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Graf Petöfy

Theodor Fontane: Graf Petöfy - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleGraf Petöfy
authorTheodor Fontane
year1997
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-24164-6
titleGraf Petöfy
pages3-204
created20000615
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Elftes Kapitel

Eine Woche später hatte man sich wieder in dem alten Petöfyschen Palais eingerichtet, und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras, der den Verkehr zwischen den beiden Flügeln unterhielt, einige Zeilen, in denen ihm Judith in aller Kürze mitteilte, daß sie Franziska gesprochen habe. Dieselbe sei dem Anschein nach nicht allzu überrascht oder doch wenigstens vollkommen ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch.

Es war elf Uhr, als ihm diese Zeilen zu Händen kamen, und vor Ablauf einer Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesiner Gasse. Das Leben in der Ringstraße kam ihm heute noch heiterer vor als gewöhnlich, und das Haus selbst, das in mittäglichem Sonnenschein dalag, schien ihm, als er von der Innenstadt her in die Vorstadt einbog, nur Glück und Freude bedeuten zu sollen.

Oben traf er Hannah, die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten bat. Das Fräulein sei zur Probe, müsse jedoch sehr bald wieder da sein.

Das Zimmer, in das er von Hannah geführt worden war, war dasselbe, in welchem Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Gräfin eine Schilderung des cercle intime versucht hatte. Nichts darin, das im geringsten an ein Boudoir erinnert hätte, vielmehr herrschte statt alles russisch Patschulihaften, das sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein pflegt, eine norddeutsche Schlichtheit und Ordnung und eine beinahe holländische Sauberkeit vor. Auf dem Sofatische stand eine Marmorschale mit Weinlaub und Erdbeeren darin und daneben ein Schmuckständerchen, das hier wie zufällig oder vielleicht auch in der Hast einer etwas zu spät beendeten Toilette stehengeblieben war. Ein Kettenarmband lag auf dem Tische daneben, an dem Ständerchen selbst aber hing ein einfaches, nur aus zwei Golddrähten zusammengelegtes Ringelchen, das statt eines Steins nichts als eine Goldplatte mit einem emaillierten Vergißmeinnicht zeigte.

Der Graf hing eben noch seinen Betrachtungen über das Ringelchen nach, das augenscheinlich ein Geschenk aus der Schul- oder Konfirmandenzeit her war, als Franziska durch eine Seitentür eintrat und ihn, unter Ausdruck ihres Bedauerns über eine Verspätung auf der Probe, mit leichter Handbewegung aufforderte, seinen Platz auf dem Fauteuil wieder einzunehmen.

Er seinerseits hatte sich einige Worte zurechtgelegt, Worte, darin sich der »Graf« und der »Liebhaber« ziemlich genau die Waage hielten. Aber ihr Erscheinen änderte sofort seinen Entschluß und ließ ihn umgekehrt empfinden, daß es geraten sein würde, das erste Wort ihr zu lassen.

Auch Franziska schien es von dieser Seite her anzusehen und das »erste Wort« als ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen. Sie sagte deshalb, während sie sich auf das Sofa niederließ: »Ihr Vertrauen zu meinen Erzählungskünsten, Graf...«

Er drohte scherzhaft mit dem Finger, aber Franziska ließ sich nicht stören und fuhr in leichtem und beinahe übermütigem Tone fort:

»Ja, Graf, wir Frauen bleiben immer dieselben und wollen schließlich um unseres Ichs willen adoriert werden. Und nur um unseres Ichs willen. Darin bin ich wie andere. Statt dessen erscheint Graf Petöfy mit einem allerschmeichelhaftesten Antrage, der aber alles Schmeichelhaften unerachtet doch schließlich auf nichts anderes hinausläuft als darauf, eine Märchenerzählerin, eine Redefrau haben zu wollen, etwa wie Louis Napoleon einen Redeminister hatte. Werbung um eine Plaudertasche. Vielleicht der einzige Fall in der Weltgeschichte, die nach dem Maße meiner allerdings vorwiegend aus dem historischen Lustspiel herstammenden Geschichtskenntnis immer nur das Umgekehrte zu verzeichnen hatte. Nämlich: mulier taceat...«

»... in ecclesia«, lachte der Graf. »Und zwar nur in ecclesia. Sie dürfen nicht halb zitieren, Franziska. Gleichviel indes, ich weiß nun alles; Sie würden anders zu mir sprechen, wenn Sie vorhätten, mir mit einem ›Nein‹ entgegenzutreten. Ich bin unendlich glücklich darüber, und wenn Sie das Ohr für die Stimme des Herzens haben – und Sie haben dies Ohr –, so wird es Ihnen auch gesagt haben, daß ich, um Ihre Worte zu wiederholen, keine Redefrau, keine Plaudertasche will, die mir Geschichten erzählt und mich abwechselnd durch Drolerien und Anekdoten unterhält. Allerdings will ich unterhalten sein, aber auch das Unterhaltlichste, das Beste, das Sie mir aus Ihrer Gabe Fülle zu bieten imstande sind, wenn ich es loslöste von Ihnen, von Ihrer Person, so wäre das Beste das Beste nicht mehr. Der Zauber Ihrer Rede sind schließlich doch Sie selbst. Und so komme ich denn noch einmal mit diesen meinen ausgestreckten Händen und bitte Sie, dem, was mir vom Leben noch bleibt, einen Inhalt und mit dem Inhalt einen Glanz, ein Glück und eine Freude geben zu wollen.«

Es schien, daß Franziska nach einer Antwort suchte, der alte Graf aber fuhr fort:

»Ich lese deutlich, was in Ihrer Seele vorgeht. ›O dieser Selbstling, der im Grunde nur einen gefälligen Ton für sein Ohr oder ein sich einschmeichelndes Bild für sein Auge sucht und doch zugleich einen Lebenseinsatz fordert, ein Leben und ein Herz.‹ Aber nein, Franziska, kein Herz oder doch nicht das, was die Welt, die Jugend, ein Herz zu nennen beliebt. Ein anderes, das nichts weiter bedeutet als Sympathie. Meine Wünsche, dessen bin ich gewiß, halten sich innerhalb des Erfüllbaren. Worauf bin ich aus? Ich kann keine trüben Gesichter sehen und liebe Licht und Lachen und Esprit und Witz. Das ist alles, und nur darauf bin ich aus. In meiner Jugend galt ein Champagnerleben als ein Ideal. Aber auch das ist mir zu schwer. Es gibt eine Luft, unter deren Einatmung die Freude kommt und heitere Bilder aus der Seele sprießen. Nach der Luft dürst' ich, und ich habe sie, wenn ich in Ihrer Nähe bin. Um diese Nähe werb' ich, Franziska, nicht um mehr. Sie sollen frei sein und die Grenzen Ihrer Freiheit selber ziehen; Ihr feiner Sinn ist mir Bürge, daß Sie sie richtig ziehen werden.«

Franziska lächelte leise vor sich hin, und eine Verlegenheit, die sie, während sie sich ähnlicher Worte der Gräfin erinnerte, wenigstens momentan beschlichen hatte, fiel rasch wieder von ihr ab. »Ich glaube, Graf«, sagte sie, mit Geflissentlichkeit einen halb scherzhaften Ton anschlagend, »Sie verkennen mein Geschlecht. Ich sehe Schwierigkeiten, aber ich sehe sie nicht da, wo Sie sie sehen. Unser Erbteil ist Neugier, nichts weiter, und was sich aus der ewig beargwohnten Welt der Gefühle mit einmischt, das wiegt nach meiner Erfahrung nicht allzu schwer. Ich kenne die Skala dieser Gefühle, habe die Mittelgrade selbst durchmessen und bin ohne rechten Glauben an die Hoch- und Siedegrade der Leidenschaft. Also nicht das, Graf... Und auch nicht die Kunst. Es gab freilich einmal eine Zeit, in der ich ehrlich und aufrichtig des Glaubens war, ohne Kunst nicht leben zu können. Aber das liegt hinter mir. Um in diesem Glauben zu verharren, dazu muß man eine Törin oder ein Genie sein. Und ich bin weder das eine noch das andere.«

»Und doch...«

»Nein, kein ›doch‹; nur einfach ein Geständnis meiner Furcht. Ich fürchte mich vor dem kleinen Kriege, der meiner harrt, vor dem Neid auf der einen und dem Hochmut auf der andere Seite, vor den Kränkungen und Nadelstichen, die mir nicht erspart bleiben werden.«

»Und ich meinerseits wüßte niemand, der sich zu diesen Nadelstichen versucht fühlen könnte, niemand. Und kämen sie doch, nun, so gibt es Mittel, ihnen zu begegnen. Das mag meine Sorge sein. Frisch auf denn, Franziska, Mut und Hoffnung! In mein altes Schloß Arpa soll wieder das Leben einziehen, und das Ungarn der Wirklichkeit soll Sie das Ungarn Ihrer Kinderphantasie, so denk' ich, für immer vergessen lassen.«

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