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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Dreißigstes Kapitel

Eintönig waren die drei Tage vergangen; Egon und Franziska mieden sich und trafen sich nur bei Tisch und beim Tee, und während der Stunden, wo sonst lebhaft geplaudert zu werden pflegte, war es jetzt still, als ob man sich nichts zu sagen habe. Judith hatte dessen am ersten Tage nicht acht, am zweiten aber bemerkte sie's, und am dritten sprach sie's unumwunden aus. Nun besannen sich Egon und Franziska wieder und nahmen ein Gespräch auf, lebhaft, pointiert und überhaupt anscheinend wie früher. Aber es lachte niemand. Die Worte, die gewechselt wurden, entbehrten aller Unbefangenheit.

Am vierten Tage früh kam ein Telegramm aus Gruz, worin der Graf meldete, daß er statt am Vormittage, wie gewollt, erst spät am Abend eintreffen werde.

Das Blatt ging von Hand zu Hand, ohne daß eine Bemerkung gemacht worden wäre; dann aber zog sich Franziska zurück und sah, oben in ihrem Zimmer angekommen, in das Kaminfeuer, das lustig flackerte. Hannah erschien aus dem Nebenzimmer, um ein Scheit aufzulegen, eigentlich aber, weil sie sah, daß ihre Herrin und Freundin bedrückt war und sprechen wollte.

»Setze dich auf das Kissen hier«, sagte Franziska nach einer Weile. »So; hier. Und nun bleib und erzähle mir etwas Hübsches, etwas Freundliches, etwas Trostreiches. Ich brauch' es so sehr. Ich habe Sehnsucht nach Wien, nach Welt und Menschen und wollte, wir wären erst fort von hier.«

»Ich wollt' es auch, aber glaubst du, daß es hilft?«

»Was?«

»Daß wir hier fortgehen. Ich meine, Fränzl, es muß hier anfangen.« Und dabei wies sie mit dem Finger auf Franziskas Herz.

Diese schwieg und sah vor sich hin.

»Ja, Fränzl, du mußt wieder einen Willen haben; konntest dich doch sonst bezwingen. Aber die langen Regentage sind schuld, da fing es an. Und das zweite war, daß sie die Marischka wegstahlen, und das dritte, daß das Dampfschiff fort war. Ach, an derlei hängt es immer, und in so kleine Haken hakt der Teufel am liebsten ein. Ich sorge mich jetzt vor dem, was kommt. Denn sieh dich vor, Fränzl, ich versteh' mich auf Augen, und ein so gutes Herz er hat, so heißes Blut hat er. Er ist ein Feuertopf, und fällt erst mal ein Funke hinein, so haben wir ein Geprassel und einen Krach und Knall. Ich beschwöre dich, hast du mir nichts zu sagen, nicht ein kleines Wort, das mich beruhigen könnte?«

Franziska schüttelte den Kopf.

»Fränzl, Gräfin«, fuhr Hannah fort, »ich begreife dich nicht. Du weißt, ich war damals dagegen, in Öslau schon und dann in Wien. Aber als du's durchaus wolltest, da begab ich mich und dachte bei mir: ›Nun, sie muß es am Ende wissen, was ihr Herz kann und nicht kann.‹ Und du berühmtest dich auch. Und nun endet es so. Bezwinge dich und denke, du bist noch jung. Ich will dich nicht mit Tugendrederei quälen; ach Gott, Tugend! Aber sei klug und bedenke, was Phemi dir immer sagte. ›Bis dreißig ist es nichts.‹ Und sieh, ehe du dreißig bist, bis dahin ist noch lang und ändert sich vielleicht viel. Du mußt nur warten können.«

»Ich glaube wohl, daß du recht hast, Hannah, aber es ist nun einfach zu spät. Und dann, dann... Aber ich will mich nicht bergen und flüchten dahinter; es wäre kleinlich und unedel gegen ihn und vielleicht Schlimmeres noch. Also lassen wir's. Ich fühle meine Schwäche, mein Unrecht, und ich bekenne mich dazu.«

 

Als Hannah und Franziska so sprachen, war Egon erst in den Park und dann über die breite Dorfwiese fort in die Berge gegangen. Heute zu Fuß.

Es war derselbe Weg, den er in den ersten Wochen seiner Anwesenheit fast alltäglich mit Franziska gemacht und auf dem ihm das Gespräch über den Entführungsroman in der Devavianyschen Familie zum erstenmal einen bestimmten Blick in Franziskas leidenschaftliche Natur gegönnt hatte. Hoch oben, am Waldsaume hin, lag Tannen- und Birkenholz in Klaftern aufgeschichtet, und müde vom Steigen nahm er auf einer dieser Klaftern Platz. Er sah vor sich hin, zeichnete Figuren in den Sand und überdachte seine Lage.

»Was tun? Ich habe nur zwei Wege; weiter treiben oder Rückzug. Und der eine Weg ist um nichts besser als der andere. Weiter treiben und auf Geheimnis hoffen – eine Hoffnung, die jedesmal trügt. Denn alles dunkel Verschwiegene wächst sich ans Licht, heut' oder morgen. Also Rückzug oder, was dasselbe sagen will: Rückfall in die Gewissenhaftigkeit, in eine Gewissenhaftigkeit, an die niemand glaubt und am wenigsten die, der man damit zu sagen scheint: ›Ich bin gewissenhafter als du.‹ Die Weiber haben das Rückzugsrecht, nicht wir. Unser Rückzug ist allemal Erkühlung oder Feigheit oder Überdruß. Oder wird doch so gedeutet. Also nur weiter! Wer ehrlich sein will, muß mit Ehrlichkeit anfangen.«

Der Weg, auf dem er gegangen war und auf den er jetzt von der Höhe her zurücksah, lief wie ein Faden zwischen den Waldwiesen hin, und ein Wässerchen, das halb in Binsen stand, schlängelte sich nebenher. In den Binsen aber ging der Wind, denn seit dem Sturm auf dem See war wieder ein Wetterumschlag eingetreten, und grauschwarze Wolken, aus denen dann und wann ein Regenschauer niederfiel, zogen endlos vom Gebirg her über das Schloß hin. Auch in diesem Augenblicke wieder lag der Glockenturm in solchem Gewölk, und ein fahler Lichtschein, der von der entgegengesetzten Seite her auf die graue Wand fiel, steigerte nur das Unheimliche des Anblicks. Um ihn her die Stelle, wo das Holz aufgeklaftert lag, war windgeschützt, aber aus dem Walde kam dann und wann ein Luftstrom und schüttelte von dem überhängenden Gezweig einige Tropfen auf ihn nieder. Alles in Nähe und Ferne war wie in eine große Trübe gekleidet.

Er erhob sich endlich, um seinen Rückzug anzutreten, wollte jedoch den Schlängelpfad, auf dem er gekommen war, nicht wieder einschlagen und zog es vor, weglos über eine den steilen Abhang bedeckende Wiese hinabzusteigen. Diese Wiese war aber glatter und abschüssiger, als er dachte, so daß er sich, um nicht auszugleiten, an allerlei Gebüsch, Weißdorn und Hagrosen, festhalten mußte, die den ganzen Abhang hinauf und hinab gepflanzt waren oder auch wohl sich selber gepflanzt hatten. An einem dieser Büsche blühte noch eine verspätete Rose; die brach er und nahm sie mit sich, einen Augenblick von der Hoffnung und fast auch von dem Glauben erfüllt, ein Unterpfand künftigen Glücks in ihr empfangen zu haben.

Aber welches war das Glück?

Und nun sprang er über den Binsenbach fort und hielt wieder die große Straße, bis er zuletzt an ein tieferes Wasser kam, das an seinem Uferrande von Werft und Weiden überwachsen war. Es hieß, daß erst ganz vor kurzem einer an dieser Stelle gefunden worden sei, halb verschlammt und begraben und nur die rechte Hand ausgestreckt nach dem niederhängenden Gezweig. Und keiner wußte, war es Untat oder ein Unglück.

In weitem Bogen ging er um das verschlammte Wasser herum, aber als er's im Rücken hatte, war ihm doch, als folg' ihm wer.

Er blieb stehen, da stand der andere auch.

Und es überlief ihn eiskalt.

Erst nach einer Weile nahm er wahr, daß es der Widerhall seiner eigenen Schritte gewesen, was er unheimlich und gespenstisch neben und hinter sich gehabt hatte.

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