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Gracian's Orakel der Weltklugheit

Baltasar Gracián y Morales: Gracian's Orakel der Weltklugheit - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeaphorism
authorBalthasar Gracian
titleGracian's Orakel der Weltklugheit
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesArthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß
volumeErster Band
editorEduard Grisebach
year1890
firstpub1832
translatorArthur Schopenhauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080611
projectid5b779c75
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270.

Was Vielen gefällt, nicht allein verwerfen.

Etwas Gutes muß daran seyn, da es so Vielen genügt, und läßt es sich auch nicht erklären, so wird es doch genossen. Die Absonderung ist stets verhaßt und, wenn irrthümlich, lächerlich. Man wird eher dem Ansehn seiner Auffassungsgabe, als dem des Gegenstandes schaden, und dann bleibt man mit seinem schlechten Geschmack allein. Kann man das Gute nicht herausfinden; so verhehle man seine Unfähigkeit und verdamme die Sache nicht schlechthin. Gewöhnlich entspringt der schlechte Geschmack aus Unwissenheit. Was Alle sagen, ist; oder will doch seyn.

271.

In jedem Fache halte sich, wer wenig weiß, stets an das Sicherste:

wird er dann auch nicht für sein, so wird er doch für gründlich gelten. Wer hingegen unterrichtet ist, kann sich einlassen und nach Gutdünken handeln. Allein, wenig wissen und sich doch in Gefahr setzen, heißt freiwillig sein Verderben suchen. Vielmehr halte man sich alsdann immer zur rechten Hand: denn das Ausgemachte kann nicht fehlen. Für geringe Kenntnisse ist die Heerstraße: und in allen Fällen, sei man kundig oder unkundig, ist die Sicherheit immer klüger als die Absonderung.

272.

Die Sachen um den Höflichkeitspreis verkaufen:

dadurch verpflichtet man am meisten. Nie wird die Forderung des Interessirten der Gabe des edelmüthigen Verpflichteten gleich kommen. Die Höflichkeit schenkt nicht, sondern legt eine Verpflichtung auf, und die edle Sitte ist die größte Verpflichtung. Für den rechtlichen Mann ist keine Sache theurer, als die, welche man ihm schenkt: man verkauft sie ihm dadurch zwei Mal und für zwei Preise, den des Werthes und den der Höflichkeit. Inzwischen ist es wahr, daß für den Niedrigdenkenden die edle Sitte Kauderwelsch ist: denn er versteht die Sprache des guten Vernehmens nicht.

273.

Die Gemüthsarten derer, mit denen man zu thun hat, begreifen:

um ihre Absichten zu ergründen. Denn ist die Ursache richtig erkannt; so ist es auch die Wirkung, erstlich aus jener, sodann aus dem Motiv. Der Melancholische sieht stets Unglücksfälle, der Boshafte Verbrechen voraus: denn immer stellt sich ihnen das Schlimmste dar, und da sie des gegenwärtigen Guten nicht inne werden; so verkünden sie das mögliche Uebel vorher. Der Leidenschaftliche redet stets eine fremde Sprache, die von dem, was die Dinge sind, abweicht: aus ihm spricht die Leidenschaft, nicht die Vernunft. So redet Jeder gemäß seinem Affekt, oder seiner Laune, und Alle gar fern von der Wahrheit. Man lerne ein Gesicht entziffern und aus den Zügen die Seele herausbuchstabiren. Man erkenne in dem, der immer lacht, einen Narren, in dem, der nie lacht, einen Falschen. Man hüte sich vor dem Frager, weil er leichtsinnig oder ein Späher ist. Wenig Gutes erwarte man von den Mißgestalteten: denn diese pflegen sich an der Natur zu rächen, und wie sie ihnen wenig Ehre erzeigte, so sie ihr keine. So groß als die Schönheit eines Menschen, pflegt seine Dummheit zu seyn.

274.

Anziehungskraft besitzen:

sie ist ein Zauber kluger Höflichkeit. Man benutze diesen Magnet seiner angenehmen Eigenschaften mehr zur Erwerbung der Zuneigung, als wirklicher Vortheile, doch auch zu Allem. Verdienste reichen nicht aus, wenn sie nicht von der Gunst unterstützt werden, welche es eigentlich ist, die den Beifall verleiht. Das wirksamste Werkzeug der Herrschaft über Andre, das im Schwunge seyn, ist Sache des Glücks: doch läßt es sich durch Kunst befördern: denn wo ausgezeichnete natürliche Anlagen sind, faßt das Künstliche besser Wurzel. Durch jenes nun gewinnt man die Herzen und allmälig kommt man in den Besitz der allgemeinen Gunst.

275.

Mitmachen, so weit es der Anstand erlaubt.

Man mache sich nicht immer wichtig und widerwärtig: dies gehört zur edlen Sitte. Etwas kann man sich von seiner Würde vergeben, um die allgemeine Zuneigung zu gewinnen: man lasse sich zuweilen das gefallen, was die Meisten sich gefallen lassen; jedoch ohne Unanständigkeit. Denn wer öffentlich für einen Narren gilt, wird nicht im Stillen für gescheut gehalten werden. An Einem Tage der Lustigkeit kann man mehr verlieren, als man an allen Tagen der Ehrbarkeit gewonnen hat. Jedoch soll man auch nicht sich immer ausschließen: denn durch Absonderung verurtheilt man die Uebrigen. Noch weniger darf man Ziererei affektiren: diese überlasse man dem Geschlecht, welchem sie eigen ist: sogar die religiöse Ziererei ist lächerlich. Dem Mann steht nichts besser an, als daß er ein Mann scheine: das Weib kann das Männliche als eine Vollkommenheit affektiren: nicht so umgekehrt.

276.

Seinen Geist, mit Hülfe der Natur und Kunst, zu erneuern verstehn.

Man sagt, daß von sieben zu sieben Jahren die Gemüthsart sich ändert: nun so sei es ein Verbessern und Veredeln seines Geschmacks. Nach den ersten sieben Jahren tritt die Vernunft ein: so möge nachher mit jedem Stufenjahr eine neue Vollkommenheit hinzukommen. Man beobachte diesen natürlichen Wechsel, um ihm nachzuhelfen, und hoffe auch an Andern eine Verbesserung. Hieraus entspringt es, daß Viele mit dem Stande oder Amt ihr Betragen geändert haben. Bisweilen wird man es nicht eher gewahr, als bis es im höchsten Grade hervortritt. Mit zwanzig Jahren ist der Mensch ein Pfau; mit dreißig, ein Löwe; mit vierzig, ein Kameel; mit fünfzig, eine Schlange; mit sechszig, ein Hund; mit siebenzig, ein Affe; mit achtzig, – nichts.

277.

Zu prunken verstehn.

Es ist die Glanzbeleuchtung der Talente: für jedes derselben kommt eine günstige Zeit: die benutze man, denn nicht jeder Tag wird der des Triumphs seyn. Es giebt Prachtmenschen, in welchen schon das Geringe sehr, das Bedeutende zum Erstaunen glänzt. Gesellt sich zu ausgezeichneten Gaben die Fähigkeit damit zu prunken; so erlangen sie den Ruf eines Wunders. Es giebt prunkende Nationen, und die Spanische ist es im höchsten Grad. Erst das Licht ließ die Pracht der Schöpfung hervortreten. Das Prunken füllt Vieles aus, ersetzt Vieles und giebt Allem ein zweites Daseyn, zumal wenn es sich auf wirklichen Gehalt stützt. Der Himmel, welcher die Vollkommenheiten verleiht, versieht sie auch mit dem Hange zu prunken: denn jedes von beiden allein würde unpassend seyn. Es gehört Kunst zum Prunken. Sogar das Vortrefflichste hängt von Umständen ab und hat nicht immer seinen Tag. Das Prunken geräth schlecht, wenn es zur Unzeit kommt: mehr als jeder andre Vorzug muß es frei von Affektation seyn, an welchem Uebelstande es allemal scheitert, weil es nahe an die Eitelkeit gränzt und diese an das Verächtliche: es muß sehr gemäßigt seyn, damit es nicht gemein werde, und sein Uebermaaß steht bei den Klugen schlecht angeschrieben. Bisweilen besteht es mehr in einer stummen Beredsamkeit, indem man gleichsam nur aus Nachlässigkeit seine Vollkommenheiten zum Vorschein kommen läßt: denn das kluge Verhehlen derselben ist das wirksamste Paradiren damit, da man eben durch solches Entziehn die Neugier am lebhaftesten anreizt. Sehr geschickt auch ist es, nicht die ganze Vollkommenheit mit einem Male aufzudecken, sondern nur einzelne Proben davon verstohlnen Blicken preiszugeben und dann immer mehr. Jede glänzende Leistung muß das Unterpfand einer größern seyn und im Beifall der ersten schon die Erwartung der folgenden liegen.

278.

Abzeichen jeder Art vermeiden:

denn die Vorzüge selbst werden zu Fehlern, sobald sie zur Bezeichnung dienen. Die Abzeichen entstehn aus Sonderbarkeit, welche stets getadelt wird: man läßt den Sonderling allein. Sogar die Schönheit, wenn sie überschwänglich wird, schadet unserm Ansehn; denn indem sie die Augen auf sich zieht, beleidigt sie: wie viel mehr werden Sonderbarkeiten, die schon an sich in schlechtem Ruf stehn, nachtheilig wirken. Dennoch wollen Einige sogar durch Laster allgemein bekannt seyn und suchen in der Verworfenheit die Auszeichnung, um einer so ehrlosen Ehre theilhaft zu werden. Selbst in der Einsicht kann das Uebermaaß in Geschwätz ausarten.

279.

Dem Widersprecher nicht widersprechen.

Man muß unterscheiden, ob der Widerspruch aus List, oder aus Gemeinheit entspringt. Es ist nicht immer Eigensinn, sondern bisweilen ein Kunstgriff. (Vergl. 213.) Dann sei man aufmerksam, sich im erstem Fall nicht in Verwickelungen, im andern nicht ins Verderben ziehn zu lassen. Keine Sorgfalt ist besser angewandt, als die gegen Spione. Gegen die Dietriche der Seelen ist die beste Gegenlist, den Schlüssel der Vorsicht inwendig stecken zu lassen.

280.

Ein Biedermann seyn.

Mit dem redlichen Verfahren ist es zu Ende: Verpflichtungen werden nicht anerkannt: ein gegenseitiges lobenswerthes Benehmen findet sich selten, vielmehr erhält der beste Dienst den schlimmsten Lohn: und so ist heut zu Tage der Brauch der ganzen Welt. Es giebt ganze Nationen, die zur Schlechtigkeit geneigt sind: bei der einen hat man stets den Verrats bei der andern den Unbestand, bei der dritten den Betrug zu fürchten. Allein das schlechte Benehmen Andrer sei für uns kein Gegenstand der Nachahmung, sondern der Vorsicht. Die Gefahr dabei ist, daß der Anblick jener nichtswürdigen Verfahrungsweise auch unsre Redlichkeit erschüttere. Aber der Biedermann vergißt nie, über das was die Andern sind, wer er ist.

281.

Gunst bei den Einsichtigen finden.

Das laue Ja eines außerordentlichen Mannes ist höher zu schätzen, als der ganze allgemeine Beifall. Denn aus den Weisen spricht Einsicht und daher giebt ihr Lob eine unversiegbare Zufriedenheit. Der verständige Antigonus beschränkte den ganzen Schauplatz seines Ruhmes auf den einzigen Zeno, und Plato nannte den Aristoteles seine ganze Schule. Allein Manche sind nur darauf bedacht, sich den Magen zu füllen und wäre es mit dem gemeinsten Kehricht. Sogar die Fürsten bedürfen der Schriftsteller, und fürchten die Feder derselben mehr, als häßliche Weiber den Pinsel.

282.

Durch Abwesenheit seine Hochschätzung oder Verehrung befördern.

Wie die Gegenwart den Ruhm vermindert, so vermehrt ihn die Abwesenheit. Wer abwesend für einen Löwen galt, war bei seiner Anwesenheit nur die lächerliche Ausgeburt des Berges. Die großen Talente verlieren durch die Berührung ihren Glanz: denn es ist leichter die Rinde der Außenseite, als den großen Gehalt des Geistes zu sehn. Die Einbildungskraft reicht weiter als das Gesicht, und die Täuschung, welche ihren Eingang gewöhnlich durch die Ohren findet, hat ihren Ausgang durch die Augen. Wer sich still im Mittelpunkt des Umkreises seines Rufes hält, wird sich in seinem Ansehn erhalten. Der Phönix selbst benutzt seine Zurückgezogenheit, um verehrt, und das durch sie erregte Verlangen, um geschätzt zu bleiben.

283.

Die Gabe der Erfindung besitzen.

Sie beweist das höchste Genie: allein welches Genie kann ohne einen Gran Wahnsinn bestehn? Ist das Erfinden Sache der Genialen; so ist die treffende Wahl Sache der Verständigen. Auch ist jenes eine besondre Gabe des Himmels und viel seltener: denn eine treffende Wahl ist Vielen gelungen, eine gute Erfindung Wenigen, und zwar nur den Ersten, dem Werth und der Zeit nach. Die Neuheit schmeichelt, und war sie glücklich, so giebt sie dem Guten einen doppelten Glanz. In Sachen des Urtheils ist die Neuheit gefährlich, wegen des Paradoxen; in Sachen des Genies aber löblich: jedoch wenn gelungen, verdient die Eine wie die Andre Beifall.

284.

Man sei nicht zudringlich

; so wird man nicht zurückgesetzt werden. Man setze selbst Werth auf sich, wenn die Andern es sollen. Eher sei man karg, als freigebig mit seiner Person. Ersehnt komme man an; da wird man wohl empfangen werden. Nie komme man ungerufen und gehe nur, wenn man gesandt wird. Wer aus freien Stücken etwas unternimmt, wird, wenn es schlecht abläuft, den ganzen Unwillen auf sich laden; läuft es hingegen gut ab, weiß man es ihm doch nicht Dank. Der Zudringliche wird mit Geringschätzung und Wegwerfung aller Art überhäuft: eben deshalb, weil er sich mit Unverschämtheit eindrängte, wird er mit Beschämung fortgeschickt.

285.

Nicht am fremden Unglück sterben.

Man kenne den, welcher im Sumpfe steckt und merke sich, daß er uns rufen wird, um sich nachher am beiderseitigen Leiden zu trösten. Solche Leute suchen Jemanden, der ihnen helfe, das Unglück zu tragen, und wem sie im Glück den Rücken wandten, dem reichen sie jetzt die Hand. Großer Vorsicht bedarf es bei denen, die zu ertrinken im Begriff sind, um ihnen, ohne eigene Gefahr, Hülfe zu leisten.

286.

Man sei Niemandem für Alles, auch nie Allen verbindlich gemacht:

denn sonst wird man zum Sklaven, oder gar zum Sklaven Aller. Einige werden unter glücklichem Umständen geboren, als Andre: jene um Gutes zu thun, diese um es zu empfangen. Die Freiheit ist viel köstlicher, als das Geschenk, wofür man sie hingiebt. Man soll weniger Werth darauf legen, Viele von sich, als darauf, sich selbst von Keinem abhängig zu sehn. Der einzige Vorzug des Herrschens ist, daß man mehr Gutes erweisen kann. Besonders halte man die Verbindlichkeit, die Einem aufgelegt wird, nicht für eine Gunst: denn meistentheils wird die fremde List es absichtlich so eingeleitet haben, daß man ihrer bedürfen mußte.

287.

Nie handle man im leidenschaftlichen Zustande:

sonst wird man Alles verderben. Der kann nicht für sich handeln, der nicht bei sich ist: stets aber verbannt die Leidenschaft die Vernunft. In solchen Fällen lasse man für sich einen vernünftigen Vermittler eintreten, und das wird Jeder seyn, der ohne Leidenschaft ist. Stets sehn die Zuschauer mehr als die Spieler, weil sie leidenschaftslos sind. Sobald man merkt, daß man außer Fassung geräth, blase die Klugheit zum Rückzuge: denn kaum wird das Blut sich vollends erhitzt haben, so wird man blutig zu Werke gehen und in wenig Augenblicken auf lange Zeit sich zur Beschämung und Andern zur Verläumdung Stoff gegeben haben.

288.

Nach der Gelegenheit leben.

Unser Handeln, unser Denken, Alles muß sich nach den Umständen richten. Man wolle wann man kann: denn Zeit und Gelegenheit warten auf Niemanden. Man lebe nicht nach ein für alle Mal gefaßten Vorsätzen, es sei denn zu Gunsten der Tugend; noch schreibe man dem Willen bestimmte Gesetze vor: denn morgen wird man das Wasser trinken müssen, welches man heute verschmähte. Es giebt so verschrobene Queerköpfe, daß sie verlangen, alle Umstände bei einem Unternehmen sollen sich nach ihren verrückten Grillen fügen und nicht anders. Der Weise hingegen weiß, daß der Leitstern der Klugheit darin besteht, daß man sich nach der Gelegenheit richte.

289.

Nichts setzt den Menschen mehr herab, als wenn er sehen läßt, daß er ein Mensch sei.

An dem Tage hören sie auf ihn für göttlich zu halten, an welchem sie ihn recht menschlich erblicken. Der Leichtsinn ist das größte Hinderniß unsers Ansehns. Wie der zurückhaltende Mann für mehr als Mensch gehalten wird, so der leichtsinnige für weniger als Mensch. Es giebt keinen Fehler, der mehr herabwürdigte, weil der Leichtsinn das grade Gegentheil des überlegten, gewichtigen Ernstes ist. Ein leichtsinniger Mensch kann nicht von Gehalt seyn, zumal wenn er alt ist, wo die Jahre ihn zur Ueberlegung verpflichten. Und obgleich dieser Makel an so Vielen haftet; so ist er nichts desto weniger ganz besonders herabwürdigend.

290.

Es ist viel Glück, zur Hochachtung auch die Liebe zu besitzen.

Gemeiniglich darf man, um sich die Achtung zu erhalten, nicht sehr geliebt seyn. Die Liebe ist verwegner als der Haß. Zuneigung und Verehrung lassen sich nicht wohl vereinen. Zwar soll man nicht sehr gefürchtet seyn, aber auch nicht sehr geliebt. Die Liebe führt die Vertraulichkeit ein, und mit jedem Schritt, den diese vorwärts macht, macht die Hochachtung einen zurück. Man sei eher im Besitz einer verehrenden als einer hingebenden Liebe: so ist sie ganzen Leuten angemessen.

291.

Zu prüfen verstehn.

Die Aufmerksamkeit des Klugen wetteifre mit der Zurückhaltung des Vorsichtigen. Viel Kopf ist erfordert, um den fremden auszumessen. Es ist wichtiger, die Gemüthsarten und Eigenschaften der Personen, als die der Kräuter und Steine zu kennen. Jenes ist eine der scharfsinnigsten Beschäftigungen im Leben. Am Klange kennt man die Metalle, und an der Rede die Menschen. Die Worte geben Anzeichen der Rechtlichkeit, aber viel mehr die Thaten. Hier nun bedarf es der außerordentlichsten Vorsicht, der tiefen Beobachtung, der seinen Auffassung und des richtigen Urtheils.

292.

Die persönlichen Eigenschaften müssen die Obliegenheiten des Amtes übersteigen:

und nicht umgekehrt. So hoch auch der Posten seyn mag, stets muß die Person sich als ihm überlegen zeigen. Ein umfassender Geist breitet sich immer mehr aus und tritt mehr und mehr hervor in seinem Amte. Hingegen wird der Engherzige bald seine Blöße zeigen und am Ende an Verpflichtungen und Ansehn bankerott werden. Der große Augustus setzte seine Ehre darein, als Mensch größer, denn als Fürst zu seyn. Hier kommt nun ein hoher Sinn zu Statten und auch ein wohlüberlegtes Selbstvertrauen trägt viel bei.

293.

Von der Reife.

Sie leuchtet aus dem Aeußern hervor, noch mehr aus der Sitte. Die materielle Gewichtigkeit macht das Gold, die moralische den Mann werthvoll. Die Reife verbreitet über alle seine Fähigkeiten einen gewissen Austand und erregt Hochachtung. Die Gesetztheit des Menschen ist die Fassade seiner Seele: sie besteht nicht in der Unbeweglichkeit des Dummen, wie es der Leichtsinn haben möchte, sondern in einer sehr ruhigen Autorität. Ihre Reden sind Sentenzen, ihr Wirken gelingende Thaten. Sie erfordert einen sehr vollendeten Mann: denn Jeder ist so weit ein ganzer Mann, als er Reife hat. Indem er aufhörte ein Kind zu seyn, fieng er an Ernst und Autorität zu erhalten.

294.

Sich in seinen Meinungen mäßigen.

Jeder faßt seine Ansichten nach seinem Interesse und glaubt einen Ueberfluß an Gründen für dieselben zu haben. Denn in den Meisten muß das Urtheil der Neigung den Platz einräumen. Nun trifft es sich leicht, daß Zwei mit einander gradezu widersprechenden Meinungen sich begegnen, und Jeder glaubt die Vernunft auf seiner Seite zu haben, wiewohl diese, stets unverfälscht, nie ein doppeltes Antlitz trug. Bei einem so schwierigen Punkt gehe der Kluge mit Ueberlegung zu Werke: dann wird das Mißtrauen gegen sich selbst sein Urtheil über das Benehmen des Gegners berichtigen. Er stelle sich auch einmal auf die andre Seite und untersuche von da die Gründe des Andern: dann wird er nicht mit so starker Verblendung jenen verurtheilen und sich rechtfertigen.

295.

Nicht wirksam scheinen, sondern seyn.

Viele geben sich den Schein wichtige Geschäfte zu treiben, ohne den mindesten Grund: aus Allem machen sie ein Mysterium, auf die albernste Weise. Sie sind Kamäleone des Beifalls und für Alle ein unerschöpflicher Stoff zum Lachen. Die Eitelkeit ist überall widerlich, hier aber auch lächerlich. Diese Ameisen der Ehre betteln sich Großthaten zusammen. Man soll hingegen seine größten Vorzüge am wenigsten affektiren: man begnüge sich mit dem Thun und überlasse Andern das Reden darüber. Man gebe seine Thaten hin, aber verlaufe sie nicht. Auch miethe man sich nicht goldene Federn, die Unflath schreiben, zum Ekel der Klugen. Man strebe lieber danach ein Held zu seyn, als es zu scheinen.

296.

Ein Mann von erhabenen Eigenschaften:

die vom ersten Range machen Männer ersten Ranges: und eine einzige derselben gilt mehr als eine große Anzahl mittelmäßiger. Es gab einen Mann, dem es gefiel, alle seine Sachen, sogar den gewöhnlichen Hausrath, besonders groß zu haben: wie viel mehr muß der große Mann dafür sorgen, daß alle Eigenschaften seines Geistes groß seien. In Gott ist Alles unendlich und unermeßlich; so auch muß in einem Helden Alles groß und majestätisch seyn, dergestalt, daß alle seine Thaten, ja auch seine Reden, mit einer überschwänglichen, großartigen Erhabenheit bekleidet auftreten.

297.

Stets handeln, als würde man gesehn.

Der ist ein umsichtiger Mann, welcher sieht, daß man ihn steht, oder doch sehn wird. Er weiß, daß die Wände hören, und daß schlechte Handlungen zu bersten drohen, um herauszukommen. Auch wann allein, handelt er wie unter den Augen der ganzen Welt. Denn da er weiß, daß man einst Alles wissen wird; so betrachtet er als schon gegenwärtige Zeugen die, welche es durch die Kunde späterhin werden müssen. Jener, welcher wünschte, daß die ganze Welt ihn stets sehn möchte, war nicht darüber besorgt, daß man ihn in seinem Hause aus den nächsten beobachten konnte.

298.

Drei Dinge machen einen Wundermann

und sind die höchste Gabe der göttlichen Freigebigkeit: ein fruchtbares Genie, ein tiefer Verstand und ein zugleich erhabener und angenehmer Geschmack. Richtig zu fassen, ist ein großer Vorzug, aber ein noch größerer, richtig zu denken und die Einsicht des Guten zu haben. Der Verstand muß nicht im Rückgrat sitzen: da wäre er mehr mühselig als scharf. Richtig zu denken, ist die Frucht der vernünftigen Natur. Mit zwanzig Jahren herrscht der Wille vor, mit dreißig das Genie, mit vierzig das Urtheil. Es giebt Köpfe, die gleichsam Licht ausströhmen, wie die Augen des Luchses, indem sie, wo die größte Dunkelheit ist, am richtigsten erkennen. Andre sind für die Gelegenheit gemacht, da sie stets auf das fallen, was am meisten zum gegenwärtigen Zweck dient: es bietet sich ihnen Vieles und Gutes dar: eine glückliche Fruchtbarkeit! Inzwischen würzt ein guter Geschmack das ganze Leben.

299.

Hunger zurücklassen:

selbst den Nektarbecher muß man den Lippen entreißen. Das Begehren ist das Maaß der Wertschätzung. Sogar bei dem leiblichen Durst ist es eine Feinheit, ihn zu beschwichtigen, aber nicht ganz zu löschen. Das Gute, wenn wenig, ist doppelt gut. Das zweite Mal führt ein beträchtliches Sinken herbei. Sättigung mit dem was gefällt ist gefährlich und kann der unsterblichsten Vortrefflichkeit Geringschätzung zuziehn. Die Hauptregel um zu gefallen ist, daß man den Appetit noch durch den Hunger, mit welchem man ihn verließ, gereizt vorfinde. Muß man Unzufriedenheit erregen, so sei es lieber durch die Ungeduld des Begehrens, als durch den Ueberdruß des Genusses. Das mühsam erlangte Glück wird doppelt genossen.

300.

Mit Einem Wort, ein Heiliger seyn,

und damit ist Alles auf einmal gesagt. Die Tugend ist das gemeinsame Band aller Vollkommenheiten, und der Mittelpunkt aller Glückseligkeit. Sie macht einen Mann vernünftig, umsichtig, klug, verständig, weise, tapfer, überlegt, redlich, glücklich, beifällig, wahrhaft und zu einem Helden in jedem Betracht. Drei Dinge, welche, im Spanischen mit einem S anfangen, machen glücklich: Heiligkeit, Gesundheit und Weisheit. Die Tugend ist die Sonne des Mikrokosmos oder der kleinen Welt und ihre Hemisphäre ist das gute Gewissen. Sie ist so schön, daß sie Gunst findet vor Gott und Menschen. Nichts ist liebenswürdig, als nur die Tugend, und nichts verabscheuungswerth, als nur das Laster. Die Tugend allein ist Sache des Ernstes, alles Andre ist Scherz. Die Fähigkeit und die Größe soll man nach der Tugend messen und nicht nach Umständen des Glücks. Sie allein ist sich selbst genug: sie macht den Menschen im Leben liebenswürdig und im Tode denkwürdig.

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