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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Noch um Jahre später konnte sie sich nicht überwinden, der gräßlichen Tage, die nun folgten, zu gedenken – der atembeklemmenden Last, die sie mit sich schleppte von früh bis in die Nacht, des Einschlafens aus purer Ermattung, des langsamen Hinübergleitens zu alten Tagesgewohnheiten im Traum, des Erwachens mit ausgeruhten Nerven und mit in Vergessenheit gesundeter Seele, dann des sich plötzlich der Sachlage Bewußtwerdens, der Empfindung allgemeinen Wundseins – einer Empfindung, die durch jede Bewegung, jedes um sie oder vor ihr gesprochene Wort gesteigert wurde, der Unruhe, die sie so lange hin und her trieb, bis sie sich endlich in einem dunklen Winkel zusammenkauerte und weinte, weinte so lange, bis sie keine Tränen mehr fand und ihr die brennenden Augen zufielen und sie von neuem in bleiernen Schlaf versank, um dann beim Erwachen von neuem – allmählich sich in das Bewußtsein hineinzuschaudern, was eigentlich geschehen war.

Sie fühlte den dringenden Wunsch, ihrer Mutter noch irgend etwas Liebes zu tun, sich um ihre Leiche zu beschäftigen. Aber kaum einen Augenblick ließ man sie mit ihr allein.

Fremde Weiber wuschen sie und legten ihr das Totenkleid an. Der Kutscher und der Gärtner hoben sie in den Sarg.

Kurz vor dem Schließen des Sarges erinnerte sich Strachinsky, daß seine Frau dereinst gewünscht hatte, man möge ihr das Kleid und die Blumen, die sie bei der Trauung mit ihm getragen, in das Grab legen. Aber man fand weder das Kleid noch die trockenen Blumen. Der Schrein, in dem sie ihre Reliquien aufzubewahren pflegte, war verödet – nur die Härchen ihres verstorbenen Kindes fand man vor, die legte man ihr unter den Kopf.

Der Ritter machte sich keinerlei Gedanken darüber. Er betrauerte die Tote aufrichtig, weinte viel, verlor für zwei Tage den Appetit, lebte sich aber, je näher der Moment der Bestattung heranrückte, in eine gehobene Stimmung hinein, die sich in feierlicher Wichtigtuerei kundgab.

Er hatte einen Leichenwagen verschrieben aus der Stadt. Erika stand an einem der Fenster des Korridors, als der schwarze Galawagen in den Schloßhof hineinrasselte.

Dann trugen die Männer den Sarg über die Treppe – Erika hörte sie straucheln unter der schweren Last – hörte, wie der Sarg bei einer scharfen Biegung der Stiege an die Wand anprallte...

Sie geleitete die Tote bis an das Grab. Der erste Mai war's, an dem man sie bestattete. Zu Fuß schritten sie hinter dem Leichenwagen einher, dessen schäbiger Pomp so schlecht in die ländliche Einsamkeit paßte.

Obzwar die vornehmen Herrschaften aus der Umgegend, mit Luzan längst außer allen Verkehr gekommen, waren trotzdem die meisten erschienen, um der armen Frau die letzte Ehre zu erweisen, doch machten sie nur ein verschwindend kleines Häuflein aus in dem endlosen Leichenzug. Hinter den paar schwarzen Röcken, die in einer geschlossenen Gruppe dem Leichenwagen folgten, wimmelte es bunt und dicht. Alle Bauern, Tagelöhner und Bettler aus Luzan und den umliegenden Ortschaften gaben der zur ewigen Ruhe eingegangenen Märtyrerin das Ehrengeleite – sie war gegen alle gut gewesen.

Ein grüner Hauch schimmerte über den Feldern, und in den alten Apfelbäumen glänzte es rosa von halb erblühten Knospen. Aus den roten Flammen der Fackeln drang ein schwarzer Qualm zum Himmel, und in den Blütenzweigen der Bäume und an den frischgrünenden Feldern hin schwebte es leise seufzend, zugleich wonnig und schmerzlich – der Atem des neu erwachenden Frühlingslebens.

Mitten durch das neue Leben schritt der Tod.

Ohne Sang und Klang gingen sie einher. Erika bewegte sich fast mechanisch, sah sich weder nach rechts noch links um, sondern ging – ging immerfort.

Mit einemmal blieben ihre Augen auf etwas haften. Auf dem erhöhten Straßensaum stand zwischen den Apfelbäumen eine junge Bäuerin mit einem Kinde auf dem Arm, einem Kinde, das aus großen, erstaunten Augen das Leichenbegängnis betrachtete.

Am Tage nach dem Begräbnis schlich der Ritter von Strachinsky gefühlvoll in dem Zimmer umher, in dem seine Frau gestorben war. Er seufzte häufig. Von Zeit zu Zeit stellte er sich ans Fenster und besah sich den Frühling. Dann wendete er sich von neuem in das Zimmer zurück. Zufällig hefteten sich seine Augen auf ein Löschblatt, das auf dem Schreibtisch der Verstorbenen liegengeblieben war.

Sie hatte eine sehr große Schrift gehabt, und das Wort, das er natürlich verkehrt darauf abgedruckt sah, gab ihm zu denken. Er hob das Löschblatt an seine Augen, mit wenig Mühe entzifferte er: »Mein letzter Wille.«

Er runzelte die Stirn. Also hatte sie doch ein neues Testament gemacht, sagte er sich. Daß es nicht zu seinen Gunsten lauten würde, daran konnte für ihn trotz seiner großen Selbsttäuschungsfähigkeit kein Zweifel bestehen. Das Blut stieg ihm zu Kopf. Wo war das Testament? fragte er sich. Wahrscheinlich in ihrem Schreibtisch. Aber wo waren die Schlüssel dazu? Die Schlauheit, die mitten aus seinem erschlafften Denkvermögen immer noch zutage trat, sobald er sich in seinen Bequemlichkeiten bedroht fühlte, kam ihm zu Hilfe. Er erinnerte sich, daß seine Frau ihre Schlüssel stets in einem kleinen Schiebfach ihres Nachttisches aufzubewahren pflegte.

Es war nicht anzunehmen, daß während des traurigen, konfusen Durcheinanderrennens, das auf ihren Tod gefolgt war, irgend jemand daran gedacht hätte, diese Schlüssel zu entfernen. In der Tat fanden sie sich vor. Er öffnete das Mittelfach des Schreibtisches. Da lag ein großer, versiegelter Briefumschlag mit der Aufschrift: »Mein letzter Wille.« Der Ritter ließ das Dokument in seine Tasche gleiten und legte die Schlüssel an ihre alte Stelle zurück.

Im selben Moment öffnete sich die Tür und Erika trat ein. Sie sah jammervoll aus, nicht zum Erkennen abgemagert, blaß, mit zersprungenen Lippen und dunklen Streifen unter den stumpf blickenden Augen. Sie trug ein Trauerkleid, welches ihr die Mutter für das Begräbnis des Brüderchens eilig zusammengeflickt, und das ihr im Laufe des Winters zu klein geworden war. Trotzdem die Sonne hell schien, machte sie den Eindruck zu frieren, auch verriet sich in jeder ihrer Bewegungen das scheue, geängstigte Wesen eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat und sich beständig irgendwo verkriechen möchte. Die Strammheit, die sie sonst ihrem Stiefvater gegenüber an den Tag zu legen pflegte, war gänzlich verschwunden. Alles in ihr, Herz, Geist und Seele, war gebrochen.

»Was wolltest du hier?« fragte der Ritter mißtrauisch.

Sie sah ihn groß, fast erstaunt an, während zugleich alles in ihr vor Schmerz zusammenzuckte. »Was soll ich wollen?« murmelte sie mit schwach klingender, heiser geweinter Stimme, »zur Mutter möcht' ich!« Sie sagte es für sich, nicht für ihn. Sie schien seine Anwesenheit vergessen zu haben. Ihr Kinn fing an zu zittern, ihr Mund verzerrte sich, die Tränen stürzten ihr aus den Augen. –

Nein, dieses erbarmungswürdige Geschöpf war nicht gekommen, um nach einem Testament zu suchen! Der allezeit zur Sentimentalität geneigte Ritter seufzte erleichtert auf, steckte den Finger in die Augen und verließ das Zimmer. Kaum war er fort, so wendete sich Erika mit unsicheren, wie im Dunkeln tappenden Bewegungen um. Ihr Blick fiel auf das leere, von jeglichem Bettzeug entblößte Lager. Wie ein seit Jahren unbenutztes Bett in einer Rumpelkammer sah es aus. Schaudernd kehrte sie sich ab. Sie legte die Hand an die Stirn – ja, was hatte sie denn eigentlich hier gewollt? Jetzt fragte sie sich's selbst. Mit einemmal hefteten sich ihre Augen auf einen schwarzen, an seinem Saume mit Lehm beschmutzten Rock auf dem Kleiderrechen neben der Tür. Das war dasselbe Kleid, in welchem sie ihre Mutter hatte über die Wiese eilen sehen am Tage vor deren Tode. Sie griff danach wie nach etwas Lebendem und schmiegte sich wimmernd in die dunklen Falten, in denen der Duft der Mutter hängengeblieben war.

Strachinsky hatte sich indes in sein Zimmer eingeschlossen, das verhängnisvolle Testament war noch in seiner Tasche, er hatte es bis dahin nicht erbrochen. Nachdenklich ging er auf und ab. Gültig konnte in seinen Augen nur das Testament sein, in dem seine Frau ihn vor elf Jahren, kurz nach seiner Verheiratung mit ihr, zu ihrem Universalerben und zum Vormund ihrer Tochter aus erster Ehe eingesetzt. Irgendeine spätere letztwillige Verfügung konnte er nur als den Beweis einer Geistesstörung betrachten, die, lange vorbereitet, in den letzten Monaten ihres Lebens deutlich zutage getreten war.

Erst als er über diesen Umstand ganz mit sich einig geworden war, erbrach er das Testament.

Er war ein durch und durch weichlicher Mensch bis in seine Schlechtigkeit hinein. Er hätte nie etwas Böses getan, wenn er sich nicht, dank irgendeines geschickten Manövers, dabei schön hätte vorkommen können.

Während er das Schriftstück durchlas, wechselte er mehrmals die Farbe. Dann seufzte er dreimal hintereinander: »Arme Emma!«, durchmaß mit nachdenklichen Schritten das Zimmer und sagte: »Sie wäre ja selbst entsetzt, wenn dieses, in Anbetracht ihres geistigen Zustandes wertlose Dokument, das ein so falsches Licht auf unsere Ehe wirft, veröffentlicht würde. Sie – der unser eheliches Verhältnis immer so heilig war!« Ein Strom von Beweisen für die nur momentan unterbrochene hingebende Liebe seiner Frau zu ihm durchflutete die Seele des Ritters. Er zündete Licht an und verbrannte den letzten Willen seiner Frau.

Hierauf legte er sich, ohne die geringste Beunruhigung seines Gewissens zu verspüren, auf sein geliebtes Ruhebett. Er hatte das Gefühl, etwas geradezu Erhabenes vollbracht zu haben.

»Daß ich dein Kind nicht darben lassen werde, liebe Emma,« sprach er, an das Porträt seiner Gattin gewendet, welches seiner Chaiselongue gegenüber hing, »das versteht sich von selbst. Aber dazu brauchte es wahrlich keiner offiziellen testamentarischen Verfügungen. Arme Emma!« Und in Erinnerung an die längst vergessene Periode seines Lebens, in welcher er sich mit geistiger Vornehmtuerei befaßt (weil jede andere Vornehmtuerei ihm damals unerreichbar war) und Exzerptenbücher angelegt hatte, stöhnte er elegisch: » Oh what a noble mind was there o'erthrown!«

 

Wochen verflossen – Monate; im Hause ging alles, wie es gehen konnte – irgendwie. Der Ritter lag auf dem Sofa, meistens Romane lesend von früh bis Abend. In den Zwischenakten dieser erbaulichen Beschäftigung raffte er sich mitunter zu einer unheimlichen Tätigkeit auf, das heißt, er schimpfte das ganze Dienstpersonal herunter, ohne besondere Gründe für seine Unzufriedenheit anzugeben. Kein Mensch machte sich etwas daraus, man wußte, daß er nach einem solchen Anfall sich ruhig von neuem auf sein Schlafsofa zurückziehen und in sentimentaler Romanlektüre untertauchen würde.

Auch in bezug auf die Erziehung seiner Stieftochter hatte er derartige Anfälle. So kam er plötzlich in das Schulzimmer herein, sah ihre Hefte an, fragte sie nach einem historischen Datum, das er selber vergessen hatte, und ließ sich schließlich etwas auf dem Klavier von ihr vorspielen.

Während ihres Vortrags ging er mit sorgenschwerer Miene im Zimmer auf und ab.

Anfangs gab sie sich vor ihm Mühe. Da sie aber bemerkte, daß er es ausschließlich auf das Tadeln abgesehen hatte, rumpelte sie bald, wenn es hieß, ihm vorspielen, aus purem Widerspruchsgeist und Eigensinn auf den Tasten ihres alternden Bösendorfers herum wie ein aufgereizter junger Teufel.

Kaum hatte sie geendigt, so ging die Strafpredigt los. »Ich sehe keinen Fortschritt, nein, nicht den geringsten Fortschritt sehe ich! Wenn ich bedenke, was für deine Erziehung getan wird! Ich arbeite mir das Fleisch von den Knochen, um dich wie eine Prinzessin erziehen zu lassen, und du – du machst nichts!« Dann folgte noch eine lange melodramatische Aufzählung der für sie gebrachten Opfer. Er sprach immer zu ihr wie ein Vater zu einer mißratenen Tochter im Volksstück, und zum Schluß kam die Frage: »Was wird denn aus dir werden – aber sag's doch – was?« Dann trommelte er mit beiden Fäusten auf dem Klavierdeckel, um das Grauen, das ihm ihre Zukunft einflößte, genauer zu betonen, schüttelte ein letztes Mal den Kopf und verließ mit großen, emphatischen Schritten das Zimmer.

Sie wurde, wie früher, sich selbst überlassen. Etwa ein halbes Jahr nach ihrer Mutter Tode mußte sogar Miß Sophy weggegeben werden, und zwar aus folgendem Grunde. Sie war ein durch und durch brauchbares Frauenzimmer, ihrer Schülerin persönlich sehr anhänglich, im Haushalt praktisch und verläßlich, aber ... in jeden Mann verliebt, der sie zweimal angesehen, hingegen in jeder Frau eine Rivalin oder Feindin witternd, die sich nicht zur Vertrauten ihrer verschrobenen und krankhaften Sentimentalitäten hergab.

Zu Lebzeiten Emmas verstand sie es noch, die meisten ihrer Verkehrtheiten zu verstecken. Später wurde sie darin ganz unerträglich – vielleicht, weil niemand da war, sie zu zügeln oder einzuschüchtern. Sehr häßlich, breit, plump, mit einem grobgeschnittenen, affenartigen Gesicht, mit wulstigen, blassen Lippen und großen, wasserblauen Augen, war sie von der gierigsten Eitelkeit besessen und beständig bestrebt, bald durch ihren Anzug, bald durch ihre Grimassen die männliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Vormittags gab sie Erika Stunden, nachmittags flickte sie ihre Kleider und am Abend beschäftigte sie sich mit Musik.

Sie sang. Ihr Repertoire war sehr klein, es bestand eigentlich nur aus der ersten Stimme von Mendelssohns Duett: »Ich wollt, meine Liebe ergösse sich all in ein einzig Wort« ... das sie selbstzufrieden als Solo ins Leere krächzte, und aus Schumanns: »Ich grolle nicht.«

Der Vortrag dieses Liedes entlockte ihr jedesmal Tränen.

Mit einemmal artete ihre Putzlust sowie die Musikpassion über alle Gebühr aus. Sie schnitt sich die Haare ab, frisierte sich à la Titus und schaffte sich zwei seidene Kleider an durch Intervention der Frau Jelinek auf Ratenzahlung. Außerdem kaufte sie sich eine Elegiezither, ein altmodisches Jammerbrett, das ein pensionierter Offizier aus der nächsten Kreisstadt seit zehn Jahren vergeblich getrachtet hatte los zu werden.

Hoch auffrisiert und von Seide umraschelt, begab sie sich alle Abend mit ihrer Zither in den Salon, in dem der Strachinsky nach dem Abendessen zur Abrundung seiner nützlichen Tätigkeit Patience legte.

Ihre Manie, sich aufzuputzen, und die Blicke, die sie über ihr Instrument zu ihm hinüberwarf, ließen keinen Zweifel übrig, auf was sie es abgesehen hatte.

Anfangs merkte der Ritter nicht, was die Komödie bedeutete. Das Zitherspiel machte ihm sogar Vergnügen. Die gedehnten Klagelaute dieses überaus gefühlvollen Instrumentes schmeichelten gewissen elegischen Neigungen seiner sich im übrigen immer derber vergröbernden Natur.

Eines Abends forderte er Miß Sophy auf, ihm »den Tiroler und sein Kind« vorzuspielen, und bat sie, ihm »das Mailüsterl« zu wiederholen. Von da ab bemächtigte sich der phantastischen Engländerin aus Hamburg eine Art Triumph und liebewitternder Taumel.

Sie versuchte es, den Reiz ihres Zitherspiels durch Gesang zu erhöhen. Sie krächzte mit unbeschreiblich verliebten Blicken und unter oberösterreichischen Affektationen immer wieder hervorbrechendem steifem hannoverschem Akzent das bekannte Liedchen vor sich hin:

Ich tua wohl, i tua wohl,
Als ob mir nichts wär –
Doch drin in mein Herzla
Is mir allwal so schwer, I
s mir allwal so schwer.
La – la la – laaah –

Den nächsten Morgen ließ der Ritter seine Stieftochter zu sich bitten. Immer im Schlafrock auf seiner Chaiselongue ausgestreckt, aber mit dem ganzen romantischen Hochmut, den er aus seinem Lieblingsromane »Pelham« gelernt, in Gesten und Betonung, ließ er sie vor sich stehen und fragte:

»Das Gebaren der Engländerin muß dir doch aufgefallen sein?«

Sie nickte.

Er strich sich nachdenklich über die Stirn. Sie schwieg, und er fuhr fort, selbstgefällig den englischen Lord zu spielen. Er ließ die linke Hand, die einen französischen Roman hielt, lässig über die Seitenlehne seiner Chaiselongue hängen und sagte, mit der Rechten eine abwehrende Geste machend: »Mir ist natürlich sehr leid um das arme Geschöpf, aber sie wird mir lästig. Schaff' mir die Närrin vom Leib – schaff' mir die Närrin vom Leib!«

Dann machte er eine Bewegung mit dem Kopf gegen die Tür zu und vertiefte sich von neuem in seinen Roman.

Von da an verbrachte Erika die Abende nicht mehr mit Miß Sophy im Salon, sondern zog sich nach dem Abendessen sofort in ihr altes Schulzimmer zurück, was ihr im Grunde genommen lieber war.

Miß Sophy witterte natürlich hinter dem veränderten Wesen des Ritters eine erfolgreiche Kabale Erikas und verlor nunmehr völlig ihr kümmerliches Restchen Verstand. Sie verbrachte ihre Zeit damit, Briefe an ihren Heros zu schreiben, und bestach das Küchenmädchen, damit sie ihm dieselben auf den Nachttisch legen möge.

Strachinsky beklagte sich darüber bei seiner Stieftochter, natürlich mit Pelham-Attitüden. Er tat sehr ärgerlich und kam sich wichtig vor.

Das wäre alles einfach komisch gewesen, wenn die Geschichte nicht schließlich eine recht fatale Wendung genommen hätte.

Eines Morgens blieb Miß Sophy beim Frühstück aus; als Minna nach ihr sah, fand sie die Arme sich unter rasenden Schmerzen im Bette windend. Aus Verzweiflung über die ablehnenden Schroffheiten Strachinskys hatte sie sich mittels eines Päckchens abgekochter Schwefelhölzer vergiftet. Der herbeigeholte Arzt rettete ihr mit Mühe das Leben, doch mußte sie selbstverständlich nach ihrer Genesung Luzan verlassen.

Dem Strachinsky schmeichelte es immerhin, daß ein armes Frauenzimmer aus unglücklicher Liebe zu ihm toll geworden war; er ergab sich anläßlich ihrer Persönlichkeit einem höchst erbaulichen retrospektiven Idealismus, nannte sie eine begabte Natur und dichtete ihr auch allerhand interessante und anmutige äußerliche Eigenschaften an.

 

Nun blieb die heranwachsende Erika allein. Ihr Stiefvater entschied, daß ein Mädchen ihres Alters der Aufsicht nicht mehr benötige, und daß die Tochter eines armen Gutsbesitzers auf einen »Hofstaat« keinen Anspruch habe.

Wenn er von sich allein sprach, war er immer ein »verarmter Kavalier«, sobald es sich um ihren Vater handelte, sank er zum simplen armen Gutsbesitzer herab.

Einen Sommer blieb sie allein, einen langen traurigen Winter blieb sie allein, ganz allein, und noch einen Sommer und noch einen Winter. Eine andere an ihrer Stelle hätte sich's angewöhnt, bloß um die Zeit auszufüllen, mit den Dienstboten zu klatschen, noch eine andere hätte aus Langerweile den Verwalter geheiratet – jedenfalls wäre jede andere verdummt und verwildert. Nichts von all dem trat bei ihr ein.

Sie hatte Beschäftigung genug. Sie lernte Verse von Goethe und Shakespeare auswendig und deklamierte sie, in phantastische Lappen drapiert, vor einem halb erblindeten Spiegel, sie spielte täglich stundenlang Klavier und machte trotz gewisser, bei dem gänzlichen Mangel an Leitung unausbleiblicher schlechten Gewohnheiten entschiedene Fortschritte. Sie machte endlose Spaziergänge und flickte ihre Garderobe zurecht.

Als nun aber volle drei Jahre seit dem Tode ihrer Mutter verflossen waren, ohne daß sich in ihren Verhältnissen das mindeste geändert hatte, fing das arme verlassene Ding an ungeduldig zu werden und immer heftiger nach einem Ausweg zu suchen, der sie aus ihrer einengenden Dürftigkeit hinausführen sollte. Sie wollte Künstlerin werden, Schauspielerin, Sängerin oder Klaviervirtuosin.

An einem kalten Frühlingsmorgen Ende April setzte sie sich an den großen Tisch ihres ehemaligen Schulzimmers und verfaßte einen Brief an den damaligen Direktor des Burgtheaters – ein Dokument, in welchem sie ihm ihre Lage einigermaßen klarmachte und ihn aufforderte, ihr dramatisches Talent, auf das sie seit einiger Zeit alle ihre Hoffnungen setzte, zu prüfen. Sie erklärte sich bereit, nach Wien zu reisen, falls er ihr eine Audienz zusichern wolle. Eben hatte sie das herrliche und kühne Schreiben vollendet, als sie bei der Unterschrift stockte. Rika Lenzdorff unterschrieb sie sich endlich. »Lenzdorff,« wiederholte sie nachdenklich – »Lenzdorff.« Was wandelte sie an, einen wildfremden Theaterdirektor mit ihren Angelegenheiten zu behelligen; wäre es nicht viel besser, sich einmal nach den Verwandten ihres Vaters zu erkundigen? Sie wußte freilich nichts von ihnen, nicht einmal ihre Adresse. Die aber, so schien es ihr, hätte doch zu ermitteln sein sollen. Ihre Mutter hatte nie von ihnen gesprochen, ja jedesmal das Gespräch schroff abgebrochen, wenn Erika auf ihren Vater und dessen Angehörige zu reden kam. Warum?

Von Emmas Eltern war oft zwischen ihr und dem Ritter die Rede gewesen, von denen ihres ersten Mannes nie, oder wenn – so in kalt abwehrender Weise.

»Lenzdorff« – sie zeichnete den Namen vor sich hin aufs Papier, er nahm sich schön und vornehm aus – vielleicht waren es reiche Menschen, die allenfalls etwas für sie tun konnten – aber ...

Daß sie Lenzdorff hieß, hatte Emma ihrer Tochter mitgeteilt, als diese sie den Tag nach ihrer Begegnung mit dem kleinen Maler, dem sie damals noch nicht einmal ihren Familiennamen zu nennen gewußt, danach gefragt hatte. Als sie aber altklug zu ihrer Frage hinzugesetzt »von Lenzdorff«, da hatte die Mutter sie barsch abgewiesen und ihr zur Antwort gegeben: »Was interessiert dich das. Es ist ganz gleichgültig!«

Erika fing an zu grübeln. Die Eltern ihrer Mutter waren schon lange tot, sollten die Eltern ihres Vaters ebenfalls verstorben sein? Wenn sie noch lebten, so war es nicht gut zu denken, weshalb Strachinsky nicht die Last ihrer Ernährung von sich auf sie abgeschüttelt hätte. Aber dafür gab es schließlich auch noch Gründe.

Die geschäftlichen Auseinandersetzungen mit den Angehörigen ihres Vaters mußten ihm sehr peinlich sein, und war es daher kein Wunder, daß er ihnen auswich, besonders da Erikas Aufenthalt ihn so gut wie nichts kostete.

Ihre Grübeleien hatten soeben diesen Punkt erreicht, als Minna zu ihr trat und sie aufforderte, sofort in den Salon zu kommen, wo sie Besuch erwarte.

Besuch auf Luzan! Ein solches Ereignis brachte alles aus dem Geleise.

Etwas beunruhigt sah Erika an ihrer verwahrlosten Toilette herab, die aus einem alten Schlafrock ihrer Mutter, schwarz mit einem türkischen Besatz, bestand. Ihr linker Ärmel war am Ellenbogen zerrissen.

»Was für ein Herr ist's, Minna?« fragte sie verdrießlich, einen Geschäftsfreund Strachinskys vermutend.

»Ein Herr aus dem Ausland.«

»Alt oder jung?«

»Ein älterer Herr.«

»Nun, wenn's ein älterer Herr ist und keine Dame,« murmelte sie, »dann kann ich mich zeigen, wie ich bin.« Daß Damen kritischer sind, wußte sie aus den Büchern, aus denen sie bisher all ihr bißchen altkluge Lebensweisheit geschöpft. Wo hätte sie dieselbe auch sonst herbeziehen sollen!

»Was in aller Welt kann er von mir wollen?«

Damit trat sie vor den Spiegel, kämmte ihr Haar glatt, zog das Loch in ihrem Ärmel mit einem schwarzen Faden zusammen und eilte in den Salon. Der Raum, welcher alter Gewohnheit gemäß noch immer diesen Namen führte, lag im ersten Stockwerk, war so groß wie eine Reitschule und beinahe so leer.

Außer dem Klavier befanden sich in demselben noch zwei mächtige Bücherschränke, ein hinter einem wackligen Tisch verschanztes Kanapee und ein runder Klavierstuhl. Der Rest des Mobiliars war verschwunden. Einzelne Stühle waren als zerbrochen ausgemerzt worden, die besseren Möbel aber hatte man so Woche um Woche an den Juden des Ortes verkauft.

Mehrmals hatte Strachinsky versucht, dem Juden die Bücher anzuhängen, für die hatte Salomon Bondy keinen Käufer gehabt. Einmal hatte der Ritter das Klavier verkaufen wollen. Da aber hatte Salomon schroff abgelehnt, einen Käufer zu suchen. Er wußte, daß mit dem Klavier dem armen, vereinsamt in dem Schloß vegetierenden Mädchen die letzte Freude genommen würde. Der Jude war barmherziger gewesen als der Christ! Und dann – er hatte die Verstorbene liebgehabt wie alle ringsum.

Strachinsky hatte sie auch liebgehabt, aber seiner Bequemlichkeit stand seine Liebe nie im Wege.

Infolge des vollständigen Möbelmangels saß, als Erika eintrat, der Hausherr mit dem Fremden auf dem Kanapee, was sich komisch ausnahm.

Der Fremde, ein Mann in mittleren Jahren, groß, breitschultrig und mit strammer Haltung, stand auf, um sie zu begrüßen.

»Darf ich Sie bitten, mich der Komtesse vorzustellen?« bemerkte er, sich nach Strachinsky umsehend. Komtesse! ... Es durchfuhr sie. Hatte sie nicht falsch gehört?

»Herr Doktor Herbegg – meine Tochter,« mit einer runden Geste.

»Ihre Pflegetochter,« verbesserte der Fremde mit sachlicher und auffallend kühler Betonung.

»Ich habe zwischen ihr und meinen eigenen früh verstorbenen Kindern nie einen Unterschied gemacht,« behauptete Strachinsky, und das war richtig, denn er hatte sich um seine eigenen Kinder auch nie bekümmert. »Nicht wahr, meine Kleine,« setzte er in einem süßlichen Tone hinzu, der wie ein Echo seiner an seine Frau gewendeten Liebesworte zu seiner Stieftochter herüberklang und ihr unangenehm war; zugleich wollte er ihr die Hand tätscheln. Nicht ohne Hast entzog sie sich seiner lauen und schlaffen Berührung.

Da kein anderer Stuhl bei der Hand war, wendete sie sich zu dem Flügel, um den Klaviersessel herbeizuholen. Doktor Herbegg erhob sich und nahm ihr das Möbel aus der Hand.

Nun aber schnellte auch Strachinsky, und zwar mit unerhörter Hast, empor. Es entspann sich ein förmliches Ringen um den Sessel – ein gegenseitiges: »Bitte, bitte, Herr Baron – Herr Doktor!«

Ruhig sah Erika dem sonderbaren Treiben zu. War sie denn plötzlich so wichtig geworden, daß man darum kämpfte, ihr eine Artigkeit zu erweisen? Durch ihre kindische Seele schwirrte von neuem aufreizend, entzückend das Wort »Komtesse!« Strachinsky trug schließlich den Sieg davon – er stellte den runden Klaviersessel neben seine Stieftochter hin, wobei er stöhnte. So wenig war er die geringste Anstrengung gewohnt.

Sie setzte sich auf den Klavierstuhl, obgleich ihr beide Herren einen Platz auf dem Kanapee aufnötigen wollten, nahm eine vornehme Haltung an, oder wenigstens das, was sie dafür hielt, und beobachtete ruhig die Sachlage und den Fremden. Etwas sagte ihr, daß sein Besuch für sie wichtig sei und einen Wendepunkt in ihrem Leben bedeute. Sie irrte sich nicht. Doktor Herbegg war der Rechtsfreund ihrer Großmutter.

Er knüpfte sofort ein Gespräch über gleichgültige Dinge mit ihr an, wobei er sie aufmerksam beobachtete.

Ihr Stiefvater, dem die Gewohnheit, Fremde zu empfangen, gänzlich abhanden gekommen war, rutschte indessen auf seinem Platze herum, als ob ihn eine Tarantel gestochen hätte. Er war von jeher unruhig in seinen Manieren gewesen, wenn er nicht bocksteif war, aber früher hatte ihm sein hübsches Äußere über diesen Erziehungsfehler hinübergeholfen. Das war nun dahin, die Schlamperei und Trägheit, der er sich von dem Augenblick an, wo die äußeren Berührungspunkte mit der Welt aufgehört, ergeben, hatte das ihrige zu diesem Verfall beigetragen.

»Eine Flasche Wein! Hol' eine Flasche Wein!« herrschte er das junge Mädchen an, indem er aus dem süßlichen Tone, zu dem er sich bis dahin hinaufgeschraubt, in seinen gewöhnlichen zurückfiel.

»Bemühen Sie die Komtesse doch nicht um meinetwillen,« entgegnete ihm Doktor Herbegg, »ich werde nichts nehmen. Meine Zeit ist gemessen, da ich ohnehin den nächsten Zug werde benützen müssen, um nach Berlin zurückzukehren.«

»Aber, Herr Doktor, ein Gläschen Tokaier werden Sie doch nehmen,« eiferte Strachinsky, und da er merkte, daß der befehlende Ton, den er soeben gegen seine Stieftochter angeschlagen, den Anwalt verdrossen, ging er in seiner Liebenswürdigkeit so weit, sie zu versichern: »Bemühe dich nicht weiter, Riekchen, ich werde selbst alles besorgen.« Dabei stand er auf, und im Hinausgehen nach dem Fremden deutend, setzte er hinzu: »Der Herr Doktor wird dich indessen über die in deinem Schicksal eingetretene Veränderung orientieren.«

Der Anwalt machte keine Miene, ihn zurückzuhalten. Um das Glas Tokaier schien ihm wenig zu tun, um eine Unterredung mit dem jungen Mädchen viel. Als sich der Ritter entfernt, rückte er etwas näher an Erika heran. In kurzer Zeit hatte er ihr die Situation erklärt.

Der Titel »Komtesse«, den ihre Mutter ihr verschwiegen, offenbar, weil er der Tochter in den Verhältnissen, in denen sie dieselbe vorläufig zu erziehen gezwungen war, eher schaden als nützen konnte, kam ihr in der Tat zu. Ihre Mutter war in erster Ehe an den einzigen Sohn zweiter Ehe des Grafen Lenzdorff verheiratet gewesen, welcher zwei Jahre nach seiner Verheiratung fast plötzlich infolge eines Eisenbahnunfalls verschieden war. Ihrer zweiten Heirat halber hatte sich Frau von Strachinsky mit ihrer Schwiegermutter verfeindet. Unterdessen waren jedoch noch zwei Söhne aus der ersten Ehe Lenzdorffs kinderlos gestorben und schließlich der Graf selbst sehr alt – so alt, daß er sich eingeredet, der Tod sei für ihn ein überwundener Standpunkt, weshalb er sich nie bemüßigt gefühlt hatte, ein Testament zu machen. Infolgedessen fiel sein ganzes Vermögen an seine Enkelin.

Der Anwalt hatte dieser letzteren soeben die diesbezügliche Mitteilung gemacht, als Strachinsky in den Salon trat, sehr außer Atem, sehr erregt und gefolgt von Minna, die groß, mager, mit der Haltung eines Grenadiers und dem finsteren Gesichtsausdruck einer energischen, gegen das ganze männliche Geschlecht auf der Defensive stehenden alten Jungfer, hinter ihm herschreitend ein Präsentierbrett trug, das sie auf den Tisch vor dem Kanapee stellte.

»Ein Gläschen, Herr Doktor, nur ein Gläschen!« rief Strachinsky.

Der Doktor verbeugte sich dankend und hielt das Glas mißtrauisch an seine Lippen.

»Der Tokaier ist vortrefflich,« bemerkte er, indem er ganz erstaunt schien, irgend etwas »Echtes« bei dem Strachinsky zu finden.

»Ja, ja,« erklärte dieser, »'s kann nicht ein jeder Ihnen einen solchen Tropfen vorsetzen, Herr Doktor. Ich hab' ihn durch einen intimen Freund, den Fürsten Liskat, aus Ungarn bezogen – les restes des grandeurs passées, lieber Doktor!«

Nach dem Genuß des ersten Gläschens wurde der Ritter herablassend. Er klopfte dem Anwalt auf die Schulter.

»Aber genieren Sie sich gar nicht, mein lieber Herbegg, ich bitte Sie, einen solchen Tokaier dürften Sie ein zweites Mal nicht so leicht finden!«

Erika merkte, daß Doktor Herbegg sich in die Lippen biß und daß er das zweite Glas Wein stehen ließ. Er zog seine Uhr, dann sagte er: »Leider habe ich nur wenig Zeit übrig, Komtesse; über gewisse Punkte möchte ich mich, dem Wunsche Ihrer Frau Großmutter gemäß, aber doch mit Ihnen verständigen. Wo und bei wem haben Sie Unterricht genossen?«

»Zu Hause und bei meiner Mutter.«

»Ausschließlich bei Ihrer Frau Mutter?«

»Ja, auch den Unterricht im Französischen und im Klavier.«

Sie brannte darauf, ihre Mutter vor ihm herauszustreichen.

»Meine Frau war eine vorzügliche Pianistin, eine Künstlerin, Schülerin von Liszt,« flunkerte jetzt Strachinsky. – »Spiel' dem Doktor etwas vor, schnell!« befahl er, immer wieder aus seiner Rolle eines zärtlich ritterlichen Vaters fallend, großartig. Sein schroffes Kommando verdroß Erika über die Maßen. Am liebsten wäre sie zum Zimmer hinausgeflogen und hätte die Tür hinter sich zugeworfen, aber sie überwand sich um ihrer Mutter willen und – auch aus Eitelkeit.

Sie schlug den Klavierdeckel zurück und spielte den letzten Satz der Mondscheinsonate von Beethoven, den sie noch mit ihrer Mutter studiert hatte. Ihr Spiel war roh und unausgeglichen, wie das eines jungen, feurigen Menschen, dessen musikalische Triebe noch nie durch die Kultur zugestutzt worden sind, aber ein ungewöhnliches Talent verriet sich in jedem Takt.

»Prachtvoll, Komtesse!« rief der Anwalt, indem er sich, als sie das Klavier verließ, erhob und ihr entgegenging.

»Recht gut, aber zuletzt hast du zweimal danebengegriffen,« machte der Ritter sich wichtig.

Doktor Herbegg achtete nicht auf ihn. »Jetzt muß ich leider scheiden,« fuhr er zu dem jungen Mädchen gewendet fort, »aber lächeln Sie nicht, Komtesse, über den sonderbaren Ausspruch, ich gehe mit leichterem Herzen, als ich gekommen bin. Ihre Frau Großmutter hatte mich hergesendet, um zu rekognoszieren; ich finde eine hochbegabte junge Dame, wo ich fürchten mußte, ein ungebildetes Dorfmädchen anzutreffen!«

Da gaben mit einemmal Erikas überreizte Nerven nach: »Meine Großmutter hatte kein Recht, Sie so etwas fürchten zu lassen. Niemand, der meine Mutter gekannt, hätte so etwas vermuten dürfen!« Er sah sie noch einmal voll an – tiefer, prüfender als bisher. Seine kalten, klaren Augen erwärmten sich. »Verzeihen Sie mir,« sprach er; dabei küßte er ihr die Hand und wollte sich mit einer Verbeugung gegen Strachinsky zurückziehen.

Der aber mußte sich noch rasch einer geistreichen Bemerkung entledigen. »Sie werden zu erzählen haben in Berlin, nicht wahr?« rief er. »Wenigstens haben Sie gesehen, wie es bei einem böhmischen Kavalier zugeht. Kein Fauteuil im Salon – aber Tokaier im Keller. Originell, nicht wahr?«

»In der Tat sehr originell!« bestätigte der Anwalt.

An der Schwelle der Tür blieb er stehen. »Noch eine Frage, Herr Baron,« begann er, den herabgekommenen Gutsbesitzer mit eigentümlicher Schärfe fixierend. »Hat die verstorbene Frau von Strachinsky gar keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, in denen sie das Los ihrer Tochter zu sichern versuchte?«

Eine kaum merkbare Verlegenheit hatte sich bei dieser an ihn gerichteten Frage des Ritters bemächtigt.

»Nicht daß ich wüßte,« sagte er, sich von einem Fuß auf den andern schaukelnd.

Erika erinnerte sich plötzlich, wie sie die Mutter wenige Tage vor deren Tode hatte häufig schreiben sehen.

Indessen fuhr der Ritter, seiner Kontenance völlig Herr geworden, fort: »Übrigens wäre in diesem Fall ein Testament gänzlich überflüssig gewesen. Meine Frau war fest davon überzeugt, daß ich im Falle ihres Todes für ihre Tochter sorgen würde, als ob sie die meine gewesen wäre.«

»Hm!« machte der Doktor. »Und hat Frau von Strachinsky nie zu Ihnen von ihren Berliner Verwandten gesprochen, Komtesse?«

»Nein,« entgegnete Erika nachdenklich. »Die letzten Wochen vor ihrem Tode war sie sehr unruhig und erklärte mir öfters, daß sie, sobald wir einmal völlig ungestört sein würden, mir eine wichtige Mitteilung zu machen hätte. Es kam nie dazu. Sterbend machte sie einen Versuch – der Tod schloß ihr die Lippen. Sie konnte nicht mehr!«

Der Doktor schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte er: »Mich wundert ein wenig, daß Sie, Herr von Strachinsky, der alten Gräfin Lenzdorff nicht den Tod Ihrer Frau Gemahlin mitgeteilt haben.«

Der Ritter nahm einen empfindlichen Gesichtsausdruck an. »Erlauben Sie mir, Herr Doktor,« fragte er diesen mit einem vernichtenden Blick, »zu was hätte ich wohl der Gräfin Lenzdorff den Tod meiner heißgeliebten Frau mitteilen sollen? Die Gräfin Lenzdorff war meine bitterste Feindin. Sie hat sich der Verbindung meiner Frau mit mir nicht nur offen, sondern durch allerhand teuflisch ausgeklügelte heimliche Intrigen widersetzt, und als es ihr nicht gelungen war, unseren Herzensbund auseinanderzureißen, hat sie meine Frau und deren Tochter ziehen lassen, ohne ihr ein letztes freundliches Wort zu geben. Sie hat sich nie mehr um meine Frau bekümmert, so lange sie noch lebte, wie konnte ich annehmen, daß sie der Tod meiner unvergeßlichen Emma interessieren könnte!«

»Aber die Meldung dieses Todes hätte doch das Schicksal Ihrer Stieftochter einigermaßen beeinflussen können!« bemerkte Doktor Herbegg.

»Meine Frau hatte mich zum Vormund ihres Kindes eingesetzt!« rief Strachinsky mit Pathos. »Ein anderer als ich hätte sich dieser mit Opfern jeder Art verbundenen Last entledigt. Ich bin nicht wie die anderen. Meine Frau wähnte offenbar, ihr Kind würde bei mir am zärtlichsten und liebevollsten geborgen sein, ich war weit davon entfernt, ihr Vertrauen zu täuschen. Sie machen große Augen, Doktor. Ja, die Sache kommt Ihnen wunderlich vor, wenn heutzutage ein Mensch noch den Mut hat, an seiner Ritterlichkeit und Uneigennützigkeit zugrunde zu gehen? Das war mein Los! Ich bin ein Marquis Posa, ein Don Quichotte, ein Egmont...«

»Verzeihen Sie, Herr Baron, ich versäume den Zug,« bemerkte Doktor Herbegg, und sich noch einmal tief vor Erika verbeugend, verließ er das Zimmer.

Strachinsky lief ihm mit für ihn erstaunlicher Flinkheit nach, um ihm noch in aller Eile etwas von seiner Uneigennützigkeit und Ritterlichkeit zu erzählen. Kurz danach hörte man einen Wagen davonrollen, worauf Strachinsky in den kahlgeplünderten Salon zurückkehrte, wo seine Stieftochter noch verblieben war. Sein Gesicht strahlte vor Befriedigung, und sich die Hände reibend, rief er: »Jetzt hat die Not ein Ende!« Dann, sich zu Erika wendend, setzte er hinzu: »Ich werde sehr genau zusehen müssen, daß deine Verwandten im Auslande nicht dein Vermögen ausbeuten. Dieser Rechtsanwalt scheint mir ein feiner Vogel, ein Intrigant. Aber ich werde mein möglichstes tun, die Verwaltung deines Hab und Gutes zu überwachen. Eigentlich fällt mir als deinem Vormund diese Verwaltung zu. Übrigens ... in drei Jahren kannst du mündig gesprochen werden, und dann verwenden wir vor allem dein Geld darauf, die Schuldenlast von Luzan zu vermindern.«

 

Er hatte es bei sich ausgemacht, daß er den Haupttreffer gezogen, seine Stieftochter war in dieser Angelegenheit eine Nebenperson, höchstens ein Mittel zum Zweck. Da gestalteten sich die Verhältnisse in einer wenig von ihm gewünschten oder erwarteten Weise. Von Gräfin Lenzdorff kam an Erika ein kurzer, etwas förmlicher Brief, in dem die alte Dame Erika aufforderte, sich zu ihr nach Berlin zu begeben, sich aber auf keinen Fall von Strachinsky begleiten zu lassen; die Gräfin sprach den Wunsch aus, in keinerlei persönlichen Verkehr mit ihm treten zu müssen.

Zu gleicher Zeit war an den Ritter seitens des Doktor Herbegg ein Schreiben gelangt. In diesem wurde Strachinsky formell angegangen, seine Vormundschaft freiwillig niederzulegen. Sollte er sich diesem Ansuchen fügen, wollte die Gräfin gänzlich davon abstehen, seine Verwaltung des Vermögens ihrer Schwiegertochter und Enkelin näher zu prüfen. Der Nutzgenuß Luzans sollte ihm nach wie vor verbleiben. Sollte er jedoch den geringsten Versuch machen, sich in die Verwaltung des ausländischen Vermögens seiner Stieftochter zu mischen, so würde sie als von ihrem Gatten eingesetzte Vormünderin sich dagegen wehren, ja sogar vor einem Prozeß gegen ihn nicht zurückscheuen.

Wenn der Ritter ein gänzlich reines Gewissen gehabt, so hätte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach diesem Ansuchen widersetzt. So begnügte er sich damit, zwei Tage lang zu knirschen und zu toben und besonders in wenig gewählten Ausdrücken auf die alte Gräfin Lenzdorff zu schimpfen – dann machte er einen letzten zärtlichen Versuch, sich bei Erika einzuschmeicheln und sie zu bewegen, für ihn gegen die Großmutter Partei zu nehmen. Als ihm dies nicht gelang, fügte er sich grollend und natürlich nicht, ohne sich auch bei dieser Gelegenheit in seinen stark mitgenommenen Märtyrermantel zu hüllen. Abgestumpft wie er war, fand er sich mit seiner Enttäuschung ziemlich leicht ab. Anfänglich trug er zwar seiner Stieftochter gegenüber einen großartigen Paradegroll zur Schau – späterhin floß er über von guten Ratschlägen, ging ihr auf Schritt und Tritt nach und ächzte jedesmal für sie, wenn sie eine Last aufhob oder sich bückte.

Erika befand sich indessen in einem Zustand maßloser Aufregung. Am Morgen ihrer Abreise, als ihr Koffer bereits gepackt war, machte sie noch einen Spaziergang. Erst besuchte sie ein letztes Mal das Grab ihrer Mutter, dann ging sie in den Garten. Bei allen ihren Lieblingsplätzen hielt sie sich auf, wobei sie schaudernd vermied, nach der Stelle an der niedrigen Gartenmauer zu blicken, von der aus sie ihre Mutter hatte über die Wiese dem Strome zueilen sehen.

Aber wie sie sich auch abwandte, sie fühlte den Strom hinter sich, sie hörte seine Stimme, von zerflossenem Winterschnee angeschwollen, mächtig und klagend. Ein weicher Föhn glitt über die Erde hin und mischte seine Seufzer mit der ernsten Stimme des Wassers. Alles zitterte und bebte, in jedem Baum, in jeder neuentsprossenen Pflanze pochte es – über die ganze Natur breitete sich's wie eine süße Qual – das Fieber des Frühlings! Und mit einemmal fühlte sie sich mitgerissen von der sie umgebenden Erregung; eine Sehnsucht, die keinen Namen hatte, die ihr Ziel nicht sah, sie zum Himmel emportrieb, erfüllte sie, und zugleich hielt sie eine schwüle Mattigkeit, die sie nie früher empfunden, auf der Erde gefangen.

Und wieder stieg die Erinnerung an den jungen Künstler aus ihrer Seele empor, der halb verhungert dort neben dem schmalen, träumerisch dem Strom zuplätschernden Bach ihr Bild gezeichnet hatte. Sie sah ihn deutlich vor sich – ihr Herz fing plötzlich an, heftig zu schlagen. Sie eilte in das Dorf an die Stelle, wo er sie gemalt. Der noch vom geschmolzenen Schnee angeschwollene Bach sprudelte wasserreicher als zu jener heißen Hochsommerzeit munter über Stock und Stein, um das rötliche Geäst der Weiden schimmerte es silbergrau von frisch aufgesprungenen Kätzchen, und an den Ufern glänzte etwas Blaues – die ersten Vergißmeinnicht. Sie bückte sich danach.

In demselben Augenblick hörte sie die Stimme Minnas rufen: »Rika, wo stecken Sie?«

Sie schrak zusammen – dabei strauchelte sie auf dem nassen, glitscherigen Boden. Bei einem Haar wäre sie in den Bach hineingerutscht – aber nein, sie hielt sich aufrecht. Die Vergißmeinnicht hatte sie nicht erobert – sie wuchsen zu tief drinnen im Schlamm – sehnsüchtig blickte sie ihnen nach – und ging ihren Weg. Als sie ins Haus zurückkam, stand der Wagen bereits im Hofe – ein großer, grüner Glaswagen, der bei der geringsten heftigen Bewegung auseinanderfiel und inwendig mit hell- und dunkelbraun gestreiftem Zwillich ausgeschlagen war – das schäbigste Gehäuse, das sich je auf vier Rädern weiterbewegt hat.

Zugleich mit dem Wagen stand in dem Hofe ein schwerfälliger Karren, auf den das Gepäck verladen wurde. Der Ritter von Strachinsky kommandierte laut mit den Knechten herum, welche die Kisten auf das Stroh hinaufschoben. Im Hause war alles drunter und drüber. Ein hastig hingestelltes, wenig einladendes Frühstück befand sich auf dem Tische des Speisezimmers. Erika konnte nichts essen. Eilig schlüpfte sie in ihre Stube und setzte ihren Hut auf.

»Schnell, schnell!« rief Minna von unten.

Sie lief hinab. Jetzt war sie über die Schwelle getreten. Ein leiser Regen zitterte durch die laue, leicht bewegte Luft. Der Ritter von Strachinsky half ihr mit steifer Grandezza einsteigen. »Ich begleite dich nicht zur Bahn,« bemerkte er, »ich fahre nicht gern im geschlossenen Wagen. Adieu!« Zärtlicheres hatte er ihr nicht zu sagen. Klirrend flog die Wagentür zu – die Pferde zogen an. So rasselte Erika zum Tore hinaus, neben ihr Minna, abgehetzt, mit einem sehr roten Gesicht und einer Handtasche auf den Knien, vor ihr eine Pappschachtel und zwei Schalpakete. Der Wagen muffig, nach Moder riechend und nach altem Leder. Sie öffnete eines der Fenster.

Dieselbe Straße fuhren sie entlang, in der sich damals das Begräbnis ihrer Mutter weiterbewegt hatte. Die Wagenräder knirschten. Dort hinter den Feldern ragte die Kirchhofsmauer. Sie steckte den Kopf hinaus – der Kutscher peitschte in die Pferde, sie griffen aus – der Kirchhof verschwand. Erika war's, als risse man ihr das Herz aus dem Leibe.

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