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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 31
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Der Angler.

Lieb' schien heut' Frau Natur zu spüren,
Baumsaft begann sich stolz zu rühren;
Aus Reben frische Tropfen flossen,
Und Vöglein wählten sich Genossen.
Dem Fliegenköder naht sich schnell
Die tiefgeborgene Forell';
Da stand mein Freund, geduldig, lange,
Der Angelruthe achtend bange.
Sir H. Wotton.

Man sagt, daß schon manch ein nichtsnutziger Bube durch das Lesen der Geschichte Robinson Crusoe's dazu verleitet worden sei, seiner Familie zu entlaufen und sich dem Seefahrer-Leben zu ergeben; und auf gleiche Weise vermuthe ich auch, daß manche von den würdigen Herren, welche so gerne an den Ufern der ländlichen Ströme, mit den Angelruthen in der Hand verweilen, die Entstehung ihrer Leidenschaft dem verführerischen Buche des ehrlichen Isaak Walton zu verdanken haben. Ich erinnere mich, daß ich vor mehreren Jahren in Gesellschaft mit einer Anzahl Freunde in Amerika, seinen »vollkommenen Angler« studirt habe, und, was mehr ist, daß wir Alle vollkommen von der Angelwuth angesteckt wurden. Es war früh im Jahre; sobald aber das Wetter günstig ward, und der Frühling in den ersten Sommer zu verschmelzen begann, nahmen wir die Angelruthe zur Hand und wanderten auf das Land hinaus, so rein toll, als es nur immer Don Quixote vom Lesen der Ritterromane gewesen sein konnte.

Einer aus unserer Gesellschaft hatte den Don in der Vollständigkeit seiner Ausrüstung nachgeahmt; denn er war vom Kopf bis zu den Füßen zu der Unternehmung ausgerüstet. Er trug einen breitschößigen Rock von Barchent, in welchem ein halbes hundert Taschen befindlich war; ein Paar starke Schuhe und lederne Gamaschen; ein Korb hing an der einen Seite, die Fische hinein zu thun; eine Patentangelruthe; ein Handnetz, und ein halbes Schock von andern unbequemen Dingen, welche man nur in der Rüstkammer des Anglers findet. So zu dem Feldzug ausgerüstet, ward er von den Landleuten eben so sehr angestarrt und angestaunt, als der in Stahl und Eisen eingehüllte Held von der Mancha von den Ziegenhirten in der Sierra Morena.

Unser erster Versuch ward an einem Bergstrome, in den Hochlanden des Hudson, angestellt, einem höchst unglücklichen Orte zur Ausführung jener Fischertaktik, welche an den Sammetufern der ruhigen englischen Bäche erfunden worden ist. Es war einer von den wilden Strömen, welche, in unsern romantischen Einöden, so viele unbeachtete Schönheiten entfalten, hinreichend das Skizzenbuch eines Liebhabers des Malerischen damit anzufüllen. Zuweilen stürzte er an felsigen Abhängen herab, bildete kleine Wasserfälle, über welche die Bäume ihre breiten wiegenden Aeste hinbreiteten, und lange namenlose Kräuter, mit Demanttropfen bedeckt, in Franzen von den überragenden Ufern herabhingen. Zuweilen tobte und schäumte er, in dem begrünten Schatten eines Waldes, den er mit seinem Gemurmel anfüllte, eine Schlucht hinunter; und dann, nach diesem stürmischen Laufe, kam er wieder mit Nachlässigkeit dem ruhigsten Aeußern dahinfließend, im Freien zum Vorschein; wie ich oft eine Xantippe von Frau, nachdem sie ihr Haus mit Lärm und Zank erfüllt, mit angenehmem Gesicht, sich drehend und Knixe machend, und alle Welt anlächelnd, aus der Thüre habe kommen sehen.

Wie reizend floß, zu solchen Zeiten, dieser irrende Bach durch den Busen irgend eines grünen Wiesenthales zwischen den Bergen dahin; wo die Ruhe nur von Zeit zu Zeit durch das Getön einer Glocke von der lässigen Viehherde im Klee, oder durch den Klang der Art eines Holzhauers in der benachbarten Waldung unterbrochen wurde.

Was mich betrifft, so bin ich immer ein Stümper in allen Arten von Vergnügungen gewesen, welche entweder Geduld oder Gewandtheit erforderten, und hatte noch nicht über eine halbe Stunde geangelt, als ich meine Lust vollkommen befriedigt, und mich von der Wahrheit des Ausspruchs Isaak Walton's überzeugt hatte, daß es mit dem Angeln gewissermaßen wie mit der Dichtkunst ist – der Mensch müsse dazu geboren sein. Ich selbst blieb statt des Fisches am Angelhaken hängen; verwickelte mich mit der Angelschnur an jedem Baume; verlor meinen Köder; zerbrach meine Angelruthe; bis ich voll Verzweiflung mein Bestreben aufgab, den Tag unter den Bäumen zubrachte, den alten Isaak lesend; überzeugt, daß es der Alles gewinnende Anstrich von rechtlicher Einfachheit und ländlichem Gefühl, welcher sich bei ihm findet, sei, der mich bezaubert habe, und nicht die Leidenschaft für das Angeln. Meine Gefährten jedoch waren ausdauernder in ihrer Verblendung. Ich habe sie in diesem Augenblicke vor meinen Augen, wie sie am Ufer des Baches hinschlichen, da, wo es frei lag, oder nur mit Gesträuch und Gebüsch bedeckt war. Ich sehe die Rohrdommel mit hohlem Geschrei aufsteigen, in dem Augenblick, wo sie in ihre selten aufgesuchten Schlupfwinkel eindrangen; den Eisvogel sie mißtrauisch von seinem dürren Baume beobachten, welcher über den schwarzen Mühlteich in der Tiefe herüberragt; die Schildkröte seitwärts von dem Steine oder dem Holzblock, auf welchen sie, sich sonnend, lag, herabgleiten; und den erschrockenen Frosch kopfüber bei ihrer Annäherung in den Bach stürzen und Schrecken ringsumher in der Wasserwelt verbreiten.

So erinnere ich mich auch, daß, nachdem wir uns den größten Theil des Tages über geplagt und gelauscht hatten, umhergekrochen waren, und, unserer trefflichen Geschäftigkeit zum Trotz, wenig oder nichts gefangen hatten, ein plumper Dorfbursche, mit einer Angelruthe, die er von einem Baumzweige sich gemacht, einer kurzen Schnur von Zwirn, und so wahr mir der Himmel helfe! wie ich glaube, mit einer krummgebogenen Stecknadel statt Angelhaken, und einem gemeinen Regenwurm als Köder daran, die Hügel herab kam, und in einer halben Stunde mehr Fische fing, als den ganzen Tag über bei uns angebissen hatten!

Vor allen Dingen aber erinnere ich mich des »guten, einfachen, gesunden, hungrigen« Mahles, welches wir unter einer Buche, dicht bei einer Quelle reinen, süßen Wassers, das sich auf dem Abhange eines Hügels hervorstahl, hielten; und wie, als dieß vorüber war, einer von der Gesellschaft des alten Isaak Walton's Auftritt mit dem Milchmädchen vorlas, während ich in dem Grase lag, und auf einer hellen Wolkenschichte Luftschlösser baute, bis ich einschlief. Alles dieß mag wie bloßer Egoismus erscheinen; allein ich kann mich nicht enthalten, diesen Erinnerungen, welche wie eine liebliche Musik vor meinen Sinnen vorübergehen, Worte zu leihen, und welche durch einen angenehmen Auftritt in mir erweckt worden sind, von dem ich vor nicht langer Zeit Zeuge gewesen bin.

Auf einem Morgenspaziergange die Ufer des Alun entlang, eines schönen kleinen Flusses, welcher von den Hügeln von Wales herabkommt und sich in den Dee ergießt, zog eine Gruppe, die an dem Uferrande saß, meine Aufmerksamkeit auf sich. Als ich näher kam, fand ich, daß sie aus einem bejahrten Angler und zweien seiner ländlichen Schüler bestand. Der erste war ein alter Bursche mit einem hölzernen Bein, mit Kleidern, die sehr vielfach, aber sehr sorgfältig, geflickt, und wenn sie auch auf Armuth deuteten, doch rechtlich erworben und anständig erhalten waren. Sein Gesicht trug die Spuren früherer Stürme, aber des gegenwärtigen guten Wetters; seine Furchen hatten sich zu einem immerwährenden Lächeln zusammengezogen; seine eisengrauen Locken hingen ihm um die Ohren, und er hatte, im Ganzen genommen, das gutmüthige Ansehn eines gebornen Philosophen, der geneigt war, die Welt so zu nehmen, wie sie einmal ist. Einer von seinen Begleitern war ein zerlumpter Wicht, mit dem scheuen Blick eines landstreicherischen Diebes, und ich will es verbürgen, daß er gewiß jeden herrschaftlichen Fischteich auch in der finstersten Nacht finden konnte. Der andere war ein langer, ungeschlachter Bauernjunge, mit linkischem Gange, und dem Anscheine nach eine Art Landstutzer. Der alte Mann war beschäftigt, den Magen einer Forelle zu untersuchen, die er so eben aufgerissen hatte, um aus dem Inhalte desselben zu erkennen, welche Würmer sich besonders zum Köder für den Fisch eigneten, und hielt seinen Gefährten, die ihm mit unsäglicher Ehrerbietung zuzuhören schienen, eine Vorlesung darüber. Ich hege eine große Zuneigung zu allen »Brüdern von der Angel,« seitdem ich Isaak Walton gelesen habe. Es sind Leute, wie er behauptet, von»milder, sanfter und friedlicher Gemüthsart,« und meine Hochachtung gegen sie ist noch gestiegen, seitdem ich auch eine alte »Abhandlung über das Fischen mit der Angel« aufgefunden habe, worin viele von den Grundsätzen ihrer harmlosen Brüderschaft auseinandergesetzt sind. »Gebt wohl Acht,« heißt es in diesem ehrlichen, kleinen Tractat, »daß Ihr, wenn Ihr Euren Vergnügungen nachgeht, nie Jemandes Thür öffnet, ohne sie auch wieder zuzumachen. Auch sollt Ihr Euch diesem obengenannten künstlichen Zeitvertreibe nicht um des Geizes willen hingeben, um Euer Geld dadurch nur zu vermehren oder zu sparen, sondern hauptsächlich zu Eurer Erholung und zu der Beförderung der Gesundheit Eures Körpers und namentlich Eurer Seele.«Eben dieser Abhandlung zufolge sollte es beinahe scheinen, das Angeln sei ein wichtigeres Geschäft, als man gewöhnlich denkt; »denn, wenn Ihr Willens seid, auf den Fischfang zu gehen, müßt Ihr nicht viel Leute mitnehmen, denn das möchte Euch nur von eurem Geschäft abziehen. Und müßt Ihr Gott andächtiglich dienen, und euer gewöhnliches Gebet wohl hersagen. Und wenn Ihr dieß thut, so werdet Ihr manchen Lastern entgehen und sie vermeiden, namentlich der Trägheit, welche die Hauptursache ist, daß Jemand zu manchen andern Lastern verleitet wird, wie wohl bekannt ist.« – Anm. des Verf.

Ich glaubte, in dem alten Angler vor mir ein wahres Beispiel dessen, was ich gelesen hatte, zu finden, und es lag eine gemüthliche Zufriedenheit in seinen Blicken, welche mich ganz zu ihm hinzog. Ich konnte nicht umhin, die rüstige Art zu bemerken, mit welcher er von einer Gegend des Baches zur andern hinkte; seine Angelruthe in der Luft schwingend, um die Angelschnur nicht auf den Boden schleppen zu lassen, oder damit sie sich nicht in den Sträuchen verwickele; und die Gewandtheit zu bewundern, mit welcher er seine Fliege nach irgend einem besondern Orte hinwarf, so daß er sie zuweilen ganz leicht einen kleinen Fall hinabschwimmen ließ, zuweilen sie aber auch in eine jener dunkeln Vertiefungen brachte, welche sich in den verwachsenen Wurzeln oder durch das überhangende Ufer bilden, und worin die großen Forellen gewöhnlich stehen. Während dieser Zeit ertheilte er seinen beiden Schülern Unterricht; er zeigte ihnen die Art und Weise, wie sie ihre Angelruthen handhaben, die Fliegen anstecken, und sie auf der Oberfläche des Flusses spielen lassen sollten. Das Ganze erinnerte mich an die Lehren, welche der weise Piscator seinen Schülern ertheilt. Die Gegend umher hatte das Ländlicheinfache, das Walton so gerne beschreibt. Es war ein Theil der großen Ebene von Cheshire, nahe bei dem schönen Thale von Gessford, und gerade da, wo die niedrigeren Hügel von Wales sich aus den frischduftenden Wiesen zu erheben anfangen. Auch der Tag war, wie der, welchen er in seinem Werke beschreibt, mild und sonnig, mit einem dann und wann fallenden sanften Regenschauer, welcher die ganze Gegend mit Diamanten besäete.

Ich gerieth bald mit dem alten Angler in eine Unterhaltung, die mich so fesselte, daß ich, unter dem Vorwande, mich über seine Kunst belehren zu lassen, ihm beinahe den ganzen Tag Gesellschaft leistete, am Ufer des Stromes hinwandelnd und auf seine Rede horchend. Er war sehr mittheilsam, hatte ganz die leichte Geschwätzigkeit des muntern Alters, und fühlte sich, glaub ich, ein wenig geschmeichelt, eine Gelegenheit zu haben, seine ganze Fischfangsgelehrsamkeit zu entfalten; denn wer spielt nicht dann und wann gern den Weisen?

Er war zu seiner Zeit viel herumgestrichen, und hatte einige von seinen Jugendjahren in Amerika, namentlich in Savannah zugebracht, wo er ein Handelsgeschäft angefangen hatte, und durch die Unvorsichtigkeit seines Compagnons zu Grunde gerichtet worden war. Er hatte späterhin manche gute und böse Schicksale gehabt, bis er in den Seedienst kam, wo sein Bein durch eine Kanonenkugel in der Schlacht bei Camperdown weggeschossen wurde. Dieß war der einzige wahre Glücksfall, der ihm jemals zu Theil geworden war, denn er erhielt dadurch eine Pension, welche ihm, zusammengenommen mit einem kleinen väterlichen Vermögen, eine Einnahme von ungefähr vierzig Pfund verschaffte. Mit dieser zog er sich nach seinem Geburtsdorfe zurück, wo er ruhig und unabhängig lebte; und den übrigen Theil seines Lebens der »edlen Kunst des Angelns« weihete.

Ich fand, daß er den Isaak Walton mit Aufmerksamkeit gelesen hatte, und er schien dessen ganze einfache Offenheit und unzerstörbare gute Laune eingesogen zu haben. Obgleich er in der Welt arg umhergeworfen worden war, so glaubte er doch, daß die Welt an und für sich gut und schön sei. War er auch in verschiedenen Ländern so rauh behandelt worden, wie es einem armen Schafe ergeht, das an jeder Hecke und jedem Dickicht etwas von seiner Wolle lassen muß, so sprach er doch von jedem Volke mit Freisinn und Wohlwollen, und schien nur die gute Seite an allen Dingen zu beachten; und, vor allem, war er beinahe der einzige Mensch, den ich je gesehen habe, der in Amerika ein unglücklicher Abenteurer gewesen, und doch ehrlich und großsinnig genug war, sich selbst die Schuld beizumessen, und nicht das Land zu verwünschen. Der Bursche, welcher seines Unterrichts genoß, war, wie ich erfuhr, der Sohn und einzige Erbe einer feisten, alten Wittwe, welcher die Dorfschenke gehörte, und demnach ein junger Mann, der Einiges zu erwarten hatte, und dem die müßigen, herrnartigen Personen des Orts deßwegen sehr den Hof machten. Der alte Mann hoffte also wahrscheinlich, indem er ihn unter seine Aufsicht nahm, einen besondern Winkel im Schenkzimmer und von Zeit zu Zeit ein Glas heitermachendes Ale umsonst zu erhalten.

Es liegt allerdings, wenn man, was Angler sehr leicht thun, sich über die Grausamkeiten und Qualen, welche den Würmern und Insecten zugefügt werden, hinwegsetzen kann, etwas in dem Angeln, was eine Milde des Geistes und eine ruhige Heiterkeit des Gemüths hervorbringt. Da die Engländer selbst bei ihren Vergnügungen methodisch und die wissenschaftlichsten Liebhaber von Jagd und Fischerei sind, so ist das Angeln bei ihnen auf vollkommene Regeln und in ein System gebracht worden. In der That, es ist ein ganz besonders zu den sanften, reich angebauten Gegenden in England, wo jede Rauheit aus der Landschaft hinweggewischt ist, sehr passendes Vergnügen. Es ist entzückend, an diesen klaren Flüssen hinzuziehen, welche, wie Silberadern, den Schooß dieses schönen Landes durchziehen; den Wanderer durch eine Menge kleiner, häuslicher Landschaftsgemälde führen, sich zuweilen durch reich geschmückte Besitzungen schlängeln, zuweilen am Rande fetter Wiesen hinfließen, wo das frische Grün mit angenehm duftenden Blumen gemischt ist; zuweilen im Angesicht von Dörfern frei dahinströmen und dann wieder eigensinnig sich in schattige Einsamkeiten verlieren. Die Lieblichkeit und Heiterkeit der Natur und die ruhige Achtsamkeit des Geschäftes geben allmählich zu erfreulichem Nachsinnen Anlaß, das dann und wann durch den Gesang eines Vogels, durch das entfernte Pfeifen eines Bauern, oder vielleicht durch den Muthwillen eines Fisches angenehm unterbrochen wird, der aus dem stillen Wasser emporspringt, und flüchtig über seine durchsichtige Fläche dahin schießt. »Wenn ich,« sagte Isaak Walton, »zufrieden werden, und mein Vertrauen auf die Macht, Weisheit und Vorsicht des Allmächtigen erhöhen will, so gehe ich auf den Wiesen längs eines sanft dahinfließenden Stromes, und betrachte hier die Lilien, die nicht für sich sorgen, und die vielen anderen kleinen lebenden Geschöpfe, welche nicht allein erschaffen sind, sondern auch (der Mensch weiß nicht, wie?) durch die Güte des Gottes der Natur ernährt werden, und deßwegen auf ihn vertrauen.«

Ich kann nicht umhin, eine andere Stelle aus einem jener alten Kämpen des Angelns anzuführen, welche denselben unschuldigen und glücklichen Geist athmet:

Laßt still mich leben und, dem Ufer nah'
    Des Trent, des Avon, meine Hütte bau'n
Vom Hecht, Unkley und Weißfisch kann ich da
    Den Kiel, den Kork wohl nieder ziehend schau'n,
An Welt und meinen Schöpfer denk' ich da,
    Wenn Manche sündig und in Geiz ergrau'n,
Und Anderen in niederm Thun die Zeit
    Vergeht, in Wein, Krieg, oder Ueppigkeit.

Laßt, wer da will, nach solchen Freuden zieh'n,
    Und sich mit solchen eiteln Träumen bläh'n,
Kann ich das Feld nur schau'n, die Wiesen grün,
    An frischen Flüssen mich nach Lust ergeh'n,
Wo Maßlieb und die blauen Veilchen blüh'n,
    Hyazinthen roth, gelb die Narcissen steh'n.

Als ich Abschied von dem alten Angler nahm, erkundigte ich mich nach seinem Wohnorte, und hatte, als ich einige Abende nachher mich zufällig in der Nähe des Dorfes befand, die Neugierde, ihn aufzusuchen. Ich fand ihn in einer kleinen Hütte, welche nur Eine Stube enthielt, die aber in ihrer Anordnung und Einrichtung eine wahre Merkwürdigkeit war. Sie stand am Saume des Dorfes, auf einer begrünten Erhöhung, in einiger Entfernung von der Landstraße, und vor derselben war ein kleiner Garten mit Küchenkräutern bepflanzt und mit einigen Blumen geschmückt. Die ganze Vorderseite der Hütte war mit Geißblatt bewachsen. Auf dem Giebel war ein Schiff, das als Wetterfahne diente. Das Innere des Hauses war nach wahrhaft seemännischer Art eingerichtet, da seine Ansichten von Behaglichkeit und Bequemlichkeit sich von dem Backdeck eines Kriegsschiffes herschrieben. Von der Decke herab hing eine Hangmatte, welche bei Tage so weit hinaufgezogen wurde, daß sie nur wenig Raum einnahm. Mitten in der Stube hing an dem Balken ein Schiffsmodell, von seiner eignen Arbeit. Zwei oder drei Stühle, ein Tisch und eine große Schiffskiste bildeten die Hauptmöbel. An den Wänden waren Seelieder angeklebt, wie, Admiral Hosier's Geist, Alle in den Dünen, und Tom Bowling, mit Bildern von Seeschlachten dazwischen, unter welchen das von der Schlacht von Camperdown eine ausgezeichnete Stelle einnahm. Der Kaminsims war mit Muscheln verziert; über demselben hing ein Quadrant, zwischen zwei Holzschnitten von sehr grimmig aussehenden Seebefehlshabern. Seine Angelgeräthschaften waren sorgfältig an Nägeln und Haken im Zimmer aufgehängt. Auf einem Bücherbrette stand seine Bibliothek, eine mit Leinwand überzogene Bibel, einen oder zwei einzelne Bände Reisen, einen Seekalender und ein Liederbuch enthaltend.

Seine Familie bestand aus einer großen schwarzen Katze mit einem Auge, und einem Papagay, den er auf einer seiner Reisen selbst gefangen, gezähmt und aufgezogen hatte, und der eine Menge von Seeredensarten in dem heiseren belfernden Tone eines alten Bootsmannes stammelte. Die häusliche Einrichtung erinnerte mich an die des berühmten Robinson Crusoe; sie war in der größten Ordnung, da Alles, mit der Regelmäßigkeit auf einem Kriegsschiffe »weggestaut war,« und er sagte mir, daß er »jeden Morgen das Deck scheuere und zwischen den Mahlzeiten fege.«

Ich fand ihn auf einer Bank vor der Thüre sitzen, wo er in dem milden Abendsonnenscheine seine Pfeife rauchte. Seine Katze schnurrte ruhig auf der Schwelle, und der Papagay beschrieb einige sonderbare Evolutionen in einem eisernen Ringe, welcher mitten in seinem Käfige hing. Er hatte den ganzen Tag geangelt, und erzählte mir die Geschichte seines Fanges mit eben der Ausführlichkeit, wie ein General einen Feldzug beschreiben würde; er wurde besonders bei der Schilderung der Art und Weise lebendig, wie er eine große Forelle gefangen habe, die seine ganze Erfahrung und Ausdauer in Anspruch genommen, und die er nun, als ein Siegeszeichen, der Wirthin der Schenke geschickt habe.

Wie behaglich ist es, das Alter so fröhlich und zufrieden zu sehen, und einen armen Burschen, wie diesen, nachdem der Sturm ihn im Leben umhergeworfen, am Abende seiner Tage in einem behaglichen, ruhigen Hafen sicher vor Anker liegend zu betrachten! Sein Glück ging indessen aus ihm selbst hervor, und hing nicht von äußeren Umständen ab, denn er hatte jene unerschöpfliche Gutmüthigkeit, welche das kostbarste Geschenk des Himmels ist, sich wie Oel über das stürmische Meer der Gedanken verbreitet, und das Gemüth in dem rauhesten Wetter unbewegt und gleichförmig erhält.

Als ich mich weiter über ihn erkundigte, erfuhr ich, daß er in dem Dorfe der allgemeine Liebling, und das Orakel des Schenkzimmers sei; wo er die Bauern durch seine Lieder ergötze, und, wie Sindbad, sie durch seine Erzählungen von fremden Ländern, von Schiffbrüchen und Seegefechten in Erstaunen setze. Auch die vornehmeren Freunde des Fischfangs in der Gegend hielten viel auf ihn; er lehrte mehrere von ihnen die Kunst des Angelns, und hatte freien Zutritt zu ihren Küchen. Der ganze Ton seines Lebens war ruhig und harmlos, da er es, wenn das Wetter und die Jahrszeit es zuließen, hauptsächlich an den benachbarten Flüssen hinbrachte, und zu anderen Zeiten sich zu Hause beschäftigte, um sein Fischergeräthe zu dem nächsten Feldzuge in Bereitschaft zu setzen, oder für seine Gönner und Schüler unter den höheren Ständen Angelruthen, Netze und Fliegen zurecht zu machen.

Er besuchte regelmäßig des Sonntags die Kirche, ob er gleich während der Predigt einschlief. Er hatte es ausdrücklich gewünscht, daß man ihn, wenn er stürbe, an einem grünen Flecke begraben sollte, den er von seinem Sitze in der Kirche sehen konnte, und den er seit seinem Knabenalter immer gern gehabt, und an welchen er beständig gedacht hatte, wenn er weit von seiner Heimath auf dem ungestümen Meere war, und Gefahr lief, Futter für die Fische zu werden – es war die Stelle, wo sein Vater und seine Mutter begraben worden waren.

Ich bin fertig, denn ich fürchte, mein Leser wird müde; aber ich konnte nicht umhin, das Bild dieses würdigen »Bruders von der Angel,« zu entwerfen, welcher Ursache ist, daß ich mehr als jemals die Theorie seiner Kunst liebgewonnen habe, obgleich ich fürchte, daß ich es in der Ausübung derselben nie sehr weit bringen werde: und so will ich diese flüchtige Skizze mit den Worten des ehrlichen Isaak Walton schließen, indem ich den Segen von St. Peter's Meister und Lehrer auf meine Leser herabrufe, »und auf Alle, die wahre Freunde der Tugend sind, und an seine Allmacht glauben, und ruhigen Sinnes sind, und angeln gehen.«

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