Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ossip Schubin >

Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
Schließen

Navigation:

Sechstes Buch

Neben vielen unbequemen und marternden Eigenschaften hatte die Vorsehung Erika eine verliehen, die ihr in jener Zeit sehr zustatten kam. Auf starke, nervenerschütternde Eindrücke pflegten bei ihr ein paar Stunden starrer innerer Kälte und Härte zu folgen, in denen sie mit trockenen Augen in die Welt gehen konnte, ohne daß der feinste Beobachter imstande gewesen wäre, ihr irgend etwas anderes anzumerken, als daß sie allenfalls häufiger und heller lachte als gewöhnlich.

Angenehm war dieser Zustand nicht und gestaltete sich der darauf folgende Rückschlag sogar fürchterlich qualvoll, aber wenigstens wurde es Erika möglich, dank dieses moralischen Starrkrampfs, selbst in den kritischsten Momenten den Anstand zu bewahren.

Der Tag, an welchem ihre ganze Lebensaufgabe in Trümmern um sie herumlag, war mit gesellschaftlichen Verpflichtungen aller Art besetzt. Sie arbeitete sie alle durch: einen Nachmittagstee mit Lawn-tennis, ein Diner und endlich einen Tee mit Musik beim österreichischen Konsul.

Ja, als die alte Gräfin, die den Tag bei besonders guter Laune war, Erika auf dem Heimweg vom österreichischen Konsul vorschlug, ob sie sich nicht noch einen Augenblick bei Frau von Neerwinden aufhalten wolle, erklärte sie sich auch dazu bereit. Eigentlich weil sie heimlich hoffte, Lozoncyi zu treffen, denn sie sehnte sich danach, ihn zu sehen, nur um ihm beweisen zu können, wie gründlich er sich geirrt habe, wenn er wähnte ...

Übrigens hatte sie sich verrechnet. Er befand sich nicht bei Frau von Neerwinden. Anstatt seiner gruppierten sich um die Hausfrau Minona mit verweinten Augen, Fräulein von Horn – diesmal ohne ihre drei Künstler –, Graf Treurenberg, ferner der Bankier Schmytt und Konstanze Mühlberg, letztere überquellend von Possen wie immer. Sie nahm Erika sofort beiseite und erzählte ihr, die Minona sei verweint, weil sie ihrer Freundin Frau von Neerwinden soeben ihre heimliche Verlobung mit einem jungen Gondolier gebeichtet und diese sich damit nicht einverstanden erklärt habe. Darüber sei die Minona sehr aufgebracht gewesen und habe der Neerwinden gesagt: »Von Ihnen hätte ich eine schwungvollere Auffassung der Situation erwartet«, was die Neerwinden ihrerseits der Dichterin verübelt habe.

Um den Baldachin herum, wo die übrigen Gäste zusammen saßen, bewegte sich die Konversation indessen in den gewöhnlichen Klatschbahnen. Der Bankier erzählte etwas von einer Reliquie, die er unlängst seiner Sammlung eingefügt. Graf Treurenberg machte über den Knochensplitter die denkbar unehrerbietigsten Witze, versicherte dem Bankier im übrigen lebhaft, seine Reliquiensammlung könnte für seine soziale Position von großem Vorteil sein. In die gute Gesellschaft käme man durch drei Dinge: durch Sport, Liebe und Heiligkeit. »Für den Sport sind Sie zu feig, für die Liebe zu alt, es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig als die Heiligkeit,« versicherte er ihm, »für den Fall, daß Sie wirklich in gute Gesellschaft dringen wollen.«

»Aber Hans! Wo befinde ich mich denn jetzt?« näselte nicht ohne Schlagfertigkeit der Bankier, worauf Graf Treurenberg mit wunderbarem Gleichmut: »In Venedig, mein Lieber, in Venedig!«

Alle Anwesenden wußten, daß dieses Wort auf die bekannte große Toleranz der venezianischen Gesellschaft gemünzt war, und alle lachten, der Bankier mit, zugleich aber hob er seinen dicken, runzligen Zeigefinger gegen Treurenberg auf und sagte schmunzelnd: »Hansi, Hansi!« Das war so seine Art. Für jede Grobheit des Grafen rächte er sich durch eine besondere Familiarität.

In diesem Augenblick trat Frau von Geroldstein ein, und zwar mit einem wichtigen Gesichtsausdruck, der sofort verriet, daß sie eine Neuigkeit auf dem Herzen habe. Dies war ihr sogar dermaßen anzumerken, daß ihr drei der Gäste, Gräfin Lenzdorff, Fräulein Agathe und Graf Treurenberg, entgegenschrien: »Was ist's?«

Froh, endlich einmal der Mittelpunkt irgendeines Interesses zu sein, setzte sie sich neben Frau von Neerwinden, nachdem sie derselben vorher devot die Hand geküßt, ordnete geziert die gelbseidenen Draperien ihres Kleides, faltete die Hände im Schoß, sah sich im Kreise um und blieb stumm.

»Spannen Sie unsere Neugier nicht länger auf die Folter!« rief Gräfin Lenzdorff schroff.

»Es ist schwer, davon zu reden,« entgegnete die Geroldstein geziert, indem sie mit ihrem Fächer zu klappern begann, »besonders in Gegenwart eines jungen Mädchens« – mit einem Blick nach Erika.

»Geh auf den Balkon hinaus, Erika!« befahl die Großmutter. Sie folgte – ach, wie gern! Sie war froh, sich dem Licht entziehen zu dürfen, den Blicken, die sich immer forschender auf sie hefteten. Sie merkte wohl, daß ihr Gesicht anfing, etwas von ihrem verstörten Zustand zu verraten – merkte, daß es mit ihrer Kraft zu Ende ging.

Wie viele Wochen war's her, daß sie mit Lozoncyi dagestanden auf diesem selben Balkon, über ihnen der Sternenhimmel, ringsum schattenhaft gespenstisch, nachtverschleiert, mondscheinverklärt die Pracht der alten Paläste, unter ihnen das schwarze Wasser, in dessen mattbewegte Fläche die Lämpchen ihren Widerschein tauchten.

»So erzählen Sie doch endlich!« drängte Gräfin Lenzdorff in die affektierte Frau. Erika hörte jedes Wort, obgleich sie auf dem Balkon stand; aber man sah sie nicht dabei, dies war genug für den Anstand.

»Ja, es ist so schwer! Wirklich! – Eine Person, mit der man so gut bekannt war, eine Person, der man du gesagt, mit der man noch vorgestern bei Tisch gesessen hat. Nein, wer hätte so etwas auch vermuten können!«

»Beschleunigen Sie Ihr Tempo, ich bitte Sie!« rief Gräfin Lenzdorff, »ich verliere immer den Atem, wenn jemand nicht vom Fleck kommt!«

»Die Gräfin Rheinsberg ...« Wieder stockte die Geroldstein.

Erikas Herz klopfte fürchterlich – sie ahnte, was kommen würde.

»Nun, was ist's mit der armen Ada – sie war mir immer so sympathisch,« sagte Fräulein von Horn, indem sie sich zugleich über ihre Strickerei bückte, um eine gefallene Masche aufzuheben.

»Sie ist gestern durchgegangen mit dem Baron Gladnjk!«

»Um Gottes willen!« rief Fräulein Agathe.

»Unerhört!« meinte der Bankier.

Die alte Gräfin Lenzdorff sagte: »Armer Narr!«

»So ein Skandal! Knall und Fall. Man geniert sich, davon zu reden!« sagte Frau von Geroldstein.

Gräfin Lenzdorff, deren Züge bis jetzt nichts als aufrichtiges Mitleid und jene allgemeine Beunruhigung ausgedrückt hatten, welche ihr die Nähe irgendeines Unglücks oder peinlichen Zustandes stets einflößte, faßte die oberflächlich plappernde Gans scharf in die Augen. »Nun, ich kann Ihr Entsetzen nicht teilen – durchaus nicht,« sagte sie ruhig von einer sehr großen Höhe herab zu der gezierten Frau. »Vom sittlichen Standpunkt flößt mir die Geschichte keine Bedenken ein – und weiß Gott, daß mir noch nie jemand unmoralischen Idealismus vorgeworfen hat. Ich habe nicht die Gewohnheit, mir unlautere Situationen zu verklären. So sehr mir alle diese scheinheiligen kleinen Heuchlerinnen zuwider sind, die ihren Liebhaber zur Hintertür hineinlassen und vor der Welt die Augen züchtig niederschlagen – die Lüge ist nun einmal das einzige, was ich nicht ertragen kann –, so sehr imponiert mir jemand, der den Mut hat, ein Fenster einzuschlagen und der Welt die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern!« Erika spitzte die Ohren und senkte die Mundwinkel. Dieser Ausspruch ihrer Großmutter stand doch in allzu großen Widerspruch zu deren üblichen Opportunitätstheorien.

Frau von Neerwinden hingegen sah ihre ehemalige Jugendfreundin fast dankbar an. »Ich bin ganz deiner Meinung, Anna,« erklärte sie salbungsvoll. »Solange die Würde unserer Natur gewahrt bleibt, verzeihe ich alles. Ein öffentliches, heroisches Glaubensbekenntnis des Herzens zwingt mir Bewunderung ab.«

Natürlich aber machte Gräfin Lenzdorff diese Dankbarkeit sehr bald wieder zuschanden, indem sie sofort weitläufig vor sich hin zu philosophieren, den vorliegenden Fall objektiv nach allen Seiten hin zu beleuchten begann, wie gewöhnlich, ohne sich im mindesten darum zu bekümmern, wer ihr gerade zuhörte.

»Arme Ada! Eigentlich hatte sie recht,« murmelte sie, »unter den Umständen war es noch das Anständigste, zu tun, was sie getan hat, nur muß sie nachträglich beweisen, ob sie das Zeug in sich hat, die Sache durchzuführen, ob sie nicht eine der zahllosen Stümperinnen der Leidenschaft ist, die de gaieté de coeur einen Kampf aufnehmen, dem sie nicht gewachsen sind. Mitten in der zivilisierten Welt mit seinem Ideal abgeschlossen leben zu müssen, wie Robinson mit seinem Freitag auf seiner Insel, ist eine fatale Situation – schließlich schreit man doch nach einem Schiff, das einen in die Zivilisation zurückträgt. Es ist etwas Gräßliches um diese Himmelsstürmer, um diese ratés de la passion, die dann klein beigeben und, von der Märcheninsel zurückkehrend, an den Klippen der alten Küste zerschellen. Mitunter zerschellen sie gar nicht, sondern landen – aber was ist dann ihr Los? Aus ist's mit dem Stolz, dem Eigensinn, vor jeglichem Vorurteil beugen sie das Knie, selbst zu der kleinlichsten Heuchelei zeigen sie sich nachträglich bereit – sie, die noch vor kurzem mit ihrer kühnen Aufrichtigkeit der ganzen Welt ins Gesicht schlagen wollten, sie krümmen und winden sich, verleugnen, was nicht mehr zu verleugnen ist, betteln jämmerlich um ein bißchen Achtung, die sie zu fordern nicht mehr das Recht haben, irren von einem zu dem anderen, so lange ruhelos auf der Welt umher, bis ihre Vergangenheit aufgehört hat irgend jemand zu interessieren und sie als uralte Ruinen, denen man ihre Fehltritte nicht mehr nachrechnet und kaum mehr glaubt, irgendwie in ihre ehemalige Welt zurückkehren dürfen.« Gräfin Lenzdorff schüttelte sich. »Nein, réflexion faite hätte Ada die Sache bleiben lassen sollen,« entschied sie, »sie ist nicht danach angetan, sie durchzuführen.«

»Auch diesmal pflichte ich dir bei,« sagte Frau von Neerwinden, die während dieser unter den Umständen geradezu unerhörten Improvisation alle Farben gespielt hatte. Ihre Stimme klang etwas kleinlaut, sie hatte einige Mühe, sich zu fassen. »Unsere arme beklagenswerte Ada ist nicht dazu gemacht, die Situation durchzuführen, sie ist ja doch nur eine kleine Natur. Es gehört eine gewaltige Individualität dazu, die Welt zu zwingen, einen Ausnahmezustand zu respektieren. Und dann schließlich hängt es doch ein wenig davon ab, für wen eine Frau den verhängnisvollen Schritt tut. Die begeisterte Leidenschaft einer Herzogin von Albany für Alfieri, einer Guiccioli für Lord Byron verdient eine andere Berücksichtigung als die verliebte Schwäche dieser hübschen kleinen Ada für den oberflächlichen Stutzer, mit dem sie durchgegangen ist.«

Gräfin Lenzdorff erwachte plötzlich aus ihrer Zerstreutheit. Eine etwas unerquickliche Pause folgte. Graf Treurenberg war der erste, der den Faden des Gesprächs wieder aufnahm, und zwar indem er kaltblütig bemerkte: »Die Geschichte ist jedenfalls eine Dummheit, und um die arme Frau ist mir leid; dem Rheinsberg aber gönne ich den Skandal von Herzen, ich hab's ihm vorausgesagt, daß es so kommen würde – alter Trottel! Widerwärtig, geizig, langweilig und in der letzten Zeit noch zudringlich – das soll eine Frau mit Nerven im Leibe aushalten ...«

»Warum hat sie denn nicht versucht, sich scheiden zu lassen? Ich weiß, es ist in einem katholischen Lande schwer, aber endlich, es wäre doch besser gewesen als das – das,« sagte Konstanze Mühlberg, der die Tränen über die Wangen liefen.

»Kein Scheidungsgrund,« erwiderte Graf Treurenberg, die Achseln zuckend.

»Die Ehen, bei denen sich die allgemeine Unbehaglichkeit ohne Scheidungsgründe einstellt, sind immer die traurigsten,« bemerkte trocken Gräfin Lenzdorff.

»Gottlob!« stöhnte Konstanze Mühlberg, indem sie andächtig die Hände faltete, »wenigstens an Scheidungsgründen fehlte es mir nicht, dafür kann ich meinem Mann nie genug dankbar sein!« Das sagte sie, wenngleich mit tränenüberströmten Wangen, so überaus spaßig, daß die ganze Gesellschaft zu lachen anfing.

Aber die Heiterkeit hielt nicht an. »Arme Frau,« murmelte Fräulein Agathe.

»Arme Frau!« wiederholte die Gräfin Mühwerg, in Gedanken versunken, »arme Frau!« Dann plötzlich den Kopf zurückwerfend, rief sie aus: »Warum bedauern wir sie! In diesem Augenblick ist sie gewiß die Glücklichste von uns allen! Sie hatte wenigstens den Mut, glücklich zu sein, während wir ... Wir nagen alle geduldig an dem Hungertuch unserer Tugend, ohne daß irgend etwas dabei herausschaut als selbstzufriedene Langeweile, und wenn wir's doch wenigstens aus Überzeugung täten! Aber nein ... aus Faulheit, aus Stumpfheit, aus Feigheit, und weil wir nicht einmal das Zeug in uns haben, nach einem großen Glück zu verlangen. Ich bewundere Ada, wenigstens – beneide ich sie!«

»Was ist denn heute in Sie hineingefahren?« rief Gräfin Lenzdorff, indem sie ihrer kleinen Freundin mit dem Finger drohte.

»Ach, das ist nur so!« rief die kleine Gräfin mit einer humoristischen Verzweiflungsgeste. »So ... wie man allenfalls vom Selbstmord spricht ... ganz platonisch, das heißt soviel als: Es kommt doch nichts dabei heraus. Seitdem mir die große Gnade zuteil geworden ist, meinen Mann loszuwerden, find' ich's eigentlich unbescheiden, noch weitere Anforderungen an die Vorsehung zu stellen. Sie brauchen sich meinethalben keinen Besorgnissen hinzugeben, meine Damen, ich bin unheilbar anständig – es ist nicht mein Verdienst, es ist meine Natur, mein Schicksal, wie irgendein berühmter Mann vor soundso viel hundert Jahren einmal geäußert haben soll. Gott helfe mir, ich kann nicht anders!«

Durch Erikas Nerven klang es noch immer: »Ich bewundere Ada – wenigstens, beneide ich sie!« Es war das einzige, wirklich warm aus dem Inneren einer Menschenseele hervordringende Wort, das während dieser langen Verhandlung gefallen war.

Noch immer stand sie draußen auf dem Balkon. Unter ihr die Lagune, schaurig, geheimnisvoll, ganz bedeckt mit Gondeln, mehr und immer mehr, aus allen Seitenkanälen kamen sie heran, drängten alle demselben Punkt zu, der lichtumflimmerten Sängerbarke, aus der ein Liebeslied tönte – mehr, immer mehr, das ganze Wasser war von ihnen bedeckt, über die schwarzen Fluten glitten sie dahin – weiter, weiter, ein breiter Strom dunkler menschlicher Sehnsucht, wie von einer Magnetnadel angezogen, wie von einer Zauberstimme angelockt – näher und näher kam das Lied, jetzt glitt es knapp an Erika vorbei:

Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie,
Toi qui n'as pas d'amour!

Und über ihr flimmerten die Sterne, Myriaden von Sternen, eine Unendlichkeit von fernen Weltkörpern, und funkelten und blitzten recht verächtlich herab auf die armseligen Menschen, die sich krümmen und winden und sich wichtig vorkommen in ihrem kleinwinzigen Tun und Lassen, als ob es so oder so darauf ankäme.

Die ganze Nacht lag Erika wach, mit weit offenen, brennenden Augen.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.