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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Er sah nun klar, und nur in dem einen sah er nicht klar, was zu tun sei. Sollte er sich den lächerlichen Herzog zum Muster nehmen, über den Judith in ihrem einfachen Ausspruch: »Ich find' es aber doch übertrieben«, erbarmungslos zu Gericht gesessen hatte? Nein, es ging nicht... Und überhaupt, was war denn geschehen? Es war nur geschehen, was geschehen mußte. War er nicht allezeit so stolz gewesen auf seine Kenntnis von Welt und Menschen, vor allem auch auf sein Freisein von Vorurteilen in dem, was er den natürlichen Gang der Dinge nannte? Was gab ihm jetzt ein Recht zu der Annahme, daß ihm zuliebe dieser natürliche Gang der Dinge sich in sein Gegenteil verkehren werde?

In solche Betrachtungen vertieft, die beständig zu Selbstanklagen wurden, schritt er, als er von Schwester Judith in den anderen Flügel zurückgekehrt war, auf dem Teppich seines Zimmers auf und ab. Er öffnete das Fenster und sah, während ein gedämpfter Lärm von der inneren Stadt her herüberscholl, auf die stille Straße hinunter. Ein offener Wagen, in dem ein junges Paar saß, rollte vorüber, und das Licht der Gaslaternen fiel auf eine zarte Gestalt, Mädchen oder Frau, die sich müd und glücklich an die Schulter des Geliebten lehnte.

»Sie sind jung und lieben einander. Und das ist das Natürliche. Narr, der ich war, als ich mir ein Etwas ausdachte, das halb von der Sultanin Scheherezade, aber halb auch von der heiligen Elisabeth abstammen sollte; Dame von Welt, aber auch Nonne, weiblicher Esprit fort, aber in Klausur. Im Einfachsten hab' ich mich verrechnet... Es gibt wohl Vögelchen, die winterlang das Bauer nicht verlassen und nicht fortfliegen, auch wenn ihre Gefängnistür offensteht. Gewiß. Aber wenn der Frühling gekommen ist und es draußen lockt und ruft, dann regt sich's doch, dann siegt doch der Hang und Drang im Herzen, und frei sein in der Luft hoch oben und sich jagen und schwingen und zwitschern, das ist dann mehr. Ich wußt' es wohl, aber ich vergaß es, weil ich's vergessen wollte.« So sprach er vor sich hin und trat dann vom Fenster her wieder an seinen Arbeitstisch zurück, auf dem in geschnitztem Rahmen eine Fotografie Franziskas stand. Er nahm sie von der kleinen Staffelei. »Das war damals, als wir in Riva waren; ich entsinne mich noch des Tages. Und wie klug und ruhig sie mich anblickt.«

»Aber darf sie's nicht?« unterbrach er sich plötzlich, und unter ihrem ruhigen Blicke schien ihm selber etwas wie Ruhe wiederzukommen. »Was weiß ich am Ende? Was hab' ich in Händen? Ich habe nichts als den Ring, auf den hin ich den Schwiegersohn des alten Brabantio spielen könnte. Soll ich's? Soll ich aus der Taschentuch- eine Ringszene machen und ihr statt des entsetzlichen ›the handkerchief‹ das etwas besser klingende ›the ring, the ring‹ zurufen? Es gibt hundert Ringe, hunderttausend, und der Boden, auf dem ich steh', ist recht eigentlich der Fruchtboden aller bösen Einbildungen.«

Und so fuhr er fort, seinen Verdacht geflissentlich einzulullen und alles, was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte, wieder wegzubeweisen.

In aller Frühe war er auf und fand sich pünktlich um neun Uhr beim Frühstück ein; aber Franziska fehlte noch, und statt ihrer erschien Hannah und meldete: die Gräfin ließe sich entschuldigen, auch für den Tag; aber zum Tee werde sie drüben bei Gräfin Judith sein und hoffe den Grafen dort zu treffen.

»Was ist es, Hannah?«

»Ein Fieber. Sie hat kein Auge zugetan.«

»Ein Fieber. Ist das alles? Ich finde die Gräfin seit kurzem so verändert. Was meinst du?«

»Verändert? Vielleicht... Ich weiß es nicht.«

»Ich weiß es nicht«, wiederholte der Graf, als Hannah gegangen war. Und damit brach alles, was er mühsam von sich wegbewiesen hatte, wieder über ihn herein und ließ sein ganzes Trostgebäude zusammenstürzen. »›Ich weiß es nicht‹, wahrlich, es klingt fast, als ob ich Franziska selber darum befragen solle. Soll ich es? Sie würde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf sich nehmen... Aber ach, was schwatz' ich nur! Ihre Schuld! Schuld, Schuld! Daß das häßlich anmaßliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt, daß ich es nur zu denken wage! Hab' ich ihr nicht selber im voraus den Ablaßzettel in die Hand gegeben? Bin ich nicht das Kind, das etwas wiederfordert, das es zuvor weggeschenkt hat? Bin ich nicht der Gläubiger, der bis Ultimo warten will und am dritten Tage schon nach Zahlung verlangt? Und wenn ich den Ausgang aus dem Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den, der ins Licht führt, wer ist schuld? Wer? Ich, ich allein. An mir ist es, die Konsequenzen eines falschen Exempels auf mich zu nehmen, und ich will es und werd' es.«

So stürmten Fragen und Betrachtungen auf ihn ein, aber nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: »Eine der lästigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft ist mir immer der Störenfried gewesen; ich mag seine Rolle nicht spielen. Und zudem, was ist der einzelne? Nichts. Und nun gar der einzelne, wenn er gelebt hat und seine Tage hinter ihm liegen. Es kann auch ein Glück sein, ein letztes und höchstes, dem Glück anderer die Wege zu bereiten.«

Er rief Andras, ließ sich ankleiden und ging in die Stadt, um inmitten ihres bunten Treibens den Tag zu verbringen. Er freute sich an allem und war in der Stimmung, wie jemand, der aus einer schönen Gegend scheidet und im Abschiede sich das Bild derselben noch einmal fest und warm ins Herz prägen will. Er sah in Sankt Stephan hinein, wo man eben ein Hochamt zelebrierte, ging dann den Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner, zu der das Haus Petöfy von alter Zeit her hielt. Ein paar Lichter brannten, ein Wispern und Murmeln ging, und er sah still auf die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages, des Tages seiner Vermählung, an dem er das letztemal hier gestanden hatte. Dann verließ er die Kirche wieder, nahm sein Diner, las eine Zeitung und vergnügte sich eine Weile vor der »Burg«, wo die Vorstellung eben begonnen haben mußte. Darnach ging er wieder auf sein Palais zu, denn die Stunde war nahe, wo man sich bei Schwester Judith zu versammeln pflegte.

Wirklich, Franziska war da. Sie saß neben Feßler und plauderte mit ihm in jenem neckischen Tone, der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte. Zur andern Seite hatte Graf Pejevics Platz genommen, und nur Egon fehlte, was Feßler veranlaßte, nach dem »Jüngstverwundeten der kaiserlichen Armee« zu fragen, aber zugleich auch nach dem »mitlädierten Inkulpaten, dem kleinen Ringe«, – Fragen, an die sich dann wie von selbst ein Gespräch über Ringe und Ringinschriften anschloß, zu dem jeder nach Kräften, am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte, der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositäten und Niedlichkeiten überraschte. Nur Feßler hatte geschwiegen, bis er zuletzt, nach seiner Liebingsdevise befragt, unter Lächeln bemerkte, daß es sonderbarerweise der Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei, der ihm unter allem, was er auf diesem Gebiet kenne, den nachhaltigsten Eindruck gemacht habe.

»Eines Protestanten?« fragte Judith neugierig. »Wessen?«

»Thomas Carlyles.«

»Und der Spruch selbst?«

»Entsage!«

Niemand antwortete. Nur Franziska sagte: »Wie schön!«

Und eine momentane Stille folgte.

»Kannst du's?« fragte der alte Graf leise, während er sich zu Franziska niederbeugte.

Sie sah eine Weile vor sich hin. Dann hob sie das Auge wieder und sah ihn still und ruhig an, und etwas wie Wehmut und Bitte lag in ihrem Blick.

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