Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ossip Schubin >

Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
Schließen

Navigation:

Die Tage folgten den Tagen, die Wochen den Wochen. Berlin wurde leer; Goswyn begegnete kaum mehr einer bekannten Dame auf der Straße. Die Luft war schwül, der Tiergarten von der Sonne verbrannt die ganze Stadt dumpfig und durstig, nach nassem oder gebranntem Asphalt riechend.

Eines Tages schrieb Gräfin Brock ihrem Neffen, er möge sich doch zu ihr bemühen. Sie sei im Begriff, nach Homburg zu reisen, und würde sich freuen, wenn er vorher ihre halbjährige Abwicklung mit ihrem Bankier prüfen wolle. Da sie sehr mißtrauisch war und absolut nicht rechnen konnte, wendete sie sich immer mit ihren Geschäftsnöten an ihn, und so wenig er sie auch mochte, hatte er sich nie geweigert, ihr einen Dienst zu leisten.

Letzterer Zeit freilich hatte ein gespanntes Verhältnis zwischen ihm und ihr geherrscht, und zwar hauptsächlich, weil Gräfin Brock Dorothee von Sydow seit dem Selbstmord Ottos nicht nur bei sich aufgenommen, sondern sich auch mit aggressiver Geschmacklosigkeit um die Befestigung der unhaltbar gewordenen gesellschaftlichen Stellung Dorothees bemüht hatte. Sie verbrachte seit dem Unglücksfall ihre Zeit damit, von einer Bekannten zur anderen zu rennen, Dorothees Tugendhaftigkeit zu beteuern und Selbstmordgründe für Otto zu erfinden. Der Ohrenkrebs und ein unheilbares Herzleiden spielten bei diesen Phantasien eine große Rolle. Als glänzenden Beweis der unveränderlichen Achtung des Verstorbenen für seine Frau führte sie an, daß dieser, obgleich er, kurz ehe er Hand an sich gelegt, ein Testament niedergeschrieben habe, in dem Dorothee so gut bedacht war, als es das Majorat zuließ.

Das Resultat ihrer zudringlichen Anstrengungen gipfelte hauptsächlich darin, daß das Gerede über die fatale Katastrophe viel länger dauerte, als es unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre, und daß sie ... immer weniger ihrer intimsten Bekannten zu Hause antraf. Natürlich war dies alles Goswyn höchst widerlich und hatte er ihr über die Unsinnigkeit ihres Gebarens einmal die Leviten gelesen. Sie hatte ihm eine Szene gemacht, und er war schließlich unversöhnt von ihr geschieden. Infolge dessen verwunderte ihn der über alle unangenehmen Erinnerungen erhabene Gleichmut, mit dem sie ihn zu sich berief, nicht wenig. Aber von Tante Brock konnte man auf alles gefaßt sein. Da es ihm in seiner momentanen Stimmung gänzlich gleichgültig war, was er mit sich anfing, fand er sich pünktlich um die von ihr bestimmte Stunde bei ihr ein.

Ihr Hausstand war bereits desorganisiert; anstatt des Dieners öffnete die Kammerjungfer dem jungen Offizier die Tür, eine schreckliche alte Person, welche von der bösen Fee hauptsächlich ihrer hervorragenden und unbedrohten christlichen Tugenden wegen gehalten wurde. Seit die Brock Dorothee unter ihre Fittiche genommen, widmete sie sich nämlich mit Fanatismus der Unterstützung von allerhand erbaulichen christlichen Vereinen – vielleicht, um der Gesellschaft gegenüber für der jungen Witwe Tadellosigkeit besser Kaution legen zu können.

Die anmutige Jungfer hatte eine große blaue Schürze umgebunden und trug auch im übrigen die Spuren des Packens deutlich an sich. In den Zimmern, durch welche sie Goswyn führte, waren die Möbel bereits alle mit hellgelben Leinwandkappen überzogen, die Lüster hingen in langen weißen Säcken, die Nippsachen waren weggeräumt. Alles machte einen über die Maßen kahlen, ungemütlichen Eindruck. Da hörte er schon von weitem Dorothees kicherndes Lachen – es war noch heller geworden, noch gläserner als früher –, dazwischen eine fremde Stimme.

»Ist Besuch da?« wendete er sich mit schroffer Ungeduld an die Jungfer, die an seiner Verstimmung ganz unschuldig war und, etwas unwillig zu ihm aufsehend, erwiderte: »Nur Frau von Geroldstein.«

Schon wollte er umkehren und sagen: Da werde ich später wiederkommen, als er plötzlich deutlich den Namen »Erika« vernahm. Seine Schwägerin sprach ihn aus, mit welcher Betonung, mit welch triumphierend höhnischer Betonung: »Diese Erika – nein, diese Erika!« Und dann kicherte sie.

Die Möglichkeit, daß irgend jemand etwas von Erikas unsinnigem Vorhaben erraten, daß ihr Ruf gelitten haben könne, war ihm auf den Brief der Großmutter hin gar nicht eingefallen.

Ein jäher Schrecken durchfuhr ihn. Offenbar ahnte Dorothee etwas. Die Wut schnürte ihm die Kehle zu. Wollte die sich's vielleicht herausnehmen, Erika durchzuhecheln? Und das sollte er ruhig geschehen lassen? Nein! – Ohne sich's weiter zu überlegen, eilte er vorwärts.

Das Boudoir, in welchem er empfangen wurde, sah noch um ein Bedeutendes unerquicklicher aus als die anderen Räume der Wohnung. Ein halbvollgepackter Handkoffer lag auf einem Kanapee, ein offenbar soeben von der Schneiderin gesandter eleganter Staubmantel auf einem anderen. Dorothee stand vor einem Spiegel und probierte einen neuen Hut. Anstatt der tiefen Krepptrauer, die sie vor kurzem noch geradezu übertrieben, trug sie jetzt ein schwarzes Spitzenkleid, das ihr allerdings vortrefflich ließ und dessen Pariser Herkunft deutlich auf jeder seiner überaus einfach gerafften Falten stand. Ihr ehemals aschblondes Haar hatte einen malerisch goldenen Schimmer bekommen, der entschieden künstlich hergestellt war, auch der Glanz ihrer großen grünschillernden Augen war durch feingepinselte Schatten künstlich erhöht. Sie hatte ihr Parfüm gewechselt, vielleicht um unangenehmen Erinnerungen auszuweichen, und der Duft, der jetzt, von ihren Effekten ausgehend, das Zimmer durchströmte, war betäubend. Auf Goswyn wirkte dieser Duft ebenso wie die ganze Persönlichkeit seiner Schwägerin widerlich. Er sagte sich, daß sie bereits den ersten Schritt getan hatte auf dem steil abwärts laufenden Wege, den ihr die Zukunft vorzeichnete.

Frau von Geroldstein, die es offenbar noch nicht ahnte, wie scheel die Prinzessin bereits von der Gesellschaft angesehen wurde, stand hinter ihr und bewunderte, als Goswyn eintrat, den neuen Hut.

»Nicht wahr, er kleidet gut,« sagte Dorothee, »aber das ewige Schwarz ist mir doch fatal, ich werde mir einen blauschillernden Vogel hineinsetzen lassen. In Berlin dürft' ich ihn nicht tragen, aber auf Reisen...«

Da gewahrte sie Goswyn, der, in der Tür stehend, sie mit eigentümlich wegwerfendem Gesichtsausdruck betrachtete. Sie wechselte die Farbe, nahm den Hut, welchen sie indes mit beiden Händen festgehalten – sie hatte reizend ausgesehen mit dem feinen, leicht zurückgebogenen Oberkörper und den emporgehobenen Armen –, ab und legte ihn so hastig weg, daß er auf die Erde fiel. Frau von Geroldstein hob ihn auf. Wie immer übertrieben modisch gekleidet, mit unheimlich eingezwickter Taille und in Affektation ersterbend, blickte sie mit ihren schwarzen Gazellenaugen schmachtend zu Goswyn auf und lispelte, ihm die Fingerspitzen reichend: » Bon jour, baron!«

Obgleich sie seit Jahren eigentlich viel mit der guten Gesellschaft verkehrte, kopierte sie in ihren Manieren noch immer die Gräfin aus dem Lustspiel oder aus dem Leihbibliothekroman.

Dorothee fing sofort an zu kichern, ohne daß irgend jemand gewußt hätte, weswegen. Soeben wollte ihr Schwager ihr übellaunig den Grund ihrer unangenehmen und irritierenden Heiterkeit abfragen, als die böse Fee aus irgendeinem düsteren Winkel auf ihn zukam. Sie gab ein bezauberndes Bild ab in einem malerischen, mit Silberborten besetzten grauen Schlafrock, den sie von Dorothee geerbt und über den sie beständig stolperte, weil er ihr um eine Spanne zu lang war, weshalb sie ihn jetzt mit beiden Händen über dem Magen an sich hielt.

»Schön, daß du kommst, Goswynchen,« rief sie, »aber du mußt entschuldigen, ich habe momentan keine Zeit für dich. Ich habe soeben einen Artikel vollendet über »Antonius und Kleopatra«, den ich zu einem wohltätigen Zweck, natürlich vom abschreckenden Beispiel aus, für den Verein christlicher Jungfrauen veröffentlichen wollte, und jetzt kann ich ihn nirgends finden. Meine Jungfer behauptet, sie habe ihn eingepackt, aber sie wisse nicht wo. Es ist zum Rasendwerden! Ich kann mich dir nicht widmen, eh ich das Manuskript wiederhabe. Nimm nur Platz indessen, das heißt, wenn du einen Stuhl findest, auf dem noch nicht schon etwas liegt. Hi, hi, hi!«

Das war allerdings schwer. Nach einer Weile jedoch hatte der junge Mann einen Sitz entdeckt, und zwar neben einem Tisch, auf dem zwischen allerhand anderen Dingen drei Gläser Eiskaffee standen, und an dem sich auch Dorothee und die Geroldstein niedergelassen hatten. Die böse Fee fuhr indessen fort, unruhig herumzustolpern, alle Gegenstände umzudrehen, ihren Blick abwechselnd auf und unter die Möbel zu richten, bis sie sich endlich vor dem offenen Handkoffer auf dem Sofa niederkniete und nun mit leidenschaftlicher Hast den ganzen Inhalt daraus hervorzuzerren und um sich herum auf den Teppich zu streuen begann, einen Reise-Teeapparat, eine flanellene Nachtjacke, eine Flasche Eau de Cologne usw.

»Du kommst gerade recht!« rief jetzt Dorothee ihrem Schwager zu; »Frau von Geroldstein erzählte mir soeben die interessantesten Dinge aus Venedig. Die Erika hat sich das ganze Frühjahr hindurch von einem verführerischen Maler die Cour machen lassen. Denk' dir, die spröde Erika! Es geht die Sage, sie habe sich ihm eines schönen Tages, alle Standesrücksichten großartig in die Tasche steckend, an den Kopf geworfen, und da – da ...« – Prinzeß Dorothee wollte sich totlachen –, »da hat es sich herausgestellt, daß er schon verheiratet ist, und zwar an irgendein Modell aus den Batignolles!«

Plötzlich blieb ihr das Lachen in der Kehle stecken, etwas in Goswyns Blick erschreckte sie. Ein dumpfes Schweigen folgte. Mitten hinein ertönte die Stimme der bösen Fee, lieblich und zärtlich:

»Goswynchen, du kannst meinen Eiskaffee austrinken; ich habe daran genippt, aber das geniert dich doch nicht!«

Ohne auf diese einschmeichelnde Einladung irgend etwas zu erwidern, fragte jetzt Goswyn seine Schwägerin schroff: »Und du glaubst diese alberne Klatscherei?«

»Mein Gott, etwas davon wird doch wahr sein! Übrigens hat die Geschichte noch eine Fortsetzung,« erwiderte giftig Dorothee. »Es heißt, daß die keusche Erika die Absicht hatte, mit dem Maler durchzugehen.«

»Dorothee!« rief Sydow außer sich. Er fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn stieg, er hätte dreinschlagen, Dorothee des Lügens zeihen wollen, und konnte doch nichts, als noch einmal mit halberstickter Stimme rufen: »Dorothee!«

»Das war nur so ein Gerücht,« lispelte Frau von Geroldstein – »ein Gerücht, dem niemand weniger Glauben schenkt als ich. Es basiert darauf, daß man die Komtesse Lenzdorff zu etwas ungewöhnlicher Stunde nach der Richtung des Bahnhofs hat zugondeln sehen, wobei allerdings eine schwarze Reisetasche in der Gondel lag. Mir wäre es natürlich gar nicht eingefallen, irgend etwas – ha, ha, ha – Unpassendes daraus zu folgern – mir fällt überhaupt nie etwas Unpassendes ein –, aber es war sonderbar, daß sie sich zu dieser abendlichen Spazierfahrt gerade einen Tag aussuchte, an dem sie allein zu Hause geblieben und unter dem Vorwand einer Migräne es abgelehnt hatte, ein Fest zu besuchen, bei dem ganz Venedig anwesend war.«

»Nur Sie nicht, liebe Geroldstein, scheint's,« grunzte vom anderen Ende des Zimmers herüber die böse Fee. Ihrer Protegé von Zeit zu Zeit einen Klaps zu erteilen, erschien ihr dringend notwendig.

»Hm! Erst verlobt sie sich mit einem alten Engländer, der sie sitzen läßt, dann verliebt sie sich in einen jungen Maler, der verheiratet ist – ich möchte nur wissen, welcher Mann sich nach all den schönen Geschichten noch entschließen wird, die Erika zu heiraten,« sagte indessen Dorothee und blickte triumphierend den Schwager an.

Einen Moment zögerte er, dann, sich zugleich erhebend, sagte er ruhig: »Jedenfalls ein Mann, der sich's nicht nur zum Glück, sondern zur Ehre anrechnen wird, wenn sie seine Hand annimmt.«

»Da! ... Was sagt ihr dazu? Meine Schlafpantoffeln hat sie hineingepackt!« schrie jetzt die böse Fee, indem sie sich stöhnend von ihren Knien erhob und mit Entrüstung in der einen Hand einen braunen, mit einer Edelweißkokarde gezierten Filzpantoffel, in der anderen einen sehr langen zerknitterten Papierbogen über ihrem Haupte schwang. »Aber was hast du nur, Goswynchen, was machst du für ein Gesicht?«

»Er denkt sich soeben mit leidenschaftlichem Schwung in die Rolle des Helden hinein, der sich in Zukunft um Erika Lenzdorffs Hand melden wird,« deklamiert Dorothee mit Pathos.

»Wenn von solchen Dingen bei der guten Erika noch überhaupt die Rede sein dürfte,« murmelte die Fee, »nach dem, was mir Anna Lenzdorff kürzlich schrieb.«

»Was schrieb sie dir?« frug Goswyn hastig.

»Ach, nichts – nur daß Erika vor sechs Wochen an einem sehr tückischen Lagunenfieber erkrankt ist.«

»Aus unglücklicher Liebe wahrscheinlich,« schaltete Dorothee ein.

»Und daß es durchaus nicht besser werden will; der Arzt verliert die Hoffnung,« fuhr, ohne die Parenthese ihrer Nichte zu beachten, Gräfin Brock fort. »Mir ist sehr leid um Anna, sie hat ihr Herz an das Mädchen gehängt. An wen fällt denn das Vermögen der Erika, wenn sie stirbt, Goswyn? – Du gehst schon ...? Ich hätte dir so gern mein erstes Kapitel vorgelesen ...«

»Vom abschreckenden Beispiel aus,« kicherte Dorothee.

»Und meine Rechnung!« erinnerte sich die Brock.

»Ich kann wirklich nicht länger bleiben,« erwiderte Goswyn, »ich besuche dich lieber ein andermal, wenn du allein bist,« setzte er, die Worte betonend, hinzu, und ohne seine Schwägerin zu grüßen, verließ er das Zimmer.

» Voilà que vous avez un ennemi de plus – dans votre position c'est bien utile!« rief jetzt aufgebracht die Gräfin Brock ihrer Nichte zu; dann, immer in ihrem zweifelhaften Französisch, fuhr sie fort: »Du bist von einer Unvorsichtigkeit! Par exemple – wie klug de ce mettre la-celle, dont nous parlons – à dos – mais Anna Lenzdorff – c'est une puissance sociale!«

Offenbar hatte sie diese lange Rede französisch gehalten in der Idee, daß Frau von Geroldstein, die sie abwechselnd zu ihren Freundinnen und zu ihrem Dienstpersonal rechnete, dieses Idiom nicht verstehe, und sich zu derselben wendend, erklärte sie verbindlich lächelnd: »Nur ein paar Details, ein paar intime Details wegen unserer Reise.«

Die Geroldstein biß sich die Lippen. Unwillkürlich hatte ihr die Brock einen Wink gegeben. Sie hatte begriffen, daß der Augenblick, Erikas guten Ruf dem Amusement Prinzeß Dorothees preiszugeben, noch nicht gekommen sei, und den Vorsatz gefaßt, danach zu handeln.

Dorothee stand in der Mitte des Zimmers totenblaß und lächelnd – mit demselben Lächeln, das in allen kritischen Lebensmomenten auf ihre Lippen trat, den Blick auf die Portiere gerichtet, hinter der Goswyn verschwunden war.

»Meinetwegen ist sie ein Engel, seine Erika,« »aber eine Gans war sie doch, sonst hätte sie nicht sechs Jahre lang verfließen lassen ...« Ohne ihren Satz zu Ende zu sprechen, blickte sie in den Spiegel und änderte etwas an ihrer Frisur.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.