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Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.

August von Kotzebue: Graf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka. - Kapitel 3
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authorAugust von Kotzebue
titleGraf Benjowsky, oder: die Verschwörung auf Kamtschatka.
publisherVerlag von Ignaz Klang in Wien und Eduard Kummer in Leipzig
booktitleTheater von August v. Kotzebue. Vierter Band.
year1840
firstpub1794
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Act.

Erste Scene.

Der Schauplatz Ist ein Zimmer des Gouverneurs in der Citadelle von Volscherezk – der Gouverneur und der Hettmann sitzen rechts am Schachbret, sehr vertieft in das Spiel. Links Afanasja mit einem Buche in der Hand. Neben ihr Feodora mit Stickerei beschäftigt, Ordonnanz.

Hettmann. Schach dem Könige!

Gouv. Wirklich? – Und sogar durch einen Bauer? Das ist arg.

Hettm. Ja die Bauern – wer mit ihnen zu spielen versteht –

Gouv. Freilich, der spielt mit Königen.

Afan. (das Buch wegwerfend). Ach!

Feodora. Sie seufzen?

Afan. Warum wurde ich gerade hier geboren?

Feodora. Was kümmerts mich, wo ich geboren wurde, wenn ich nur lebe.

Afan. Lebst du denn?

Feodora. Drollige Frage! Den Beweis gebe ich Ihnen beim Frühstück.

Afan. Ja, essen kann ein Jeder.

Feodora. Die Todten ausgenommen. Ein essendes Ding ist ein lebendiges Ding.

Afan. Du bist genügsam wie eine Auster.

Feodora. O wenn Wünsche Zauberstäbe wären –

Afan. Was machst du da?

Feodora. Ich sticke Blumen.

Afan. Wo wachsen diese Blumen? – Hier nicht – Italien ist ein schönes Land, ich las eben davon. Dort blühen Pomeranzen-Wälder; hier wirkt man sie in die Tapeten. Dort ist die Natur ein gesunder Jüngling; hier, ein kranker Greis. Jene Menschen dürfen sagen: wir leben!

Feodora. Ei nun, sie haben, was uns fehlt, und ihnen mangelt, was wir besitzen. Unser Boden trägt and're Pflanzen und and're Freuden.

Gouv. Mein Springer ist verloren.

Hettm. Und meine Königin gerettet.

Afan. Freuden sagst du? Jedes Haus ist ein Kerker. In Pelz gehüllt bis an die Zähne, entrinnst du der frischen Luft, hungrige Hunde schleppen deinen Schlitten durch ewigen Schnee; kein Blümchen entfaltet sich, keine Frucht wird reif. Macht das dir Freude?

Feodora. Was kümmern mich Blumen und Früchte, so lange ich Menschen habe?

Afan. Menschen? – Ach! welche Menschen! – »Morgen«, höre ich sie sprechen, »morgen ist ein Festtag, morgen wollen wir lustig sein.« Und was ist ihre Lust? Der Russe berauscht sich in Branntwein, der Kamtschadale durch seinen giftigen Schwamm; dann taumeln sie auf allen Straßen, und Thiere gehen Menschen aus dem Wege. Ei, das ist lustig.

Feodora. Oder wir sitzen im Kreise und singen ein frohes Lied zur Balalaika. Ist das nicht lustig?

Hettm. Schach der Königin!

Gouv. Mein Spiel steht mißlich.

Afan. (vor sich hinstarrend). Keine Freundin für mein Herz! Lebte meine gute Mutter noch –

Feodora. Hat Ihr Herz Geheimnisse?

Afan. O nein! Wir essen, trinken, schlafen; wer macht daraus ein Geheimniß? And're Bedürfnisse kennt man hier nicht.

Feodora. Desto besser für uns.

Afan. Verstand und Gefühl reifen nicht in diesem kalten Lande; blühen kaum! Den Werth eines Zobelfells beurtheilen; den Gewinn einer Seereise berechnen; von hier nach den aleutischen, und von dort nach den curilischen Inseln steuern, das ist ihre ganze Weisheit; ein gelungener Handel ihre ganze Freude. Frohe Menschen haben Lieb' und Wein, diese Barbaren haben Wollust und Branntwein. Auch das süße Gefühl des Mitleids ist ihnen fremd, weil es nur im Herzen und nicht im Halse brennt. Wohin ich sehe, wohin ich gehe, stoßen mir arme Verwiesene auf; überall eine Musterkarte des menschlichen Elends; Klage in jedem Auge; Dürftigkeit auf jeder Wange. Kein Sonnenstrahl – nur Thränen schmelzen diesen ewigen Schnee.

Feodora. Sie sprechen wie ein Schaman. Die vermaledeiten Bücher! Ihr Herr Vater sollte die Wachtstube damit heitzen lassen.

Afan. Die Bücher kann er verbrennen, ihr Inhalt steht in meinem Herzen.

Feodora. Ich weiß besser, was Ihnen fehlt. Sie sind in dem Alter, in welchem ein Mädchen Alles ahnet, und nichts begreift. In Einem mangelt ihnen Alles, bei Allem mangelt ihnen Eines. Für ein dürftiges Herz ist die Welt eine Wüste. Für ein befriedigtes Herz ist Kamtschatka ein Paradies.

Afan. Du hast recht, Feodora! Ich bin allein in der Welt! und wenn einst auch mein Vater – er ist alt und kränklich – wenn auch er von mir scheidet – ach! was wird dann aus mir werden! –

Hettm. (nimmt einen Läufer). Diesem Läufer hab' ich lange nachgetrachtet.

Gouv. Er deckte meinen König.

Hettm. Jetzt frisch darauf los!

Gouv. Ich sehe keine Rettung.

Ordonn. (tritt herein). Der Lieutenant Kulossow ist angekommen. Er hat einen Transport Verwiesener hierher geleitet. Sie stehen im Vorzimmer und erwarten Ew. Excellenz Befehle.

Gouv. Laß sie herein treten.

Ordonn. (geht ab).

Afan. Schon wieder ein Gemälde des Elends. Komm, Feodora, ich mag sie nicht sehen. (Sie will gehen.)

Zweite Scene.

Vorige. Benjowsky. Kulossow und mehrere Verwiesene.

Benjowski (tritt herein mit dem Lieutenant Kulossow und einem Haufen Verwiesener, Alle bleiben an der Thür stehen).

Afan. (stutzt, will fort, kehrt um, wirft einen Blick auf Benjowsky, dann noch einen, wird unruhig, und spricht, indem sie sich wieder setzt). Wir wollen gehen, Feodora.

Feodora. Ich bin bereit.

Afan. (schüchtern nach Benjowsky blickend). Siehst du jenen Mann?

Feodora. Ich sehe viele Männer.

Afan. Nicht doch! – Einer nur – Seine Gestalt verräth die gebeugte Seele, aber sein großes Auge straft die Gestalt Lüge.

Feodora. Ich sehe einen Menschen, dessen hagere Wangen Krankheit und Mangel verrathen.

Afan. Gesundheit der Seele strotzt aus seinem Auge. Sieh, wie keck und frei er umherblickt, indeß seine Gefährten das Auge an den Boden heften. Er scheint zu sagen: ich bin überall Herr! Der große Mann sieht herab auf eine Kette, wie auf ein Ordensband. Dieser Anblick erschüttert mich.

Feodora. Sollen wir gehen?

Afan. Warum gehen? Mit Unglück sich vertraut machen, ist ein Schatz für die Zukunft gesammelt.

Feodora. Nun so wollen wir bleiben. (Sie fährt fort zu arbeiten).

Benj. (tritt vor hinter den Stuhl des Gouverneurs, und beobachtet das Spiel).

Afan. Sieh! wie unerschrocken. Als ob er hier zu Hause sei.

Feodora (aufblickend). Wohl ihm, wenn Ihr Herr Vater seine Keckheit auch so günstig beurtheilt.

Afan. Fürchte nichts. Seelengröße im Unglück fesselt die Herzen.

Gouv. (indem er aufstehen will). Das Spiel ist verloren.

Hettm. Ja, es ist verloren.

Benj. Nicht so ganz.

Gouv. (blickt mit Verwunderung in die Höhe, sieht ihn scharf an, mißt ihn vom Kopfe bis zu den Füßen, und spricht). Wer seid Ihr ?

Benj. Ich war Soldat, einst Feldherr, jetzt Sklave.

Gouv. Vesteht Ihr das Spiel?

Benj. Ein wenig.

Gouv. Glaubt Ihr, es sei noch zu retten?

Benj. Vielleicht.

Gouv. So versucht es einmal. (Zum Hettmann.) Mit Eurer Erlaubnis.

Hettm. In Gottes Namen. Da ist keine Hilfe mehr, in vier Zügen ist er matt.

Benj. (und der Hettmann spielen).

Gouv. (zum Offizier). Euren Rapport.

Offizier. Hier ist er.

Gouv. (nachdem er ihn flüchtig durchlaufen, halb leise). Habt Ihr Kenntnisse von den Schicksalen dieses Mannes?

Offizier. Er war General unter den polnischen Conföderirten, man nahm ihn schwer verwundet gefangen.

Gouv. Sein Name?

Offizier. Graf Benjowsky.

Benj. Schach dem König und der Königin.

Hettm. Alle Teufel!

Gouv. (zum Offizier). War eure Reise beschwerlich?

Offizier. Sehr beschwerlich. Auf der Fahrt von Ochozk hierher überfiel uns ein starker Sturm. Der Mittelmast brach und zerschmetterte dem Kapitän den Arm. Sein Schmerz machte ihn zum Dienst unfähig. In dieser Noth übernahm Graf Benjowsky die Führung des Schiffs. Seinem Muthe und seiner Geschicklichkeit verdanken wir einzig unsere Rettung.

Benj. Schach und matt.

Hettm. (wirft das Spiel unwillig um). Ihr steht mit dem Teufel im Bunde.

Benj. (lächelnd). Glück mit ein wenig Klugheit verbunden, beehrte man von jeher mit dem Namen Teufel.

Hettm. (brummend). Ich bin auch klug, so gut als Einer, wenn ich sage klug, so verstehe ich darunter den Hettmann der Kosaken, die zweite Person in der Provinz. – Hier ist das verlorne Geld. (Er wirft einige Banknoten auf den Tisch.)

Gouv. Es scheint, Herr Graf, Sie sind Meister auf dem Schachbret wie auf dem Meere, dort retteten Sie ein halbverlornes Schiff, hier ein halb verlornes Spiel. Das Letztere geht nur mich allein an, für das Erstere danke ich Ihnen im Namen meiner Monarchin.

Benj. (mit einer edlen Verbeugung). Die Geretteten haben mir bereits gedankt.

Gouv. Man nehme ihm die Fessel ab. (Es geschieht.) Ihre Handlung erwirbt Ihnen in der ersten Minute, was sonst nur Jahre zur Reife bringen: meine Hochachtung. Sie konnten sich mitten im Sturme des Schiffs bemächtigen; Sie konnten in eine entfernte Weltgegend fliehen –

Benj. Ich konnte mehr thun: das Schiff untergehen lassen und sterben. Ich hatte den Muth, mein Leben zu erhalten.

Afan. O Feodora! welch' ein Mann!

Gouv. Wo Amt und Pflicht mit meiner Hochachtung verträglich sind, da werd' ich gern Ihr Schicksal erleichtern.

Benj. Ich beneide Sie, mein Herr, um das schöne Vorrecht, Edelmuth an Unglücklichen zu üben; und ich liebe Sie, weil Sie es zu gebrauchen wissen.

Gouv. Für jetzt heißt meine Pflicht, Ihnen Ihre künftige Lebensweise vorzuzeichnen.

Benj. Wer zu befehlen wußte, de weiß auch zu gehorchen.

Gouv. Ruhe und friedliches Beginnen ist hier das erste Gesetz.

Benj. Dem Sklaven leicht zu halten.

Gouv. Sie sind frei, und empfangen Lebensmittel auf drei Tage, dann sorgen Sie selbst für Ihren Unterhalt. Jeder Verwiesene wird mit einer Flinte, Lanze, Pulver und Blei bewaffnet. Die Jagd wird in Zukunft Ihre einzige Beschäftigung sein.

Benj. (feurig froh). Jagd und Waffen! des Krieges Bild! Und mindestens ein Traum von Freiheit!

Gouv. Sie liefern der Krone jährlich sechs Zobel-, fünfzig Kaninchen-, zwei Fuchs- und zwei Hermelin-Felle. Eine halbe Stunde von der Stadt werden Sie sich Häuser bauen, wozu man Ihnen Zimmergeräth aus dem Magazin wird verabfolgen lassen.

Benj. Sie sind sehr gütig, mein Herr. Wer dem Unglücklichen Arbeit gibt, der tröstet ihn.

Gouv. Ich werde mit Zeit und Gewohnheit in ein Bündniß treten, Ihres Schicksals rauhe Bahn zu ebnen. Leben Sie wohl.

Benj. Ihre Kaiserin ist eine große Frau. Sie machte einen Menschen zum Befehlshaber, gerade da, wo ein Mensch am nothwendigsten war. Ich gehe, meinen Gefährten ein Beispiel zu geben, wie Männer leiden müssen.

(Ab mit den Verwiesenen.)

Gouv. (ihm nachsehend). Ein großer Mann!

Hettm. Ein großer Schachspieler wollt Ihr sagen.

Afan. Ein edler Mann!

Hettm. Er spielt rasch, Zug auf Zug.

Gouv. Mit welcher Würde er sein Unglück trägt.

Hettm. Mein Spiel stand so gut.

Afan. Bei so viel edlem Stolz doch so viel feine Lebensart.

Hettm. Schach dem König und der Königin! das werd' ich nie vergessen!

Gouv. Mit Freuden werd' ich seiner schonen, wo ich kann und darf.

Afan. Wie wär' es, lieber Vater, wenn Sie in den rauhen Wintertagen ihm die Jagd erließen, und statt dessen – (sie stockt)

Gouv. Was statt dessen?

Afan. Schon lange wünschte ich Französisch und Musik zu lernen. Sie haben es auch gewünscht. – Vielleicht –

Gouv. Was vielleicht?

Afan. Könnte der Graf mir Unterricht ertheilen. –

Gouv. Wenn er das versteht.

Afan. (freudig). O gewiß! gewiß!

Feodora (bei Seite). Ei freilich.

Gouv. Wir wollen sehen! – Kommt, Gevatter, das Frühstück wartet unser.

Hettm. (indem er mit dem Gouverneur abgeht). Schach dem König und der Königin! es ist zum Rasendwerden!

Feodora (ihre Stickerei zusammen packend). Sollen wir nicht auch zum Frühstück geh'n?

Afan. (in sich gekehrt, in Gedanken verloren, nur halb hörend). Gleich. (Pause.)

Feodora. Ihr Herr Vater wird Sie erwarten, den Thee einzuschenken.

Afan. Meinst du? (Pause.)

Feodora. Es wird auch nöthig sein, Zucker aus dem Schranke zu holen.

Afan. (nach einer Pause, wie aus einem Traume auffahrend). Was sagst du? – ja – nein – du hast Unrecht.

Feodora (lachend). Worin mein Fräulein?

Afan. Worin? (Sie versinkt wieder in ihre vorige Träumerei). Ach!

Feodora. Mich hungert.

Afan. Dich hungert? Wie kannst du jetzt hungern?

Feodora (lachend). Wovon soll ich denn satt sein?

Afan. (antwortet nicht. Sie heftet den Blick auf den Boden, ihre Züge verrathen, was in ihr vorgeht).

Feodora (bei Seite). Wie verscheuch' ich diese Grillenfängerei?

Ein Bedienter (tritt herein). Seine Excellenz lassen das Fräulein bitten –

Afan. (erwachend). Ach! der Sprachmeister! ich komme gleich. (Sie geht schnell ab.)

Feodora. Der Sprachmeister? – ich verstehe! o wahrhaftig! ich verstehe! (Sie folgt ihr.)

Dritte Scene.

Crustiew. Stepanoff.

(Die Bühne verändert sich, und stellt das Dorf der Verwiesenen dar.)

Der alte Crustiew (tritt aus seiner Hütte). Meinen Gruß der rothen Morgensonne an diesem heitern Wintertage! – Hu! es ist kalt. – Der Schnee flimmert und knistert. Der Rauch steigt säulengrade in die Luft. Die Hunde dampfen. Kleine Eiszapfen hangen am Pelzkragen, wo der Hauch des Mundes ihn berührte. – O mein Herz! warum nur du immer heiß und glühend! Alter Thor! Dein Haar ist weiß wie der Reif, der diese Fichten deckt, und doch tobt unter dem Schnee eine Flamme gleich dem Vulkan bei Kolitowa. – Ja Freiheit! Freiheit! du bist wie das Brot jedem Stande und jedem Alter Bedürfniß. Brot ist des Körpers Nahrung, und Freiheit Seelenspeise. – Ach! eine einzige strafbare Unbesonnenheit büße ich schon durch drei und zwanzigjährige Verbannung! (Er fällt in schwärmende Verzückung.) Weib und Kind? wie lebt ihr? wie geht es euch? hast du auch schon Falten auf der Stirn, meine Elisabeth? hat der Gram um deinen Paul dir die Wange so gebleicht? streckt deine Hand sich aus, sein kränkliches Alter zu pflegen? gib, gib die liebe Hand! welch' irdisch Leiden mildert nicht ein gutes Weib! – Auch du, mein guter Alexander – ei wie bist du groß geworden! du lagst noch in der Wiege, als ich den letzten Kuß auf deinen zahnlosen Mund drückte, und mit meiner Kette das Kreuz auf Stirn und Brust dir zeichnete. – Da sitzt ihr nun beisammen, und Alexander spricht: erzähle mir, Mutter, wie sah der Vater aus? und die Mutter läßt eine Thräne auf ihr Nähzeug fallen, mein Bild schwimmt in der Thräne. – Da feiert sie mit Wehmuth unsern Hochzeitstag; da bittet sie die Rückerinnerung zu Gaste und ungebeten stellt sich auch der Kummer ein. (In Thränen der Wehmuth ausbrechend.) O nur eine Minute von den wenigen, die ich noch zu leben habe, laß Gott in ihrem Arme mich fühlen, daß noch ein Mensch mit Liebe an mir hängt? –

Step. (tritt mit der Flinte, einem Fuchs und ein paar Kaninchen auf dem Rücken auf). Guten Tag, Alter! heute wird die Sonne zu einem Eis-Meer gerinnen. Da steht sie am Firmament als ob ein Pfuscher von Maler sie hingepinselt hätte, so ohne Kraft und Wärme.

Crust. Doch warst du schon früh heraus?

Step. Einen Fuchs und zwei Kaninchen hab' ich erschossen. Eine Stunde später wären sie erfroren. Da fühl' einmal, hart und steif wie Knochen. Kaum geblutet haben sie; ein wenig rothes Eis trat aus der Wunde.

Crust. Warst du in der Stadt?

Step. Gestern Abend. Es ist ein neuer Transport Verwiesener angekommen.

Crust. (rasch). Wirklich? – Pfui, da ertappe ich mich auf einer häßlichen Empfindung.

Step. Schwärmst du wieder?

Crust. Soll ich fremdes Elend wünschen, weil ich elend bin?

Step. Warum nicht? Neue Unglücksgefährten. Es gibt doch eine Art von Trost, wenn man hört, wie sie winseln über Dinge, welche die Gewohnheit uns schon erträglich machte.

Crust. Sind ihrer viele?

Step. Etliche zwanzig. Es soll einer unter ihnen sein, ein vornehmer Pole, tapfer, unternehmend, keck in Gefahren, der ist mein Mann!

Crust. Was brütest du?

Step. Ich brüte über euren Muth – über Windeiern. – Ist das ein Leben! Himmel und Hölle! Frage mich, ob ich lieber der Jäger sein mag, oder der gejagte Fuchs? ich weiß dir nicht zu antworten. Ich beneide den Fuchs, weil er sich ängstigt, weil er horcht und flieht, stiehlt und genießt. Mir sagt kein abwechselndes Gefühl, daß ich lebe.

Crust. Muth ohne Kraft ist ein Kind, das Soldaten spielt.

Step. Muth ohne Kraft ist ein Unding. Muth ist nie ohne Kraft. Kurz, ich will nicht länger dulden.

Crust. Wir alle wollen nicht, aber wir müssen.

Step. Wählt mich zu eurem Oberhaupt; den Fremdling mache ich zu meinem Unterbefehlshaber. In wenig Tagen sind wir frei.

Crust. (den Kopf schüttelnd). Dich, Stepanoff? – Vermähle deine Tapferkeit mit fremder Klugheit und Erfahrung, dann mag es geh'n.

Step. Ei, wie weise! daß doch die Alten uns so gern überreden möchten, die Welt müsse untergeh'n ohne ihre Weisheit. Der Greis will immer helles Licht, er schreitet langsam und gemächlich. Der Jüngling bedarf nur eines Blitzes, er sieht und greift.

Crust. Seit wann hat dieser Taumel dich ergriffen ? Noch vor wenig Monden hab' ich dich lachen hören, wenn andere murrten.

Step. Und jetzt knirsche ich, wenn andere nur murren.

Crust. Woher die plötzliche Verwandlung?

Step. Höre Alter, und begreife, wenn du kannst. Sich am Ofen oder an der Sonne wärmen; sich von Pferden oder Hunden ziehen lassen; Sterlet oder gedörrten Fisch speisen; das galt nur gleich. Es gilt mir auch noch gleich, wenn das Weib, das ich liebe, mit mir theilen will.

Crust. Du liebst?

Step. Nun ja, ist das ein Wunder?

Crust. Und wirst geliebt?

Step. Wer frägt darnach? Weiberherzen muß man nicht lange feilschen. Stelle dich, als sei dir an der Ware nichts gelegen, so bekommst du sie wohlfeil.

Crust. Wer ist deine Geliebte?

Step. Afanasja.

Crust. Des Gouverneurs Tochter?

Step. Was fährst du auf?

Crust. Bist du toll!

Step. Ha! ha! ha! ist denn des Gouverneurs Tochter weniger Mädchen?

Crust. Du hast Recht, ich hätte nicht erstaunen, ich hätte lachen sollen. Ein Gefangener, ein Verwiesener, verbannt aus jeder Gesellschaft; der nicht einmal sein Taschenmesser sein nennen darf; der die Festung, welche sie bewohnt, nur dann betritt, wenn er zur Frohn dort arbeiten muß –

Step. Eben das macht mich hartnäckig. Ich liebe – ich rase! das Mädchen geht an mir vorüber, ihr seidenes Kleid rauscht an mir hin, sie sieht mich kaum; oder wenn sie mich sieht, so ist nur Mitleid in ihren Blicken. Nicht einmal am ersten Ostertage, wenn jeder Russe auf jeden Russen zugeh'n, und ihn küssen darf, indem er spricht: Christus ist auferstanden! nicht einmal dann darf ich mich ihr nähern. Aber es soll anders werden! ich will dürfen, was ich kann!

Crust. Stepanoff! du hast dich heute früh betrunken.

Step. Ha! ha! ha! dem Greise ist Manneskraft ein Branntweinrausch. Jede große That dünkt den Alltagsseelen Wahnwitz; ist sie aber gelungen, dann stempeln sie mit ihrer Bewunderung den Thäter zum Helden.

Gurcinin (tritt hastig auf). Es sind neue Verwiesene angekommen, sie nähern sich bereits dem Dorfe.

Step. Dank dem heiligen Georg! so erfährt man doch endlich einmal, wie es in der Welt aussieht; ob die Menschen noch immer Narren sind, und welche Art von Narrheit jetzt die herrschende ist.

Crust. Geh', Wasili, besorge, daß ein frisches Faß angezapft werde, decke den Tisch, setze Flaschen und Gläser darauf, Caviar und Cedernüße. Vielleicht sind sie hungrig, und es gelingt uns, ihren Kummer um die erste Viertelstunde zu betrügen.

Gurc. (geht in Crustiews Hütte).

Step. Ein herrlicher Kerl, der Wasili! Es gibt Beschäftigungen in der Welt, die den Menschen auf seine Lebenszeit in eine gewisse Form kneten, wie ein Stück Papier, das man so oder so gefalzt hat, der Bruch geht nie wieder heraus. Sieht man nicht auf den ersten Blick, daß er einst Kammerjunker war? Er meldet die Kommenden, er geleitet die Gehenden, er trägt sich mit Neuigkeiten, er weiß eine Tafel zu ordnen, er ist faul wie ein satter Schooßhund, und in seinem Kopfe sieht es aus, wie in einem Weiberstrickbeutel.

Crust. Doch gleicht er dir in einem Stücke: seine Zunge ist scharf wie die deinige.

Step. Ist doch nur eine Katzenzunge, kann wohl die Haut weglecken, aber nicht stechen.

Crust. Da kommen die Fremdlinge.

Vierte Scene.

Die Vorigen. Benjowsky und die Verwiesenen.

(Benjowski und die Verwiesenen treten auf. Neubegier und Freude locken zugleich die ältern Bewohner des Dorfes aus ihren Hütten. Sie sammeln sich um die Ankömmlinge.)

Crust. Willkommen unter uns, ihr Gefährten des Elends!

Step. Unser Willkommen ist ein Gruß der Verdammten in der Hölle, wenn der Teufel neue Seelen bringt.

Benj. Getheilte Leiden sind nur halbe Leiden. Ich grüße euch alle brüderlich.

Crust. Gebt mir die Hand, Fremdling. (Er schüttelt sie.) Ich sehe da noch Spuren jüngst getragener Fesseln. So roth war einst auch meine Hand über dem Knöchel, aber dreiundzwanzig Jahre verwischen Gutes und Böses.

Benj. Wie? schon dreiundzwanzig Jahre bewohnt ihr diese Küste? und ihr lebt noch?

Crust. Ich hoffe noch.

Benj. So ist denn Hoffnung der einzige Schatz, der mit dem Unglück wächst.

Crust. Ein Nothpfennig, den man gern mittheilt und doch nie aufzehrt.

Step. Was ist Hoffnung ohne Muth? ein schwindsüchtiger Läufer.

Benj. Für Muth bürgt Elend.

Step. Nicht immer. Nur Verzweiflung gibt Muth, Elend erschlafft.

Crust. Kein unzeitiges Geschwätz. Ihr bedürft Erquickung. Wir haben ein Frühstück zubereitet, und wollen Euch bewirthen, mit schlechter Kost, doch willigem Herzen.

Benj. Sagt mir, wo werden wir wohnen? wo sollen wir unsere Hütten bauen?

Crust. Die rauhe Jahreszeit verstattet nicht, den Bau jetzt anzufangen. Euch stehen unsere Hütten offen. Wir wollen uns behelfen bis zum Frühjahr. Geh', Wasili, hole mir die Zettel, auf welchen uns're Namen stehen, daß ich sie in meine Mütze werfe, und jeder Fremdling seinen Hausgenossen durch das Loos erkiese.

Wasili (geht ab).

Benj. (verstohlen zu Crustiew). Laßt, guter Alter, bei Euch mich wohnen.

Crust. (eben so). Schon gut. (Laut.) Jetzt sagt mir, ist keiner unter euch, der die verlassene Gattin des alten Crustiew in Nowogrod kennt? (Aengstlich umherschauend.) Keiner?

Erster Verw. (tritt vor). Ich kenne sie.

Crust. (ihn sehr bewegt in seine Arme schließend). Ach, mein Freund! Sie lebt?

Erster Verw. Sie lebt.

Crust. Wie lebt sie?

Erster Verw. Still und eingezogen. Ich sah sie kürzlich noch am Fest der Wasserweihe.

Crust. Und mein Sohn Alexander?

Erster Verw. Er ist Soldat und hat sich brav gehalten.

Crust. Gott! vielleicht zum ersten Male steigt der Dank eines glücklichen Menschen von Kamtschatkas Ufern zu dir empor! – Mein Freund, für diese frohe Botschaft werde dir, was nur ein Gott verleihen kann: Trost und Freude in der Sklaverei.

Gurc. (kömmt zurück). Hier sind die Loose.

Crust. (schüttelt sie in seine Mütze, und sucht unvermerkt eines heraus, welches er Benjowsky heimlich zusteckt). Stellt Euch, als habt Ihr dieses ergriffen. (Laut.) Jetzt ziehe ein Jeder den Namen seines künftigen Gefährten.

Step. In dieser Lotterie fallen verdammt wenig Gewinnste. Die Hütten sind Nester und die Bewohner Raben.

Benj. (greift zum Schein in die Mütze, öffnet seinen Zettel und liest). Crustiew!

Crust. Seid mir willkommen! frohe Rückerinnerungen wollen wir theilen, Wünsche und Hoffnungen gegen einander austauschen.

Benj. Ich darf versprechen, daß Ihr bei dem Austausch nicht verlieren werdet.

Erster Verw. (zieht und liest). Stepanoff!

Step. Kannst du lachen, wenn du die Kolik hast, so sei mir willkommen.

Zweiter Verw. (zieht). Gurcinin!

Step. Der wird dir erzählen, wie man zu den Zeiten der Kaiserin Elisabeth polnisch tanzte.

Dritter Verw. (zieht). Alexey.

Step. Der war einst Protopop, er wird dich beten lehren.

Vierter Verw. (zieht). Batturin!

Step. O, der kann dir noch die Zwergenhochzeit unter Peter dem Ersten beschreiben.

Fünfter Verw. (zieht). Heraklius Zadskoy!

Step. Der trinkt dich unter den Tisch, hättest du auch dein Lebenlang den Lieferanten den Kronsbranntwein nachgemessen.

Sechster Verw. (zieht). Andre Biatzinin!

Step. Der versteht Vögel abzurichten, und fängt die Hasen mit Schlingen.

Siebenter Verw. (zieht). Grigori Lobtschoff!

Step. Der zählt, wie viel Haare auf dem Rücken eines Zobels wachsen; und wie viel Eier eine Ameise legt.

Crust. Das wäre jetzt in Richtigkeit gebracht. Nun zum Frühstück! damit beim vollen Becher die junge Freundschaft schnell heranwachse.

Benj. Wachsthum gebe ihr der volle Becher, aber Festigkeit und Dauer unser Unglück.

(Alle ab in Crustiews Hütte).

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