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Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.

August von Kotzebue: Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka. - Kapitel 7
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authorAugust von Kotzebue
titleGraf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.
publisherVerlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig
booktitleTheater von August v. Kotzebue. Vierter Band.
year1840
firstpub1794
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Fünfter Act

Erste Scene

Crustiew. Stepanoff. Dann Benjowsky.

(In Crustiews Wohnung. Die Verschwornen liegen in Gruppen an den Wänden umher, und schlafen. Jeder hat eine Flinte neben sich und ein paar Pistolen im Gürtel.

Crustiew sitzt auf einer Bank mit geschlossenen Augen. Man wird an seiner Unruhe gewahr, daß er umsonst zu schlafen versucht. Er steht endlich auf.)

Ich kann nicht schlafen. Mag ich den Kopf doch wenden wohin ich will, so höre ich einen Puls; das Blut hüpft durch meine Adern. Immer braust es mir vor den Ohren: Morgen! Morgen! Tod oder frei! Die kalten Schatten dieser Nacht verjagt der Freiheit helle, warme Sonne – Morgen ist mein Geburtstag, morgen fang' ich wieder an zu leben – hier – oder dort – Leb' wohl, du finstere Herberge meiner Leiden! ich verlasse dich ungern. Gewohnheit macht auch den Kerker schön. Jede Spinne ist mir lieb geworden, jede Maus ist meine Freundin – Auch diese Welt ist nur ein Kerker, an den uns die Gewohnheit fesselt. Hier sind wir schon bekannt, dort fremd – man geht nicht gern unter Fremde.

Step. (tritt herein).

Crust. Wo bist du wieder gewesen?

Step. Draußen.

Crust. Du läufst so unruhig hin und her? –

Step. Bist du ruhig?

Crust. Ist alles still draußen?

Step. Die Wölfe heulen.

Crust. Den Grabgesang der Sklaverei.

Step. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Crust. Mir gibt die Hoffnung Zuversicht.

Step. Wir hoffen Alle, aber die Hoffnung ist ein Regenbogen, jeder Mensch hat seinen eigenen.

Crust. Es ist spät?

Step. Mitternacht vorüber.

Crust. Ich bin besorgt um den Grafen.

Step. Auch ich.

Crust. Wirklich?

Step. Warum nicht? Er ist vermählt, Afanasja mein!

Crust. Liebt sie dich?

Step. Ich entführe sie.

Crust. Wird sie dann dich lieben?

Step. Gleichviel.

Crust. Pfui der thierischen Liebe!

Step. Der Greis denkt die Liebe, der Jüngling fühlt sie.

Crust. Der edle Jüngling muß nicht fühlen, was der Greis nicht denken darf.

Step. Schöne Worte.

Crust. An dich verschwendet.

Step. Ich wollte, es wäre Tag, und alles vollbracht so oder so.

Crust. Die Stunden kriechen –

Step. Ja wohl!

Crust. Wie die Verrätherei im Finstern.

Step. (betroffen). Was willst du damit sagen?

Crust. Nichts. Warum fällt das Bild dir auf?

Step. Weil – weil ich ungeduldig bin.

Benj. (tritt herein).

Crust. Ha, Benjowsky! endlich!

Step. (bei Seite). Ihn schützt der Satan! (laut.) Sei willkommen!

Crust. Wir waren unruhig.

Benj. Und mit Recht. Verdacht und Argwohn haben sich um unser Dorf gelagert. Wir müssen eilen.

Crust. Alles ist bereit.

Benj. Desto besser! Kudrins Plauderei hat uns an den Rand des Abgrundes geführt, ohne Weiberlist wären wir verloren.

Step. (bei Seite). Er weiß nichts.

Crust. Wo ist Kudrin?

Benj. Ich sandte ihn nach dem Schiffe.

Crust. Dort ist er sicher.

Benj. Wie sind uns're Leute vertheilt?

Crust. Ein starker Haufe wacht im Hafen, ein anderer geht die Runde um das Dorf.

Step. Der Stärkste lauert in der Kirche auf das Zeichen mit der Glocke.

Crust. Unsere Vertrauten liegen hier und schlummern.

Benj. Gut. Sie sammeln Kräfte und werden sie gebrauchen. Ist die Brücke abgebrochen?

Crust. Gestern Abend schon.

Benj. Das Pulver und die Kugeln? –

Crust. Alle ausgetheilt.

Benj. Und der Hinterhalt am Flusse? –

Crust. Boskarefs Sorge anvertraut.

Benj. So dürfen wir ruhig sein. – Wie steht's mit dir, Stepanoff? sind wir Freunde?

Step. Halte Wort und wir sind's.

Benj. Was versprach ich dir?

Step. Afanasjas Besitz.

Benj. Den kann nur sie gewähren.

Zweite Scene.

Vorige. Kasarinoff. Ordonnanz.

Erster Verschw. (kömmt zu Benjowsky). Kasarinoff will dich sprechen.

Benj. So spät? laß ihn kommen.

Erst. Verschw. (Ab).

Step. Ein Fremder?

Crust. Wenn er unsere Anstalten gewahr wird? –

Benj. Sei unbesorgt, ich bürge für ihn.

Kasar. (eilig). Rette dich, Benjowsky!

Benj. Warum?

Kasar. Du bist verrathen.

Step. (erschrickt).

Benj. Durch wen?

Kasar. Durch den Kosaken Kudrin.

Benj. Ich danke dir.

Kasar. Sonst nichts.

Benj. Ich wußte schon –

Kasar. Und so ruhig?

Benj. Kudrin ist in Sicherheit.

Kasar. Ja wohl in Sicherheit.

Benj. Auf unserm Schiffe.

Kasar. Auf der Wache.

Benj. Was sagst du?

Kasar. Vor wenig Augenblicken schleppte man ihn fort, der Hettmann selbst ließ ihn in Fesseln legen. Er hat alles bekannt.

Benj. (mit dem Fuße stampfend). Verdammt! so ließ er sich doch erwischen.

Kasar. Der Hettmann wird mit einer starken Wache bald hier sein, um dich abzuholen.

Benj. Wohlan, so muß ich denn die Mine früher springen lassen.

Kasar. Leb' wohl.

Benj. Wohin?

Kasar. Ich eile nach Hause, Weib und Kinder sind allein, und fürchten sich, wenn es Lärm gibt.

Benj. Leb' wohl, ehrlicher Knabe! Morgen bringt ein freier Mann dir seinen Dank.

Kasar. (geht ab).

Benj. Verdoppelt eure Vorsicht! auf den ersten Wink muß alles unter den Waffen stehen.

Crust. Soll ich die Glocke ziehen?

Benj. Noch nicht. (Er sieht nach der Uhr.) Es ist zwei Uhr. Ich wünsche den Tag herbei.

Step. Warum nicht gleich?

Benj. Damit in der Finsterniß nicht Brüder gegen Brüder fechten.

Ordon. (tritt herein, in Begleitung des elften Verschwornen). Das gnädige Fräulein sendet Euch diesen Zettel.

Benj. Gab sie ihn selbst in deine Hand?

Ordon. Sie selbst.

Benj. (öffnet den Zettel, die rothe Bandschleife fällt heraus). Ha! ich verstehe. Habe Dank, gutes Mädchen! du hast Wort gehalten. Diese Schleife sei mein Ordenszeichen. (Er heftet sie in das Knopfloch.) Nehmt ihn in Verhaft.

Ordon. (erschrocken). Warum?

Benj. Du hast gelogen.

Ordon. Ich bin unschuldig.

Benj. Fort mit ihm!

Erster Verschw. Komm, guter Freund, ich will dir deine Wohnung zeigen. (Er schleppt ihn heraus.)

Benj. Die Gefahr naht mit starken Schritten. Wir dürfen nicht länger zaudern. Munter, meine Brüder! die große Stunde ist da. Noch ehe es Tag wird, müssen wir beginnen. Vielleicht feiert schon die Morgensonne unsern Sieg. – Auf, ihr Schläfer, auf! der Freiheit Stimme ruft! – Wie sie schlafen, als ob morgen Festtag wäre. He da! will den Keiner erwachen! (Man hört draußen eine Trommel rühren.) Aha! der Hettmann übernimmt die Mühe, die Schlummernden zu wecken.

Alle (taumeln in die Höhe, da sie die Trommel hören, und greifen schlaftrunken nach ihrem Gewehr).

Benj. Ermuntert euch, meine Brüder! der Feind ist vor der Thür.

Alle (stürmen nach der Thür zu). Wir sind munter! Wir sind bereit!

Dritte Scene.

Vorige. Hettmann.

Benj. Halt! Ordnung! Ruhe! Lichter weg! (Die Lichter werden ausgelöscht.) – Zwei von euch treten an das Fenster, öffnet es, legt euer Gewehr an, und haltet euch fertig; die andern beiden an diesem Fenster eben so. Ihr, Crustiew und Stepanoff, besetzt die Thür. Laßt jedermann herein, doch keinen heraus. (Die Trommel wird auf's neue gerührt, Benjowsky am Fenster.) Was gibt's da? wer stört unsere Ruhe?

Hettm. (von draußen). Graf Benjowsky, im Namen der Kaiserin nehme ich dich gefangen.

Benj. Seid Ihr es, Hettmann? immer herein! Ein unvermutheter Besuch, ist d'rum nicht minder Willkommen.

Hettm. Ergib dich.

Benj. Vergönnt nur, daß ich mich zuvor ein wenig kleide. Ich springe eben halb nackend aus dem Bette.

Hettm. So kleide dich.

Benj. Wollt Ihr nicht indessen näher treten?

Hettm. Nein.

Benj. Ich habe eine Flasche guten ungarischen Wein, bei dieser Kälte sehr erquickend.

Hettm. (die Ohren spitzend). Wie?

Benj. Ein wahrer Göttertrank.

Hettm. Echter Ungar?

Benj. Ich erkenne ihn für meinen Landsmann. Kommt herein und kostet.

Hettm. Bist du allein?

Benj. Ganz allein.

Hettm. Schon gut, ich komme. (Zu seinen Leuten,) He da! Corporal! Fein wachsam! laßt mir keinen entwischen. Die Thür besetzt, die Säbel blank, ich komme gleich zurück.

Benj. (sich umkehrend). Das lügst du, alter Thor! nur einwärts in des Löwen Höhle geh'n die Fußtapfen.

Hettm. (tritt herein).

Crust. und Step. (packen ihn).

Hettm. (will schreien, und sich widersetzen).

Benj. (zieht ein Pistol hervor). Nicht einen Laut, oder Ihr seid des Todes!

Hettm. Wie? Ihr untersteht Euch –

Benj. Ruhig, Hettmann, wir sind hier die Stärkern.

Hettm. Verdammt! –

Benj. Gebt Euren Säbel ab.

Hettm. Vergeßt nicht, wer ich bin.

Benj. Unser Gefangener.

Hettm. Keine Mißhandlungen –

Benj. Euch soll kein Leid widerfahren, wenn Ihr thut, was ich verlange.

Hettm. Was verlangst du?

Benj. Tretet hier an dieses offene Fenster, ruft Euren Leuten lustig zu, sie sollen herein kommen, Alle, sie sollen trinken, hier sei keine Gefahr.

Hettm. Ich will nicht.

Benj. So müßt Ihr sterben.

Hettm. Das will ich auch nicht.

Benj. So vollzieht meinen Befehl.

Hettm. Befehl?

Benj. Oder Bitte, wenn Ihr lieber wollt.

Hettm. Bitte? Ja, das ist ein Anderes.

(Er nähert sich dem Fenster.)

Benj. (ihm das Pistol vorhaltend). Diese Kugel durch Euern Kopf, wenn Ihr durch ein zweideutiges Wort verrathet –

Hettm. Bleib mir vom Leibe und laß mich nur machen. (Er ruft hinaus.) Kinder, hier ist alles ruhig, kommt herein und trinkt.

Benj. (ihm zuflüsternd). Alle.

Hettm. Kommt alle herein.

Benj. Ohne Gewehr.

Hettm. Lehnt eure Gewehre indessen an die Wand.

Corporal (antwortet draußen). Schon gut.

Benj. Hinaus, meine Brüder! nehmt sie in Empfang und sperrt sie ein im Keller.

Alle (Verschwornen stürzen hinaus).

Hettm. Wißt Ihr auch, was dieser Spaß Euch kosten kann?

Benj. Nun?

Hettm. Wenn ich sage Spaß, so verstehe ich darunter Ernst.

Benj. Also im Ernst? –

Hettm. Die Knute.

Benj. Wirklich?

Hettm. Nase und Ohren aufgeschlitzt.

Benj. Ei!

Hettm. Laßt mich fort.

Benj. Geduld.

Hettm. Ihr seid verloren, unsere Anstalten sind gut.

Benj. Laßt doch hören.

Hettm. Alle Truppen unter dem Gewehr.

Benj. So?

Hettm. Sie rücken an.

Benj. Desto besser.

Hettm. Mit Kanonen.

Benj. Viel Ehre.

Hettm. Schießen das Dorf in Brand –

Benj. Man wird löschen müssen.

Hettm. Schlagen euch todt –

Benj. O weh'!

Hettm. Dann werdet Ihr vergebens um Gnade bitten.

Benj. Für dies Mal ist's an Euch.

Hettm. (bei Seite). Verdammter Hund! mit seinem echten Ungar!

Alle (Verschwornen kehren zurück mit Lichtern).

Crust. Alles glücklich vollbracht.

Benj. Gut. Der Hettmann ist so gütig gewesen, mich zu benachrichtigen, daß der Feind mit Kanonen anrückt. Wir müssen ihn empfangen. Geht Kinder, zieht die Glocke.

(Man läutet.)

Benj. (zum Hettmann). Da ein Offizier sein Kommando nicht verlassen darf, so muß ich Euch bitten, die Gesellschaft im Keller zu vermehren.

Hettm. Was? mich in den Keller?

Benj. Es ist ein Weinkeller.

Hettm. Nimmermehr!

Benj. (die Achsel zuckend). Man wird Gewalt brauchen müssen.

Hettm. Eher lasse ich mich in Stücken hacken.

Benj. Auch das, wenn Ihr wollt.

Hettm. Wie lange soll ich da sitzen?

Benj. Nur bis morgen früh.

Hettm. Es sei d'rum. Ihr seht, Graf Benjowsky, Euch zu Liebe lasse ich mir vieles gefallen. Wenn ich sage Vieles, so verstehe ich darunter den Keller. (Er geht ab, vom ersten, zweiten und dritten Verschwornen begleitet.)

Benj. Mit dem Narren wären wir fertig. Ist keiner entwischt?

Crust. Ein einziger, der schnell zurück sprang, und in der Dunkelheit entschlüpfte.

Benj. Das ist dumm. So erfährt der Gouverneur doch –

Vierte Scene.

Vorige. Afanasja.

Afan. (stürzt herein, in Kosaken-Kleidung, den blanken Säbel in der Faust). Benjowsky! Rette dich!

Benj. (erstaunt). Afanasja!

Afan. (athemlos). Soldaten! überall Soldaten!

Benj. Was soll diese Verkleidung?

Afan. Ich will mit dir sterben.

Benj. Edles Mädchen!

Afan. Du bist verrathen, schändlich verrathen!

Benj. Ich weiß es, Kudrin –

Afan. Nicht Kudrin – (auf Stepanoff zeigend). Hier steht der Verräther.

Benj. Wer? Stepanoff?

Afan. (zu Stepanoff, seinen Brief hervorziehend). Kennst du diesen Brief?

Step. (schweigt bestürzt).

Benj. (reißt ihr den Brief aus der Hand, und liest ihn). Ha! Bösewicht! Kennst du diesen Brief?

Step. Meinst du, ich fürchte dich? und werde meine Hand ableugnen? – Ich hab' ihn geschrieben.

Benj. So spieltest du mit deinem Eid? mit deiner Brüder Leben?

Step. Mit deinem Leben.

Benj. (sich zu den Uebrigen wendend). Verrätherei.

Alle. Haut ihn nieder!

Step. Wie ihr wollt. Ohne dieses Mädchen ist mir das Leben eine Last. Gebt sie mir, und mein letzter Tropfen Blut soll für euch fließen.

Afan. Geben? mich geben? – Eher legt mich in das Grab, als in seinen Arm.

Step. Ha! verflucht! Rache! Rache! und dann willig in den Tod!

Alle. Haut ihn nieder!

Benj. Halt! straft ihn durch Verachtung.

Step. (wüthend). Verachtung? mir?

(Er zieht rasch den Säbel und haut nach Benjowsky.)

Afan. (ihm in den Arm fallend). Gott!

Erster, zweiter, dritter Verschw. (packen ihn von hinten und entwaffnen ihn).

Step. (mit verbissener Wuth). Laßt mich – ich ergebe mich – du hast gesiegt Benjowsky – sie war dein Schutzgott – ich empfinde Reue – vergebt mir – tödtet mich –

Benj. Führt ihn fort!

Step. Nur noch einmal, Afanasja – reiche dem Verbrecher deine sanfte Hand – daß ich sie an meine Lippen drücke – zum Zeichen der Vergebung –

Afan. (ihm mitleidig die Hand reichend). Unglücklicher!

Step. (zieht schnell ein Messer hervor und will sie erstechen).

Benj. (schleudert sie fort). Ha! Ungeheuer!

Step. Auch das mißlang!

Benj. Jetzt haut ihn nieder!

Alle (ziehen die Säbel).

Step. Die Freude sollt ihr nicht haben.

(Er stößt sich das Messer in die Brust.)

Afan. (fährt mit Entsetzen zurück, und verbirgt ihr Gesicht an Benjowskys Busen).

Benj. Wüthender!

Step. (sich krümmend). Getroffen – Gut getroffen – Fluch dir, Benjowsky! – Fluch! –

Benj. Schleppt ihn hinaus!

Step. Fluch über Benjowsky!

Erster, zweiter, dritter Verschw. (schleppen ihn fort).

Benj. Erhole dich, liebe Afanasja.

Afan. (bebend). Ist er todt?

Benj. Wohl uns!

Afan. Es jammert mich doch.

Benj. Er war sein eig'ner Henker.

Afan. Die Liebe –

Crust. Entweihet diesen Namen nicht.

(Man hört in der Ferne anhaltend schießen. Das Folgende wird sehr rasch gespielt.)

Benj. Was ist das?

Afan. Die Soldaten –

Benj. Schon handgemein?

Crust. Wohlan, nun gilt's!

Erster Verschw. (stürzt herein). Es wird geschossen!

Crust. Wir hören es.

Benj. Auf Brüder! zu den Waffen!

Ernst. Läutet die Glocke!

(Man hört von Zeit zu Zeit die Glocken läuten, und ununterbrochen in der Ferne schießen.)

Benj. Wo bleibst du, Afanasja!

Afan. Bei dir.

Benj. Aber die Gefahr –

Afan. Ich theile sie mit dir.

Zweiter Verschw. (stürzt herein). Es wird stark geschossen.

Benj. Wo?

Zweiter Verschw. Es schallt den Fluß herauf.

Crust. Boskareff vermuthlich –

Dritter Verschw. (athemlos.) Zu Hilfe! zu Hilfe!

Benj. Was gibt's?

Dritter Verschw. Der Feind wird uns zu mächtig – unten im Hohlwege –

Benj. Fort! Fort! Gedenkt der Losung: Freiheit oder Tod!

Alle Verschw. (die Säbel schwingend). Freiheit oder Tod!

(Sie stürzen hinaus.)

Fünfte Scene.

(Ein Zimmer des Schlosses.)

Gouverneur. Ein Soldat. Feodora.

Gouv. (geht unruhig auf und nieder). Noch keiner zurück. – Was soll daraus werden? – Wo bleibt der Hettmann – die Ordonnanz – ich höre Schuß auf Schuß – die Handvoll Menschen wehrt sich hartnäckig. – Ha! Benjowsky! wehe dir, wenn meine Rache deinem Undank gleich kommt.

Ein Soldat (stürzt herein). Ich bin entronnen.

Gouv. Wo ist der Hettmann?

Soldat. Gefangen.

Gouv. Und meine Ordonnanz?

Soldat. Gefangen.

Gouv. Geh' zum Teufel!

Soldat. Durch List haben sie den Hettmann gelockt.

Gouv. Weißt du sonst nichts?

Soldat. Sie ziehen herauf.

Gouv. Wer?

Soldat. Die Rebellen.

Gouv. Viele?

Soldat. Große Haufen.

Gouv. Sind auch Freie d'runter?

Soldat. Ich glaube ja.

Gouv. (bitter). Warum nicht! Aufruhr ist ansteckend wie die Pest. Wer Pöbelherzen nur durch Wohlthaten zu fesseln gedenkt, der hat mit einem Blumenstengel die Rechnung in die See geschrieben. – Was bedeutet das Schießen?

Soldat. Unten im Hohlwege, ein gräßliches Blutbad.

Gouv. Die Uns'rigen siegen?

Soldat. Sie fliehen.

Gouv. Wohin?

Soldat. Nach dem Walde zu.

Gouv. Und ihr Geschütz?

Soldat. Ließen sie im Stiche.

Gouv. Ha! feige Miethlinge! Geh', Unglücksbote! laß Lärm schlagen: Jeder auf seinen Posten.

Soldat (ab).

Gouv. Es wird Ernst. Wo laß ich die Weiber?

Feod. (stürzt herein). Ach! mein Gott!

Gouv. Schläft meine Tochter?

Feod. Sie ist fort.

Gouv. Fort?

Feod. Entsprungen in Mannskleidern.

Gouv. Stirb! alter Graukopf!

Feod. (die Hände ringend). Ich unglückliches Mädchen!

Gouv. Das traf mein Herz.

Feod. Warum hab' ich geschwiegen?

Gouv. Gefühl meiner Pflicht, steh' mir bei!

(Man hört die Lärmtrommel.)

Soldat (hastig). Wir sind verloren.

Gouv. Neues Unglück?

Soldat. Die Rebellen siegen.

Gouv. Wo?

Soldat. Sie sind schon auf der Brücke.

Gouv. Wer ließ die Brücke fallen?

Soldat. Wir hielten sie für die Uns'rigen.

Gouv. Sperrt das Thor.

Soldat. Das haben sie eingehauen.

Gouv. Ohne Gegenwehr?

Soldat. Sie metzeln Alles nieder.

Gouv. Wohlan! der Rädelsführer soll meiner Rache nicht entrinnen! (Er stürzt in das Cabinet.)

Feod. (fällt auf die Knie). Gott steh' uns bei!

Gouv. (kehrt zurück mit Pistolen bewaffnet). Fort! entgegen!

Feod. (wirft sich zu Boden, ihm in den Arm). Um Gotteswillen! gnädiger Herr!

Gouv. Was willst du?

Feod. Ihr Leben ist in Gefahr.

Gouv. Ehre verloren, Alles verloren!

(Er stößt sie mit dem Fuße fort, und will hinaus.)

Sechste Scene.

Gouverneur. Benjowsky und Verschworne. Dann Afanasja.

Benj., Crustiew, Baturin und mehrere Verschworne (dringen herein).

Feod. (rettet sich in das Cabinet).

Benj. Ergebt Euch!

Gouv. (weicht einen Schritt zurück, und drückt ein Pistol auf Benjowsky ab). Zur Hölle mit dir!

Benj. (sich am linken Arme fassend). Ich bin verwundet –

Gouv. Noch nicht todt? (Er will das zweite Pistol abdrücken. Man entwaffnet ihn.)

Benj. Ruhig, Herr Gouverneur!

Gouv. (wüthend). Ruhig?

Benj. Ich kam, Sie zu schützen.

Gouv. Du mich?

Benj. Ich werde nicht vergessen, was ich Ihnen schuldig bin.

Gouv. Nicht? Ha! ha! ha!

Benj. Crustiew, dir übergeb' ich ihn.

Gouv. Er ist die Geißel unserer Freiheit.

Benj. Sein Leben sei dir heilig.

Crust. Mir und Jedem.

Benj. Bewache ihn auf seinem Zimmer.

Crust. (zum Gouv.) Ich bitte Euch, mir zu folgen.

Gouv. Gott! Deine Blitze schlafen.

(Er geht ab mit Crustiew und Wache.)

Benj. Das Schwerste ist vollbracht.

Batur. Dank dem Himmel!

Benj. Und eurer Tapferkeit.

Batur. Ihr seid verwundet?

Benj. Ich fühle es nicht. Geh', Baturin, laß alles nach dem Schiff bringen, was wir bedürfen, Pulver, Lebensmittel, Waren, Geld –

Batur. Ist schon alles eingepackt. Ansehnliche Beute –

Benj. Die schenk' ich euch, wo ist Afanasja?

Batur. Auf der Treppe sah ich sie zuletzt.

Benj. Sie wird doch nicht – (Er will fort.)

Afan. (stürzt Benjowsky entgegen). Wo ist mein Vater?

Benj. In Sicherheit.

Afan. Todt?

Benj. Er lebt.

Afan. Wo?

Benj. Auf seinem Zimmer.

Afan. Du täuschest mich.

Benj. Wahrlich nein!

Afan. Ich hörte schießen. –

Benj. Er widersetzte sich.

Afan. Gott! du bist verwundet. –

Benj. Ein Streifschuß, sei unbesorgt.

Afan. Ich will zu meinem Vater!

Benj. Schone seinen ersten Schmerz.

Afan. Wer ist bei ihm?

Benj. Crustiew.

Afan. Ach! was hab' ich gethan?

Erster Verschw. (eilig.) Das Volk umringt die Citadelle.

Benj. Bewaffnet?

Erster Verschw. Die Truppen ziehen sich zusammen und wollen stürmen.

Benj. Fort auf den Wall!

Erster Verschw. Unserer sind wenige. Alle zerstreut.

Benj. (einen Augenblick nachsinnend.) Schleppt Weiber, Kinder, Greise in die Kirche, und droht, sie anzuzünden, wenn man uns nicht ungehindert ziehen läßt.

Erster Verschw. Sogleich.

Benj. Führt den Gouverneur gefesselt auf den Wall, zeigt ihn dem Pöbel, sein Kopf bürgt für unsere Sicherheit.

Erster Verschw. (ab.)

Afan. Erbarmen!

Benj. Sei ruhig, nur eine leere Drohung, das Volk liebt deinen Vater.

Afan. Wer liebt ihn nicht!

Benj. Es wird für sein Leben zittern, und uns in Frieden ziehen lassen.

Afan. Ach Benjowsky! noch kannst du alles wieder gut machen. Gib dich mir, mich meinem Vater wieder. Setze ihn in Freiheit! öffne die Thore! du hast gefochten wie ein Held, handle nun wie ein Mensch; deine Feinde sind besiegt, besiege dich selbst! vertausche den Lorbeer gegen Myrten der Liebe, die Gefahren der See gegen Ruhe in meinem Arm! Komm zu meinem Vater, löse seine Fesseln, empfange seinen Segen, Verzeihung deiner Brüder, dir Gewissensruhe, und mir unaussprechliche Wonne!

Benj. Afanasja, wo denkst du hin? meine Gattin –

Afan. Ach, ich weiß nicht was ich rede! –

Benj. Das Loos ist geworfen. Das große Rad des Schicksals rollt unaufhaltsam. Wessen Macht greift in die Speiche?

Afan. Verzeih' mir Gott, wenn dieser Strudel mich nicht fortreißt.

Benj. Schwester! ich halte, was ich dir versprach.

Erster Verschw. (kommt zurück). Es hat gewirkt.

Benj. Ist alles ruhig?

Erster Verschw. Sie zittern vor unsern Drohungen, und bitten um Frieden.

Benj. Der Gouverneur? –

Erster Verschw. Ermahnte sie vom Walle herab, seiner nicht zu schonen.

Benj. Ha!

Erster Verschw. »Stürmt!« rief er, »ich befehle es euch im Namen der Kaiserin.«

Benj. Edel und groß!

Erster Verschw. Aber vergebens.

Benj. Wohlan! so hält uns nichts mehr auf, laß die Trommel rühren, daß sich die Zerstreuten sammeln. Den Gouverneur nehmt in die Mitte, im Hafen lassen wir ihn frei. Ladet scharf. Stellt Kanonen an des Zuges Spitze, begleitet sie mit brennender Lunte. Keine Feindseligkeit wird ferner ausgeübt. Ohne Geräusch, ohne Frohlocken; nichts, das die Wuth des Volkes von neuem reizen könnte. Geh', ich folge dir.

Erster Verschw. (Ab.)

Benj. Komm, liebe Afanasja.

Afan. (zaudernd). Ach mein väterliches Haus!

Benj. Keinen Blick in die Vergangenheit.

Afan. Hier wurde ich geboren, hier haben Mutterliebe und Vatertreue mich erzogen –

Benj. Erschwere dir das Scheiden nicht.

Afan. Zum letzten Male! –

Benj. Noch darfst du wählen.

Afan. Nie, nie betret' ich wieder diesen Wohnplatz meiner Jugendfreuden! nie hör' ich wieder meines Vaters milde Stimme! –

Benj. Du quälest dich und mich.

Afan. Vergib mir! (Man hört die Trommel.)

Benj. Die Minuten sind kostbar.

Afan. (ihre Seelenangst unterdrückend.) Ich bin bereit.

Benj. Geliebtes Mädchen! Trennung von dir wäre schrecklich! doch steht die Wahl noch jetzt in deiner Willkür. Bleib' oder geh'.

Afan. Bleiben? – Ach mein Vater! Trommelt! Trommelt! Daß der Lärm diese Stimme übertäube! – Fort! fort! führe mich fort!

Benj. Komm in meine Bruderarme.

Afan. (noch einmal wehmüthig um sich blickend). Segen über meinen alten Vater! (Sie gehen.)

Siebente Scene.

Benjowsky. Verschworne. Schiffsvolk. Gouverneur. Afanasja.

(Der Schauplatz verwandelt sich. Man sieht im Hintergründe einen Theil des Hafens. Die Fregatte ist segelfertig. Das Schiffsvolk arbeitet fleißig, Verbündete laufen hin und wieder. Man hört ein verwirrtes Rufen, bald der Kommenden, bald der Gehenden, bald auf dem Schiffe, bald am Lande.)

»Lichtet die Anker! – windet alle Segel auf! – Der Wind ist Nordost zu Ost – Steuermann! – He da! Sie kommen! – Dort wimmelt der Haufe den Hügel herunter. – Glück auf! – Alles bereit! – Huzzah! Huzzah!«

Benj. Afan. Crust. (und die übrigen Verschwornen treten auf).

Gouv. (gefesselt, unter einer starken Wache, ohnmächtig wüthend. Während Crust. und die Verbündeten auf das Schiff laufen, Anordnungen machen, Befehle austeilen u.s.w.)

Benj. (nähert sich dem Gouverneur.)

Afan. (bleibt schüchtern in einiger Entfernung stehen).

Benj. Nur noch einige Augenblicke sind mein. Scheiden wir als Freunde!

Gouv. (wirft einen Blick voll Verachtung auf ihn, kehrt sich weg und knirscht).

Benj. Daß ich gegen Russen fechtend ergriffen wurde, war es ein Verbrechen? – daß ich diese harten Fesseln heute sprengte, ist es ein Verbrechen?

Gouv. (schweigt störrisch).

Benj. Mich riefen Ehre und Vaterlandsliebe, an meiner Brüder Schicksal band ein Schwur das meinige.

Gouv. (keine Antwort).

Benj. Ich verließ daheim ein schwangeres Weib. Alter Mann! was hättest du gethan an meiner Stelle?

Gouv. (schweigt hartnäckig).

Benj. Bin ich keines Wortes, keines Blickes würdig? – Wohlan! was Schmerz und Wuth in dieser Stunde verdammen, wird morgen dein kälteres Blut entschuldigen. – Leb' wohl!

Gouv. (packt wüthend seine Kette und will auf ihn einstürzen. Man hält ihn zurück. Er erblickt Afanasja'n, schlägt sich mit beiden Fäusten vor die Stirn, und heult).

Afan. (stürzt zu seinen Füßen). Verzeihung mein Vater!

Gouv. (abgewendet). Wer spricht mit mir?

Afan. Ihren Segen –

Gouv. Mein Fluch folge dir über's Meer! höre ihn, wenn es stürmt! höre ihn in deines Buhlers Armen! zitt're vor ihm, wenn es blitzt! und wenn die Sonne scheint, so denke, sie scheint auf deines Vaters Grab. Wenn der Donner brüllt, so brülle er dir meinen Fluch in's Ohr, und wenn ein leises Lüftchen säuselt, so wähne, meinen letzten Seufzer zu hören. Alles verlasse dich in deiner Sterbestunde, wie du mich verlässest, nur das Bild deines zürnenden Vaters schwebe vor dir in Fieberphantasien! Wirst du einst Kinder gebären, so sei mein Fluch ihr großväterliches Erbe! ihr Undank räche mich an der Mutter!

Afan. (fällt sprachlos und halb sinnlos in Benjowskys Arme).

Gouv. (durch Afanosjens Anblick erweicht). Bleibe bei mir, mein Kind! mein liebes verführtes Kind! bleibe bei mir! ich bin alt und schwach. Als deine Mutter starb, sprach sie zu mir: »Weine nicht, ich lasse dir Afanasja.« Willst du deine sterbende Mutter zur Lügnerin machen? Wenige Wochen, vielleicht nur wenige Tage, wie bald sind die verlaufen! dann lege ich mich nieder und sterbe, und du darfst sagen: ich habe das Gebot meiner Mutter erfüllt, ich habe meinem Vater die Augen zugedrückt.

Benj. (erschüttert). Schone sie!

Gouv. Du bist meine einzige Freude! mein einziger Trost! ich liebe dich väterlich, so wird kein Buhler dich lieben, Sättigung in deinen Armen wird er dir mit Ueberdruß bezahlen, indessen dein alter Vater, zum Lohn für seinen Segen, nichts begehrt, als einen sanften Druck deiner Hand auf seine Augen, wenn sie sich schließen wollen. – O daß mein Haar noch nicht so grau wäre, in diesem Augenblicke müßte es grau werden, und dieser Anblick würde dich rühren.

Afan. (strebt sich aufzurichten, und fällt ohnmächtig zurück).

Benj. (sehr bewegt.) Gott! – Hilfe! – ergreift sie! – tragt sie fort!

Gouv. (außer sich vor Angst und Schmerz). Graf Benjowsky! wenn du einen Gott glaubst, so höre mich! Ich hab' dich nie beleidigt! ich habe dir Gutes gethan, so viel ich konnte! du hast mir alles genommen! du hast mich um Amt und Ehre gebracht! laß mir meine Tochter und ich bin reich geblieben! Graf Benjowsky! wenn du einen Gott glaubst, so höre mich! Um deines Weibes willen, das daheim für dich betet! wie kann Gott ihr Gebet erhören, wenn du mir armen Manne mein einziges Kleinod stiehlst? Um deines Kindes willen, das du noch nicht kanntest, als du dein Haus verließest, daß es dich nie zum unglücklichen Vater mache! Was willst du mit ihr? siehe, sie ist schon zur Leiche geworden, gib mir die Leiche meiner Tochter wieder! (Er fällt auf beide Knie nieder, und hebt seine Hände zitternd gegen Himmel.) Graf Benjowsky! ich habe keine Worte – ich habe keine Thränen, aber Gott hat Blitze! –

Benj. (heftig erschüttert, legt die ohnmächtige Afanasja in die Arme des knienden Greises.) Da hast du sie, alter Vater! (Er zieht das Bild seines Weibes hervor.) Emilie! meine Gattin! – Fort zu Schiffe! (Verwirrtes Getöse. Alles eilt zu Schiffe.)

Gouv. (seine Tochter in frohem Wahnsinn an sein Herz drückend, indem er die andere nach dem Schiffe ausstreckt.) Gott segne dich, Fremdling! Gott segne dich!

(Der Vorhang fällt.)

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