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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Eine Woche später war man wieder in Wien.

Der Graf hatte noch am selben Tage, wo sein Gespräch mit Judith stattgefunden, seinen Entschluß ausgesprochen, als Reisemarschall voraufgehen und im Stadtpalais, in dem man inzwischen eine Reihe neuer Zimmer eingerichtet hatte, nach dem Rechten sehen zu wollen, in Wahrheit aber lag ihm nur daran, ein Zusammensein mit Egon in demselben Kupee zu vermeiden. Er fühlte deutlich, daß er den rechten Ton nicht treffen, auch vielleicht der ihm eigenen Neigung zu Sarkasmen nicht immer widerstehen werde, was, wenn unberechtigt, einfach beleidigen, und wenn berechtigt, als ein Auskunftsmittel in Altweibermanier erscheinen mußte. Dem einen aber wie dem andern wollt' er sich entziehen. In Wien ließen sich dann die Begegnungen einschränken, wenn sich dies, was doch immer noch in Zweifel lag, überhaupt als wünschenswert herausstellen sollte. Die Zerstreuungen der großen Stadt waren jedenfalls das beste Mittel, ihm einen freieren Blick und ein eigenes, selbständiges Urteil zurückzugeben.

Wirklich, diese Zerstreuungen übten auch ihre Wirkung auf ihn, und sie konnten es um so leichter, als sich seinem anscheinend nur oberflächlich, in Wahrheit aber scharf beobachtenden Auge nichts zeigte, was dem in seiner Seele wachgerufenen Argwohn irgendwelche Nahrung hätte bieten können. Egon, wenn er abends im Salon der alten Gräfin erschien, war ernster und schweigsamer als gewöhnlich, aber in seinem Benehmen gegen Franziska ließ sich weder eine besondere Zurückhaltung noch auch eine besondere Vertraulichkeit entdecken. Und so durft' es denn nicht wundernehmen, daß dem alten Oheim, wenn nicht ein volles Vertrauen, so doch ein gewisser seelischer Mittelzustand zurückkehrte, der gerade hoffnungsreich genug war, ihn zur Eröffnung der Saison eine musikalische Soirée mit sich anschließender Ballfestlichkeit veranstalten zu lassen, eine Reunion, zu der außer der Künstler- und Gelehrtenwelt auch alle diejenigen Personen der Aristokratie geladen worden waren, auf deren Erscheinen man mit Sicherheit rechnen durfte.

Man hatte nur noch drei Tage. Da jedoch alle Vorbereitungen längst getroffen worden, so waren gerade diese Tage freie Tage, die denn der Graf auch vorhatte, so gut altwienerisch wie möglich zu verbringen. Im Theater also. Das Gastspiel eines ausgezeichneten norddeutschen Künstlers, der zugleich ein besonderer Liebling des Grafens war, forderte noch besonders dazu auf.

»Ich habe für heute abend zu der Vorstellung unseres alten Freundes eine Loge genommen«, sagte der Graf, als er Franziska beim zweiten Frühstück begrüßte. »Wir werden ihn, nachdem wir die ›Partie Piquet‹ und leider auch die ›beiden Klingsberge‹ versäumt haben, wenigstens in einer neuen Rolle sehen.«

»Und in welcher?« fragte Franziska.

»Als Herzog von Chevreuse; ein Scribesches oder Dumassches Stück mit gleichgültigem Titel und gerade schon wieder alt genug, um als neu gelten zu können. Ich entsinne mich, es in den letzten Louis Philipp-Tagen in Paris gesehen zu haben, habe jedoch keine Ahnung mehr, was es ist.«

»Seinem Titel nach sehr wahrscheinlich eines jener französischen Memoirenstücke, die nie schlecht und nie gut sind und mir immer ein horreur waren. In meiner Erinnerung haben sie nicht bloß alle dieselbe Physiognomie, sondern auch dieselben Personen: einen König und eine Königin, eine merkwürdig naive Prinzessin, ein paar Herzöge mit pomphaften Namen einschließlich irgendeiner Maintenon oder Pompadour und dazwischen einen Perin oder Figaro, der alles einfädelt oder nasführt, oder wohl gar einen Narziß, der der ganzen Grandseigneurschaft die haarsträubendsten Sottisen sagt.«

»Schau, Fränzl«, entgegnete der Graf, der diesen Ton liebte, »du hast ja deine gute Laune wieder. Ich sehe nun, daß es Zeit war, aus unserem alten Dohlennest aufzubrechen; die Wiener Luft atmet sich doch besser und legt sich dir weicher ums Herz, nicht wahr? Ich hab' übrigens die Loge links genommen, die größere, denn ich rechne nicht bloß mit Egon, der sich angesagt hat, sondern auch mit Judith. Sie muß durchaus einmal heraus und nicht immer nur Feßler sehen und von der heiligen Genofeva hören.«

Und wirklich, die gute Gräfin, in der sich aller Frömmigkeit unerachtet doch dann und wann noch die Wienerin alter Tage regte, hatte sich bestimmen lassen, der Vorstellung beizuwohnen, und eine kleine Zeit nach Beginn derselben erschien man allerseits und nahm die Plätze: Gräfin Judith und Franziska vorn, dahinter der alte Graf samt Egon und Graf Pejevics, welcher letztere sich ihnen im Foyer erst angeschlossen und den eigenen Platz im Stiche gelassen hatte. Zu Beginn des Stückes wandte sich Franziska mehrfach um und schien, während sie Petöfy freundlich zunickte, fragen zu wollen: »Ist es nicht genau das, was ich dir im voraus erzählt habe?« Bald aber wurde sie befangen und unruhig, und als die große Szene kam, in der der alte Herzog in altfranzösischer Ritterlichkeit immer noch Worte des Vertrauens an den Galan seiner jungen und bereits in Schuld verstrickten Herzogin richtet, stieg ihr das Blut derart zu Kopf, daß es sie momentan wie Schwindel und Ohnmacht überkam. Aber es schwand wieder, und die tiefe Bewegung ihres Herzens war zuletzt doch größer als alle Furcht und Verlegenheit, und eine Träne fiel auf den Handschuh ihrer auf der Brüstung ruhenden linken Hand. Der alte Graf, in dessen Herzen der Inhalt des Stückes alle Zweifel und Bitternisse der letzten Wochen wieder lebendig werden ließ, war in kaum geringerer Erregung, aber er bezwang sich und bewahrte gute Haltung bis zuletzt.

»Es erscheint mir outriert«, sagte Judith, die nach dem Fallen des Vorhangs noch wie herkömmlich in der Loge blieb, um sich die großen Wasser draußen erst verlaufen zu lassen. »Wirklich, Adam, ich find' es übertrieben.«

»Ich auch«, lachte dieser in einer ihm plötzlich und beinah ungezwungen zurückkehrenden guten Laune. Von Grund aus nervös und allem Komischen zugänglich, entsproß ihm aus der Alltagsbetrachtung seiner Schwester eine Fülle wirklicher Heiterkeit. Im übrigen aber enthielt er sich jedes Eingehens auf das Stück und begnügte sich damit, das Spiel des Gastes, den er in anderen Rollen so hoch stellte, ziemlich scharf zu kritisieren. »Er ist doch nur groß im Genre. Das Tragische versagt ihm. Auch hätt' ich ihn seiner Maske nach eher für einen portugiesischen Granden aus der Pombalzeit als für einen französischen Grandseigneur gehalten.«

 

Einen Augenblick später erhob man sich und kehrte gemeinschaftlich in das Petöfysche Palais zurück, wo der Tee, wie gewöhnlich, im Zimmer der alten Gräfin genommen werden sollte. Feßler wartete schon der Heimkehrenden und empfing die Gräfin mit einem Scherzworte.

»Rückfall in alte Torheiten«, erwiderte diese nicht ganz frei von Verlegenheit. »Und wissen Sie, Feßler, womit mein Bruder mein Gewissen zu beschwichtigen gesucht hat? Mit dem sakrilegischen Satz: ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren.«

»Es kommt auf den Pfarrer an«, entgegnete der Liguorianer und nahm gut gelaunt und unter Verneigung gegen Graf Adam seinen Platz am Tisch, auf den eben die Kuverts gelegt und die Gläser gestellt wurden.

Das sich entspannende Gespräch behandelte natürlich den Herzog von Chevreuse, und Egon kam in die peinliche Lage, den Inhalt des Stücks vor Feßler skizzieren zu müssen. Er tat es aber in guter Haltung, und auch Franziska, die sich wieder zurechtgefunden hatte, blieb anscheinend unbefangen.

Es war nur Claret aufgestellt worden, und Egon, seit lange daran gewöhnt, im Salon der Tante den Wirt zu machen, nahm eben eine der Flaschen, um selber den Kork zu ziehen. Es gelang ihm aber, wie der Zufall eben sein Spiel treibt, nicht ohne Kraftanstrengung, und als er die Flasche wieder niedersetzte, sah die Tante, daß er an dem Ringfinger der linken Hand blutete.

»Was hast du?« fragte die Gräfin.

Und es stellte sich nun heraus, daß ein kleines, dünnes Ringelchen, das er halbversteckt unter einem großen Türkisring trug, infolge der Anstrengung zerbrochen und mit einer seiner Spitzen ihm in das Fleisch eingedrungen war. Er zog das Ringelchen ab und schob es, so gut es ging, auf den Ringfinger der andern Hand, der Oheim aber erkannte sofort, daß es der kleine Ring mit dem Emaillevergißmeinnicht war, der damals in Franziskas Zimmer an dem Schmuckständerchen gehangen und ihn um seiner Einfachheit willen so sehr frappiert hatte.

»Wie du nur blutest«, sagte er, während er noch immer auf den Ring sah. »Und solch Ringelchen! Man sollte nicht glauben, daß es so tief verletzen könne. Wo stammt es nur her? Alles in allem kann es weder aus den Kronjuwelen der Petöfys noch aus denen der Aspergs kommen.«

»Ich trag' ihn noch von der école militaire her«, stotterte Egon. »Es war unser Verbindungszeichen.«

»Ah, Verbindungszeichen. Wohl, wohl; das gewöhnliche Los der Ringe. Nun, hoffentlich nichts Hochverräterisches. Unter allen Umständen aber nehmt euch in acht, ihr jungen Leute. Wir sind noch nicht so heraus aus der alten Zeit, als manche glauben; es findet sich immer noch mal ein Spitzel, der uns auf die Finger sieht.«

Und damit kehrte das Gespräch auf allerlei Theaterdinge zurück.

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