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Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.

August von Kotzebue: Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka. - Kapitel 5
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authorAugust von Kotzebue
titleGraf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.
publisherVerlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig
booktitleTheater von August v. Kotzebue. Vierter Band.
year1840
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Dritter Act.

(Crustiews Zimmer.)

Erste Scene.

Crustiew. Stepanoff.

Crustiew (allein am Fenster).

Wo bleibt er? – Seine Gegenwart gibt dem Körper Leben, alles keimt und schießt herauf; seine warme Thätigkeit muß es zur Reife bringen.

Step. (tritt auf mit Flaschen und Glas in der Hand, nicht völlig nüchtern.) Guten Tag, Alter! laß uns trinken auf das Wohlsein aller plauderhaften Zofen. (Er trinkt.)

Crust. Was willst du damit sagen?

Step. Viel oder wenig, nach Gefallen. Ich habe eine köstliche Entdeckung gemacht, ich bin berauscht davon.

Crust. Des Rausches Ursach' ist in deinen Händen.

Step. Possen! Gieße Feuer statt des Hirns in meinen Kopf; und es ist Nüchternheit gegen diesen Rausch.

Crust. Wüster Mensch!

Step. Kennst du den Kosaken Kudrin?

Crust. Die Frage eines Trunkenen. Ist er nicht der Unsrigen Einer?

Step. Trau ihm nicht, er ist der Sklave eines Weibes. Er liebt Feodora, Afanasjens Mädchen.

Crust. Was kümmert das mich?

Step. Er hat kein Geheimnis vor ihr, und sie hat keins vor ihm. Ha! ha! ha!

Crust. Ich verstehe dich nicht.

Step. Dank dir, Satan! für diesen Dienst! (Er schenkt ein und trinkt.) Der Teufel soll leben!

Crust. Frevler! deine Trunkenheit ist gräßlich.

Step. Jetzt bin ich in der Stimmung, deren ich bedarf. (Er setzt Flasche und Glas auf den Tisch.) Da trinke den Ueberrest.

Crust.. Geh', leg' dich schlafen.

Step. Schlafen? Ei warum nicht? Ihr sähet gern, ich schliefe immer. (Spöttisch.) Gute Nacht, Alter! (Er geht fort.)

Crust. Welch' Räthsel hat der wilde Thor im Sinne? Der Wirrwarr seiner Worte schien mehr als bloßer Rausch.

Zweite Scene.

Benjowsky. Crustiew. Dann Wasili.

Benj. (tritt hastig auf). Ich habe viel mit dir zu reden.

Crust. Und ich mit dir.

Benj. Die Liebe mischt die Karten, das Spiel ist gewonnen.

Crust. Was heißt das?

Benj. Alle meine Menschenkenntniß, alle meine Mädchenkenntniß trügt, oder Afanasja liebt mich.

Crust. (schüttelt lächelnd den Kopf). Diese Liebe ist in einer Nacht herausgeschossen, wie ein Schwamm.

Benj. Ist Liebe nicht immer ein unerwarteter Besuch? Hast du je gehört, das; man Anstalten macht, sie zu empfangen?

Crust. Nun dann? und wozu frommt es?

Benj. Das ahnest du nicht?

Crust. Willst du sie heirathen?

Benj. Ich hab' ein Weib!

Crust. Willst du sie betrügen?

Benj. Pfui!

Crust. Willst du sie wieder lieben?

Benj. Ich kann nicht – ach! ich weiß nicht –

Crust. Nun?

Benj. Rathe mir.

Crust. Ich rathe nicht, wo schon beschlossen worden.

Benj. Beschlossen?

Crust. Frage dich nur selbst; das blühende Mädchen behagt dir.

Benj. (einen Augenblick in Gedanken verloren, dann die Achseln zuckend.) Wenn ich mein Herz durchspähe.

Crust. Was findest du?

Benj. (nach einer Pause). Sinnlichkeit und Eitelkeit; Wohlwollen und Reiz der Neuheit –

Crust. Männer-Eitelkeit ist ein häßlicher Götze, dem schon manches truglose Herz geopfert wurde.

Benj. Nur unser Vortheil, uns're Freiheit schwebten mir vor Augen.

Crust. Gut, wenn du dich stark genug fühlst, die Grenzen nicht zu überschreiten. Nicht gut, wenn du unser Glück auf eines harmlosen Geschöpfes Elend bauen willst.

Benj. Nimmermehr!

Crust. Ich bin ein alter Mann, und Aberglaube ist des Alters Erbtheil. Unser Anschlag könnte gelingen auf Kosten einer Unschuld. Lieber Sklave unter des Henkers Peitsche, als frei unter des Gewissens Geißel. So oft ein Sturm auf hohem Meer uns ergriffe, würde ich ängstlich rufen: siehe, das ist Gottes Rache! – D'rum schwöre mir heilige Ehrfurcht für des Mädchens Tugend!

Benj. Pfui! der häßliche Gedanke hat mich nie versucht. Ich schwöre dir.

Crust. Wohlan, dann magst du immerhin ihrer Hoffnung gold'ne Brücken bauen. Ein halbes Wort, ein schüchterner Blick mögen ihr Herz in süße Träume wiegen. Sind wir fort, so wird sich das verbluten. Es vergißt sich Alles in der Welt, nur verlorne Unschuld nicht. – Indessen ziehe einen dichten Schleier um dies Geheimniß. Laß es unter den Verschwornen nicht laut werden. Hüte dich vor Stepanoff.

Benj. Warum?

Crust. Weil er um das Mädchen rast.

Benj. Er kennt sie?

Crust. So wie wir sie alle kennen.

Benj. Kennt sie ihn?

Crust. Ich zweifle.

Benj. Sprach er sie?

Crust. Nimmer.

Benj. Und doch verliebt?

Crust. Wie ein Wahnsinniger in eine Prinzessin. – Jetzt ein Wort von dem, was ich indessen vorbereitet und gewirkt. Vieles ist gut, vieles nicht gut.

Benj. Zuerst das Gute.

Crust. Es überträgt das Schlimme – Tschulosnikoff segelte nach den aleutischen Inseln, um See-Ottern zu fangen. Acht und zwanzig Jäger dienten unter ihm. Sie sind zurückgekehrt und murren, das Schiffsvolk ist gewonnen, das Schiff ist unser.

Benj. Die Stimme eines Engels!

Crust. Sie sammeln sich um Mitternacht in der Kapelle, durch einen Schwur ihr Schicksal an das uns'rige zu knüpfen.

Benj. Dir ist ein Meisterstück gelungen – Ach Crustiew! mein Kopf gleicht einer Zauberlaterne. Von der Einbildungskraft beleuchtet, stiegen die Bilder bunt vorüber. Schon seh' ich mich in China, Japan, Indien, schon umsegeln wir das Vorgebirge der guten Hoffnung – Hoffnung! Himmelstochter!

Crust. Nicht so hastig, birg das Feuer in der Asche, wir sind noch fern vom Ziele.

Benj. Der Weg ist eben, die Felsen liegen hinter uns.

Crust. Und plötzlich sinken wir vielleicht auf ebenem Wege in einen Abgrund, Mißgunst glupt aus jedem Winkel, in jeder Ecke lauern Neider, der ist ein Thor, der seine Feinde auf den Heerstrassen sucht. Im Busche liegen sie versteckt. Sie lassen dich Sorglosen vorüberziehen, und treffen von hinten.

Benj. Alles kömmt mit Liebe mir entgegen.

Crust. Desto schlimmer! Die ausgehängte Flagge wird dich sicher machen, viele hassen dich, weil es immer Menschen gibt, klug genug, eines großen Geistes Ueberlegenheit zu fühlen, und dumm genug, sie zu beneiden. Viele hassen dich um der grossen Summen willen, die sie im Schach an dich verloren. Da ist zum Beispiel Kasarinoff. –

Benj. Der blödsinnige Kaufmann?

Crust. Er stellt dir nach.

Benj. Er? du irrst. Er sandte mir noch diesen Morgen ein Geschenk von Thee und Zucker.

Crust. Sei auf deiner Hut! er überzuckert seine Tücke.

Benj. Mißtrauischer Greis! Mache die Menschen nicht schlimmer als sie sind. Mißtrauen hat schon manches Gute erstickt, und manche schöne Seele abgewendet.

Crust. Vorsicht ist nicht Mißtrauen.

Wasili (tritt auf). Ach ein Unglück!

Benj. Rede.

Wasili. Unser kleiner Schäferhund Sabac ist todt.

Crust. Wir haben einen wachsamen Freund verloren. Wie ging das zu?

Wasili. Ich bereitete den Thee für Graf Benjowsky, der kleine Schäker belustigte mich durch seine Gaukeleien, ich gab ihm ein Stuck von dem Zucker, welchen Kasarinoff dir zum Geschenke sandte. Er fraß, und in wenig Minuten verdreht' er die Augen, fiel in Zuckungen und starb.

Benj. (stutzt).

Crust. (nach einer Pause.) Wie nun, Benjowsky?

Benj. Ich erstarre.

Crust. Wer kennt die Menschen besser?

Benj. Du! – Aber büßen soll er die teuflische Arglist! ich will zum Gouverneur –

Crust. Doch nicht unbewaffnet.

Benj. Ein Giftmischer ist die niedrigste Gattung von Meuchelmördern; ein Stock findet sich überall. – Bringe mir, Wasili, ein Stück von diesem Zucker.

Wasili (ab).

Dritte Scene.

Vorige. Tschulosnikoff.

Benj. Armer kleiner Hund! wenn mir das Alter Ruhe schenkt, soll einst dein Bild in Marmor ausgehauen, meinen Garten zieren, und die Vorsehung durch deinen Anblick mich zu immer neuem Danke wecken. (Er will gehen, und stößt auf Tschulosnikoff, der mit wüthender Geberde ihn bei der Brust packt, indem er schreit:) Halt! nicht von der Stelle! (Benjowsky stößt ihn mit überlegener Kraft von sich, daß er taumelt.) Dort im Winkel steh' und rede! Was willst du?

Tschul. Alle Teufel! das mir? von einem Verwiesenen?

Benj. Du hättest nicht vergessen sollen, daß ein Verwiesener ein Mensch ist.

Tschul. Beschimpfung von Beschimpften!

Benj. Desto schlimmer für dich!

Tschul. Der Gouverneur soll's wissen!

Benj. Das soll er!

Tschul. Sprecht, was habt Ihr vor?

Benj. Dir den Hals zu brechen, wenn du nicht höflich und bescheiden redest.

Crust. (heimlich). Mäßige dich; Hitze bessert nichts.

Tschul. Was murmelst du, alter Bösewicht? Du hast mein Schiffsvolk verführt! Du hast es aufgewiegelt zu Verrath und Meuterei.

Crust. (verlegen). Ich?

Benj. Du lügst!

Tschul. (zu Benjowsin). Eine Verschwörung ist im Werke, und du stehst an der Spitze!

Benj. Du lügst!

Tschul. Meinen Steuermann quälte das Gewissen, er entdeckte mir's.

Benj. Er lügt!

Tschul. Vortrefflich! Alles Lüge! Warum steht denn jener alte Pinsel steif und starr? Warum hat das Schrecken ihm die Glieder gelähmt? Rede, Crustiew. Kennst du mein Schiffsvolk?

Crust. Ich kenne es.

Tschul. Warum schlichst du vor Tages Anbruch um ihre Hütten? was hattest du Stunden lang hinter verriegelten Thüren mit ihnen zu verhandeln?

Benj. Narr! mit zwei Worten löse ich dir das Räthsel: Der Gouverneur und einige angesehene Einwohner der Stadt haben mich überredet, eine öffentliche Schule anzulegen. Wir bedürfen ein geräumiges Schulgebäude. Dein Schiffsvolk ist müßig, ich hab' es dingen wollen zur Arbeit, diesen Auftrag gab ich Crustiew, er ist des Handels einig worden, das ist es alles.

Tschul. Vortrefflich ausgedacht! eine saubere Lüge! aber wartet –

Benj. Jetzt schweig! Ich hab' dir die Ehre angethan, deinen albernen Verdacht zu widerlegen! Doch länger diesen Unsinn dulden, wäre Schwachheit oder Furcht. Hüte dich!

Tschul. Was? du drohst?

Benj. Ich kann auch mehr als drohen.

Tschul. Einem treuen Bürger solche Schmach von einem verwiesenen Hunde –

Benj. (schlägt ihn). Da hast du deinen Lohn! (Indem er ihn zur Thür hinaus wirft.) Jetzt pack' dich fort!

Tschul. (wüthend.) Das soll Euch Leib und Leben kosten!

Crust. Wir sind verloren.

Benj. Warum?

Crust. Er geht zum Gouverneur.

Benj. Ich auch.

Crust. Er wird schreien, toben –

Benj. Ich werde reden.

Crust. Und wenn er auch nicht überzeugt, so wird er Mißtrauen wecken.

Benj. Kalte Fassung gegen tolle Hitze, ein leichter Sieg.

Crust. (am Fenster). So eile zuvorzukommen. Er ist zu Fuß, wirf dich in jenen angespannten Schlitten, fahre dort über den Fluß, der Weg ist kürzer.

Benj. Wohlan! wenn alles gut geht, siehst du mich bald wieder. (Er geht. An der Thür stößt er auf Wasili, dem er ein Packet abnimmt.) Aha! den Zucker hätt' ich fast vergessen. (Er eilt fort.)

Crust. (allein.) Ohne ihn war unser Spiel verrathen. Mich alten Mann verließ die Fassung, Sklaverei und Alter beugen Leib und Seele. Ich tauge zu nichts mehr. Der Jüngling ergötzt sich an Hoffnungen; des Mannes Kraft bricht aus in Thaten; der Greis und das Kind haben nur ohnmächtige Wünsche.

Vierte Scene.

Afanasja. Stepanoff.

(Ein Zimmer im Hause des Gouverneurs.)

Afan. (tritt schüchtern auf). Endlich bin ich allein. Immer ist sie hinter mir, immer schwatzt sie. Ach! Die Liebe ist beredt, aber nicht gesprächig – Armes Mädchen! lebte deine Mutter noch! sie würde dich verstehen. – Erleichterung bedarf dies Herz. Er ist edel, er soll wissen, was hier vorgeht. Zutrauen findet Großmuth! den edlen Mann entwaffnet das Bekenntnis;: ich bin in deiner Gewalt. – St! ich höre Jemand auf der Treppe – ein rascher Tritt – es ist der Seinige –

Step. (tritt herein).

Afan. Ach nein! Die Sinne haben das Herz betrogen – wollt Ihr zu meinem Vater?

Step. Zu Euch, schönes Fräulein.

Afan. Was wollt Ihr?

Step. Mehr als ein Gott mir geben kann, Eure Liebe –

Afan. Seid Ihr wahnsinnig?

Step. Ich werd' es, wenn Ihr mich verschmäht.

Afan. Es ziemt mir nicht Euch anzuhören. (Sie will fort).

Step. Bleibt um Gottes willen! Hören könnt Ihr mich ja immer, und beschließen, was Euch gut und menschlich dünkt. Ich bin freilich nur ein Verwiesener, ein Auswurf der Menschheit. Um eines raschen Jugendstreiches willen ward ich verbannt. Meine Geburt ist der Eurigen gleich, mein Herz des Eurigen werth. Ein Zufall kann meine Ketten lösen, Eure Fesseln werd' ich ewig tragen. Schönes Fräulein! seht mich hold an! das; ein Strahl der Hoffnung meines Lebens Nacht durchdämmere.

Afan. Genug! auf Euer Geständnis; weiß ich nichts zu antworten, doch aus Mitleid verschweig ich meinem Vater diesen Schritt. (Sie will fort.)

Step. Bleibt! laßt die Stimme der Lieb' und Wahrheit zu Eurem Herzen reden. Als ich hierher geschleppt in Ketten vor sieben Jahren zum ersten Male an den Festungswerken arbeiten mußte; als dem ungewohnten Frohndienst meine Kräfte unterlagen; als ich auf dem Walle ohnmächtig ausgestreckt den Tod mir wünschte: da kam't Ihr eben die Straße herab an Eurer guten Mutter Hand. Afanasja Aleriewna! Ihr war't damals ein kleines Mädchen. Aengstlich bebtet Ihr zurück, als Ihr mich hilflos liegen sahet, schmiegtet Euch an die Mutter und batet: Mutter! gebt dem armen Manne etwas! Eure Mutter gab mir ein Stück Geld, und ich – gab Euch mein Herz – Ach! Ihr seid herangewachsen und mit Euch meine Liebe. Jahre sind verflossen, doch immer seh' ich noch den kleinen Engel von gestern – den Keim der Dankbarkeit wähnt' ich in meinem Herzen zu hegen und zu pflegen – Ach! seine Frucht ist Liebe! – Verdammt mich nicht! zertretet mich nicht! ich verlange und begehre nichts. Kein Schwur, kein Versprechen soll Euch binden; nur Hoffnung, wenn das Schicksal einst mir wieder lächelt, daß auch Ihr mir lächeln würdet.

Afan. Mein Mitleid schenke ich Euch von Herzen, doch thörichte Hoffnungen nähren kann ich nicht, und will ich nicht.

Step. Ihr könnt und wollt nicht? – (Bitter.) Ihr könnt nicht, weil Ihr nicht wollt.

Afan. Wem bin ich Rechenschaft von meinem Herzen schuldig?

Step. Ein fremdes Feuer glüht unter dieser Asche.

Afan. Schöpft Ihr Verwegenheit aus meiner Güte?

Step. Der Neuheit Reiz hat Euer junges Herz verblendet.

Afan. Entfernt Euch!

Step. Ein schwülstiges Geschwätz hat Euch bethört.

Afan. Fort, Wahnsinniger! ich will allein sein.

Step. Erwartet Ihr Besuch, Fräulein? wird er kommen?

Afan. Wer?

Step. Der Glückliche, um dessen willen man mich in den Staub tritt.

Afan. Soll ich meinen Vater rufen?

Step. Thut was Ihr wollt, mein Leben ist um jeden Preis mir feil, das schöne Luftschloß meiner Hoffnungen ist zertrümmert, ich hatte Jahre lang daran gebaut. Weinen mag ich nicht, und beten kann ich nicht. Nur ein Narr weint, betet oder flucht. Dem Manne vom Kopf leiht die Verzweiflung and're Mittel. Soll er zu Hohn und Spott, wie Simson aufbehalten werden, so packt er wenigstens mit gewaltiger Faust des Tempels Säulen, und stürzt sie krachend über sich und seinen Feinden zusammen.

Afan. Ihr rast.

Step. Noch nicht, doch bald vielleicht. Lauren will ich und spüren, jeden Eurer Blicke haschen, jede halbe unwillkührliche Bewegung auffangen und ergänzen. Liebe, Eifersucht, Verzweiflung werden meine innere Sinne schärfen, und gewährt der Satan mir die Freude, zu sehen, was ich will – Ha! dann soll ein lustig Spiel beginnen! auf meinem Grabe sollen die Furien Eure Hochzeitfackel schwingen.

Afan. Weh' mir! wie entkomm' ich diesem Rasenden.

Fünfte Scene.

Vorige. Benjowsky.

Benj. (tritt herein).

Afan. (mit einer freudigen Bewegung ihm entgegen). Ha! Graf Benjowsky!

Step. Da ist er! Holt und Teufel! ich habe genug! – Lebt wohl, schönes Fräulein! ich gehe schon. Ihr seht, ich weiß zu leben – und zu sterben! doch nicht ungerochen! (Er stürzt hinaus.)

Benj. Was ist das? Sie zittern? und Er wüthet?

Afan. Ich zitt're, ja.

Benj. Warum?

Afan. Ich will es meinem Vater klagen.

Benj. Was?

Afan. Nein, ich will es nicht thun.

Benj. Was nicht?

Afan. Er jammert mich, er ist verrückt.

Benj. Verrückt?

Afan. Er liebt mich.

Benj. Ist er darum verrückt?

Afan. Ein Verwiesener –

Benj. (mit einiger Bitterkeit). Recht, mein Fräulein, das hatt' ich vergessen.

Afan. (verwirrt). Nicht darum, daß er verwiesen ist – nein – das wollt' ich nicht sagen –

Benj. Es war doch sehr vernünftig.

Afan. O das Vernünftige ist nicht immer das Wahre. Kann ein Verwiesener denn nicht liebenswürdig sein?

Benj. Er kann, aber er darf nicht.

Afan. Er darf, aber dieser kann nicht, dieser nicht.

Benj. (abbrechend). Wo ist Ihr Herr Vater? ich muß ihn sprechen.

Afan. Er ist – lieber Graf, ich habe Sie beleidigt.

Benj. Beleidigt? wodurch?

Afan. Sie sind auch ein Verwiesener.

Benj. Leider!

Afan. Ich vergesse das so leicht.

Benj. Ich werde es nie vergessen.

Afan. Freilich – weil Ihre Vernunft – weil Sie immer so vernünftig sind.

Benj. Sie sollten mich d'rum loben.

Afan. Recht gern – nur mit dem Munde – das Herz –

Benj. Das Herz will geschmeichelt sein.

Afan. (verschämt). Sie sind kein Schmeichler.

Benj. (fest). Nein.

Afan. Es gibt auch Wahrheiten, die das Herz gern hört.

Benj. Nicht jede Wahrheit ist gut zu sagen.

Afan. Wenigstens nicht für Jeden.

Benj. Recht mein Fräulein.

Afan. Ich meinte Stepanoff.

Benj. Und seines Gleichen.

Afan. Wer ist seines Gleichen?

Benj. Jeder Verbannte.

Afan. Jeder? – ich verstehe Sie. (Mit einem unterdrückten Seufzer). Angebor'ne Kälte ist nicht Tugend.

Benj. Aber leiden und schweigen ist Verdienst.

Afan. Oder Eigensinn. Sage immer, was du fühlst, lehrte mich meine Mutter, so wirst du nie fühlen, was du nicht sollst.

Benj. Dies einzige schöne Wort ist ein Gemälde Ihrer Mutter.

Afan. Sie hat mir deren viele hinterlassen. Wenn sie noch lebte – Ach – da drüben auf der Höhe ist ihr beschneites Grab – dort will ich, wenn das erste Gras hervor keimt, mein Geheimnis; in die Erde flüstern. (Pause.) Sie fragen mich nicht um mein Geheimniß?

Benj. Ich habe kein Recht dazu.

Afan. Sie sind mein Lehrer – ich darf und muß Zutrauen zu Ihnen haben. Rathen Sie mir.

Benj. Worin?

Afan. Wenn ich Stepanoff liebte –

Benj. Nun?

Afan. Was müßte ich thun?

Benj. Sich Ihrem Vater entdecken.

Afan. Und dann?

Benj. Wenn sein Ansehen Ihrem Geliebten die Freiheit wiedergäbe, so dürften Sie ohne Erröthen ihm Ihre Hand reichen.

Afan. Sie haben in meine Seele gesprochen.

Benj. Glücklicher Stepanoff!

Afan. Wirklich, lieber Graf? würden Sie den für glücklich halten – den ich liebe?

Benj. Wenn er ein fühlendes Herz besitzt –

Afan. (lehnt sich schüchtern an ihn, und verbirgt ihr Gesicht an seiner Schulter). Besitzen Sie das?

Benj. (bewegt). Afanasja!

Afan. Ja oder Nein?

Benj. Liebenswürdige Unschuld!

Afan. Ja oder Nein?

Benj. (drückt sie unwillkürlich an seine Brust).

Afan. Ich fliege zu meinem Vater! (Sie eilt fort.)

Benj. Afanasja! wohin? – Gott, was war das! der Unschuld Götterreiz überraschte mich! (Sich vor die Stirn schlagend.) Emilie! meine Gattin!

Sechste Scene.

Hettmann. Gouverneur. Benjowsky.

Hettm. (kommt). Da ist er ja, wie gerufen.

Benj. (betreten). Hat man nach mir gefragt?

Hettm. Gefragt – Gesucht –

Benj. Wer?

Hettm. Ich, weil ich reden muß. Wovon? von wichtigen Dingen.

Benj. Ein andermal. Ich kam hieher wegen dringender Geschäfte. (Er will fort.)

Hettm. Halt, nicht von der Stelle! an dieser Minute hängt vielleicht das Schicksal von Jahrhunderten.

Benj. (bei Seite). Unerträglicher Dummkopf! – (Laut.) Was ist zu Ihrem Befehl?

Hettm. (geheimnißvoll lächelnd). Eine Kleinigkeit. (Nach einer feierlichen Pause.) Die halbe Welt!

Benj. Die halbe Welt? (Bei Seite.) Der ist auch verrückt.

Hettm. Sie stutzen? ha! ha! ha! hier ist ein Kopf, und in diesem Kopfe gehen wunderliche Dinge vor.

Benj. Das höre ich.

Hettm. Wer hat Kamtschatka erobert? ein Kosak. Wer ist Hettmann der Kosaken? ich.

Benj. Das weiß ich, aber –

Hettm. Stille! nicht geplaudert! versprich mir das tiefste Schweigen über alles, was ich dir so eben anvertraut habe.

Benj. (lächelnd). Herzlich gern.

Hettm. Ich habe ein Plänchen – wenn ich sage ein Plänchen – so verstehe ich darunter einen großen Plan. Kurz und gut – (ihn geheimnißvoll auf die Seite ziehend) ich will eine Kolonie auf den aleutischen Inseln stiften.

Benj. Ei!

Hettm. Du sollst mir den Entwurf ein wenig in's Reine bringen.

Benj. So?

Hettm. Wenn ich sage: in's Reine, so verstehe ich darunter die Feder; denn was den Säbel betrifft, da braucht der Kosak keine Hilfe. Du sollst den Gouverneur überreden, daß er es der Monarchin vorstellt.

Benj. Weiter.

Hettm. Merkst du nicht? Ich mache euch alle glücklich, du frei, der Gouverneur von hier nach Ochozk versetzt; du Gouverneur von Kamtschatka; ich Regent der aleutischen Inseln, und – ehe ihr es euch verseht – Eroberer von Kalifornien.

Benj. Bravo! der Plan ist unverbesserlich.

Hettm. Nicht wahr? (Mit gravitätischem Ernste.) Ich wünsch' Ihnen Glück, Herr Gouverneur von Kamtschatka.

Benj. (eben so). Ich danke Euer kalifornischen Majestät, doch würde es mir lieber sein, wenn Sie geruhten, mich zu Dero Minister und Feldherrn zu ernennen.

Hettm. Auch das, lieber Graf, es sei Ihnen gewährt –

Benj. Ich bin ganz gerührt –

Hettm. Ich auch. Ich bin so gerührt, daß ich lachen muß, wenn ich Sie im Geist an der Spitze meiner Truppen sehe. Wohlan, ein Bündniß zu Schutz und Trutz. (Er reicht ihm die Hand.)

Benj. (schlägt ein).. Es sei. (Bei Seite). Trage den Narren, wenn er dir nutzen soll.

Gouv. (kommt). Willkommen, Graf Benjowsky? wo ist meine Tochter?

Benj. Sie war eben hier.

Gouv. Feodora sagte mir, sie suche mich.

Hettm. (wichtig). Wir haben unterdessen ein Königreich gefunden. Ha! ha! ha!

Benj. Ehe wir Besitz davon nehmen, bin ich gekommen, um Gerechtigkeit zu bitten.

Gouv. Wieso?

Benj. Ein toller Mensch, Tschulosnikoff, hat mich in meiner Hütte überfallen, und durch die gröbsten Schmähungen so lange gereizt, bis ich ihn aus der Thür warf.

Gouv. Die Veranlassung?

Benj. Zur Errichtung eines Schulgebäudes ließ ich sein Schiffsvolk miethen, der Thor spricht, ich wolle die Leute aufwiegeln, und eine Meuterei anspinnen.

Gouv. So dumm als boshaft.

Hettm. Man muß dem Schurken die Katze geben.

Gouv. Ich werde ihn rufen lassen.

Benj. Man beneidet mir das Geschenk Ihres Zutrauens, darum verfolgen mich Haß und Meuchelmord.

Gouv. Meuchelmord?

Benj. Hier ist der Beweis. (Er zieht den Zucker hervor.) Unter der Larve der Freundschaft sandte mir der Kaufmann Kasarinoff vergifteten Zucker. Ein Hund, der davon fraß, starb auf der Stelle.

Gouv. Ist's möglich! Geben Sie her. (Er nimmt den Zucker.)

Hettm. Die Knute für den Schurken.

Gouv. (klingelt).

Ordon. (tritt herein).

Gouv. Man lasse sogleich Tschulosnikoff und Kasarinoff rufen.

Ordon. Tschulosnikoff ist bereits im Vorzimmer und bittet um Gehör.

Gouv. Er soll kommen.

Siebente Scene.

Vorige. Tschulosnikoff. Kasarinoff.

Ordon. (öffnet die Thür; und winkt Tschulosnikoff herbei).

Tschul. (im Hereintreten). Herr Gouverneur, ich komme –

Gouv. Mit frecher Stirn, wie ich sehe.

Hettm. Du bist ein Taugenichts.

Tschul. Ich klage diesen Fremdling des Hochverraths an.

Hettm. Was? Meinen Minister?

Gouv. Wagst du, Bösewicht, einen Mann zu verleumden, der selbst in Fesseln mehr für die Krone that, als hundert freie Schurken deines gleichen?

Tschul. Ich habe Beweise –

Gouv. Schweig! Ihr habt keinen Sinn für alles Große und Gute. Ihr klebt an Eurer Dummheit, wie Käfer an ihrem Miste. Ich kenne diesen Mann, ich weiß um Alles, was er thut, und wo sich Einer untersteht, ihm Hindernisse in den Weg zu legen, den hat die Sonne zum letzten Male beschienen.

Tschul. Er stiftet Aufruhr.

Gouv. Fort! ich will nichts weiter hören, Dank seid Ihr schuldig, und Verleumdung zahlt Ihr. Er will Eure Kinder zu Menschen bilden, das ist dem Vieh nicht recht.

Tschul. Aber mein Steuermann –

Gouv. Schweig und packe dich!

Tschul. Er hat mich gemißhandelt –

Hettm. Dir ist recht geschehen.

Tschul. Aber mein Gott –

Gouv. (klingelt).

Ordon. (tritt ein).

Gouv. Heda! werft den Kerl in die Wache.

Tschul. Schon gut, ich gehe. Euch wird die Reue, und dich die Rache bald genug treffen. (Er geht wüthend fort.)

Benj. Er droht noch.

Gouv. Lächerlich.

Hettm. Vierzig Hiebe mit der Katze werden ihm den Kitzel vertreiben.

Gouv. Ruhig, lieber Graf. Ich verspreche Ihnen Genugthuung und Sicherheit. Verleumdung kann ein gutes Gewissen nur verhüllen, wie schwarzer Flor einen schönen Busen. Er schimmert durch. Ich kenne jene Halbmenschen; ich kenne auch Sie. Ehre und Leben würde ich Ihnen anvertrauen.

Hettm. Und Kalifornien oben drein.

Benj. (bei Seite, mit der Hand auf der Brust). Auf diese Anklage war ich nicht vorbereitet.

Ordon. Der Kaufmann Kasarinoff.

Gouv. Er soll kommen.

Ordon. (öffnet die Thür).

Kasar. (tritt herein). Eure Excellenz haben befohlen –

Gouv. (herausrufend). Man bringe uns Thee. Nur näher, mein lieber Kasarinoff. Ich höre, du bist fleißig und betriebsam. Dein Handel ist ausgebreitet; du verdienst Aufmunterung.

Kasar. Die Gnade –

Gouv. Soll nur Gerechtigkeit werden. Ein großer Kaufmann ist ein großer Mann. Der Monarch überblickt seinen Staat; der Kaufmann die Welt. Mit der Rechten berührt er Asien und mit der Linken Amerika. Durch einen Federstrich knüpft er Welttheile an einander, läßt Citronen auf Kamtschatka wachsen, und findet Goldgruben in einer Steppe. Ehre dem Ehre gebührt. Setze dich her zu mir, mein lieber Kasarinoff, wir wollen eine Tasse Thee zusammen trinken, und von Geschäften schwatzen. (Er schenkt selbst ein.) Dieser Thee – ich habe ihn aus Irkuzk bekommen, es ist Karavanen-Thee. Du verstehst dich darauf? er ist gut. Ich muß dankbar bekennen, man überhäuft mich mit Geschenken. (Er wirft Zucker in Kasarinoffs Tasse.) Dieser Zucker zum Beispiel, ist er nicht fein und weiß? Ein Geschenk von Graf Benjowsky. (Er wirft noch ein Stück hinein.) Du handelst ja auch mit Zucker, versuche doch einmal.

Kasar. (verwirrt und ängstlich). Ew. Excellenz, es ist nicht die Stunde, in welcher ich Thee zu trinken pflege –

Gouv. Trinke, ich bitte dich, trinke.

Kasar. Ich bin überhaupt kein Liebhaber von Thee.

Gouv. Wenn auch, nur zu Gefallen.

Kasar. Er macht mir Hitze, Beklemmung. –

Gouv. Eine Tasse nur.

Kasar. Ich muß bitten, mich zu verschonen. –

Gouv. (ernst). Trinke, Freund Kasarinoff! oder meinst du, der Thee sei vergiftet.

Kasar. Bewahre Gott! –

Gouv. So trinke, ich befehle es dir!

Kasar. (nimmt zitternd die Tasse). Ich habe einen solchen Widerwillen gegen Thee –

Gouv. Wir wollen mehr Zucker hinein legen, so wird er dir nicht schaden. (Er wirft noch ein Stück Zucker in die Tasse.)

Kasar. (zitternd). Ich! – ach! – (Er läßt die Tasse fallen.)

Gouv. (springt auf). Ha, Giftmischer!

Kasar. (auf den Knien). Gnade!

Hettm. Knute!

Gouv. So ist es doch wahr, das mörderische Bubenstück? – Graf Benjowsky, sprechen Sie sein Urtheil, in dieser Stunde noch soll es vollzogen werden.

Kasar. Gnade!

Hettm. Knute!

Benj. Sie überlassen mir die Strafe dieses Menschen?

Gouv. Ganz Ihnen.

Benj. Ich habe Ihr Wort, daß mein Ausspruch sein Schicksal bestimmen soll?

Gouv. Mein Wort darauf.

Benj. Wohlan, ich verzeihe ihm.

Gouv. Wie?

Hettm. Was?

Kasar. (seine Knie umfassend). Gott! welch' ein Mann! (Mit erstickter Stimme.) Ich habe – nicht Worte – möchte diese Thräne meine Schuld vertilgen –

Benj. Steh' auf, geh', und sei mein Freund.

Gouv. Nein, Graf, das darf ich nicht zulassen.

Benj. Ich habe Ihr Wort.

Gouv. Ihre That ist edel, aber –

Benj. Ist sie edel, desto besser: so bürgt Ihr Herz für Ihr Wort.

Gouv. (umarmt ihn gerührt). Ich habe Sie hochgeschätzt, nun bewundere ich Sie. (Zu Kasarinoff.) Geh' und mache dich seiner Verzeihung würdig.

Kasar. (schluchzend). Ich kann nicht reden – ich will meine Kleinen holen – die sollen danken. (Er geht.)

Hettm. (wider Willen bewegt, reicht Benjowsky die Hand). Freund, du hast großmüthig gehandelt wie ein Kosak. Ich ernenne dich zum Criminal-Richter zu Kalifornien.

Achte Scene.

Vorige. Afanasja.

Afan. (fliegt herein, und schlingt ihre Arme um ihren Vater). Mein Vater!

Gouv. Was gibt's?

Afan. Endlich finde ich Sie.

Gouv. Was fehlt dir?

Afan. Ihre Einwilligung.

Gouv. Wozu?

Afan. Zu meinem Glücke.

Gouv. Ist dein Glück nicht mein Wunsch? Rede.

Afan. Ich liebe.

Gouv. Du liebst?

Benj. (sehr verlegen). Ich will mich entfernen –

Afan. Bleiben Sie, Graf Benjowsky, ich habe mich meiner Liebe nicht zu schämen.

Gouv. Ich erstaune! so plötzlich –

Hettm. Ich habe nichts davon gemerkt.

Afan. (geht auf Benjowsky zu, ergreift seine Hand, und wendet sich zu ihrem Vater). Ihren Segen, mein Vater!

Gouv. Wie, du liebst den Grafen?

Afan. Wen könnte ich sonst lieben?

Hettm. (empfindlich). Nun, nun –

Gouv. Bedenkst du aber auch –

Afan. Ich bedenke alles, Seinen Edelmuth, Ihre Güte, die letzten Stunden meiner Mutter! Soll ich ihre letzten Worte Ihnen wiederholen? – ja es war in diesem Zimmer, in diesem nämlichen Zimmer starb sie. Auf dieser Stelle stand ihr Bette, hier saßen Sie zu ihrem Haupte, und hier kniete ich zu ihren Füßen. Sie weinten, ich schluchzte, meine Mutter röchelte. Im letzten Todeskampfe richtete sie sich noch einmal auf, drückte Ihre Hand, und sprach gebrochen: gib meiner Afanasja einen Mann nach ihrem Herzen! – Hier steht er – mein Vater! geben Sie Ihrer Afanasja diesen Mann nach ihrem Herzen! –

Gouv. Kind, du überraschest mich –

Afan. (Benjowsky nach sich ziehend). Hier auf dieser Stelle, wo meine Mutter starb, hier flehen wir um Ihren Segen!

Gouv. Wenn der Graf einst frei wird. –

Afan. Ist er nicht frei, sobald Sie wollen? – Geist meiner Mutter! schwebe hernieder! schmiege dich freundlich an meinen Vater, daß er deinen letzten Wunsch erfülle!

Hettm. Ich dächte, Gevatter, Ihr könntet ohne Gefahr –

Afan. Gefahr? Ist Tugend belohnen gefährlich?

Hettm. Die Ukase Peter des Ersten paßt auf manche Fälle.

Afan. Segen über Peters Asche um dieser Ukase willen!

Hettm. Das gerettete Schiff auf der Fahrt von Ochozk –

Afan. O ja, schon das allein –

Hettm. Die Einführung des Kornbaues auf Lopatka –

Afan. Recht, Iwan Fedrowitsch! O Ihr seid liebenswürdig!

Hettm. Ja, ja, die Kosaken sind immer liebenswürdig – Wenn wir ihm nun ferner die Zukunft mit in Rechnung bringen, die aleutischen Inseln, Kalifornien –

Afan. Sie sagen kein Wort, lieber Graf?

Benj. Was darf ich sagen? mich martert der Gedanke, Ihr guter Vater könnte glauben, ich habe Sie zu diesem Schritt verleitet.

Afan. Nein, das thaten Sie nicht. Nein, mein Vater, das that er nicht. Er hat mein krankes Herz mit seiner Vernunft gequält; er war so lieblos vernünftig – so herzlos edel – mein Vater! Sie sind unentschlossen? Hier knie ich, wo ich einst am Todesbette meiner Mutter kniete, hier, wo sie ihren letzten Segen über mich aussprach, hier muß dieser Segen in Erfüllung gehen, jetzt oder nie!

Gouv. Steh' auf, Afanasja! Es sei! mein grauer Kopf gehorcht dem Herzen. Ich wage etwas für dich und ihn; doch ihr seid es werth. – Herr Graf, ich spreche Sie frei. Der Kanzler soll nach vorgeschriebener Form die Urkunde ausfertigen. (Ihn in seine Arme schließend.) Ich umarme meinen Sohn.

Benj. Gott! ist's möglich!

Afan. (ihres Vaters Hand küssend). O mein guter Vater! Freude! Freude! Dank und Freude. Wie ist mir! so weinerlich, so beklommen – ich muß Euch küssen, lieber Hettmann. Benjowsky ist frei! er ist frei und mein! wo ist Feodora? das ganze Haus soll meine Freude theilen! das ganze Schloß! die ganze Stadt! (Sie drückt Benjowsky einen vollen Beutel in die Hand.) Dies für die armen Gefangenen. – Er ist frei und mein! (Sie stürzt hinaus.)

Benj. (sehr bewegt). Herr Gouverneur –

Gouv. Warum nicht Vater?

Benj. Wenn ich jetzt noch stumm die –

Gouv. Ich verstehe Sie.

Hettm. Was stumm! die Fische sind stumm, weil sie Wasser trinken. Wir müssen ein paar Flaschen leeren, dann werden die Zungen sich wohl lösen.

Gouv. Ganz Recht, Iwan Fedrowitsch, der Wein gesellt sich zu der Freude, wie der Thau zu einem schönen Morgen. Kommt!

Benj. Freud' und Leid in Uebermaß sind einander nah' verwandt; beide geben Thränen statt der Worte; beide begehren Einsamkeit. Ich muß auf wenige Augenblicke mich beurlauben. (Er entfernt sich schnell.)

Hettm. Seltsamer Mensch! wenn ich froh bin, so muß ich trinken.

Gouv. Laßt ihn! die Freude ist ja keine Medaille auf dem Boden eines silbernen Bechers.

Hettm. Glas oder Becher, gleich viel. Wenn ich sage: die Freude, so versteh' ich darunter den Durst. Bei meinem Säbel! ich durste wie ein Jagdhund in der Steppe.

Gouv. Wohlan, auf des jungen Paares Wohlergehen! Kommt.

Ordon. (tritt herein.) Tschulosnikoff ist der Wache entsprungen.

Gouv. Entsprungen? Der Thor! Ganz Kamtschatka ist ein Gefängniß.

Hettm. Die Knute wird ihn schon einholen.

Gouv. (zu der Ordonnanz). Bringt uns eine Flasche Wein.

Hettm. Eine Flasche? wo denkt Ihr hin? Bring vier. Wenn auf Afanasjas Hochzeit die See in Wein verwandelt wird, so trinkt ein fröhlicher Kosak sie aus. (Alle ab.)

Neunte Scene.

Tschulosnikoff. Grigori. Dann Benjowsky und Kasarinoff.

(Die Bühne verwandelt sich in einen freien Platz unter dem Fenster des Schlosses. Man sieht einen Balkon, und unter dein Balkon eine steinerne Bank. Es wird Abend, Tschulosnikoff und sein Neffe Grigori treten auf.)

Tschul. Hier muß er vorbei.

Grig. Lieber Oheim, was habt Ihr vor?

Tschul. Gib mir dein Messer.

Grig. Was wollt Ihr thun?

Tschul. Mich rächen, und dann sterben.

Grig. Rächen? an wem?

Tschul. An Benjowsky.

Grig. Was that er Euch?

Tschul. Ich werde rasend, wenn ich es noch einmal erzählen muß.

Grig. Aber bedenkt, was Ihr wagt.

Tschul. Nichts wage ich. Ihn schicke ich voran, so finde ich dort einen Knecht.

Grig. Ihn ermorden?

Tschul. Gib mir dein Messer.

Grig. Nun da.

Tschul. Ist es scharf? ja! gut.

Grig. Aber um Gotteswillen!

Tschul. Bete in der Kirche, und geh' zum Teufel! ich brauche dich nicht.

Grig. Ich verlasse Euch nicht.

Tschul. So bleib' und absolvire den Hund! wenn er stirbt.

Grig. Es wird dunkel.

Tschul. Desto besser.

Grig. Ich stieß vorhin auf sechs Mann von der Wache, die Euch suchten.

Tschul. Laß sie suchen, ha! ha! ha! sie sollen mich finden, doch nicht eher, bis dieses Messer den Weg zu seinem Herzen fand.

Grig. Benjowsky, hört' ich eben, ist frei gesprochen.

Tschul. Ist er? ha! ha! ha!

Grig. Er wird des Gouverneurs Tochter heirathen.

Tschul. Wird er? Ha! ha! ha!

Grig. Die Verlobung ist vielleicht in dieser Stunde, und Ihr wartet vergebens.

Tschul. So will ich warten, bis die Sonne zu einer Kohle ausbrennt. – St! ich höre kommen. Drücke dich dort an die Mauer.

Grig. Lieber Oheim –

Tschul. Fort! oder ich jage dir selbst das Messer durch den Leib! (Sie theilen sich.)

Benj. (in tiefen Gedanken über die Bühne gehend). Afanasja! – Emilie! –

Tschul. (herausspringend). Er ist's! der Verräther! stirb! (Stürzt sich auf Benjowsky.)

Benj. (der bei dessen ersten Worten sich rasch umdreht, und ihm in den Arm fällt. Sie ringen, er ruft:) Hilfe! Mörder!

Tschul. (schreit). Herbei, Grigori, mir zu Hilfe!

Grig. (packt Benjowsky von hinten).

Kasar. (in dem Augenblicke erscheint er mit zwei Kindern an der Hand, von welchen er sich losreißt, Tschulosnikoff zu Boden schleudert, und ihn entwaffnet).

Benj. (bemeistert sich indessen des Jünglings, und hält ihn fest).

Tschul. (Verwirrtes Rufen und Fluchen.)

Feodora (erscheint auf dem Balkon, mischt ihr Gekreisch mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Weinen der Kinder, und läuft zurück).

Corporal (mit Wache erscheint). He da! Ruhe! was gibt's hier? – Aha! Tschulosnikoff, finden wir dich wieder?

Kasar. Er wollte den Grafen ermorden.

Benj. (Grigori loslassend). Lauf, junger Mensch! ich will dein Unglück nicht.

Grig. (entspringt).

Corp. Warst du noch nicht reif zur Knute? Fort mit dir!

Tschul. Teufel! (er spuckt gegen Benjowsky aus). Gott verdamme dich! (Ab mit der Wache.)

Benj. (umarmt seinen Vetter). Kasarinoff!

Kasar. Geh' und sei mein Freund! sagtet Ihr zu mir. Ihr seht, ich bin es geworden.

Benj. Du hast deine Schuld redlich bezahlt.

Kasar. Da sind meine Kleinen, die sollten Eure Knie umfassen, und stammeln. Aber besser ist besser. Wem das Schicksal wohl will, dem gibt es Gelegenheit, dankbar zu sein.

Benj. Freund Kasarinoff! – Dieser Titel ist bei mir nicht Scheidemünze, mit der man jedem Taglöhner seine Arbeit lohnt – leb' wohl!

Kasar. Es wird Nacht, Ihr seid allein, ich will Euch begleiten.

Benj. Bis an den Fluß, wenn du willst.

Kasar. Bis in den Tod!

(Sie gehen Arm in Arm, die Kinder folgen.)

Zehnte Scene.

Hettmann. Kudrin. Feodora.

Hettm. (kommt von der andern Seite, ziemlich betrunken). He! he! – Schach und matt! – wer lärmt hier? (Er sieht sich überall um.) – Niemand? – Niemand lärmt hier. – Wenn ich sage: Niemand, so verstehe ich darunter eine Menge Menschen, die aber alle schon weggelaufen sind – was will denn Feodora? – warum schreit sie? – warum stört sie mich im Trinken? – Noch fünf Gläser aus der Flasche – und noch fünf Züge auf dem Brete – so waren wir beide Schach und matt! ha! ha! ha! – (Er sinkt auf die steinerne Bank.) So. Hier sitzt es sich recht kühl. Wenn ich sage kühl, so verstehe ich darunter – kalt. – Wie? – der König von, Kalifornien ist Schach und matt! ha! ha! ha! (Er brummt noch ein wenig in den Bart.)

Kudrin (tritt auf mit der Balalaika unter dem Arm. Er sieht sich überall schüchtern um). Endlich ist es hier still geworden, und finster wie im Grabe. Die Sternlein haben sich schlafen gelegt, und mit Schneewolken zugedeckt. (Gegen den Balkon.) St! St! Feodora! – noch ist sie nicht auf dem Balkon. Vielleicht schon gewesen? – Wir wollen das Vöglein locken. (Er stimmt die Balalaika.) Aber meine Finger sind verkrümmt. (Er haucht in die Hände.) So, so, es wird schon gehen. Der Hauch eines Verliebten schmilzt Eisschollen, und macht Diamanten flüssig. (Er räuspert sich, spielt und singt, nach der bekannten Melodie der Romanze, in der russischen Oper Melnik.)

Komm, sein Liebchen, komm an's Fenster!
Alles still und stumm.
Die Verliebten und Gespenster
Wandeln schon herum.

Dein getreuer Buhle harret,
Komm in seinen Arm!
Seine Finger sind erstarret,
Doch sein Herz ist warm.

Zwar die Sternlein sich verdunkeln.
Luna leuchtet nicht.
Doch wo Liebchens Aeuglein funkeln,
Da ist helles Licht.

D'rum, sein Liebchen, komm an's Fenster!
Alles still und stumm.
Die Verliebten und Gespenster
Wandeln schon herum.

Feod. (ist während der letzten Strophe auf den Balkon getreten). St!

Kudr. St!

Feod. Bist du da?

Kudr. Schon lange.

Feod. Lieber Kudrin, hier im Hause ist große Freude.

Kudr. Desto besser.

Feod. Mein Fräulein heirathet.

Kudr. Wen?

Feod. Den Grafen Benjowsky.

Kudr. Benjowsky?

Feod. Nun blühen auch unsere Rosen.

Kudr. Also flüchten wir alle zusammen über's Meer?

Feod. Narr! hier ist nicht vom Flüchten die Rede.

Kudr. Wovon denn?

Feod. Vom Heirathen.

Kudr. Du weißt also nicht? – und dein Fräulein weiß auch nicht?

Feod. Was wissen wir nicht?

Kudr. Und doch heirathen? Das ist curios!

Feod. Rede.

Kudr. Ja wenn ich dürfte.

Feod. Warum darfst du nicht?

Kudr. Ich habe einen gräßlichen Eid geschworen.

Feod. Worauf? Weßwegen?

Kudr. Wegen – kannst du schweigen?

Feod. Wie die Nacht.

Kudr. Höre nur, liebe Feodora, ich kam eigentlich hierher, um dich zu überreden –

Feod. Wozu?

Kudr. Mich auf unserer Flucht zu begleiten.

Feod. Auf welcher Flucht?

Kudr. Wenn du mich verräthst, so sind wir alle des Todes.

Feod. Narr! Liebe und Verrätherei wohnen nicht unter einem Dache.

Kudr. Wir sind unserer Viele, sehr Viele; Freie und Verwiesene; Graf Benjowsky ist an unserer Spitze, wir haben ein Schiff, wir fliehen, Gott weiß wohin, in ein herrliches Land –

Feod. Träumst du? oder hast du das Gehirn erfroren?

Kudr. Keines von beiden, alles wahr, alles reif, und bald, bald – Gehst du mit mir, liebe Feodora?

Feod. Aber mein Fräulein –

Kudr. Nun, wenn der Graf sie heirathet, so wird er sie wohl auch mitnehmen.

Feod. Unbegreiflich!

Kudr. Was schadet das? Macht euch nur fertig, packt eure Sachen zusammen. Juchhei! wir segeln durch die Welt!

Feod. Aber der Gouverneur –

Kudr. Der mag mit dem alten Narren, unserm Hettmann, Schach spielen.

Hettm. (springt auf und packt Kudrin bei der Brust), He da! Bursche!

Feod. (kreischt und lauft fort).

Kudr. (sinkt zitternd in die Knie). Barmherzigkeit! wir sind verloren!

Hettm. (ihn festhaltend), Schurke! was sprachst du da?

Kudr. Ach! ich bin besoffen, ich weiß nicht, was ich rede.

Hettm. Verrätherei? Benjowsky? Mein kalifornischer Minister?

Kudr. Ich war unter Kamtschadalen, die haben mir Muchomor zu trinken gegeben – mein Kopf ist ganz verwirrt.

Hettm. Fort auf die Wache! (Er will ihn fortschleppen.)

Kudr. Laßt mich! ich bitte Euch! nur bis Morgen!

Hettm. Fort, Schurke!

Kudr. (versetzt dem Hettmann einen Stoß, daß er taumelt). Geht zum Teufel! (Er entspringt.)

Hettm. Was? mir das! mir? seinem Hettmann! He da, Wache! Verrätherei! Schiffe! Liebeshändel! Flucht! Verschwörung! (Er taumelt fort.)

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