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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Es schlug eben sechs in den umliegenden Dörfern, als Egon und Franziska, nur von Andras begleitet, auf Nagy-Vasar zuritten. Was sie nach rechts und links vor sich hatten, waren Äcker und Wiesen, und nur dann und wann unterbrach ein mit Tannen untermischtes Birkengehölz die sich bis an den See hin dehnende Plaine. Der Weg konnte keine halbe Stunde mehr sein, und so mußten sie das um sieben Uhr abgehende Boot noch bei guter Zeit erreichen, auch wenn sie nur Schritt ritten.

Aber gleich das erste Gehölz, das sie zu passieren hatten, gab ihnen einen Aufenthalt, indem sie ziemlich in der Mitte desselben einen Feuerschein zwischen den Bäumen wahrnahmen und allerlei Stimmen zu hören glaubten. Es schien ein Streit.

»Wir müssen hinein und sehen, was es ist«, rief Egon, sein Pferd rasch herumwerfend, während ihm Andras und Franziska durch die weißen Birkenstämme hin folgten. Aber sie fanden nichts und kehrten endlich nach längerem Suchen auf die große Straße zurück.

»Ich hoffte schon«, sagte Egon, »daß wir dem Toldy noch ein zweites, ein Pflegekind mitbringen könnten.«

»Dessen er sich in dem Glück über das eigene Kind auch wahrscheinlich gefreut haben würde.«

»Ganz unzweifelhaft. Denn zu den vielen Unerklärlichkeiten des Daseins gehört auch die, woher die gewöhnlichen Leute, die sogenannten Enterbten der Gesellschaft, ihre Zärtlichkeit nehmen.«

»Ich dächte daher, woher andere sie gemeinhin auch nehmen oder doch nehmen sollten, aus dem Herzen.«

»Gewiß. Aber wo die Not des Lebens nicht bloß mitspricht, sondern oft geradezu mitschreit, erscheint es mir immer rätselhaft, daß die Stimme des Herzens überhaupt noch gehört wird. Eine meistens doch nur leise Stimme.«

»Warum leise? Sie kann auch laut sein. Aber freilich, ich wundere mich nicht, Sie diese Sprache führen zu hören. War ihnen doch die ganze Suche von Anfang an nur ein Sport.«

Egon biß sich auf die Lippen und sagte mit einem Tone, darin eine gewisse Schärfe lag: »Vielleicht.« Aber rasch wieder einlenkend, fuhr er fort: »Ich begreife Sie nicht, Franziska. Welche Vorwürfe! Sie werden sich doch, Pardon, nicht auf das Gefühlvolle hin inszenieren wollen! Gerade Sie. Das ist ganz unmöglich. Ich möchte nicht gern über diesen Punkt eine Meinungsverschiedenheit oder auch nur Unklarheit zwischen uns herrschen sehen, und so lassen Sie mich Ihnen denn sagen, daß es in meinen Augen nichts Trivialeres gibt als Sentimentalitäten. Und darin, denk' ich, stimmen wir zusammen. Ich gönne dem Gesamthause Toldy sein Glück und sein Geschluchze, denn alle diese Menschen, die Weiber natürlich vorauf, haben eine merkwürdige Gabe, zu jeder ihnen beliebigen Zeit in einem Strom von Tränen ausbrechen zu können, aber offen gestanden, ich habe kein Vertrauen zu der Aufrichtigkeit und noch viel, viel weniger zu der Tiefe solcher Gefühlsefferveszenz.«

»Efferveszenz!« wiederholte sie. »Welche Welt von Gleichgültigkeit drückt sich in diesem einen Fremdwort aus! Und diese Gleichgültigkeit haben Sie für das Höchste. Denn das ist es, wenigstens unter den irdischen Dingen. Ich kenne diese Leute, diese sogenannten ›Enterbten‹, und wenn ich mir nun ausmale, wie der alte Toldy das Kind in die Höhe hebt und es küßt und umhalst, und wie's dann reihum geht und jeder es halten und wieder haben will, so wird es mir heiß und kalt ums Herz, und ich beklage geradezu, nicht Zeuge davon sein zu können. Wie leer ist anderer Leben dagegen!«

»Anderer?

»Oder sagen wir unser, Ihres, meines. Ich habe nicht gelernt, aus meinem Herzen ein Geheimnis zu machen, und will es auch als Gräfin Petöfy nicht lernen.«

»Ich erkenne Sie nicht wieder, Franziska.«

»Weil Sie mich nie gekannt haben... Aber wir werden uns in Trab setzen müssen, Egon, oder wir verfehlen das Schiff.«

Andras wurde herangerufen, um über die beste Richtung Auskunft zu geben, ehe er aber noch antworten konnte, hörten alle drei schon das erste Läuten vom Dampfschiff her. »Allez!« und in einer raschen Gangart ging es jetzt über einen Feldweg und gleich darnach in schräger Richtung über eine Wiese hin, um mit Hilfe dieser Schräglinie die Hälfte des Weges abzuschneiden. Aber in der Mitte der Wiese war eine Sumpfstrecke, darin die Pferde so tief einsanken, daß sie kehrtmachen und die Hauptstraße wieder aufsuchen mußten.

Endlich trotz alledem hatten sie Nagy-Vasar erreicht und jagten nun, um das Versäumte wieder einzuholen, die lange winkelige Gasse hinauf auf den See zu, von woher eben das dritte Läuten herüberklang. Aber ehe sie noch die letzte Biegung gemacht hatten, löste sich das Schiff schon vom Bollwerk und war bereits in voller Fahrt, als sie die Landungsbrücke zwei Minuten zu spät erreichten. Andras, im ganzen Stolz eines gräflichen Dieners, rief dem Kapitän ein ziemlich befehlshaberisches »Halt!« nach und erwartete nicht anders, als daß der Respekt vor seinem Grafen allerhand Wunder wirken werde. Dies Wunder aber blieb aus, da Kapitän und Schiffsleute weder Egon noch Franziska erkannten, und so setzte das Boot denn seine Fahrt ruhig fort, während sich das an der Anlegestelle herumstehende Volk seiner kleinen Schadenfreude hingab und kicherte.

»Que faire?« fragte Egon, der sich rasch vom Pferde geschwungen hatte. »Wir werden uns in der nächsten Schenke wohl oder übel einquartieren oder vielleicht besser noch bis Mihalifalva reiten müssen. Da finden wir etwas, das einem Gasthof ähnlich sieht.«

Auch Franziska war aus dem Sattel gestiegen. »Ich denke, wir nehmen ein Segelboot und versuchen es mit einer Fahrt über den See... Sagt, Leute, wie lange fahren wir bis Szegenihaza?«

Diese Frage hatte sie an eine Gruppe von Personen gerichtet, die bis dahin in dem Ausdruck ihrer Schadenfreude voran gewesen waren, jetzt aber bei der Aussicht auf Lohn und Verdienst mit einem Male sehr ernst und respektvoll wurden.

»Zwei Stunden«, sagte der eine. »Drei«, verbesserte der andere. So ging es hin und her, bis man sich dahin einigte, daß es in dritthalb Stunden zu machen sei, wenn man ein kleines, leichtes Boot, ein Segel und zwei gute Ruderer nähme. Der Wind sei nicht günstig, Südwest, und die Sterne zögen immer heller herauf.

Alles Volk, das zur Hand war, war dann auch sofort bereit, ein auf den Strand gezogenes Boot wieder flottzumachen, Egon aber nahm Franziskas Hand und sagte: »Franziska, Sie nehmen die Sache von der romantischen Seite. Fast ist es, als trügen Sie Verlangen nach einem Abenteuer. Aber erinnern Sie sich, daß Abenteuer und Gefahr Geschwisterkinder sind. Ich habe manches von diesem See gehört und muß Ihnen sagen, daß Sie beides haben können, Abenteuer und Gefahr.«

»Beides?« scherzte sie. »Nun, dann um so besser. Übrigens vergessen Sie, daß ich aus einer Seestadt bin. Und weil ich es bin, weiß ich mit aller nur möglichen Sicherheit, daß es gerad umgekehrt liegt und daß keine Gefahr im Anzug ist. Schiffersleute sind die sorglichsten und beinahe ängstlichsten Leute von der Welt, und wenn ein Bootführer mir sagt: ›Heute fahr' ich‹, so fahr' ich mit ihm, wohin er will, und wenn es in einer Nußschale wäre.«

»Gut, ich bin es zufrieden. Unter allen Umständen würd' es mir schlecht anstehen, noch weiter abmahnen zu wollen. Also wir fahren!«

Andras hatte, während dies Gespräch geführt wurde, die drei Pferde bei dem Schenkwirt untergebracht. Als er zurückkam, schwamm das Boot schon, und abermals eine Minute später löste sich's unter den Zurufen der Menge von dem Brückenpfahl ab, an dem man es kurz vor dem Einsteigen zu größerer Bequemlichkeit angekettet hatte. Jeder hatte seinen Platz: Andras am Steuer, Egon und Franziska dicht vor ihm; von den beiden Schiffsleuten aber, denen man sich anvertraut hatte, hielt der eine die Segelleine, während der andere bequem ausgestreckt am Boden lag und seinen wollhaarigen Mohrenkopf gegen die Kielspitze lehnte. Nichtsdestoweniger war er ersichtlich die Hauptperson und gab durch kurze Bewegungen mit seiner Stummelpfeife dem gegenübersitzenden Andras an, ob er mehr nach rechts oder nach links hin steuern solle.

Die Fahrt war entzückend, keine Welle ging, und Egon und Franziska, die den Blick auf den anscheinend in endloser Ausdehnung vor ihnen liegenden See frei hatten, konnten noch eine Zeitlang die durchglühte Rauchwolke des ihnen vorausfahrenden Dampfschiffs erkennen. Endlich aber schwanden Schiff und Glutschein, und vom Licht war nichts mehr sichtbar als die Pünktchen in den Hüttenfenstern am Ufer. Andras begann ein Lied, unsicher erst und befangen; als aber gleich darnach ein Gegenpart am Kiel und wieder einen Augenblick später auch der Mann am Segel einzufallen und Egon im Takte Bravo zu klatschen begann, wurde das Singen immer kräftiger und voller und klang melodisch in die Nacht hinein.

Egon nahm Franziskas Hand und sagte: »Wie schön!«

»Romantisch«, neckte diese. »Zuletzt behalt' ich doch recht mit unserer Fahrt.«

Aber immer einsamer ward es. Die letzten Lichtfünkchen am Ufer erloschen, und nur die Sterne glühten noch über ihnen.

So war eine Stunde wohl vergangen, und sie mußten eben den Punkt erreicht haben, wo zwischen zwei Bergmassen das Wetterloch und sehr wahrscheinlich infolge beständig kreisender Luftströmungen eine von den Schiffen gefürchtete Trichterbewegung, ein Strudel, auf dem See war. Egon wußte von diesen Strudeln und ihrer Gefahr, aber auch wenn er nicht davon gewußt hätte, würd' ihn die plötzlich veränderte Haltung der beiden Bootsleute darauf aufmerksam gemacht haben. Der jüngere, der bis dahin die Segelleine gehalten hatte, reffte plötzlich ein, während der andere seine Pfeife beiseite warf und rasch aufsprang, um dem andern bei seiner Arbeit behilflich zu sein. Ihr Singen hatte schon vorher aufgehört. Und nun nahmen die beiden die großen Ruder zur Hand und griffen mit einer Anstrengung ein, die deutlich erkennen ließ, daß man entweder den Kurs ändern oder einen immer stärker werdenden Widerstand besiegen wolle.

Franziska hatte all dessen nicht acht und sah nur auf die blinkenden Tropfen, die vom Ruder fielen. Sie war müde geworden und bedauerte nichts weiter, als daß das Singen aufgehört habe. Plötzlich aber überlief es sie fröstelnd und fiebrig, und sie sagte leise vor sich hin: »Mich friert.«

Wirklich, es kam eiskalt vom Gebirge her, während zugleich hoch oben in der Luft ein feines Getön, ein unheimliches Pfeifen anhob. Und als Egon jetzt hinaufsah, sah er, daß die Sterne fort waren. Er schwieg indes und fragte nur den mit dem Mohrenkopf, ob er nicht eine Decke für die Gräfin habe. Der nickte, gab dem andern sein Ruder mit in die Hand und kam gleich darnach mit zwei Decken zurück, die bis dahin in der Nähe des Steuers unter einem Stück Segeltuch gelegen hatten. Franziska stand auf und wollte sich darin einhüllen, aber sie hatte nicht mehr Kraft genug und streckte sich endlich auf Egons Bitten am Boden des Bootes hin aus, auf dem man ihr eine Kopflage zurechtgemacht hatte. Dann nahm Egon die Decken und deckte sie zu.

Es war höchste Zeit, denn kaum, daß sie so lag, so kam es auch schon wie eine Spirale die Luft herunter und hob das Wasser samt dem Boot in die Höhe, als ob ein Kork gezogen würde. Dazu wuchs das unheimliche Gepfeif, und als Egon jetzt unwillkürlich dem wenigstens anscheinend aus der Höhe niedersteigenden Tone nach obenhin folgte, sah er, daß die Sterne wieder da waren. Aber sie standen jetzt an einem wunderbar durchglühten Himmel, und ihr Licht, das eine Stunde vorher noch so still und friedlich auf die Welt herabgeblickt hatte, sah jetzt auf sie nieder, als ob es Unheil und Untergang bedeute.

»Mich friert«, wiederholte Franziska, während sie mit der Hand auf ihre Schläfe wies; Egon aber, ohne sich zu besinnen, riß jetzt den langen blauen Schleier von dem neben ihr liegenden Reithut und wand ihn um ihre Stirn, und der freundlich matte Blick, der ihn traf, verriet ihm, daß er's mit diesem Dienste getroffen habe.

Die Bootsleute hatten mittlerweile die Ruder eingezogen, und Egon, der eine Hoffnung daran knüpfen mochte, fragte: »Sind wir heraus?«

Aber keiner antwortete.

»Soll ich helfen?« fuhr er fort. »Wenn ihr müde seid, ich versteh's. Und Andras versteht es auch.«

Aber sie schwiegen weiter.

»Hört doch. Ich seh', ihr habt noch zwei andere Ruder; gebt sie nur her. Vier können mehr als zwei. Wir wollen mit anfassen.«

Alles still.

»Basseremtete!« rief jetzt Egon im Zorn. »Sprecht. Ich will Antwort haben. Wir kommen nicht von der Stelle, drehen uns bloß und müssen doch am Ende heraus.«

»Müssen?« wiederholte der ältere nur, während er lächelnd seine Pfeife nahm und damit spielte.

Franziska war bis dahin halb apathisch dem Gespräche gefolgt. Sie sah nun, wie's stand, und Egon die Hand reichend, sagte sie: »Verzeih! Ich bin schuld.«

»Woran?«

»An unserem Tod.«

»Wir leben.«

»Aber wie lange noch? Und es ist auch das beste so. Wenigstens das beste für mich. Der Tod löst alles Wirrnis, das ich heraufbeschworen habe. Was sollt' ich noch hier? Ich sterbe gern, Egon, und gerade so, so. Das Glück bleibt mir treu bis zuletzt... Aber du?«

»Nein, nein, Franziska. Es kann nicht sein; nicht so. Wir leben noch, müssen leben.« Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.

In diesem Augenblick schwieg das Pfeifen und Singen oben in der Luft, und statt seiner gab es einen schweren, dumpfen Schlag, wie wenn man ein Segel im Winde hin und her klappt. Und dabei legte sich das Boot auf die Seite, so weit und so tief, daß es kentern zu wollen schien, aber als es wieder stand, griffen beide Bootsleute mit ihren Rudern ein, und alle fühlten jetzt, auch Franziska, daß sie dem Tod entronnen und aus dem Trichter heraus seien.

Egon hatte das Steuer übernommen.

»Wohin?« rief er. Aber der, der den Führer machte, wies nur auf ein Inselchen, das sie jetzt, keine hundert Schritte mehr entfernt, aus dem Wogenschwall aufragen sahen. Es war ein Schieferfelsen mit angespültem Schlick und Sand, an dessen Abhang die Möwen ihre Nester hatten. Aber keine war zu sehen, alle steckten in ihren Felsenlöchern, und nur ein Fischreiher, so schien es, stand auf der kahlen Höhe und hielt Umschau.

»Wohin?« wiederholte Egon seine Frage.

Doch statt aller Antwort kam diesmal ein Wellenstoß und warf das Boot auf den Strand.

Alles sprang in die Brandung, und durch Schaum und Gischt hin watete man auf das Vorland zu, das zwischen den Felsen und dem See lag. Allen voran Franziska, der mit der Hoffnung auf Leben auch die Lust am Leben wiedergekommen war, und als sie jetzt aus Tod und Brandung heraus mit einem Male wieder den trockenen Sand unter ihren Füßen knirschen fühlte, warf sie sich nieder und griff in den Sand hinein, als ob sie das Leben selbst mit aller Kraft aufs neu erfassen wollte. Dabei sprach sie Dankesworte vor sich hin und weinte und schluchzte, bis ihr Weinen und Schluchzen endlich schwieg.

»Komm!« bat Egon.

Aber sie hörte nicht mehr, und als er sie vom Boden emporhob, sah er, daß sie besinnungslos war und eine Ohnmacht ihr Leben in Banden hielt.

»Ist eine Hütte da?«

»Ja. Da, wo der Rauch zieht.«

Und sich untereinander ablösend, trugen sie sie die roh in den Felsen gehauenen Stufen hinauf, bis man oben vor der Fährhütte hielt.

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