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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Achtes Kapitel

In derselben halben Stunde saß die Gräfin drüben vor einem an ihrem Balkonfenster stehenden Schreibtisch, um einen Brief an Feßler zu richten. Aber das entzückende Bild, das sich vor ihr ausbreitete, machte, daß sie die Feder, die sie vor einer Weile schon zur Hand genommen hatte, wieder niederlegte. Hoch über die mit Wein und Laubholz besetzten Berge hin zog ein silberglänzendes Gewölk, während unten im Tale schon die mit jedem Augenblicke bedrücklicher werdende Hitze des Tages lag. Ein Fähnlein, das die Schützenplatzstelle bezeichnete, hing schlaff am Mast herab und regte sich immer nur, wenn ein Luftzug ging. Plötzlich aber klang ein Paukenschlag vereinzelt und wie zufällig herüber, und die Gräfin, ihrem Sinnen dadurch entrissen, nahm die Feder wieder auf und schrieb:

»Lieber Freund!

In meinem Leben hier hat sich seit voriger Woche manches geändert, und seit gestern ist es ein Saus und Braus. In aller Frühe kam Egon Asperg und mit ihm der junge Pejevics, der, wie Sie vielleicht wissen, einige Wochen der Rennen halber in England war. Ich freute mich aufrichtig und beschloß, den Tag in aller Heiterkeit mit ihnen zu verbringen, würd' aber damit gescheitert sein, wenn ich nicht die beiden jungen Damen, derer ich neulich schon Ihnen gegenüber Erwägung tat, als Hilfstruppe hätte heranziehen können. Ein paar junge Schauspielerinnen interessieren eben lebhafter als eine Tante von beinahe siebenzig. Und heute mehr denn je. Denn die Dinge, die für uns das Leben ausmachen, erscheinen mir in den Herzen der gegenwärtigen Generation um noch vieles erstorbener als in dem der vorigen. Mein Bruder hat wenigstens noch Spott für diese Dinge, Graf Egon aber nur Schweigen und Gleichgültigkeit. Indessen, ich will nicht anklagen, sondern berichten.

Ein Ausflug in die Berge ward also verabredet. Egon und ich zu Wagen, alles andere zu Fuß, so brachen wir in zwei Partien auf, um oben auf der Kuppe von Heiligenkreuz wieder zusammenzutreffen. Die beiden jungen Damen waren allerliebst, was Sie, der Sie der jüngeren von Anfang an Ihre Sympathien entgegenbrachten, nicht überraschen wird. Ich meinerseits möchte fast der älteren, dem Fräulein Phemi, wie sie kurzweg genannt wird, den Vorzug geben. In Fräulein Franz steckt allerdings ein bedeutenderer Fonds, aber eben weil sie bedeutender ist, ist sie zugleich auch minder bequem und stellt uns, als übe sie Kritik, unter eine beständige Kontrolle. Wie ganz anders dagegen das ältere Fräulein! Von einer gewinnenden Offenheit und Schelmerei, vergißt sie, die Worte zu wägen, oder will es vielleicht auch nicht und überhebt uns dadurch der Notwendigkeit, auf uns selber in jedem Augenblick ängstlich achten zu müssen. Auf uns achten ist freilich Pflicht, aber ängstlich auf uns achten wird leicht zur Pein.

Gegen neun Uhr waren wir von unserer Partie zurück. Egon und Graf Pejevics verließen mich gegen zehn, und ich hoffte, die nächsten vierundzwanzig Stunden in einer vollkommenen Ruhe, nach der ich mich sehnte, zubringen zu können, da wirbelte heute mit dem frühesten mein Bruder, Graf Adam, in mein Zimmer und meine Stille hinein. Auf wie lange, steht dahin. Er sprach anfangs von einem halben Tag nur, aber seine Pläne haben sich rasch geändert. Sehr begreiflich. Er ist eben drüben bei den jungen Damen, was Ihnen genug sagt, und gönnt mir durch diesen seinen Besuch die Muße zu diesen Zeilen an Sie.

Ja, daß ich es Ihnen gestehe, mein lieber Freund, ich bin in Sorgen, in denselben Sorgen, die mich diesen Winter erfüllten und deren äußere Veranlassung Sie so gut kennen wie die tiefere Charakterbegründung. Und dies letztere wiegt am schwersten. Er hat es versäumt, sich zu rechter Zeit seiner Jahre bewußt zu werden, ist der ewig Jugendliche geblieben, unstet und rastlos, und hat zum Überfluß auch noch eine Neigung ausgebildet, gegen all das anzustreben und unter Umständen auch anzustürmen, was er ›Vorurteile des Standes und der Gesellschaft‹ nennt. In ewiger Fehde hab' ich diese seine Rastlosigkeit bekämpft, und doch fühl' ich jetzt, daß gerade sie das Korrektiv und der Schutz seines Lebens war, so sehr, daß ich seit kurzem oder doch seit heute vor dem Moment bange, der dieser seiner Rastlosigkeit ein Ende machen und ihn umgekehrt mit einer plötzlichen Sehnsucht nach einem Ruhehafen erfüllen könnte. Denn er wird auch dabei wieder, um das mindeste zu sagen, unherkömmlich verfahren und seinem Tun den Stempel des Aparten und Adoleszenten aufdrücken. Es entspricht das seiner Eitelkeit, von der ich ihn trotz all seiner Vorzüge nicht freisprechen kann. Und alle diese Dinge, fürcht' ich, sind nahe, sehr nahe. Der Umstand, daß er in dem Momente seiner Rückkehr nach hier eben das vorfand, was er, als er nach Paris ging, zu fliehen gedachte, wird nicht ohne Wirkung auf sein Gemüt und seine Handlungsweise bleiben. Denn er ist abergläubisch und glaubt an Zeichen. Er ist jetzt sicher, daß ihm ein solches Zeichen gegeben wurde.

Schreiben Sie mir, lieber Freund, wie Sie sich persönlich zu dieser Frage stellen, und seien Sie dabei rückhaltlos offen. Ich habe zu lange gelebt und zu viel vom Leben gesehen, um mich schließlich nicht in allem zurechtfinden zu können. Es verwundert mich nichts mehr oder nur weniges noch. Zudem geschieht nur, was geschehen soll, und unerschütterlich bleibt mir der Glaube, daß denen, die Gott lieb hat, alle Dinge zum Besten dienen. Vor allem auch die Prüfungen. Ich verharren lieber Freund, als Ihre herzlich ergebene

Judith von G.«

»Nachschrift. Im Begriff, die vorstehenden Zeiten zu kuvertieren, kommt Ihr Brief, auf den ich mich beeile wenigstens in einer kurzen Nachschrift noch Antwort zu geben. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß für die total verwaiste Gemeinde von Amrathskirchen etwas geschehen muß, um so mehr, als unsere Regierung solcher doch naheliegenden Pflichten sich überhoben glaubt. Es fehlt ihr niemals an Mitteln, wenn es neue Regimenter oder Uniformen, aber immer an Mitteln, wenn es eine Kirche gilt. Und doch ist Österreich auf ihr erwachsen. Felix Austria nube. Gewiß; aber jeder andern Vermählung ging die mit der Kirche voraus. Ich vertraue, daß die Zeiten nahe sind, wo sich die Machthaber dieser Tatsache wieder erinnern werden. Es ist das Verderben unserer Tage, daß wir, losgelöst vom Göttlichen, alles aus unserer Kraft und Weisheit heraus gestalten, alles uns selbst und nicht der ewigen Gnade verdanken wollen. Es gibt keine neue Weisheit, und der ist der Weiseste, der dies weiß und darnach handelt. Ich bitte Sie, fünfhundert Gulden für mich zeichnen und meinen Namen an die Spitze der Liste stellen zu wollen. Mit mehr öffentlich herauszutreten, erscheint mir nicht tunlich, aber es ist mir recht, wenn wir unter der Hand die Summe verdoppeln.

J. v. G.«

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