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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Einunddreißigstes Kapitel

Der Graf war spätabends, wie sein Telegramm gemeldet, wieder auf Schloß Arpa eingetroffen, aber erst am andern Morgen begrüßte man sich. Er war sehr heiter und aufgeräumt und erzählte von allerlei Zwischenfällen. Ein feiner Sinn für das Komische, der ihn auszeichnete, gab all seinen Schilderungen Kolorit und Leben.

»Aber nun will ich wissen«, fuhr er fort, »was inzwischen hier vorgegangen ist, hier und draußen in der Welt. Denn ich habe seit vier Tagen kein Zeitungsblatt in der Hand gehabt und weiß nicht einmal, ob Gambetta mittlerweile seine Revanche genommen hat oder nicht. Ich vermute, nicht, aber es wäre mir lieb, die Bestätigung zu hören. Und zwar möcht' ich sie, wenn es sein kann, von Schwester Judith hören. Ja, Judith soll lesen, hält sie doch ohnehin seit einer Viertelstunde das Zeitungsblatt in der Hand und wartet darauf, daß ich schweigen soll. Ich habe mich zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht stören lassen, aber doch beständig gefühlt, daß sie mit ihrer Ungeduld und ihrer Trauermiene meinem ganzen Gruzer Komitatsvortrage das Mark ausgezogen hat. So denn zur Strafe, Judith, lies und fange mit Frankreich an. Es ist immer noch das Interessanteste. Selbst ihr Gezänk ist voller Leben.«

Er sprach weiter und schien es mit seinem Verlangen, etwas aus der Welt hören zu wollen, nicht allzu dringlich gemeint zu haben. Endlich aber entsann er sich wieder und sagte: »Nun, was hast du gefunden? Gib uns die Quintessenz.«

»Ich habe nichts gefunden, Adam. All diese Zänkereien, die dich interessieren, interessieren mich nicht, und was mich wiederum interessiert, das sind Anekdoten und Notizen, über die du spöttisch hingehst.«

»Es käme doch auf einen Versuch an. Ich bin schließlich auch der Mann der Anekdote.«

»Nun denn, im Hospitale zu Charenton, so berichtet hier die ›Augsburgerin‹, ist hundertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben, den man allgemein den Glasmenschen nannte.«

»Sonderbar. Ein l'homme de fer ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo vorgestellt worden, ich glaub' in Straßburg. Aber ein l'homme de verre ist mir neu. Warum hieß er so?«

»Weil er sich selber einbildete, von Glas zu sein.«

»Also durchsichtig?«

»Ja.«

»Sagt die Notiz nichts weiter? Du bist so einsilbig, Judith. Ich möchte mehr wissen. Wie verbracht' er sein Leben?«

»Er lebte korrekt.«

»Nur in der Ordnung. Wer von Glas ist, hat die Verpflichtung, korrekt zu leben; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolliert werden. Was meinst du, Franziska?«

Diese senkte den Blick, überwand sich aber und sagte: »Die Seele, mein' ich, bleibt unsichtbar.«

»Ja, die Seele. Aber es wäre schon immer was, das Herz arbeiten zu sehen.«

»Es ist das so nötig nicht«, sagte Judith. »Alles hat seinen Widerschein, und auch das Herz spiegelt sich. Wir sind alle viel mehr Glasmenschen, als du glaubst, Bruder. Und es ist schließlich auch ein Glück, daß es so ist.«

»Aber ein größeres noch, daß es als Regel nicht so ist. Nur der Irrtum ist das Leben.«

»Oder die Wahrheit.«

»Ach, die Wahrheit? Glaube mir, Judith, die Welt bleibt ewig in der alten Pilatusfrage stecken.«

Egon, als dies Gespräch schwieg, trat auf die Veranda. Dann kam er zurück und entschuldigte sich für den Tag, er habe eine Verabredung; Fasanenjagd mit Szabô. Nach ihm erhob sich auch Franziska, der der Boden unter den Füßen brannte. War dies alles Zufall, oder war es mehr? Sie ging auf ihr Zimmer, froh, aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein.

Nur Graf Adam und Gräfin Judith blieben, jeder anscheinend in seine Lektüre vertieft. Aber die Gräfin war es nicht, und als eine kleine Weile vergangen war, legte sie die Zeitung nieder und sagte: »Hast du noch nicht an Aufbruch gedacht, Adam? Ich meine, nach Wien. Die Tage werden kurz...«

»Und dir zu lang«, unterbrach der Graf. »Der kleine Mann unten ist freilich kein Pater Feßler; aber Pardon, Judith, so steht nicht jeder zu dieser Sache. Was sollen wir jetzt in Wien? Es ist noch um einen Monat zu früh, und verlängern wir die Saison um diese vier Herbstwochen, so nehmen die Frühjahrswochen kein Ende. Zudem bin ich einigermaßen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem zweiten Dezember in Wien ein. Also wenn du willst, auch ein Mann des zweiten Dezember.«

»Ich würde mich nie so nennen, Adam, auch im Scherz nicht. Und nun gar du, der im Aberglauben steckt. Aber was ich dir sagen wollte: du verfällst zu sehr in deinen alten Fehler.«

»Und der nennt sich?«

»Ein liebenswürdiger Egoist zu sein. Ehedem durftest du das. Aber du bist heute nicht mehr der, der du vor einem Jahr warst, und hast heute kein Recht mehr, so bon gré mal gré von deinem gewohnheitsmäßigen zweiten Dezember zu sprechen.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Oh, du verstehst mich sehr gut; ich seh' es an dem Zucken um deinen Mund. Aber ich kann alles, was ich zu sagen habe, dir schließlich in einem einzigen Worte sagen, und dies eine Wort ist ein Name.«

»Hat sie geklagt?«

»Mit keiner Miene; solche Naturen klagen nicht. Aber ob sie nun geklagt hat oder nicht, das bleibt bestehen: du mutest ihr mehr zu, als sie tragen kann. Und wenn ich vorher von Wien sprach und von unserer Abreise dahin, so heißt das einfach: sie muß aus dieser Einsamkeit heraus.«

»Einsamkeit. Was heißt Einsamkeit? Ich hab' es in ihre Wahl gestellt, ob sie Besuch haben wolle oder nicht, und hab' ihr beispielsweise von Phemi gesprochen. Sie hat es aber abgelehnt. Das war, ehe ihr kamt, ja, ehe wir wußten, daß ihr kommen würdet. Nun seid ihr seit einem Monat hier, und jeder Tag ist so bunt wie das Laub im Park draußen und so plapperhaft wie ein Elsternest. Ist das Einsamkeit? Du bist hier, Egon ist hier, und zum Überfluß et pour combler le bonheur sorgt auch noch der Himmel für entführte Kinder, für Schiffbruch und Abenteuer.«

»Ebendeshalb«, unterbrach hier die Gräfin und verließ langsam das Zimmer. Es war fast, als ob sie darauf gerechnet habe, von ihm zurückgerufen zu werden.

Aber seine Verwirrung war zu groß, so groß, daß er in Schweigen verharrte. Sein Auge rötete sich, wie es stets geschah, wenn ihn ein Gegenstand erregte; dann warf er die Zigarette durch die Balkontür, nahm ein Buch, das auf dem Nebentische lag, und blätterte mit dem Finger über den Rand hin, wie man über ein Spiel Karten fährt. Er war bis ans Tiefste getroffen. Aber seine vertrauensselige Natur überwand es wieder, und indem er eine Spalte der Zeitung, aus der Judith vorgelesen hatte, mit dem Auge durchlief, ohne sich im geringsten um den Inhalt zu kümmern, sprach er vor sich hin: »Es ist Judith, wie sie leibt und lebt, und ich werde sie nicht ändern. Die hellste Seele von der Welt und dabei passionierte Schwarzseherin. Überall geheimnist sie was hinein. Das hat sie sich von den Pfaffen angenommen, die sich nichts vorstellen können ohne Dunkel, Komplott und Intrigue. Welche Widersprüche leben doch in unserer Natur; sie selbst hat nie den kleinsten Höllenfaden gesponnen, und wenn der Himmel der Hölle Preis wäre, sie würde diesen Faden nicht spinnen können. Aber weil sie von Jugend auf gehört hat, es gebe dergleichen in der Welt, so sieht sie's nun überall. Übrigens ist es leicht, Rat zu schaffen. Egon hat sich eben verabschiedet, und so paßt es für heute nicht; aber was heute nicht paßt, paßt morgen, und morgen mit dem frühesten werd' ich ihn stellen und ihm rundheraus erzählen, was der Tante Judith auf der Seele brennt.«

Er wiegte sich, als er so sann, in dem Schaukelstuhl hin und her und ging dabei das Gespräch, das er mit Judith gehabt hatte, noch einmal durch. »Wie verlief es doch? Ich hatte von Egon gesprochen. Aber Egon war nicht das letzte Wort... Schiffbruch und Abenteuer sagte ich, und dann antwortete sie: ›Ebendeshalb‹.«

Er sprang auf und schlug sich vor die Stirn. »Wenn...« Aber er wurde seiner Erregung abermals Herr. »Unsinn! Es ist Judith, c'est tout. Woher will sie's wissen. Als ob sie mit im Boot oder wohl gar mit in dem räucherigen Fährhaus gewesen wäre. Sie braucht Geschichten und macht sie sich, das ist alles, und am Ende, warum nicht? Die Menschen machen sich ihre Götter, warum sollen sie sich nicht auch ihre Geschichten machen? Bedürfnis und Angebot, das alte Lied. Übrigens freu' ich mich auf das Gesicht, das Egon...«

In diesem Augenblicke trat Andras ein, um den Frühstückstisch abzuräumen. »Der weiß es«, schoß es dem Grafen durch den Kopf, und ehe er noch einen bestimmten Plan fassen oder zu reiferer Überlegung kommen konnte, fuhr es schon aus ihm heraus: »Andras, mein Junge, ich habe dich so gut wie noch nicht gesehen, seit du mit auf dem See warst. Hast dich tapfer und brav gehalten, hat mir die Gräfin erzählt, und Graf Egon...«

Der Junge lächelte.

»Sieh, das hör' ich gern, Andras, und du kannst dir auch etwas wünschen, jetzt gleich, oder wenn du mal groß bist und eine Braut hast, hier oder in Wien. Aber hübsch muß sie sein, hörst du! Bist ja selber ein hübscher Jung'. Und dann heiratest du sie...«

»Will nicht, Graf.«

»Will nicht. Was heißt, will nicht? Du wirst schon wollen. Und dann kommen wir alle zu deiner Hochzeit, ich und die Gräfin und Graf Egon. Ja, die Gräfin und der Graf Egon auch; die gehören ja jetzt zusammen, weil sie zusammen in dem Boot und in der Gefahr waren. Und Gefahr schließt die Menschen zusammen, das weiß ich... Und du hast nichts auf dem Herzen? Und hast mir nichts zu sagen, Andras?«

»Nein, Herr.«

»Und weißt nichts?«

»Nein, Herr.«

»Und willst auch nichts wissen?«

Andras hatte sein »Nein, Herr« schon ein drittesmal auf der Zunge, besann sich aber rasch und sagte, während er sich vor dem Grafen aufrichtete: »Was, Herr?«

In dem Tone lag etwas, was den Grafen beschämte.

»Nichts«, sagte dieser ruhiger. »Es ist gut so. Wir gehen in dieser Woche noch nach Wien. Und du mit.«

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