das Messer über die linke, unbarbierte Wange zu führen, von der Seite.

»Da haben Sie sich ja geschnitten, Herr Graf,« sagte Skram. »Das ist doch hoffentlich nicht meine Schuld? Sonst bitte ich tausendmal um Entschuldigung.«

Der Graf ließ die Hand mit dem Messer sinken. »Nein,« sagte er, »das tat ich, bevor Sie kamen. Es pflegt mir übrigens sonst niemals zu passieren, daß ich mich schneide, und seltsamerweise steht es auch noch mit dem armen Viffert in Verbindung.«

»Inwiefern denn?« fragte Skram und hielt vor Spannung den Atem an.

Der Graf wies auf den Toilettentisch, und Skram sah nun, daß ein zweites Messer auf der Platte lag, dessen Klinge im Seifnäpfchen ruhte.

»Ja, sehen Sie, gestern schenkte ich Viffert die unglückseligen Messer, von denen er eines zu seiner schrecklichen Tat benutzt hat. Ich sandte Jörgen gestern abend damit hinauf, und ich erinnere mich noch, daß ich sie vorher betrachtete. Aber dennoch kann ich nicht begreifen, wie das zugeht. Wir müssen einige Messer vertauscht haben, denn das Messer, das Sie dort liegen sehen, gehört in das andre Etui hinein.«

Skram erhob sich mit einem Ruck und griff nach der Klinge.

Der Graf fuhr fort: »Meine eigenen Messer gleichen allerdings genau denen, die ich Viffert schenkte; ich hatte sie bloß zu meinem eigenen Gebrauch noch einmal extra abziehen lassen. Wollen Sie sehen, diese Klinge ist um eine Kleinigkeit – eine ganze Kleinigkeit – schmäler als die andre. Daher kam es, daß ich, der ich an diese Messer gewöhnt bin, mir mit dem andern einen kleinen Schnitt am Kinn beigebracht habe. Es hat absolut nichts zu bedeuten; das Merkwürdige beruht bloß darin, daß es gerade heute passiert und daß wir die Messer vertauscht haben müssen.«

Skram lauschte atemlos.

»Ich halte streng darauf, daß Jörgen immer das Messer bereit legt, das dem Tage entspricht; wie Sie sehen, steht Tuesday auf der Klinge dort. Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß Jörgen gestern unter den Messern der beiden Etuis herumgekramt hat; der Unterschied ist ja auch nicht leicht zu bemerken.«

»Die Messer, die Viffert erhielt, stimmen also nicht ganz mit diesen überein?«

»Nein, das liegt am Abzug, aber sie sind auch gut, und –« fügte er ernst hinzu, »haben sich ja leider als brauchbar erwiesen. Hätte ich gewußt, was Viffert vorhatte, dann hätte ich sie ihm nicht gegeben.«

»Sie sind also ganz sicher darin, Herr Graf, daß dieses Messer in Vifferts Etui hineingehört?«

»Ja, ohne jeden Zweifel. Das hab' ich gleich gesehen. Ich werde es Jörgen sagen, denn ich mag es nicht gern haben, daß die Messer vertauscht werden.«

Skram legte die Klinge auf den Tisch.

»Entschuldigen Sie, Herr Graf,« sagte er, »aber als Polizeiverwalter muß ich Sie bitten, hierüber nichts zu Jörgen zu reden!«

»Was meinen Sie?« rief der Graf erstaunt.

Skram räusperte sich. »Ja,« sagte er, »ich habe Ihnen zu berichten, Herr Graf, daß durch einen ganz wunderbaren Zufall der Kammerjunker sich gerade mit einem Dienstag-Messer verletzt hat. Das Messer wie auch das Etui muß daher vorläufig in den Händen des Gerichts bleiben – also bei mir. Jörgen kann die Umwechslung daher nicht vornehmen, und ich muß als Polizeimeister verlangen oder – richtiger, Sie bitten, niemand ein Wort darüber zu sagen.«

Der Graf betrachtete Skram mit höchst erstauntem und ganz verständnislosem Blick, und dieser glaubte daher, sich noch eingehender erklären zu müssen.

»Selbstredend liegt durchaus nicht der Verdacht vor, Viffert habe etwa nicht Selbstmord begangen. Im Protokoll ist nichts darüber bemerkt worden, aber es dreht sich nun einmal um den Tod eines Menschen, und wir müssen alle Möglichkeiten offen lassen. Der Umstand, daß der Selbstmord nicht mit einem Messer aus Vifferts Etui, sondern mit einem, das in Ihr Etui hineingehört, begangen wurde, ist an sich vielleicht bedeutungslos, aber mir als der Polizeibehörde hat nichts bedeutungslos zu sein.«

Der Graf begann zu verstehen.

»Sie glauben doch wohl nicht, daß Jörgen ... aber das ist ja ganz ausgeschlossen!«

Skram unterbrach ihn. »Ich glaube durchaus nichts, Herr Graf, sondern möchte Sie bloß bitten, niemand ein Wort hierüber zu sagen, nicht einmal Ihrer Gnaden. Es tut nichts, wenn Sie und ich es allein wissen; ja, um Jörgens willen ist es sogar besser so, denn wenn es herauskäme, so könnte das sehr gefährlich für Jörgen werden. Sie erinnern sich wohl selbst, welche Worte gestern abend bei Tisch fielen. Ich brauche nur den Namen Leonie zu nennen.«

Nun verstand der Graf alles.

»Sie haben recht, Skram, selbstredend haben Sie recht. Ich werde kein Wort sagen und das Messer werde ich selbst reinigen.«

Skram fiel ein: »Wenn Jörgen es selbst entdecken und mit Ihnen darüber sprechen sollte, so wäre das der beste Beweis, daß er unschuldig ist.«

»Unschuldig?« sagte der Graf. – »Sie glauben also dennoch –?«

»Nein,« versetzte Skram, »ich glaube nichts, aber ich weiß, wenn derartiges in einem Hause wie dem Ihrigen geschieht, so entsteht draußen immer sehr viel Gerede, und vom Hause selbst sollte nur so wenig als möglich in die Öffentlichkeit gelangen. – Doch nun will ich nicht weiter stören, Herr Graf – denn aus dem Rasieren wird es doch nichts, solange ich hier bin.«

Skram lächelte und erhob sich. »Ich werde in der Bibliothek warten.«

»Wie Sie wollen,« sagte der Graf, »ich sehe schon, daß wir hierüber noch bedeutend mehr zu reden haben werden, als ich gedacht hatte.«

»Vielleicht,« erwiderte Skram. »Auf mich können Sie jedenfalls zählen, Herr Graf, wie ich in jeder Hinsicht Ihnen vertraue.«

Der Graf neigte den Kopf und Skram ging.

Und während er langsam den breiten Korridor hinabschritt, sprach er leise vor sich hin: »Eins ist jetzt jedenfalls gewiß – er ist nicht der Täter!«

Dann lenkte er seine Schritte den Zimmern Vifferts zu.

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