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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
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Die Prinzessin Dorothee ging mit kurzen, ungeduldigen Schritten in ihrem Salon auf und ab. Von Zeit zu Zeit blickte sie zum Fenster hinaus in das unfreundliche Berliner Märzwetter, auf große Haufen rechts und links von der Moltkestraße zusammengeschaufelten, sehr schmutzigen Schnees, in den rasch fallende Regentropfen, wie sich die Prinzessin ausdrückte, Blatternarben hineinbohrten.

Eine ganz kleine Unannehmlichkeit war Dorothee widerfahren. Sie war von Hof aus bei einer Galagelegenheit übersehen worden. Sonst hätte sie dergleichen sehr kalt gelassen; sie hätte die Sache naturgemäß auf ein Versehen des Obersthofmeisteramts zurückgeführt. Noch obendrein machte sie sich aus dergleichen nichts, ja, fand es geradezu lästig, bei solchen feierlichen Veranstaltungen mitzutun. Heute aber beunruhigte sie die Sache. Anstatt ein Versehen des Obersthofmeisteramts in dieser Angelegenheit zu erblicken, witterte sie dahinter eine absichtliche Verletzung.

Warum war man denn so schauderhaft moralisch in Berlin? fragte sie sich verdrießlich; so aggressiv moralisch, tugendprotzig war der rechte Ausdruck. Überall anders ließ man doch die Leute auf ihre Manier selig werden, solange nur der äußere Anstand gewahrt blieb.

Was hatte sie denn Schlimmes getan? Die Feistmantel hatte ihr's schon damals in Florenz auseinandergesetzt, daß die Ehe, wie sie die Zivilisation eingeführt hat, etwas durchaus Unnatürliches sei. Damals in Florenz hatte die ausgelassene und inmitten der sie umgebenden Verderbtheit doch noch rein verbliebene Prinzessin laut über diese philosophische Weltanschauung ihrer Erzieherin gelacht. Später, um Jahre später, hatte sie diese Theorie aus irgendeinem Winkel ihres Gedächtnisses hervorgezogen, um sich vor sich selbst damit zu rechtfertigen – und kürzlich, erst gestern war's gewesen, als die Feistmantel, die sich nun in Berlin etabliert hatte, wo sie in den besten Kreisen Klavierstunden gab, bei dem Frühstück, zu dem Prinzeß Thee sie eingeladen, dieselben Theorien vorgebracht, da hatte die Prinzessin ihr heftig widersprochen, ja, ihr diese Theorien bitter verübelt – sie war grob geworden gegen die Feistmantel, hatte sie beinahe hinausgeworfen und sich im letzten Moment doch wieder hastig und fast demütig mit ihr versöhnt und sie schließlich mit einem ganz unmotivierten, sehr reichen Geschenk entlassen.

Es war bereits krankhaft. Alles bezog sie jetzt auf dieselbe Angelegenheit. Hinter dem philosophischen Vortrag der Feistmantel hatte sie einen niedrigen Versuch gewittert, sich bei ihr einzuschmeicheln. »Als ob die Feistmantel ahnen könnte ... Kein Mensch kann etwas ahnen ...!« wiederholte sie sich einmal um das andere – »kein Mensch!« Sie hielt ihr feines Batiktuch an den Mund und fing an, es mit den Zähnen zu zerreißen. »Was habe ich im Grunde so Schreckliches getan?« fragte sie sich noch einmal. »Es gibt kaum eine wirklich hübsche, gefeierte Frau, die nicht mehr verbrochen hätte als ich!« Mit einemmal breitete sie ihre langen, schmalen Hände vor ihr Gesicht, und einen halb unterdrückten Wutschrei ausstoßend, rief sie: »Mein Gott, wenn es allen Frauen so viel Vergnügen macht wie mir?« Mitten in ihrer Hohlheit und sittlichen Haltlosigkeit war ihr früher doch immer ein Hang zur Offenheit verblieben, dem sie rücksichtslos oft bis zur Geschmacklosigkeit, manchmal bis zur Grausamkeit gefrönt und der ihrem Wesen eine würzige Eigenart aufgeprägt hatte.

Aber jetzt war's aus damit, die lustige Unverschämtheit, die » crânerie«, mit der sie sich sonst noch in den unmöglichsten Situationen zu behaupten vermocht, war verschwunden – sie krümmte und bückte sich unter dem Mantel der Heuchelei, der so schwer auf ihr lastete.

Und warum das alles?

So allmählich war's gekommen aus Langerweile. Ein Mann, der brutaler war als die anderen, hatte ihr den Hof gemacht mit grobem Geschütz, das ihrer Eitelkeit schmeichelte. Er brachte Abwechslung in ihr Leben; seine Großmut war verblüffend. Einmal, da er eine Wette an sie verloren, brachte er ihr eine Brillantriviere in einem Osterei.

Sie wußte, daß sich das nicht schickte, aber sie war es als Mädchen gewöhnt gewesen, Geschenke von Herren anzunehmen. Nebenbei hatte sie eine Vorliebe für Brillanten – und was das für Steine waren! Eine Kette von Tautropfen, in denen die Morgensonne glänzt! Auch hatte er eine so übermütige Art, ihr das kostbare Ding in den Schoß zu werfen, als ob es rein nichts wäre.

Sie konnte nicht widerstehen – einmal zum wenigsten wollte sie das Halsband antun. Auf dem nächsten Hofball trug sie's. Ihrem Gatten, der von dergleichen nichts verstand, erklärte sie, sie habe es um einen Pappenstiel aus dem Nachlaß eines Juweliers erstanden.

Sie hatte sich vorgenommen, es zurückzugeben – aber sie gab's nicht zurück. Von dem Augenblick hatte er sie in seiner Gewalt. Er lockte sie an sich, wie eine Katze einen Vogel an sich lockt, kleine, harmlose Konzessionen gewann er ihr ab, eine nach der anderen – und dann ... eines Tages – –

Ach Gott, wenn sie das jetzt ungeschehen hätte machen können! Wenn man etwa die Qualen, die sie von da ab durchs Leben schleppte, mit dem Ausdruck Gewissensbisse bezeichnet hätte, so hätte man sich einer arg idealistischen Auffassung schuldig gemacht. Nein, Gewissensbisse empfand sie keine, ihr sittliches Gefühl war vollständig stumpf, nur einen großen Ärger über sich selbst, Wut darüber, irgend jemandem Macht über sich eingeräumt zu haben, gedemütigten Stolz und neben dem allen eine maßlose Angst, ertappt zu werden. Sie war bis ins Innerste feig. Was hätte sie nicht darum gegeben, wieder loszukommen! Im Grunde genommen waren ihr ihre Beziehungen zu ihrem Liebhaber ungemein lästig. Zehnmal hätte sie bereits gebrochen, wenn sie sich nicht vor ihrem Liebhaber fast mehr gefürchtet hätte als vor ihrem Manne.

Ein Russe war's, fabelhaft reich, und bekannt in den Kreisen der Pariser Halbwelt, welche jahrelang seinen ganzen Umgang ausgemacht hatte. Orbanow hieß er und wurde im Ausland allgemein mit einem Fürstentitel ausgezeichnet, der ihm eigentlich nicht zukam. Ein Mensch ohne jeglichen sittlichen Halt, von einer Brutalität, die, wenn er sich erhitzte, jede Grenze überstieg, dabei mit einer naiven Unkenntnis der westeuropäischen Schattierungen des point d'honneur, aber mit einem geradezu verblüffenden persönlichen Mut ausgestattet, der seine schwankende Stellung immer wieder ins Gleichgewicht brachte.

Prinzeß Dorothee war davon überzeugt, daß er etwas Rücksichtsloses, ganz Unmögliches tun würde, falls sie sich von ihm zurückzöge.

Ach, wenn er sie freigäbe!

Sie begann Luftschlösser zu bauen. Nie – nie wieder würde sie sich in ein derartiges Abenteuer einlassen. Es war ja alles erlogen, was in den Romanen stand – es gab nichts Häßlicheres auf der Welt als das. Sie hatte in ihrem ganzen Leben ein einziges Mal ein tieferes Gefühl gehabt, und das war in Wut und Haß erstickt; im übrigen war ihr eigener täppischer, beschränkter, durch und durch ehrenhafter und grenzenlos gutmütiger Gatte von allen Männern ihr immer noch lieber als alle anderen. Er war vorläufig noch auf seiner Herrschaft in Schlesien verblieben, wo er sich bedeutend wohler fühlte als inmitten des großstädtischen Gesellschaftstreibens. Prinzeß Dorothee hatte es ihm anfangs absichtlich in Berlin so ungemütlich zu machen gewußt, daß er sich stets so lange als möglich in Schlesien aufhielt. Heute sehnte sie sich nach ihm. Sie sehnte sich danach, daß er sie auf seine Knie nehmen sollte und in seinen starken Armen einlullen möchte wie ein müdes Kind – und danach, sich wieder einmal von ihm die Treppe hinauftragen zu lassen, die breite, flachgestufte Treppe seines alten Schlosses in Kößnitz, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe. Ja, gerade danach sehnte sie sich, seine beschützende Kraft zu fühlen.

Ach, wenn sie frei wäre!

Sie würde Berlin den Rücken kehren, augenblicklich mit ihm nach Kößnitz ziehen. Es überfiel sie ein wahrer Hunger nach Kößnitz – nach dem Kalk- und Steingeruch der weiten Gänge, nach den luftigen, fast kahlen Zimmern, nach dem Wirtschaftshof mit seinen ungeheuren Misthaufen und den ihn rings umstehenden braunen Fachbauten. Wie malerisch das alles aussehen mußte jetzt im Schnee, denn dort in Schlesien lag der Schnee noch hoch. Sie wollte Schlitten fahren – schwindelnd schnell – den ganzen zarten Körper warm eingepelzt und nur auf dem Gesicht den kalten frischen Winterhauch, vor ihr herschwirrend verwegenes Schellengeklingel und die lustig schnaubenden Rappen mit wehenden Mähnen und weit ausgreifenden flinken, vornehm gebogenen Füßen – ringsherum der verschneite Wald, die Bäume wie versilbert, von seinen Kristallen umstarrt, und über dem bläulichen Schnee sich hinziehend hellgraue Schatten.

Ach, sie freute sich auf das Nachhausekommen, auf das Vesperbrot! Denn das hatte sie sich fest vorgenommen, die vornehme Tageseinteilung gänzlich über den Haufen zu werfen: ein tüchtiges Mittagsmahl um eins, Vesper um fünf, und um acht Uhr ein Abendbrot mit Wurst und heißen Kartoffeln – ja, heiße Kartoffeln in der Schale; seit ihrer Kindheit hatte sie die nie mehr bekommen, und dann auch saure Milch mit Schwarzbrot – wie sie sich auf die saure Milch freute!

Eine Hoffnung erfüllte sie. War das nicht Orbanow, den sie gestern in der Loge einer jungen Schauspielerin gesehen, im Hintergrund versteckt? Es war sonst nicht seine Gewohnheit, sich bei solchen Gelegenheiten zu verstecken; offenbar tat er es um ihretwillen.

Eine Eingebung kam ihr plötzlich. Welche Gelegenheit, sich loszumachen! Sie brauchte ja nur eine leidenschaftliche Eifersucht zu heucheln, und dann konnte sie zurücktreten, ohne die Eitelkeit dieses gefährlichen und gewissenlosen Menschen aufzureizen. Sie fühlte sich plötzlich ganz leicht und heiter, ganz mit Hoffnungsseligkeit erfüllt.

Die Uhr schlug fünf. Die Stunde, wo sie sich zu dem vereinbarten Stelldichein verfügen sollte, war gekommen. Ohne ihrer Kammerjungfer zu klingeln, kleidete sie sich an; über einen sehr einfachen, dunkelgrauen Regenmantel, den sie sich für diese Gelegenheiten angeschafft und den sie immer selbst einschloß, warf sie einen leichten Pelz, dann setzte sie einen unansehnlichen kleinen Hut auf und verfügte sich auf die Straße. Nachdem sie ein Weilchen zu Fuß gegangen war, bestieg sie einen Wagen und dirigierte ihn in ein Geschäft in der Potsdamer Straße. Kaum hatte sich das Gefährt in Bewegung gesetzt, so entledigte sie sich hastig ihres Pelzes, schnallte ihn mit unglaublicher Schnelligkeit in einem Lederriemen zusammen und band sich einen dichten Schleier doppelt ums Gesicht. Bei dem genannten Geschäft stieg sie aus, bezahlte den Wagen, kaufte eine Kleinigkeit, verließ den Laden, um wieder ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, worauf sie von neuem einen Wagen bestieg. Die Umständlichkeit, mit der sie die Sache anpackte, bewies bereits, wie außerordentlich ungeeignet sie für derlei am Abgrund hinwandelnde Vergnügungen war. Die Schwindelfreiheit, die zu solchen Unternehmungen nötig ist, fehlte ihr.

Etwa um acht Uhr desselben Tages verließ Goswyn von Sydow eines der traurigen verräucherten grauen Häuser der Lützowstraße in der Nähe des Potsdamer Bahndammes. Seit kurzem wieder nach Berlin versetzt, hatte er einem kleinen Familienfest beigewohnt, das ein alter Freund von ihm zur Feier der Taufe seines ersten Sohnes – mit einem Töchterchen war er bereits gesegnet – veranstaltet hatte. Der Freund war der Sohn eines Beamten des alten Freiherrn von Sydow, ein begabter junger Mensch, der mit Goswyn, ehe sich ihre Lebenswege trennten, auf derselben Schulbank gesessen und seither stets im Verkehr mit ihm geblieben war. Selber fast gänzlich mittellos, hatte er ein armes Mädchen geheiratet, was ein dummer Streich war, den er unverantwortlicherweise nicht bereute.

Die Familienfeier hatte sich den Umständen angemessen gestaltet. Außer dem Pastor, den Eltern und dem Täufling waren kaum sechs Personen anwesend gewesen, aber selbst die hatten Mühe gehabt, sich in den kleinen Räumen unterzubringen.

Die Temperatur war sehr hoch, die Luft leicht mit Kohlendunst geschwängert und mit einem Speisenduft, der aus der nahen Küche drang. Die Hausfrau war etwas unruhig und verschwand vor dem Nachmittagskaffee mit Backwerk mehrmals, um mit dem Mädchen zu sprechen; die mit Sydow zusammen geladenen Gäste – nahe Familienmitglieder – lebten in Gesellschaftskreisen, die allen seinen Gewohnheiten fernlagen. Unter den Umständen war es schwer, als Respekt einflößender Ehrengast nicht eine gewisse Unbehaglichkeit über seine Umgebung zu verbreiten, und war es geradezu ein Kunststück, sich wohl zu fühlen.

Goswyn hatte beides zustande gebracht. Er besaß eine echte Soldatennatur, die sich in den unbequemsten Verhältnissen zurechtfindet. Nicht einmal seine Schwerfälligkeit stand ihm im Wege. Anfangs war er sich zwar etwas zu groß vorgekommen; er wußte nicht, wie er seine langen Glieder rühren sollte, ohne etwas umzuwerfen und ohne eine verletzende Behutsamkeit an den Tag zu legen. Aber er hatte sich hineingefunden. Als nun, nachdem sich die anderen Gäste zurückgezogen, der Freund, ihm beide Hände auf die Achseln legend, gesagt hatte: »Bleib noch ein Weilchen, man sieht dich ohnehin wenig,« war er geblieben, und als der Rechtsanwalt – diese Stellung nahm der Freund jetzt ein – ihm einfach erklärt: »Ich versteh' mich nicht recht auf feines Kraut und hab' infolgedessen dem Versuch entsagt, dir welches zu besorgen; aber wenn du deine eigenen Zigarren rauchen willst, so macht mir's nur Freude,« da war es schließlich sehr gemütlich geworden. Sie hatten zusammen in dem Arbeitszimmer des Rechtsanwalts gesessen, in kräftig duftende himmelblaue Wolken eingehüllt, und hatten politisiert und besonders sehr viel über die inneren Zustände, den drohenden Sozialismus und die destruktive Tendenz der modernen Literatur gesprochen.

Der idealistische Rechtsanwalt, welcher gänzlich außer der Welt lebte und seine Existenz damit verbrachte, der Unschuld oder dem, was er dafür hielt, womöglich unentgeltlich zum Sieg zu verhelfen, äußerte mit Begeisterung allerhand Theorien, die man seiner Ansicht nach nur praktisch zu verwerten brauchte, um auf die leichtmöglichste Art den Schäden der Gesellschaft beizukommen.

Goswyn, der trotz seines ausgiebigen sittlichen Idealismus ein sehr praktischer Kopf war und von einem etwas schärferen Gesichtspunkt aus in die Welt hineinsah, fühlte zu den von seinem Freund in Vorschlag gebrachten Mitteln zur Behebung verschiedentlicher Weltschäden kein unbedingtes Vertrauen, freute sich aber an der anregenden Lebendigkeit des alten Jugendfreundes und an seiner anständigen Auffassung der Dinge. Als echte Deutsche tranken sie sehr viele Gläser Bier mitten zwischen ihre gegenseitig kundgegebenen Weltbeglückungstheorien hinein, sie schrien auch ein bißchen laut, besonders der Rechtsanwalt, bis ihm Goswyn die Hand auf den Arm legte und, sich nach der Tür des Nebenzimmers umsehend, ein leises Pst! zuflüsterte. Durch die Tür hörte man bescheiden und weich, ohne besondere Klangfarbe, aber voll anheimelnder Zärtlichkeit ein Liedchen summen. Es war die junge Mutter, die den Säugling in den Schlaf schmeichelte. Dann verstummte das Lied. Bald darauf trat die junge Frau herein, hübsch, frisch und mit der innigen Anmut, die jungen Müttern eigen ist, ihr zweijähriges kleines Mädchen auf dem Arm.

»Der Junge schläft schon,« erzählte sie, »aber Winny kommt sich noch empfehlen.«

Offenbar hatte sie Winny – sie war Sydows Patenkind und nach ihm Goswyna getauft worden – nur hereingebracht zum Bewundern, weil sie sie hübsch fand. Und Winny war auch entzückend in ihrem weißen Nachtkleidchen, aus dem ihre dicken, weißen Ärmchen und zarten, rosabesohlten Füßchen hervorguckten, und mit ihrem zerzausten rotblonden Krauskopf. Als Goswyn sie, auf seine Patenschaft pochend, auf den Arm nahm, schmiegte sie sich mit der ganzen Zutunlichkeit eines verschlafenen kleinen Mädchens an ihn, und von der Mutter aufgefordert, ihm den Grad ihrer Zuneigung zu beweisen, klopfte sie mit ihren winzigen warmen weichen Händchen zutraulich auf seinen breiten Schultern und glattrasierten Wangen herum, worauf sie ihn schließlich umhalste und mit mehreren zärtlichen Küssen beglückte, die ihm darum nicht weniger schmeckten, weil sie ein wenig feucht waren. Dann rieb sie sich, schlaftrunken blinzelnd, die großen blauen Augen, die anfingen ganz klein zu werden, und seufzte bekümmert – er fuhr ihr ein letztes Mal liebkosend über ihr zartes Gesichtchen und legte sie behutsam in die Arme der Mutter zurück.

Als er kurz darauf, nachdem er sich mit einem ritterlichen Handkuß von der jungen Frau verabschiedet, in die Straße hinaustrat, fühlte er etwas von dem sehnsüchtigen Mißbehagen, das auch den angenehmst situierten Junggesellen befällt, wenn er aus der warmen Atmosphäre eines völlig frischen, unentweihten jungen Eheglücks in seine nüchterne Einsamkeit zurückkehrt. Der Duft des Kindes war an ihm hängengeblieben, beständig fühlte er die dicken kleinen Arme um seinen Hals. Wie lieb das doch gewesen war!

Er hatte sich eine frische Zigarre angezündet und hielt sie jetzt nachdenklich in der Hand, ohne sie zu rauchen.

Es war doch etwas Schönes um so ein Heim!

Er dachte sich freilich das Zusammenleben mit seiner Frau anders. Seine Frau sollte etwas mehr für ihn sein als ein liebliches, stilles Hausgeistchen, das mit schlichter Anmut für seine leiblichen Bedürfnisse sorgte, allenfalls wußte, wohin er ein gescheites Buch verlegt hatte, und es ihm finden half, ohne es je selber aufzuschlagen, und das, nachdem es die Kinder zu Bett gebracht, mit einer Handarbeit in einem Winkel saß, während der Gatte mit einem Freund (etwas platonisch) das Weltall zurechtrückte.

Hm! ... freilich den Ansprüchen, welche er an seine künftige Frau stellte, hätte so leicht keine entsprochen ... er kannte eine einzige, und die –

Konnte er nicht mit seinem Stolze fertig werden und noch einmal sein Glück versuchen ... Es schnürte ihm die Kehle zu. Nein, unter den Umständen konnte er nicht daran denken. Er würde es doch nie vergessen, daß man ihm einmal das Geld Erikas vorgerieben hatte. Selbst wenn er imstande wäre, sich ihr Herz zu erobern, würde die Ehe doch mit einem Mißklang anfangen.

Wenn sie arm würde ...

Das Blut zuckte ihm plötzlich in allen Fingerspitzen, eine Art Jubel überkam ihn bei dem Gedanken, wenn irgendein Unglück, eine Demütigung sie träfe, welches Entzücken, sie dann in seine Arme schließen, sie aufrichten, sie durch seine Liebe von neuem stolz und reich machen zu können! Sein Herz klopfte laut. Er blieb stehen, als ob er über etwas gestolpert wäre, dann ballte er die Faust. War er denn wirklich imstande gewesen, Erika aus alberner Selbstsucht ein Unglück zu wünschen? Wie aus einer Betäubung erwacht, blickte er um sich.

Da sah er knapp neben sich aus einem großen Hause mit mehreren Toren ein Frauenzimmer huschen. Erst achtete er kaum darauf; mit einemmal schöpfte er tief Atem. Wie sonderbar, woher kam denn der eigentümliche Duft – das war ja das Parfüm seiner Schwägerin Dorothee. Er hätte geschworen, daß Dorothee in der Nähe gewesen sein müsse! Er sah sich nach allen Seiten um – es war niemand in der Straße als das Mädchen, das soeben an ihm vorbeigeschlüpft war – ein dürftig gekleidetes Mädchen mit einem Paket in der Hand.

Wie sie an ihm vorübergeschossen, war ihm nichts Besonderes an ihr aufgefallen, jetzt aber – von der Ferne glich die Person seiner Schwägerin – er hätte schwören können, sie sei es.

Schon dachte er daran, ihr nachzueilen, um sich zu überzeugen. Dann ärgerte er sich über sich selbst; ob sie's gewesen oder nicht, was ging's ihn an, er war doch nicht auf der Welt, um ihr nachzuspionieren.

Er wendete sich ab und schlug seinen Weg in entgegengesetzter Richtung ein, um ihre Spur zu verlieren.

Indem rannte er beinahe einen großen, bis an die Nasenspitze eingepelzten Mann um, der aus demselben Torbogen getreten war wie die rätselhafte Frauengestalt. Die beiden Männer blickten einander in die Augen – Goswyn erkannte Orbanow.

Einen Moment blieben sie beide, von Befangenheit gelähmt, stumm. Der Russe war der erste, der sich zurechtfand. » Mais bon soir,« rief er mit großer Kordialität, » je ne vous remettais pas!«

Goswyn legte die Hand an die Mütze und ging an ihm vorbei. Er hatte keinen Zweifel mehr.

Den nächsten Morgen erwachte Dorothee von Sydow nach einem festen, erquickenden Schlaf mit sehr leichtem Herzen. Sie war frei! Es war alles prachtvoll abgegangen, sie hatte Orbanow erst eine Eifersuchtsszene gemacht, um seine Eitelkeit zu schonen, dann hatten sie sich fast lachend zu einer Trennung à l'amiable entschlossen, und dann, nachdem alles in Ordnung war zwischen ihnen, da war Prinzeß Dorothee von einer großen Lustigkeit befallen worden; sie hatte sich entschlossen, ihrer Liebe ein lachendes Begräbnis zu bereiten, und hatte sich ruhig zu dem für sie vorbereiteten Souper niedergesetzt, hatte ihre Austern, ihr paté de griesv und ihren Champagner genossen, sich von Orbanow stark gewürzte Anekdoten erzählen lassen, hatte sich mit ihm verplaudert und war mit der Versicherung von ihm geschieden, daß sie sich bei keiner ihrer Zusammenkünfte so gut unterhalten habe wie bei dieser letzten. Sie hatten das beide fin de siècle gefunden und einander lächelnd den Rücken gekehrt.

Jetzt saß sie in ihrem Ankleidekabinett neben dem Kamin, oder wenigstens neben einem Ofen mit einer sehr großen Öffnung, in der man das Feuer sah – ein Möbel, wie es in Berlin den Kamin ersetzt. Sie kauerte behaglich in einem Lehnstuhl, war vom Kopf bis zu den Füßen in einen grauen, mit Silberborden und Pelz besetzten Schlafrock gehüllt, sah zum Verlieben hübsch aus und trank mit großem Appetit Schokolade aus einer mit Blumen bemalten Tasse von Berliner Porzellan. »Gott sei Dank, daß es vorüber ist!« sagte sie sich einmal um das andere.

Dann setzte sie die Tasse nieder, streckte und dehnte sich, rieb sich die Augen und schwelgte in dem Gefühl, eine drückende und beängstigende Last glücklich losgeworden zu sein. Nach und nach stellte sich die Reaktion bei ihr ein. Eine ganz kleine Verstimmung schlich sich in ihre Freude. So oberflächlich sie war, kam sie doch zu der Überzeugung, daß ihre nun abgeschlossenen Beziehungen zu Orbanow etwas mehr bedeuteten als einen bösen Traum.

Reue fühlte sie keine, aber nörgelnden Ärger. Sie hätte einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, ungeschehen machen zu können, was nun doch geschehen war. Je nun. Sie seufzte – dann gähnte sie.

Die Sehnsucht nach ihrem Mann und Kößnitz war ihr geblieben; daß sie Berlin so bald als möglich den Rücken kehren wollte, stand bei ihr fest – heute abend, morgen spätestens wollte sie fort nach Schlesien und unangemeldet ihren Mann überraschen. Was er für ein erstauntes Gesicht machen, wie sehr er sich freuen würde! Sie klatschte in die Hände wie ein Kind. Plötzlich – nein, das war unerträglich; da kam das dumme, beklemmende Mißbehagen schon wieder! Würde sie denn nie vergessen können! Es war ja nicht zum Aushalten. Und das alles wegen einer Torheit, die ihr nie Freude gemacht hatte. Sie biß sich in die Lippen, dann nahm sie ein feines japanesisches Papiermesser zur Hand und bog es so lange, bis es brach. Mit einemmal griff sie sich mit beiden Händen in ihre lockigen kurzen Haare und fing an, laut zu schluchzen, eigentümlich hoch und dünn, daß es fast wie ein Kichern klang. Es ist merkwürdig, wie verwandt im Ton zumeist das Weinen und Lachen der Menschen ist! – Da ... die Tür des Gemachs hatte sich geöffnet ... ein großer, breitschulteriger Mann mit einem gutmütigen, schwerfälligen roten Gesicht trat ein. Sie sah auf, schrak zusammen, als ob plötzlich ein Blitz neben ihr niedergefahren wäre. Der Eintretende heftete den Blick seiner kleinen, grauen Augen besorgt auf ihr feines verweintes Gesicht, dann rasch auf sie zuschreitend, rief er: »Meine liebe kleine Thee – was um Gottes willen ist dir?«

Sie schlang ihre beiden Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn, wie sie sich nie an ihn geschmiegt hatte. Er drückte seine Lippen auf ihren Mund.

 

Goswyn saß an seinem Schreibtisch, einem geräumigen Möbel, auf dem es etwas kunterbunt aussah, ein Buch in der Hand. Es handelte sich darin um den Feldzug von 1814, denjenigen unter allen Feldzügen Napoleons, der ihn am meisten interessierte. Dennoch blätterte er die Seiten sehr langsam um, ja hörte endlich ganz damit auf. Die Sache mit Dorothee war ihm widerwärtig – die Sydows hatten von jeher ebenso streng auf die Sitten ihrer Frauen als auf die Ehre ihrer Männer gehalten. Etwas wie das, worüber er nicht mehr im Zweifel sein konnte, war in ihrer Familie nie vorgekommen. Man hatte sich vielleicht bisweilen unter ihnen gelangweilt, aber die Augen hatte man vor niemand niederzuschlagen gebraucht.

Schon lange hatte er eine Ahnung von dem Stand der Dinge gehabt; seit gestern war er seiner Sache sicher. Mußte er denn wirklich zusehen? Was sollte er anderes tun? Seinen Bruder aus allen seinen Himmeln zu reißen, wäre ihm peinlich gewesen – den Angeber zu machen, unmöglich. Nun ja, freilich, ruhig zusehen mußte er. Er stampfte auf den Fußboden und ballte die Faust. Im selben Moment hörte er draußen eine bekannte, rauhe, herzhafte Stimme bei seinem Diener nach ihm fragen. »Otto! Was macht der in Berlin?« fragte er sich; »noch obendrein scheint er vergnügt.« Er sprang auf. Da öffnete sich die Tür, Otto stürzte herein, derb, vierschrötig, vor Glück strahlend. Er legte seine kurze, fleischige, leicht behaarte Hand auf die Schulter des Bruders und rief:

»Na, wie geht's, oller Junge – siehst verteufelt verkatert aus, verträgst doch etwas. Wo fehlt's?«

»Nirgends,« erklärte Goswyn, indem er sich bemühte, sofort ein heiteres Gesicht zu machen.

»Alles in Ordnung?«

»Alles!«

»Na, um so besser! Bist wohl gewiß erstaunt, mich so plötzlich zu dir hereingeschneit zu sehen?«

»Allerdings!«

»Na – das ist ne janze Geschichte.« Wenn Otto ins Feuer kam, sich irgendwie besonders gehen ließ, verfiel er leicht in den preußischen Jargon, der Goswyn hingegen gänzlich fremd war. Dabei ging er mit großen Schritten in dem nach militärischer Junggesellenart halb als Rauchzimmer, halb als Schreibstube eingerichteten Gemach auf und ab.

»Es ist behaglich bei dir, Gos!« rief er, seine kalten roten Hände ineinanderschlagend, um sie zu erwärmen; »aber der Teufel, man kann nicht sagen, daß du dir's allzu bequem machst, unnötigen Luxus gibt's nicht; und ... welches Maß in der Dekoration! Keine einzige hübsche Dame an der Wand. Hm! hm! Bei mir hat's anders ausgesehen in meinen Junggesellentagen! Hm! hm!« Er blinzelte verfänglich mit seinen kleinen grauen Maulwurfsaugen. »Übrigens erinnere ich mich, daß man früher auch etwas anderes bei dir zu sehen bekommen hat als Rennpferde und Jagdszenen ... he, he! Was hast du denn mit deiner Schönheitsgalerie angefangen, Gos?«

»Habe alle meine Jugendsünden im Dutzend meinem Vetter Brock vermacht, der vor sechs Wochen Leutnant geworden ist,« erklärte Goswyn, den das törichte Geplapper seines Bruders verdroß.

»Ja so – hm! – du hast recht – ist nicht mehr zeitgemäß – bist auch schon ein alter Hase – kannst an vernünftigere Sachen denken!« Damit beugte sich Otto über den Schreibtisch des Bruders und versenkte sich in den Anblick von ein paar Photographien, die ihn schmückten. »Famoses Bild der alten Lenzdorff!« rief er, »ganz famos!« – Dann: »Hier ist ja unser Vater als junger Mann, dem seh' ich ähnlich ... und da ist Onkel Goswyn, der sagenhafte Familienheld, der im Duell gefallen ist. Die alte Lenzdorff soll als Mädchen in ihn verliebt gewesen sein. Daß die überhaupt je verliebt gewesen sein kann! Und du sollst ihm ähnlich sehen – die Mutter sagte es immer. – Oh, das ist die Mutter!« Er nahm das bereits verblichene, in einen altmodischen Rahmen gefaßte Bild auf und trat damit an ein Fenster, um es näher zu betrachten. »Das ist das beste Bild, das von ihr existiert,« sagte er, »es stand immer in Vaters Schreibzimmer. – Zu denken, daß du das je gewesen bist, der hübsche kleine Knirps im gestickten weißen Kleidchen, den sie auf dem Schoß hält, und ich der Junge in der kurzen Hose daneben – komisch ... aber es ist doch lieb, so eine junge Mutter mit ihren Kindern. Wie sie dich im Arm hält! Sie hat dich immer vorgezogen ... Hm! Wo hast du das Bild her?«

»Ich habe es von der Mutter geschenkt bekommen als junger Offizier. Sie hat's mir gebracht, als sie mich besuchte in meiner ersten Garnison.«

»Ja, damals warst du verwundet, nach einem Duell,« sagte Otto.

»Ja, sie kam, mich zu pflegen.«

»Ja, ja – wie viele dumme Streiche du auf dem Gewissen hast! Eigentlich warst du viel ärger als ich, man sieht dir's gar nicht mehr an – hm« – mit einem Blick auf den Knirps im gestickten weißen Kleid – »ich gäb' was drum, wenn ich so einen Jungen hätte! Das ist das einzige, was ich der Thee ernstlich verübele, daß sie mir keine Kinder geschenkt hat. Na, es ist ja noch nicht aller Tage Abend.« Damit stellte er das Bild wieder an seinen alten Platz, und zwar mit einer zärtlichen Behutsamkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die Goswyn rührte. Was konnte Otto denn eigentlich dafür, daß er ein wenig schwach im Kopf war, ein prächtiger Kerl war er doch – schade um ihn!

Mit der Tappigkeit, die zu Ottos hervorragendsten Eigenschaften gehörte, tat dieser übrigens sofort sein möglichstes, um die günstige Stimmung des Bruders zu verscheuchen.

»Und von der jungen Lenzdorff hast du kein Bild?« fragte er, sich auf dem Schreibtisch umsehend.

»Ich werde wohl irgendwo eins haben,« erwiderte Goswyn ausweichend. Freilich hatte er eins von ihr, ein reizendes Bild, das sie in ihrer holdesten Frühlingsblüte darstellte; aber das bewahrte er hinter Schloß und Riegel wie einen Schatz, damit kein profanes Auge dasselbe streife.

»Wie du das sagst!« entgegnete Otto. »Es war doch ehemals eine Flamme von dir, ein famoses Mädel, nur zu viel Raupen im Kopf. Mir war sie immer ein wenig »zu hoch«, für dich hätte sie gepaßt. Ich begreife nicht recht, warum du nicht zugegriffen hast –!«

»Das geht mir denn doch ein wenig gegen den Strich!« fuhr Goswyn auf. »Tu nur nicht so, als ob du nicht wüßtest, daß ich von Erika Lenzdorff einen Korb bekommen habe!«

»Du!« rief Otto etwas verblüfft, die Stirn in horizontalen Runzeln klein ziehend. »Ja, richtig, ich habe einmal so etwas gehört, aber das war ja vor hundert Jahren. Verzeih mir, Gos, den Korb eines achtzehnjährigen Mädchens, den braucht man nicht ernst zu nehmen, besonders nicht eines Mädchens, das dich stets mit so zärtlichen Augen angeblickt hat wie die junge Lenzdorff. Ich bitte dich! Sie ist ja heute noch zu haben! Der Teufel, warum versuchst du's denn nicht ein zweites Mal! Geniert dich vielleicht das Intermezzo mit dem alten Engländer? Dummheiten! – ihr seid ja wie füreinander geschaffen – ein schönes Vermögen hat sie auch – «

»Otto, um Gottes willen, du bringst mich außer Rand und Band!« schrie jetzt Goswyn. »Könntest du dich nicht vielleicht vernünftig niedersetzen, anstatt auf und nieder zu stapfen wie ein Löwe im Käfig, oder auf meinem Schreibtisch in dem alten Krimskrams herumzustöbern, den du schon auswendig kennen mußt? Erzähl' mir doch lieber, wie du da plötzlich in Berlin auftauchst, wo dich kein Mensch erwartet hat? Willst du nicht rauchen?«

Otto steckte sich eine Zigarre an und setzte sich folgsam, wie er sich, eine wichtige Gelegenheit ausgenommen, seinem Bruder gegenüber immer gezeigt hatte, in einen Lehnsessel. »Ja, wie ich herkomme?« begann er genau so wie vor einer Viertelstunde. »Das ist ne janze Geschichte – «

»Das hast du mir schon einmal gesagt,« grollte der heute außerordentlich gereizte Goswyn.

»Je nun, so sei doch nicht so ungeduldig, ich bin einmal ein bißchen weitschweifig,« gestand Otto. »Na, du weißt, es war die letzte Zeit nicht so alles in Ordnung zwischen mir und der Thee! Hm, hm! – Es sind immer beide im Fehler, wenn sich zwei Eheleute nicht vertragen. In der Stadt ging's schon gar nicht zusammen – was willst du, ich bin nun einmal fürs Landleben gemacht – dieses Herumstehen in den Stuben, in denen man immer jemandem auf die Schleppe tritt und nichts Ordentliches zu essen bekommt und nicht recht atmen kann, ist mir gräßlich – unterhalten kann ich mich mit niemandem, ich sage immer nur Dummheiten; der Thee war das zuwider, und schließlich sind wir überein gekommen, daß es das beste sei, ich bleibe zu Hause, während sie sich in der Stadt ein wenig zerstreut. Sie kam mir dann immer frischer und zufriedener zurück. Ich weiß, daß viele mein System verurteilt haben; jedem seine Ansicht – aber ich habe meine Erfahrungen. Ein nervöses Pferd darf man nicht reizen – Luft lassen ist die Hauptsache. Na, aber heuer dauerte mir die Geschichte doch ein wenig zu lange – sie schrieb so selten – und dann, es war so etwas Zerfahrenes in den Briefen – kurz« – er fing plötzlich an verlegen zu lachen – »ich hatte mir Spinnen in den Kopf gesetzt – und da, ganz unangemeldet erschien ich diesen Morgen in Berlin – und weißt du, wie ich sie finde, die arme Thee? – ganz sittsam beim Kamin sitzend, in Tränen. Denke dir, Gos. Ich erschrecke natürlich und – und tröste sie, wie ich kann – dann, wie ich sie ein wenig beruhigt habe, frage ich sie, was ihr fehlt. Heimweh, Gos! – denke nur, Sehnsucht – na, Sehnsucht nach dem Nest, nach dem plumpen Bären, der ihr endlich doch näher steht als alles andere auf der Welt. – Sie machte mir Vorwürfe, daß ich sie vernachlässigt hätte in der letzten Zeit, daß ich nicht einmal in meinen Briefen den Wunsch geäußert, sie wiederzusehen. Sie sei fast im Begriff gewesen, mich ungebeten in Kößnitz zu überraschen, aber dann ... geniert man sich schließlich doch, sich einem Mann an den Kopf zu werfen, der gar nichts von einem wissen will. Eifersüchtig ist sie auch gewesen, armer Narr! Kurz, es war ein kolossales gegenseitiges Mißverständnis, und das Ende war, daß sie mich gebeten hat, aber wirklich wie ein Kind gebettelt, ich möge sie mitnehmen nach Kößnitz, sie wolle gerade jetzt mit mir ein paar Wochen janz einfach auf dem Lande verbringen. Ach, wie sie sich darauf freut, wie sie mir unser zukünftiges Leben beschrieb! – Und süß sah sie dabei aus! Ich schlug ihr vor, daß ich ein paar Tage vorausreisen wolle, um alles für sie vorzubereiten. Davon aber wollte sie durchaus nichts hören, sie klammerte sich an mich, rein als ob sie erst acht Tage verheiratet gewesen wäre. Was hast du denn, Gos?«; denn Goswyn war an ein Fenster getreten, wo er, dem Bruder den Rücken kehrend, seine etwas scharf gebogene Nase gegen die kalten Scheiben drückte.

»Ja, was soll ich haben?« fragte Goswyn nach einer unerquicklichen Pause gezwungen.

»Zu was stehst du denn dort am Fenster und rührst dich nicht, als ob dich das rein gar nichts anjinge, was ich dir hier erzähle ...«

»Verzeih, ich sah nur gerade hinaus ... ein Straßenauflauf – ein Droschkengaul, der gestürzt ist,« murmelte Goswyn.

»Ja, wenn dich jedes Mistvieh auf der Straße unten mehr interessiert als das, was mir am nächsten zu Herzen geht, dann habe ich mir freilich den Mund verjeblich trocken jeredet. Aber ich weiß, was es ist. Du warst immer ungerecht gegen Thee, hast sie nie verstanden – was man nicht heben kann, muß man liegenlassen. Adieu!« Damit hatte Otto nach seinem Hut gegriffen und segelte auf die Tür zu.

Goswyn überwand sich; was ging's ihn schließlich an, ob sein armer Bruder in einer Täuschung sein Glück fand. Wie die Sachen lagen, mußte sein erstes Bestreben sein, ihn nicht in dieser Täuschung zu stören. Er legte ihm die Hand auf den Arm und rief gutmütig: »Otto, mach' doch keine Dummheiten! Willst du's wirklich einem vertrockneten Junggesellen übelnehmen, wenn er an ... deinem Glück nicht so innigen Anteil nimmt, wie er eigentlich sollte? Unsereins steht dem allem so fern ...«

Ottos Stirn glättete sich. »Ich war töricht,« gestand er. »Nun freilich, armer Gos – ich hätte dich eigentlich gar nicht mit meinem ausführlichen Bericht quälen sollen. Siehst du, ich gäbe was drum, wenn du auch schon dein Ziel erreicht hättest. Na, du brauchst nicht die Stirn zu runzeln, ich rede mit niemandem darüber – aber 's ist doch das Schönste auf der Welt!«

»Ja, ja, Otto – nun, und wann wollt ihr fort?«

»Morgen – ein paar Wochen bleiben wir in Kößnitz, und dann machen wir zusammen irgendeine Reise. Ich bin zu dir gekommen, ob du nicht heute mit uns Tee trinken wolltest – um fünf, damit wir doch noch ein wenig gemütlich beisammen sein können. Verteufelt kalt hast du's hier – läßt du immer so wenig heizen? Dorothee läßt dich ganz speziell bitten.«

»So – Dorothee läßt mich bitten?«

»Gos!«

»Ich bin für acht zum Diner geladen, aber ich will mich bei euch einfinden im Laufe des Nachmittags – auf Wiedersehen!«

So trennten sie sich.

Es war um wenige Stunden später. Goswyn hatte sich richtig eingefunden und tapfer sein möglichstes getan, die Stimmung nicht zu verderben. Sie saßen miteinander vor dem kaminartigen Ofenloch in dem kleinen Salon, in dem sie den Tee genommen hatten, Goswyn und sein Bruder. Das Licht fing an glanzlos zu werden, ohne daß die Dämmerung noch irgend etwas verschleiert hätte. Der Tee stand auf einem kleinen niedrigen türkischen Tisch zugleich mit einer halbgeleerten Flasche Rum.

Dorothee war soeben ausgegangen, um ihre Tante Brock von ihrer unvorhergesehenen Abreise zu benachrichtigen und sie zu bitten, ein paar Abschiedsvisiten für sie zu machen. Sie war Goswyn mit so heiterer Unbefangenheit entgegengekommen, daß er erst nicht begriff, dann sich schließlich einzureden trachtete, daß er sich geirrt und die Person, die er für Dorothee Sydow gehalten, doch eine ganz andere gewesen sein müsse.

Noch nie hatte er Dorothee so schlicht, so wirklich liebenswürdig gefunden. Sie streckte ihm ohne Umschweife die Hand zur Versöhnung hin, machte nicht ohne Bitterkeit Anspielungen auf ihre sehr schlechte Erziehung, erzählte ein paar Anekdoten mit großer Anmut und einer gerührten Weichheit in der Stimme, die Goswyn früher nie an ihr wahrgenommen, und schmiegte sich an Otto wie ein krankes Kind.

»Wir werden von vorn anfangen, ganz von vorn,« sagte sie immer wieder; dann setzte sie hinzu: »Und wenn Gos endlich vergessen hat, daß ich früher ein boshaftes Scheusal war und daß er mich nicht leiden konnte, dann besucht er uns in Kößnitz – nicht wahr, Gos? Du sollst sehen, wie ich dir's dort behaglich mache. Du hast mich ordentlich gehaßt, oder war ich dir's nicht einmal wert, war ich dir nur einfach zuwider, wie einem Raupen und Spinnen zuwider sind? Es hat mir fast den Anschein. Ich hab' dich gehaßt, das sag' ich ehrlich. Ich hatte nämlich immer das Gefühl, als ob ich mich vor dir schämen müßte, und das ist sehr unbequem.« Dann kam wieder dasselbe kichernde, silberne Lachen mit etwas Gerührtem drin, und dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und verschwand aus dem Zimmer, um bald darauf, zu dem geplanten Besuch ihrer Tante ausgerüstet, frisch und reizend in einem Kapotthütchen und einer Boa aus leichtem durchsichtigem Pelz zurückzukehren. Sie küßte ihren Mann zum Abschied zweimal hintereinander sehr zärtlich und reichte Goswyn die Hand. »Find' ich dich noch, wenn ich zurückkehre, Gos?« fragte sie ihn und huschte davon.

»Sie ist doch einzig,« murmelte Otto vor sich hin. »Hm! – und zu denken, daß ich manchmal als Junggeselle mir einbilden konnte, das Leben zu genießen! Es ist doch etwas ganz anderes – so ganz anderes!«

Die Tränen standen ihm in den Augen, er wischte sie mit dem Rücken seiner kurzen, tatzenartigen Hand ab.

Kurz darauf hörte man an der Tür draußen schellen. »Ein Besuch – der Teufel!« brummte Otto. Goswyn sah sich nach seinem Säbel um, den er in eine Ecke gestellt hatte.

Aber es war kein Besuch. Die Jungfer Dorothees trat ein. »Es ist eine eingeschriebene Sendung an Ihre Durchlaucht gekommen,« meldete sie, » vielleicht unterschreibt der gnädige Herr den Empfangschein.«

»Geben Sie her, Jenny.«

Sydow unterschrieb, und dann sagte er: »Geben Sie mir das Paket, damit ich's für meine Frau aufhebe!«

Die Jungfer übergab es ihm; es befand sich in einem dicken, versiegelten Briefumschlag.

Ein jäher Schrecken durchfuhr Goswyn beim Anblick desselben – sofort hatte er erraten, um was es sich handelte. Wenn es seinem Bruder einfallen sollte, das Paket zu öffnen! Es hatte nicht den Anschein, Otto legte es einfach auf den Schreibtisch der jungen Frau, ein kleines, zierliches, unpraktisches Möbel, mit verbogenen Füßen und einer Meißener Porzellangarnitur, dunkelblau mit Blumenmedaillons. Goswyn atmete auf. Er wurde plötzlich sehr gesprächig, er redete von der neuesten politischen Verwicklung, erzählte die letzte Anekdote, welche der »Fürst« unlängst zu Hause bei sich zwischen zwei Gläsern Bier zum besten gegeben, von der großen Frömmigkeit der Gräfin Waldersee, von den vier prachtvollen Pferden, die der Sultan vor kurzem an den Kaiser geschickt.

Otto saß mit dem Rücken gegen das verhängnisvolle Päckchen. Es entging Goswyn nicht, daß er immer einsilbiger wurde und seinen gutgemeinten Zerstreuungsversuchen nicht mehr folgte. Wenn sie nur schon zurück wäre, dachte Goswyn bei sich. Die Sache lag klar vor ihm. Daß das soeben angelangte Päckchen Dorothees Briefe an Orbanow enthielt, stand bei ihm fest. Er hatte sich am gestrigen Abend nicht geirrt. Es war Dorothee gewesen, die an ihm vorübergestreift – aber offenbar von einer letzten Zusammenkunft nach Hause zurückgekehrt war. Die Sache, so häßlich sie gewesen, war vorüber, Dorothee war froh, daß sie vorüber war, da sie sich für aufregende und mit einer gewissen Gefahr verbundene Heimlichkeiten nicht geschaffen fühlte.

Da fing Otto an in kurzen Zügen zu atmen, als wittere er etwas Bedenkliches in der Luft. »Sonderbar!« sagte er, »was ist denn das für ein komischer Geruch? Wenn's nicht zu dumm klänge, würde ich sagen, es riecht nach Dorothee.«

»Das wäre kein Wunder,« erklärte Goswyn, »da sie vor kaum einer halben Stunde das Zimmer verlassen hat.«

»Hm! Aber ich hatte es doch früher nicht bemerkt,« erklärte in plötzlich gereiztem Ton Otto, und sich mit einer jähen Bewegung dem Schreibtisch zuwendend, sagte er: »Es ist das verdammte Paket!«

»Wahrscheinlich enthält's irgendeine Kleinigkeit, die Dorothee bei einer Freundin vergessen hat.«

Aber Otto hatte bereits nach dem Päckchen gelangt. Er drehte es nach allen Seiten um. »Das Siegel kenne ich! Ein Würfel mit der Devise va banque – das ist das Siegel Orbanows!« Sein Atem kam schwer. »Was kann ihr denn Orbanow zu schicken haben?« »Irgendeine politische Broschüre – ich begreife eigentlich nicht recht, wie dich das interessiert,« murmelte Goswyn.

Noch einmal drehte Otto das Paket zwischen den Händen. Schon wollte er es auf den Schreibtisch zurücklegen – dann plötzlich nahm er es an sich, und ehe sich's Goswyn versah, hatte er es mit einer raschen Bewegung aufgerissen. Etwa ein Dutzend Briefchen, lauter kurze Billette in der kindlichen Handschrift Dorothees, glitten daraus hervor, zu oberst lag ein Billett Orbanows. Ottos Augen hefteten sich darauf, starr, glasig – er hatte bereits jedes Wort darin gelesen und begriff noch immer nicht. Dann plötzlich mit einem Schrei reichte er den Brief Orbanows dem Bruder, während er sich mit seiner anderen Hand das Gesicht bedeckte.

Eine dumpfe, brütende Stille folgte. Goswyn behielt das Blatt in seiner Rechten, ohne es anzusehen. Was brauchte er zu wissen, was drin stand! Ihm war's nicht darum zu tun, neugierig in dem Schmerz und der Schmach seines Bruders zu wühlen.

Nach einer Weile hob Otto, der indes, den Ellenbogen auf dem Knie, die Hand vor dem Gesicht, regungslos dagesessen hatte, den Kopf. »Nun, was sagst du?« rief er schneidend. »Einen solchen Tölpel wie mich findest du in der Welt nicht mehr, was? So sag's doch! ... Ach, du hast das Billett nicht gelesen, Goswyn? ... Was machst du für ein Gesicht, Goswyn? ... Du hattest's gewußt... O mein Gott – mein Gott!« und der starke Mann schlug sich jetzt beide Hände vors Gesicht und schluchzte röchelnd, heiser.

Goswyn wurde unheimlich zumut, er hatte den Bruder seit dessen Kinderjahren nie mehr weinen sehen. Wenn er getobt hätte, so wäre es Goswyn lieber gewesen. Aber nein, er weinte – unbeholfen mühsam, krampfhaft, wie ein Mensch, der das Weinen längst verlernt hat, er empfand die ihm angetane Schande nur als einen zermalmenden Schmerz.

Es dauerte nicht lange, dann nahm er sich zusammen, beschämt ob seiner Schwäche. Er wendete sich ab, um sich die Augen zu trocknen. Als er Goswyn von neuem sein Gesicht zukehrte, war dasselbe auffallend ruhig.

»Du hast es gewußt – seit wann hast du's gewußt?« Er knüllte sein weißes, rot umrändertes Taschentuch krampfhaft in seiner Faust zusammen.

»Ich hab' nichts gewußt,« erwiderte Goswyn.

»Nein, gewußt hast du's nicht! Du lieber Himmel, wer weiß denn je etwas in solchen Fällen!« rief Otto. »Aber vermutet hast du's – nicht wahr?«

Goswyn schwieg.

»Und du hast gewußt, daß es hundert andere ›vermuten‹, Goswyn?« rief Otto heiser, fast brüllend, »und du hättest mich durchs Leben gehen lassen, wohlwollend herumgrinsend, mit einem Makel am Leib, nach dem die Leute heimlich mit den Fingern gezeigt hätten, und hättest mich auf diesen Makel nicht aufmerksam gemacht? ... Goswyn!« Er war aufgesprungen, auch Goswyn hatte sich erhoben. Die Brüder standen einander gegenüber vor dem Kamin, in dem die rote Glut langsam in grauer Asche erstarb.

»Otto! ... den Angeber macht kein anständiger Mensch in solchen Fällen!« sagte Goswyn langsam.

»Das ist wahr!« stieß Otto bitter hervor, »lieber gibt er uns dem Spott preis, der Schmach – selbst der eigene Bruder. Ja, jetzt erinnere ich mich, daß das Sitte ist. Ich kann mich eben noch nicht zurechtfinden – die Situation ist mir neu. In unserer Familie ist so etwas noch nicht vorgekommen. O mein Gott!« – er schlug sich beide Fäuste vor die Stirn – »zu denken, daß mir das passiert ist, dasselbe, wofür ich so viele andere ausgelacht habe! Ich begreif's noch immer nicht, es will mir nicht in den Kopf ... nicht in den Kopf. Ich war wohl manchmal eifersüchtig, aber daß ich nur einen Augenblick geglaubt hätte ...« Er stieß einen kurzen schnaubenden Laut aus und schwieg erschöpft. Er zitterte an allen Gliedern und griff nach der Lehne eines Stuhles, um sich zu stützen.

Eine lange Pause folgte, dann begann Goswyn: »Mir ist gräßlich leid um dich, Otto, mehr als ich sagen kann. Aber, da du die Sache jetzt schließlich doch weißt, so mußt du deiner Lage klar ins Auge sehen. Hast du die Absicht, dich scheiden zu lassen, oder genügt dir eine gewöhnliche Trennung?«

»Scheidung ... Trennung ...« murmelte Otto vor sich hin. Der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich. Sein kurzer, schwerfälliger Verstand begriff jetzt erst, was sein Unglück mit sich brachte: nicht nur den Spott der Menge, den Verlust seiner Ehre, nein, das Ende von allem, von jeder Freude, jeder Gewohnheit, die ihm im Leben lieb gewesen war.

»Du mußt mit dir einig werden darüber, was du eigentlich willst!« drang Goswyn in ihn.

»Darüber ... was ich eigentlich will ...« wiederholte Otto mechanisch.

»Oder« – Goswyn faßte ihn scharf ins Auge – »könntest du's über dich gewinnen, zu verzeihen?« Seine Stimme klang plötzlich kalt. »Es steht bei dir, Otto,« setzte er hinzu. »Wenn du es über dich gewinnen kannst, so verzeih ... nur – man mischt sich nicht gern in derlei Angelegenheiten; aber wenn du verzeihst, so verzeih nicht wie ein Bauer, der seiner Frau erst eine Szene macht und dann doch wieder alle fünf gerade sein läßt. Wenn du verzeihst, wenn du überhaupt mit ihr weiterleben willst, so wirf diese Briefe ins Feuer; aus dem Billett Orbanows ist zu ersehen, daß Dorothee die Briefe nicht erwartet. Sie darf nie erfahren, daß du sie erhalten hast.«

Otto stand regungslos, er nahm diese Worte hin wie ein Mensch, der so gänzlich zerschlagen ist, daß er einen Peitschenhieb nicht mehr fühlt.

Kaum hatte Goswyn sie jedoch gesprochen, so schämte er sich dafür. Wie konnte er von einem Menschen in Ottos Lage verlangen, er solle sich von einem Moment zum anderen zurechtfinden! Das war einfach dumm – und ihn dann noch mit solchen Ratschlägen zu verhöhnen, wie er sie ihm eben erteilt, war grausam, widerlich. Goswyn hätte sich jetzt prügeln mögen dafür. Er trat auf Otto zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Otto entwand sich seiner Berührung. »Laß mich, Gos!« stieß er hervor; »und ich bitte dich, geh'!«

Da schlug die Pendule auf Dorothees Schreibtisch fein und schwirrend, es klang fast wie Dorothees Stimme. Goswyn sah sich um – sieben Uhr. Für acht war er zum Diner bei einer hohen Persönlichkeit befohlen. Die Möglichkeit einer Absage war nicht vorhanden. Es war hohe Zeit, nach Hause zurückzukehren, um seinen Anzug der Gelegenheit entsprechend zu wechseln. Aber es widerstrebte ihm auf das höchste, den Bruder jetzt allein zu lassen. Zudem hielt er es für besser, derselbe möge momentan mit Dorothee nicht zusammentreffen. »Komm mit mir hinaus, Otto,« schlug er vor; »ich bitte dich, nimm dich zusammen, die frische Luft wird dir guttun, du wirst dich draußen eher wiederfinden.«

»Zu was soll ich mich finden?« sagte Otto matt und mit unsäglicher Bitterkeit. »Damit ich noch klarer sehe als jetzt? Ich sehe genug – mehr als du sehe ich – du würdest dich wundern, wie weit ich sehe! Aber geh', ich bitte dich! Weißt du ... sie muß zurückkommen, in wenigen Minuten muß sie hier sein. Geh! Es wäre mir schrecklich, sie wiedersehen zu müssen vor dir. Du brauchst gar nichts mehr zu sagen; ich weiß, daß du zu mir stehen wirst durch dick und dünn! So – gib mir die Hand – ich werde nichts tun, was unser unwürdig wäre, ich verspreche dir's – und jetzt geh!«

Goswyn war fort. Otto saß jetzt allein neben dem Kamin, in dem das Feuer verglommen war. Er konnte es noch immer nicht begreifen, was ihn betroffen hatte. Eine fürchterliche Last lag auf ihm, die er hätte abstreifen mögen. Er suchte einen Ausweg, irgendeine Lösung, und konnte keine finden.

»Verzeihen!« Das Wort klang ihm im Ohr, und die Wangen brannten ihm. Wie hatte Goswyn es gewagt, ihm so etwas zuzumuten! Nein, das war unmöglich! – »Scheiden lassen!« ... damit ihr Name durch die Gosse geschleift wird, damit es in allen Zeitungen steht, daß ich »ein Esel war«, murmelte er. Er stampfte mit seinem wuchtigen Fuß auf die Erde. »Nein – nein!«

Also? Was sonst?

Er konnte Orbanow fordern und Dorothee mit einer Apanage in die Welt hinausjagen als ungeschiedene, von ihrem Manne getrennt lebende Frau; das wäre das Korrekteste, das, was die Welt von ihm in diesem Fall erwartete. Es schüttelte ihn plötzlich wie im Fieberfrost. Sie hinausjagen in die weite Welt, ohne Schutz, ohne Stütze, ohne inneren Halt; bildschön, wie sie war, den Insulten der Frauen, den Huldigungen der Männer preisgegeben, auf daß sie von Stufe zu Stufe sinken mußte, tiefer, immer tiefer, ohne eigentliche Freude an der Schlechtigkeit, nur aus Langerweile, aus Verzweiflung! –

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das wäre das Korrekteste – nur...

Die Last auf seiner Brust wurde immer schwerer. Mit einemmal wurde er sehr müde, eine Anwandlung von Schläfrigkeit überkam ihn. Da, was war das – das Rauschen eines weichen Gewandes. Die Tür öffnete sich. Im Rahmen der Portiere, von der sinkenden Dämmerung halb verwischt, zeigte sich die hohe biegsame Gestalt Dorothees.

Sie war da, und er hatte noch nichts beschlossen – nichts!

Er regte sich nicht.

»Gos nicht mehr hier?« fragte sie unbefangen mit ihrem feinen zwitschernden Stimmchen. Er wollte den Zorn in sich wachrufen gegen sie – er sagte sich, daß er sie schlagen solle – umbringen. Aber er war wie gelähmt, er konnte sich nicht rühren. Er zitterte an allen Gliedern. Sie merkte es nicht, und die Dämmerung verwischte seine Züge.

»Um so besser,« rief sie, »ich freue mich auf einen recht gemütlichen Abend mit dir! Willst du nett sein, Otto? Komm ins Theater mit mir, und dann soupieren wir zusammen bei Uhl. Willst du?«

Sie kam auf ihn zu. E hatte sich aufgerichtet. Ein Hauch von Jugend und süßer, frischer Weiblichkeit schlug ihm ins Gesicht. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern und schmiegte sich an ihn. »Willst du?« murmelte sie noch einmal – »willst du?« Da legte er die Arme um sie und küßte sie ein-, zweimal lang brennend, wie er sie noch nie geküßt.

Im selben Augenblick fiel's ihm ein, was er getan hatte – er stieß sie von sich.

»Mach' dich fertig!« rief er heiser.

»Was ist dir?« fragte Dorothee erbleichend.

»Nichts – nichts!« murmelte er dumpf, und zugleich wischte er sich mit dem Rücken seiner Hand den Schweiß von der Stirn. »Mach' dich fertig ... mach' dich fertig,« wiederholte er fast schreiend und stampfte mit dem Fuß auf die Erde.

Er wollte sie aus dem Zimmer haben um jeden Preis, er konnte es gar nicht erwarten, bis sie fort war.

Sie sah ihn unruhig und forschend an und zog sich dann, ohne ihm ein Wort zu erwidern, zurück.

Er stand da wie festgewurzelt, regungslos.

Er war feig gewesen ihr gegenüber, er war unterlegen. Er hatte mit ihr brechen sollen auf der Stelle, schroff, hart, würdig und unversöhnlich; und statt dessen hatte ihn nach ihren roten Lippen verlangt, und er hatte sie in die Arme genommen und geküßt.

Ja, er war feig gewesen – er war unterlegen.

Er heftete den Blick auf die Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wollte sich zwingen, jetzt noch zu ihr hineinzustürzen, ihr die Briefe ins Gesicht zu schleudern.

Da hörte er hinter der Tür Kästen aufschließen, mit seidenen Stoffen rascheln.

»Mein graues Kleid, Jenny!« rief die Stimme Dorothees.

Ihm war's, als bliese ihm plötzlich eine scharfe Zugluft ins Gesicht.

Und da endlich kam's – die Verachtung, der Zorn auf die Frau, die sein Leben gebrochen, seine Ehre in den Kot getreten hatte.

Er hatte keine Lust mehr, die Frau zu küssen. Er hätte auf sie losstürzen, sie schlagen, ihr die Knochen zerbrechen mögen.

Er machte einen Schritt vorwärts, dann... eine schreckliche Übelkeit übermannte ihn, ein Schwindel. »Es ist nicht der Mühe wert,« murmelte er zwischen den Zähnen.

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