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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 3
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Seereise.

                    Ihr Schiffe, ich erspäh' euch,
              Auf der Flut –
              Und ich komm' und seh' euch;
              Sagt, was ihr beschützet,
              Und was ihr nützet,
              Wohin ihr geht, was ihr thut.
Eins segelt fort, in Handel und Verkehr,
Ein andres bleibt, des Landes sichre Wehr,
Ein drittes kömmt nach Haus, an Schätzen schwer.
      Halt ein, mein Geist, wohin enteilest du?
Altes Gedicht.

Für einen Amerikaner, der Europa besucht, ist die lange Seereise, die er zu machen hat, ein treffliches Vorbereitungsmittel. Der einstweilige Mangel aller weltlichen Auftritte und Beschäftigungen bringt einen Gemüthszustand hervor, welcher besonders geeignet ist, neue und lebhafte Eindrücke aufzunehmen. Der weite Wasserraum, welcher die Halbkugeln trennt, ist wie ein weißes Blatt im Leben. Hier ist kein allmähliger Uebergang, durch welchen, wie in Europa, das Aussehen und die Bevölkerung eines Landes fast unmerklich mit denen eines andern sich verschmelzen. Von dem Augenblicke, wo ihr das Land, das ihr verlaßt, aus dem Gesicht verliert, ist Alles ein leerer Raum, bis ihr am entgegengesetzten Strande aussteigt, und plötzlich in das Geräusch und die Neuheit einer andern Welt geschleudert werdet.

Wenn man zu Lande reist, führt das Ununterbrochene der Gegenden und eine dauernde Folge von Personen und Vorfällen die Geschichte des Lebens fort, und vermindert die Wirkung von Abwesenheit und Trennung. Wir schleppen allerdings »eine sich verlängernde Kette« bei jedem Vorschreiten auf unsrer Pilgerschaft weiter; allein diese Kette ist ununterbrochen: wir können sie Glied um Glied zurückverfolgen und wir fühlen, daß das letzte uns stets an die Heimath fest bindet. Aber eine weite Seereise trennt uns auf einmal. Sie macht uns bewußt, daß wir des sichern Ankergrundes des geregelten Lebens verlustig geworden, und blind in eine ungewisse Welt hinausgeschickt sind. Sie legt eine, nicht bloß eingebildete, sondern wirkliche Kluft zwischen uns und unsere Heimath – eine, Stürmen, Furcht und Ungewißheit preisgegebene Kluft, welche die Entfernung fühlbar, die Rückkehr unsicher macht.

Das war wenigstens der Fall bei mir. Als ich den letzten blauen Streif meines Geburtslandes wie eine Wolke am Horizonte verbleichen sah, glaubte ich Ein Buch der Welt und dessen, was sie enthält, zugeschlagen, und nun Zeit zum Nachdenken zu haben, ehe ich das andere öffnete. Nebst diesem – welche Veränderungen konnten sich in dem Lande ereignen, das vor meinen Blicken verschwand und welches Alles, was es im Leben Theures für mich gab, in sich schloß, – welche Umwandlungen konnten in mir selbst stattfinden, ehe ich es wieder besuchte! Wer kann, wenn er auf die Wanderschaft auszieht, sagen, wohin er von den ungewissen Fluthen des Daseins getrieben, wann er zurückkehren, oder ob es ihm je beschieden werden möchte, den Schauplatz seiner Kindheit wieder zu besuchen?

Ich habe gesagt, auf der See sei Alles eine große Leere; ich muß diesen Ausdruck verbessern. Für Einen, der den Träumen am lichten Tage ergeben ist, und sich gern in sich selbst verliert, bietet eine Seereise eine Menge Gegenstände des Nachdenkens dar; aber dann sind es die Wunderwerke des Meeres und der Luft, und das Gemüth wird von den Gegenständen des Weltlebens fast ganz abgezogen. Ich freute mich, über das Geländer des Verdecks mich zu lehnen, oder an einem stillen Tage auf die große Stange zu klettern und stundenlang auf den ruhigen Busen eines Sommer-Meeres hinabzuschauen, die Massen goldener Wolken zu betrachten, die so eben über den Horizont emporstiegen, sie mir als ein Feenreich zu denken und mit Geschöpfen meiner Einbildungskraft zu bevölkern; oder die sanft sich hebenden Wellen zu beobachten, welche ihre Silberkreise dahin rollten, als ob sie an jenen glücklichen Gestaden sich verlieren sollten.

Es war ein angenehmes, mit Sicherheit und Furcht gemischtes Gefühl, mit welchem ich von meiner schwindelnden Höhe auf die Ungeheuer des Meeres und ihre seltsamen Sprünge niederblickte. Schaaren von Meerschweinen, sich um das Hintertheil des Schiffes tummelnd, der Nordcaper seine gewaltige Masse langsam über die Oberfläche erhebend, oder der raubgierige Hay, wie ein Gespenst durch die blauen Gewässer schießend. Meine Einbildungskraft beschwor Alles herauf, was ich von dem Wasserreiche unter mir gehört oder gelesen hatte: – die beschuppten Heerden, welche seine bodenlosen Tiefen bewohnen; die gestaltlosen Ungeheuer, welche in dem Grunde der Erde hausen, und alle die wilden Gespenster, welche in den Erzählungen der Fischer und Matrosen so vieles Grausen erregen.

Zuweilen ward auch ein entferntes Segel, am Saume des Meeres dahingleitend, ein Gegenstand müßiger Vermuthungen. Wie anziehend ist dieß Bruchstück einer Welt, das sich an die große Masse des Daseins anzuschließen eilt! Welch ein ruhmvolles Denkmal der menschlichen Erfindung, welche so über Wind und Wellen triumphirt; welche die Enden der Erde mit einander in Verbindung gebracht, und einen Austausch aller Segnungen des Lebens bewirkt hat; welche in die unfruchtbaren Regionen des Nordens alle Ueppigkeit des Südens ausgießt; welche das Licht der Erkenntniß, die Annehmlichkeiten des gebildeten Lebens verbreitet, und so diese zerstreuten Theile des Menschengeschlechts, zwischen welche die Natur eine unübersteigliche Grenze gesetzt zu haben schien, miteinander vereinigt hat.

Wir entdeckten eines Tages einen gestaltlosen Gegenstand, der in einiger Entfernung dahintrieb. Auf dem Meere erregt Alles, was die Einförmigkeit der Wasserfläche umher unterbricht, unsere Aufmerksamkeit. Es fand sich, daß es der Mast eines Schiffes war, das gänzlichen Schiffbruch erlitten haben mußte; denn man sah da die Ueberbleibsel von Taschentüchern, womit einige von der Schiffsmannschaft sich an dieß Holz festgebunden hatten, um nicht von den Wellen hinweggerissen zu werden. Keine Spur war zu finden, durch welche man den Namen des Schiffes hätte entdecken können. Das Wrack hatte offenbar manchen Monat umhergetrieben; Haufen von Muscheln hatten sich um dasselbe gehängt und langes Seegras flatterte daran herab. Aber wo, dachte ich, ist die Mannschaft? Ihr Kampf ist längst vorüber – sie gingen im Brüllen des Sturmes unter, – ihre Gebeine liegen bleichend in den Höhlen der Tiefe. Stillschweigen, Vergessenheit haben sie verhüllt, wie die Wellen, und Niemand kann die Geschichte ihres Unterganges erzählen! Welche Seufzer sind diesem Schiffe gefolgt, welche Gebete wurden an dem verlassenen Herde zu Haus für dasselbe zum Himmel empor gesendet! Wie oft hat die Geliebte, das Weib, die Mutter, die Zeitungen durchsucht, um irgend eine gelegentliche Nachricht von den Wanderern auf dem Meere zu finden! Wie verdunkelte die Erwartung in Besorgniß – die Besorgniß in Angst – die Angst in Verzweiflung! Ach! kein Andenken wird je zum Vorschein kommen, die Liebe zu erfreuen. Alles, was man je erfahren wird, ist: »das Schiff segelte aus dem Hafen, und man hat nie wieder von ihm gehört!«

Der Anblick dieses Wracks gab, wie gewöhnlich, Veranlassung zur Erzählung mancher traurigen Geschichten. Besonders war dieß am Abend der Fall, wo das Wetter, das bisher schön gewesen, sich auf einmal wild und drohend zu gestalten begann und einen der plötzlichen Stürme verkündigte, welche zuweilen in die Heiterkeit einer Sommerreise hereinbrechen. Während wir bei dem trüben Licht der Lampe in der Kajüte umher saßen, wußte Jeder eine Geschichte von Schiffbruch und Unglück. Besonders ergriff mich eine kurze Erzählung des Capitäns.

»Als ich einst,« sagte er, »auf einem schönen, starken Schiffe über die Bucht von Neufundland segelte, machte es einer der starken Nebel, welche in jenen Gegenden gewöhnlich sind, unmöglich, selbst am Tage weit vor uns zu sehen; in der Nacht ward aber die Luft so dicht, daß wir auf das Doppelte der Schiffslänge durchaus keinen Gegenstand unterscheiden konnten. Ich ließ Lichter an den Mastbaum hängen und stellte stets eine Wache aus, um nach den Fischerbooten auszuschauen, die gewöhnlich an dem Strande vor Anker liegen. Der Wind blies fühlbar scharf und wir segelten sehr schnell. Plötzlich machte die Wache Lärm mit: »ein Segel vor uns!« – Dieses Wort war kaum ausgesprochen, so fuhren wir schon darüber hin. Es war ein kleiner Zweimaster, der, mit der Seite nach uns hin, vor Anker trieb. Die ganze Mannschaft schlief und hatte versäumt ein Licht auszustecken. Wir stießen gerade auf die Mitte des Fahrzeuges. Die Stärke, Größe und das Gewicht unseres Schiffes drückte jenes unter die Wellen; wir segelten darüber hin und wurden auf unserer Bahn weiter getrieben. Als das krachende Wrack unter uns sank, sah ich zwei oder drei halbnackte Unglückliche aus der Kajüte stürzen; sie kamen gerade aus ihren Betten, um aufschreiend von den Wellen verschlungen zu werden. Ich hörte ihr halb ersticktes Geschrei, das sich mit dem Winde vermischte. Der Windstoß, der es zu unseren Ohren trug, trieb uns zugleich so weit, daß wir es ferner nicht mehr hören konnten. Ich werde dieß Geschrei nie vergessen! Es währte einige Zeit, ehe wir das Schiff wenden konnten, so rasch ging es vorwärts. Wir kehrten so nahe, als wir uns erinnern konnten, an die Stelle zurück, wo die Schmacke vor Anker gelegen hatte. Wir kreuzten mehrere Stunden lang in dem dicken Nebel umher. Wir thaten Signalschüsse und horchten, ob wir nicht das Halloh irgend eines Ueberlebenden vernähmen; aber Alles war still – wir sahen und hörten nichts mehr von ihnen.«

Ich gestehe, diese Erzählungen machten auf einige Zeit allen meinen schönen Phantasien ein Ende. Der Sturm stieg mit der Nacht. Das Meer war in fürchterlichem Aufruhr. Der Klang der tobenden Wogen, der brechenden Brandungen kam ungestüm, furchtbar. Die Tiefen des Meeres gähnten. Zuweilen schienen die schwarzen Wolkendecken über uns zu zerreißen vor den Blitzen, welche auf den schäumenden Wellen dahinzuckten und die darauf folgende Dunkelheit doppelt schrecklich machten. Der Donner brüllte über der wilden Wasseröde; er hallte dumpf wider und wurde verlängert in den Wellen-Bergen. Als ich das Schiff zwischen diesen brüllenden Höhlen dahinwanken und darin versinken sah, schien es mir wunderbar, daß es sein Gleichgewicht wieder gewann, oder sich auf dem Wasser erhielt. Seine Raaen gingen im Wasser, sein Bug war fast in den Wellen begraben. Zuweilen schien eine hereinstürzende Woge es verschlingen zu wollen, und nur eine geschickte Wendung des Steuerruders rettete es vor dem Sturze.

Als ich mich in die Kajüte begab, verfolgte mich die furchtbare Scene noch immer. Das Pfeifen des Windes durch das Takelwerk klang wie Grabesklage: das Krachen der Maste, das Dröhnen und Aechzen der Querwände bei dem Kampfe des Schiffes mit der anwälzenden See war furchtbar. Während ich die Wellen an der Seite des Schiffes hinströmen und in mein Ohr brüllen hörte, schien es, als ob der Tod um dieses schwimmende Gefängniß wüthe und seine Beute suche; nur ein Nagel durfte nachgeben, eine Fuge aufreißen, und er konnte eindringen.

Ein schöner Tag jedoch, bei ruhiger See und günstigem Winde, verscheuchte bald alle diese traurigen Betrachtungen. Es ist unmöglich, dem erheiternden Einflusse des schönen Wetters und des guten Windes zur See zu widerstehen. Wenn das Schiff sich mit allen seinen Segeln geschmückt hat, jedes derselben geschwellt ist und fröhlich über die kräuselnden Wellen dahin gleitet, wie erhaben, wie prachtvoll erscheint es – wie scheint es das Meer zu beherrschen! Ich möchte ein Buch mit den Träumen einer Seereise anfüllen, denn bei mir ist sie beinahe ein fortwährendes Träumen – doch es ist Zeit, an das Gestade zu gelangen.

Es war ein schöner sonniger Morgen, als der durchdringende Ruf »Land« vom Mastkorbe erscholl. Nur wer es selbst erfahren hat, kann sich eine Vorstellung von dem Uebermaß entzückender Gefühle machen, welche eines Amerikaners Brust durchströmen, wenn er zuerst Europa erblickt. Eine Masse von Ideen knüpfen sich schon an den Namen. Es ist ihm das Land der Verheißung, Alles das in Ueberfluß bietend, wovon er in seiner Kindheit gehört oder worüber er in seinen Studienjahren gebrütet hat.

Von dieser Zeit bis zum Augenblick der Ankunft war Alles eine fieberhafte Aufregung. Die Kriegsschiffe, die wie bewachende Riesen an der Küste entlang kreuzten; die Landspitzen von Irland, welche in den Canal hinaus ragten; die walisischen Berge, die sich in die Wolken erhoben; – Alles waren Gegenstände des größten Interesses. Während wir den Mersey hinaufsegelten, betrachtete ich die Küsten durch ein Fernrohr. Mein Auge verweilte mit Vergnügen auf netten Häuschen mit zierlichem Strauchwerk und grünen Grasplätzen umher. Ich sah die verfallenden Trümmer einer mit Epheu überwachsenen Abtei und die schlanke Thurmspitze einer Dorfkirche, welche sich auf dem Kamm eines benachbarten Hügels erhob – Alles verkündigte England.

Fluth und Wind waren so günstig, daß das Schiff im Stande war, sogleich in den Hafen zu kommen. Er war mit Menschen bedeckt; Einige, müßige Zuschauer, Andere, ungeduldig ihrer Freunde oder Verwandten harrend. Ich konnte den Kaufmann erkennen, an den das Schiff gerichtet war. Ich erkannte ihn an seiner berechnenden Stirne und dem ruhelosen Wesen. Er hatte die Hände in den Taschen; er pfiff gedankenvoll und ging auf und ab, da ihm ein kleiner Raum von der Menge, in Rücksicht auf seine einstweilige Bedeutsamkeit, zugestanden war. Wiederholte Grüße wurden zwischen dem Strand und dem Schiffe gewechselt, so wie Freunde sich erkannten. Ich bemerkte besonders eine junge Frau von schlichtem Anzug, von anziehendem Wesen. Sie beugte sich aus der Menge hervor; ihr Auge streifte über das Schiff, wie es sich dem Strande näherte, um irgend ein ersehntes Gesicht zu erblicken. Sie schien niedergeschlagen und bewegt; auf einmal hörte ich eine schwache Stimme ihren Namen nennen. – Es war die Stimme eines armen Matrosen, der die ganze Reise über krank gewesen war und das Mitleid Aller an Bord erregt hatte. Wenn das Wetter schön war, breiteten seine Cameraden eine Matratze für ihn auf dem Verdeck im Schatten auf; aber seine Krankheit hatte in der letzten Zeit so zugenommen, daß er in seiner Hängematte bleiben mußte, und nur den Wunsch äußerte, sein Weib noch einmal zu sehen, ehe er sterbe. Man hatte ihn, als wir den Fluß herauf kamen, auf das Verdeck gebracht, und er lehnte sich nun gegen die Querwände mit einem so abgezehrten, so bleichen, so geisterähnlichen Gesicht, daß es kein Wunder war, wenn selbst das Auge der Liebe ihn nicht erkannte. Aber bei dem Klang seiner Stimme traf ihr Auge seine Züge; es las mit einem Blick eine ganze Welt des Kummers: sie schlug ihre Hände zusammen, stieß einen schwachen Schrei aus und stand, sie ringend, in stiller Todesangst.

Alles war nun Lärm und Getümmel – das Zusammentreffen von Bekannten – das Grüßen von Freunden – die Berathschlagungen von Geschäftsleuten. Ich allein war einsam und müßig. Ich hatte keinen Freund, der mich empfing, kein Willkommen, das mir geboten wurde. Ich betrat das Land meiner Vorväter – allein ich fühlte, daß ich ein Fremdling in dem Lande war.

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