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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Die Insel, darauf das Boot aufgelaufen war, lag nur in geringer Entfernung vom Ostufer des Sees, so daß, als der Sturm eine Stunde später nachgelassen hatte, von seiten Egons beschlossen werden konnte, Botschaft an den alten Grafen zu senden. Ein zwölfjähriger Junge, der den See wie sein Vaterunser kannte, war auch zu der Botschaft bereit, setzte glücklich über und traf um zwei Uhr nachts auf dem Schloß oben ein. Er fand noch alle wach und übergab an Graf Adam einen Zettel, den Egon geschrieben hatte. Dieser lautete: »Gerettet. Franziska matt und erschöpft. Bei Tagesanbruch fahren wir mit der Fähre bis Szent Görgey, wo wir einen Wagen erwarten. Egon.«

Der Graf, als er gelesen, gab den Zettel an Judith. Diese war in äußerster Erregung, sah in allem nur Wunder und Gebetserhörung und versprach, eine Kirchenschenkung zu machen, während ihr Bruder das Rettungswunder auf die zwei Bootsleute schob und sich dahin entschied, es diesen zugute kommen zu lassen.

»Im übrigen«, schloß er, »da wir nun Egon und Franziska geborgen wissen, wollen wir auch uns selber bergen. Etwas Schlaf ist immer gut, es fehlt uns sonst an Kraft, uns morgen unserer Geretteten zu freuen. Denn eine Freude mit müden Augen ist nur halbe Freude. Also gute Nacht.«

Am anderen Morgen regte sich bis zu verhältnismäßig später Stunde nichts im Schloß, und zehn Uhr war längst vorüber, als man sich endlich beim Frühstück traf und nach voraufgegangener herzlicher Begrüßung an ein Fragen und Erzählen ging.

Franziska hatte das Wort und sprach lebhaft und anziehend, aber obschon sie hinter ihrem Erzählerrenommee nicht eigentlich zurückblieb, so blieb doch vieles in ihrem Vortrage dunkel und lückenhaft und gewann erst wieder Leben und Unbefangenheit, als sie mit gewohnter Vorliebe für die Kleinmalerei zur Schilderung des Fährhauses und seiner Insassen überging. Alle Geschichten ihrer Kindertage seien ihr in demselben Augenblick wieder lebendig geworden, wo sie sich beim Erwachen aus ihrer Ohnmacht in dem aus Feldstein und Rasenstücken aufgebauten Fährhause mitsamt der alten Fährhaushexe vorgefunden habe. Wirklich, alles sei halb Märchen, halb Walter Scott gewesen. Aber kein Kaffee der Welt hab' ihr je so geschmeckt wie dieser Fährhaus- und Hexenkaffee, was schließlich auch wieder nicht zu verwundern und jedenfalls kein Mirakel sei. Denn die Lage, darin man sich gerade befinde, bestimme nicht nur unser Tun, sondern auch unseren Geschmack, und während ihr, um nur ein Beispiel zu geben, bis dahin Blak und Torfqualm der Inbegriff alles Lästigen und Widerlichen gewesen sei, denke sie jetzt mit Dankbarkeit an die Blak- und Torfqualmwolke zurück, aus der ihr in ebendieser Fährhütte das Leben neu niedergestiegen sei.

»Das Glück kommt immer in der Wolke«, lachte der alte Graf, »und wer es nicht aus der Mythologie weiß, nun, der weiß es aus den Bildergalerien. Und du darfst darüber nicht verlegen werden, Franziska, denn ich wage die Behauptung und erhebe sie hiermit zum Dogma: ›Alles, was noch gemalt werden kann, ist auch noch salonfähig.‹ Und dabei bleibt es, auch wenn Schwester Judith mir Blicke zuwirft, als ob sie den großen Bann über mich verhängen wolle. Sie vergißt eben ganz und gar, daß wir dem frohen Ereignis, das sich zugetragen, auch ein Dankopfer zu bringen haben, und das meine besteht in etwas Übermut und guter Laune. Jeder nach seinen Kräften. Judith freilich wird auf der Rettungsinsel lieber eine Kapelle bauen und eine heilige Franziska darin aufstellen lassen, immer vorausgesetzt, daß es eine solche gibt. Vorläufig aber stell' ich ernstlich zur Frage: Wer fährt mit? In einer Stunde nämlich muß ich auf drei Tage zur Gerichtssitzung nach Gruz, diesem verdammtesten aller verdammten Nester, das keinen Pflasterstein und auf tausend Mäuler in Bausch und Bogen dreitausend Rüssel hat. Eins zu drei. Aber was sag' ich, eins zu drei? Wer eine Gerichtssitzung mitmacht, der rechnet sich noch ganz andere Prozentsätze heraus. Doch das beiseite. Was meint ihr, Egon, Franziska? Ihr könntet mich bis Mihalifalva begleiten und mir bei der Gelegenheit als erste Wallfahrer eure Rettungsinsel zeigen.«

Egon und Franziska schwiegen unschlüssig, Judith aber war mit großer Entschiedenheit dagegen. Es sei besser, des jüngstvergangenen in Andacht und Stille zu gedenken, als spöttisch und persiflierend aus dem Inselchen eine Pilgerstätte zu machen.

Der Graf lachte, war es aber zufrieden und brach allein auf, um an dem so wenig schmeichelhaft von ihm geschilderten Komitatsort einer dreitägigen Gerichtssitzung beizuwohnen.

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