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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Den dritten Tag darnach kam ein Telegramm: »Wir treffen mit dem Mittagsdampfer ein; Egon.« Und wenn schon in den Tagen vorher ein Lüften und Klopfen, ein Schieben und Stellen gewesen war, so verdoppelte sich jetzt der Einrichtungseifer. Für Gräfin Judith wurden die Zimmer bestimmt, die neben denen ihres Bruders gelegen waren, während für Egon, wie schon bei manchem früheren Besuch, wieder die kleine Turmstube hergerichtet wurde, womit der in seinem unteren Teile nur ein Treppenhaus bildende alte Schloßturm nach obenhin abschloß. Egon, wenn er hier wohnte, stieg dann oft und gern auf die Plattform hinauf und erfreute sich von dieser aus der wunderbar schönen Aussicht über den See. Der alte Graf behandelte dies als »deutsche Romantik« und spottete darüber, obschon er selbst in Dinge verfallen konnte, die viel romantischer waren.

Und nun brach der Tag an, wo sie kommen sollten. Franziska war früh auf, nahm noch einmal bis in die Turmstube hinauf eine Musterung vor und stand eben auf dem Punkte, durch den großen Eßsaal in ihre Zimmer zurückzukehren, als sie Hannahs ansichtig wurde, die von dem der alten Kapelle gegenübergelegenen Balkon her irgendeinem auf dem Schloßhofe stattfindenden Vorgange neugierig zuzusehen schien.

»Was hast du?« fragte sie, Hannah aber winkte nur halb geheimnisvoll, so still wie möglich heranzutreten, und als Franziska diesem Winke folgte, sah sie, daß eine Taube bemüht war, ein großes Wollknäuel abzuwickeln, das mitten auf dem Schloßhof lag und von einer der Mägde verloren sein mußte. Das Tierchen, eine Kropftaube, pickte beständig daran herum und ruhte nicht eher, als bis es einen wohl zwanzig Fuß langen Faden abgewickelt hatte, mit dem es nun, während das unten liegende Knäuel sich abwechselnd hob und wieder fiel, auf eine dicht neben dem Glockenstuhl befindliche Maueröffnung zuflog. Es war ganz ersichtlich, daß es den unten von ungefähr gemachten Fund benutzen wollte, sich oben ein Nest zu bauen, und als Hannah wahrnahm, daß alles beinahe abgewickelt war, schickte sie sich an, an das alte Knäuel ein neues anzubinden, bloß um sich zu vergewissern, wie lange das Tier wohl in seinem Fleiße verharren würde. Franziska litt es aber nicht und sagte: »Du darfst es dem, der sein Nest bauen will, nicht zu schwer machen.«

»Ich mach' es ihm nicht schwerer, als er sich's selber macht. Dieser Kröpfer kann ja den Faden, wenn er will, jeden Augenblick wieder fallen lassen.«

Es war nur ein kleiner und unbedeutender Hergang, und doch haftete das Bild in Franziskas Seele. »Trieb!« sagte sie. »Wohl nichts weiter als Trieb. Aber er bedeutet Arbeit und Mühe um Lebens und Liebe willen.«

Und sie hing diesen und ähnlichen Betrachtungen noch eine Weile nach.

Aber die Mittagsstunde war nahe heran, und der Graf ließ sagen, daß der Wagen in einer Viertelstunde vorfahren werde. Da galt es denn, sich zu eilen. Sie wußte, wie sehr er auf Pünktlichkeit hielt, und trat eine Minute vor der Zeit in sein Zimmer in leichtem Hut und schwarz und weiß gestreiftem Burnus, darin er sie mit Vorliebe sah. Die Kapuze mit der Quaste daran und mehr noch der seidenglänzende Stoff, der im Winde bauschte, kleideten sie in der Tat vorzüglich. Ein zweiter, leerer Wagen, ebenfalls zweisitzig, folgte. Den Bergweg hinunter ging es in einem mäßigen Trab, unten aber jagten die Pferde durch die Tümpel hindurch, die hier noch überall von der Regenzeit her standen. Der Mais ragte hoch auf, so hoch, daß auf eine ganze Strecke hin der Ausblick gehindert war, kaum indes, daß ihr Wagen die Maisplantage hinter sich hatte, so ward auch schon der Dampfer sichtbar, der auf die Anlegestelle zusteuerte.

»Rasch, rasch!« rief der Graf, indem er dem Kutscher einen Schlag auf die Schulter gab und auf das immer näher kommende Schiff deutete, dessen unausgesetztes Läuten eine ganze Welt von Ankömmlingen erwarten ließ. Aber nur wenige Passagiere standen unter dem ausgespannten Dach, dessen rot eingefaßte Borte lustig hin und her flatterte. Franziska glaubte die Gräfin schon von fernher erkannt zu haben und wies auf eine stattliche Gestalt in schwarzer Robe; der alte Graf aber, der schärfer sah, lachte herzlich, daß sie den Geistlichen von Nagy-Vasar, »der freilich noch schwärzer als Schwester Judith sei«, mit dieser verwechselt habe.

Fast im selben Augenblick, wo der Wagen hielt, hielt auch der Dampfer.

Egon, im Jagdrock und steirischem Hut, sprang ans Ufer, umarmte den Oheim und küßte Franziska die Hand. Er schien in ausgiebigster Laune, freilich auf Kosten der alten Gräfin, die noch immer nicht sichtbar wurde. Die Tante habe sich zu Beginn der Fahrt auf Deck befunden und bei den gleichgültigsten Stellen im heißesten Sonnenbrande tapfer ausgehalten, im Moment aber, wo der See breit und schön geworden sei, habe sie sich in die Kajüte zurückgezogen, nicht um zu schlafen, was er gelten lasse, sondern um eines seekranken Kanarienvogels willen, der seit etwa zwei Monaten mit Feßler die Herrschaft teile. »Mais voilà.« Und nun wies er auf die Tante, die mit dem Vogelbauer in der Hand eben die Kajütentreppe heraufkam und gleich darnach auch die kleine Rollbrücke passierte, die man inzwischen von der Landungsstelle her auf das Schiffsdeck geschoben hatte.

Die Begrüßung war herzlich, weniger mit dem Bruder als mit Franziska, deren Handkuß sie mit einem Kuß auf die Stirn erwiderte. »Wie gut dir die Luft von Schloß Arpa bekommen ist! Vortrefflich. Du siehst besser und frischer aus als in Öslau. Und das waren doch auch schöne Tage. Nicht wahr? Hörst du noch dann und wann von dem reizenden Fräulein Phemi?«

Unter solchem Gespräch und Geplauder hatte man von der Landungsbrücke her den Punkt erreicht, wo die beiden Wagen hielten; Franziska nahm im ersten neben der Gräfin Platz, Egon aber im zweiten neben dem alten Grafen. Und im Fluge ging es nun auf Schloß Arpa zu.

»Nun, meine liebe kleine Gräfin«, sagte Judith, während sie die Quaste, die beständig hin und her flog, in Franziskas Kapuze zurückstopfte, »nun sage mir: come sta? Wie lebt sich's mit diesem Ungeheuer von Bruder, mit diesem Infidèle, mit diesem Überbleibsel aus dem Nachlasse des Herrn von Voltaire? Du hast mir geschrieben, du seist glücklich, und dein Teint und deine klaren Augen scheinen es mir bestätigen zu wollen, aber, meine teure Franziska, Briefe lügen und Teint und Augen auch. Aber was nicht lügt, das ist die Stimme, und so sage mir denn, denn so schön und so frei fahren wir nicht wieder in die Welt hinein, sage mir also: bist du glücklich?«

Franziska nahm Judiths Hand und küßte sie. Dann sagte sie, während sie zu der Gräfin aufsah und ihre Hand, die sich wie Wohlwollen anfühlte, fest in der ihrigen behielt: »Ich habe mehr Glück gewonnen, als ich erwartete. Der Graf liebt mich und ist edel und gerecht. Ob ich glücklich bin? Ich weiß es nicht, gnädige Gräfin, aber ich hoff es. Vielleicht kann man glücklich sein, wenn man es sein will, und ich hab' einmal gelesen, man könnte das Glück auch lernen. Das hat mir gefallen. Und wirklich, es muß Mittel dazu geben.«

»Ja, das Gebet. Und vor allem das eine: ›Führ uns nicht in Versuchung.‹«

Auch in dem Wagen, der folgte, ging das Gespräch. Etwas von dem Schlammwasser spritzte gegen Egons Hut, der ihn abnahm, um ihn wieder zu säubern. »Sieh, gerad an den Gemsbart«, sagte der Oheim. »Und so straft dich denn der erste magyarische Tümpel für dein unmagyarisch Herz. In allem Ernst, Egon, du kannst in dem Gemsbarthute nicht zu dem alte Pejevics fahren, der, weil er eigentlich ein Magyar ist, selbstverständlich den Doppelmagyaren spielt. Aber gleichviel, deine Mutter war eine Petöfy, das vergißt man dir nicht und fordert einen Reiherbusch oder eine Adlerfeder von dir, solange du hier bist. Du kennst unsere kleinen Schwächen.«

»Und unterwerfe mich ihnen. Am wenigsten aber möcht' ich mir die Jagd und Stimmung auf Schloß Falcavar verderben. Weißt du, wer zugegen sein wird? Natürlich Szabô.«

» Der gewiß und sehr wahrscheinlich auch Perczel. Devaviany zweifelhaft. Familienmalheur. Im übrigen steh' ich mit der Nachbarschaft auf einem Grollfuß und weiß eigentlich so gut wie nichts. Man beliebt nämlich, meine Gräfin nicht gräflich genug zu finden, oder bemängelt ihren Stammbaum. Ich bin aber nicht gewohnt, mir Vorschriften machen oder wohl gar alte Vorurteilsalbernheiten als ebensoviel Weisheit aufdrängen zu lassen.«

»Und so lebt ihr denn ziemlich einsam?«

»Nein und ja. Jedenfalls einsam genug, um sich eines lieben Besuches doppelt zu freuen.«

Und damit fuhr ihr Wagen unter dem Portal fort in den Schloßhof ein.

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