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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Es ist um vierundzwanzig Stunden später – Gräfin Lenzdorff ist mit ihrer Enkelin von einer durch kleinere Besorgungen und ein paar Besuche unterbrochenen Spazierfahrt in einer luftdicht verschlossenen Kutsche heimgekehrt. Sie hat Besuche gemacht, um ihre Enkelin zu zeigen, und Besorgungen, um dieselbe zu schmücken.

Jetzt sitzt sie neben dem Kamin, eine Teetasse in der Hand, und sagt: »Sehr viel ausgehen darfst du diesen Winter noch nicht, besonders da du erst nächsten Winter vorgestellt werden sollst – aber im kleineren Kreise kannst du dich immerhin ein wenig amüsieren. Mir war infolgedessen darum zu tun, daß ich dir dein Kleid bei Petrus zur rechten Zeit bestelle, die Leute sollen doch ordentlich die Augen aufreißen, wenn sie dich zum erstenmal sehen!«

Erika hat sich soeben ihres Sealskinpelzes entledigt; sie sitzt der Großmutter gegenüber und denkt an den Putz, der heute für sie bestellt worden ist – ein weißes Kleid – ganz einfach! – »Es soll kein Mensch an dein Kleid denken, wenn er dich sieht,« hat die Großmutter gesagt – aber dennoch ein Prachtstück von einem Kleid. Mit welchen vornehmen Kunstgriffen ist diese Einfachheit hergestellt, wie »stilgerecht« ist alles!

»Das erstemal, wo du in die Welt trittst, muß alles an dir ›stilgerecht‹ sein,« erklärt jetzt die Großmutter – »die Leute dürfen nicht von vornherein etwas an dir zu kritteln finden, dann später werden wir uns einige Exzentrizitäten erlauben. Ich hab' ein paar Kleidchen für dich im Kopf, die dir Marianne entzückend zurechtschneidern wird – aber von Anfang an müssen wir erst beweisen, daß du, wenn du willst, aussehen kannst, wie irgend jemand ... nur ein klein wenig hübscher. Ich passe eine Gelegenheit ab ... ich möchte dich das erstemal nicht ohne einen gewissen Effekt produzieren. Gib mir noch eine Tasse Tee, Kleine.«

Erika reicht ihr die Tasse, die alte Frau fährt ihr liebkosend über den Arm. »Petrus ist stolz, dich zu deinen Debüts herrichten zu dürfen. Anfangs hatte ich die Absicht, dir ein Kleid von Paris kommen zu lassen ...« sagt sie noch, dann stockt das Gespräch. Die alte Frau hat sich in ihren bequemen Sessel zurückgelehnt und ist eingenickt. Sie legt sich des Tags über nie zum Schlafen nieder, aber manchmal »duselt« sie, wie sie es nennt, um diese Stunde sitzend ein.

Die Dämmerung fällt – fällt ungewöhnlich bald heute und rasch, der Winter, von dem man sich endgültig befreit glaubte, hat Berlin von neuem heimgesucht, tückisch und grausam. Der Regen, der gestern die Gräfin Brock in die Arme und die Kutsche der Geroldstein getrieben, hat sich heute in Schnee verwandelt – fußhoch liegt er draußen in den Gärtchen vor den Luxushäusern in der Bellevuestraße, fällt so schnell, daß er keine Zeit hat schwarz zu werden – auf den Bäumen im Tiergarten liegt er, jedes Zweiglein trägt seine Schneelast, und an einer Seite jedes Stammes entlang zieht sich ein breiter Streifen – blauweiß, wie nur der frisch fallende, der sich von Sekunde zu Sekunde erneuernde Schnee in der alles beschmutzenden Atmosphäre der Großstadt sich zeigt; auf den Dächern liegt er, auf den Gittern vor den schmalen Stadtgärtchen, ja selbst auf den Telegraphendrähten, die sich oberhalb der weißen Stadt in zahllosen schwarzen Linien durch den violettgrauen Himmel ziehen.

Ein Weilchen hat Erika dem lautlosen Hinsinken der Flocken zugesehen. Noch aus dem Schleier der Dämmerung leuchtet der Schnee.

Erika denkt jetzt nicht mehr an ihren Putz. Ihre Gedanken tragen sie weit zurück, nach Luzan. An den vorigen Winter denkt sie, wie kalt und lang er war – Schnee, Schnee, noch viel mehr Schnee als hier – die ganze Welt ausgelöscht von Schnee, nichts zu sehen als ein endloses Schneefeld, unter einem düsteren Himmel, das arme kleine Bauerndorf, der gefrorene Bach, der Strom, die Bäume, alles erdrückt von Schnee. Die Straßen waren verweht. Man hatte Mühe gehabt, sich die Lebensmittel zu beschaffen. Die Kälte war so groß, daß das Brennmaterial, wie der Ritter sich ausdrückte, »ein Vermögen« kostete. Erika durfte das Schulzimmer, in dem sie sich sonst aufzuhalten pflegte, nicht heizen, ebensowenig wie den ehemaligen Salon, wo ihr Klavier stand. Den größten Teil des Tages mußte sie in dem von Tabakdampf durchräucherten Wohnzimmer verbleiben, wo sich der Ritter von Strachinsky aufhielt, seine Mahlzeiten nahm, seine Patiencen legte und über seinen Romanen auf seinem Diwan einschlief. – Welche Atmosphäre! Der Ritter lüftete nie, der Geruch von kaltem Zigarrendampf, von faulem Kohlendunst, die Nachwehen eines fetten, nachlässig gekochten Mittagessens überall. Einmal hatte Erika heimlich aus Verzweiflung eine Fensterscheibe eingeschlagen, um etwas frische Luft hereinzulassen. Und dann, was hatte es genützt? Da man momentan eines Glasers nicht habhaft werden konnte, hatte man das Loch im Fenster mit Fetzen und einem Strohwisch verstopft.

Das war das Ärgste gewesen – der letzte Winter.

Eines Tages hatte sie die Verzweiflung gepackt, sie war herumgewandert, wie von bösen Geistern verfolgt, tief in den Wald hinein. Rings um sie herum das große tote Schweigen, nichts als Schnee, Schnee, überall Schnee, nur mit Männerstiefeln konnte sie durch, alles weiß, nur bisweilen aus dem Weiß herausstarrend wie ein schwarzer Finger der Ausläufer eines Fichtenastes. Nichts Lebendes, das sich regte, kein Vogel, der sang, kein Laut als das Krachen eines Astes, der unter seiner Schneelast zusammenbrach, oder das leise Schaudern eines anderen, der seine Schneelast abgeschüttelt hatte, und dann der dumpfe Klang des fallenden Schneeklumpens.

Am Heimweg war ihr eine Schwäche gekommen und zugleich eine vollständige Mutlosigkeit.

Zu was die Marter weiter aushalten; wer konnte wissen, wie lange es noch dauern würde, dieselbe widerliche Qual, eine täglich nörgelnde, erniedrigende Pein, ein Martyrium ohne Glauben, ohne Zweck!

Und da, es war gerade am Waldessaum gewesen, knapp vor der Heide, die sich neben dem Wald auf der Hochebene ausbreitete wie ein großes Leichentuch, dort hatte sie sich niedergelegt mitten in den Schnee hinein, um ein Ende zu machen; die Kälte würde ihr Befreiung bringen, dachte sie. Wie lange sie so gelegen, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie fühlte die Mattigkeit bereits herannahen, die der Vorbote sein sollte vom Ende. Am flachen Horizonte dort hinter der Heide sah sie zwischen den Bäumen den Vollmond ausgehen, groß, dunstig, blutrot. Ein rötlicher Schimmer fiel über den Schnee. Die Welt wurde mit einemmal sehr schön. Ihr war's, als rüttle sie jemand an den Schultern und riefe ihr zu: »Steh auf, das Leben ist nicht abgeschlossen für dich – wer weiß, was die Zukunft dir bietet!«

Eine Hoffnung, eine Neugierde, vielleicht nur der unabweisbare Lebenstrieb ihrer gesunden Jugend, der sich hinter diesen beiden Empfindungen barg, riß sie empor. Sie zwang sich aufzustehen, ganz steif und elend kroch sie nach Haus.

Mein Gott, kaum ein Jahr ist das her, und ... jetzt! Von den großen Spiegelscheiben, hinter denen man das Gewirbel der einzelnen Flocken nicht mehr sieht, sondern nur einen undeutlichen, allgemeinen blauweißen Schimmer, blickt sie in das Innere des Zimmers. Wie wohnlich, wie traulich! Das Zwielicht verlischt in der Dämmerung, die Farben sind schon verblaßt, die Umrisse der Möbel verwischt. Was die Bilder an der Wand vorstellen, ist nicht mehr zu erkennen, aber die goldenen Rahmen schimmern noch durch den über alles hinschwebenden, alles verhüllenden bräunlichen Schleier. Aus dem Kamin glüht ein dumpfes Rot, das teilweise von der ebenfalls im Umriß etwas verwischten Gestalt der alten Gräfin verdeckt wird – die Luft ist rein und leicht, kaum merklich geschwängert von dem Duft eines feinen Rauchwerks und dem angenehmen herben Geruch brennenden Holzes. Von unten dringt der Schall des Wagenverkehrs schneegehemmt und schneegedämpft bis herauf, von Zeit zu Zeit hört man das letzte Aufsprühen eines verglimmenden Holzscheites im Kamin.

Erika schmiegt sich mit der bewußten Freude, die nur ein in traurigen Verhältnissen aufgewachsener Mensch kennt, in diesen Komfort hinein, wie man sich in die Falten eines weichen, warmen Kleidungsstücks hineinschmiegt. Plötzlich umfängt sie ein undeutliches Mißbehagen, eine drückende Traurigkeit, ein Schmerz – die Erinnerung an ihre Mutter, die willkürlich diesem angenehmen, leicht hinfließenden Leben entsagt hatte – für was? – Es rüttelt ihr an den Nerven.

Indem bringt Lüdecke zwei Lampen herein, die infolge ihrer sehr großen farbigen Schirme nicht genügen, die Schatten aus den Ecken des hübschen Gemachs wegzuleuchten, überhaupt nur eine malerischere Dämmerung verbreiten statt Licht. Noch stand der würdevolle Kammerdiener im Begriff, etwas an den Lampen zu richten, als er den Kopf horchend nach einem aufgeregten Zwiegespräch hindrehte, das sich in raschem Tempo der Portiere näherte, welche das Boudoir der Gräfin von den weniger intimen Empfangsräumen trennte. Offenbar verteidigte Friedrich, der junge, noch wenig geschulte Adjutant Lüdeckes, die Tür seiner Herrin gegen irgendeinen besonders unternehmenden Eindringling.

»Aber ich bitte, Frau Gräfin, Ihre Exzellenz ist nicht zu Hause,« rief Friedrich zum drittenmal, worauf eine gereizte weibliche Stimme ihm zur Antwort gab:

»Ich weiß, daß die Gräfin zu Hause ist – und wenn sie nicht zu Hause ist, werde ich auf sie warten.«

»Die Fee,« meinte Gräfin Lenzdorff. »Armer Friedrich – er strengt sich an – aber da ist nichts zu machen als gute Miene zum bösen Spiel.« Und sich erhebend, ging sie der soeben mit empörtem Gesichtsausdruck durch die Portiere hereinstrebenden Gräfin Brock ein paar Schritte entgegen.

»Dieser Unmensch!« entsetzte sich die böse Fee, »ich glaubte schon, er würde mich mit Tätlichkeiten zurückhalten« – und gänzlich erschöpft ließ sie sich auf einen Sessel niedergleiten.

»Da ich ihm den Auftrag gegeben hatte, mich zu verleugnen, so hat er nur seine Pflicht getan – freilich in der ungeschlachten Manier eines beschränkten Menschen, der keine Nuancen kennt und sich den Umständen nicht anzupassen weiß,« sagte Gräfin Lenzdorff.

»Er hätte doch ahnen sollen, daß ich eine Ausnähme bin,« rief die Fee immer noch empört.

»Ja, das hätte er ahnen sollen – und jetzt ... sag' mir einmal, was du auf dem Herzen hast, denn daß du nicht ohne speziellen Grund dich in einen Zweikampf mit Friedrich, dem Simpel, eingelassen, das seh' ich dir an deinem schiefsitzenden Stuarthut an.«

»Ach ja!« ächzte Gräfin Brock, »ich habe in der Tat einen Wunsch, einen vermessenen Wunsch – aber du darfst mir ihn nicht abschlagen!«

»Wir wollen sehen – fünfzig Ellen roten Flanell für deinen Verein zur Unterstützung rheumatischer alter Weiber?«

»Ach, wenn's nur das wäre, da hätte ich keinen Zweifel an deiner Gewährung meiner Bitte, deine Großmut kennt man – aber du hast Schrullen!« Die böse Fee lächelte mit der angesäuerten Süßlichkeit, mit der sie jedes ihrer Gefühle zu verdünnen pflegte, sei's Freude, Entsetzen oder Verzweiflung. »Ich hatte bereits Goswyn darum angegangen, dir meine Bitte vorzutragen. Ich weiß, daß du viel auf ihn hältst und ihm nicht leicht etwas abschlagen würdest – er aber hat abgelehnt. Er ist immer so kurios gegen mich.«

»Ich bitte dich, keine weiteren Vorbereitungen – ich bin begierig auf dieses Anliegen von dir, in das sich Goswyn nicht mischen wollte.«

»Es handelt sich um meinen nächsten Donnerstag – nein, nicht den nächsten, den lass' ich einfach fallen, aber um den übernächsten, der sich unter Umständen überaus glänzend gestalten könnte. Ich will nämlich Tableaus stellen lassen, zwei der größten Schönheiten von Berlin haben mir ihre Mitwirkung bereits zugesagt – Dorothee Sydow und Konstanze Mühlberg,« erzählte noch immer atemlos Gräfin Brock.

»Hm! das ist ja großartig,« warf Gräfin Lenzdorff ein.

»Nun ja – aber man kennt die Damen schon auswendig, und ich will den Berlinern etwas Neues bieten. Mit einem Wort, ich bin mit mir darüber einig geworden, daß niemand anders die great attraction meines nächsten Empfangsabends bilden soll als deine entzückende Enkelin!« erklärte die Fee, wobei sie sich mit allerhand begeisterten Kontorsionen aus ihrem Biberpelz herauswand.

Erika, die sich indessen bescheiden im Hintergrund mit einer Handarbeit beschäftigte, hielt neugierig die Nadel in die Luft.

»Meine Enkelin?« rief indessen die Großmutter einigermaßen überrascht aus.

»Ja, ja,« wimmerte die böse Fee, ihre schwarzbehandschuhten Hände zusammenlegend, »ich habe mich verliebt in deine Enkelin, geradezu verliebt. Sie hat so viel natürliche Distinktion mit einem leicht barbarischen Beigeschmack. Gerade das gefällt mir, es ist im höchsten Maße aristokratisch, es erinnert mich an irgendein edles Wild, die Aristokratie erinnert mich immer an edles Wild und die Bourgeoisie an schön gemästetes Hühnerhofgeflügel, der Unterschied ist nur, daß erstere nicht gejagt und letztere nicht abgeschlachtet wird. Übrigens, wer kann wissen par le temps qui court! Mais je me perds. Es handelt sich gar nicht um den Sozialismus und andere uns drohende Scheußlichkeiten – sondern um meine Tableaus. Es sollen im ganzen nur drei gestellt werden: Senta, dem fliegenden Holländer nachträumend – die Mühlberg, Thee Sydow als Salome, und endlich deine Enkelin ganz einfach als Heideblume. Sie wird den Vogel abschießen, die anderen können sich nicht halten neben ihr.«

Gräfin Lenzdorff blickte zu Erika hinüber und lächelte gutmütig, während sich das junge Mädchen eifrig über ihre Handarbeit beugte und drauflosnähte, als habe es gar nichts gehört. Daß es vielleicht nicht ganz in der Ordnung sei, dieser jungen Person ruhig Gelegenheit zu gönnen, ihre Schönheit derart anpreisen zu hören, fiel ihr nicht ein.

»Nicht wahr, du gestattest, daß mir die Kleine diesen Dienst erweist,« drang die Brock von neuem in Gräfin Anna. »Es ist alles vortrefflich eingeleitet, Riedel soll den Regisseur machen – du weißt, der kleine Maler mit den guten Manieren, der sich immer seine Hemden in Paris waschen läßt.«

»Ach, der Farbenverderber!« warf Gräfin Lenzdorff verächtlich hin.

Die Fee zuckte ungeduldig mit ihren etwas hohen Schultern. »Ach was, Farbenverderber hin oder her, er ist einer der wenigen Künstler, die im Verkehr bequem sind – «

»Ja, ja, und ein paar Bilder zu stellen wird ihm jedenfalls leichter gelingen, als sie zu malen,« erklärte Gräfin Lenzdorff.

»Also du schlägst ein – ich kann auf deine Enkelin zählen?« fragte die Brock.

»Ich muß mir die Sache doch noch genau überlegen,« warf Gräfin Lenzdorff hin, in einem Ton freilich, dem man es anmerkte, daß sie nicht ungeneigt war, den Wunsch ihrer verdrehten Jugendfreundin zu erfüllen.

»Ich sehe, die Sachen stehen für mich günstig,« hauchte die Brock – »dem Himmel sei Dank, ich hätte mich umgebracht, wenn ich ein Refüs bekommen hätte. Wieviel Uhr ist es denn?«

»Sechs Uhr – etwas darüber – wo willst du hin?«

»Ich speise bei der Geroldstein – wir sollen nachher in das Lessingtheater zu der Premiere von Hauptmann, zu der bereits seit zehn Tagen keine Karten zu bekommen sind.«

»Du – speisest bei der Geroldstein?« Die Gräfin Lenzdorff schlug die Hände zusammen in unhöflich aufrichtigem Erstaunen.

»Ja, ich speise bei der Geroldstein,« wiederholte mit gereizter Betonung die böse Fee – »was ist denn da für ein Geschrei darüber zu machen? Du empfängst sie schon seit einem Jahr ...«

»Ich kenne keine sozialen Prüderien – übrigens empfange ich sie nicht; ich weise ihr nur nicht die Tür,« erklärte Anna Lenzdorff hochmütig.

»Nun, sie paßt mir gerade,« erwiderte die Brock mit Gesichtszuckungen, bei denen sie alle ihre Zähne zeigte und auch das Gold, in welches sie gefaßt waren. »Ich sehne mich seit zwei Monaten, dieser Premiere beizuwohnen, ohne daß ich imstande bin, mir einen Sitz zu verschaffen – sie bietet mir den besten Platz in einer Loge an – nein, sie bietet mir ihn nicht an, sie fleht mich an, ihn zu nehmen, wie um eine Gnade. Und dann, wie hab' ich doch gestern Goswyn gebeten, mich mit Perfection bekannt zu machen! – Nein – durchaus nicht! – Sie wird das für mich besorgen. Sie ist die gefälligste Frau in ganz Deutschland, und – heute früh habe ich sie mit Hedwig Norbin durch den Tiergarten fahren sehen. Eine Frau, mit der Hedwig Norbin durch den Tiergarten fährt, die darf jeder kennen!«

Eine Minute später ist die Brock fort, nicht ohne noch im Davoneilen mit aufgehobenen Händen ihre Bitte wiederholt zu haben.

»Du läßt mich morgen deine Entscheidung wissen, nicht wahr, Anna?« Mit diesen Worten ist sie verschwunden.

Die Gräfin Lenzdorff hat ihr kopfschüttelnd nachgeblickt – kopfschüttelnd und lächelnd. Sie lächelt noch immer, während sie nachdenklich im Zimmer auf und ab geht.

Was überlegt sie? – Ob es denn in der Ordnung sei, die Aufmerksamkeit der Welt in dieser unverblümten Weise auf die Schönheit eines jungen Mädchens zu lenken. – Goswyn hat es offenbar nicht richtig gefunden, aber Goswyn ist ein Pedant. Was ist denn weiter dabei! Das Zartgefühl der Gräfin sträubt sich nicht. Ein anderes Bedenken kommt ihr – wird ihre Enkelin den Vergleich aushalten mit den anerkannten Schönheiten, die sich mit ihr in die Ehren des Abends teilen sollen? – Sie heftet den Blick auf Erika. Die verdrehte Elise hat recht. Ob sie sich halten wird neben ihnen! Die anderen können sich nicht halten neben ihr.

»Was meinst du, Kind,« fragt sie, auf Erika zugehend, »hättest du Lust zu stehen?«

»Ja,« sagt Erika aufrichtig.

»Ganz ohne wäre es nicht,« meint die Großmutter, die im Grunde bereits völlig mit sich einig geworden ist; »viel ausgehen kannst du ja, wie schon gesagt, dieses Jahr noch nicht, aber es hätte immerhin etwas für sich, einmal zu erscheinen, Aufsehen zu erregen und dann für den Rest der Saison in den Hintergrund zu treten. Die Neugier wäre gereizt, und nächstes Jahr wäre ein schönes Eroberungsfeld für dich vorbereitet.«

Den nächsten Morgen erhielt Gräfin Brock von Anna Lenzdorff ein Billett mit zusagender Antwort.

Zehn Tage später präsentierte sich Erika einem aus den exklusivsten Kreisen Berlins gewählten Publikum als Heideblume in einem abgesetzten Röckchen und mit bis an die Knie herabwallendem Haar.

Es war eine seltsame Soiree, bei der die junge Schönheit zum erstenmal in der Welt auftauchte.

Gräfin Brock als kinderlose Witwe eines ungewöhnlich reichen Mannes, der sein Familienprestige der Gattin um ein bedeutendes vorgezogen, hatte von dem Verstorbenen die Nutznießung einer sehr großen Wohnung in seinem Palais zu einem Einkommen geerbt, dessen Schmalheit mit dem Umfang der Wohnung in schreiendstem Widerspruch stand.

Die Folge davon war knickernde Schäbigkeit zwischen glänzenden Kulissen. Die Tableaus wurden in einem mit Weiß und Gold dekorierten Tanzsaal gestellt, an dessen einem Ende eine kleine Bühne aufgeschlagen worden war. Die Kulissen dieser Bühne wurden immer von strebsamen Künstlern umsonst gemalt. Der Vorhang bestand aus zusammengenähten beschmutzten alten gelben Damastportieren, über welche die böse Fee, um deren Schäden zu decken, eigenhändig phantastische Blumen gepinselt hatte.

Wie man auch sonst über ihre Donnerstage spötteln mochte, diesmal waren ihre Veranstaltungen mit Erfolg gekrönt. Nicht wenig trugen zur Wirkung des Ganzen die musikalischen Hintergründe bei, die Perfection, von der unermüdlichen Geroldstein für Gräfin Brock angeworben, den Tasten eines Bechsteins entlockte.

Für einmal hatte sich dieser überaus geschickte, aber nüchterne junge Virtuose über sich selbst hinausgehoben und bot seinen Zuhörern in seinem Spiel etwas anderes als eine Musterkarte von glänzend überwundenen technischen Schwierigkeiten.

War's Laune seinerseits, war's, daß ihm Erika einen besonderen Eindruck gemacht, war's der verwegene Wunsch, zu ihrem Erfolg das möglichste beizutragen und durch ihren Sieg die beiden bereits anerkannten Schönheiten zu ärgern – jedenfalls spielte er alle seine musikalischen Trümpfe bei der Begleitung der Heideblume aus.

Die alte Gräfin Lenzdorff, die sein scharf klares Spiel immer an einen spießbürgerlich kostbar möblierten Salon mit zu viel Beleuchtung – und noch obendrein Gas! – zu vergleichen pflegte, traute ihren Ohren kaum, als mit singender Klage, das dritte Bild einleitend, eine Paraphrase des abgedroschenen, aber immer noch schönen Schäfferschen Liedes: »Wär ich geblieben in meiner Heide!« durch den mit geputzten vornehmen Menschen dicht gefüllten Salon tönte. Wie war das so süß, schwermütig in die Saiten hineingehaucht, daß man Tasten und Hämmer darüber vergaß, und es einem fast wie ein Echo der Zaubergeige Boris Lenskys durch die Seele schwebte!

Der Vorhang rauschte auf.

Eine öde, traurige Heidelandschaft, von dem gefälligen Riedel ziemlich konventionell hingeschmiert, als Hintergrund, und davor eine einzige Gestalt, hoch, schlank, in abgesetztem Röckchen und mit derbem, grauweißem Leinenhemdchen, das den überaus edel geformten Hals und die langen, noch etwas dünnen Arme frei ließ, dazu ein blasses Gesicht, von schwerem, leuchtendem Haar umflossen, schmal mit eigentümlich feinen und dennoch charakteristischen Zügen und unbeschreiblichen Augen.

Der Maler Riedel hatte der Heideblume die Pose von Ary Scheffers Mignon aufzwingen wollen. Anscheinend hatte sie sich ihm gefügt, im letzten Moment aber sich doch nach ihrem Willen hingestellt, mit etwas vorgeneigtem Kopf und fast gerade niederhängenden Armen.

Die einfache Kühnheit ihrer Pose verblüffte die Zuseher, und alle diese eleganten, von matten Gefühlsverfälschungen in Kunst und Poesie ermüdeten Weltmenschen waren irgendwie erschüttert, aus dem gleichgültigen Einerlei ihrer Existenzen herausgedrängt beim Anblick der starren herben Verzweiflung, die sich in diesem jungen Geschöpf verkörperte. Es war, als empfänden sie neben sich die Wirkung einer geheimnisvollen Naturkraft.

Der Vorhang blieb länger offen als sonst – das junge Mädchen behauptete ihre Stellung merkwürdig mit der Willenskraft der Eitelkeit – die klagende singende Musik tönte noch immer.

Der Vorhang schloß sich. Das Publikum raste, dreimal mußte der Vorhang auseinandergezogen werden – als das Publikum noch ein viertes Mal das eigentümliche und rührende Bild zu sehen verlangte, blieb er geschlossen. Mit eigensinniger Koketterie hatte Erika sich zurückgezogen.

»O die Hexe,« murmelte die Gräfin Lenzdorff zu Hedwig Norbin, die neben ihr saß.

Die dümmste, naivste Großmutter vom Lande hätte sich an dem Erfolg ihrer Enkelin nicht mehr und nicht unbefangener gefreut als die geistvolle Gräfin Lenzdorff. Man konnte ihr das Kind gar nicht genug loben, sie forderte immer noch mehr Komplimente heraus.

Als Erika nach den Tableaus verwandelt und noch verschönt in ihrem weißen von Petrus angefertigten Kleid unter die Gäste trat und mit freundlicher Bescheidenheit und vollständiger Selbstbeherrschung den ihr gezollten Beifall entgegennahm, erregte sie nicht nur die Bewunderung der sämtlichen anwesenden Männer, sondern gewann sich das Wohlwollen aller alten Damen. Der Neid der jungen Frauen blieb freilich nicht aus, ebenso wie der Neid aller Mütter, die Töchter auf den Markt gebracht hatten. Mit einem Wort – es fehlte nichts zu einem durchschlagenden Erfolg.

Die Großmutter wurde nicht müde, sie nach rechts und links vorzustellen und ihren Bekannten allerhand Einzelheiten über die Eigentümlichkeiten und die besondere Begabung des jungen Mädchens zuzuflüstern. Von jeder anderen Großmutter hätte man gesagt, sie mache sich lächerlich – aber von Anna Lenzdorff sagte man so etwas nicht leicht, man ärgerte sich nur über das Mädchen, das ganz unschuldig dazu kam, und dem man aus Widerspruchsgeist allerhand böse Eigenschaften andichtete. Die jungen Frauen erklärten, sie sei sehr von sich eingenommen und durch und durch berechnet.

Sie war beides bis zu einem gewissen Punkt, aber in einer kindischen altklugen Weise, die vorläufig noch weit eher etwas Possierliches als etwas Abschreckendes hatte.

Die Gräfin Mühlberg, Frau eines materiellen Genüssen übermäßig zugeneigten Gardeoffiziers, der sie nicht zu schätzen wußte und mit dem sie sehr unglücklich war, hatte nur aus Gutmütigkeit die Senta dargestellt und mischte sich jetzt nicht in diesen neidischen Reigen, im Gegenteil erwies sie der Debütantin alle erdenkliche Freundlichkeit – die Mißgunst Dorothees von Sydow hingegen durchbrach geradezu jeden Anstand.

Sie war eine zugleich seltsam faszinierende und fast abstoßende Persönlichkeit, von Geburt aus sehr arm, aus sehr guter, ja reichsunmittelbarer Familie, ein Prinzeßchen, dem es aber recht elend ergangen war, so elend, daß es sich gefreut hatte, als ihm eines Tages ein simpler Junker sein Herz und sein freilich sehr großes Vermögen zu Füßen gelegt hatte. Die Familie der Prinzessin hatte zwar anfänglich sehr laut geschrien gegen die Mesalliance, dann schließlich sich mit dem tröstenden Gedanken zufrieden gegeben, daß sich die junge Dame gut versorgt habe. Einige ihrer Standesgenossinnen fingen sogar nach einem Weilchen an, sie zu beneiden, denn darin kamen alle überein, daß es auf der Welt keinen zweiten Ehemann gab, der seine Frau so verwöhnte und vergötterte und ihr so geduldig alles durchgehen ließ wie Otto von Sydow Prinzeß Dorothee.

Er war der ältere Bruder Goswyns und Majoratsherr, weshalb zwischen seinem Vermögen und Goswyns verhältnismäßig schmalen Renten ein großer Unterschied bestand. Im übrigen waren die Vorteile alle auf Goswyns Seite.

Otto sah ihm zwar ähnlich, doch fehlte seinem Blick der forschende Ernst, der Goswyns Auge belebte, seine Züge waren runder, schwerfälliger, seine Schultern breiter, Hände und Füße größer, das Gesicht stark gefärbt. Die böse Fee behauptete von ihm, daß in seinem Habitus das Blut seiner bürgerlichen Mutter durchschlage.

Die Gräfin Lenzdorff, welche mit der verstorbenen Frau von Sydow eng befreundet gewesen war, stellte zwar jede Verschlechterung der Sydowschen Rasse durch die Mutter der beiden Brüder in Abrede und versicherte stets, daß im Gegenteil diese Mutter, eine schöne Frau und starke, genial angelegte Natur, den Sydowschen Familienstamm nicht nur durch ihr Geld, sondern durch ihr kräftig pulsierendes rotes Blut von neuem zum Blühen gebracht habe, und daß, wenn einer der beiden Brüder ihr besonders gleiche, es Goswyn sei. Otto war ein Sydow durch und durch. Sein fast bäuerischer Typ, aus dessen Schwerfälligkeit immerhin eine markige Zeichnung der Züge, ein sogenanntes Familiengesicht heraussah, gehört übrigens bei dem preußischen Landadel nicht zu den Seltenheiten.

Er war einer von denen, die sich auf dem Lande und im Freien am besten ausnehmen, und denen in der Stadt alles zu eng ist, besonders im Salon, sei's auch der größte. Er sah immer aus, als verliere er in einem so glänzenden Menschengedränge den Atem. Mit der etwas verschüchterten Haltung, die den Männern von übermäßig gefeierten Frauen eigen ist, drückte er sich gegen die Wände, bediente, wenn die Zeit dazu gekommen war, geduldig die Damen beim Büfett und sprach nie ein Wort, außer wenn er einem Menschenkind begegnete, das sich in der großen Welt noch fremder fühlte als er selbst. Dabei verschlang er unaufhörlich seine Frau mit den Blicken und konnte sich offenbar nicht satt freuen an ihrer seltsamen Anmut.

Viele Leute fanden sie nicht schön, nur eigentümlich und vornehm, beides aber war sie im auffälligsten Maße. Man vermochte sich überhaupt kaum eine vornehmere Erscheinung zu denken, keine, die bis in die Fingerspitzen hinein mehr Rasse verraten hätte. Hoch aufgeschossen, fast bis zur Magerkeit, mit langen schmalen Händen und Füßen, kleinem, meist stolz zurückgeworfenem Köpfchen und etwas scharfen Zügen, dabei mit einer unnachahmlichen Haltung und leicht hinschwebendem Gang, zog sie, wo sie erschien, die Aufmerksamkeit auf sich, ohne daß man eigentlich gewußt hätte, wodurch. Sie trug ihr volles, aschblondes Haar kurz geschnitten und eng um den kleinen Kopf gekraust, was damals eine verwegene Neuheit war, sprach rasch mit einer hohen, etwas dünnen Stimme und einem leichten Zungenanstoß, der, ein charakteristisches Merkmal der fürstlichen Familie, welcher sie entsprossen, viele Menschen nervös machte, von den zahllosen Anbetern der jungen Frau aber entzückend gefunden wurde.

Schön oder nicht – jedenfalls war sie seit zwei Jahren eine der tonangebenden Frauen von Berlin. Etwas, das ihre Herrschaft bedrohte, duldete sie nicht.

Die Soiree hatte ihren Fortgang genommen, die Diener hatten die Türen des Speisesaals geöffnet, die Damen setzten sich an kleine Tische, die Herren versammelten sich um das Büfett (ein sehr mageres Büfett) und trachteten für ihre Damen irgend etwas zu erobern, ehe sie daran denken konnten, selber zuzulangen. Einige entledigten sich dieses Geschäfts mit dem Geschick eines Kellners von Profession, andere klapperten unsinnig zwischen den Gläsern und Tellern herum und ließen beständig etwas fallen.

Erika, blasser als gewöhnlich, mit sehr glänzenden Augen und roten Lippen, saß an demselben Tischchen mit einem frischen, reizenden jungen Mädchen, das ihr im Alter gleichstand, in seiner geistigen Ausbildung aber um zehn Jahre zurück war. Dennoch konnte man seine Entwicklung, so wie es einmal war, als beinahe abgeschlossen betrachten, während die Erikas kaum ihre ersten Stadien durchgemacht hatte. Erika hatte aufrichtig versucht, mit der anmutigen Altersgenossin zu plaudern, sie hatte es nicht fertiggebracht; auch den jungen Herren, die, von dem fesselnden Reiz ihrer Erscheinung angezogen, sie massenhaft umdrängten und ihr allerhand anboten, hatte sie nicht viel zu sagen. Die Reaktion war eingetreten, die Freude an ihrem Erfolg hatte einer seltsamen inneren Unruhe Platz gemacht.

Dorothee von Sydow saß mit noch einer jungen Frau, die zu der höchsten Berliner Gesellschaft gehörte, nicht weit von ihr, am selben Tisch mit einem russischen Diplomaten, einem Gardekürassieroffizier und einem ihrer österreichischen Vettern, Prinz Helmy Nimbsch. Alle fünf aßen mit großem Appetit und plauderten über die Maßen heiter durcheinander. Goswyn saß – eine Auszeichnung, die ihm übrigens häufig zuteil wurde – bei der alten Garde. Er schnitt ein sehr ernstes, besorgtes Gesicht, und Gräfin Lenzdorff, die ihn mit gewohnter Despotie für ihre kleine Tischgesellschaft angeworben, machte ihm Vorwürfe darüber, daß er langweilig und verdrießlich sei. Von Zeit zu Zeit blickte er zu Erika hinüber, von der er nur den schlanken Hals und den schweren Knoten golddurchschimmerten braunen Haares im Nacken sah, manchmal ein kleines rosiges Ohr und die länglich ausgerundete Linie ihrer glatten weißen Wange.

Ja, sie war entzückend, das ließ sich nicht leugnen, aber sie mußte unausstehlich werden, das ließ sich nicht umgehen. Welche Idee, ein kaum achtzehnjähriges Mädchen der großen Welt als Schaustück auf dem Präsentierteller vorzusetzen! Es war geschmacklos, es war geradezu unsittlich, es war ein Verbrechen, welches die alte Frau in ihrer unvernünftigen Eitelkeit an dem Kind beging. Manchmal überkam es ihn wie eine Wut, wie etwas, das ihm die Kehle zuschnürte und ihm rot vor den Augen flimmerte, so daß er die alte Frau, der er fast wie ein Sohn ergeben war, und die ihn von Jugend an mehr als ihren eigenen Sohn verwöhnt, bei beiden Schultern hätte packen und ihr zurufen mögen: So nehmen Sie doch Vernunft an! Dann schielte er zu Erika hinüber. Dann wieder irrten seine nachdenklichen Augen zu dem runden Tischchen, wo seine Schwägerin saß. Sie sah besonders gut aus in einem Kleid von weißem Sammet, und mit einem alten spanischen Smaragdenschmuck um den schlanken Hals. Es war alles sehr hübsch, aber ihr kurzes Haar paßte nicht dazu.

Als Goswyn zu ihr hinüberschaute, lachte sie ihrem Vetter Nimbsch über das flache Champagnerglas, das sie in der Hand hielt, zu. Die Augen waren das Schönste an ihr – große grüngelbliche Augen, aber es sprach keine Seele aus ihrem Blick, nicht einmal eine schlechte. Ihre ganze Anmut war rein äußerlich, nichtsdestoweniger war diese Anmut sehr groß. Schade, daß sie sich in so schlechten Manieren gefiel. Dieses ewige eintönige Kichern, das beständig durch ihr Geplauder hindurchklang, griff Goswyn an. Er stand ziemlich vereinzelt in seiner Antipathie. Die meisten Männer lagen vor ihr auf den Knien.

Er sah von ihr weg. Wo war denn sein Bruder? – Dort in einer Ecke saß er an einem kleinen Tisch ohne Dame mit einem anderen Herrn. Er hatte glücklicherweise einen Menschen gefunden, der sich in dieser glänzenden Versammlung noch um ein bedeutendes unbehaglicher fühlte als er selbst; und das war Herr Geroldstein, Gatte der berühmten Streberin, ein kleiner, blasser Mann mit großer Glatze, etwas spitziger Nase und runden, kurzgehaltenen schwarzen Koteletten, der den Eindruck machte, als hätte er sein Leben damit verbracht, das Neueste in Seide oder Wolle bei Gerson zuzumessen, im übrigen ein anständiger Mensch, der sich immer wegen etwas zu schämen schien und für sich keinen Gebrauch von dem Freiherrntitel machte, den er einmal als sehr kostspieligen Luxusartikel seiner Frau zum Geburtstag geschenkt. Er redete leise und aß und trank fast nichts, während Otto von Sydow im Begriff war, eine sehr große Portion kalten Rehbraten mit Cumberlandsoße zu vertilgen, Sherry aus Bordeauxgläsern trank und gewichtige Äußerungen über die beste Weinfirma in Reims vernehmen ließ. Sein Gesicht war noch röter als gewöhnlich. Er machte einen fast brutal übergesunden Eindruck neben dem blassen, im Kontordienst verkümmerten Geschäftsmann. Es ließ sich nicht leugnen, Goswyn konnte sich selbst keinen Zweifel darüber gönnen, daß mit Ausnahme des Herrn von Geroldstein im ganzen Zimmer kein Mann schlechter zu der schlanken Prinzessin Dorothee paßte als sein Bruder Otto.

Nach dem Souper wurde noch ein wenig musiziert. Da Goswyn seines Hofdienstes bei Gräfin Lenzdorff entlassen war, so wollte er sich unbemerkt entfernen; doch hätte er zum Abschied noch gern einen Blick auf Gräfin Erika werfen, sie im Gedächtnis behalten mögen, so wie sie heute war. »Binnen kurzem ist der Tau doch hin,« sagte er sich und setzte hinzu: »schade!« – Er konnte sie nirgends entdecken. »Mein Gott, sie ist gewiß irgendwo hinter einem Wall von unausstehlichen Verehrern verschanzt,« sagte er sich und wendete sich zum Gehen. Warum er es bei sich ausgemacht hatte, daß alle ihre Verehrer gerade unausstehlich sein mußten, wollen wir nicht näher untersuchen.

Das vierte in der Flucht von Zimmern, welche die Empfangsräume der bösen Fee bildeten, schien leer und war schlecht beleuchtet. Mit einemmal war's ihm, als höre er leises, mühsam verhaltenes Schluchzen. Er trat vor. Ein roter Reflex spielte über die Falten eines weißen Kleides, das er hinter einer großen effektvollen Palme aufschimmern sah. Dort saß Erika, die junge Schönheitskönigin, von der er gewähnt, daß sie vollauf damit beschäftigt sein würde, die Huldigungen ihrer Vasallen entgegenzunehmen, eng zusammengekauert in einem Lehnstuhl, das Taschentuch an den Augen, und weinte wie ein krankes Kind. Er, der in ruhiger Gemütsstimmung langsam und pedantisch im Überlegen seiner Entschlüsse war, ging im Gegenteil, sobald etwas ihn in Aufregung gebracht hatte, sehr rasch ins Zeug. Er zögerte nicht, weder aus Zartgefühl noch aus irgendeinem anderen Grunde.

»Gräfin Erika, um Gottes willen!« rief er, sich über das junge Mädchen beugend, »was ist Ihnen, es kann Sie doch niemand verletzt haben?«

Seine Stimme klang ganz heiser vor Zorn bei der bloßen Vermutung.

»Ach nein – nein!« schluchzte sie.

»Soll ich Ihre Großmutter holen?« fragte er.

»Nein – nein!«

Er stockte einen Augenblick. Endlich leise und sehr gutmütig fragte er: »Störe ich Sie, möchten Sie lieber allein sein, soll ich gehen?«

Da ließ sie ihr Taschentuch in den Schoß heruntergleiten und versicherte treuherzig: »Nein, gewiß nicht; es freut mich, wenn Sie bei mir bleiben wollen,« und etwas schüchtern setzte sie hinzu: »Setzen Sie sich doch!«

Von der selbstbewußten jungen Dame war nichts übrig als ein in Tränen aufgelöstes kleines Mädchen, das Angst hatte, gegen einen guten Freund ihrer Großmutter unhöflich zu sein.

Wie sie mich als alten Herrn behandelt, dachte der junge Rittmeister bei sich; es rührte ihn und verdroß ihn zugleich, nichtsdestoweniger folgte er ihrer Einladung und nahm neben ihr Platz.

»Es wird gleich vorüber sein,« tröstete sie ihn, indem sie die Tränen zu trocknen versuchte. Aber die Tränen wollten sich nicht trocknen lassen, sie brachen immer von neuem hervor – offenbar war sie über der Aufregung ihres gesellschaftlichen Debüts zusammengebrochen und von einer Nervenkrisis überfallen worden. Armes Ding!

»Ach Gott...« rief sie, sich gewaltsam zusammennehmend, »ich muß das doch überwinden; wie demütigend, wenn mich jemand von den Leuten da drinnen so sähe!«

Offenbar zog sie eine sehr tiefe Kluft zwischen Goswyn und »den Leuten da drinnen«. Es freute ihn. Ein Weilchen blieb er teilnahmvoll stumm, dann sagte er gutmütig: »Gräfin Erika, wollen Sie Ihren Kummer lieber für sich behalten, oder wollen Sie mir ihn anvertrauen?«

Seine bloße Nähe hatte beruhigend auf sie gewirkt, das Schluchzen hatte aufgehört, nur ein leiser Schauder durchzog ab und zu ihren schlanken Oberkörper.

»Ach, es war ja gar kein Kummer,« erklärte sie ihm, »nur so ein Mißbehagen; fast so wie den ersten Abend, da ich in Berlin angekommen war, packte mich's. Heimweh war's nicht, denn nach was sollte ich Heimweh haben! Aber plötzlich fühlte ich mich zwischen den vielen Menschen, die mich alle so neugierig ansahen und von denen doch keiner ein Herz für mich hatte, fremd, alles tat mir weh, es war wie eine große Kälte, die ich rings um mich empfand – ihre Art, zu sprechen, ihre Art, auf alles herabzusehen, was nicht so vornehm und hochmütig war wie sie, ging mir durch Mark und Bein. – Sie ... Sie können sich nicht da hineinfinden, da Sie ja doch mitten zwischen dem allen aufgewachsen sind und von Jugend an nur diese Luft geatmet haben.«

»Ich glaube, Sie tun mir unrecht, Gräfin Erika,« warf er ein, »ich kann Ihnen sehr genau nachempfinden, obgleich ich zwischen dem allen aufgewachsen bin.«

»Es kam mir ein Haß auf die Leute,« rief sie, und ihre großen, tragisch geschnittenen Augen funkelten zornig, »und dann – nun dann, mitten aus dieser Vornehmheit und dem Hochmut heraus« – sie sprach von beiden Eigenschaften ganz unbefangen als von fremden, ihrer Existenz spät zugeführten Elementen – »mußte ich an das Elend denken, in dem ich aufgewachsen bin, und ... und an die kleinen Freuden und Überraschungen, die mir meine Mutter mitten aus all der Dürftigkeit heraus zu bereiten pflegte – ach, so armselige kleine Freuden! – die da drinnen würden alle lachen darüber, daß man sich an so etwas erfreuen könne – aber mir waren sie wichtig damals. Ach, wenn Sie wüßten, mit was für einem Blick mich meine Mutter ansehen konnte, wenn sie mir ein neues Kleid aus alten Lappen zusammengeschneidert hatte – kein Mensch wird mich mehr so ansehen ... Und da kam's ...!« Sie ballte die Faust krampfhaft um ihr tränendurchweichtes Taschentuch herum. »Daran zu denken, daß meine Mutter eigentlich hineingehörte in dieses helle, heitere Leben, und sich zu erinnern, wie sie gestorben ist, in welcher sorgenvollen Kümmerlichkeit – und daß es vorüber ist – und daß ich ihr nichts geben kann von allem, was ich habe ... mir war's, als risse mir etwas das Herz mitten entzwei...« Sie stockte außer Atem.

»Arme Gräfin Erika!« murmelte er sehr warm, »es ist auch das Schrecklichste im Leben, sich seiner Toten zu erinnern und ihnen nichts Liebes mehr tun zu können. Das einzige, was uns übrigbleibt, ist, den Lebenden so viel Liebe zuzuwenden, als wir irgend vermögen!«

»Aber an wen soll ich denn meine Liebe verschwenden,« rief Erika mit einer naiven Vehemenz, über die er mitten in seiner Rührung Mühe hatte, ein Lächeln zu unterdrücken; »meiner Großmutter kann ich doch nicht kommen damit, die wüßte ja gar nicht, was ich will, sie hielte mich einfach für krank.«

»Nun, schließlich«, sagte er, aufrichtig belustigt, »werden Sie nicht darauf angewiesen sein, Ihr ganzes Leben nur Ihre Großmutter zu lieben!«

»Sie meinen, daß ...« Sie sah ihn plötzlich sehr betroffen, fast erschrocken an.

»Ich meine, daß ... daß ...«

Da klang bis zu den beiden herüber ein nüchtern auf dem Klavier gehämmertes Ritornell – dann eine dünne, hell und herzlos klingende Sopranstimme.

Was war das? Er kannte diese Couplets – hatte er sie nicht einmal in einem sehr ordinären Tingeltangel gehört?

Es war seine Schwägerin, die sang. Er horchte atemlos.

Da trat Gräfin Lenzdorff zugleich mit Frau von Norbin in das Zimmer. »Ach, da bist du, Erika!« rief sie aus. »Nun, das nenn' ich eine Aufführung! Ich suche dich wie eine Stecknadel – hm! So seinen Anbetern davonzulaufen und sich still vertraut von einem jungen Herrn den Hof machen zu lassen, was sagst du dazu, Hedwig?« Dies zu Frau von Norbin. »Es war ja Goswyn,« sagte die alte Frau mit ihrem feinen Spieluhrstimmchen.

»Ja, das ist ein mildernder Umstand,« gestand Gräfin Anna zu.

»Und er hat mir auch gar nicht den Hof gemacht,« versicherte Erika.

»So, das nehm' ich ihm eigentlich übel,« lachte Gräfin Lenzdorff. Indessen fuhr Erika treuherzig fort:

»Ich fühlte mich ein wenig fremd und traurig – so ganz plötzlich, und er war sehr, sehr lieb mit mir!« Sie schlug die Augen dankbar auf zu ihm.

»Hm! ... Aber jetzt komm, Kind, wir gehen nach Hause, der Abend hat mir gerade lange genug gedauert. Adieu, Goswyn!«

»Die Damen erlauben mir vielleicht, sie hinauszubegleiten,« bemerkte Goswyn, worauf ihm die Gräfin erwiderte:

»Eigentlich täten Sie viel klüger daran, dort hineinzugehen und dem Unfug zu steuern, der sich, wenn ich nicht irre, heute bedenklich ausbreiten wird.« Dies mit einem Blick nach dem Salon.

»Ich bin machtlos,« erwiderte Goswyn trocken. Er geleitete die Damen in die Vorhalle, in welcher bereits ein ganzes Regiment von Lakaien harrte. Nachdem er die alten Damen bedient, hatte er das Vergnügen, auch Erika ihren Umwurf umtun zu dürfen. Ihm wurde seltsam zumute, als er ihr die weiche, weiße Hülle um die schlanken, jungen Schultern legte. Das weiße Pelzwerk, mit welchem der Mantel verbrämt war, stand ihr vortrefflich zu Gesicht.

»Die Heideblume im Schnee,« sagte die eitle Großmutter, zu ihm hinüberschielend; dabei entdeckte sie, daß sie es wirklich nicht mehr nötig hatte, ihn auf den Liebreiz ihrer Enkelin aufmerksam zu machen. Diese Entdeckung freute sie. Sie sagte ihm mit besonderer Herzlichkeit gute Nacht, und während sie mit Erika die hell erleuchtete, teppichbelegte Treppe hinabschritt, lächelte sie vergnügt vor sich hin.

Goswyn war indessen in den Salon zurückgekehrt. Seine Schwägerin stand noch immer am Klavier und sang. Perfection begleitete sie mit seiner bekannten gutmütigen Bereitwilligkeit, jede musikalische Missetat auf sein Gewissen zu nehmen, die seiner Umgebung Vergnügen machen konnte – einer Bereitwilligkeit, die teilweise auf der ihm eigenen nüchternen Auffassung seines Handwerks, wie er die Musik nannte, beruhte. Eine ganze Reihe von Damen war bereits hinausgerauscht.

Gräfin Brock fing an, aufgeregt zu werden. Die Wirkung des Vortrags der Prinzessin erinnerte im höchsten Maße an die Wirkung, welche die Vorlesung des schönen jungen Schauspielers auf ihre Gesellschaft geübt.

Goswyn schielte zu seinem Bruder hinüber. Otto von Sydow war ein Bild des Jammers, er sah aus, als ob ihn der Schlag treffen sollte, dabei ballte er von Zeit zu Zeit die Fäuste und machte sie wieder auf, warf unruhige Blicke nach den Männern hin, die er lachen – nach den Frauen, die er davoneilen hörte; er stützte sich von einem Fuß auf den andern ... aber ... er ließ seine Frau singen.

Die erste der von ihr gewählten Coupletreihenfolge war einfach derb. Damit tröstete sich Goswyn; die letzten wird sie vielleicht doch nicht singen, sagte er sich. Er hatte die Verwegenheit seiner Schwägerin unterschätzt. Jetzt fing sie an ... ihm verging Hören und Sehen.

Da, mit einemmal wütender Applaus. Ein paar der anwesenden Herren hatten sich des unglücklichen Ehemannes erbarmt und die Anstößigkeiten des letzten Verses durch eine verfrühte Beifallssalve erdrückt.

Prinzeß Dorothee sah sich um – sah in einen Salon voll diskret lächelnder Männer und davoneilender Damen. Sie wurde sehr blaß, ein harter, herausfordernder Zug trat auf ihr Gesicht. Sie griff nach einem zweiten Notenheft. Da trat die Hausfrau an sie heran.

»Reizend,« rief die Gräfin Brock, »reizend, Theechen – aber du solltest dich heute doch nicht mehr anstrengen – du bist ein wenig heiser!«

Das war deutlich – Prinzeß Dorothee verstand. Ihre künstlich hinaufgeschraubte Heiterkeit brach sich jetzt in einer anderen Richtung Bahn. »Ich fühle mich plötzlich tanzlustig,« rief sie aus. »Perfection, spielen Sie einen Walzer – wir wollen einen Ball extemporieren.«

Perfection spielte mit viel Feuer den Zitronenwalzer von Strauß – da erhob ein grauhaariger, alter General seine Stimme – eine dünne, scharfe Stimme, und sagte: »Einen Ball zu organisieren, würde doch ein wenig schwer sein – denn mit Ausnahme unserer verehrten Wirtin sind Sie die einzige noch anwesende Dame, Durchlaucht.«

Dorothee wurde totenblaß, richtete sich noch ein wenig gerader auf als sonst, warf den Kopf zurück und lächelte. So wie jetzt, totenblaß, hart, gerade aufgerichtet und lächelnd, sollte sie Goswyn noch einmal im Leben sehen – um ein paar Jahre später, als die ganze Welt mit Fingern auf sie wies.

»Du erlaubst, daß ich Helmy nach Hause fahre, Otto,« bat Dorothee in der Vorhalle, wo sie, eine gelbliche Spitzenschärpe über dem kurzen Haar, vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in einen schwarzen Sammetmantel mit breit zurückgeschlagenem Zobelkragen und umgeben von einer Unmenge Verehrer – noch ein klein wenig Hof hielt. »Helmy ist so verschnupft, und er findet gewiß um diese Stunde keine Droschke mehr.«

Unwillkürlich horchte Goswyn, der im Begriff stand, sich seinen Säbel umzuschnallen, dieser in sehr zärtlichem Ton dem Gatten vorgebrachten kleinen Rede seiner verführerischen Schwägerin.

Daß seinem Bruder von seiten Prinz Helmys Gefahr drohe, glaubte er nicht, vorläufig war es Dorothee nur darum zu tun, eine etwaige Ermahnung ihres Mannes hinauszuschieben. Wenn Otto nicht gleich zankte, zankte er überhaupt nicht mehr. Nein, gerade sehr Schlimmes war nicht dabei, daß sie mit ihrem Vetter allein nach Hause fuhr, aber schließlich ... Sie legte dem Gatten die eine ihrer schmalen Hände auf die Brust, während sie sprach – die umstehenden Herren sahen sich an. Ohne die Antwort des Bruders abzuwarten, eilte Goswyn die Treppe hinab. Er hatte kaum ein paar Schritte in die Straße hinein gemacht, als ihm jemand nachkam. Es war Otto.

»Hast du Feuer?« fragte er Goswyn in einer etwas unsicheren Stimme. Dieser zog sein Feuerzeug aus der Tasche und strich dem Bruder ein Streichholz an. Schweigend sah er zu, während Otto, die Luft mit übermäßiger Gewalt einsaugend, seine Zigarre in Brand steckte.

»Es ist mir eigentlich sehr angenehm, daß ich zu Fuß gehen kann,« sagte er, als er sich neben dem Bruder in Bewegung gesetzt hatte. »Thee kann's nicht leiden, wenn ich in dem kleinen Wagen rauche.«

Goswyn schwieg.

»Hm! Ich kenne die Thee durch und durch,« fuhr Otto fort, »sie ist unschuldig wie ein Kind, aber ein wenig unvorsichtig. Alle diese steifleinenen Berlinerinnen nehmen ihr's übel, daß sie origineller und bestrickender ist als sie. Was war denn so Schlimmes dabei, daß sie diese Lieder sang, man merkte ihr ja gleich an, daß sie nicht verstand, was sie sang ... zum wenigsten nicht daran dachte. Die reinsten Frauen sind immer die unvorsichtigsten. Diese Berliner verstehen sie nun einmal gar nicht. Sie bewundern sie – ein jeder muß sie bewundern, aber sie würdigen sie nicht. Als sie gemerkt, daß sie diese Philister chokiert hatte, sang sie einfach weiter aus Trotz ... hm! ... es war vielleicht nicht klug, die öffentliche Meinung herauszufordern ...«

So oft Otto von Sydow den Faden seiner Rede unterbrochen, um Goswyn Zeit zu gönnen, ihm in seiner Auffassung der Situation beizustimmen, so oft war er enttäuscht worden. Goswyn schwieg beharrlich.

Otto trat stärker auf und atmete schwer. Goswyn, der ihn genau kannte, wußte, daß er mit einem heftigen Anfall von Zorn kämpfte. Ein Weilchen schwieg auch er, um es dem Bruder gleichzutun, dann, plötzlich stehenbleibend, fuhr er Goswyn an: »Findest du es etwa unpassend, daß ich meine Frau mit einem Vetter, der unwohl ist, dem ich vielleicht eine Krankheit erspare, und mit dem sie wie mit einem Bruder aufgewachsen ist, allein nach Hause fahren lasse?«

Goswyn zuckte die Achseln. »Wenn du mich fragst, so muß ich dir die Wahrheit sagen,« erwiderte er. »Gerade heute hätte ich es klüger gefunden, wenn du deine Frau nicht im Tête-a-tête mit dem jungen Nimbsch hättest fahren lassen.«

Die Atemzüge Ottos wurden noch lauter, dann stampfte er wütend mit dem Fuße, und ehe sich's Goswyn versehen, war er mit einem übellaunigen »Gute Nacht!« in eine Nebenstraße abgebogen.

Er war zu bedauern – er war sehr unruhig; er hatte gehofft, daß Goswyn ihn beruhigen würde, aber Goswyn hatte ihn nicht beruhigt.

»Er hat sie nie verstanden und darum nie gemocht, « knirschte er in sich hinein. »Er ist der ärgste Philister von ihnen allen!«

Und dann erinnerte er sich der energischen Einwendungen, die Goswyn seinerzeit gegen seine Verbindung mit Prinzeß Dorothee erhoben, wie leidenschaftlich er – denn der stille Goswyn konnte mitunter leidenschaftlich sein – den Bruder gebeten hatte, von dieser Verbindung abzustehen. »Ihr paßt nicht zueinander, ein Blinder könnte es sehen, daß ihr nicht zueinander paßt – ihr werdet euch gegenseitig zugrunde richten!« hatte er gesagt. Die Worte klangen ihm mit unausstehlicher Deutlichkeit durch den Kopf.

Es mochte gegen zwei Uhr früh sein, die Straßen waren wie ausgestorben, öde, halbdunkel – die Lücken zwischen den Laternen groß. So beiläufig alle hundert Schritte weit spiegelte eine ihr rötliches Licht in dem schwarzbraunen Schlamm, der sich über den Asphalt zog. Schwere Tropfen klatschten von den Dächern herab in die dunkle Schlüpfrigkeit. Von Zeit zu Zeit schoß ein Wagen, zwei lange blau-weiße Lichtstreifen vor sich hinwerfend, unnatürlich laut rasselnd, durch das dumpfe Schweigen an Otto vorbei. Die Fenster in den Häusern waren alle dunkel und still – nur aus einem Gebäude tönte verschleiert wie durch dicken Filz hindurch eine leichtsinnig hüpfende Musik. Es war ein Vergnügungslokal billigster Sorte. Unwillkürlich horchte Sydow, etwas an der halbverwischten Melodie ärgerte ihn und zwang ihm Aufmerksamkeit ab. Den unlängst bekannt gewordenen Gassenhauer, den seine Frau heute gesungen, den spielte man da drinnen.

Ihm wurde unerträglich zumute. Eine schwere Mattigkeit lag ihm in den Gliedern. »Bah – es ist dieses verdammte Tauwetter,« sagte er sich. Aus ferner Erinnerung klang's: »Zwei Menschen können nicht schlechter zueinander passen als sie und du ...« Ob Goswyn am Ende doch recht gehabt hätte!

Warum hatte ihn das Schicksal gerade mit dieser Frau zusammengeführt!

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