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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Sechzehntes Kapitel

Der alte Toldy, der den Gärtner inzwischen abgelegt und den Galeriediener angezogen hatte, wartete schon auf der Rampe. Mit ihm Andras.

»Alles in Ordnung, Toldy?« fragte der Graf.

Toldy nickte.

»Gut. Aber wir wollen nicht hier hinauf, nicht die große Treppe; ich will der Gräfin den alten Turm zeigen.«

Unter diesen Worten nahm er Franziskas Arm und führte sie, während Andras vorauflief und Toldy folgte, bis an einen alten, an den neueren Schloßbau sich anlehnenden Eck- und Feldsteinturm, in dem eine Wendeltreppe zwei Stock hoch hinaufstieg. Alles Licht kam durch schmale, nur handbreite Scharten, die von fünf Schritt zu fünf Schritt das dicke Mauerwerk durchbrachen. An einer dieser Öffnungen hielt der Graf und wies auf die Landschaft, die sich gerade von hier aus in einer besonderen Schönheit zeigte: Weithin sichtbar flimmerte der See, rechts daneben aber stieg ein hoher und scharf profilierter Felskegel auf, der »der Bischof« hieß, weil man den Stab und die Bischofsmütze deutlich erkennen zu können glaubte.

Wieder einige Stufen höher war an Stelle der Scharten eine niedrige, mit dem Neubau Verbindung haltende Spitzbogentür, und hier stand Andras, um durch eine tunnelartige Passage hin den Weg zu zeigen. Der Graf bückte sich und reichte von rückwärts her Franziska die Hand.

Als diese glücklich aus dem Defilee heraus war, war sie frappiert von der Anmut des unmittelbar dahintergelegenen Zimmers, das in diesem Augenblick nach der eben passierten Enge beinahe geräumig wirkte, trotzdem es nur ein einziges erkerartig vorspringendes Fenster, ein sogenanntes bow window, hatte. Dies Zimmer hieß das Howardkabinett und enthielt ausschließlich Landschaften, die der englischen Mutter des Grafen, der schönen Arabella Howard, bei Gelegenheit einer Erbschaft zugefallen waren. Einige dieser Landschaften waren von Gainsborough, andere von Everdingen oder doch aus seiner Schule. Franziska, trotz allem, was sie vor wenig Stunden erst über Galeriebesuch gesagt und geklagt hatte, hatte doch Verständnis für Bilder und erkannte leicht, daß es sich hier um etwas Besonderes und Hervorragendes handle, was eine sorgliche Musterung nicht nur verlohne, sondern sogar fordere; der Graf aber verriet augenscheinlich Ungeduld und wollte weiter, weil er sich auf den Eindruck freute, den der Ahnensaal auf Franziska machen würde.

Diese Freude blieb ihm aber aus, denn im selber Augenblick, wo man unter Zurückschlagung einer Portière von dem Kabinett her in den Bilder- und Ahnensaal eingetreten war, erschien auch schon Herr Koloman Czagy mit der Meldung, daß Besuch gekommen sei.

»Wer?« fragte der Graf ungehalten und beinahe barsch.

»Oberst Szabô mit Baron Perczel und Graf Devaviany.«

»Ah, Szabô«, rekolligierte sich der Graf. »Unsere medisanteste Zunge! Die Herren sind offenbar neugierig, dich kennenzulernen, und warten auf den Augenblick, um mit ihrer Klatsch- und Lügenpost um unsern See herumfahren zu können. Aber meinetwegen. Komm, laß uns abbrechen, Fränzl; ich werde dich vorstellen.«

»Ist es so dein bestimmter Wunsch und Wille?«

»Wille? Was Wille! Der deine gilt; du bestimmst.«

»Dann zieh' ich es vor, hier zu bleiben und die Neugier der drei Herren noch ein weniges warten zu lassen.«

»Einverstanden. Man soll es den Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht allzu bequem machen. Und nun sieh dich um in der Galerie. Toldy kennt sie besser als ich.«

Damit ging er, und Franziska blieb mit Toldy zurück. Dieser, so wenig er von Bildern verstand, war doch in dem einen ein guter und geschulter Galeriediener, daß er sich die schwere Kunst, »nicht zu stören«, all seiner sonstigen Plauderhaftigkeit zum Trotz angeeignet hatte. Klug hielt er sich zurück, auch heute wieder, immer abwartend, ob Franziska nach ihm verlangen würde.

Diese trat ohne weiteres an eine der Längswände heran, an der sich in stattlicher Reihe die lebensgroßen Bilder der Familie Petöfy befanden. Über alles, was noch Rüstung und hohe Reiterstiefel trug, ging sie schnell hinweg und verriet erst Aufmerksamkeit, als sie bei Bildnissen angekommen war, die diesem Jahrhundert angehörten. Alle hatten Inschriften, entweder unmittelbar auf der Unterleiste des Goldrahmens oder aber auf kleinen Täfelchen, die, so schien es, neuerdings erst angehängt worden waren. Eine Rotblondine mit einem Rembrandthut und einer Straußenfeder darauf fesselte sie ganz besonders. Sie zweifelte keinen Augenblick, wer es sei, befragte aber doch das Täfelchen und las: »Arabella Howard, geb. 9. März 1785 auf Arundel Castle, Sussex; vermählt 21. März 1803 mit Graf Michael Petöfy; gest. 11. Februar 1837 auf Schloß Arpa.«

Des Grafen Mutter also, wie sie gedacht hatte. Das Bild schien bereits Jahr und Tag vor der Verheiratung, trotzdem diese schon mit achtzehn stattgefunden hatte, gemalt worden zu sein und ließ die Lady jugendlicher als ihre zwei Töchter erscheinen, unter denen nur die Züge der jüngeren an die Mutter erinnerten. »Eveline Gräfin Petöfy, geb. 10. November 1816, vermählt mit Graf Aribert Asperg 1841, gest. den 13. August 1845 zu Wien.« Das Täfelchen trug einen Flor, und Franziska sagte, während sie die beiden letzten Zahlen verglich: »Ein kurzes Glück, wenn es ein Glück war.«

Das letzte Bild, das in der Reihe hing, war das des Grafen, etwa vor zehn Jahren erst gemalt. Er trug Frack und Ordensstern; das Haar war noch voll, aber schon beinahe weiß.

Zwischen diesem Bild und dem abschließenden Eckpfeiler war noch ein Platz frei. Franziska blickte fest auf die leere Stelle, bis sie sich selbst zu sehen und das Täfelchen zu lesen glaubte. »Franziska Franz, geboren...« Und ein banges Gefühl überkam sie plötzlich, wie wenn sie hier doch nur eine Fremde sei, nur durch Laune geduldet und zugelassen. Aber dies Gefühl währte nicht lange. Sie hatte zuviel von vornehmer Welt gesehen, um sich durch bloße Namen auf länger als einen Augenblick imponieren zu lassen. Und so wandte sie sich von den Ahnenbildern fort und trat an die Längswand gegenüber.

Hier befanden sich große Tableaux mit viel Rot und Gelb, über deren Rot und Gelb noch mehr Grau schwebte. »Schlachtenbilder also.« Gleich das erste – die Täfelchen fehlten hier – war unverkennbar ein Bild aus der Zeit der Türkenkriege: Halbmond und Roßschweife füllten das Feld, und in der Mitte sprang eine Festung in die Luft.

»Zriny«, sagte sie lächelnd. Aber mit diesem Zrinybilde, mit dem das Türkische begann, schloß es auch wieder, und was weiter kam, waren neuere Schlachten, die nicht weiter zurückgingen als bis Groß-Aspern oder Marengo. Sie sah flüchtig drüber hin und sammelte sich erst wieder, als sie bei dem letzten angekommen war, auf dem sich zwei feindliche Heere gegenüberstanden, von denen das eine, so schien es, eben die Waffen gestreckt hatte. Die Waffen lagen aber nicht am Boden, sondern waren zu Pyramiden zusammengestellt, an denen bunt und malerisch Tschakos, Säbel und Patrontaschen hingen. Im Vordergrunde blickten einige der gefangenen Führer finster schmerzlich zur Erde, während sich auf den Gesichtern der Soldaten abwechselnd Wut und Verzweiflung spiegelten. Was war es? Auch hier fehlte das Täfelchen, aber in dem Rahmen selbst war eingeschrieben: »Vilagos, 13. August 1849.«

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