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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Neunzehntes Kapitel

Es waren Wochen vergangen, und das Leben auf Schloß Arpa gestaltete sich ganz nach Wunsch. Franziska hatte wirklich mit ungrischen Studien begonnen, und tagtäglich kam der kleine, den Unterricht leitende Geistliche von Szegenihaza herauf. Es war ein rundes und behagliches Männlein und verriet den früheren Klostermönch unter anderem auch darin, daß er einem immer für ihn bereitstehenden Frühstücke sowohl vor wie nach dem Unterricht lebhaft und geräuschvoll zusprach, bei welcher Gelegenheit er die Fragen seiner Kirche heiter und humoristisch, aber doch zugleich auch mit vielem Takt und ohne seiner Stellung etwas zu vergeben, zu behandeln wußte. Franziska zog oft Parallelen zwischen diesem Ton und dem, der ihr noch aus dem elterlichen Hause her erinnerlich war, ein Ton, der trotz etwas persönlich Freiem im Auftreten ihres Vaters in Gegenwart von Amtsbrüdern immer etwas schwerfällig Wichtigtuerisches und, was das schlimmste war, auch etwas Salbungsvolles gehabt hatte.

Neben dem kleinen Geistlichen war es besonders der alte Toldy, zu dem sie sich mehr und mehr hingezogen fühlte. Beinahe täglich besuchte sie sein kleines, hinter einer Weinlaube verstecktes Wohnhaus, »die Gärtnerei«, darin seit einem Jahr die Mutter fehlte, kümmerte sich um die jüngeren Kinder und half dem Hauswesen auf, das etwas im argen lag. Traf sie den Alten selbst, so wurde sie nicht müde, sich aus seiner Honvedzeit und von den Heldenkämpfen des Jahres 1849 erzählen zu lassen und dabei ruhig hinzunehmen, daß jede dieser Erzählungen mit einer Flut ungrischer Verwünschungen endigte. Nur einmal unterbrach sie diesen Redestrom, um ihm, wie damals in der Bildergalerie, begreiflich zu machen, in Ungarn wären sie Patrioten, in Wien aber Verräter gewesen, und auf Verräterei stünde der Tod überall in der Welt – Auseinandersetzungen, die für ihn natürlich ohne Beweiskraft und durchaus in den Wind gesprochen waren. »Ungar liebt Vatterland, und wer liebt Vatterland, ist Held.« Und gleich darnach, wie zur Bekräftigung dieses Satzes, war er ins Rezitieren gekommen und hatte sein Leib- und Lieblingslied angestimmt: »Es stehen sieben vor Arads Tor.«

Solcher Lieder aus der Revolutionszeit kannte Toldy sehr viele, daneben aber auch alte Lieder, die schon im Volksmunde lebendig waren, als von Schloß Arpa, dem neuen Schloß Arpa, noch kein Stein auf dem andern stand. Ja, seines neunundvierziger Enthusiasmus unbeschadet, hielt er an diesem uralten Liederschatze fast noch fester als an dem neuen, und tagtäglich, wenn er in der Mittags- oder Abendstunde nach Hause kam und sich's unter der Laube bequem gemacht hatte, ließ er seine Kinder diese volkstümlichen Weisen singen und begleitete den Gesang derselben auf der Geige. Denn er war, wie schon der Graf, als er mit Franziska das Programm entwarf, in aller Kürze bemerkt hatte, ein vorzüglicher Geiger und stand in dieser seiner Kunst nur um ein geringes hinter dem unten im Dorfe wohnenden Zigeunerkönig Hanka zurück.

Einmal traf es sich, daß Franziska hinzukam, als die Kinder mehrstimmig sangen, und wie gefangengenommen von der einschmeichelnden und zugleich doch so schwermütigen Melodie, blieb sie hinter einer Buchsbaumhecke stehen und horchte, bis der Gesang zu Ende war. Nun erst gab sie ihren Versteckplatz auf und schritt auf das Gärtnerhaus zu, vor dem im Halbschatten der nach vornehin offenen Weinlaube die zwei ältesten und zwei jüngeren Töchter Toldys saßen, jene mit dem Aufziehen von Paprikaschoten, diese mit dem Aushöhlen kleiner Kürbisse beschäftigt. Toldy selbst hielt noch die Geige in der Hand. Alles erhob sich, als man die Gräfin kommen sah, und die beiden jüngeren Kinder, die Franziskas Lieblinge waren, eilten ihr entgegen, um ihr das Kleid zu küssen.

»Ich habe zugehört, Toldy. Das war ja wunderschön, aber so traurig. Ist es wirklich so traurig, oder habt ihr es nur so gesungen?«

»Ist traurig, Gräfin.«

»Und was ist es denn?«

»Ist Lied von Barcsai.«

»Barcsai? Wer war das? Ein berühmter Räuber? Oder auch piff, paff?«

»Nix, piff, paff. Barcsai Freund.«

»Freund? Von wem?«

Aber Toldy schwieg nur und fuhr mit dem Zeigefinger wie zum Stoß durch die Luft, augenscheinlich um auszudrücken, daß Barcsai erstochen worden sei.

»Erstochen? Wer hat ihn erstochen?«

»Graf.«

»Welcher Graf?«

»Graf... Nix Name.«

Franziska lachte. »Der arme Graf. Da hat Barcsai mehr Glück gehabt, der hat doch wenigstens einen Namen. Aber weißt du wohl, Toldy, daß ich das Lied haben möchte.«

Sie sprach das so hin und war deshalb einigermaßen überrascht, eine Minute später den alten Toldy, der das bloß hingeworfene Wort als einen Befehl genommen hatte, mit einem mittlerweile hervorgesuchten Blatt erscheinen zu sehen.

»Ist Barcsai.«

Sie nahm das Blatt und sah, daß es ein echter Jahrmarktsdruckbogen war mit einem noch viel echteren Jahrmarktsbild darauf: eine mit Strohkränzen umwickelte Frau, schon ganz in Flammen stehend.

Franziska fuhr zusammen. Aber ihre Neugier überwog doch, und so sagte sie: »Habe Dank, Toldy. Morgen schaff' ich's dir zurück oder bring es selbst. Ich will es nur übersetzen und dem Herrn Kuratus vorlegen, bei dem ich Ungrisch lerne. Du weißt doch davon?«

Und damit erhob sie sich und kehrte durch den Park ins Schloß zurück.

Es lag ihr wirklich daran, den kleinen Geistlichen in Verwunderung zu setzen, und rasch erkennend, daß ihr wenigstens der Anfang der Ballade, der aus lauter Alltagsworten bestand, nirgends Schwierigkeiten machen würde, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb, ohne daß sie das Wörterbuch zu Rate gezogen hätte:

»Vater, Vater, lieber, guter Vater,
Meine liebe Mutter liebt Barcsai.«
»Hörst du, Weib, was unser Kind da plaudert?«
»Hör' wohl, was es plaudert, liebster Gatte.
Töricht ist es. Weiß nicht, was es redet.«
    Und er eilt von hinnen, fort auf Tolna,
    Ging die Hälfte Wege, – kam dann wieder.
»Öffne, Weib, die Türe, öffne, Gattin!«
»Ja, ich öffne, öffne schon, mein Gatte,
Laß den Rock nur um den Leib mich werfen,
Laß die Linnenschürze nur mich umtun,
Laß die roten Stiefel nur mich anziehn.«
    Aber jener sprengte schon die Türe.

Hier legte Franziska die Feder nieder und überflog das wenige, was noch folgte. Wo das sprachliche Verständnis einen Augenblick versagte, half ihr das Bild nur zu gut nach, und so wußte sie zum Schluß, daß das unglückselige Weib, »weil es den Barcsai geliebt«, bei einem durch den Gatten veranstalteten Rachegastmahl diesem und seinen Gästen als brennende Fackel gedient hatte.

Sie schob entsetzt das Blatt beiseite.

In diesem Augenblick aber meldete der alte Czagy, daß der Graf die Frau Gräfin zum Tee bitten lasse. Sie ließ ihm ihr Erscheinen zurücksagen, und als sie sich gleich darnach in einem kurzen Gespräche mit Hannah wieder gesammelt hatte, kam ihr plötzlich der Einfall, ob es sich nicht empfehlen würde, das ganze Vorkommnis ins Scherzhafte zu ziehen und dem Grafen eine humoristische Szene daraus zu machen. Wirklich, es war ein vorzüglicher Stoff, aber sie fühlte doch allzu deutlich, daß es mißglücken werde. So gab sie denn den Plan wieder auf und begnügte sich damit, bei der Teeplauderei von Toldy zu sprechen und von der kleinen Marischka, die mit jedem Tage reizender und drolliger werde.

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