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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Vierzehntes Kapitel

Franziska war früh wach, setzte sich an das offene Fenster und sah auf den See hinaus, den von rechts her hohe Berge, von links her Hügelzüge mit Dörfern und Weingärten einfaßten. Einer aus der Reihe dieser Hügel aber, der höchste, war der Schloßberg, dessen steiler Abfall ihn, in der Front wenigstens, noch höher und stattlicher erscheinen ließ, als er war. Er bezeichnete genau die Stelle, wo die Hügellandschaft in das gebirgige Terrain überzugehen anfing. Am Fuße wand sich ein Bach, und Franziska, die gerne sehen wollte, woher er komme, bemerkte, nachdem sie seinen Lauf auch nach aufwärts hin verfolgt hatte, daß es derselbe von der Schloßberghöhle herabkommende Gießbach sei, nach dem Hannah am Abend vorher ausgeschaut hatte.

Sobald sie sich in dem allem zurechtgefunden, wandte sie sich wieder in das Zimmer zurück, um sich hier allmählich und mußevoll mit dem Raum vertraut zu machen, darin sie nun leben sollte. Die Möbel waren alt, aber wohlerhalten, und jedes Stück interessierte sie, zumeist eine Rokokokommode, die mit Schildpatt und großen goldenen Griffen reich ausgestattet war. Über dieser Kommode befand sich eine Bücheretagère von Nußbaumholz, auf deren oberstem Bord allerlei Meißner und chinesisches Porzellan stand, links und rechts zwei kleine Pagoden. Sie setzte dieselben in Bewegung und sah ihrem gravitätischen Kopfnicken zu. Dann aber nahm sie neugierig einige Bände.

»Was mag man nur früher hier gelesen haben?«

Es waren deutsche, französische, namentlich aber englische Bücher in buntester Reihenfolge. Werthers Leiden und Thomas a Kempis' Nachfolge Christi standen friedlich nebeneinander; dann kamen die Canterbury Tales in einer illustrierten Prachtausgabe, zuletzt aber Rousseau, mehrere Bände. Nichts war da, was auf einen bestimmten Geschmack hingedeutet hätte, nur auf jene literarisch gebildete Teilnahme, wie sie während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der Mode war.

Um neun Uhr wurde das Frühstück eingenommen, und Franziska begab sich auf die Veranda. Der Graf, als er sie kommen sah, warf die Morgenzigarette fort, legte die Zeitung aus der Hand und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl, um die neue Schloßherrin zu begrüßen. Sie trug ein Morgenkleid von weißem Kaschmir und empfing Schmeicheleien und Huldigungen von seiten des Grafen, der einen ausgebildeten Sinn für Toilettendinge hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber, und keinen Augenblick im Zweifel, welcher Ton anzuschlagen sei, begann sie von ihrer ausgestandenen Angst und Unruhe zu berichten.

»Und nun sage mir, Petöfy, habt ihr wirklich keine Gespenster?«

»Nein, Fränzl, in dem einen Stücke sind wir durchaus modern. Ein paarmal hat uns der Toldy dergleichen aufreden wollen; aber es kam nicht. Ich vermute, aus Respekt vor meinen Pistolen.«

»Und doch glaub' ich an Spuk und dergleichen.«

»Ich auch. Aber es muß was vorausgegangen sein, und dies alte Schloß Arpa, soweit ich seine Geschichte zurückverfolgen kann, ist einfach nur aus Stein und Mörtel aufgebaut worden und ist nichts dazwischen. Und sieh, wo die Dinge so schlicht und alltäglich liegen, da fehlen die Vorbedingungen für den Spuk. Ich möchte sagen, die Petöfys haben der Gespensterwelt nicht genug zu Gefallen getan und sich viel zu sehr als prosaisch ordentliche Leute geriert.«

»... So daß ich also behaupten darf, in eine durchaus respektable Familie gekommen zu sein.«

»Darfst du«, lachte der Graf. »Und wirklich, ein paar Kleinigkeiten, ein paar sehr ›läßliche Sünden‹ abgerechnet, wie Schwester Judith sagen würde, sind wir über das Hausbackenste nicht hinausgekommen. Eigentlich nie. Mein Urgroßvater ließ sich anfänglich gut an und entführte von Brüssel her eine Komtesse Damremont, aber es hielt nicht lange vor, er heiratete sie gleich nach der Entführung und strich also die Schuld aus seinem Schuldbuche wieder aus. Darnach kam mein Großvater, der in der Struensee-Zeit als Gesandter in Kopenhagen einen Grafen Schimmelmann im Duell über den Haufen schoß. Aber das ist auch alles.«

»Und am End' auch gerade genug.«

»Vielleicht. Nur nicht genug, um dir oder mir oder irgendwem anders durch Erscheinung einer Dame blanche die Nachtruhe zu stören. Und nun erlaube mir, dir von dieser Lachsforelle vorzulegen, eine Delikatesse, neben der selbst die Felchen im Bodensee verschwinden. Natürlich Spezialität von Schloß Arpa. Aber nun Pardon, wenn ich dich schon verlasse; meine Leute graben mir im Park einen artesischen Brunnen und sind schon, glaub' ich, über den Mittelpunkt der Erde hinaus. Alles, was Magyar ist, ist eigensinnig und will sein Ziel und Glück allemal da finden, wo er's zu suchen angefangen hat. Und wenn's eine Handbreit daneben liegt, so läßt er's liegen.«

»Was mir, beiläufig, gefällt. Man muß das Glück zu zwingen wissen.«

»Gewiß, aber seine Launen auch zu respektieren verstehen. Und nun au revoir.«

Auch Franziska erhob sich und ging in ihr Zimmer zurück.

Oben fand sie Josephine. »Ach, laß es heut', Josephine; Hannah soll kommen.«

Josephine knickste verdrossen und einigermaßen pikiert darüber, sich durch eine Rivalin verdrängt zu sehen, gleich darnach aber erschien Hannah mit dem Toilettenmantel und stellte sich hinter den Stuhl ihrer Herrin.

»Weißt du, Hannah, mir ist, als hätt' ich dich fünf Jahre lang nicht gesehen, und doch ist es, laß mich rechnen, erst neunzehn Tage, daß wir von Wien nach Italien abreisten. Ich hätte dich so gerne mitgehabt. Und dann dacht' ich auch wieder, es sei besser so.«

»Das war es auch.«

»Vielleicht. Aber jede Stunde hast du mir gefehlt.«

»Und doch soll es in Italien so wunderschön sein und so viel zu sehen, daß man gar nicht weiß, wie man damit zu Ende kommt.«

»Das ist es ja, Hannah, und eben deshalb ist es am besten, man fängt gar nicht erst an. Du hast keine Vorstellung, wie müd' ich immer war. Und dabei mußt' ich in einem fort bewundern und alles schön finden und glücklich sein.«

»Ja, glücklich sein; warst du's denn nicht?«

»Oh, gewiß war ich's. Er ist ja so gut gegen mich und überschüttet mich mit Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten. Und auch mit Geschenken. Aber sieh, es ist ein Unglück, ich hänge nicht an Geschenken; ich finde sie beschwerlich und langweilig. Und nun denke dir, immer Ketten und Gehänge, daraus man sich nichts macht, und zehntausend Bilder, die man nicht versteht.«

»Zehntausend?«

»Oder sage die Hälfte, meinetwegen, aber das macht gar keinen Unterschied. Einer von den berühmten Malern hat das ›Paradies‹ gemalt, auf dem tausend Figuren sind; ich glaube, so viele kommen gar nicht ins Paradies hinein. Der Graf war auch der Meinung und freute sich, als ich's sagte, denn ich muß es dir wiederholen, er ist von einer beständigen Güte gegen mich und findet alles hübsch und reizend, was ich sage, so daß es mich geradezu beschämt. Aber während ich das von dem Paradiese so scherzhaft und zu seiner wirklichen Erheiterung hinsagte, war er doch zugleich auch ein wenig ärgerlich auf mich, und warum? Weil es wie Kritik klang und er in einem fort immer nur Bewunderung, immer nur Kunstbewunderung von mir verlangte.«

»Du bist doch aber selbst eine Künstlerin.«

»Eben weil ich es bin oder es zu sein mir wenigstens einbilde, gerade deshalb bin ich so sehr gegen Überspanntheiten auf diesem Gebiet. Immer nur die, die von der Kunst wenig wissen und verstehen, finden alles himmlisch und göttlich. Auch der Graf hat mehr Begeisterung als Verständnis. Erinnere dich nur, genaugenommen, wußt' er auch vom Theater nicht viel, trotzdem er die Wolter elfmal als Messaline gesehen hatte. Das sieht wie Studium aus, bedeutet aber wenig oder nichts. Er kennt eigentlich nur Personen, die ihm gefallen, und solche, die ihm mißfallen. Und das nennt er dann Kunst und Kritik! Und nun gar Bilder... Aber stelle dich hierher, daß ich den Blick auf den See frei habe... Nun, also Bilder, sagt' ich. Ja, was tat er? Er nannte die Namen, und diese Namen gingen ihm glatt genug über die Lippen, denn er spricht recht gut Italienisch. Aber das ist auch alles. Und weil er zufällig viele Jahre lang in Verona gestanden hat, so sprach er am liebsten... Aber kennst du Paul Veronese?«

»Gott, Franziska. wir sind doch aus einem gebildeten Lande.«

»Nun gut also. Da hättest du nun hören sollen, was er mir alles vorschwärmte von Kolorit und pastos und satten Farben. Ja, du lachst, aber wirklich von satten Farben. Und das alles, wenn man elend und hungrig ist und kaum noch stehen kann, denn sie haben nirgends Stühle, bloß Bilder und immer wieder Bilder. Ach, da hieß es dann, sich zusammennehmen, und mir war oft das Weinen nahe. Und doch ist er so gut, und ich muß und will ihm zuliebe leben, auch in kleinen Dingen. Denn an kleinen Dingen hängt ja das Glück und in der Ehe erst recht. Und ich bin doch nun in der Ehe.«

»Versteht sich, bist du.«

Franziska errötete. Dann faßte sie sich wieder und sagte: »Ja, Hannah, da hast du mir gefehlt und bei hundert anderen Gelegenheiten. Denn die Josephine dalberte nur immer, erst mit dem Zimmerkellner und dann mit dem Andras, trotzdem er noch ein halbes Kind ist und erst sechzehn wird... Aber, o Gott, was schwatz' ich da von Venedig und Josephinen, all das bedeutet ja nichts, und nur das bedeutet was, wie dir's ergangen ist, dir, meiner lieben Hannah. Denn darin spiegelt sich mein eigenes Leben und wie mir's in Zukunft ergehen wird. Und nun sage mir, wie die Leute hier sind. Alles, was du mir gestern erzählt hast, war lange nicht genug und nur so notdürftig drüber hin. Ich will aber alles wissen, alles, ob sie freundlich und entgegenkommend sind oder zurückhaltend, offen oder verschlagen, gewitzt oder abergläubisch, mit einem Wort, gut und böse. Verschweige mir nichts. Und nun sprich und stelle sie mir vor, einen nach dem andern, als ob sie leibhaftig vor mir stünden.«

»Also, der alte Czagy...«

Franziska nickte.

»Der ist der erste, daran ist kein Zweifel. Er hat mehr Einfluß als alle anderen zusammengenommen. Aber wichtiger für dich ist doch eigentlich der kleine Kaplan.«

»Ein Kaplan? Hier im Schloß?«

»Nein, unten in der Stadt. In Szegenihaza. Wenn du das Glas nimmst, kannst du sein Haus sehen.«

»Und dann?«

»Nun, dann haben wir noch den Toldy, den alten Toldy.«

»Oh, den kenn' ich. Das ist des Andras Vater.«

»Ja. Aber außer dem Andras hat er noch elf andere Kinder. ›Je mehr Magyar, je mehr Freiheit‹, ist einer von seinen Sätzen und Glaubensartikeln.«

»Also wohl überspannt?«

»Ich weiß es nicht sicher. Nur das weiß ich, er war Honvedfähnrich und hat einen Hieb über den Kopf von Anno neunundvierzig her. Es kann also wohl sein. Ist immer ungrisch rabiat und haßt alles, was kaiserlich ist. Aber ehrlich und kreuzbrav und kann erzählen und Geige spielen und hat nicht bloß den Garten und das Treibhaus unter sich, sondern auch die Galerie. Da weiß er gut Bescheid und kennt jeden Petöfy.«

»Gut. Aber als ich gestern hier ankam, hab' ich nicht drei, sondern dreißig gesehen oder doch nicht viel weniger. Ich erschrak ordentlich. Ein paar sahen aus wie Zigeuner.«

»Und sind es auch, und sind eigentlich alle wie Zigeuner oder Mäusefallenhändler. Alle schlank und braun und langes Haar und gutmütig und lachen immer. Aber ich trau' keinem nicht. Wutsch, ist ein Löffel weg. Es ist alles wie in der Verschwörung.«

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