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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Wenn Erika etwas von dem abscheulichen, widerlichen Auftritt in der Charlottenburger Allee erfahren hätte, so hätte ihre Empörung darüber sofort den schlummernden Keim zu dem warmen und starken Gefühl entwickelt, das sie im Grunde ihres Herzens unbewußt für Goswyn hegte. Sie hätte irgend etwas Kopfloses, Überstürztes, Unberechenbares getan, das Goswyns plötzlich gereizten Stolz über den Haufen geworfen und alles wieder in Ordnung gebracht hätte. Einen Schmerz, eine Demütigung, die jemand anders ihm zugefügt als sie selbst, die hätte sie nie ruhig hingenommen. Die unangenehme Verwicklung hätte in einer gewaltigen Rührszene ihren Höhepunkt gefunden, und schließlich hätten die beiden im Grunde füreinander geschaffenen Menschen auf dem kleinen Sofa unter der Fächerpalme in dem Boudoir der alten Gräfin Lenzdorff gesessen – Hand in Hand, leise plaudernd, und Erika wäre zu der angenehmen und vernünftigen Überzeugung gekommen, daß es auf der Welt nichts Besseres gibt, als liebend und emporsehend seinen Teil nehmen zu dürfen an dem Leben eines edlen und starken Menschen und ihm seine ganze Existenz blind anzuvertrauen. Das Lebensproblem Erikas hätte seine Lösung gefunden, und die gefährlichen Verirrungen und schweren Prüfungen, welche die Zukunft ihr noch bieten sollte, wären ihr erspart geblieben.

Aber die häßliche Geschichte drang nicht bis zu ihr. Die drei Männer, welche der Grausamkeit Dorothees beigewohnt, hätten es als ein Ehrenverbrechen erachtet, sie weiterzuerzählen, und Prinzeß Dorothee selbst berichtete nur kichernd allen Leuten, die es anhören wollten, daß ihr Schwager Goswyn einen Korb von Erika Lenzdorff erhalten habe, ohne hinzuzufügen, wie sie von der Sache Kenntnis erlangt.

So verbrachte denn Erika den Rest des Tages mit einem etwas wunden, mitleidigen Gefühl ums Herz, aber in dem festen Glauben, daß sie den nächsten Morgen mit Goswyn ausreiten würde wie jeden Tag, und mit dem Vorsatz, besonders nett gegen ihn zu sein. Es würde schon alles in Ordnung kommen, sagte sie sich.

Aber noch denselben Abend, als sie mit ihrer Großmutter beim Diner saß, präsentierte der alte Lüdecke seiner Herrin einen Brief, den diese mit einem Ausdruck wachsender Befremdung durchlas, dann stumm neben ihren Teller legte. Sie aß den Rest der Abendmahlzeit über nichts mehr und sprach kein Wort. Als sie merkte, daß Erika, durch ihr Schweigen eingeschüchtert, ebenfalls aufgehört hatte zu essen, wobei sie die Großmutter beständig beklommen von der Seite betrachtete, fragte sie: »Bist du fertig, Erika?« Ihre Stimme klang um ein bedeutendes härter als sonst. – Erika erschrak. »Ja,« stotterte sie und folgte der Großmutter, am ganzen Leibe zitternd, zum Speisesaal hinaus in das wohnliche helle Boudoir der Gräfin. Dort fing die alte Frau sofort an, gedankenvoll auf und ab zu gehen. Sie sah sehr einschüchternd aus. Erika hatte sie noch nie so gesehen mit diesem ungeduldig kurz auftretenden Gang, diesen gerunzelten Brauen und diesem wie aus Stein gemeißelten harten Statuengesicht. Ihr fing an unheimlich zu werden. Eben wollte sie sich unbemerkt davonschleichen, als ihr die Großmutter den Weg vertrat und ziemlich kurz angebunden sagte: »Bleib hier, ich habe mit dir zu reden, Erika!«

»Ja, Großmutter.«

»Setz' dich!«

Sie setzte sich.

Das Zimmer machte einen unendlich wohnlichen Eindruck mit seinen hellen Möbeln, über die das Licht der farbig verhangenen Lampen liebkosend dämmerig hinschlich. Ein Fenster stand offen, ein schwaches Blätterrauschen drang herein durch den herabgelassenen Rollvorhang von erbsengrüner Seide, zugleich mit dem lauen ermattenden Duft der Frühlingsnacht. Eine Motte umkreiste unruhig eine der Lampen. Die Großmutter hatte sich in ihrem Lieblingssessel niedergelassen, neben ihrem mit Büchern beladenen Lesetisch, Erika ihr gegenüber auf einem sehr gebrechlich aussehenden Stühlchen. Sie hielt sich sehr gerade, die Hände im Schoß, ängstlich und kindisch.

»Der Brief ist von Goswyn!« sagte die alte Frau, auf das Schriftstück klopfend, das sie auf den Knien hielt.

»Ja, Großmutter,« murmelte Erika. »Du hattest's erraten?« fragte die alte Frau immer in dem unnatürlichen harten Ton und mit der kurzen strengen Artikulation, die ihrer Enkelin fremd waren.

»Ich kenne ja seine Schrift,« stotterte Erika.

»Hm! Du weißt, was in dem Brief steht?«

»Wie sollt' ich!« Die blasse Erika wurde mit einemmal blutrot.

»Wie solltest du? Nun, ich muß doch sagen ...« die alte Frau glättete verdrießlich den feinen schwarzen Stoff auf ihren Knien – »daß du ihm heute einen Korb gegeben hast, steht drinnen. Ich glaube, das solltest du wissen, so etwas tut man nicht im Schlaf.«

»Nun ja, das weiß ich,« murmelte Erika ihrerseits etwas gereizt; »aber wie konnte mir einfallen, daß er dir das schreiben würde? Ich sehe nicht ein, wozu er's tut.«

»Wozu? – Er kündigt mir an, daß er eine Zeit lang den Verkehr mit uns aufgeben muß, daß er einen Urlaub genommen hat und Berlin verläßt.«

»Aber warum denn, um Gottes willen?« rief Erika, »das hat alles keinen Sinn, es war ausgemacht, daß wir morgen wieder zusammen ausreiten wie alle Tage.«

»So – nachdem du seine Hand abgewiesen – das hast du ihm zugemutet?« rief die alte Frau.

»Er war einverstanden damit,« verteidigte sich Erika eifrig, »wir sind als die besten Freunde geschieden. Heiraten will ich ihn nicht, aber – ich halte ungeheuer viel auf seine Freundschaft. Das hab' ich ihm ehrlich gesagt, es muß auch in seinem Brief drin stehen. Er ist nicht ungerecht. Er wird dir's gewiß geschrieben haben, daß ich nett gegen ihn war. Wie hätte ich auch anders sein sollen, er dauerte mich ja so sehr!« Die Stimme des jungen Dings zitterte, während sie sprach. »Du hast den Brief nur schlecht gelesen – gewiß wirst du ihn schlecht gelesen haben,« behauptete sie.

Die Großmutter entfaltete das Dokument von neuem, las halblaut, dann deutlich: »Ja, hier steht's

– – »Reizender und liebenswürdiger ist noch keinem Mann seine Werbung abgeschlagen worden, als mir von Gräfin Erika – aber genützt hat mir das nichts! Ich fand sie nur noch entzückender als früher in ihrer Zartheit und Güte – ja bis in alle ihre kindischen, ungeschickten, lieben Versuche hinein, ins Gleichgewicht bringen zu wollen, was sich unter den Umständen nicht ins Gleichgewicht bringen läßt.

Eine Zeitlang wird mir natürlich recht miserabel zumute sein. Aber Sie kennen mich genügend, um zu wissen, daß ich keiner bin, der den Kopf unnütz hängen läßt, ebensowenig als ich damit gegen die Wand zu stoßen versuche.

Hoffentlich wird es mir noch einmal gegönnt sein, mich Ihnen, meine verehrteste Freundin, und ihr irgendwie nützlich zu erweisen – vorläufig bin ich zu nichts zu brauchen.

Es ist besser, ich trete in den Hintergrund zurück. In wenigen Tagen verlasse ich Berlin. Verzeihen Sie, daß ich es nicht über mich gewinnen kann, mich noch persönlich von Ihnen zu verabschieden, und glauben Sie an die unbegrenzte Ergebenheit Ihres

G. Sydow.««

Nachdem die alte Dame die Lektüre dieses Briefes nicht ohne ein gewisses vorwurfsvolles Pathos beendet, sah sie auf. Erikas Gesicht war überströmt von Tränen. Die alte Frau betrachtete sie befremdet. Nach einer Weile begann sie von neuem, aber in völlig verändertem weichem Ton:

»Mir ist die Sache sehr unangenehm, Erika.«

Erika nickte.

»Schließlich – « die Großmutter legte dem jungen Mädchen die Hand auf den Arm, »du bist sehr unerfahren in solchen Dingen, nur – ein andermal darfst du es nicht so weit kommen lassen. Es ist immerhin eine Demütigung, die man einem Ehrenmann lieber erspart. Dein Benehmen hätte den Bescheidensten berechtigt, an deine Neigung für ihn zu glauben. Mich selbst hast du gänzlich irregeführt.«

»Irregeführt – Neigung – « wiederholte Erika, mit den feinen Fußspitzen auf dem roten Teppich herumschiebend; »aber ich hab' ihn ja sehr lieb.«

Die Großmutter lächelte fast. »Höre, Kind, ich kann mich nicht in dich hineinfinden. Überleg' dir's! Soll ich dem Goswyn schreiben, daß du ein bißchen dämlich warst, und daß dir leid ist – 's ist keine Schande, das einzugestehen – und – weiß Gott, ich schreib' den Brief gern!« Sie stand auf, um auf ihren Schreibtisch zuzugehen, da hielt sie Erika krampfhaft mit beiden Händen am Kleid zurück.

»Nein! nein! – O nein, Großmutter!« schrie sie fast, »ich hab' ihn ja gern, ich weiß, daß er ein prachtvoller Mensch ist, aber ich will ihn nicht heiraten, ich bin ja noch so jung – zwing mich nicht dazu!« Sie war totenblaß und faltete flehend die Hände.

Die Großmutter betrachtete sie kopfschüttelnd, ernst. »Wie du wünschest,« sagte sie nicht mehr streng, aber bekümmert, gedrückt, eine Stimmung, die ihr sonst unter allen die fremdeste war, »und jetzt geh in dein Zimmer, dir wird die Ruhe guttun – und ich möchte ein wenig allein sein.«

Noch bis spät in die Nacht hinein schritt die alte Frau rastlos in ihrem Boudoir auf und ab, mitten zwischen all den hübschen, anmutigen und künstlerischen Dingen, die sie mit so viel Behagen um sich herum aufgestapelt hatte und die sie heute nicht sah. Endlich setzte sie sich doch an ihren Schreibtisch.

Ehe Goswyn abreiste, erhielt er folgenden Brief:

Mein liebes Kind!

Die Geschichte ist mir sehr nah gegangen, mehr als Sie glauben werden. Ich war meiner Sache so sicher. Anfangs wollte ich die Kleine streng ins Gebet nehmen – es stellte sich heraus, daß keine Veranlassung dazu war. Von einer geschmacklosen Gefallsucht oder auch nur gedankenlosen Herzlosigkeit nicht die Spur. Alles, was sie Ihnen gesagt hat, ist wahr, sie hält sehr viel auf Sie, nur ... Ich wollte ihr den Kopf zurechtsetzen, es ging nicht! Momentan ist mit ihr nichts anzufangen. Im Laufe meiner Unterredung mit ihr sah ich ein, daß ich dem Kind nichts zur Last legen darf, und daß die ganze Schuld mich trifft. Verzeihen Sie mir?

Das ist übrigens Phrase. Ich weiß, daß es Ihnen nicht einfällt, mir etwas nachzutragen.

Ich finde meine Worte heute nicht so leicht wie sonst und fühle mich überhaupt recht unbehaglich. Ich schreibe Ihnen auch nicht bloß, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich Sie bedaure, sondern, um mir im Plaudern mit Ihnen meine Sorgen ein wenig zurechtzulegen.

Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß meine Enkelin, die ich mir so lang gewissenlos – ich schreibe das Wort, wie es ist – vom Leibe gehalten, und an der ich jetzt hänge, wie ich im Laufe meines Lebens noch nie an irgend etwas gehangen habe, mir noch sehr schwere Stunden bereiten wird.

Ihre traurige Jugend hat einen Schatten in ihrer Seele zurückgelassen und ihre angeborene peinliche Feinfühligkeit noch überreizt.

Es gibt Tiefen in ihrem Charakter, die ich nicht ergründen kann. Dabei ist sie gut, zartfühlend, edel und ungewöhnlich begabt. Aber es ist ein gefährlicher Überschuß bei all dem, der mich erschreckt. Ich ahne heute, daß meine träger Selbstsucht entsprungene Vernachlässigung des Kindes sich noch bitter an mir rächen wird.

Wenn ich sie von Jugend an beobachtet hätte, müßte ich sie jetzt genau kennen, aber jetzt ... so rasend lieb ich sie habe, fühle ich doch, daß ich sie nicht verstehe, und der Altersunterschied zwischen mir und ihr ist zu groß, als daß wir uns je völlig finden könnten. Ich bin überhaupt trotz meinem bißchen Klugheit, das ich stets nur zu meiner eigenen Kurzweil und nie zum Nutzen von irgend jemand an mir gepflegt habe, eine unpraktische Person und werde noch viele Dummheiten machen in der Behandlung der Kleinen. Und es ist schade, denn Sie überschätzen sie nicht, sie ist entzückend!

Bei all dem kann ich den Gedanken nicht loswerden, daß Sie auch nicht so recht klug vorgegangen sind, wie ich's von Ihnen erwartet hätte, daß Sie mit ein bißchen herzlicher Entschlossenheit von ihr erreicht hätten, was ich durch mein Zureden nicht erreichen konnte. Besonders ist mir Ihre überstürzte Flucht ein vollständiges Rätsel. Ein wenig mehr Ausdauer hätte ich doch von Ihnen erwartet. Nun, das ist Ihre Sache.

Daß ich Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr sehen werde, tut mir sehr leid. Vielleicht überlegen Sie sich's und kommen doch noch zu mir. Es würde mich freuen. Sie werden mir unendlich fehlen, liebes Kind, ich war so gewöhnt, mich in allen meinen kleinen Schwierigkeiten an Sie zu wenden und auf Sie zu verlassen.

Indem ich mir die Hoffnung nicht verwehren kann, daß früher oder später noch alles gut werden wird zwischen der Erika und Ihnen, bleibe ich von Herzen Ihre alte Freundin

Anna Lenzdorff.

So elend und innerlich zerschunden er sich auch momentan fühlte, tat Goswyn dieser Brief doch wohl. Als er ihn durchgelesen, murmelte er: »Wenn sie einem manchmal so ein Stück ihrer Seele preisgibt, dann weiß man erst, warum man trotz ihrer großen Verkehrtheiten so innig an der alten Frau hängt!« Aber in der Bellevuestraße erschien er vor seiner Abreise nicht mehr.

 

Etwas in dem Leben Erikas hatte mit dieser Episode seinen Abschluß gefunden. Die plötzliche, abschiedslose Trennung von Goswyn blieb für sie stets etwas unendlich Trauriges, und noch lange, nachdem er Berlin verlassen, zitterte bei der bloßen Nennung seines Namens eine schmerzliche Unruhe in ihren Adern, eine nervöse Unzufriedenheit mit sich selbst, mit der Welt, mit ihm, eine Ahnung davon, daß sich da irgendein Rechnungsfehler eingeschlichen und die Geschichte eigentlich ganz anders hätte ausgehen sollen. Im Grunde ihres Herzens empfand sie es als eine große Enttäuschung, als sie, nach einem ziemlich bewegten Sommer und Herbst nach Berlin zurückkehrend, hörte, daß Sydow nach Breslau versetzt worden sei.

Bald freilich fehlte es ihr an Zeit, sich noch weiter mit dem Gedanken an ihren braven lieben Freund und unerwünschten Freier zu beschäftigen. Ihr Leben entwickelte sich äußerst glänzend und der Weihrauch der großen Welt stieg ihr zu Kopf und betäubte sie – wie er zeitweilig alle, auch die Klügsten, Ernstesten betäubt, die seiner Wirkung ausgesetzt sind.

Sie wurde bei Hofe vorgestellt, wo sie den erwünschtesten Eindruck machte und von den allerhöchsten Herrschaften in neiderregendster Weise ausgezeichnet wurde.

Sie ging sehr viel aus, so viel, daß die Großmutter, die von jeher eine berühmte soziale Trägheit entwickelt hatte, es schließlich müde wurde, sie in die Welt zu begleiten und sie, wo es irgend anging, dem Schutze ihrer ältesten Freundin, Frau von Norbin, anvertraute.

Jedesmal aber, wenn Erika von einem Fest zurückkehrte, mußte sie noch an das Bett der Großmutter treten und derselben erzählen, wie sehr sie gefeiert worden war. Die alte Frau blickte sie dann prüfend an wie ein Kunstwerk, und einmal sagte sie: »Ja, du bist ein seltenes Geschöpfchen, das läßt sich nicht leugnen, du bist noch schöner nach dem Ball als vorher. Wie dir das Leben in allen Gliedern zuckt! – Aber klug werd' ich nicht aus dir. Deinen Geist kenn' ich, und deine Nerven – deinem Herzen hab ich bis jetzt nicht auf den Grund sehen können.« Dann schüttelte sie den Kopf, seufzte, küßte die junge Schönheit auf die Augen und schickte sie schlafen.

Ja, gefeiert wurde sie, man erinnerte sich kaum eines jungen Mädchens, das derart gefeiert worden wäre wie Erika Lenzdorff in den ersten zwei Jahren, nachdem sie vorgestellt worden war – es regnete Freier und wimmelte von Verehrern. Dann ... nicht etwa, daß man ihre Schönheit als im Verblühen bezeichnet hätte – nein, sie war nie schöner gewesen, ihr Äußeres hatte sich noch herrlicher entfaltet – aber ihre Triumphe nahmen ab. Ihre Verehrer wurden unbeständig, sie erneuerten sich zwar immer wieder, zogen sich aber immer schneller von ihr zurück, und Freier ... Freier meldeten sich gar keine mehr.

Einen Umstand konnte selbst die in sie verliebte Großmutter nicht in Abrede stellen. Den landläufigen jungen Männern gegenüber war Erika im Grunde genommen dümmer als das erste beste, rundliche, rot und weiße Backfischchen, dem die Evatochter im Blut steckt, so daß es sich halb unbewußt an die Schwächen der Herren der Schöpfung heranschmeichelt und sich trotz allerhand kleiner, neckischer Herausforderungen und Auflehnungen recht andächtig ihrer Überlegenheit unterordnet.

Sie wußte nicht recht was anzufangen mit ihren Verehrern, und ihre Verehrer wußten nicht was anzufangen mit ihr. Ja, sie war den Männern geradezu unheimlich. Sie galt für einen Blaustrumpf, weil sie ernste Bücher las, und für überspannt, weil sie sich allerhand Gedanken machte über Dinge, die sonst junge Mädchen ungestört links liegen lassen. Da sie neben all ihrem für kleine weibliche Verhältnisse wirklich recht annehmbaren Verstand von irgendeiner findigen Weltklugheit auch nicht die Spur besaß, so schleppte sie in der naiven Überzeugung, ein jeder müsse gerade so tief ins Leben hineinschauen als sie, die Probleme, die sie gerade beschäftigten, kühn in ein Gespräch mit dem oberflächlichsten Kotillontänzer hinein. Da stieß sie manchmal gegen eine recht harte Klippe, aber noch viel öfter fuhr sie auf eine Sandbank auf.

Ihre Großmutter sagte ihr einmal: »Du verscheuchst alle deine Courmacher damit, daß du versuchst, sie fliegen zu lehren. Die Männer haben gar keine Lust, fliegen zu lernen; wenn du sie lehren wolltest, auf allen vieren zu kriechen, hättest du viel mehr Erfolg. Dazu haben die meisten Männer eine ausgesprochene Neigung, und die Frau, die ihnen zulieb dafür einen Vorwand erfindet – für das Aufallenvierenkriechen, meine ich –, die es ihnen recht bequem und plausibel macht, ohne dabei ihrer Würde nahezutreten, die ist ihnen die liebste!«

Auf so einen Ausspruch hin sah Erika die alte Frau stets so »rührend dumm« an, daß diese sie dafür jedesmal an sich zog und küßte.

»'s ist ewig schade, daß du den Goswyn nicht gewollt hast!« schloß sie zumeist mit einem Seufzer, »du bist einmal Kaviar für das Volk, und Goswyn war der einzige, der dich zu würdigen gewußt hätte. Ich begreife dich nicht, Erika! Goswyn wäre das Ideal von einem Ehemann, warmherzig, tapfer und treu, er hat einen so festen Arm, auf den man sich stützen kann, und so breite Schultern, denen man die Lasten aufbürden kann, die einem selber zu schleppen zu schwer fallen. Er ist ja kein Genie, aber er hat so viel edle Vernunft im Kopf – du begreifst, edle Vernunft... fassest du den Unterschied zwischen der edlen und der niedrigen?«

Aber wenn sie so weit gekommen war in ihren Anpreisungen Goswyns, stand Erika zumeist bereits an der Tür, die Klinke in der Hand, und stotterte: »Ja ... ja, Großmutter – aber ich ... ich habe einen Brief zu schreiben.«

Den Gesprächen über Goswyn wich sie aus; eine ganz kleine, traurige Unruhe, eine Unruhe, die, immer am selben Platz herumirrend, sich nie in eine starke vorwärtstreibende Sehnsucht auswuchs, schmerzte sie noch immer im Herzen, wenn auf ihn die Rede kam.

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