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Gracian's Orakel der Weltklugheit

Baltasar Gracián y Morales: Gracian's Orakel der Weltklugheit - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeaphorism
authorBalthasar Gracian
titleGracian's Orakel der Weltklugheit
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesArthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß
volumeErster Band
editorEduard Grisebach
year1890
firstpub1832
translatorArthur Schopenhauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080611
projectid5b779c75
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240.

Von der Dummheit Gebrauch zu machen verstehn.

Der größte Weise spielt bisweilen diese Karte aus, und es giebt Gelegenheiten, wo das beste Wissen darin besteht, daß man nicht zu wissen scheine. Man soll nicht unwissend seyn, wohl aber es zu seyn affektiren. Bei den Dummen weise und bei den Narren gescheut seyn, wird wenig helfen. Man rede also zu Jedem seine Sprache. Nicht der ist dumm, der Dummheit affektirt; sondern der, welcher an ihr leidet: die aufrichtige, nicht die falsche Dummheit ist die wirkliche; da die Geschicklichkeit es schon so weit getrieben hat. Das einzige Mittel, beliebt zu seyn, ist, daß man sich mit der Haut des einfältigsten der Thiere bekleide.

241.

Neckereien dulden, jedoch nicht ausüben.

Jenes ist eine Art Höflichkeit; dieses kann in Verwickelungen bringen. Wer am Feiertage verdrießlich wird, hat viel Bestialisches und zeigt noch mehr. Die kühne Neckerei ist ergötzlich: sie ertragen zu können, beweist, daß man Kopf hat. Wer sich darüber gereitzt zeigt, giebt Anlaß, daß der Andre ebenfalls gereitzt werde. Das Beste ist also sich der Neckerei nicht anzunehmen, und das Sicherste, sie nicht einmal zu bemerken. Stets sind die ernstlichsten Händel aus Scherzen hervorgegangen. Es giebt daher nichts, was mehr Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit erforderte: ehe man zu scherzen anfängt, sollte man schon wissen, bis zu welchem Punkte die Gemüthsart dessen, den es betrifft, es dulden wird.

242.

Den günstigen Erfolg weiter führen.

Einige verwenden alle ihre Kraft auf den Anfang und vollenden nichts. Sie erfinden, aber führen nicht aus. Dies ist Wankelmuth des Geistes. Auch erlangen sie keinen Ruhm, weil sie nichts verfolgen, sondern Alles in's Stocken gerathen lassen. Allerdings entspringt dies bei Einigen aus Ungeduld, welche der Makel der Spanier ist, wie hingegen Geduld der Vorzug der Belgier. Diese werden mit den Dingen fertig; mit Jenen die Dinge. Bis die Schwierigkeit überwunden ist, verwenden sie allen Schweiß darauf, sind aber dann mit ihrem Siege zufrieden und verstehn nicht ihn zu Ende zu führen: sie beweisen, daß sie es könnten, aber nicht wollen: dies liegt denn aber doch am Unvermögen, oder am Leichtsinn. Ist das Unternehmen gut, warum wird es nicht vollendet? ist es schlecht, warum ward es angefangen? Der Kluge erlege sein Wild, und begnüge sich nicht es aufgejagt zu haben.

243.

Nicht gänzlich eine Taubennatur haben;

sondern schlau wie die Schlange und ohne Falsch wie die Taube seyn. Nichts ist leichter, als einen redlichen Mann zu hintergehn. Viel glaubt, wer nie lügt, und viel traut, wer nie täuscht. Es entspringt nicht allemal aus Dummheit, daß man betrogen wird; sondern bisweilen aus Güte. Zwei Arten von Leuten wissen sich gut vor Schaden zu hüten: die Erfahrnen, gar sehr auf ihre Kosten; und die Verschmitzten, gar sehr auf fremde. Die Klugheit gehe eben so weit im Argwohn, als die Verschmitztheit im Fallestellen, und Keiner wolle in dem Maaße redlich seyn, daß er den Andern Gelegenheit gebe, unredlich zu seyn. Man vereinige in sich die Taube und die Schlange, nicht als ein Ungeheuer, sondern vielmehr als ein Wunder.

244.

Zu verpflichten verstehn.

Manche verwandeln ihre eigene Verpflichtung in die des Andern, und wissen der Sache den Schein, oder doch zu verstehn zu geben, daß sie eine Gunst erzeigen, während sie eine empfangen. Aus ihrem eigenen Vortheil machen sie eine Ehre für den Andern, und lenken die Sachen so geschickt, daß es aussieht als leisteten sie dem Andern einen Dienst, indem sie sich von ihm beschenken lassen. Mit dieser sonderbaren Schlauheit versetzen sie die Ordnung der Verbindlichkeiten, oder machen es wenigstens zweifelhaft, wer dem Andern eine Gunst erzeigt. Das Schönste und Beste kaufen sie für bloße Lobeserhebungen, und aus dem Wohlgefallen, welches sie an einer Sache äußern, machen sie eine schmeichelhafte Ehre. So legen sie der Höflichkeit Verpflichtungen auf und machen eine Schuldigkeit aus dem, wofür sie sehr dankbar seyn sollten. Dergestalt verwandeln sie das Passive der Verbindlichkeit in das Aktive, worin sie bessere Politiker als Grammatiker sind. Das ist eine große Feinheit; allein eine größere wäre, das Ding zu verstehn und solchen Narrenhandel wieder rückgängig zu machen, indem man ihnen ihre erzeigte Ehre wieder zustellt und dafür seinerseits auch wieder zu dem Seinigen gelangte.

245.

Originelle und vom Gewöhnlichen abweichende Gedanken äußern,

ist ein Zeichen eines überlegenen Geistes. Wir dürfen den nicht schätzen, der uns nie widerspricht: denn dadurch zeigt er keine Liebe zu uns, vielmehr zu sich. Man lasse sich nicht durch Schmeichelei täuschen und zahle für dieselbe; sondern man verwerfe sie. Auch rechne man es sich zur Ehre von Einigen getadelt zu werden, zumal von solchen, die von allen Trefflichen schlecht reden. Hingegen soll es uns betrüben, wenn unsere Sachen Allen gefallen; weil es ein Zeichen ist, daß sie nicht taugen: denn das Vortreffliche ist für Wenige.

246.

Nie dem Rechenschaft geben, der sie nicht gefordert hat,

und selbst wenn sie gefordert wird, ist es eine Art Vergehn, darin mehr als nöthig zu thun. Sich ehe Anlaß da ist entschuldigen, heißt sich anklagen; und sich bei voller Gesundheit zu Ader lassen, heißt dem Uebel, oder der Bosheit, zuwinken. Die von selbst gemachte Entschuldigung weckt das schlafende Mißtrauen. Auch soll der Kluge einen fremden Verdacht nicht zu merken scheinen: denn das hieße die Beleidigung aufsuchen; sondern er soll denselben alsdann durch die Rechtlichkeit seines Thuns widerlegen.

247.

Etwas mehr wissen und etwas weniger leben.

Andere sagen es umgekehrt. Gute Muße ist besser als Geschäfte. Nichts gehört unser, als nur die Zeit, in welcher selbst der lebt, der keine Wohnung hat. Es ist gleich unglücklich, das kostbare Leben mit mechanischen Arbeiten, oder mit einem Uebermaaß erhabener Beschäftigungen hinzubringen. Man überhäufe sich nicht mit Geschäften und mit Neid; sonst stürzt man sein Leben hinunter und erstickt den Geist. Einige wollen dies auch auf das Wissen ausdehnen: aber wer nichts weiß, der lebt auch nicht.

248.

Der Letzte behalte bei uns nicht allemal Recht.

Es giebt Leute des letzten Berichts, deren Ungebührlichkeit aufs Aeußerste geht. Ihr Denken und Wollen ist von Wachs: der Letzte drückt sein Siegel auf und verwischt die früheren. Diese sind nie gewonnen, weil man sie eben so leicht wieder verliert. Jeder färbt sie mit seiner Farbe. Zu Vertrauten taugen sie nicht, und ihr ganzes Leben bleiben sie Kinder. Zwischen diesem Wechsel des Meinens und Wollens hin und her geworfen, hinken sie stets am Willen und am Verstande, und wanken von der einen zur andern Seite.

249.

Nicht sein Leben mit dem anfangen, womit man es zu beschließen hätte.

Manche nehmen die Erholung am Anfang, und lassen die Mühe für das Ende zurück: allein erst komme das Wesentliche, nachher, wenn Raum ist, die Nebendinge. Andre wollen triumphiren, ehe sie gekämpft haben. Wieder Andre fangen damit an, das zu lernen, woran wenig gelegen ist, und schieben die Studien, von welchen sie Ehre und Nutzen hoffen, für das Ende ihres Lebens auf. Jener hat noch nicht einmal angefangen sein Glück zu machen, und schon schwindelt ihm vor Dünkel der Kopf. Methode ist unerläßlich zum wissen und zum leben.

250.

Wann hat man die Gedanken auf den Kopf zu stellen?

Wann verschmitzte Tücke redet. Bei Einigen muß Alles umgekehrt verstanden werden: ihr Ja ist Nein, und ihr Nein Ja. Reden sie von einer Sache nachtheilig; so bedeutet dieses, daß sie solche hochschätzen: denn wer sie für sich haben will, setzt sie bei Andern herab. Nicht Jeder der lobt, redet gut von der Sache: denn Manche werden, um die Guten nicht zu loben, auch die Schlechten loben: für wen aber Keiner schlecht ist, für den ist auch Keiner gut.

251.

Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine göttliche, und die göttlichen, als ob es keine menschliche gäbe.

Große Meisterregel, die keines Kommentars bedarf.

252.

Weder ganz sich, noch ganz den Andern angehören:

denn Beides ist eine niederträchtige Tyrannei. Daraus, daß Einer sich ganz für sich allein besitzen will, folgt alsbald, daß er auch alle Dinge für sich haben will. Solche Leute wollen nicht in der geringsten Sache nachgeben, noch das Mindeste von ihrer Bequemlichkeit opfern. Sie sind nicht verbindlich, sondern verlassen sich auf ihre Glücksumstände, welche Stütze jedoch unter ihnen zu brechen pflegt. Man muß bisweilen auch den Andern angehören, damit sie wieder uns angehören. Wer aber ein öffentliches Amt hat, muß der öffentliche Sklave seyn; oder lege die Würde mit der Bürde nieder, würde die Alte des Hadrian sagen. welche bekanntlich dem Kaiser, als er sie mit »ich habe keine Zeit« abwies, zurief: »so sei kein Kaiser!« Im Gegentheil giebt es auch Leute, welche ganz den Andern angehören: denn die Thorheit geht stets ins Uebertriebene, hier aber ans eine unglückliche Art. Diese haben keinen Tag und keine Stunde für sich, sondern gehören in solchem Uebermaaß den Andern an, daß Einer schon der Diener Aller genannt wurde. Dies erstreckt sich sogar auf den Verstand, indem sie für Alle wissen und bloß für sich unwissend sind. Der Aufmerksame begreife, daß Keiner ihn sucht; sondern Jeder seinen Vortheil in ihm, oder durch ihn.

253.

Keinen allzu deutlichen Vortrag haben.

Die Meisten schätzen nicht was sie verstehn; aber was sie nicht fassen können, verehren sie. Um geschätzt zu werden, müssen die Sachen Mühe kosten: daher wird gerühmt, wer nicht verstanden wird. Stets muß man weiser und klüger scheinen, als grade der, mit dem man zu thun hat, es nöthig macht; um ihm eine hohe Meinung einzuflößen: jedoch nicht übertrieben, sondern verhältnißmäßig. Und obgleich bei Leuten von Einsicht Sinn und Verstand allemal viel gilt; so ist doch bei den meisten Leuten einiger Aufputz vonnöthen. Zum Tadeln müssen sie gar nicht kommen können, indem sie schon am Verstehn genug zu thun haben. Viele loben Etwas, und fragt man sie, so haben sie keinen Grund anzuführen. Woher dies? Alles Tiefverborgene verehren sie als ein Mysterium, und rühmen es, weil sie es rühmen hören.

254.

Ein Uebel nicht geringachten, weil es klein ist

: denn nie kommt eines allein: sie sind verkettet, wie auch die Glücksfälle. Glück und Unglück gehn gewöhnlich dahin, wo schon das meiste ist. Dazu kommt, daß Alle den Unglücklichen fliehen und sich dem Glücklichen anschließen: sogar die Tauben, bei aller ihrer Arglosigkeit, laufen nach dem weißesten Geräth. Einen Unglücklichen läßt Alles im Stich, er sich selbst, die Gedanken, der Leitstern. Man wecke nicht das Unglück, wann es schläft. Ein Ausgleiten ist wenig: jedoch kann dieses unglückliche Fallen sich noch fortsetzen und da weiß man nicht, wohin es endlich führen wird. Denn wie kein Gut in jeder Hinsicht vollständig ist; so ist auch kein Uebel je gänzlich vollendet. Für die, so vom Himmel kommen, ist uns die Geduld; für die, so von der Erde, die Klugheit verliehen.

255.

Gutes zu erzeigen verstehn

: wenig auf ein Mal, hingegen oft. Nie muß man dem Andern so große Verbindlichkeiten auflegen, daß es unmöglich wäre, ihnen nachzukommen. Wer sehr Vieles giebt, giebt nicht, sondern verkauft. Auch soll man nicht die vollständigste Erkenntlichkeit verlangen: denn wenn der Andre sieht, daß sie seine Kräfte übersteigt, wird er den Umgang abbrechen. Bei Vielen ist, um sie zu verlieren, nichts weiter nöthig, als sie übermäßig zu verpflichten: um ihre Schuld nicht abzutragen, ziehn sie sich zurück, und werden aus Verpflichteten Feinde. Der Götze möchte nie den Bildhauer, der ihn gemacht hat, vor sich sehn; und eben so ungern hat der Verpflichtete seinen Wohlthäter vor Augen. Eine große Feinheit beim Geben besteht darin, daß es wenig koste und doch sehr ersehnt sei, wodurch es hoch angeschlagen wird.

256.

Allezeit auf seiner Hut sehn gegen Unhöfliche, Eigensinnige, Anmaaßliche und Narren jeder Art

. Man stößt auf viele, und die Klugheit besteht darin, nicht mit ihnen aneinander zu gerathen. Vor dem Spiegel seiner Ueberlegung waffne man sich jeden Tag mit Vorsätzen in dieser Hinsicht: so wird man die Gefahren, welche die Narrheit uns in den Weg legt, überwinden. Man denke reiflich darüber nach, und dann wird man sein Ansehn nicht gemeinen Zufälligkeiten bloßstellen. Ein mit Klugheit ausgerüsteter Mann wird von den Ungebührlichen nicht angefochten werden. Unser Weg im Umgang mit Menschen ist deshalb schwierig, weil er voll Klippen ist, an denen unser Ansehn scheitern kann. Das Sicherste ist sich entfernt zu halten, die Schlauheit des Odysseus zum Vorbild nehmend. Von großem Nutzen ist in Dingen dieser Art das erkünstelte Versehn: von der Höflichkeit unterstützt hilft es uns über Alles hinweg, wie es denn ein einziger Nichtweg aus allen Verwickelungen ist.

257.

Es nie zum Bruche kommen lassen

: denn bei einem solchen kommt unser Ausehn allemal zu Schaden. Jeder ist als Feind von Bedeutung, wenn gleich nicht als Freund. Gutes können Wenige uns erweisen, Schlimmes fast Alle. Im Busen des Jupiters selbst nistet sein Adler nicht sicher, von dem Tage an, wo er mit einem Käfer gebrochen hat. Mit der Klaue des erklärten Feindes schüren die heimlichen das Feuer an, indem sie nur auf die Gelegenheit gelauert hatten. Aus verdorbenen Freunden werden die schlimmsten Feinde. Mit den fremden Fehlern wollen sie, in den Augen der Zuschauer, ihre eigenen überdecken. Jeder redet, wie es ihm scheint, und es scheint ihm, wie er es wünscht. Alle sprechen uns schuldig, entweder weil es uns am Anfang an Vorhersicht, oder am Ende an Geduld, immer aber weil es uns an Klugheit gefehlt habe. – Ist jedoch eine Entfernung nicht zu vermeiden; so sei sie zu entschuldigen, und sei eher eine Lauheit der Freundschaft als ein Ausbruch der Wuth: hier findet nun der bekannte Satz von einem schönen Rückzuge treffende Anwendung.

258.

Man suche sich Jemanden, der das Unglück tragen hilft

. So wird man nie, zumal nicht bei Gefahren, allein seyn, und nicht den ganzen Haß auf sich laden. Einige vermeinen, die ganze Ehre der obern Leitung allein davon zu tragen, und tragen nachher die ganze öffentliche Unzufriedenheit davon. Auf die andre Art hingegen hat man Jemanden, von dem man entschuldigt wird, oder der das Schlimme tragen hilft. Weder das Geschick noch der große Haufe wagen sich so leicht an zwei; deshalb auch der schlaue Arzt, wenn er die Kur verfehlt hat, doch nicht verfehlt sich einen andern zu suchen, der, unter dem Namen einer Konsultation, ihm hilft, den Sarg hinauszuschaffen. Man theile mit einem Gefährten Bürden und Betrübnisse: denn dem, der allein steht, fällt das Unglück doppelt unerträglich.

259.

Den Beleidigungen zuvorkommen und sie in Artigkeiten verwandeln

: es ist schlauer sie zu vermeiden, als sie zu rächen. Eine ungemeine Geschicklichkeit ist es, einen Vertrauten aus dem zu machen, der ein Nebenbuler werden sollte, oder Schutzwehren seiner Ehre aus denen, welche Angriffe auf dieselbe drohten. Viel thut hiezu, daß man Verbindlichkeiten zu erzeigen wisse: denn schon die Zeit zu Beleidigungen nimmt der weg, welcher veranlaßt, daß Danksagungen sie ausfüllen. Das heißt zu leben wissen, wenn man das, was Verdruß werden sollte, zu Annehmlichkeiten umschafft. Aus dem Mißwollen selbst mache man einen vertraulichen Umgang.

260.

Keinem werden wir, und Keiner uns, ganz angehören

: dazu ist weder Verwandtschaft, noch Freundschaft, noch die dringendeste Verbindlichkeit hinreichend. Denn sein ganzes Zutrauen, oder seine Neigung schenken, sind zwei weit verschiedene Dinge. Auch die engste Verbindung läßt immer noch Ausnahmen zu, ohne daß deshalb die Gesetze der Freundschaft verletzt wären. Immer behält sich der Freund irgend ein Geheimniß vor, und in irgend etwas verbirgt sogar der Sohn sich vor dem Vater. Gewisse Dinge verhehlt man dem Einen und theilt sie dem Andern mit, und wieder umgekehrt: wodurch man dahin gelangt, daß man Alles mittheilt und Alles zurückbehält, nur stets mit Unterschied der entsprechenden Personen.

261.

Nicht seine Thorheit fortsetzen.

Manche machen aus einem mißlungenen Unternehmen eine Verpflichtung, und weil sie einen Irrweg eingeschlagen haben, meynen sie, es sei Karakterstärke darauf weiter zu gehn. Innerlich klagen sie ihren Irrthum an, aber äußerlich entschuldigen sie ihn. Dadurch geschieht es, daß wenn sie beim Beginn der Thorheit als unüberlegt getadelt wurden, sie beim Verfolgen derselben als Narren bestätigt werden. Weder das unüberlegte Versprechen, noch der irrige Entschluß legen Verbindlichkeit auf. Allein auf jene Weise setzen Einige ihre erste Tölpelei fort und wollen beharrliche Queerköpfe seyn.

262.

Vergessen können:

es ist mehr ein Glück, als eine Kunst. Der Dinge, welche am meisten für's Vergessen geeignet sind, erinnern wir uns am besten. Das Gedächtniß ist nicht allein widerspänstig, indem es uns verläßt, wann wir es am meisten brauchen, sondern auch thöricht, indem es herangelaufen kommt, wann es sich gar nicht paßt. In Allem, was uns Pein verursacht, ist es ausführlich, aber in dem, was uns ergötzen könnte, nachlässig. Oft besteht das einzige Heilmittel unsrer Schmerzen im Vergessen; aber wir vergessen das Heilmittel. Man muß jedoch seinem Gedächtniß bequeme Gewohnheiten beibringen: denn es reicht hin, Seeligkeit oder Hölle zu schaffen. Auszunehmen sind hier die Zufriedenen, welche im Stande ihrer Unschuld ihre einfältige Glückseligkeit genießen.

263.

Manche Dinge muß man nicht eigentümlich besitzen.

Man genießt solche besser als fremde, denn als eigene: ihr Gutes ist den ersten Tag für den Besitzer, alle folgenden für die Andern. Fremde Sachen genießt man doppelt, nämlich ohne die Sorge wegen der Beschädigung, und dann mit dem Reiz der Neuheit. Alles schmeckt besser nach dem Entbehren: sogar das fremde Wasser scheint Nektar. Der Besitz der Dinge vermindert nicht nur unsern Genuß, sondern er vermehrt auch unsern Verdruß, sowohl beim Ausleihen, als beim Nichtausleihen: man hat nichts davon, als daß man die Sachen für Andre unterhält, wobei man sich mehr Feinde macht, als Erkenntliche.

264.

Keine Tage der Nachlässigkeit haben.

Das Schicksal gefällt sich darin, uns einen Possen zu spielen, und wird alle Zufälle zu Haufen bringen, um uns unversehens zu fangen. Stets zur Probe bereit muß der Kopf, die Klugheit und die Tapferkeit seyn, sogar auch die Schönheit: denn der Tag ihres sorglosen Vertrauens wird der Sturz ihres Ansehns seyn. Wann die Aufmerksamkeit am nötigsten ist, fehlt sie jedes Mal: denn das nicht Denken ist das Beinstellen zu unserm Verderben. Zudem pflegt es eine Kriegslist feindlicher Absichtlichkeit zu seyn, daß sie die Vollkommenheiten, wann sie unbesorgt sind, zur strengen Prüfung ihres Werthes zieht. Die Tage der Parade kennt man schon, daher läßt die List sie vorübergehn: aber den Tag, wo man es am wenigsten erwartete, wählt sie aus, um den Werth auf die Probe zu stellen.

265.

Seine Untergebenen in die Notwendigkeit des Handelns zu versetzen verstehn.

Eine durch die Umstände herbeigeführte Notwendigkeit zu handeln hat Manche mit Einem Male zu ganzen Leuten gemacht, wie die Gefahr zu ertrinken Schwimmer. Auf diese Weise haben Viele ihre eigene Tapferkeit, ja sogar ihre Kenntniß und Einsicht entdeckt, welche, ohne solchen Anlaß, unter ihrem Kleinmuth begraben geblieben wäre. Die Gefahren sind die Gelegenheit sich einen Namen zu gründen, und sieht ein Edler seine Ehre auf dem Spiel, wird er für Tausend wirksam seyn. Obige Lebensregel verstand, wie auch alle übrigen, aus dem Grunde die Königin Isabella die Katholische, und einer klugen Begünstigung dieser Art von ihr verdankt der Große Feldherr seinen Ruf, und viele Andre ihren unsterblichen Ruhm. Durch diese Feinheit hat sie große Männer gemacht.

266.

Nicht aus lauter Güte schlecht seyn:

der ist es, welcher sich nie erzürnt. Diese unempfindlichen Menschen verdienen kaum, für Leute [ personas] zu gelten. Es entsteht nicht immer aus Trägheit, sondern oft aus Unfähigkeit. Eine Empfindlichkeit, bei gehörigem Anlaß, ist ein Akt der Persönlichkeit: die Vögel machen sich bald über den Strohmann lustig. Das Süße mit dem Sauern abwechseln lassen, beweist einen guten Geschmack. Das Süße ganz allein ist für Kinder und Narren. Es ist sehr übel, wenn man aus lauter Güte in solche Gefühllosigkeit versinkt.

267.

Seidene Worte und freundliche Sanftmuth.

Pfeile durchbohren den Leib, aber böse Worte die Seele. Ein wohlriechender Teig verursacht einen angenehmen Athem. Es ist eine große Lebensklugheit, es zu verstehn, die Luft zu verkaufen. Das Meiste wird mit Worten bezahlt, und mittelst ihrer kann man Unmöglichkeiten durchsetzen. So treibt man in der Luft Handel mit der Luft; und der königliche Athem vermag Muth und Kraft einzustoßen. Allezeit habe man den Mund voll Zucker, um seine Worte damit zu versüßen, so daß sie selbst dem Feinde wohlschmecken. Um liebenswürdig zu seyn, ist das Hauptmittel friedfertig zu seyn.

268.

Der Kluge thue gleich Anfangs, was der Dumme erst am Ende.

Der Eine und der Andre thut das selbe; nur in der Zeit liegt der Unterschied: jener thut es zur rechten, dieser zur unrechten. Wer sich einmal von Haus aus den Verstand verkehrt angezogen hat, fährt nun immer so fort!: was er auf den Kopf setzen sollte, trägt er an den Füßen, aus dem Linken macht er das Rechte und ist so ferner in allem seinen Thun linkisch. Nur Eine gute Art auf den rechten Weg zu kommen giebt es für ihn, wann er nämlich gezwungen thut, was er hätte freiwillig thun können. Der Kluge dagegen sieht gleich was früh oder spät geschehn muß: und da führt er es gernwillig und mit Ehren aus.

269.

Sich sein Neuseyn zu Nutze machen:

denn so lange Jemand noch neu ist, ist er geschätzt. Das Neue gefällt, der Abwechselung wegen, allgemein, der Geschmack erfrischt sich daran, und eine funkelnagelneue Mittelmäßigkeit wird höher geschätzt, als ein schon gewohntes Vortreffliches. Das Ausgezeichnete nutzt sich ab und wird allmälig alt. Jedoch soll man wissen, daß jene Glorie der Neuheit von kurzer Dauer seyn wird: nach vier Tagen wird die Hochachtung sich schon verlieren. Deshalb verstehe man, sich diese Erstlinge der Wertschätzung zu Nutze zu machen und ergreife auf dieser schnellen Flucht des Beifalls alles, wonach man füglich trachten kann. Denn ist einmal die Hitze der Neuheit vorüber; so kühlt sich die Leidenschaft ab: dann muß die Begünstigung des Neuen gegen den Ueberdruß am Gewöhnlichen vertauscht werden, und man glaube nur, daß Alles eben so seine Zeit gehabt hat, welche vorüberging.

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