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Wilhelm Jensen: Gradiva - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Wahn und die Träume in Wilhelm Jensens ?Gradiva?
authorWilhelm Jensen
year1998
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-10455-6
titleGradiva
pages128-216
created20000118
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Beim Besuche einer der großen Antikensammlungen Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so daß er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können. Der hing nun schon seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen Lichtauffall als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgröße stellte das Bildnis eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indes augenscheinlich keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermaßen ›Heutiges‹ zur körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Straße im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Tonmodell festgehalten habe. Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich schmalen Gesicht ging nicht das geringste einer blendenden Wirkung aus. Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch plastische Formenschönheit, besaß aber etwas bei den antiken Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut, die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflößen. Hauptsächlich geschah dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr außerordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln niederfließendes Gewand ein wenig aufgerafft, so daß die Füße in den Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der rechte, im Begriff nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporheben. Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend, die eigenartige Anmut.

Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doktor Norbert Hanold, Dozent der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief nichts sonderlich Beachtenswertes. Es war kein plastisches Erzeugnis alter großer Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er wußte sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur daß er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt, ›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco ortus. Vielleicht – ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die Vorstellung – konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgendeiner Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin.

Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in den Rahmen der großen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« – ihren wirklichen Namen vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen – »die Tochter des ... sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.«

Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Überzeugung ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wiederausgegrabenen eigentümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen trockenen Übergang von einer Seite der Straße zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlaß für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, wie ihr einer Fuß sich über die Lücke zwischen zwei Steinen hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand nachzufolgen, und bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Altertumskenntnis, den Anblick der lang hingedehnten Straße, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brote ausgelegt, Tonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Straßenkreuzungsecke saß eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem halben Dutzend der großen Walnüsse hatte sie die Hälfte der Schale weggetan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stieß es auf lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit roten und gelben Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weißblitzende Statue empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der heißen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner heutigen Kegelgestalt und braunen Öde, sondern bis gegen den zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs bedeckt. In der Straße bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde Lazerte von ihnen fort.

So stand's lebendig vor Norbert Hanolds Augen, allein aus der täglichen Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue Mutmaßung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von griechischer Art, so daß sich ihm nach und nach ihre hellenische Abstammung zur Gewißheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her, und weitere, den darauf Fußenden angenehm berührende Vorstellungen entsprangen daraus. Dann hatte die junge ›domina‹ vielleicht in ihrem Elternhause Griechisch gesprochen und war mit griechischer Bildung genährt aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.

Diese Konjekturen oder Ausfindungen konnten indes ein wirkliches archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und Norbert war sich auch bewußt, etwas anderes, und zwar in seine Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische Urteilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er nicht ins klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fußes als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, ließ die nachziehende Bewegung seinen Fuß stets in einer weit minder steilen Haltung; mathematisch formuliert, stand der seinige während des flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens, weil am zweckdienlichsten, als naturgemäß. Er benützte einmal die Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides außerstande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wußte indes nicht zu sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung.

Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. Das nötigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Tun; das weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder Erzguß gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein Erkenntnisdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit dem er sich der von ihm als notwendig erkannten eigentümlichen Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der Großstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, ließ ein Ergebnis nur vom Aufsuchen minder belebter Straßen erhoffen. Doch auch hier machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener wie bei nasser Witterung; er nahm gewahr, daß die letztere noch am ehesten Erfolg verheiße, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. Unvermeidlich mußte mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füßen gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr einnehmendem Äußern war, drückte sich in ein paar Augen das Gegenteil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine sowenig zum Verständnis wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche ließen die Sohle nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der Genugtuung, er habe sich in seinem archäologischen Urteil über das Relief nicht geirrt. Andrerseits indes bereiteten seine Wahrnehmungen ihm einen Verdruß, denn er fand die senkrechte Aufstellung des anhaltenden Fußes schön und bedauerte, daß sie, nur von der Phantasie oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht entsprach.

Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntnis eingetragen, hatte er eines Nachts einen schreckvoll beängstigenden Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24. Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort ließen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von blutrotem Licht Übergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Atmen behindert zu werden. Wie er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne daß er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis in jede Einzelheit vortrefflich geraten und gleicherweise ihre schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken nachzuhängen; darüber vergaß auch er den furchtbaren Vorgang, wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese aufs genaueste einzuprägen. Dann indes, ihn jählings überfallend, kam ihm zum Bewußtwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriß seinem Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen, so daß ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot, doch mit einem völlig verständnislosen Ausdruck und ohne weiter achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort. Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu weißem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Portikus des Tempels hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die Lapilli so massenhaft, daß sie sich zu einem völlig undurchsichtigen Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indes den Weg zu der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie, von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr atmend, offenbar von den Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rote Schein ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmäßigen Decke begrub. Draus ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue Aschenfall empor.

Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein Aprilmorgen war's, und von draußen scholl das vielfältige Gelärm der Großstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll, bis zu seinem Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit, eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte, daß er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, daß die Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewißheit befestigt, und ebenso schloß sich jetzt auch die zweite daran. Mit einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war gewissermaßen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte. Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, ließ der Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, daß sie sich in der verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.

Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den Füßen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum Norden vorgeschrittene Frühling lag draußen, gab sich in der großen Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Straße hatten ihre Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied. Der arme Bursche tat Norbert leid, er hörte unter dem hellen Klang trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne hinaus.

Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei, denn etwas anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm geriet's erst jetzt zum Bewußtsein, daß er in dem Traum nicht genau darauf geachtet habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte sich, indes vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen.

Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten Augenblick wußte er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte er's; drunten auf der Straße ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fußes für einen Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so, ein gewisses Erkennen ließ die Entfernung und der Niederblick von oben nicht zu.

Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Straße, ohne noch recht zu wissen, wie er dorthin geraten sei. Er war, einem am Geländer niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Daß sich diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den Oberteil, von der unteren Hälfte und den Füßen konnte er nichts gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib die Hand nach seinem Ärmel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' nacht wohl ein bißchen was zuviel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen hier auf der Straße nach Ihrem Bett? Da tun Sie besser, erst mal nach Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher bestätigte, daß er sich in einem für die Öffentlichkeit nicht schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntnis, wie er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn betroffen, da er auf Anständigkeit der äußeren Erscheinung hielt, und, von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück. Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als letztes wahrgenommen, daß bei dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von drüben herschauend zu sehen gemeint.

 

Doktor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Tuns und Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von einer Begutachtung derselben durch irgendwelche höhere Instanz als seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äußerst günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern konnte, sonst jedoch besaß der junge Archäologe mit jenem in manchem einige Ähnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, daß er als einziger Sohn eines Universitätsprofessors und Altertumsforschers berufen sei, durch die nämliche Tätigkeit den Glanz des väterlichen Namens weiterzuerhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes philologisches Examen die vorschriftsmäßige Studienreise nach Italien gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. Lehrreicheres als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel konnte nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugnis zuteilen, seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner Kenntnisse ausgenutzt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. Daß außer ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äußerst schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze nicht tote Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Wert des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so saß er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnötigten. Doch war's bekannt, daß er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine Umgebung teilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung des Mittag- oder Abendessens, sobald es irgend tunlich wurde, empfahl, und auf der Straße niemand von denen, mit welchen er am Tisch gesessen, begrüßte. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer Begegnung grußlos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.

Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas kuriose Wissenschaft sein mochte oder ihre Legierung mit dem Wesen Norbert Hanolds eine absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm selbst wenig zum Genuß des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm als Zugabe gewissermaßen ein Korrektiv durchaus unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, ohne daß er selbst von diesem Besitztum wußte, eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig gekannt, trug indes trotzdem ein Gefühl in sich, daß ihm etwas fehle, und ließ das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine Lage sei ungleich vorteilhafter als die des Kanarienvogels, denn er habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins Freie behindert wurden.

Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebnis, von dem sich durch Nachdenken weiter fortschreiten ließ. Norbert gab sich dieser Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füßen auszuschreiten schien, und fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung entsprungen war, hatte die weitere Überlegung doch als selbstverständlich ergeben, daß sie einem wissenschaftlichen Zweck dienen müsse. Ihm war aufgegangen, daß er vernachlässigt habe, sich in Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in anderthalbtägiger Fahrt dorthin.

 

Nicht allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, daß es sehr schön ist, jung, vermöglich und unabhängig im Frühling aus deutschen Landen nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu zweien befinden, nichts ohne ein außerordentliches, sich durch zahlreiche Superlative kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und schließlich nur das nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen hätten. In umgekehrter Richtung wie die Zugvögel pflegen solche Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich entgegengesetzte, er habe vernunftgemäß wohl daran getan, sich bisher mit dem lebendigen ›Homo sapiens‹ der Linnéschen Klassifizierung möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in bezug auf die weibliche Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, außerstande zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlaßt haben könne. Ihm blieb unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, noch rätselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung mußte sein Blick auf das Gesicht einer von ihnen geraten und traf auf keines, das die Augen durch eine äußere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und gemütlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Maßstab, um sie daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, daß er sich dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebnis, unter allen ihren Torheiten nehme jedenfalls das Heiraten, als die größte und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermaßen dieser Narretei die Krone auf.

Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er saß auch hier in einem Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich wohl erklären, daß die draußen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Zypressen und Pinien zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller bedankten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck sei, und der Trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und zu Fuß sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgendetwas Eigentümliches, wie Geheimnisvolles verborgen halte. Doch ließ er sich von solchen vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der ›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Übereilung nach einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.

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Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem Umherwandern und dem Straßenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing auch schon das Bewußtsein bald an ihm zu verdämmern, doch grade im Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war durch eine nur durch einen Schrank verstellte Tür mit dem nebenan befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen davon Besitz genommen, ein. Nach ihren die dünne Scheidewand durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die unverkennbar der Klasse der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugnis auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu danken sein, daß sie ihre Gedanken und Empfindungen äußerst deutlich vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:

»Mein einziger August–«

»Meine süße Grete –«

»Nun haben wir uns wieder.«

»Ja, endlich sind wir wieder allein.«

»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«

»Wir wollen beim Frühstück mal im Baedeker nachsehen, was noch notwendig ist.«

»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser als der Apoll von Belvedere.«

»Das hab' ich oft denken müssen, meine süße Grete, du bist viel schöner als die capitolinische Venus.«

»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«

»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der Eisenbahn fahren.«

»Wenn er dann grade anfinge zu speien und wir da mitten hineinkämen, was würdest du da tun?«

»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«

»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«

»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu vergießen.«

»Mein einziger August –«

»Meine süße Grete –«

Damit schloß vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm als merkwürdig auf, daß die beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch miteinander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung gelangend, nach einem Weilchen sagen:

»Meine süße Grete –«

»Mein einziger August –«

Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des Rauches und Flammenscheines lag helles, heißes Sonnenlicht über den Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weißen Linnen Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.

Auch in ihm selbst war indes etwas anders geworden, wodurch, wußte er sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar beklemmendes Gefühl bemächtigt, daß er in einem Käfig eingesperrt sei, der diesmal Rom heiße. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von der Straße her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit schrilltöniger im Ohr als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus einer lärmvollen Steingrube in die andre geraten, und ihn schreckte ein wunderlich unheimliches Grauen vor den Altertumssammlungen, einer dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies tat er, um den Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts als landesüblichen Schmutz, entsetzlich riechende Monopol-Zigarren, kleine, windschiefe, mit Armen und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.

 

Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, camera benannten Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eukalyptusbäumen bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Skulpturen und Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studieren, doch es war ihm dort ähnlich ergangen wie in Rom. Im Saale der pompejanischen Hausgerätesammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider neuester Fasson eingehüllt, die zweifellos sämtlich unmittelbar mit dem jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Ärmels am Arm eines ebenso tadellos männlich kostümierten, jüngeren oder ältlicheren Begleiters, und Norberts neugewonnene Einsicht in ein ihm bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Öffentlichkeit modifizierte, gemäßigte und gemilderte Gesprächsführung zutage:

»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisewärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.«

»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muß er aus Silber gemacht sein.«

»Weißt du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken wird?«

Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem wie mit Glanzlack gefirnißten bejaht. »Was du mir servierst, kann alles nur zur Delikatesse werden.«

»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon Nähnadeln gehabt?«

»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu groß sein.«

»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«

»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«

»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich auch noch nach Pompeji selbst?«

»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von Wert war, steht im Baedeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiß sein, das könnte ich mir nie verzeih'n.«

»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«

»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, und in der wundervollen Beleuchtung der Blauen Grotte werde ich erst ganz erkennen, was für ein großes Los ich in der Glückslotterie gezogen habe.«

»Du, wenn jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du mich bringst, ist's mir überall recht und ganz einerlei, wo, denn ich habe dich ja bei mir.«

August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemäßigt und gemildert. Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Übelkeitsgefühl an, und er lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein Glas Wermut zu trinken. Verzehntfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang für ihn der rasche Antrieb, das zu tun, was sie nicht taten. Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine befriedigende Unterkunft rechnen ließ. Sein Verlangen nach ihnen enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes – wenn es nicht ein Widerspruch in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton ›leidenschaftlich‹ beilegen können –, und schon um eine Stunde später saß er in einer ›carozella‹, die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von Portici und Resina davontrug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend für einen altrömischen Triumphator geschmückte Straße; links und rechts breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren in der Sonne einen überschwenglichen Reichtum von ›pasta da Napoli‹ aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus flüssigem Malachit und Lapislazuli zusammengemischt, der Golf. Die kleine beräderte Nußschale flog, wie von einem tollen Sturm fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' Annunziata, erreichte das in unablässigem, stummgrimmigem Ringkampf seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und ›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an, dessen altklassischer Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar größter Gemütsruhe schaute indes der moderne schweizerische Konkurrent vor seiner Tür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, daß auch in den Töpfen des klassischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht wurde als in seinem und daß die drüben verführerisch zum Ankauf ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen seien.

So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, daß sein Gemüt für ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte ein Haß in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug vor dem Sommer und erkannte in ihnen den unumstößlichen Beweis gegen das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn als auf ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich vermutlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine süße Grete« an; dem Gedächtnis des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich angefertigten Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Altertum diese nichtswürdige Kreatur schon ebenso die Geißel der Menschheit gewesen, bösartiger und unabwendbarer als Skorpione, Giftschlangen, Tiger und Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreißung oder Verschlingung der von ihnen Überfallenen abgesehen hatten, vor denen man sich außerdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, verstörte, zerrüttete schließlich das geistige Wesen des Menschen, seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, lediglich das teuflische Gelüst zu martern; sie war das ›Ding an sich‹, in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des Äschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zugrunde gerichtet, so den Meißel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodites, vom Scheitel bis zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerten, die er während seiner Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her erschlagen, aufgespießt, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet habe.

Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nötigen Waffe, und wie es auch der größte, doch in Vereinzelung geratene Schlachtenheld des Altertums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der hundertfältigen Überzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr seine Stube. Draußen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im engeren getan, was er morgen im weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot seinem Bedürfnis offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. Übrigens gesellte sich dieser Erkenntnis, wenigstens dunkel, noch eine andre hinzu, daß seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermutlich schon zu Hause durch winterlange Stubenluft und Überarbeitung begonnen. Er fühlte, daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiß waren in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu angetan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm nicht recht verborgen bleiben, daß er eigentlich ebenso zweck- und sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, tat den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtnis zu verlieren, in welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.

Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein totes Schuttfeld erschien sie, größtenteils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im Westen nicht weit mehr vom Rande des Tyrrhenischen Meeres entfernt stand. In der Runde umher dagegen überfloß sie alle Bergkuppen und Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich das Kap Misenum mit dunklem Umriß wie ein geheimnisvoller Titanenbau enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, Erhabenheit und Anmut verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war außerstande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermißte. Mit einer nah an Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit ließ er die Augen über alle Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im geringsten, daß diese beim Sonnenuntergang verblieb und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er gekommen, zum Diomed zurück.

 

Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum Beschluß, aus der begangenen Torheit wenigstens einen Tag lang wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmäßigen Wege nach Pompeji hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den Zwangsführern befehligten Trupps, mit rotem Baedeker oder ausländischen Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast ausschließlich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem Frühstückstisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süßigkeit und Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig gewählte, mit einer guten ›mancia‹ verbundene Worte bald von der Lästigkeit seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein seinen Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, daß er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein Blick fiel, lag und stand alles genauso, wie er es in sich trug, als ob er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber brachte andrerseits mit, daß ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnötig vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise nicht ein einzigesmal in Erinnerung, daß er vor einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr von Bruchstücken alter Torbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Maße bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die esoterische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel anderes als ein großer, zwar sauber aufgeräumter, indes außerordentlich nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zueinander auf einem gegensätzlichen Fuße zu stehen gewöhnt waren, hatten sie offenbar heute hier ein Übereinkommen getroffen, Norbert Hanold gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -stehens zu überlassen.

So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur Porta del Vesuvio, durch die Gräberstraße wie durch unzählige andere kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht bis zu der Stelle hin, wo sie ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht hergenötigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, zur großen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie hatten außerdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die Konversation jenseits des großen und des Ärmelwassers erforderlich sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lukullischen Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren Magen nicht den kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämtlicher innerer und äußerer Umstände war dies zweifellos auch das klügste, was sie zu tun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den nordländischen Teint einer Mistreß oder Miß begann ihre scheitelrechte Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermutlich in einem Kausalverband damit hatten die ›charmings‹ sich in der letzten Stunde bereits erheblich vermindert, die ›Shockings‹ sich um ebensoviel vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen noch weiter als vorher auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen Übergang zum Gähnen angetreten.

Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu toter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl an, daß der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indes nur der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus voller Brust wildes Gefauch ausstoßend, herüber; das tat er heute nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht lassen, blies alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so leis, mit heißem Atem an.

Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht konnte, übergoß alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. Wie mit einem goldenen Radiermesser löschte sie an den Häuserrändern der semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein Überdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu umhüllen; jegliche Straße zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weißrieselnder Linnenstreifen dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur die schnurrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben der Lazerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht getan, doch der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draußen an den Berghängen und Felswänden gewesen, wenn der große Pan sich zum Schlafen hingelegt, hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfallend, da und dort hingekauert. Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der heißen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Toten in ihr aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.

Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl oder richtiger ein umbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark und nachhaltig, daß ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich einer oder eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so veranlagt, und er mußte die Folge davon über sich ergehen lassen. Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständnis war; er wollte gar nichts und wünschte nichts weiter, als, anstatt sich auf die zwecklose Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der Hand in seiner Studierstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der Gräberstraße durch das Herkulanertor ins Stadtinnere zurückgekehrt und völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimnis behütend, lag die lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so atemlos, daß auch seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer Straßenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren Sitz gehabt, stumm redeten die Straßenecken davon. Mehrfach öffneten sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine Anzahl großer, rundbauchiger Tonkrüge auf eine Öl- und Mehlhandlung. Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, gehenkelte Amphoren an, daß der Raum hinter ihnen eine Schänkstube gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden war von vielen Füßen abgetreten, vermutlich hatte sie den Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur in halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch jene Lobpreisung dahin erläuternd, daß des Schankwirts Wein seine Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.

Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanolds das Wort caupo herauszuheben, oder war's nur Täuschung, sicher feststellen konnte er's nicht. Er besaß eine entschiedene Fertigkeit in der Entzifferung schwer enträtselbarer graffiti, hatte schon rühmlich Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, daß er überhaupt kein Latein verstehe und es sei widersinnig von ihm, lesen zu wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein verlassen, sondern ließ ihn auch ohne das geringste Begehren, sie wiederaufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen brachte und als Weisheit vortrug, war alles eitel leere Wichtigtuerei, klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnisfrüchte herum, ohne von ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem Verständnisgenuß zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine tote, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, dem Gemüt, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der mußte als einzig Lebendiger allein in der heißen Mittagsstille hier zwischen den Überresten der Vergangenheit stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu regen, und begann zu reden ohne Laut – dann löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Toten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.

Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanolds waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im einzelnen von einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, daß sie sich wie ein gestepptes silberweißes Band zwischen den schweigenden Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.

Da plötzlich –

Mit geöffneten Augen blickte er die Straße entlang, doch war's ihm, als tue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von rechts her aus der Casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.

Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genauso im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch überschlang, die linke Hand hielt das außerordentlich reichfaltige Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln reichend, ließ es klar erkennen, daß bei der vorschreitenden Bewegung der rechte Fuß sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmäßiger Farblosigkeit dar, das Gewand, sichtlich aus äußerst weich-schmiegsamem Stoff verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiß, sondern einem leicht ins Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.

Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtnis aufgewacht, daß er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas anderes zum erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben.

Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden Sonnenlicht bewegungslos eine große Lazerte ausgestreckt, deren wie aus Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuß schoß sie jetzt plötzlich herunter und ringelte sich über die weißglimmernden Lavaplatten der Straße davon.

Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten Apollobildern benannt, die Casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden kam's wieder, daß sie sich ja auch den Portikus des Apollotempels zum Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem näheren Verband mit dem Kultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. Bald indes hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier die Straße, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, ließen nicht mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager verschwindend, geblieben sei.

Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal tief Atem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.

Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm gestanden, ein Erzeugnis seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?

Er wußte es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, daß Pompeji in der Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das sie vor dem verhängnisvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.

Er kannte die Casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Merkurstraße gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte hierher geraten sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit etwas anderem in seinem Gedächtnis Aufgewachten überein, denn er erinnerte sich seiner Vermutung oder vielmehr gewissen Überzeugung, die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid in einer der Metamorphosen geschildert:

Oben schloß ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,
Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.

Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnisvorrat gesellte sich hinzu, daß die junge Gattin des Öneussohnes Meleagros Kleopatra geheißen habe. Mit größerer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der campanischen Sonnenglut mythologisch-literarhistorisch-archäologisch durch seinen Kopf.

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