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Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.

August von Kotzebue: Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka. - Kapitel 4
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authorAugust von Kotzebue
titleGraf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.
publisherVerlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig
booktitleTheater von August v. Kotzebue. Vierter Band.
year1840
firstpub1794
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Act.

Erste Scene.

Benjowsky, dann Crustiew.

(Ein armseliges Gemach in Crustiews Hause.)

Benjowsky (sitzt am Fenster und stützt den Kopf in die Hand).

Endlich wird es Tag. Endlich wirft die Sonne einen Blick auf Kamtschatka, wie man einem Bettler ein Almosen zuwirft, daß er weder leben noch sterben kann. – Wo seid ihr, bunte Seifenblasen meiner Jugend! – ich bin verlassen – allein! – Keine Stimme flüstert an meinem Krankenlager: »St, er schläft!« keine Thräne verkündet einst an meinem Grabe: »ach! er ist todt!« Niemand haßt mich, Niemand liebt mich – und ich lebe noch! – Messer und Lanze, Säbel und Geschoß ließ man dir, und du lebst noch? – Auf! und zerbrich deine Fesseln! zersprenge deinen Kerker! meine Seele ist frei! mein Ich trug nimmer Ketten – Ach! da erschien des Kerkermeisters Tochter, die mit jedem Gefangenen buhlt, die Hoffnung. Der Dolch sinkt aus der Hand, und er in ihre Arme. – (Pause.) Thor am Gängelbande! Hoffnung ist nur eine Puppe, mit der die großen Kinder spielen bis in's Grab; damit sie nicht weinen über ihr Elend – Fort mit dir! mich täuschest du nicht, ich bin ein Mann! – Welcher Macht ist mein Geist unterthan? wer ist meines Lebens Herr, als Gott – und ich! (Er erblickt ein Messer, welches auf dem Tische liegt. Starr und fürchterlich heftet er sein Auge darauf. Plötzlich streckt er die Hand aus und ergreift es. Zweifelhaft hebt er den Arm sich zu durchbohren, Er blickt wechselweise auf das Messer, dann gen Himmel. Die Hand sinkt langsam auf seine Knie, indem er so den andern Arm über die Lehne des Stuhls, und den Kopf darauf wirft, entfällt ein Miniatur-Portrait, in Brillanten gefaßt, seinem Haar. Erschrocken fährt er in die Höhe, rafft es auf, starrt es an. Nach und nach glänzt Wehmuth in seinen Augen, er ruft:) Emilie! mein Weib! (und wirft das Messer weit von sich.) Dich hab' ich gerettet! Dich haben die Raubsüchtigen mir nicht entrissen. In meinem Haar hab' ich dich verborgen – und in meinem Herzen. – Emilie! der Erdball liegt zwischen uns, aber Gott und die Liebe kennen weder Raum noch Zeit! Ich will leben für dich! Leben und wirken, kämpfen und wagen! Dies Gemälde sei mein Schild, mein Talismann, der Zauber, der mich schützt. Wo treue Liebe ein Herz bewohnt, da ist die Furcht ein Fremdling, und das Verbrechen ein verstoßener Knecht. Milde Hoffnung! kehre zurück und geselle dich zu der Liebe, deiner Schwester. Trenne nie dich wieder, schön verschwistertes Paar! Mich liebt Emilie, meine Gattin! gleich viel, ob Zimmer oder Welttheil uns trennen. Sie betet in dieser Morgenstunde für meine Rettung, und ein Säugling lallt den Vaternamen auf ihrem Arm. Lebe, Benjowsky, lebe! dein Leben gehört ihr und ihm! –

Crust. (tritt auf).

Benj. (verbirgt schnell das Gemälde.)

Crust. Guten Morgen, Freund und Bruder! (Sie reichen sich die Hände). Ich frage nicht, wie du geschlafen hast. Uns schied nur eine Bretterwand; du gingst die lange Nacht umher und seufztest; ich lag und seufzte mit.

Benj. Vergib mir, guter Alter! Zeit und Gewohnheit sollen bald die große Kunst mich lehren, meine Ruhe zu vermissen, und die deinige zu schonen.

Crust. Schlaf ist nicht immer Ruhe, und wehe dem Armen, dem Schlaf die einzige Ruhe ist. – Da entfielen gestern dir zwei Worte, von Möglichkeit der Rettung, von Hoffnung besserer Zukunft, gleich fing das alte Herz den Funken, und loderte in Flammen auf.

Benj. Eine Flamme ohne Nahrung.

Ernst. Wie? sie wird nie verlöschen – (heimlich feierlich,) Seit dreiundzwanzig Jahren trage ich den großen Entwurf mit mir herum. Er reifte langsam wie das Gold im Schoße der Gebirge. Manches hab' ich vorbereitet, viel ist gethan, viel bleibt zu thun noch übrig. Zwanzig Männer schwuren mir. Mit großen Kräften ist mein Haufe ausgerüstet. Verwegenheit – Verstand – Erfahrung – Muth – Verzweiflung! Nur Eines fehlte noch. Der Oberherrschaft echten Geist fand ich in Keinem. Diesen kitzelte die Ruhmgier; jener pochte noch in Fesseln auf Geburt und Rang; dieser hatte keinen Sinn für das geordnete planmäßige Ganze; jener wollte morgen nach dem Zwecke ringen, und übermorgen an die Mittel denken; kurz, jeder füllte seine Stelle so gut als übel aus, doch jedem mangelte der Stempel eines wahrhaft großen Geistes. Räder überall, nirgends eine Feder.

Benj. Du selbst –

Ernst. Ich kenne mich. Der Knabe kann ein rascher Jüngling werden, der Greis wird nie ein Mann. Gib mir Zeit, ein Ding von allen Seiten zu beschauen, so ist mein Muth oft der Erfahrung gleich. Wo aber plötzliche Gefahren wie Blitze vor mir in den Boden schlagen, wo Jahre an Minuten hängen, so oder so – da schwindelt mir, da bin ich unentschlossen, da taugt mein Alter nicht.

Benj. Gesetzt, du fändest einen Mann, wie deine Phantasie ihn heischt; was soll ihm jener Haufe niedriger Verbrecher? Tollkühn ohne Muth, furchtlos ohne Seelengröße, ein Rausch ohne Dauer! wer bürgt für ihre Treue?

Crust. Ich – und ihr Elend. Soll ich das letztere dir, sammt deiner eigenen Zukunft, schildern? – (Mit steigendem Feuer) Glaube mir, nicht alle sind Verbrecher. Ein übereiltes Wort hat manchem schon dies Grab geöffnet. Elend ist der Schuldige, elender noch der Arme, dem eine Unbesonnenheit die schweren Fesseln reichte. Von Schmerz und Reue gebeugt, betritt er diese unwirthbaren Ufer, ihn heißt der Mangel willkommen. Gesichter, auf welche die gerechte Strafe – oft auch Natur – das Zeichen des Verbrechers stempelte, grinsen ihm entgegen; er sucht vergebens einen Freund. Das Bild der Liebe, von welchem er auf ewig schied – Sehnsucht und Rückerinnerung dem Hoffenden ein Labsal, dem Hoffnungslosen eine Marter. Fleiß und Arbeit schaffen nur seinem Elend eine längere Dauer. Er darf kein Eigenthum besitzen, ihn plündert jeder ungestraft. Duldend muß er Uebermuth ertragen, und reizt ein Frevel zur Vergeltung ihn, so leidet er den Hungertod. So verordnen die Gesetze Peter des Großen. Verbannt aus jeder ehrlichen Gesellschaft, gleich der Indier verworfenen Caste – Frohndienst und niedrige Gewerbe – gedörrter Fisch und eine Sklavenpeitsche – ach welch' ein Jammerbild! – Gesundheit bringt ihm keine Freude, dem Kranken mangelt jeder Trost, der Sterbende ist von der Welt verlassen, ehe er die Welt verließ. In öder Stille verhallt sein letzter Seufzer, unabgetrocknet bleibt der Todesschweiß auf seiner kalten Stirn. Tage und Wochen kriechen vorüber, man wird es nicht einmal gewahr, daß der Opfer Zahl sich verminderte. Die Verwesung nur trotzt seinen Tirannen die letzte Gnade ab– in den Schnee verscharrt zu werden. –

Benj. Halt ein, du langsam Mordender! Hinweg mit deinem Gifte! Leih' mir einen Dolch!

Crust. Schon mancher senkte in Verzweiflung das Messer tief in seine eigene Brust, und seine Henker lächelten. Noch Keiner gab der kühnen Hoffnung Raum, nicht durch Barmherzigkeit des Todes oder Fürstengnade, nein, durch Klugheit, Muth, vereinte Kraft, Erlösung zu erringen. Dir war es vorbehalten – Graf Benjowsky – Magnat von Ungarn – Gatte – Vater – Held! –

Benj. (feurig). Hier bin ich! rede! was willst du mit mir?

Crust. Nur Worte hat der Greis, der Mann ist reich an Thaten.

Benj. Genug des Oels in diese Glut! Sprich! was soll, was kann ich thun?

Crust. Dich und uns befreien.

Benj. Hier ist mein Arm, leih' mir deinen Kopf.

Crust. Zu herrschen formte die Natur den deinigen. Nicht meiner Klugheit, meiner Vorsicht nur bedarfst du. Sie soll dir in Gefahren treu zur Seite wandeln.

Benj. Aber wie? ich tappe noch im Finstern. Gewalt der Menschen hat mit der allgewaltigen Natur sich gegen uns verbunden. Auf dieser Seite trennen wüste Steppen, grenzenlose Schneegefilde, auf jener ungebahnte Meere uns von der bewohnten Welt. Ohne Schiffe, ohne Wegweiser, ohne Waffen, ohne Brot, heute gegen Menschen, morgen gegen Hunger kämpfend, heute frei und morgen todt –

Crust. Tod und frei – wohlan! und wär' es auch –

Benj. Recht, Alter! rede weiter.

Crust. Wir spielen großes Spiel; gewinnen läßt sich viel, verlieren nur das Leben.

Benj. Wohlan! laß in das Innere deines großen Entwurfs mich blicken.

Crust. (schließt einen kleinen Schrank auf, nimmt ein Buch heraus und reicht es Benjowsky).

Benj. (schlägt es auf und liest). Ansons Reise um die Welt. Was soll das?

Crust. Du hast den Namen eines Freundes ausgesprochen. – Bei meiner Ankunft wandten die Barbaren mir alle Taschen um, mein Bischen Geld ward ihrer Raubsucht Beute, nebst andern Kleinigkeiten. Ich zitterte – man lachte höhnisch – die Thoren wußten nicht, ich zitterte für meine Bücher. Drei Freunde haben brüderlich in die Verbannung mich begleitet: Anson, Phädon und Plutarch; dem zweiten dank' ich meinen Glauben an Gott und eine bessere Zukunft, der dritte malte mir die Helden Griechenlands, er lehrte mich der Menschheit Kraft und Würde kennen – und hoffen – ach Benjowsky! (Auf das Buch deutend.) Hoffen lehrte mich Lord Anson.

Benj. Er? wie das?

Crust. (heimlich, vertraut, mit Jünglings-Feuer). Fliehen! Fliehen! nach den marianischen Inseln! Die Möglichkeit hat dieser Seemann mir erwiesen! Die Insel Tinian – ein Paradies auf Erden! Frei! frei! ein milder Himmel! eine neue Sonne! harmlose Bewohner, gesunde Früchte – und Freiheit! Ruhe! – Ach Benjowsky! rette dich und uns!

Benj. Mit staunendem Entzücken seh' ich an deinem Riesengeist hinauf. – Schlag' ein! ich will! – Mit diesem Handschlag weih' ich dir mein Leben. Tod oder Freiheit löse dieses Band. Umarme mich! fest, brüderlich, wie Elend und Verzweiflung sich umarmen.

Crust. Nicht also, du bist unser Herr! (Er kniet nieder.) Ich schwöre dir den Eid der Treue und Unterwürfigkeit!

Benj. (auf ihn herabsinkend). Vergelten will ich dies Vertrauen, siegen oder fallen. Doch soll bei meinem Fall Kamtschatkas Boden zittern!

Crust. Genug! die Brüder unsers Bundes harren auf das Zeichen. (Er geht an die Thür und zieht einigemal an einem von der Decke herabhängenden Stricke, worauf man eine Glocke läuten hört.)

Benj. Was thust du?

Crust. Tritt an's Fenster und sieh! von allen Seiten strömen sie herbei.

Benj. (hinausschauend). Willkommner Anblick! So sieht der Arme, dessen Schiff an einer Klippe hängt, der Rettung vom nahen Ufer entgegen.

Zweite Scene.

(Eine große Anzahl Verwiesener tritt auf, unter ihnen auch Stepanoff. Man grüßt sich wechselseitig, man schüttelt sich die Hände. Die Versammlung bildet einen halben Cirkel, in dessen Mitte Crustiew und Benjowsky.)

Crust. Freunde! Brüder! Seit Jahren wähltet ihr mein reiferes Alter zum Führer auf dem Jammerpfade, wo Dornen ohne Rosen wachsen. Ihr war't zufrieden mit dem alten Crustiew, nur kalt und langsam, schüchtern und bedachtlich schaltet ihr ihn zuweilen, wenn eure rasche Ungeduld in die Kette biß, eure brausenden Köpfe gegen feste Mauern rannten, und ich euch nachrief: Halt, ihr macht euer Uebel schlimmer! Meint ihr, ich hatte dieser Fesseln Schwere minder gefühlt? meiner Seufzer, meiner Flüche Zahl sei geringer? meiner Thränen weniger? – Ich habe so wie ihr gelechzt nach Freiheit und Erlösung! Auf Brüder! die Stunde ist gekommen! Ich entsage feierlich jedem Vorrecht, das eure Wahl mir anvertraute. An unserer Spitze steht ein Held! (Auf Benjowsky zeigend,) Ein edler Ungar, unter Polens Fahnen zu Kampf und Sieg gewöhnt. Sein Arm wird das Panier der Freiheit schwingen! Seiner Thaten Ruf wird vor ihm hergeh'n! – er will – und er vermag! vor seinem Namen zittern uns're Henker! und Tirannen fliehen vor seinem Schwerte. (Dumpfes Gemurmel unter der Versammlung.) Rede! Graf Benjowsky. (Stille.)

Benj. Reden? – Schwertgeklirr sei unsere Sprache! der Schwur der Treue unser Morgengruß! der Freiheit Jauchzen unser Abendsegen! Stärker sind des Unglücks Bande als Sklavenfesseln! stärker ist Verzweiflung als Todesfurcht! – Ihr kennt mich nicht, ich kenne euch nicht; aber wir sind elend, wir sind Brüder. Ist einer unter euch, der williger sein Blut für euch verspritzen möchte, der trete auf, ich huldige ihm. Mein Ehrgeiz heischt keinen Vorzug! Ach, an eurer Spitze nur, laßt mich die steile Höh' erklimmen, wo der Freiheit Palme blüht, unbekümmert ob ein Felsenstück herabrollt, mich zerschmettert. Wer unter euch mich wanken sieht, der stoße das Schwert der Rache mir in die Brust. Mit euch siegen oder sterben, das ist mein fester Entschluß, so wahr mir Gott helfe! (Frohes Gemurmel der Verschwornen.)

Crust. Wohlan! wer denkt wie ich, der entblöße sein Haupt und streckt die Hand empor. (Alle thun es, außer Stepanoff.) Du allein, Stepanoff?

Step. Ich allein. Meinst du, deine glatte Zunge sei ein Draht, der uns alle wie die Puppen ziehe? O ich kenne die Gewalt, welche Redekunst über Herzen gibt. Ihr habt geredet, auch ich will reden.

Crust. Rede.

Step. Brüder, ist das Recht? Ich, euer Landsmann, stehe hier gegen einen Fremdling, einen Ketzer. Seine Thaten will ich nicht bezweifeln, er ist tapfer, ich bin es auch. Von seinem Muth habt ihr gehört, von dem meinigen wart ihr Zeuge. Die Polen mußten einen Ungar holen und ihn an ihre Spitze stellen; wir sind Russen. Er will sein Blut für euch verspritzen, ich auch. Ist Sklavenblut auch wohl der Rede werth? Er wird euch seine Thaten für ein Verdienst anrechnen, die meinigen sind ein Geschenk der Bruderliebe. Ich werde morgen mit euch fechten, wie ich gestern mit euch schmauste. Wohlan, entscheidet. (Gemurmel. Viele setzen ihre Mützen wieder auf.)

Crust. (will reden).

Benj. (ihm in's Wort fallend). Halt! Einigkeit sei uns're Stütze; wenig vermag der Mensch, viel vermögen Menschen, unbrauchbar wird die Kette, wenn auch nur Ein Glied sich von dem andern trennt. Hier ist die Frage: was soll geschehen? und nicht: wer soll der Erste sein? Nach Freiheit dürsten wir, gleichviel wer uns den Becher reicht, er oder ich. Stepanoff, du bist ein Mann. Reich' mir die Hand. Kein Groll, kein Neid soll diesen Bund entweihen. Unserer Brüder Wille ist ein Gesetz, dem ich mich willig unterwerfe.

Step. Genug geschwatzt, wie lange wollt ihr zaudern? (Verwirrtes Rufen.) Crustiew, der alte Crustiew soll entscheiden!

Crust. (winkt mit der Hand. (Es wird stille). Stepanoff ist tapfer wie der Blitz, der zickzack aus den Wolken fährt, den Frommen wie den Bösen trifft. (Zu Stepanoff.) Runzle nicht die Stirn, zieh' die Augenbraunen nicht zusammen. Hier gilt es uns're Freiheit, hier muß ich Wahrheit reden. – Brüder! die Perser jagten Elephanten vor sich her, das feindliche Heer in Unordnung zu bringen; doch nimmer war ein Elephant ihr Heerführer, versteht ihr mich?

Alle. Benjowsky! Graf Benjowsky! wir wählen ihn!

Step. Es sei! der Elephant ist abgerichtet, seine Knie zu beugen.

Crust. (niederkniend). Wir schwören dir –

Alle (knien nieder, und heben die rechte Hand auf). Wir schwören!

Crust. Unerschütterliche Treue, Gehorsam unbedingt, des großen Entwurfs Gelingen sei uns're Kraft geweiht, im Nothfall unser Leben. Tiefes Schweigen fess'le uns're Zunge. Der Eidbrüchige ist des Todes schuldig! und keiner weigere sich, gerechte Rache zu vollstrecken, müßte er auch das Schwert in seines eigenen Bruders Brust stoßen.

Alle. So schwören wir!

Crust. Wenn durch Schicksal oder durch Verrätherei Einer unter uns im Kerker schmachten sollte, so entreiße keine Marter ihm das Geständniß; eher beiße er die Zunge sich ab, und speie sie dem Henker in's Antlitz. Gift oder Dolch betrüge die Tirannen um ihre Beute, und sein Grab sei auch das Grab unsers Geheimnisses.

Alle. So schwören wir!

Crust. Es ist vollbracht.

Alle (stehen auf).

Benj. (kniet nieder und reicht Crustiew beide Hände), Aus deiner Hand empfange ich euern Schwur, in deine Hand leg' ich den meinigen.

Crust. Im Namen Gottes! (Feierliches Schweigen.) Brüder! in der Stunde der Mitternacht versammelt euch in der Kapelle, diesen feierlichen Bund am Altare zu besiegeln.

Der Thürhüter (hastig). Eine Ordonnanz des Gouverneurs betritt so eben das Haus.

Crust. (ängstlich). Uns're zahlreiche Versammlung wird Verdacht erwecken.

Benj. Singt, Brüder, singt! das erste beste Lied.

(Eine Stimme fängt an, die andern fallen sogleich ein, Nach der Melodie eines bekannten russischen Volksliedes.

Lustig! lustig! wack're Brüder!
Träumt euch froh und frei!
Und vergeßt bei'm Klang der Lieder
Eure Sklaverei.

Ordonnanz (tritt herein). Holla! hier geht es lustig her.

Crust. Willkommen! Willst du mit singen?

Ordonn. Ich habe keine Zeit. Welcher unter euch ist Graf Benjowsky?

Benj. Ich.

Ordonn. Der Gouverneur erwartet Euch.

Benj. Ich komme.

Ordonn. Gott befohlen. (Er geht.)

Benj. Ein Jeder gehe nach wie vor an sein Geschäft. Kein Zug, kein Wort verrathe etwas Ungewöhnliches. Gehet einzeln. Sammelt nicht in kleinen Haufen euch auf den Straßen. Steckt die Köpfe nicht zusammen. Seid ihr allein, so starrt nicht gerade vor euch hin, als ob ihr wichtige Dinge brütetet. Laßt weder Murren noch Trotz, weder Klage noch Hoffnung euch entwischen. – Lebt wohl! gedenket eures Schwures, den Meinigen hat Gott gehört. (Ab.)

Alle (schwatzen mit einander). Ein tapfrer Mann! ein Held! er wird uns retten. Nur Vorsicht und Verschwiegenheit. Fort auf die Jagd, fort auf die Jagd! (Alle ab, außer Crustiew und Stepanoff.)

Cruft. (ihnen nachrufend). Um Mitternacht sehen wir uns wieder.

Dritte Scene.

Stepanoff. Crustiew.

Step. (bleibt mit verschränkten Armen in einem Winkel stehen, und sieht finster vor sich nieder).

Crust. (der ihn mißtrauisch schweigend beobachtet). Stepanoff!

Step. (auffahrend). Aha! bist du noch hier?

Crust. Du scheinst in diesem Augenblicke nicht hier zu sein.

Step. Ich? – Doch! ich scheine nicht immer was ich bin – aber bei Gott! ich bin immer was ich sein soll!

Crust. Was hast du, wilder Mensch?

Step. Sprich wildes Thier. Du bist ein kluger, alter Mann, gelehrt, belesen. Du kennst die Welt vom Wurme bis zum Elephanten, doch dem Gedächtniß taugt nicht viel. Eines hast du vergessen.

Crust. Das wäre?

Step. Wenn die Elephanten wüthend wurden, kehrten sie nicht selten sich gegen ihr eigenes Heer, und die Folge war – Verwüstung – Tod! – (Er geht schnell ab.)

Crust. (ihm lange nachsehend, dann bedächtig den Kopf schüttelnd). Da nagt ein Wurm an uns'rer Freiheit Blüte. (Er geht ab.)

Vierte Scene.

Afanasja. Feodora.

(Afanasjas Zimmer, ein Buch und ein Schachbret auf dem Tische.)

Afanasja. Mein Vater hat geschickt?

Feodora. Lange schon.

Afan. Und er ist noch nicht hier?

Feod. Mein Gott! wenn er auch Alles kann, so kann er doch nicht fliegen.

Afan. (unruhig auf- und niedergehend). Sonderbar! ich weiß nicht was ich will. – Es ist noch früh, nicht wahr, Feodora?

Feod. Bald Mittag.

Afan. (vor den Spiegel tretend). Ich bin noch nicht gekleidet.

Feod. Hab' ich Sie nicht oft genug daran erinnert? Sie vergessen heute Alles.

Afan. Alles? – ich denke an Alles!

Feod. Ja, so wie heute früh, als Sie statt der Milch Kaffee in den Thee gossen, und tranken, ohne den Mund zu verziehen.

Afan. (vor dem Spiegel). Mein Haar ist in Unordnung.

Feod. Sie haben nicht geschlafen, sich die ganze Nacht herumgeworfen.

Afan. Wen hat mein Vater geschickt?

Feod. Den Corporal Iwan.

Afan. Die alte Schnecke.

Feod. (durch's Fenster blickend). Da kommt er schon.

Afan. (sich rasch umdrehend). Wer?

Feod. (lächelnd). Ein Mann, ein Halbgott! was weiß ich.

Afan. (welche selbst an das Fenster eilt). Er sieht nicht herauf.

Feod. Sie sollten nicht herunter seh'n.

Afan. Weißt du, wie mir zu Muthe ist?

Feod. So ungefähr.

Afan. Als ob wir uns schon lange kennten, als ob ich ihn rufen müsste.

Feod. Fräulein, Fräulein! was soll daraus werden?

Afan. Ich habe nie so wenig an die Zukunft gedacht, als eben heute –

Feod. Desto schlimmer –

Afan. St! ich höre meines Vaters Stimme.

Feod. Gute Nacht! Moral und Sentenz!

Afan. (wirft sich in einen Sessel, ergreift ein Buch, und stellt sich emsig lesend).

Feod. (sie schalkhaft betrachtend). Vortrefflich! die Unbefangenheit in eigner Person. O es ist ein köstliches Ding um ein Weiberherz! in der Tiefe immer Wellen, und oben immer eine glatte Fläche. (Sie schielt Afanasjen über die Achsel, nimmt ihr lächelnd das Buch aus der Hand, dreht es um, und gibt es ihr zurück.) Sie hielten ja das Buch verkehrt! Ha! ha! ha! (Sie läuft in ein Seitenzimmer.)

Afan. (allein). Die Buchstaben hüpfen vor mir herum – (nach der Thür schielend) und mein Herz wallt ihm entgegen.

Fünfte Scene.

Die Vorigen. Der Gouverneur. Benjowsky.

(Der Gouverneur tritt mit Benjowsky herein.)

Gouv. Hier ist meine Tochter.

Afan. (Wechselseitige Verbeugungen. Die Schauspielerin hüte sich, einen Knix zu machen. Dir russischen Damen grüßen, indem sie sich mit dem halben Leibe vorwärtsbeugen.)

Gouv. Ich wiederhole meine Bitte. Die Langeweile, wie man sagt, soll Verliebte schaffen und Gelehrte bilden, je nachdem Kopf oder Herz an Beschäftigung Mangel leiden. Meiner Tochter Herz ist ein väterliches Eigenthum; mit ihrem Kopfe schalten Sie nach Wohlgefallen. Der Garten ist verwildert, aber der Boden gut.

Benj. Meine Kenntnisse sind gering, ich war Soldat. Schlachten oder Bänder ordnen; ein Lager abstecken oder Hauben stecken; eine Karte oder ein Muster zeichnen; sind so verschiedene Dinge –

Afan. Mein einfaches Morgenkleid widerlegt Ihre Demüthigung, Herr Graf.

Benj. Bescheidenheit und Schönheit sind leibliche Schwestern.

Afan. Wenn ich erröthen muß, so laufe ich davon.

Benj. Eine Drohung, vor der selbst die Wahrheit verstummt.

Gouv. Wohlan meine Tochter, wir müssen dankbar sein. Graf Benjowsky wird deinen Verstand bilden, du wirst dagegen seine Fesseln erleichtern.

Afan. Mit Freuden ! –

Gouv. Er will dich Französisch und die Harfe lehren, du wirst die kleinen Freuden, welche Abgeschiedenheit und Mangel uns vergönnen, schwesterlich mit ihm theilen. Ich spreche Sie frei, Herr Graf, von aller öffentlichen Arbeit. Ihr Unterhalt ist meine Sorge.

Benj. Mein Dank –

Gouv. Stille! wer von uns gewinnt am meisten? Sie oder ich? – Jetzt lasse ich den Lehrer bei der Schülerin allein, und erwarte ihn nachher auf eine Partie Schach. (Er geht ab.)

Afan. (Pause. Verlegenheit, mit niedergeschlagenen Blicken.) Wenn nur die Schülerin dem Lehrer keine Schande macht.

Benj. (in Verlegenheit). Weil sie zu bald ihn übertreffen wird?

Afan. Haben Sie auch Geduld?

Benj. Welche Frage an einen Sklaven!

Afan. Daß doch immer Glück und Unglück sich wechselseitig gründen. Diese Blume welkt; jene nährt sich von dem Staube der verwelkten. Ihr Schicksal, Herr Graf, ist bitter; aber es versüßt das un'srige. Ihre Leiden mildern sei unsere Pflicht – nicht Pflicht, wie komm' ich zu dem trocknen Worte? – sei unsre Freude.

Benj. (froh erstaunt). Gott! ich höre eine Sprache, die meinem Ohre fremd geworden war.

Afan. Dieses Land ist freilich rauh und kalt, uns're Blumen riechen nicht, unsre Früchte sind sauer, uns're Menschen wild und roh. –

Benj. Ach mein Fräulein! der Mensch ist die einzige Flucht, welche unter keinem Himmelsstriche ausartet. Ueberall gedeiht das Unkraut.

Afan. Warum nur Unkraut?

Benj. Weil es nicht der Mühe werth ist, von den paar Weizenkörnern zu reden, die darunter wachsen.

Afan. Ihre Sprache verräth, daß Sie viel Unglück erduldeten.

Benj. Viel? ach ja, ein Unglück kann viel Unglück sein. Ich bin Sklave.

Afan. Wir werden Ihre Sklaverei erträglich machen.

Benj. (sehr ernst). Es gibt keine erträgliche Sklaverei, (plötzlich galant) vielleicht die der Liebe ausgenommen.

Afan. (munter). Es gibt keine Sklaverei der Liebe.

Benj. Kennt man die Liebe auch in Kamtschatka?

Afan. Man lebt ja in Kamtschatka.

Benj. Vielleicht ohne Liebe, wie ohne Sonne.

Afan. Ei nun, was nicht die Sonnenwärme hervorlockt, das bewirkt die warme Einbildungskraft eines Dichters. Wir lesen, wenn wir können, wir lesen und empfinden. Gäbe es nur mehr gute Bücher in uns'rer Muttersprache. Schon lange war mein Wunsch, Französisch zu lernen. Sie haben meinem Vater versprochen –

Benj. Was meine Kräfte vermögen.

Afan. Sollen wir den Anfang machen.

Benj. Gern, aber ohne Buch –

Afan. Nicht aus dem Buche, von Ihnen will ich lernen.

Benj. Aber wie, wenn der Lehrer vor seiner Schülerin verstummt.

Afan. Weil er kein Buch hat? – Sie sehen mich so an, Herr Graf? In Ihren Augen steht, was ich gerade noch in keinem Buche las.

Benj. (verlegen). Daß doch die Schönen sich so gern an der Verwirrung eines Soldaten ergötzen.

Afan. Weil es uns'rer Schwachheit schmeichelt, und unsern Waffen Ehre macht. Weg mit den Possen! Auch ohne Buch wollen wir uns bald helfen. Sie sagen mir Worte vor, und ich lalle sie nach, so gut ich kann.

Benj. Worte?

Afan. Ich lerne heute ein Dutzend, und morgen ein Dutzend, in Jahr und Tag kann ich Französisch mit Ihnen plaudern. Wie nennt man zum Beispiel das Auge, die Wangen, den Mund, das Herz?

Benj. Le Coeur.

Afan. Le Coeur - le coeur – seh'n Sie, das weiß ich schon. Le Coeur. – Was heißt denn: das Herz klopft?

Benj. Le Coeur palpite.

Afan. Le Coeur palpite. O das ist schön! (Die Hand auf's Herz mit einem Seufzer.) Le Coeur palpite. Ich bin eine gelehrige Schülerin, ich fühle, was ich lerne.

Benj. (verwirrt). Fast hatte ich vergessen, daß Ihr Herr Vater mich zum Schachspiel berief. Ich bitte, mich für heute zu beurlauben.

Afan. Nicht doch, heißt das die Stunde aushalten?

Benj. (bedeutend). Eine ganze Stunde, mein Fräulein?

Afan. Nun ja, bin ich denn so langweilig?

Benj. Um Gotteswillen! vergessen Sie nicht, daß ich nur ein armer Verwiesener bin; und lassen Sie auch mich das nie vergessen.

Afan. Warum nicht? ich will Sie nicht verweisen. Sie haben gegen die Russen gefochten, was geht das mich an? Sie sind gefangen worden, was geht das mich an? Sie wurden hierher gebracht, das geht mich ein wenig an.

Benj. In wie fern, mein Fräulein? welches Amt verwalten Sie hier?

Afan. Das schöne Amt, Unglückliche zu trösten.

Benj. (gerührt, sein volles Herz erleichternd). Ich sehe, die Natur war auch hier gerecht. Zwar raubte sie den Fluren ihren Frühlingsschmuck, aber sie vereinigte alle ihre Wohlthaten in einer schönen Seele, Kamtschatka ist keine Wüste.

Afan. Freundschaft baut sich, wie die Schwalbe, überall ein Nest. Freude ist kein Schmetterling, der sich nur auf Blumen setzt, und im Winter erstarrt. Freude lebt auch unter dem Nordpol.

Benj. Himmel! welche Blume hat diese Sonne entfaltet!

Afan. Wollen Sie mich eitel machen? Aber ich weiß schon, wie ich das zu nehmen habe. Auf einer unfruchtbaren Steppe freut man sich auch des Wiesenblümchens.

Benj. Was ist Kunst gegen Natur!

Afan. Gefällt es Ihnen so?

Benj. Darf es mir gefallen?

Afan. Sonderbarer Mann! Ihr Auge ist so kühn, und Ihr Mund so furchtsam.

Benj. O dann verzeihen Sie des Auges Kühnheit um der Bescheidenheit des Mundes willen! – Ein Wort, das nur noch auf der Zunge schwebt, und ein Stein in der Hand, sind beide so unschädlich; aber das Wort entschlüpft, der Stein ist geworfen, wer kann für die Folgen stehen? – Ihr Herr Vater erwartet mich, – Ich danke Ihnen, mein Fräulein, für die frische Blüte, welche Ihre Hand in den verwelkten Kranz meiner Freude flocht. Ich danke Ihnen, daß ich wieder stolz sein darf, stolz auf Ihre Freundschaft. Das Uebermaß Ihrer Güte verdanke ich nur meinem Unglücke. Wer könnte diese edle Empfindung mißverstehen? wer ihr eine hämische Deutung geben? – Ihnen ist jedes Gefühl geweiht, das in dem Herzen eines Sklaven laut werden darf. (Er grüßt sie ehrerbietig und entfernt sich.)

Afan. (sieht ihm lange schweigend nach, dann geht sie unruhig auf und nieder. Dann greift sie nach dem Buche, blättert darin, und wirft es wieder weg. Dann tritt sie gedankenvoll an das Schachbret, und spielt mechanisch mit den Steinen. Dann seufzt sie, legt die Hand auf die Brust, und spricht:) Le Coeur palpite!

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