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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Fünfzehntes Kapitel

Bald darnach war die Toilette beendet, und Franziska, während sich Hannah noch im Zimmer um sie her zu tun machte, nahm auf gut Glück eins der Bücher vom Bücherbord und setzte sich in das Nischenfenster, um zu lesen. Aber sie war zerstreut, der Sinn stand ihr nach anderen Dingen, und so legte sie das Buch wieder beiseite und sagte:

»Es geht nicht, Hannah. Ich möchte lieber etwas sehen, den Park oder den Garten. Sage, was bedeutet der große Saal hier nebenan, der jetzt wahrscheinlich zu seiner eigenen Verwunderung nichts weiter ist als ein Entree zu meinem Zimmer.«

»Das ist der Eßsaal aus der Türken- oder der Prinz Eugen-Zeit her, wo der Neubau des Schlosses eben fertig geworden war. Und Toldy zeigte mir auch die Stelle, wo Prinz Eugen leibhaftig gesessen hat.«

»Oh, das interessiert mich. Prinz Eugen! Komm, das will ich sehen. Du mußt mich überhaupt im Schlosse herumführen und mir alles sagen, was du weißt. Ich habe dann auch Stoff für den Grafen und kann ihm Konversation machen. Er hat es so gern. Bis jetzt kenn' ich ja nur meine drei Zimmer.«

Unter diesen Worten war Franziska, von Hannah gefolgt, in den großen Saal eingetreten. Dieser lief durch die ganze Schloßtiefe, weshalb er auch zwei Balkone hatte, von denen sich der andere mit einem Blick auf den Schloßhof begnügen mußte. Hohe Glastüren führten auf beide hinaus. Der Saal selbst war von hellgelbem, poliertem Stuck, desgleichen der Plafond, an dessen vier Ecken ebensoviel Engel in den Saal herniederhingen und in die Tuba bliesen.

Franziska sah hinauf und sagte: »Die Wahrheit zu gestehen, Hannah, ich freue mich, diese vier Engel nicht beständig über mir zu haben. Sie blasen den Petöfyschen Ruhm in die Welt hinaus, und das ist gut, aber unter ihnen zu sitzen, ist gefährlich. Zeige mir lieber, wo Prinz Eugen gesessen hat.«

»Ich weiß nur, was ich von Toldy weiß: Der Prinz habe die Balkontür im Rücken gehabt.«

»Welche?«

»Die dort, die nach dem Hofe hin.«

Und nun suchten beide die Stelle, wo der Prinz notwendig gesessen haben müsse, lachten, als sie sie gefunden hatten oder doch gefunden zu haben glaubten, und traten endlich wie zum Lohn für ihre Mühe durch die Glastür auf den Balkon hinaus.

Aber nicht auf lange. Die Vormittagssonne fiel von der Seite her blendend auf den Schloßhof und zwang sie, wieder zurückzutreten, um im Schatten der Türpfeiler besser sehen zu können.

»Ah, das ist schön«, sagte Franziska, während sie den Hof mit ihrem Lorgnon musterte. »Du hast mir von der Türkenzeit und von zweihundert Jahren erzählt, aber das, was hier drüben steht, ist ja viel, viel älter. Und daß es so dicht eingesponnen daliegt, das lieb' ich am meisten. Sieh doch nur hier, eine pure Wildnis.« Und dabei wies sie nach rechts hin auf ein niedriges und halb zerbröckeltes Mauerstück, das in seiner Front von Weinlaub halb überwuchert war, während von der Rückseite her allerlei Holunder- und Ebereschenbäume mit ihren schwarzen und roten Beeren in den inneren Schloßhof hineinwuchsen. »Und dies hier«, fuhr sie fort, »dies hier mit dem niedrigen Rundbogen, das muß die Kapelle sein, vielleicht nicht mehr im Gebrauch, aber doch in alter Zeit gewesen, viele hundert Jahre zurück. Versteht sich, da sind ja zwei Nischen, wo die Heiligen gestanden haben und der überhängende Turm. Und sieh nur, da ist auch das Glockenseil... Ach, Hannah, es bleibt dabei, das waren doch unsere besten Tage, wie wir noch mit dem Kirchenschlüssel in den Turm gingen und an dem Glockenseil zogen und den Abend einläuteten.«

Franziska, während sie so sprach, war wieder auf den Balkon hinausgetreten und schützte sich jetzt, so gut es ging, mit der Hand gegen die Sonne. Dabei sah sie nach dem Glockenturm hinauf, der im wesentlichen nichts war als eine vom Giebel her vorgeschobene Holzwelle mit einem hölzernen Schrägdach darüber. Auf dem Wellbaum aber, ganz wie segelreffende Matrosen auf einer Rahe liegen, lagen ein paar Arbeiter und zogen ein starkes Tau durch eine der Glockenösen, während ein paar andere von Dach und Giebel her ihre Kameraden bei der Hantierung unterstützten. Und wirklich nicht lange mehr, so sah Franziska, wie sich die größere Glocke zu senken begann, langsam und allmählich, bis sie das starke Bohlenbrett einer mit vier kleinen Pferden bespannten Schleife berührte, die mittlerweile von dem Torbogen her unter den Turm gefahren war.

Alles ging lautlos vonstatten, ohne daß irgendeiner der Schloßbewohner durch Neugier herbeigelockt worden wäre, vielleicht weil die Sonne so glühendheiß auf den Hof fiel. Endlich aber erkannte Franziska den Kutscher, der sie gestern vom Dampfschiff her abgeholt hatte.

»Was gibt es?« fragte sie hinunter.

»Kaput, Gräfin gnädigste.«

»Gestern?«

»Gestern«, klang es zurück. Und ehe sie weiterfragen konnte, setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und bog vom Hof her in den Schlängelweg ein, den man unter dem Portal hin noch eine Strecke weit verfolgen konnte.

Franziska war blaß geworden und zitterte. »Hast du's gehört?«

»Was?«

»Du fragst noch? Als man zu meinem Einzuge läutete...«

»... hatte die Glocke schon einen Sprung. Das ist es und weiter nichts. Glaube mir, ich versteh' mich auf Glocken, und wenn du durchaus was von Zeichen und Auslegung haben willst, so sag ' ich dir, es heißt: ›Alles, was hier nichts taugt oder einen Sprung hat, das muß jetzt ans Licht und offenbar werden. Ein neues Leben unter der neuen Gräfin!‹ Ja, Fränzl, das heißt es.«

»Ach, Hannah, das sagst du so, weil du mir ansiehst, daß es mir einen Stich ins Herz gegeben hat, und weil du mich trösten willst. Aber du redest es mir nicht fort. Es gibt eben Zeichen und Träume.«

»Für die, die daran glauben. Ich habe meinen lutherischen Katechismus und das Gesangbuch. Und das ist besser als Traumbuch und Aberglauben.«

 

Eine Stunde später war der Graf zurück und ließ fragen, ob die Gräfin eine Spazierfahrt mit ihm machen und darnach die Bildergalerie besichtigen wolle. Der alte Toldy habe schon Ordre, die Vorhänge zurückzuziehen und für Luft und Licht zu sorgen.

Franziska war froh – an ein »Nein« war ohnehin nicht zu denken –, und in halb wiedergewonnener guter Laune bestieg sie gleich darnach den Korbwagen, in dem sie schon gestern die Fahrt vom Dampfschiffe bis zum Schlosse gemacht hatte. Der Graf fuhr selbst, war sehr aufgeräumt und fragte viel und rasch, schwieg aber beharrlich über den Zwischenfall, trotzdem die Gerätschaften und Taue noch umherlagen, deren man sich bei dem Herabholen der Glocke bedient hatte.

Der Park war eine Schöpfung aus des Großvaters Tagen her und überdeckte den halben Schloßberg, der nach rückwärts hin ebenso sanft und allmählich wie nach vorne hin steil und plötzlich abfiel. Auf der allmählich abfallenden Seite waren fünf große Terrassen angelegt, die zunächst durch Treppenstufen, aber nebenher auch durch in der Serpentine gebaute Fahrwege miteinander Verbindung hielten. Innerhalb dieser Wege ging jetzt die Fahrt. Auf der zweiten Terrasse befand sich die Stelle, wo der artesische Brunnen gegraben wurde, dann kamen gespannte Teiche mit Hängeweiden, bis endlich eine schon ganz am Fuße des Berges gelegene Hütten- und Häuserreihe folgte, darin alles wohnte, was man trotz seiner Zugehörigkeit zu Haus und Herrschaft oben im Schloß nicht haben wollte: Slowaken und Walachen und der alte Zigeunerkönig Hanka, der von hier aus seinen meist auf der Wanderschaft begriffenen, ziemlich reichen Clan regierte. Zuverlässig war nur Klaus Ambronn, ein deutscher Schmied aus den Rheinlanden her, der, soweit es ging, nach dem Rechten sah und das Amt eines Vogts oder Schultheißen verwaltete.

Der Graf freute sich der Teilnahme, die Franziska sichtlich bewies und die noch wuchs, als sie wahrnahm, daß unter des Schloßherrn Passion auch die Parkpassion eine Rolle spielte. Geschickt raffte sie zusammen, was ihr von Sanssouci, Wörlitz und dem Dresdner Großen Garten her noch in Erinnerung war, und zog allergewagteste Parallelen, die jedoch dadurch eher gewannen als verloren, indem sie dem Grafen, was er sehr liebte, Gelegenheit zu Berichtigungen und Erklärungen boten.

Ausgangs der Hütten- und Häuserreihe stand eine Gruftkapelle, wenig über hundert Jahre alt, durch deren Gitterstäbe Franziska die großen Metallsärge stehen und eine, so schien es, von der Wölbung herunterhängende Lampe mit mattem Schimmer brennen sah. Sie wollte fragen, was es sei, bezwang sich aber und schwieg und beglückwünschte sich gleich darnach zu diesem Schweigen, als sie von der Kapelle her in einen entzückenden Wiesengrund einbogen, darin ein von einem Nachbarberge herankommender Bach schäumte. Zahlreiche Birkenbrücken führten von einem Ufer aufs andere hinüber und herüber, und an ebendiesem Bache hin ging jetzt eine halbe Stunde lang die Fahrt, bis der Graf, eine Kurve nach rückwärts hin beschreibend, einen breiten Platanenweg erreichte, der in seiner Verlängerung allmählich wieder auf die Schloßhöhe hinaufführte.

Franziska war sehr glücklich. Namentlich die Wiesengrundpartie hatte sie wirklich erquickt, und ein leises Unbehagen kam ihr erst wieder, als sie bei der Rückkehr in den Schloßhof des Glockenturms und der offenen Dachstelle darüber ansichtig wurde. Doch es ging rascher vorüber, als sie dachte, vielleicht weil ihr Hannahs Bild wieder in Erinnerung kam. »Ja, diese Bibel- und Gesangbuchleute«, sagte sie, »sie sind doch beneidenswert und nicht bloß besser, sondern auch klüger als wir. Wirklich, es verlohnte sich nicht, eine Stunde zu leben, wenn ein Menschenlos daran hinge, ob eine Glocke springt oder nicht.«

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