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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Viertes Buch

Wenn die Verlobung Erikas mit Lord Langley Sensation erregt hatte, so war sie doch von der großen Welt im allgemeinen als etwas durchaus Vernünftiges betrachtet worden. Eigentlich hatte man die junge Schönheit beneidet und sich geäußert, daß sie, ehrgeizig wie sie war, keine glänzendere Partie hätte finden können als den reichen englischen Peer. Man hatte manch böses, mißgünstiges Wort darüber verloren, daß ihr Hochmut schließlich doch sein Ziel erreicht. Als sich nun die Kunde von dem plötzlichen Rückgang dieser Verlobung verbreitete, steckte man, wie die Phrase geht, die Köpfe zusammen und gönnte es ihr. Den wirklichen Grund des Bruchs zwischen Erika und dem Engländer wußte niemand, und wenn man ihn der Welt mitgeteilt, so hätte ihn keiner geglaubt.

Immer mehr gewann die Behauptung Glauben, daß nicht Erika, sondern Lord Langley zurückgetreten war, und dies unter dem Vorwand, daß ihn erstens Erikas unangenehme Verwandtschaft erschreckt, zweitens aber ihre äußerst herzlose Art, diese von sich fernzuhalten, tief verletzt habe.

Die Gräfin Brock lieferte das Thema zu dieser Begründung der Sachlage – Prinzeß Dorothee stattete es mit schönen Variationen aus – und Erika war in den Augen der Berliner Gesellschaft nichts mehr als eine Stümperin des Ehrgeizes, die eine Schlappe erlitten hatte. Es war herrlich, Prinzeß Dorothee über diese Sache reden zu hören.

»Wie schrecklich, nicht wahr? – Ein so alter Mann, es ist gar nicht zu begreifen, das Gefühl sträubt sich dagegen – und jetzt läßt er sie auch noch sitzen. Jetzt bekommt sie keinen mehr. Ein Mädchen, das sich einem Greis an den Kopf geworfen hat und von ihm – man muß es ja sagen, wie es war – verschmäht worden ist! Ach, wie schrecklich! – Um Erika ist mir nicht leid, sie war mir von jeher unsympathisch – aber diese arme alte Lenzdorff! ... Sie ist eine Jugendfreundin meiner Tante Brock.«

Und nun erzählte Prinzeß Dorothee noch ein langes und breites von dem Strachinsky – »armer Mann!« – und von der unerhört hochmütigen Herzlosigkeit, die ihm seine Stieftochter bewiesen, von den elenden Verhältnissen, in denen Erika aufgewachsen war, und was dergleichen mehr. »Es ist ja alles keine Schande,« setzte sie hinzu, »aber nur wenn man bedenkt, wie hochmütig diese Erika in die Welt hineingesegelt ist!« – Und sie seufzte.

Eine gründliche Veränderung hatte sich mit Prinzeß Dorothee zugetragen seit dem Tage, wo sie in der Charlottenburger Allee Goswyn von Sydow sozusagen öffentlich ins Gesicht geschlagen hatte. Die Geschichte hatte ihr damals geschadet. Nicht nur, daß ihr Vetter Prinz Helmy seine Beziehungen zu ihr gänzlich abgebrochen – nein, auch die anderen Herren, die dem von ihr geführten Henkerstreich beigewohnt, hatten sich von ihr zurückgezogen. Sie hatte sich in der unangenehmen Lage gesehen, einen ganz neuen Kreis von Verehrern anlegen zu müssen, und das auf Kosten des letzten Restes guten Geschmacks, der ihr verblieben war.

Eine Zeitlang hatte sie es dann, wie die Welt sich ausdrückt, sehr toll getrieben – aber seit einem Jahre etwa war das ganz anders geworden. Die Zahl der Verehrer hatte sich vermindert. Eigentlich beschränkte sich dieselbe jetzt auf einen einzigen, den Fürsten Orbanow, der nun ihr Schatten geworden war. Sie prahlte, wo sie hinkam, mit ihren wohlanständigen Gesinnungen, ging jeden Sonntag mit einem sehr dicken Gebetbuch zur Kirche, entsetzte sich über Damen, die französische Romane lasen, und legte überhaupt die anerkennenswerteste Prüderie an den Tag. Wie die meisten, welche sich diese Eigenschaft, ohne früher etwas davon geahnt zu haben, erst spät im Leben anzueignen trachten, kannte sie darin kein Maß und zeigte sich unnötig empört über Dinge, welche die anständigsten Damen mit einem lustigen Lächeln abfertigen.

Die Zeit, wo sie vor zwanzig jungen Herren nichtsnutzige Couplets zu singen pflegte, war vorüber. Dennoch vermochte sie, trotz der massenhaften Konzessionen, die sie der guten Gesellschaft machte, das Mißtrauen, das ihr diese bewies, nicht gänzlich auszurotten.

Die Welt verhielt sich ihr gegenüber auffällig kalt und glaubte ihr nicht viel von ihrer zur Schau getragenen Tugend, fragte sich im Gegenteil kopfschüttelnd, auf welche Ursache die plötzliche Scheinheiligkeit der sonst so verwegenen Prinzeß zurückzuführen sei. Aber wenn die Prinzessin Erika lästerte, glaubte ihr die Welt doch – zum wenigsten die Welt neidischer junger Schönheiten, mit denen sie jeden Freitag bei der bösen Fee zusammentraf, um Armenkleider zu nähen.

Als die Lenzdorffs, fest davon überzeugt, daß der kleine Zwischenfall, so unangenehm er auch Erika persönlich berührt haben mochte, von der Gesellschaft als ziemlich uninteressant bereits zu den Akten gelegt worden sei, nach Berlin zurückkehrten, begegnete man ihnen allgemein mit hämischer Teilnahme.

Erika, tief verstimmt, wie sie war, ließ das alles recht gleichgültig auf sich beruhen, zog sich nur, soviel sie konnte, zurück; die alte Gräfin hingegen kochte geradezu über vor Zorn und vermochte nicht zu begreifen, daß nicht alle Menschen diese verdrießliche Angelegenheit von demselben Standpunkt betrachteten wie sie selbst. Ihrer Ansicht nach hatte Erika durch ihr Betragen während dieser Verlobungsgeschichte nur einen Beweis mehr für das, was die Großmutter »ihre interessante Eigenart« nannte, geliefert. Die eigensinnige und nicht immer wohlangebrachte Schwatzhaftigkeit, mit welcher sie ihre Enkelin verteidigte, trug das ihrige dazu bei, Erikas Stellung zu erschweren. Teilweise mochten die vielen Übereilungen und Indiskretionen, welche die alte Gräfin bei dieser Gelegenheit lieferte, ihrer von jeher zu derlei neigenden Natur zuzuschreiben sein – teilweise wohl auch ihren Jahren. Das Alter warf seinen ersten unabweisbaren Schatten über ihren hellen Geist. Sehr ärgerlich war es ihr, daß Goswyn nichts mehr von sich hören ließ. Auf den Brief, in dem sie ihm nicht ohne triumphierenden Nachdruck die Lösung der Verlobung mitteilte, hatte er höflich, aber mit außerordentlicher Zurückhaltung geantwortet. Das war in der Ordnung. Als aber auf einen zweiten Brief, den sie um vieles später sandte, die Antwort ebenso zurückhaltend lautete, wurde sie unruhig. Erika, die gerade zugegen gewesen war, als das Schriftstück eintraf, gab sich nicht früher zufrieden, als bis ihr die Großmutter gestattet hatte, es mit eigenen Augen zu lesen. Es zitterte ihr zwischen den Händen; ohne ein Wort darüber zu sagen, legte sie es auf einen Tisch und verließ das Zimmer totenbleich.

Der alten Frau, mürbe, wie sie durch die spät in ihr Herz eingedrungene Zärtlichkeit geworden, war der Anblick irgendeiner Verstimmung ihrer Enkelin unerträglich. Nach einem Weilchen suchte sie dieselbe in ihrem Zimmer auf. Erika saß an einem Fenster, gerade und blaß, und hielt ein Buch in der Hand, wie die alte Frau sofort merkte, verkehrt.

»Erika!« sagte sie, ihr die Hand auf die Achsel legend, weich, »ich wollte dir nur sagen ...«

Erika hatte sich erhoben, höflich und kalt. »Was wolltest du mir sagen?« fragte sie, indem sie ihr Buch weglegte.

»Nur ... nur ...« Der trockene Ton des stolzen Mädchens hatte die alte Frau aus der Fassung gebracht, erst nach einer Pause fuhr sie fort: »Ich wollte dir nur sagen, daß du dir keine Spinnen in den Kopf setzen mögest wegen Goswyn.«

»Spinnen ... inwiefern?« fragte Erika sehr ruhig und indem sie sich in den Anblick ihrer tadellosen, mandelförmigen Nägel versenkte.

»Nun, du tätest ihm sehr unrecht, wenn du dächtest, daß seine Verehrung für dich auch nur im mindesten abgenommen hat!«

»So! Täte ich ihm unrecht?« fragte Erika immer mit derselben unnatürlichen Ruhe. »Ich denke nicht. Ich bin nicht gewohnt, mir ein X für ein U vorzumachen. Ich weiß ganz genau, daß ich in ... in Goswyns Achtung gesunken bin; es ist mir unangenehm ... ich gesteh' dir's ein – aber nun wär's mir, aufrichtig gesprochen, lieber, wenn du dieses anregende Gesprächsthema nicht mehr berühren wolltest.«

»Aber Erika, wenn du dir sagen ließest – « ereiferte sich die alte Frau. »Er betet dich ja an; sein Stolz allein verbietet ihm, sich dir zu nähern; aus einer Bemerkung, die er in Baireuth darüber fallen ließ, schließe ich das. Du bist zu reich, zu glänzend in der Welt situiert...«

Erika wehrte diese Beleuchtung der Sachlage mit einer heftigen Handbewegung von sich ab. »Laß es gut sein,« rief sie, »ich weiß, was ich weiß! Übrigens verschwende nicht gar zu viel Mitleid an mich – es ist meine Eitelkeit, die leidet, und nicht mein Herz. Ich schätze Goswyn sehr hoch, und es kränkt mich, daß er mich nicht mehr so bewundert wie früher, aber ... im übrigen – ihn zu heiraten, verspüre ich auch jetzt noch nicht die geringste Lust. Ich hätte ihn genau so abgewiesen wie das erstemal. Dies bitte ich dich zur Kenntnis zu nehmen, es wird dich wenigstens verhindern, mich ihm – hinter meinem Rücken ein zweites Mal an den Kopf zu werfen!« Bei den letzten Worten nahm Erikas Stimme einen eigentümlich metallisch vibrierenden Klang an, ihre großen Augen flammten zornig aus ihrem totenblassen Gesicht heraus, und die Arme gerade an den Seiten niederstreckend, hielt sie die Fäuste geballt.

Mit tief gesenktem Kopf verließ die alte Frau das Gemach.

Kaum war ihr Schritt draußen verhallt, so schloß Erika die Tür hinter ihr zu und warf sich, das Gesicht in die Kissen vergrabend, krampfhaft schluchzend auf ihr Bett.

Ein Teil von dem, was sie zu ihrer Großmutter gesprochen, war richtig – sie selbst war fest davon überzeugt, daß alles richtig gewesen war. Durch und durch von sittlichem Hochmut durchdrungen, wie sie es war, litt sie keine Gemeinheit an sich, infolgedessen erlaubte sie sich keine Lüge. Sie hatte wirklich keine Lust zu heiraten und hatte auch noch immer nicht die Spur eines leidenschaftlichen Gefühls für Goswyn, aber sie war wund und müde, sie sehnte sich nach der zärtlichen Teilnahme, die er ihr ehemals bewiesen hatte; manchmal kam ihr's wie ein dringender Wunsch, sich von der verletzenden Kälte der Welt hinweg in seine Arme zu flüchten, ihr Gesicht an seiner Brust zu verstecken.

Nachdem sie sich tüchtig ausgeweint, wurde sie sich ganz klar darüber. Sich halb auf ihrem Bette aufsetzend und ihr tränendurchnäßtes Taschentuch in der Hand zerknitternd, sagte sie sich's geradeheraus: »Ich habe ja die Großmutter angelogen – ich hätte ihn genommen, wenn er jetzt gekommen wäre – mein Gott, ohne ihn zu lieben, hätte ich ihn genommen – aber schließlich ... es wär' schlecht gewesen von mir, man hat nicht das Recht, einen Menschen wie Goswyn zu heiraten nur aus Verzweiflung, weil man nicht weiß, nach welcher Seite hin man sein Leben wegwerfen soll. Übrigens wozu mir den Kopf warm machen! Er will mich ja nicht mehr – und er ist keiner, der sich bei den Haaren in die Kirche schleppen läßt. Oh, warum hat die Großmutter mir das angetan – ich kann es nicht ertragen!«

Um wenige Tage später reisten die Lenzdorffs von Berlin ab. Sie verbrachten den Winter in Rom, wo Erika, von ihrer Großmutter dazu gezwungen, ausging, ohne jedoch irgendein Vergnügen daran zu finden. Ihre Unzufriedenheit trat immer deutlicher an den Tag – sie wurde unliebenswürdig, und die Großmutter, der sie gänzlich über den Kopf gewachsen war, und die es nicht über sich gewinnen konnte, sie einmal tüchtig auszuzanken und aufzurütteln, wußte sich keinen Rat. Vergeblich machte sie Vorschläge zu ihrer Zerstreuung – Erika ließ alles mit derselben unlustigen Gleichgültigkeit über sich ergehen.

Ihr früher so sicher und selbstzufrieden einhersegelndes Lebensschifflein hatte seine Richtung verloren – sie sah kein Ziel vor sich, das sie gelockt hätte, ihre Kräfte anzuspannen, um es zu erreichen.

Alles in ihr erschlaffte in haltloser Schwermut. Dabei entfaltete sich ihre Schönheit immer üppiger, und ohne daß sie es ahnte, pochte das Leben in ihr und forderte sein Recht. Die alte Frau, die sich in den Zustand des jungen Mädchens nicht finden konnte und ihn nicht begriff, hielt ihn für eine krankhafte Krisis und hatte keine Ahnung davon, wie gefährlich für Erika sich diese Krisis gestalten sollte.

Sie ging in der Beurteilung der Verstimmung Erikas durchaus fehl, vielleicht weil sie ihre Enkelin aus großmütterlicher Eitelkeit überschätzte, sie für eine Ausnahme halten wollte – vielleicht auch ging sie fehl, weil sie zu alt war, um das langsam schleichende Fieber, welches das ganze stolze Sein des jungen Geschöpfes zu untergraben und zu schwächen begann, nachempfinden zu können.

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