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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Vierunddreißigstes Kapitel

Er war durch diesen Blick entwaffnet, zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm Franziskas Hand und küßte sie, dann rasch aufbrechend sprach er von Briefen, die noch zu schreiben seien, und ging in den anderen Flügel hinüber. Hier nahm er an seinem Schreibtisch Platz, erhob sich aber bald wieder, um auf und ab schreitend erst ruhiger in seinem Gemüte zu werden.

»Es war ein Bekenntnis, wie sie mich so ansah und mit ihren klugen Augen ihr zu verzeihen bat. Aber was soll ich ihr verzeihen? Immer die törichte alte Frage. Nichts, nichts. Während ich sie beständig warnte, das Leben nicht als Märchen zu nehmen, hatt' ich mir doch meinerseits ein Märchen ausgedacht, und ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein, bestärkte mich in dem Glauben an eine Märchenmöglichkeit. Ja, ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein! Das war es; sie hat mich einfach verwöhnt. Hätte sie mir von Anfang an gesagt: ›Aber eines muß sein, Petöfy, darauf dring' ich; wir bleiben in Wien, unter Menschen, und ich vergrabe mich nicht in eine Schloßeinsamkeit; ich muß Verehrer und Anbeter um mich haben, die mir schöne Dinge sagen und die mich heut' in das Konzert und morgen in die Oper begleiten‹ – ja, hätte sie sich von Anfang an auf solch freien und allerfreiesten Ton gestellt, auf einen Gesellschafts- und Lebensfuß, auf den sie sich stellen durfte, so hätte mir ihre Plauderei genügt, und ihr Bonsens und der Sonnenschein ihrer ewig guten Laune wären mein Glück gewesen. Das war es, was ich damals in Öslau wollte. Statt dessen hatte sie's besser mit mir im Sinn... Wohl, ich wäre glücklicher geworden, wenn sie dies Bessere nie gewollt und, statt auf ihr Recht und ihre Freiheit zu verzichten, sich umgekehrt von Anfang an auf ihr Recht und ihre Freiheit gestellt hätte, Gewiß, gewiß. Aber soll ich den Entrüsteten spielen, bloß weil sie sich freiwillig höher eingeschätzt hat, als ihr Vermögen war?!«

Er stellte sich vor den Kamin und warf ein Scheit in die halberloschene Flamme. »Mein Kalkül war falsch, und Judith hatte recht. Das ist alles. Es tut nie gut, sich in künstliche Situationen hineinzubegeben und sich auszurechnen, wie's kommen müsse. Die Rechnung stimmt nie. Wir kennen uns nie ganz aus, und über Nacht sind wir andere geworden, schlechter oder besser. Schlimm, wenn wir uns schlechter finden, aber oft schlimmer noch, wenn besser. Es gibt dann ein Wirrsal, draus kein Entrinnen ist, und daß wir, sie wie ich, das Leben ernsthafter zu nehmen anfingen, als es geplant war, das entscheidet nun über mich und vielleicht auch über sie.«

Von der Flamme fort sah er jetzt in die Höhe, wo dicht über dem Kamin, ja mit dem breiten Goldrahmen die Kaminkonsole berührend, ein Bild hing, sein Bild, im Attila und das Ordensband über der Brust. Typisch der Kavalier. Und er lächelte. »Ja, was ich wollte, war eine Kavalierslaune, von der ich schließlich einsehen muß, daß sie nicht der Schlüssel war, der überallhin schließt. Aber für das, was ich noch vorhabe, für das, was noch zu tun übrigbleibt, dafür paßt sie; nur nicht Umkehr oder die Blame der Unkonsequenz, und wenn es von alter Zeit her als ein Höchstes gegolten hat, anderen zuliebe zu leben, so kann es unmöglich ein Niedriges sein, demselben Zweck und Ziel auch mal von der andern Seite her beikommen zu wollen. Auf den Zweck kommt es an, der entscheidet, der heiligt. Alter Grundsatz der Kirche. Wie sich wohl Feßler dazu stellen wird?«

Er setzte sich jetzt nieder und schrieb eine Stunde lang, anscheinend Geschäftliches, das er schließlich untersiegelte. Dann nahm er einen Briefbogen, warf rasch einige Zeilen hin, überflog noch einmal den Inhalt und verschloß beide Schriftstücke.

Den andern Morgen war er früher als gewöhnlich auf und klingelte. »Bringe das Frühstück, Andras. In einer Stunde will ich ausreiten.«

Im Palais war alles noch still, als der Graf sich in den Sattel hob und zunächst über den Josephsplatz auf den Kärtnerring und die Schwarzenberg-Brücke zuritt. Andras folgte. Das Eckhaus der Salesiner Gasse, darin Franziska gewohnt hatte, lag in einem grauen Novembernebel; er sah hinauf, aber die Fenster der oberen Etage waren unerkennbar. »Ich soll es nicht sehen. Alles hat seine Bedeutung.« Auf dem Heumarkt, am Fluß und seiner Brücke hin herrschte schon das lebhafte Treiben, das hier allmorgendlich anzutreffen ist, aber es hatte nichts von seiner gewohnten Buntheit, und die Gestalten schoben sich wie Schatten aneinander vorüber. »Ist es doch, als ob es ein Unterweltjahrmarkt wär'. Und hätte doch mein altes Wien gerne noch mal in Lust und Farbe gesehen.«

An der Tegethoffbrücke bog er wieder ein und lenkte sein Pferd am Stadtpark auf die große Franz-Josephs-Kaserne zu, die grau verschleiert wie eine Wolkenburg dastand. Vom Kasernenhofe her klangen Trommeln und Hörner, aber dumpf wie Notsignale.

So ritt er durch die Leopoldstadt bis in den Prater.

Als er draußen war, fiel der Nebel so stark, daß es sich einen Augenblick anließ, als ob die Sonne hervorkommen wolle. Doch es blieb bei dem guten Willen, und nur der Blick in die Landschaft war frei geworden. Er ritt an Plätzen vorbei, daran sich hundert Erinnerungen für ihn knüpften, bis er zuletzt auf eine künstlich aufgeworfene Höhe gekommen war, von der aus man einen Wiesengrund übersah, eine Niederung mit Tümpeln und Wasserlachen und ein paar schmalen Sandstreifen dazwischen. Eine der Lachen hatte Zufluß aus einem Graben, und das Wasser stieg infolge davon so rasch, daß es nicht bloß die Sandstreifen, sondern zugleich auch eine hier eingenistete zahlreiche Kolonie von Feldmäusen mit Überschwemmung und Untergang bedrohte. Zu hundert und aber hundert kamen sie von links und rechts her aus ihren Löchern hervor, um sich auf eine höhergelegene Stelle hin zu retten. Aber kaum daß sie sich hier gesammelt hatten, so schoß auch schon von einer danebenstehenden und in ihrer ganzen oberen Hälfte mit Nestern überdeckten Pappel allerlei Krähenvolk auf die geflüchteten Mäuse nieder und fuhr mit ihnen als gute Beute davon.

Der alte Graf hatte sein Pferd angehalten, um dem sonderbaren Schauspiel zuzusehen. »Überall dasselbe: keine Flucht vor dem, was einmal beschlossen.«

Er ritt weiter in den Prater hinein und eine halbe Stunde später an dem Liechtensteinschen Garten vorüber heimwärts auf sein Palais zu.

Es war elf Uhr, als er hier wieder eintraf und das Pferd abgab. Er sprach mit dem Türhüter, der, wie gewöhnlich, am Eingang in das Vestibül stand, und erkundigte sich, ob die großen Topfgewächse schon angekommen seien.

»Alles da.«

»Gut. Aber ich will es doch sehen. Komm. Oder nein, bleib; Andras soll mich begleiten.«

Und er stieg in den oberen Stock hinauf, in dem für das heute stattfindende Fest alles bereits in Geschäftigkeit war.

»Es wird niemand erscheinen«, sprach er vor sich hin. »Aber ich will die Stelle doch sehen, wo Graf und Gräfin Petöfy die Saison eröffnen und ihren ersten Ball geben wollten. Und will mir auch die Palmen und sogar die Lebensbäume betrachten, die nun wohl eine Woche lang im Hause bleiben und mir dann von hier aus bei den Augustinern ihren letzten Liebesdienst leisten werden.«

Unter diesem Selbstgespräche war er eingetreten und sah auf den ersten Blick und mit besonderer Befriedigung, daß Aufstellung und Anordnung genauso waren wie letzten Winter, als Franziska zum ersten Male hier erschien. Auch die grüne Nische war wieder arrangiert, in der er damals, als die Nachricht von Gablenz' Tode kam, mit Egon und Graf Coronini gesessen und des jungen Rittmeisters unliebsam Bemerkungen so scharf zurückgewiesen hatte. Jedes seiner eigenen Worte kam ihm wieder in Erinnerung, und er lächelte: »War es eine Vorahnung? Jedenfalls ist es mir lieb, damals nicht anders gesprochen zu haben.«

Er ging vom Saal her den langen Korridor hinunter. Als er die Zimmerreihe passierte, darin Franziska jetzt wohnte, traf er Hannah.

»Ist die Gräfin zu Haus?«

»Nein. Eben fort; sie braucht noch einiges für den Abend.«

»Es ist gut so. Wenn du sie siehst, sag ihr, daß ich nach ihr gefragt. Aber vergiß es nicht.«

Er gab ihr die Hand, was ihr auffiel. Dann ging er auf sein Zimmer zu, darin Andras eben das Fenster schloß.

»Ich bin für niemand zu sprechen, Andras. Für niemand. Und diesen Brief gib an die Gräfin, wenn sie zurück ist. Und nun geh. Ich will allein sein.«

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