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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Seit einiger Zeit hatten die Bummler in der Bellevuestraße jeden Morgen sehr viel zu gaffen. Vor dem Palais, dessen erstes Stockwerk die Gräfin Anna Lenzdorff bewohnte, standen täglich gegen acht Uhr früh drei schöne, ungeduldig scharrende Pferde, von denen eines einen Damensattel trug. Ein Stalljunge in einer drabfarbenen Velvetjacke hielt zwei von den Pferden, während ein Groom in Zylinder und weißer Lederhose das dritte Pferd, das mit dem Damensattel, andächtig bewachte. Der Groom hatte Säbelbeine und ein rotes, stumpfes, aber außerordentlich englisch aussehendes Gesicht. Er war das Ideal von einem Groom.

Es dauerte jedesmal nur eine kurze Weile, dann traten aus dem eisenverschnörkelten Tor des Palais erst eine junge Dame in einem knapp anliegenden, dunkelblauen Reitkleide und Männerhut, unter dem ihr leuchtendes Haar, in einem dicken Knoten fest zusammengeflochten, trotz aller bändigenden Anstrengungen etwas zu üppig hervorquoll, und dicht hinter ihr ein blonder Dragoneroffizier. Erst streichelte sie die Tiere ein wenig und reichte ihnen Zucker, dann legte sie die rechte Hand auf die Gabel des Damensattels und die linke auf die Schulter des sich neben ihr zusammenknickenden Offiziers, der, ihr Füßchen in die Hand nehmend, sie mit einem Ruck aufs Pferd hob. – Was für ein Füßchen es doch war! – das kleinste, das sich je in einem lackledernen Reiterstiefel versteckt hatte, so schmal, so edel geformt und so zart hilflos! Es verschwand beinah gänzlich in der großen, gesundkräftigen Hand des jungen Offiziers – dann noch ein kleines Hin- und Herrücken im Sattel – »Alles in Ordnung, Gräfin Erika?«

»Ja, Herr von Sydow.«

Worauf der Offizier und sein Groom in einer Sekunde aufsaßen und sich die kleine Kavalkade im vorsichtigen Schritt mit laut klappernden Hufen dem sehr nahen Tiergarten zu bewegte.

Von der kleinen, die Aufmerksamkeit der Gassenjugend so sehr in Anspruch nehmenden Gruppe blieb nichts übrig als der Stalljunge Max, der sich sehr wichtig vorkam, sobald die Herrschaft nicht dabei war, und dem Publikum eine scharfe Strafpredigt über unbefugte Zudringlichkeit hielt, im schönsten Berliner Dialekt und mit Gesten, die seine Gefühle drastisch illustrierten.

Zu Ende des Winters hatte Gräfin Lenzdorff gefunden, daß ihre Enkelin schlecht aussehe und ihr eine tüchtige Bewegung not tue.

Erst hatte es geheißen, daß sie den sehr langen Reitkurs im königlichen Marstall durchmachen sollte. Da sie das langweilig fand, bettelte sie sich davon los.

Goswyn wurde mit der Mission betraut, ihr ein Reitpferd auszusuchen. Hierauf überwachte er ihren Unterricht in einer naheliegenden Reitbahn, worauf sie bald genug wußte, um mit ihm ins Freie hinauszutraben – das heißt gerade genug, um sich im Sattel zu halten auf einer ausgezeichnet zugerittenen Fuchsstute und neben einem sehr vorsichtig beobachtenden Begleiter, der ebenso gut alle Eigentümlichkeiten des Pferdes wie die Grenzen der Reitkunst der jungen Amazone kannte. Übrigens machte sie rasch die erstaunlichsten Fortschritte – und dann – sie sah so allerliebst aus im Sattel. Als sie angefangen hatte, mit Goswyn auszureiten, war der Tiergarten noch braun und kahl – es war Ende März gewesen damals. Dann kam der Frühling erst langsam, dann immer schneller.

An den hohen alten Bäumen hing das Laub so jung, weich von Sonnenschein durchtränkt, dort grüngoldig, fast gelb, dort glänzend braun und korallenrosa, dann wieder fast weißlich in allen zartlaunigen Farbenabstufungen des ersten Frühlings; und mitten aus dieser harmonischen Buntheit ragten mit altklugem Ernst ein paar Koniferen empor, denen das Jahr noch keine grünen Kerzlein auf die schwarzen Äste gesteckt. Zwischen, den Bäumen streckten sich große Teiche aus, glasig glatt, mit jeder Einzelheit und nur wenig nachgedunkelter Färbung das Bild der sie umgebenden Frühlingsschönheit zurückstrahlend. Über den grünen Rasen zogen sich die Morgenschatten dunkel, lang gedehnt, schwarze Streifen hinzeichnend, zwischen dem goldigen Sonnengeflimmer, das in den Grashalmen hängengeblieben war. – Die Luft war herb und duftete nach nachtgekühlter Erde und jungem Laub, und mitten durch diese erquickende Herbheit zog sich oft plötzlich etwas Ermattendes, Berauschendes – unendlich süß, aber mit etwas Unlauterem darin, und wenn die Reiter die Köpfe erhoben, da erblickten sie zwischen dem grünen Frühlingsgewirr, bis in das feinste Ästlein mit weißen Blüten bedeckt – den Faulbaum.

Erika zog's mit wahrer Leidenschaft zu dessen berückendem Duft, Goswyn empfand eine ausgesprochene Abneigung dagegen, fast einen Ekel.

Alle Tage ritten sie also nebeneinander die sämtlichen Alleen des Tiergartens ab und kannten bald jeden Teich, jede Statue, ja jeden Reiter.

Häufig begegneten sie ein paar Kavallerieoffizieren, die entweder nur im Vorbeieilen grüßten oder auch ein paar Worte mit ihnen wechselten, sich ihnen für eine Strecke anschlossen; dann wieder Infanterieoffizieren, die sie zumeist nicht kannten, vielgeplagte Krieger, mit kurzen, breiten Taillen und geräuschvoller Atemlosigkeit, denen von all ihren schweren Dienstübungen das Reiten als die beschwerlichste erschien – Herren vom Handel, die zum erstenmal ihre frisch erlernten Reitkünste auf einem Mietgaul probierten und vor Schrecken die Zunge heraussteckten, wenn sie die Bügel verloren. Eskadronen von jungen Damen, die unter Führung eines Reitlehrers über den weichen, braungrauen Sand dahinsprengten, einige frisch und biegsam, froh, ihren jungen Lebensübermut irgendwie austoben zu können, andere offenbar einer ärztlichen Vorschrift gemäß mithumpelnd, mühsam und krumm, immer außer Atem, immer schlechter Laune und immer räsonierend über irgend etwas, ihr Pferd, ihren Sattel, das Terrain, die Bäume, die Luft – einige dünn wie die Bleistifte, andere mit aus dem Sattel herausquellenden Hüften.

Von Zeit zu Zeit wendete sich Erika zu ihrem Begleiter und teilte ihm ihre kleinen Beobachtungen mit, fast unheimlich treffend, nie boshaft. Nie ließ sie sich zu jenen Henkerstreichen des Hochmuts verleiten, der nach rechts und links bescheidenen Freunden den Kopf abschlägt, bloß aus dem rastlosen Trieb, sich zu äußern, einem Trieb, der jedem Hochmut um so stärker innewohnt, je kleinlicher er ist.

Sie war trotz all ihrer Urteilsschärfe, vielleicht infolge derselben, wohlwollend und hätte es für ein Verbrechen angesehen, einen Gassenjungen, an dem sie vorübergaloppierte, erraten zu lassen, wie sehr ihr heimlich vor dem sirupbestrichenen Kommißbrot schauderte, in das er gerade mit gesunden Zähnen hineinbiß. – Statt dessen lachte sie manchmal den Gassenjungen samt seinem Schwarzbrot so freundlich aufmunternd an, daß er ihr erst verduzt nachschaute, dann einen Ausdruck dermaßen kräftiger Begeisterung nachrief, daß Goswyn nicht wußte, ob er den kecken Burschen dafür an den Ohren zausen sollte oder nicht.

Natürlich hatte Gräfin Lenzdorff Goswyn nur gebeten, für die allererste Zeit das Reiten ihrer Enkelin zu überwachen; daß er täglich ein bis zwei Stunden opfern solle, um mit der Kleinen im Tiergarten herumzutraben – davon konnte nicht die Rede sein. Aber die Wochen schlossen sich an die Wochen, und noch immer ritt er jeden Morgen mit Erika aus. Durch seine Adjutantenstellung gehörte er zu den Bevorzugten, welche sich um diese Zeit frei machen können. An und für sich war es ja ein zahmes Vergnügen, so alle Tage im Tiergarten herumzusprengen – längere Ausflüge durfte er mit Erika und einem Reitknecht der Schicklichkeit halber nicht unternehmen, aber diese zwei Morgenstunden blieben doch immer die schönsten des ganzen Tages für ihn.

Sie paßte so gut zu dieser herben Duftigkeit, zu dieser unentweihten, taubesiegelten Morgenstimmung. Sie war noch ein Kind; aber gerade so, wie sie war mit ihrer unabgestumpften Gemütszartheit, mit ihrem schönen Herzensernst, hätte er sie in seine Arme schließen mögen, um das Recht zu haben, alles, was noch unbewußt in ihr schlummerte, zu hegen und zu pflegen und zur herrlichsten Entfaltung zu bringen, ehe sie sich an den tausend Klippen des Lebens wundgestoßen hatte.

Daß ihr Gefühl für ihn in nichts dem, welches er für sie hegte, vergleichbar war, wußte er, das war ja auch gar nicht nötig. Eine zu starke Leidenschaftlichkeit hätte ihm nicht einmal an ihr gefallen – und daß sie ihn, jeden Vergleich ausschließend, allen jungen Männern ihrer Umgebung vorzog, gestand sie ihm mit dem größten Freimut zu.

Die alte Gräfin tat alles, was sie konnte, um seine Werbung zu begünstigen – wenn er nicht sehr verliebt gewesen wäre, hätte er gefunden, sie tue zuviel. – Aber er war nun einmal sehr verliebt.

Es war im Mai. Die Blätter hatten ihre erste weich zusammenfallende Haltlosigkeit bereits verloren, sie breiteten sich in ihrem ganzen Umfang aus, glatt und stark. Der Faulbaum hatte längst seine weißen Blüten verstreut, und in den Linden schimmerte es grünlichgelb. – In einem der schmalen Reitwege war's, in einem der Wege, in denen an verschiedenen Stellen ein großer Baum stehen geblieben ist, der an die ursprüngliche Beschaffenheit des Tiergartens erinnert und den derjenige, der die Reitwege in dieses Gehege hineintrassiert hat, nicht über sich bringen konnte, zum Tode zu verurteilen.

Munter waren sie vorwärts getrabt; wie alle Anfängerinnen liebte Erika ein schwindelndes Tempo, wogegen Goswyn bisweilen Einsprache tat. Mit einemmal machte ihr Pferd einen Satz. Es war vor einem Wegelagerer erschrocken, der sich zwischen einem Baum und dem am Wegsaum aufragenden Gestrüpp in dem Schatten ausgestreckt hatte und dort eingeschlafen war.

Sehr kaltblültig, vielleicht weil sie noch nie von dem Gedanken einer möglichen Gefahr gestreift worden war, vermochte sich Erika nicht nur im Sattel zu behaupten, sondern auch sehr bald ihr Pferd zu beruhigen.

Um so mehr war Goswyn erschrocken. Nachdem er sich überzeugt, daß Erika ihn nicht mehr brauche, war er auf den offenbar betrunkenen Wegelagerer losgefahren und hatte seinen Zorn sehr kräftig an ihm ausgelassen. Dann, etwas beschämt über seinen Wutanfall, kam er auf Erika zu, die ihn lächelnd und verblüfft zugleich betrachtete. Er runzelte die Stirn, das Blut war ihm in die Wangen gestiegen. »Verzeihen Sie, Gräfin, es tut mir leid, ich hätte nicht so laut brüllen sollen ...« sagte er, »ich dachte an gar nichts, als daß Sie hätten vom Pferd stürzen können ... gegen den Baum ...! Wenn Sie den Mut verloren hätten ...« Er schauderte.

»Ach,« sie zuckte leicht mit den Achseln, »selbst wenn ich den Mut verloren hätte – Sie waren ja da!«

Bei diesen Worten hellte sein finsteres Gesicht sich auf. »Hegen Sie wirklich so großes Vertrauen zu mir?« frug er.

»Ich?« sagte sie, ihn groß ansehend. Weshalb fragte er nach etwas so Selbstverständlichem?

Sein ernstes männliches Gesicht nahm einen fast kindisch verlegenen Ausdruck an. Mit einemmal merkte sie, was in ihm vorging – jetzt erst! Sie bemühte sich krampfhaft, etwas zu finden, was sein Geständnis verhindern, ihm eine Demütigung und ihr einen peinlichen Eindruck hätte ersparen können. Es fiel ihr nichts ein. Vergebens suchte sie auch nur ein kleines, vernünftig ablenkendes Sätzlein, und endlich murmelte sie: »Die Bäume find schon sehr grün. Finden Sie nicht?«

Er lächelte mitten in seine Aufregung und Verlegenheit hinein, dann sagte er: »Gräfin Erika! Über einen gewissen Punkt hinaus kann man die Dämmerung nicht festhalten, so schön sie auch ist – es verlangt einem nach Licht...!« Er hielt inne, er war etwas heiser geworden, wie immer, wenn er etwas sagte, das sehr tief aus seinem Herzen herauskam; er sah sie an und räusperte sich. »Sie müssen es ja doch schon längst wissen, wie es um mich steht!«

Da aber unterbrach sie ihn heftig. »Nein!« rief sie, »nein, nein – nichts hab' ich gewußt – gewiß, ich hab' gar nichts gewußt!«

Sie zitterte am ganzen Leibe und ritt im Schritt gerade in der Mitte des Reitwegs, als ob die Welt ihr gehörte. Indem sprengte eine Kavalkade ihr entgegen. Eine schlanke Reiterin und mehrere Herren – Prinzeß Dorothee mit ihrem Troß.

»Nach rechts ausbiegen!« rief Goswyn – dann war die Kavalkade vorbei. Der Staub von den Vorüberreitenden spielte den Pferden noch um die Köpfe wie eine kleine Dunstwolke.

Erika hüstelte ein wenig. Mein Gott, vielleicht hat er bereits bemerkt... vielleicht erläßt er mir die Antwort... dachte sie.

Aber nein, er erließ ihr die Antwort nicht. »Nun, Gräfin Erika?« begann er nach kurzer Pause von neuem, sanft, aber sehr fest.

»Wa ... was?« stotterte sie verwirrt.

»Wollen Sie meine Frau werden?«

Der Atem versagte ihr – nie im Leben hätte sie gedacht, daß es ihr so schwer fallen sollte, jemandem einen Korb zu geben. Und annehmen ... nein, dagegen sträubte sich etwas in ihr. Sie konnte nicht.

»N ... nein – es tut mir sehr leid ...« stotterte sie, dabei raste ihr der Puls. Ihr war gräßlich zumute. Scheu sah sie ihn von der Seite an. Kein Muskel seines Gesichtes zuckte.

»Eigentlich war ich darauf gefaßt,« murmelte er.

Gott sei Dank, es geht ihm nicht sehr nahe! dachte sie aufatmend – in der nächsten Minute ... nun, in der nächsten Minute ärgerte sie sich darüber, daß es ihm »nicht sehr nahe ging«. Sie befanden sich gerade vor der Eisenbahnbrücke, unter der sie in die große Galoppallee einzubiegen pflegten. Einen Augenblick dachte sie daran, ihrem abgewiesenen Freier diesen Galopp, welcher den Höhepunkt des zahmen Tiergartenritts auszumachen pflegte, zu opfern. Sie parierte ihr Pferd.

»Kein Galopp?« fragte er, als ob es gar nichts zwischen ihnen gegeben hätte, nur mit einer gewissen Heiserkeit in der Stimme.

»Ach ... wenn Sie wollen ... ich dachte nur ...« stotterte sie.

Er aber antwortete mit derselben ruhigen Ritterlichkeit, die ihn stets im Verkehr mit ihr charakterisierte. »Ich stehe gänzlich zu Ihrer Verfügung.«

Noch einen Augenblick zögerte sie, dann ein leichter Schlag auf die rechte Schulter des Pferdes – vorwärts...

»Ach, wie herrlich!« rief sie, da sie kurz vor dem Pflaster parieren mußte, »aber noch einmal, nicht wahr?«

So ritten sie denn die große Allee an jenem Morgen zweimal auf und nieder. Die Luft war leicht und hell, in den Duft der jungen Blätter mischte sich der Geruch von frisch gehobeltem Holz, der den Baracken entströmte, die neben der Allee für eine Pferdeausstellung zusammengezimmert wurden.

Nie hat sich Erika noch um Jahre später jenes Rittes und ihrer unerhörten Grausamkeit erinnern können, ohne daß jener eigentümliche Geruch ihr Gedächtnis durchschwebt hätte.

Dem jungen Manne war übel genug zumut. Was er auch sagen mochte, er hatte das nicht erwartet. Er hatte die letzten Tage in einem Zustand ahnungsbeklommener, gerührter Glückseligkeit verbracht, in dem er, trotzdem er sich manchmal bemüht, seine Zuversicht mit Zweifeln zu quälen, es nicht recht vermocht hatte. Er war von einer sehr großen Höhe herabgefallen und spürte es tüchtig. Trotz all seiner Selbstüberwindung fing man an, es ihm anzusehen. Erika wurde immer trübseliger zumute. Beständig sah sie ihn mitleidig von der Seite an. Jetzt wäre ihr's wieder viel lieber gewesen, er hätte sich's nicht so zu Herzen genommen. Offenbar wußte sie selbst nicht recht, was sie wollte.

Stumm trabten sie nebeneinander – da, am Anfang der Bellevuestraße, hörte er's leise ängstlich:

»Herr von Sydow ... ich möchte nicht gern ... daß Sie glauben, daß ... daß ... ich ... ich hab' mir's vorgenommen, Ihnen das zu sagen. Ich freue mich sehr über Ihre Freundschaft – es wäre mir sehr traurig, wenn Sie mir die entziehen wollten und ... und ...« Sie bog den Kopf etwas zurück, und ihm unter dem geraden Rand ihres Reithutes in die Augen sehend, setzte sie mit einem ängstlich einschmeichelnden Lächeln hinzu: »Nicht wahr, es wird alles beim alten bleiben zwischen uns?«

»Wie Sie befehlen, Gräfin Erika,« erwiderte er. Diese Art, mit einem abgewiesenen Freier umzugehen, lockte ihm doch ein Lächeln ab.

Als er sie kurze Zeit darauf vom Pferd hob, streifte er ihren grauen Reithandschuh andächtig mit seinen Lippen – sie sah ihn freundlich dabei an; ja, während er ihr im Hausflur unten nachblickte, wie sie die Treppe hinauflief, drehte sie sich noch einmal nach ihm um, ihm zuzunicken.

 

Sein Herz war ihm wieder leicht geworden – allzu ernst nehmen durfte er den ihm zuteil gewordenen Korb nicht. Er bedeutete nicht viel, damit wollte er noch fertig werden. »Schließlich – sie ist ja im Grunde, trotz ihrem bißchen frühreifer Weisheit, doch noch ein reizender kleiner Dummkopf, und das ist ja das Entzückende an ihr!« sagte er sich. Eigentlich war er bereit, alles an ihr entzückend zu finden.

Der Sonnenschein glänzte flimmernd auf den Eisengittern der Vorgärtchen in der Bellevuestraße, auf den Blättern der Bäume, auf einer Reihe von feuerrot lackierten und mit weißen Nummern bezeichneten Wasserspritzen, die sich in verkleinernder Perspektive bis in die Bellevuestraße zogen. Die Morgenhitze brannte bereits ziemlich schwer auf Berlin.

Aber Goswyn war nicht weichlich und weder gegen Hitze noch Kälte empfindlich. Den Ritt mit dem jungen Mädchen hatte er kaum gespürt, ihm war darum zu tun, sich einmal ordentlich die starken Glieder durchzurütteln, er gedachte den Weg ins Freie hinaus zu nehmen.

Da, in der Charlottenburger Allee, kam er mit derselben Kavalkade zusammen, der er kurz zuvor im Tiergarten begegnet war, mitten in seiner Auseinandersetzung mit Gräfin Erika. Erika hatte, dank ihrer großen momentanen Verlegenheit und Benommenheit, niemanden erkannt, er aber hatte Zeit gehabt, seine Schwägerin und ihre Trabanten zu grüßen. Sie winkte ihm jetzt von weitem zu und rief: »Goswyn!« Sie war um ein bedeutendes dünner als Gräfin Erika und länger im Leib; wenn sie vom Pferde herabstieg, wirkte ihre übertriebene Schlankheit im Reitkleid fast abschreckend. Im Sattel machte sie sich gut. Ihre grünen Augen schillerten unter der Krempe ihres Zylinders mutwillig neckend. »Goswyn,« rief sie, wie immer rasch redend mit ihrer kichernden, durchdringenden Stimme, die man weithin hörte, und ihrem berühmten Zungenfehler, »du bist heute der Gegenstand einer Wette geworden!« »Aber Thee,« unterbrach Prinz Nimbsch seine Kusine empört, »keiner von uns ist auf deine unsinnige Wette eingegangen.«

»Um was handelt sich's?« fragte Goswyn, dem die Ahnung von einer ihm drohenden empfindlichen Unannehmlichkeit kalt über den Rücken schlich.

Die drei Männer um Dorothee herum starrten einander an, Dorothee kicherte. Endlich sagte Nimbsch: »Meine Kusine wollte wetten, daß die Hand Gräfin Erikas noch in diesem Frühling vergeben sein wird.«

»Oho!« fiel ihm Prinzeß Dorothee ins Wort, »das war ganz anders. Ich habe gewettet, daß du heute früh im Tiergarten einen Korb von Erika bekommen hättest, Gos – Helmy wollt's mir nicht glauben, aber ich ... ich seh' so etwas gleich.«

Sie sagte das noch immer kichernd, schäkernd, mutwillig, nicht einmal bewußt grausam, sondern nur völlig kopf- und herzlos, wie ein schlecht erzogenes Kind, das zu seinem Zeitvertreib einem Maikäfer die Beine aus dem Leib reißt. »Hab' ich recht?« drang sie in ihn hinein.

Die Männer wendeten sich ab, wie sich ein anständiger Mensch von einer Hinrichtung abwendet.

Goswyn war's schwarz und blau vor den Augen geworden, äußerlich aber behauptete er seine Ruhe.

»Ja, Dorothee – ich hab' einen Korb bekommen,« sagte er, und die Worte klangen seltsam deutlich und gelassen in die kleine Insel starren Schweigens hinein, die sich um die Gruppe herum mitten in dem von allen Seiten hereinrasselnden Lärm der Großstadt gebildet hatte. »Dürfte ich dich fragen, inwiefern dich das interessiert?«

»Ach!« Sie kicherte noch leichtsinniger, wie immer bereit, ihre Unarten zu übertreiben, wenn sie hart daran war, sich derselben zu schämen. »Ach, ich wollte nur recht haben. Helmy widersprach mir so eigensinnig, er behauptete, ein Mensch wie du holt sich keinen Korb, der weiß vorher, wie er daran ist – etsch, etsch, Helmy! Na, die anderen Berliner Herren werden sich freuen!«

»Inwiefern?« fragte Goswyn mit dem unseligen Hang starker Menschen, eine unerträgliche Lage weiter auszudehnen, nur um ihren Mangel an moralischer Wehleidigkeit zu beweisen.

»Inwiefern? ... Du bist ein gefährlicher Konkurrent, Goswyn,« rief Dorothee, »und glaubst du etwa, daß du der einzige bist, der die Hand nach dem Goldfischchen ausgestreckt hat?«

In dem Augenblick war's Goswyn, als habe man ihm eine brennende Fackel ins Gesicht geschlagen. Zugleich drehte sich alles um ihn. Aber noch immer behauptete er sich. »Dorothee, es ist unter Umständen sehr bequem, eine Dame zu sein,« sagte er ruhig, dann grüßte er die drei Männer und sprengte in anderer Richtung davon.

Dorothee kicherte noch immer, aber sie war blaß geworden – ihre Begleiter waren im Gegenteil alle dunkelrot. »Reite du nach Haus, mit wem du willst, ich schäme mich neben dir tot!« rief Prinz Nimbsch heftig – damit eilte er Sydow nach. Als er ihn erreicht hatte, sahen sich die beiden Männer an und blieben stumm. Endlich begann Nimbsch: »Ich wollte Ihnen nur sagen ...«

Goswyn unterbrach ihn: »Es ist nichts zu sagen,« murmelte er mit einer heiseren, schlecht artikulierenden Stimme, die dem jungen Österreicher weh tat, »ich weiß, daß Sie ein anständiger Mensch sind, Prinz, und daß Sie mich auch dafür halten ... aber zu sagen ist nichts!«

Ehe sich's Prinz Nimbsch versah, war Goswyn seinen Blicken entschwunden.

Noch um zwei Stunden später konnte man ihn auf einem schaumbedeckten Pferde über die unebenen, sandigen Felder in der Umgebung von Berlin herumsprengen sehen. Er hatte nie an den Reichtum Erikas gedacht, aber er fühlte es, daß er von jetzt ab diesen Reichtum nie mehr vergessen würde. Seine Unbefangenheit ihr gegenüber war ihm benommen.

Es war vorbei.

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