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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Siebenzehntes Kapitel

Diese Kapitulation von Vilagos war augenscheinlich das beste Galeriebild, aber sich in dem, was Porträt darauf war, zurechtzufinden, wollte Franziska trotz aller Anstrengung nicht gelingen. Und so sah sie sich schließlich doch gezwungen, Toldy heranzuwinken. Für diesen ein lang ersehnter Moment.

»Ich finde mich nicht zurecht, Toldy«, sagte sie. »Hier links, soviel erkenn' ich an den grünen Uniformen, ist alles russisch, und das hier seid ihr. Aber ich kenne niemand. Wer ist der hier, der Graubart?«

»Ist Kiß; General.«

»Tot?«

»Tot. Piff, paff!« Und er hob beide Arme wie zum Gewehranschlag.

»Und der hier?«

»Ist Nagy Sandor; General.«

»Tot?«

»Tot.« Aber statt der Bewegung des Gewehranschlages machte er jetzt die des Gehenktwerdens. »Und«, fuhr er nunmehr, ohne weitere Fragen abzuwarten, in immer lebhafter werdendem Tempo fort, »hier Leiningen, General; tot. Und hier Aulich, General; tot. Und hier Rüdiger, General, aber russischer General. Und hier Görgey, Hund.«

»Das darfst du nicht sagen, Toldy.«

»Darf ich sagen, Gräfin gnädigste. Görgey Verräter, und Verräter... Hund.« Und dabei funkelten ihm die alten Augen, und ein ungrisch unverständlicher Redestrom kam von seinen Lippen, dem Franziska nichtsdestoweniger mit Hülfe zahlreich eingestreuter Namen entnehmen konnte, daß vom Grafen Ludwig Batthiany, ganz besonders aber von den Galgenexekutionen vor Arad die Rede war.

Als er endlich schwieg, dankte sie dem Alten, ohne seinen Haß gegen Österreich und Görgey noch irgendwie weiter rektifizieren zu wollen, und verließ den Bildersaal, um unter Vermeidung der Wendeltreppe durch das Billardzimmer in ihre Wohnräume zurückzukehren.

Als sie diese betrat, heimelte sie das überaus Behagliche darin an, aber die Fahrt und mehr noch die Galerie hatten sie müde gemacht, und so streckte sie sich auf eine dem Fenster gegenüberstehende Chaiselongue und schlief ein.

Als sie wieder erwachte, stand Hannah in der Tür.

»Ich wollte dich nicht stören, denn du brauchst Schlaf; aber der Graf schickt eben schon zum zweiten Male: Die Herren würden zu Tische bleiben. Er erwartet dich also.«

Franziska fühlte sich wenig angenehm von dieser Meldung berührt und erschrak fast. Es war ihr nicht zu Sinn, eine Konversation mit ungrischen Edelleuten zu führen, mit Kavalieren, deren Ton und Ausdrucksweise sie von ihren Wiener Tagen her nur zu gut kannte. Mit wachem Auge weiterzuträumen, wäre ihr das ungleich Liebere gewesen. Es galt aber, sich dieser Stimmung so rasch wie möglich zu entreißen, und so setzte sie sich an den Spiegel, um ihrer Toilette den Abschluß zu geben.

»Gib mir noch das venetianische Kollier, Hannah; ich glaube, der Graf freut sich, wenn ich es trage. So. Und nun noch den Fächer. Ach, Hannah, ich wollte, ich säß' erst wieder an diesem Tisch hier und hätte nichts um mich und nichts über mir als die Mutter Gottes und den kleinen Christus, der mir den Rosenkranz entgegenhält. Ich wollt' ihn lieber zwölfmal abbeten als von Oberst Szabô zwölf Artigkeiten hören. Ich empfinde doch nur Gêne dabei.«

»Sei nur erst im Feuer, so kommt dir der Mut. Es ist gerade wie beim Theater.«

»Ja, du hast recht, ganz so. Sie sind auch wirklich nur gekommen, mich als Gräfin auftreten zu sehen. Und haben nebenher noch das Vergnügen, selbst mitspielen zu dürfen.«

Vorstellung und Begegnung waren ganz so verlaufen, wie Hannah prophezeit hatte. Nach Überwindung einer ersten Scheu war Franziska gesprächig geworden, und bei Schluß der Tafel stand es außer Frage, daß man sich gegenseitig gefallen hatte. Nur eines war ihr unbequem gewesen: ein gewisses Übermaß von Zurückhaltung und Respektsbezeugung, das augenscheinlich vorher verabredet worden war. Aber sie war andererseits zu klug und zu billig denkend, um nicht den Unmut darüber verhältnismäßig leicht zu verwinden. »Die goldene Mitte zu halten ist unter allen Umständen schwer, und die vornehme Welt kann es am wenigsten. Es dünkt ihr das bequemste, sich in Extremen zu bewegen.«

Der Kaffee war nicht auf der Veranda, sondern auf der obersten Parkterrasse genommen worden, von der aus sich das Landschaftsbild weniger großartig als in der Front, aber dafür auch um so lieblicher präsentierte. Das, was voll künstlerischen Sinnes von seiten des Grafen an dieser Stelle geschehen war, steigerte nur diesen Eindruck, und so konnte es denn kaum ausbleiben, daß Huldigungen über Huldigungen gegen ihn laut wurden, am meisten im Hinblick auf den Teich und die Trauerweiden, über die mehrere hohe dunkle Zypressen von der untern Terrasse her hinwegragten. In der Tat, es war ein entzückendes Bild und der Abend ohne Luftzug und ohne Schwüle. Nur dann und wann kam von den Rosenbeeten her ein leiser Hauch herüber.

 

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als die drei Herren aufbrachen. Ihr Wagen verfolgte von Terrasse zu Terrasse denselben Schlängelweg, den Graf und Gräfin auf ihrer Vormittagsfahrt innegehalten hatten, und beide sahen jetzt dem im schnellsten Trabe dahinjagenden Gefährte nach, bis es die letzte Biegung bei der Gruftkapelle gemacht und sich in dem Wiesengrunde, darin es bereits dunkelte, verloren hatte. Aber noch in dem Dunkel verfolgten sie die Spur.

Als Franziska nach einer Weile wieder Platz genommen, nahm der Graf ihre Hand und sagte:

»Du hast dich tapfer gehalten, Fränzl, und auf den alten Szabô kannst du nun rechnen. Devaviany bedeutet nicht viel, er ist von alter Zeit her ein Narr und denkt an nichts als an seine Handschuhe. Sahst du wohl, wie kokett er sie strich und streichelte? Bleibt also nur noch Perczel. Und der ist bon garçon. Szabô allein gilt; er hat den Ruf und den Ruhm, den alle Spötter haben, nicht vor Gott, aber doch in der Gesellschaft und zumal in der unsrigen. Und weil ich nun mal von der Gesellschaft spreche, so laß mich auch gleich von unserem Leben sprechen, das halt kein Leben sein kann wie bei Vefour oder Very. Soviel steht leider fest. Es hilft aber nichts, Fränzl, und auf ein bißchen Einsamkeit und Langeweile wirst du dich schon gefaßt machen müssen. Ich kann's nicht aus der Welt schaffen.«

»Und sollst du auch nicht, Petöfy. Es ist mir so recht, wie's ist. Daß ich dir's nur gestehe, mich erquickt diese Stille geradezu.«

»Gewiß, solange dir noch der Lärm der großen Stadt im Ohr klingt. Aber ist der erst mal verklungen, ganz verklungen, so verlangst du auch wieder darnach. Gib acht, ich weiß das. Und so hab' ich mir's denn überlegt, wie wir's machen wollen, um die große Leere nicht aufkommen zu lassen oder sie doch wenigstens hinauszuschieben. Denn zuletzt kommt sie doch. Und nun höre. Mit unserem Schloß hier bist du so gut wie fertig, und wenn nicht heute, so doch morgen. Man kann eben nicht immer auf den See sehen, so schön er ist, und außer dieser Terrasse, die dir den Blick in den Park und die niedergehende Sonne gönnt – sieh nur, wie sie da zwischen den Zypressen hängt –, hast du nichts hier als den alten Turm und die Bibliothek und die Bildergalerie. Vielleicht noch das Billard. Spielst du?«

»Nein.«

»Also Beweis mehr, wie nötig uns ein Programm ist.«

»So gib es.«

»Ich denke mir also, wir haben ein gemeinschaftliches Frühstück ein für allemal, und du plauderst mir dabei vor, was du die Stunden vorher geträumt hast. Gute Träume kommen einem Sensationskapitel am nächsten; übrigens brauchen sie nicht wahr zu sein, nur hübsch und unterhaltlich. Und dann entlass' ich dich in Gnaden, und du bist frei bis zu Tisch. Aber so leicht das klingt, so schwer wiegt es, denn es ist eine lange, lange Zeit, und unser Besuch heute hat uns nur zufällig mit einer Ausnahme debütieren lassen. Also frei bis zu Tisch, bis sechs. Dann speisen wir, und gleich darnach beginnt unser eigentlicher Tag oder, sag' ich lieber, der meinige. Nach Tisch haben wir dann noch eine Fahrt, etwa wie heute früh, und unterwegs erzählst du mir dies und das und gibst mir eine Quintessenz aus der Plauderecke der Zeitung.«

»Auch vom Theater?«

»Ei, gewiß. Das ist ja gerade das Beste, Fränzl, das ist die Hauptsach'. Es war mir schon recht heute, daß der Geck von Devaviany meiner lieben kleinen Gräfin die Ehre gegönnt und über seine neuesten Kulissenconnaissancen – denn er wechselt jede dritte Woche – geschwiegen hat, aber wenn wir unter uns sind, Fränzl, und in dem Korbwägelchen über die Wiese fliegen, ei, dann will ich auch hören, was mir Spaß macht, von dem Speidel und dem Spitzer und dem Herrn von Dingelstedt und dem Herrn von Laube. Versteht sich. Und ich will auch hören, ob uns der Strakosch wieder ein neu Genie präpariert oder ob uns der Herr von Wilbrandt eine neue römische Kaiserin appetitlich zurechtmacht. Ja, Fränzl, davon will ich hören. Und dann nehmen wir unsern Tee, wär's auch nur, weil ich die kleine blaue Flamme so gern seh', viel lieber als die bei Schwester Judith, und nach dem Tee, nun, da spielen wir ein Schach oder noch lieber ein Piquet. Aber du darfst nicht betrügen und nicht vierzehn Buben ansagen, wenn du sie nicht hast. Und wenn dann Vollmond ist oder auch nur die Sichel über der Terrasse steht, dann laß ich den Hanka kommen und den Toldy, – denn wenn wir sie beide haben, dann überbieten sie sich und will jeder der erste sein –, und dann haben wir einen Czardas und sehen zu, wie sich das junge Volk im Kreise dreht.«

»Und ich tanze mit.«

»Tanzt Gräfin mit«, lachte der Graf. »O gewiß, das paßt. Und der Andras weiß sich zu schicken. Ist Magyar.«

»Und bei solchem Leben, Petöfy, willst du mir noch von Einsamkeit und Langeweile sprechen? Das ist ja wie aus dem Märchen.«

»Ja, Fränzl, wie aus dem Märchen. Freilich. Aber ein Märchenleben ist kein Leben. Es fehlt was darin.«

»Und das wäre?«

»Die Menschen.«

»Ich entbehre sie nicht.«

»Jetzt nicht, heute nicht. Aber es wechselt alles. Und ein Tag ist kurz, und ein Tag ist lang.«

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