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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Heiter lachte Erika die Zukunft nicht. Sie war sich dessen vollständig bewußt. Ohne Glückwunsch, ohne Segen würden sie in die Welt ziehen, er und sie! Ihr schauderte ... Und doch ... eigentlich machte ihr die unendliche Traurigkeit, welche ihre aufopfernde Liebe umgab, dieselbe doppelt teuer; der Schmerzensdurst, der seit einiger Zeit ihr überreiztes Nervensystem durchdrang, meldete sich auch diesmal in ihr. Sie suchte den Schmerz überall: in der Poesie, in der Musik, in der Kunst; er lockte sie auch in der Lebensaufgabe, die sie auf sich genommen. – Er lockte sie in der Liebe.

Immer in demselben begeisterten Taumel lebte sie die Stunden hin. In der Nacht schlief sie besser als seit langem.

Gegen elf Uhr ging die alte Gräfin aus, um ihren täglichen kleinen Vormittagsspaziergang zu machen. Bald nachdem sie sich entfernt hatte, meldete Lüdecke Herrn von Lozoncyi.

Erika ließ ihn heraufbitten. Kaum hatte sie einen Blick auf sein Gesicht geworfen, wußte sie schon, daß die Möglichkeit einer Befreiung für ihn ausgeschlossen sei.

Ohne ein Wort zu reden, reichte sie ihm die Hand; die seine war eiskalt und zitterte in der ihren, er sah elend aus, blaß, verfallen, mit großen heißen Augen.

»Setzen Sie sich,« begann sie nach einer Pause linkisch. Die Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. Zugleich ging ihr ganzes Wesen auf in qualvoll zärtlichem Mitleid.

Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht der Mühe wert,« sagte er mit fast tonloser Stimme – der Stimme eines Menschen, der unter einer schweren Last zu Boden sinkt. »Seit einer Stunde warte ich den Augenblick ab, wo ich Sie allein sprechen kann, um Ihnen das, was ich Ihnen mitteilen muß, unter vier Augen sagen zu können. Es ist nicht viel. Ich habe mit ... meiner Frau gesprochen. Sie willigt in keine Scheidung, und ohne ihre Einwilligung ist eine Scheidung nicht zu erreichen. Scheidungsgründe – offizielle Scheidungsgründe – hat sie mir nie gegeben. Nein, nie – so seltsam es scheint von einer Frau wie sie. Gestern abend hab' ich mit ihr gesprochen, natürlich ohne Sie zu nennen, Gräfin Erika. Es hat eine Szene gegeben, eine widerliche Szene ... und jetzt ...« – seine Stimme klang immer schwächer – »jetzt ist alles zu Ende!« Er legte die Hand auf die Lehne eines Sessels, wie um sich auf etwas zu stützen. Einen Moment blieb er stumm, dann fuhr er fort: »Ich hätte Ihnen den Bescheid brieflich geben sollen, es wäre vernünftiger gewesen ... ja, vernünftiger – viel ...« Er tastete nach seinen Worten wie einer, der halb bewußtlos ist vor Schmerz. »Aber ich hab' mir's nicht versagen können, Sie noch einmal zu sehen – mich noch einmal so recht satt zu sehen an Ihnen. Leben Sie wohl – jetzt ist's genug, ich geh' – es ist besser, ich geh'.«

Sie stand da wie angewurzelt, blaß, stumm; immer fieberhafter, unruhiger, hastiger suchte sie einen Trost für ihn, für sich. Was konnte sie ihm denn jetzt noch Liebes tun? Die Brücke war abgebrochen zwischen ihm und ihr, es lag eine Kluft zwischen ihnen wie zwischen Tod und Leben. Sie suchte einen Weg, der sie hinüberführen sollte zu ihm – sie konnte keinen finden, alles schwankte um sie herum.

»Leben Sie wohl!« murmelte er. »Wenn man bestimmt ist, in einem zu niedrigen Raum zu leben, so ist es besser, daß man sich einfach hineinfügt, auf allen vieren zu kriechen. Es tut weh, sich aufrichten zu wollen, und seit ich Sie kennengelernt, seit ich Sie wiedergesehen, hatte ich das Bedürfnis, mich aufzurichten. Ich büße jetzt dafür. Aber es war doch schön! Haben Sie Dank für alles, für die Freude und den Schmerz, Sie Herrliche, Unvergeßliche!« Seine Stimme brach; er wendete sich ab und streckte ihr zugleich die Hand entgegen zum Abschied – eine blasse, schmale, zitternde Hand.

Warum fiel ihr bei dem Anblick derselben die magere Hand des halbverhungerten jungen Malers ein, dem sie als kleines Mädchen nachgelaufen war, um sein Elend zu lindern? – Und jetzt konnte sie nichts für ihn tun – nichts! ... Wirklich nichts ...? Mit einemmal kam es ihr.

Sie brauchte ja nur die Arme auszustrecken, gänzlich ihrer selbst zu vergessen, um seine Qual in Seligkeit umzuwandeln. Ihr schwindelte. Das Mitleid kam über sie wie eine Raserei, alles in ihr schwankte und brach – es war, als ob ein Erdbeben ihre Seele durchschüttert hätte. Was früher oben gewesen, war jetzt unten, und mitten aus dem wirren Chaos kam ein Gedanke, der sie allmählich überwältigte, erst formlos wie ein Traum, dann nach und nach schärfer, immer schärfer ausgeprägt wie ein Gebot.

Sie hob den Kopf, stolz, entschlossen. »Haben Sie den Mut, mit allem zu brechen, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen?« fragte sie. »Ein neues Leben?« murmelte er; und blinzelnd, unsicher, als traue er seinen Sinnen nicht, als habe er Angst, etwas Ungeheuerlichem, Unmöglichem Worte geliehen zu haben, setzte er hinzu: »Mit Ihnen?«

»Ja,« erwiderte sie.

Er fuhr zusammen, trat einen Schritt zurück und sah ihr voll ins Gesicht, sprachlos, atemlos.

Eine brennende Nöte stieg ihr in die Wangen. »Sie haben den Mut nicht,« sagte sie finster. »Nun denn – « Mit einer stolzen, herrischen Gebärde wendete sie sich ab.

Er aber hielt sie zurück. »Ich den Mut nicht?« rief er, ihre Hand erfassend und sie an seine Lippen ziehend. »Fragen Sie einen Verdurstenden, dem Sie einen Becher frischen Wassers reichen, ob er den Mut nicht hat, zu trinken! Von mir ist nicht die Rede, aber von Ihnen. Haben Sie denn eine Ahnung davon, was Sie auf sich nehmen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Man hat mich gewöhnt, dem Leben gerade ins Gesicht zu sehen; ich weiß, was ich tue,« behauptete sie. »Ich weiß, was die Folgen meiner Handlung sein werden; ich weiß, daß ich auf den Verkehr mit keinem Menschen mehr rechnen kann außer auf den mit Ihnen, daß ich keine Zufluchtsstätte haben werde außer an Ihrer Seite; ich weiß, daß ich in den Augen der Welt eine Verlorene sein werde – und dennoch, wenn ich die Überzeugung hegen darf, Ihre gebrochene Existenz aufzuhellen, zu läutern und zu veredeln, bin ich bereit!«

Ihre jederzeit weiche, ungemein zu Herzen dringende Stimme war leicht umflort und zitterte fast befangen; sie hielt die Hände gefaltet und gegen die Brust gedrückt, das Haupt hoch erhoben; ihre Augen schienen größer als gewöhnlich durch den ekstatischen Blick, der daraus sprach.

»Erika!« jauchzte er, und der Ton erstickte fast in seiner Kehle; dann stürzte er auf sie zu, um sie in seine Arme zu schließen, den ersten Kuß von ihren Lippen zu trinken. Da aber wehrte sie ihn mit einer scheuen, verwirrten Bewegung von sich ab. Es war fast, als sei sie von einer plötzlichen Beklemmung und Beängstigung überkommen; und als er nun in schroffem, vorwurfsvollem und zugleich staunendem Ton wiederholte: »Erika!« – da legte sie die Hand an die Stirn und murmelte: »Mein ganzes Leben gehört Ihnen, gönnen Sie mir nur noch ein paar Stunden, um mich zu sammeln, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen!«

Er lächelte zu ihrer Zurückhaltung und begnügte sich vorläufig damit, sie bei der Hand zu halten und diese ein paarmal hintereinander zärtlich an seine Lippen zu drücken. Dabei sagte er einschmeichelnd: »Vorbereitungen? – O mein süßes, entzückendes Mädchen! Kommen Sie heute um zehn Uhr auf den Bahnhof, und wir fahren nach Florenz. Alles andere ist meine Sache!«

»Heute ist es unmöglich,« sagte sie nachdenklich, »es ist unser Empfangsabend; ich könnte mich nicht entfernen, ohne daß man mir nachforschen würde.«

»Und morgen?« drang er in sie, immer mit derselben weich einschmeichelnden, drängenden Stimme, immer rascher artikulierend.

Alles in ihm verriet die fiebernde Hast eines Menschen, in dem die bis dahin gewaltsam zurückgehaltene Leidenschaft plötzlich entfesselt, alles um sich herum niederreißend, auf ihr Ziel losstürzt.

»Morgen ...« wiederholte sie beklommen, »morgen ...«

»Zögern Sie nicht, Erika, wenn Sie wirklich entschlossen sind!«

»Ja, morgen – wär's möglich!« Die Worte fielen Silbe für Silbe klanglos in einer Art Stakkato von ihren Lippen.

»Erika!« Die Sonne ging auf in seinen Augen, alles an ihm war wie verklärt.

»Ja,« fuhr sie fort, »Konstanze Mühlberg hat für morgen ein großes Abschiedsfest in Szene gesetzt, eine Partie de plaisir nach Chioggia in einem eigens zu diesem Zweck gemieteten Dampfer. Meine Großmutter soll die Schutzpatronin der Veranstaltung sein. Sie kann Konstanze nicht im Stich lassen, weil die Arme als geschiedene Frau ihrer Stütze bedarf. Ich werde im letzten Moment ablehnen, meine Großmutter zu begleiten. Dann bin ich frei. Wann soll ich kommen?«

Dann besprachen sie noch einige andere Einzelheiten, die zu ordnen nötig waren, bestimmten die Stunde, um die sie sich auf dem Bahnhof treffen würden. Alle diese nüchternen Präliminarien verletzten Erika unsäglich, wie einen die geschäftlichen Abmachungen vor einem Begräbnis verletzen, überhaupt war ihr das Präzisieren der Angelegenheit, das Herabziehen ihres begeisterten Traumes in die grelle, deutliche Wirklichkeit unaussprechlich peinlich. Ihre Phantasie war an einer bestimmten Grenze der Situation stehen geblieben. Eine schreckliche Befangenheit lähmte sie; sie wurde sehr still, während er hastig die oder jene Bestimmung traf.

»Ich kann an mein Glück nicht glauben,« murmelte er. »Wenn man Sie ansieht, wie Sie dasitzen in Ihrem weißen Kleide, so keusch und ernst und mit diesem heiligen Licht in den Augen, wie eine Märtyrerin, die sich zum Sterben vorbereitet, und nicht wie ein liebendes Weib, das alle Schranken durchbricht, um ...«

Was war denn in diesen der Sachlage nach naturgemäßen Worten, das sie verletzte, so tief verletzte, daß sie mit einer gewissen Schroffheit ihm in die Rede fiel und ihn ermahnte: »Und jetzt, ich bitte Sie, gehen Sie!«

Er sah sie betroffen an. Sie schlug die Augen nieder, und mit heiß errötenden Wangen stammelte sie: »Meine Großmutter wird sogleich nach Hause kommen, und ich möchte Sie nicht gern mit ihr beisammen sehen!«

»Sie haben recht,« sagte er, die Farbe wechselnd. »Ihre Großmutter war immer so gut gegen mich, und jetzt...«

»Gehen Sie!«

»Und morgen im Laufe des Tages darf ich Sie nicht besuchen?« »Nein!«

»Und – abends – um neun?«

Sie schlug die Augen mit einer seltsam finsteren Entschlossenheit voll zu ihm auf: »Ich werde pünktlich sein!«

Sie drängte ihn gegen die Tür.

»Morgen um neun Uhr!« flüsterte er.

»Morgen um neun Uhr!« wiederholte sie.

Eine Minute später stand er allein auf dem sonnenbeschienenen Campo hinter dem Hotel.

Er rieb sich die Augen – ihm war's, als erwache er langsam aus einem schönen, unwahrscheinlichen Traum.

 

Als er nach Zause zurückkehrte und das hübsche Gärtchen betrat, in dem er so oft für Erika die Rosen abgeschnitten hatte, erblickte er unter einem Maulbeerbaum, dessen weißlich-graue Äste gänzlich von blütenbeladenen Rosenranken umschlungen waren, eine üppige Frauengestalt, deren goldenes Haar in der Sonne glänzte. Sie saß in einem Lehnsessel von Korbgeflecht und beschäftigte sich mit einer leichten Häkelei. Wie flink und präzis war, während sie arbeitete, jede Bewegung ihrer etwas großen, aber tadellos geformten Hände!

Sie war ein wenig stark; aber auch das hatte etwas für sich. Diese vollen runden Schultern erweckten die Vorstellung einer ungebrochenen Kraft. Er konnte nicht umhin, seine Blicke länger auf ihr verweilen zu lassen. Er staunte. Gestern – welche Aufregung, welcher Zorn, welches Geschrei; zerrissene Kleider, zerschlagenes Geschirr, zerbrochene Möbel – und heute – nach einer Szene, die jede andere Frau krank gemacht hätte – keine Spur von Ermattung, kein dunkler Schatten unter den stahlgrauen, dunkelblond bewimperten Augen, kein Fältchen um den etwas großen Mund. Welch ein Born von unverwüstlicher Lebenskraft in dieser Frau, welche unverbrauchbare, triumphierende Gesundheit! Nie eine Spur von Nervosität, von unnützer Aufregung, und keine Ahnung von Überspanntheit!

Ach, sie hatte ihre guten Seiten, das ließ sich nicht leugnen. Er seufzte – er hörte sich seufzen – kam zum Bewußtsein der Richtung, welche seine Gedanken eingeschlagen, und erschrak vor sich. War es möglich, daß schon nach kaum zweitägigem gezwungenem Beisammensein, einem Beisammensein, das er, wenn er ihm nicht ausweichen konnte, dazu benutzte, ihr seinen Haß und seine Verachtung in die Zähne zu werfen, eine alte Gewohnheit ihr Recht verlangte?

Immer noch häkelte sie. Die Sonne kroch zwischen den eng verschlungenen Ranken der blütenbeladenen Kletterrosen hindurch und glitzerte auf dem grauen Stahl der Häkelnadel. Jetzt schien sie ihr in die Augen; sie rückte ihren Stuhl zurecht, um dem blendenden Licht auszuweichen; dabei erblickte sie ihn. Anstatt wie gestern ihm finstere Blicke zuzuwerfen, nickte sie ihm zu, in der Sonne blinzelnd mit ihren eigentümlichen, katzenartigen Augen, und lächelte langsam phlegmatisch, wobei sie eine Reihe perlengleicher, sehr weißer Zähne zeigte. Ärgerlich, als ob sie sich ihm gegenüber eine ungerechtfertigte Freiheit herausgenommen habe, ging er an ihr vorbei in das Atelier. Er trachtete sich einzureden, daß ihm vor ihr schaudere, daß sie ihn anwidere – er suchte den großen Ekel, der sich zwischen ihn und sie gestellt, seit die Liebe zu Erika sein Herz erfüllte; aber er konnte den Ekel nicht finden.

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