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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Seit jenem Ankunftstage war eine geraume Zeit, über drei Wochen, vergangen und Egon längst wieder von den großen Jagden im Pejevicsschen Schlosse zurück. Man war mitten im Oktober und sprach bereits von Abreise, das wundervolle Wetter aber, das jetzt ausgleichen zu wollen schien, was der Regen vorher verschuldet hatte, schob den Termin immer wieder hinaus. Auch war es mit dem Aufbruch ein gut Teil weniger ernsthaft gemeint, als es den Anschein hatte, wenigstens von seiten Egons, der nicht müde wurde, das »sich in der Ellipse bewegende Leben oder, was dasselbe sagen wolle, das Leben mit dem Doppelmittelpunkte zweier Tanten« als eine neue und höchste Dimension zu proklamieren.

Mit Franziska stand er überhaupt auf dem Neckfuß und versicherte, daß sie gleich vom ersten Augenblick an ihn in ihrer neuen Eigenschaft als »Magyarin« enttäuscht habe. Schon am Dampfschiff hab' es begonnen. Er habe sie nämlich auf einem Rassepferd erwartet, im Reitkleid, mit wehendem Schleier und englischer Gerte, statt dessen sei sie wohlverwahrt in einem Korbwagen herangekommen, ganz wie protestantische kleine Komtessen, die zum Religionsunterricht oder zum Kinderball in die Stadt gefahren werden. Ja, so hab' es begonnen, und was er seitdem hier erlebt habe, habe seine Verwunderung und seine Betrübnis nur gesteigert und ihn mehr und mehr erkennen lassen, auf wie falschen Wegen sie wandle. Sie wolle magyarisch sein oder doch wenigstens werden und fange das Magyarische mit der Korrektheit an, während sie's umgekehrt mit der Unkorrektheit versuchen müsse. Korrektheit, und noch dazu solche, zu der man durch Grammatik und die kleine Kirchengröße von Szegenihaza herangebildet werde, sei durchaus alltäglich, und was alltäglich sei, sei nicht ungrisch. In Ungarn müsse das Leben in der Attacke genommen werden. Und er wette, daß sie, richtig geleitet, den Mut und die Geschicklichkeit und vielleicht auch schon ein Stück Vorbildung dazu besäße. Die richtige Leitung aber habe gefehlt. Das Nächste sei, den kleinen Geistlichen unten auf Urlaub zu schicken, für den Rest hoff er sich persönlich verbürgen zu können.

Egon, wenn er so neckte, durfte der Zustimmung des alten Grafen jedesmal sicher sein, der nur noch hinzuzufügen liebte: Franziska habe zuviel von des Goldschmieds Töchterlein mit Gebetbuch und Trippelschritt; sie sei nicht bloß deutsch, sie sei sogar schwäbisch. Nur Gräfin Judith opponierte, wenn so gesprochen wurde, schüttelte den Kopf und wollte von Steeplechase nichts wissen. Franziska sei mehr auf die Betrachtung als auf die Durchlebung der Dinge gestellt und werde den Geistlichen, wenn er ausbleibe, gewiß schmerzlich vermissen; sie säh' es durchaus als ihre Pflicht an, um Franziskas willen in diesem Sinne zu sprechen. In Wahrheit aber sprach sie nur deshalb mit so viel Wärme für das Weitererscheinen des Herrn Kuratus, weil sie persönlich nichts lieber hatte, als Plaudereien über Beichtgang und den Stand der Sittlichkeit in der Gemeinde.

Franziska, wenn der Kampf der Parteien in dieser Weise tobte, horchte dankbar lächelnd dem Lobe zu, das ihr von der alten Gräfin gespendet wurde, war aber doch zu jung, als daß sie nicht die bald in Angriff genommenen Lektionen im Sattel denen in der Grammatik vorgezogen hätte. Mitunter schloß sich der alte Graf an, meist aber war es Andras, der das junge Paar in die Berge hinein begleitete.

Während dieser Ausflüge war es denn auch, daß sich Egon und Franziska recht eigentlich erst kennen und ein Gefallen aneinander finden lernten. In der rasch durchtrabten Plaine sprachen sie wenig, aber in das Schluchten- und Waldeswirrwarr einbiegend, wo zwischen Gestrüpp und Unterholz hin der Weg erst gebahnt werden mußte, wurde ihr Gespräch lebhaft.

Egon zeigte sich dann sehr anders als im Kreise daheim. Er ließ den spöttischen Ton fallen, sprach ernst und einfach und vermied Fragen, die für ihn ohnehin so gut wie beantwortet waren. Er sah deutlich, daß Franziska vor einer Aufgabe stand, die schließlich ihre Kraft übersteigen würde. Sie gab sich freilich kühl. Aber war sie's? Er hegte Zweifel und sah sich eines Tages in diesen seinen Zweifeln bestärkt. In einem benachbarten adligen Hause nämlich hatte sich ganz vor kurzem erst ein Entführungsroman abgespielt, in dem eine Schwägerin Graf Devavianys die Schuldige, nach Ansicht andrer aber, und zwar mit Rücksicht auf ihren sittenverdorbenen und grundschlechten Eheherrn, die Heldin war. Auch Franziska trat für die Verklagte mit lebhaften Worten ein, und als Egon, übrigens mehr aus Überlegung als aus Überzeugung, ihr widersprach, wurde sie mit jedem Momente heftiger und erregter. Einer der ihr feststehenden Grund- und Lebenssätze sei der von der Gegenseitigkeit der Pflichten, und die Forderung, eine gewohnheitsmäßige Pflichtuntreue mit unerschütterlicher Pflichttreue beantworten zu sollen, empöre sie geradezu, ja mehr, sie fühle ganz deutlich, daß sie durch Verrat und Untreue, denen sie wie selbstverständlich hingeopfert werden solle, zu den extremsten Dingen hingerissen werden könnte. Dank und Pietät, ohne die die Welt roh und gemein ist, seien ihr, so hoffe sie wenigstens, tief ins Herz geschrieben, aber ebenso tief berge sie den leidenschaftlichen Hang nach Wiedervergeltung in ihrem Gemüt, und wenn sie zurückblicke, so gäb' es für sie kein Gefühl, in dem ihre Phantasie so geschwelgt habe wie in dem befriedigter Rache.

Egon, während sie so sprach, hatte sie von der Seite her scharf beobachtet und hielt sich von dem Augenblick an mehr noch als vorher überzeugt, daß die Kühle, die sie zeigte, nur Täuschung sei.

Sein Interesse wuchs aber, je mehr ihn diese Frage beschäftigte.

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