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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Emma von Strachinsky schlief nicht; sie saß in dem kahlen Zimmer, das an die Schlafstube der Kinder stieß und in dem sie Erika Unterricht zu erteilen pflegte. Sie hatte soeben zwei sehr unangenehme Briefe an Gläubiger ihres Mannes geschrieben, jetzt nähte sie an einem Kleidchen für ihre Tochter. Sie war stolz auf die Schönheit der Kleinen, wie nur eine Mutter stolz darauf sein kann, die ihr Leben lang das demütigende Gefühl gehabt, die Schönheit entbehren zu müssen. Sie liebte das Kind abgöttisch, das Kind, gegen das sie streng war, fast bis zur Ungerechtigkeit, und dem sie oft tagelang aus dem Wege ging, weil der Blick seiner hellen, unheimlichen Augen ihr wehe tat.

Die Fenster des Zimmers gingen auf die Landstraße hinaus. Sie standen offen. Von draußen drang der nach reifem Getreide duftende Hauch der von ihrer Fruchtbarkeit ausruhenden, von Sonnenschein gesättigten Augusterde. Ein Lied klang in die schweigende Nacht hinein. Die Schnitter arbeiteten im Mondlicht, das leise Murmeln des Baches musizierte eine Begleitung dazu, schwach, aber vernehmlich hörte man von Zeit zu Zeit das Aufrauschen des neben dem Sensenschnitt hinsinkenden Getreides. Eine Grille zirpte.

Emmas Hände ruhten in ihrem Schoß; sie sah starr vor sich hin.

Plötzlich fuhr sie zusammen – ein Schritt näherte sich der Tür. Mit einem süß-duseligen Lächeln trat Strachinsky ein. »Emma,« sagte er zärtlich, auf sie zugehend, »hast du bereits an Frank und Ziegler geschrieben?«

»Ja,« erwiderte sie, und ihre Stimme klang heiser, »da liegen die Briefe, lies sie durch, damit du siehst, ob sie dir recht sind.«

»Fällt mir nicht ein,« rief der Ritter spaßhaft, »ich setze das unbedingteste Vertrauen in deinen Takt. Hm! hm! Dergleichen Briefe zu lesen, ist eine traurige Unterhaltung!«

»Glaubst du, daß es ein Vergnügen war, sie zu schreiben?« rief Emma etwas bitter.

Der Ritter nahm sofort eine verletzte Miene an. »Du bist schon wieder aufgeregt – man kann wirklich nicht den geringsten Scherz machen. Und glaubst du denn, daß es mir angenehm ist, dich auffordern zu müssen, die Briefe zu schreiben? Mein Gott, es ist ja sehr traurig, aber – das bringen die Verhältnisse mit sich.« Er seufzte tief und streichelte würdevoll seinen Backenbart.

Sie blieb stumm. Er beobachtete sie ein Weilchen, dann sagte er: »Das ewige Gestocher ist dir ungesund, komm schlafen!«

»Ich kann nicht, ich bin nicht schläfrig,« erwiderte sie und zog den Faden rascher; »übrigens muß ich das Kleid fertigmachen – laß mich nur!« Und sie beugte sich über ihre Arbeit mit der Miene einer Frau, die sich fest vorgenommen hat, eine Aufgabe zu vollenden.

Der Ritter blieb noch ein Weilchen neben ihr stehen, weichlich und unschlüssig – er tastete nach allem, was auf dem Tische lag, hob es auf und legte es wieder nieder wie ein Mensch, der nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, dann seufzte er tief, gähnte, seufzte noch einmal und verließ, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit schweren, trägen Schritten das Zimmer.

Als er gegangen war, legte sie die Arbeit nieder und trat an das offene Fenster, um die frische Luft zu atmen. Der Mondschein lag bläulich grell auf den weißgetünchten Wänden der Bauernhütten, über denen die Strohdächer schwarz und schwerfällig emporragten, in der Ferne sah man das blinkende Geschlängel des schmalen, quer durch das Dorf plätschernden Baches, an dessen Ufer sich die kurios verstutzten Weiden wie lauernde Kobolde ausnahmen und über den sich die große unnütze Brücke spannte. Die Brücke, die Weiden und die Hütten – alles warf scharfe, abgegrenzte Schatten in den grellen Glanz der Mondnacht hinein. Hinter dem Dorf streckten sich die Stoppel- und Getreidefelder endlos lang wie mattes Gold.

Das ferne Lied ertönte noch immer in die Nachtstille.

Endlich verklang's. Kurz darauf hörte man schwere, regelmäßige Schritte die Landstraße entlang gehen. Die Schnitter kamen von der Arbeit heim. Sie gingen an Emmas Fenstern vorüber, eine kleine geschlossene Gruppe von Männern, farblos grau, über der Schulter die Sensen, die weißlich im Mondschein flimmerten, dann ein paar Weiber, die eine Hand in die Seite gestemmt, den Kopf vorgebeugt, matt, schwer, fast im Gehen einschlafend, endlich die Nachzügler – ein Bursche, der ein junges Mädchen an der Hand hielt. Wie er sich zu ihr niederbeugte! Ein leises, weiches Flüstern schwebte durch die trockene, von der Nacht kaum gekühlte Augustluft zu Emma. Sie wendete sich ab, runzelte die Brauen. »Wie glücklich die beiden aussehen! Und wegen was?« murmelte sie vor sich hin. Plötzlich zuckte ein unsäglich bitteres Lächeln um ihren Mund. Sie spottete jetzt über die anderen – hatte sie denn das Recht dazu? ... sie ... wenn eine an die Liebe geglaubt, wenn eine Frau ihren Mann aus Liebe geheiratet, so war sie's gewesen.

Und wen hatte sie geliebt – einen lauen Schwächling, der nie wert war, ihr die Schuhriemen zu lösen!

Nicht nur die altkluge Erika, nein, alle vernünftigen Menschen, die je mit dem Ehepaar zusammengekommen waren, fragten sich's – wie war das möglich? Und doch war es eine so einfache Geschichte, eine einfache, alltägliche Geschichte! Die Geschichte einer begabten, schwungvollen, aber häßlichen Frau, einer romantischen, begeisterungs- und verblendungsfähigen Natur, die sich in ihrem Sehnen nach Liebe vergriffen hatte.

Ihre Eltern gehörten zum ältesten, wenn auch nicht zum vornehmsten, landangesessenen Adel Böhmens; er war von zweifelhafter Herkunft. Sie war von Haus aus reich; er besaß nichts als seinen spekulativen Kopf und seine ihn über alle Unannehmlichkeiten des Lebens siegreich hinweghebende Selbstgefälligkeit.

Ganz unbegabt war er nicht, hatte gut gelernt und war überhaupt vor seiner Verbindung mit Emma Lenzdorff weder schlaff noch faul, sondern mit einer sich auch außerhalb seiner Studien an das Licht drängenden Bildungsbetriebsamkeit behaftet gewesen, deren Triebfedern freilich aus einem dringenden sozialen Ehrgeiz bestanden. Achtzehnjährig trat er in die Armee; da er für die Kavallerie zu arm, für die einfache Infanterie zu hochmütig war, diente er bei den Jägern. Er hatte sich bereits bis zum Hauptmann hinaufgedient, als er im schleswig-holsteinischen Krieg bei der Schlacht von Oversee verwundet wurde. Seine Frau lernte er kennen in einem Privatlazarett in Berlin, das diese in ihrer eigenen Wohnung für die Märtyrer des schleswig-holsteinischen Feldzuges eingerichtet hatte.

Sie war sehr jung, sehr feurig und Witwe – Witwe eines kalten, ungeliebten norddeutschen Mannes, der sie noch als traumbefangenes Kind geheiratet, nachdem er sie bei Verwandten in Nordböhmen kennengelernt. – Die Erinnerung an ihre kalte, formelle Ehe flößte ihr noch nachträglich Grauen ein.

Ehe sie Strachinsky kennengelernt, hatte sie dem ihr innewohnenden Bedürfnis nach Romantik durch allerhand überspannte Wohltätigkeitsveranstaltungen, durch einen fanatischen Kultus für Kunst und Poesie Rechnung getragen. Daß ihr Durst nach Liebe unbefriedigt bleiben würde, davon war sie überzeugt.

Niemand hatte ihr je Huldigungen dargebracht, in denen sich leidenschaftliche Gefühle verraten hätten; nicht schön, wie sie war, hatte sie sich traurig hineingefunden, die Zahl jener Frauen zu vermehren, die man wohl aus Vernunft heiratet, aber die niemand einfallen würde, der Vernunft zum Trotz zu lieben.

Der Pole hatte sehr leichtes Spiel. Ein hübscher Mann war er, das mußten ihm seine Feinde lassen. Auch verstand er etwas aus sich zu machen Um ein Jahrhundert früher hätte man ihn für einen Poniatowsky gehalten mit direkter Anwartschaft auf den Thron von Polen. Seine Flausen standen ihm damals gut, und ein Verwundeter ist leicht interessant. Sobald er die Schwäche der jungen Witwe erraten, warb er um sie mit Gedichten, mit heißen, überschwenglichen Liebesworten.

Arme Emma! Die ganze gewitterschwüle Unruhe eines lange zurückgehaltenen, plötzlich erwachten Frühlingsblühens durchzog ihr durstiges Herz! Ihre Eltern, die sie allenfalls vor dem verhängnisvollen Schritte hätten warnen können, waren tot; auf ihre Schwiegermutter, die sich ihrer Heirat leidenschaftlich widersetzte, horchte sie nicht. Als ihr Emma mit glühender Wange und bis in jede Fingerspitze hinein vor Aufregung fiebernd die von den poetischsten Umständen begleitete, in die überschwenglichsten Liebesworte gekleidete Werbung des Polen wiederholte, erwiderte die ältere Frau kalt: »Und du glaubst den Firlefanz?«

Die Worte trafen Emma wie ein Peitschenhieb. »Und warum sollte ich nicht an seine Neigung glauben?« fragte sie scharf; »vielleicht weil ... deiner Ansicht nach überhaupt kein Mann mich lieben kann!«

»Unsinn!« hatte die vernünftige Schwiegermutter darauf geantwortet; »jeder tüchtige Mann, der ein Herz im Leibe hat, sollte dich lieben können, aber dieser schale Pole, dieser Stutzer zweiter Kategorie, der kann es nicht.«

»Hältst du ihn für einen Abenteurer, der sich meines Vermögens halber um mich bewirbt?« rief Emma auffahrend.

»Nein, ich halte ihn für einen oberflächlichen Menschen, dem es schmeichelt, einer großen Dame einen Eindruck gemacht zu haben, und der einen Versuch anstellt, seine Lage zu verbessern. Abenteurer! – Unsinn! Er hat gar nicht das Zeug dazu. Der Haupttreffer bietet sich ihm, und er steckt ihn ein. Voilà tout. Ihm ist dabei nichts zu verübeln; deiner aber ist diese Neigung nicht wert, und die Verbindung mit ihm wäre für dich ein Unglück – ganz abgesehen davon, daß du deine Familie dadurch diskreditierst.«

Wenn man einen Kranken dazu bringen will, eine Medizin zu nehmen, darf man sie ihm nicht in abschreckender Form bieten.

Die Vorstellungen der alten Frau waren richtig, aber sie waren demütigend. Emma wandte sich eigensinnig davon ab. Einen Monat später heiratete sie den Strachinsky – und schied von ihrer Schwiegermutter auf ewig.

Erst waren ein paar Monate verflossen, in denen Emma ganz aufging in dem Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden, und dann – nun, die Zärtlichkeit spann sich weiter, aber ein ganz kleiner Schatten hatte sich daraufgesenkt, verdunkelnd, erkältend, ein nörgelndes Mißbehagen, aus dem plötzlich die Erinnerung an die schonungslosen Prophezeiungen der allzu vernünftigen Schwiegermutter deutlich emporgestiegen waren.

Mit seiner Heirat war die ehemalige Strebsamkeit Strachinskys in sich zusammengefallen; diese Heirat hatte ihn mit einem Schlage so hoch über alle ursprünglichen Ziele seines Ehrgeizes hinausgehoben, daß er nach gar nichts mehr trachtete als danach, sein Leben in möglichst vornehmer Gesellschaft zu genießen. Von der Mitgift seiner Frau kaufte er sich eine Herrschaft in dem unfruchtbarsten Teil von Böhmen, aber sehr groß im Ausmaß, was sich vortrefflich ausnahm in der Landtafel, und entfaltete nun eine glänzende Gastfreundschaft; alle Gutsbesitzer der Umgegend und besonders die Kavallerieoffiziere aus der nächsten Garnison gingen in Luzan – so hieß die Herrschaft – aus und ein. Die Selbstherrlichkeit des Ritters wuchs mit der unermüdlichen Verwöhnung seiner Frau – seine Rücksicht für sie nahm ab. Sie war da, um für seine Bequemlichkeit zu sorgen – zu nichts anderem. Das ganze Haus mußte auf den Kopf gestellt werden, wenn sich die Gäste des Ritters ansagten oder auch wenn sie unangemeldet erschienen. Strachinsky bewirtete sie mit exquisiten Soupers, bei denen der Champagner in Strömen floß. Nach dem Souper wurde gespielt. Oft war es vier Uhr früh, ehe man die Herren vom Schlosse hinwegtraben hörte, zu anderen Malen blieben die Herren über Nacht.

Eines schönen Tages standen auf des Schlosses Hauptwand mit Kohle die Worte geschrieben: »Gasthof zum polnischen Fex!«

Um weniges später hörte Luzan auf, eine Filiale des Offizierkasinos von K. zu sein.

Das Leben gestaltete sich mit einemmal sehr still, und aus dieser Stille tauchten deutlich verschiedene Unannehmlichkeiten hervor, über die man während des polternden Strudels im unklaren verblieben war. Damals sah's die kleine Erika zum erstenmal, wie ihre Mutter, den Bleistift in der Hand, geduldig die Schulden ihres Mannes zusammenzählte, während der Ritter, die Hände auf dem Rücken, eine Zigarette zwischen den Zähnen, auf und nieder wandernd ihr die Summen diktierte. Abgesehen von dem, was er im Spiel verloren und in unfruchtbare Spekulationen hineingesteckt, hatte er in schwungvoller Großmut seinen Namen unter mehr als einen Wechsel seiner vornehmen Freunde gesetzt.

Emma verzog damals nicht das Gesicht, sondern strengte sich nach allen Seiten an, verkaufte ihren Schmuck, ihr Silber, ja fast jedes irgendwie wertvolle Möbelstück, damit ihr Mann seinen Verpflichtungen gerecht werden möchte, und behandelte ihn zugleich mit der in solchen Fällen bei musterhaften Gattinnen traditionellen Zartheit und Güte, um ihn das Drückende seiner Lage nicht empfinden zu lassen.

Ob er es je empfand?... Nun, wenn es der Fall war, gelang es ihm unbedingt, seine traurigen Gefühle zu verbergen. Den Tag nach der peinlichen Abwicklung seiner Geschäfte tänzelte er mit besonders vergnügter Miene in das Speisezimmer hinein, wo die Familie bereits um das Frühstück versammelt saß, forderte alle Anwesenden auf, zu sparen und besonders die Butter nicht zu stark aufs Brot zu streichen, und machte sehr viele Witze über das Thema »Armut und Edelsinn«.

Um ihm seine Lage zu erleichtern, ja vielleicht um seine Gewissenlosigkeiten vor ihrem eigenen Herzen zu beschönigen, redete Emma ihm ein, daß seine Handlungsweise einzig und allein der warmherzigen Unvorsichtigkeit eines überstürzten edlen Menschen entsprungen sei.

Dieser Auffassung der Sachlage bemächtigte sich seine Eitelkeit gierig. Von da ab hüllte er sich mit Leidenschaft in seinen Märtyrernimbus ein und nannte sich selbstgefällig seufzend einen Don Quichotte!

Im Grunde aber war nichts der idealistischen und selbstlosen Verrücktheit Don Quichottes unähnlicher als sein von ein wenig weichlicher Sentimentalität dürftig verschleierter Egoismus. Und was nun das Märtyrertum anlangte, so sah es damit schon gar windig aus. Den Kern seines Lebens sollten die verschiedenen gewaltsam von ihm herbeigeführten Schicksalsschläge nie angreifen. Er befaß eine Art schlauen Nebenverstandes, der mit all seiner konfusen Gebarung parallel lief und ihm inmitten des ihn umgebenden Ruins seine persönlichen Bequemlichkeiten und Lebensbedürfnisse sicherte.

Aber wie hätte es Emma aushalten sollen, wenn sie ihn schon damals gesehen hätte, wie er wirklich war. Sie griff nach Entschuldigungen für ihn, wo sie konnte, sie flickte ihre bereits arg mitgenommenen Illusionen zusammen, wie es ging, sie nahm sich vor, ihn zu stützen, zu halten, das wirklich Edle in ihm zur Blüte zu bringen.

Mit einer Art ehrgeiziger Eifersucht wollte sie ihn nun ganz an sein Heim fesseln, es ihm darin so behaglich machen, daß er nach keiner außerhalb seiner Familie liegenden Zerstreuung streben sollte. Sie berücksichtigte seine Liebhabereien im Essen, kochte selber, weil sie der Einschränkung ihrer Verhältnisse halber keine seinem Geschmack entsprechende Köchin halten konnte, störte ihn nie in seinen Gewohnheiten, bemühte sich auch, ihre geistigen Interessen den seinen zu nähern, alles, alles – um das Band zwischen sich und ihm recht fest zu knüpfen. Es gelang ihr vollständig; sie knüpfte das Band so fest – daß der Knoten nicht mehr zu lösen war.

Sie hatte sich bemüht, ihn jedem auswärtigen Einfluß zu entfremden, ihn ganz zurückzuerobern für sich. Es war ihr gelungen. Ihre Nähe, ihre Zärtlichkeit war ihm dringendes Lebensbedürfnis geworden – in den Flitterwochen hatte er ihr nicht dermaßen gehuldigt.

Mein Gott! Alles in der Welt hätte sie nun darum gegeben, die Kluft zwischen sich und ihm von neuem aufzureißen – ja, zu erweitern, so daß keine Brücke mehr darüberreichte. Es war zu spät – sie mußte die Last, die sie auf sich genommen hatte, weiterschleppen – es war ihre Pflicht – sie wollte nicht zusammenbrechen, sie hatte kein Recht dazu.

Aber so sehr sie sich dagegen wehrte, ihre Nerven hielten nicht mehr stand. Ihre Gereiztheit machte sich öfter und immer öfter Luft. Bisweilen grämte sie sich über die Veränderung, die sich an ihm vollzogen hatte; zu anderen Malen kam ihr der Gedanke, daß diese Veränderung rein äußerlich war, daß er im Grunde genommen nie anders gewesen war als jetzt. Dann kroch's ihr kalt durch alle Glieder, sie hätte aufschreien mögen! – Nein, nein, sie wollte nicht sehen! Es gibt nichts Traurigeres auf der Welt als das qualvolle, pflichtgetreue Hinleben einer Frau neben einem Manne, den sie aufgehört hat zu lieben.

Volle vier Jahre waren verstrichen, seitdem die kleine Erika den jungen Maler geküßt hatte. Sie gedachte des anmutigen Abenteuers, welches, von einer reichen Phantasie immer neu belebt, die großartigsten Dimensionen angenommen hatte, noch immer mit heimlicher Freude und etwas unklarer Beschämung.

Emma schleppte indessen weiter an ihrem Kreuz, geduldig und trostlos. Aber ihre Kraft war erschöpft, sie brach zusammen beinah bei jedem Schritt. Immer öfter machte sich die durch ihre innere Wundheit bedingte Irritation Luft. Ihre Heftigkeit artete jetzt häufig bis ins Unschöne aus, so daß ihr nichts übrigblieb, als sie zu bereuen und abzubüßen.

Auch das Verhältnis zu ihrer Tochter, die jetzt ein hochaufgeschossenes, schlankes, ungewöhnlich fähiges Mädchen von vierzehn Jahren war, wurde durch die in ihr gärende Aufregung mitunter getrübt. Noch immer liebte sie das Kind zärtlich – aber noch mehr als früher taten ihr die hellen, beobachtenden Augen des Mädchens weh. Sie waren auch noch so viel heller und durchblickender geworden mit den Jahren.

Etwas Schweres, Drückendes lastete damals auf Luzan, etwas wie die Ahnung einer herannahenden Katastrophe.

Der einzige Sonnenstrahl in dem verdüsterten Leben der unglücklichen Frau war ihr kleiner Sohn. Von mehreren Kindern aus der zweiten Ehe war er allein ihr übriggeblieben. Recht frisch und kräftig wuchs er heran, der Liebling von allen, der Abgott seiner Schwester. Da – er hatte kaum sein siebentes Jahr überschritten, starb auch er. So kam's.

An einem Feiertag war's im Herbst, an Allerheiligen – die beiden Kinder hatten soeben ihr Lieblingsspiel in Szene gesetzt – Eisenbahnunglück. Alle Möbel des Schulzimmers standen auf dem Kopf, als Bubi plötzlich schweigsam wurde und anfing, sich von einem Sessel auf den anderen zu legen. Die gutgemeinten Zerstreuungsversuche seiner jetzt fast vierzehnjährigen Schwester verfingen nicht mehr. Sie drang in ihn mit Fragen, ob ihm etwas fehle; er erwiderte zwar nein, aber in einem verdrießlichen, abwehrenden Ton, den niemand an ihm kannte. Miß Sophy schlug vor, ihm den Robinson vorlesen zu wollen. Er nickte gleichgültig und setzte sich neben sein Schwesterchen auf das Sofa, während die Engländerin aus Hamburg zu lesen begann. Aber er hörte nicht recht zu. Sie hatte kaum eine Seite umgeblättert, so legte er dem Schwesterchen seinen Kopf in den Schoß und schlief ein.

Sie verhielten sich still, Miß Sophy und Erika, um ihn nicht zu stören. Die Dämmerung schlich braun, grau, farbenverwischend durch das kahle Zimmer. Das Mädchen – Diener gab es keinen mehr in Luzan – brachte eine Petroleumlampe, deren grüner Papierschirm oben von der Hitze des Zylinders braun abgefressen war, dann brachte sie eine Schüssel rotbackiger Apfel als Vesperbrot für die Kinder. Der Kleine öffnete die Augen, sie waren trüb und verschwommen. Mit einem ungeduldigen Wimmern schloß er sie wieder und wendete sein Köpfchen vom Licht ab.

Da trat Emma in das Zimmer. Nur einen Blick warf sie auf das Kind, merkte, daß nicht alles in Ordnung war, und brachte es zu Bett.

Den Abend erschien sie nicht beim Essen, und als Erika, welche die Schlafstube des Knaben schon seit längerem nicht mehr teilte, dem Brüderchen gute Nacht sagen wollte, ließ man sie nicht zu ihm. Den nächsten Morgen kam der Doktor. Erika nahm soeben ihre englische Lektion bei Miß Sophy wie alle Tage. Jede wirkliche Besorgnis lag ihr fern. Während sie noch ihre tägliche Portion Shakespeare auswendig lernte, steckte plötzlich die Mutter den Kopf zur Tür herein und rief: »Diphtheritis!« Der Ton ihrer Stimme, der Ausdruck ihres Gesichts war hart, wie erstarrt von Entsetzen. Als Erika, vor Schreck zitternd, auf sie zueilen wollte, machte sie eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen und verschwand.

Miß Sophy, nach welcher der Kleine noch in den ersten Stadien seines Leidens verlangt hatte, half im Krankenzimmer bei der Pflege. Erika ließ man nicht hinein. Müßig, unbewacht und angstvoll umschlich sie stundenlang die Tür, hinter der sich das Gräßliche vollzog und die auf einen langen öden Gang voll grauen, nüchternen Herbstlichtes mündete. Wenn jemand sie sah, wurde sie fortgeschickt, bald aber hatte niemand im Hause mehr Kopf genug, um ihrer zu achten.

Es mochte etwa elf Uhr vormittags sein, am fünften Tage nach Ausbruch der Krankheit. Wieder stand Erika vor der Tür des Krankenzimmers, spähend und horchend.

Etwas Besonderes ging da drinnen vor; sie spürte es in allen Gliedern, ohne daß sie zu sagen gewußt hätte, woran. Mit einemmal öffnete sich die Tür, die Mutter trat heraus in schlotternden Kleidern, denen man es ansah, daß sie dieselben seit mehr als einer Nacht nicht mehr vom Leibe getan, und die einen durchdringenden Geruch nach Essig und Äther ausströmten.

Ihr Mund war verzerrt und breitgezogen, durch ihre Wangen zogen sich tiefe Furchen. Sie schleppte sich kaum und brach bei jedem Schritt in die Knie. Die ehemalige Kinderfrau Bubis, eine treue, schlichte Person, hielt sie bei einem Ellenbogen aufrecht, hinter ihr schritt Strachinsky, sein Taschentuch an den Augen.

Entsetzt blickte Erika der Mutter nach, die an ihr vorübergegangen war, ja, sie mit dem Kleide gestreift hatte, ohne sie zu bemerken. Dann trat sie in das Zimmer, das die verzweifelnde Frau soeben verlassen. Das Bettchen war mit einem weißen Laken zugedeckt, unter dem sich ein kleiner Körper deutlich abzeichnete. Das Herz klopfte dem Mädchen bis zum Zerspringen. Sie hob den Zipfel des Lakens empor – da lag der tote Bruder so weiß, so süß mit seinem lieben kleinen Gesicht, das die Krankheit kaum Zeit gefunden hatte zu entstellen. Nur das arme Mündchen, aus dem kein Hauch mehr hervordrang, war vom Fieber gesprungen, der reine Umriß desselben etwas verwischt. – es hatte die bläulichrosa Farbe einer vom Frost verdorbenen Rosenknospe. Die abgemagerten Händchen ruhten halboffen auf der Decke, schwach und machtlos, so wie ihnen das Leben entglitten war. Über der ganzen Leiche schwebte unbefangene Todesanmut. Der Blick der Schwester heftete sich darauf starr und staunend, erschüttert, aber tränenlos. Sie konnte nicht weinen, sie fühlte keinen ausgesprochenen Schmerz, nur eine gräßliche Schwere in den Gliedern, und auf der Brust eine Last, die ihren Atem hemmte. Sie beugte sich vor, um die Leiche zu küssen, da stürzte Miß Sophy in das Zimmer; außer sich vor Schrecken nahm sie das Mädchen beim Arm und schob es zur Tür hinaus.

Natürlich war das erste, wonach Erika jetzt suchte, ihre Mutter. Sie fand dieselbe in dem Wohnzimmer, wo sie, blaß und stumm, in einem großen Lehnstuhl saß. Minna, so hieß die ehemalige Kinderfrau, beugte sich über sie und befeuchtete ihre Stirn mit Essig, ohne daß sie es zu merken schien. Sie hielt die gefalteten Hände im Schoß und blickte vor sich hin. Erika fand nicht den Mut, sich ihr zu nähern.

Der Ritter von Strachinsky ging indessen mit großen Schritten auf und ab, er hatte bereits aufgehört zu weinen; von Zeit zu Zeit hielt er in seiner Wanderung inne und seufzte. Anfänglich merkte Emma nichts davon. Plötzlich aber erwachte sie aus ihrer Starrheit, und sich mit einem unheimlichen, schwach-wimmernden Laut über die Stirn fahrend, rief sie: »Um Gottes willen, Jello!«

Er blieb stehen, räusperte sich ein paarmal, zog ein englisches Federmesser aus der Tasche und fing an, seine Nägel damit zu putzen, dann ging er auf seine Frau zu und streichelte ihr die Wangen. Mit einer scheuen Gebärde wehrte sie ihn von sich ab.

Er ächzte gefühlvoll, trat von ihr zurück und stellte sich an ein Fenster; mit der einen Hand streichelte er seinen Backenbart, mit der anderen klimperte er in seiner Rocktasche mit seinen Schlüsseln.

Nach einem Weilchen begann er halblaut vor sich hinzureden, erzählte, vielleicht in der blödsinnigen Absicht, die Verzweifelte zu zerstreuen, was draußen vorging, alles in einem süßlich wehmütigen Tonfall, der gesunde Nerven hätte krank machen müssen: »Ei, ei! Sieh da ein Spätzlein, es trägt einen großen Strohhalm im Schnabel, tapeziert sich sein Winternest aus.«

Das Röcheln, mit dem die Unglückliche von Zeit zu Zeit die Last, die ihr auf der Brust lag, von sich zu wälzen versucht hatte, war verstummt. Sie saß sehr gerade, nur den Kopf etwas vorgebeugt, und starrte nach dem Manne am Fenster.

Plötzlich stieß sie einen kurzen, schrillen Schrei aus und stürzte, sich die Schläfen mit beiden Händen haltend, hinaus.

Als sie verschwunden war, zuckte der Ritter die Achseln, seufzte, als ob ihm ein großes Unrecht geschehen sei, worauf er sich in sein Zimmer verfügte, um sich die Namen aller Bekannten aufzunotieren, denen er die Trauerbotschaft mitzuteilen für nötig erachtete.

Am dritten Tage nach dem Tode wurde die Leiche beerdigt.

Sie setzten sich den Tag zu Tisch wie an jedem anderen Tage. Die arme Mutter aß nichts, und Erika konnte ebenfalls keinen Bissen hinunterschlingen. Die Tränen, die sie anfänglich nicht hatte finden können, flossen ihr jetzt um so reichlicher aus den Augen, eine nach der anderen, schneller, immer schneller fielen sie auf ihr neues schwarzes Kleid herab.

Der Ritter aß. Nach kurzer Zeit schob auch er seinen Teller von sich. Zum erstenmal in ihrem Leben empfand seine Stieftochter ihm gegenüber eine herzliche und mitleidige Regung. Sie dachte, der Kummer habe ihm den Hals zugeschnürt – da... Er räusperte sich, dann... »Das ist unerträglich!« wimmerte er. »Ich habe ja ohnehin keinen Appetit und nun noch Tomatensoße! Du weißt doch, daß ich keine Tomatensoße esse!«

Seine Frau erwiderte nichts, sie sah ihn nur an mit ihren neuen, unheimlichen Augen – Augen, von denen der letzte Schleier gefallen war, und denen das Licht wehe tat. Es überlief einen kalt beim Anblick dieser Augen.

Die Uhr am Schloßturm schlug eine Viertelstunde hinter der anderen, immer näher rückte der Zeitpunkt der Einsegnung. Die kleine Leiche ruhte bereits im Sarg, der Sargdeckel lehnte gegen die Wand. Eine rasende Unruhe – die gespannte Erwartung eines Zeitpunktes, der die Kulmination einer unerträglichen Lage ausmachen soll, hatte Erika befallen, sie konnte es nicht auf dem Fleck aushalten und nicht auf jenem, endlich lief sie ihrer Mutter nach, die in den Garten hinausgegangen war.

Es war kalt und stürmisch. Der Herbst war spät und plötzlich gekommen. An einigen Büschen hing noch reichliches Laub, aber schwärzlich grün und verschrumpft, an anderen nur hier und da eine Handvoll roter oder gelber Blätter, die im Winde zitterten. Im Gegensatz zu dem Buschwerk waren die Bäume fast gänzlich kahl. Dunkelgrau oder violettbraun zeichnete sich das nackte Astwerk ab gegen den schiefergrauen Himmel – nur an den Birken schimmerten die Blättchen noch goldgelb. Auf den feuchten Sandwegen und dem aufgeweichten giftgrünen Herbstrasen lag das Laub naß und braun zugleich mit noch frisch aussehenden, erst kürzlich abgefallenen Blättern. Vom ersten Reif geknickt, ließen die Astern und Georginen ihre Köpfe hängen, und zwischen dem öden Herbststerben schlich die trostlose Mutter einher und suchte ein paar frische Blumen, um sie ihrem toten Kinde mitzugeben ins Grab. Mit versagenden Schritten, immer wieder über ihr Kleid stolpernd, wankte sie von einem zerstörten Blumenbeet zum anderen. Der scharfe Herbstwind trieb ihr die Kleider gegen die abgemagerten Glieder. Von ihren Lippen floß ein schwaches Wimmern, in das sich Liebkosungsworte mischten. Sie küßte die paar armseligen vom Frost geschwärzten Blumen, die sie in der Hand hielt. Erika ging knapp hinter ihr. Einmal, zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleide der Mutter; doch ohne es berührt zu haben, erschrocken, als habe sie Angst, ihr auch mit der zärtlichsten Berührung weh zu tun, zog sie dieselbe wieder zurück.

Zehn Minuten später tönten scharfe Hammerschläge durch das Schloß, die unglückliche Frau kauerte im äußersten Winkel ihres Zimmers und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.

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