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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 29
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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John Bull.

Ein alt Lied, von einem alten Burschen erdacht
Von einem alten würd'gen Herrn, der 'n Gut hatt' und Macht,
Der 'n gut alt Haus hielt, wie man's vor Alters gemacht,
Und 'n alten Pförtner, der den Armen Nahrung gebracht;
'n alt Zimmer, mit gelehrten alten Büchern darin,
'n alten würd'gen Caplan, am Blick schon kennt ihr ihn,
'ne alte Speiskammer, – die Thür wackelt her und hin, –
Und 'ne alte Küche – ein halb Dutzend alter Köche dienten d'rin.
Wie 'n alter Höfling u. s. w.
Altes Lied.

Es gibt keine Art von Laune, in welcher die Engländer sich mehr auszeichnen, als im Verfertigen von Carrikaturen und in der Erfindung lächerlicher Benennungen oder Beinamen. Auf diese Art haben sie nicht allein Einzelne, sondern ganze Völker launig bezeichnet; und bei ihrer Vorliebe einen Scherz recht weit zu treiben, haben sie ihrer selbst nicht geschont. Man sollte denken, daß eine Nation, wenn sie sich personificirt, sich gern als etwas Großes, Heroisches und Imposantes darstellen würde; aber es ist ein charakteristisches Zeichen der besondern Laune der Engländer, und ihrer Vorliebe für alles, was derb, komisch und vertraulich ist, daß sie ihre nationellen Seltsamkeiten in dem Bilde eines stämmigen, wohlbeleibten alten Mannes, mit einem dreieckigen Hute, rother Weste, ledernen Beinkleidern und einem starken eichenen Prügel, verkörpert haben. So haben sie ein besonderes Vergnügen darin gefunden, ihre geheimsten Schwachheiten in ein lächerliches Licht zu stellen, und sind in ihren Bildern so glücklich gewesen, daß kein wirklich vorhandenes Wesen vor dem Geiste des Publikums lebendiger dastände, als jener sonderbare Charakter, John Bull.

Vielleicht hat die fortwährende Anschauung des so von ihnen gegebenen Bildes dazu beigetragen, das Volk selbst demselben ähnlich zu machen, und auf diese Weise dem Wirklichkeit zu geben, was anfänglich größtentheils aus der Einbildungskraft mag geschöpft worden sein. Die Menschen nehmen leicht Eigenthümlichkeiten, die man ihnen fortdauernd zuschreibt, wirklich an. Die niedrige Classe der Engländer scheint von dem Ideal, das sie sich von John Bull gemacht hat, wunderbar eingenommen, und bestrebte sich, der stark gezeichneten Carricatur, welche sie beständig vor Augen hat, gleich zu kommen. Unglücklicherweise macht sie aber zuweilen diesen gepriesenen Bullismus zu einem Entschuldigungsgrund für ihre Vorurtheile oder Derbheiten; und dieß habe ich besonders bei den ächten Eingebornen und wahren Kindern des Landes bemerkt, welche nie aus dem Bereich des Geläutes der Bow-Kirche gekommen sind. Wenn einer von diesen etwas plump in seiner Rede ist, oder unangenehme Wahrheiten sagt, erklärt er sogleich, daß er ein wahrer John Bull sei, und seine Meinung immer frei heraussage. Geräth er dann und wann in eine ungebührliche Hitze über Kleinigkeiten, so sagt er, John Bull sei ein jähzorniger alter Degen, aber seine Aufwallung gehe im Augenblick vorüber, und er hege keine Bosheit. Gibt er Beweise von wenig feinem Geschmack und von Unempfänglichkeit für fremde Verfeinerungen, so dankt er dem Himmel für seine Unwissenheit – er sei der einfache John Bull, und finde kein Vergnügen an Flitter und Spielwerk. Selbst die Leichtigkeit, womit er sich von Fremden betrügen läßt und für Thorheiten übertrieben bezahlt, muß unter dem Vorwande der Freigebigkeit hingehen, – denn John Bull ist immer großmüthiger, als er klug ist.

So will er es dahin bringen, daß unter dem Namen John Bull, jeden Fehler zu einem Verdienste umgewandelt wird und möchte sich fest davon überzeugen, daß er der ehrlichste Bursche von der Welt sei.

Wie wenig nun auch der Charakter anfangs ähnlich gewesen sein mag, so hat er sich nach und nach der Nation angepaßt, oder vielmehr sie haben sich ihm gegenseitig angepaßt; und ein Fremder, der die Eigenthümlichkeiten der Engländer zu studiren wünscht, wird solche schätzenswerthe Belehrungen am besten an den unzähligen Bildern von John Bull sammeln, wie sie an den Fenstern der Carricaturläden ausgehängt sind. Noch immer ist er einer der fruchtbaren Humoristen, der beständig neue Portraits zu Tage fördert, und, von verschiedenen Gesichtspunkten gesehen, auch verschiedene Ansichten gibt, und ich kann, so oft er auch geschildert worden ist, der Versuchung nicht widerstehen, eine leichte Skizze von ihm zu geben, so wie er mir gerade erschienen ist.

John Bull ist, allem Anscheine nach, ein gerader, schlichter, auf die Sache losgehender Bursche, mit bei weitem mehr gediegener Prosa als Poesie in sich. In seiner Natur liegt wenig Romantisches, aber ein guter Theil kräftigen, natürlichen Gefühls. Er zeichnet sich mehr durch Laune als durch Witz aus, ist eher lustig als fröhlich, eher trübsinnig als mürrisch; er kann leicht zu einer schnell in sein Auge tretenden Thräne bewegt, oder zu einem lauten Lachen plötzlich gereizt werden; aber er haßt alle Sentimentalität und hat keine Anlage für leichten Scherz. Er ist ein guter Gesellschafter, wenn ihr ihn seinen Gang gehen und von sich sprechen laßt; und er wird einem Freunde, wenn es zum Streit kommt, mit Leben und Börse beistehen, sollte auch eine derbe Tracht Schläge mit auf ihn fallen.

In dieser letztern Rücksicht hat er, aufrichtig gestanden, Anlage etwas zu voreilig zu sein. Er ist ein geschäftig umgreifendes Wesen, das nicht bloß an das, was ihn selbst und seine Familie, sondern auch was die ganze Gegend umher betrifft, denkt und sehr edelmüthig geneigt ist, Jedermanns Verfechter zu werden. Er ist immer unaufgefordert bereit, den Schiedsrichter in den Angelegenheiten seiner Nachbarn zu machen, und nimmt es sehr übel, wenn sie irgend etwas von Bedeutung unternehmen, ohne ihn um Rath zu fragen, obgleich seine Dienstleistungen gewöhnlich damit belohnt werden, daß er am Ende mit allen Parteien in Händel geräth und nun sich bitter über ihre Undankbarkeit beschwert. Unglücklicherweise nahm er in seiner Jugend Unterricht in der edlen Fechtkunst, und da er sich im Gebrauche seiner Glieder und seiner Waffen ausgebildet hat, und ein Muster im Boxen und in der Führung des Knüttels geworden ist, hat er seitdem stets ein beunruhigtes Leben gehabt.

Sobald er von einem Streite zwischen seinen entferntesten Nachbarn hört, beginnt er, fortwährend mit dem obern Theil seines Knüttels Bewegungen zu machen, und zu überlegen, ob sein Interesse und seine Ehre es nicht fordern, sich in den Streit zu mischen. In der That hat er seine verwandtschaftlichen Beziehungen in Hinsicht auf Stolz und Politik, so über die ganze Gegend auf gedehnt, daß durchaus nichts vorgehen kann, ohne daß es einige seiner feinausgesponnenen Rechte und Würden beeinträchtiget. In seinem eigenen kleinen Besitzthum hockend, gleicht er, mit diesen nach allen Richtungen ausgehenden Fäden, einer cholerischen, dickleibigen alten Spinne, die ihr Gewebe über eine ganze Kammer ausgedehnt hat, so daß keine Fliege summen, kein Lüftchen sich regen kann, ohne sie aus ihrer Ruhe aufzustören und sie zornig aus ihrem Schlupfwinkel herauszufordern.

Ob er gleich wirklich ein gutartiger, wohlmeinender Mann ist, so liebt er doch ganz sonderlich immer da zu sein, wo es Streit gibt. Es ist indeß eine seiner Eigenthümlichkeiten, daß er nur an dem Anfange eines Handgemenges Vergnügen findet; er geht immer mit Freudigkeit in das Gefecht, kommt aber, selbst wenn er Sieger geblieben ist, mürrisch daraus zurück; und wenn gleich Niemanden mit größerer Beharrlichkeit ficht, um einen streitigen Punkt zu schlichten, so ist er doch, wenn das Gefecht vorüber ist, und es zur Versöhnung kommt, durch das bloße Händeschütteln schon so gewonnen, daß er seinen Gegner gern alle die Vortheile ernten läßt, um welche sie sich gestritten haben. Er muß sich also nicht sowohl vor dem Schlagen, als vor der Versöhnung hüten. Es ist schwer, ihm mit dem Knüttel einen Pfennig abzupressen; aber versetzt ihn nur in gute Laune, und ihr könnt ihm alles Geld ablocken, das er in seiner Tasche hat. Er ist wie ein tüchtiges Schiff, das, nachdem es unbeschädigt dem schrecklichsten Sturme entgangen ist, seine Masten in der darauf folgenden Windstille verliert.

Er liebt es ein wenig, außer dem Hause den Magnifico zu spielen, eine lange Börse herauszuziehen, sein Geld bei Faustkämpfen, Pferderennen und Hahnengefechten wacker zu verschleudern, und unter den Herrn vom Fache den Kopf zu erheben. Unmittelbar aber nach einem Anfalle dieser Ausschweifungen bekommt er einen heftigen Anfall von Sparsamkeit; er bebt vor der kleinsten Ausgabe zurück; spricht verzweifelt von »zu Grunde gerichtet sein,« und »dem Kirchspiel zur Last fallen müssen,« und bezahlt in einer solchen Stimmung nicht die kleinste Rechnung ohne heftigen Aerger. Er ist in der That der pünktlichste und unangenehmste Zahler in der Welt; denn er zieht sein Geld mit äußerstem Widerwillen aus seinen Hosentaschen, bezahlt bis auf den letzten Heller, aber nicht ohne jede Guinee mit einem dumpfen Murren zu begleiten.

Bei all seinem Reden von Sparsamkeit sorgt er jedoch für Alles reichlich, und ist ein gastfreier Hauswirth. Seine Sparsamkeit ist von einer sonderbaren Art, indem es dabei seine Hauptrücksicht ist, wie er sich die Mittel verschaffen könne, recht viel Geld auszugeben; denn er wird sich an einem Tage kaum ein Beefsteak und eine Pinte Portwein zugestehen, um an einem andern einen ganzen Ochsen zu braten, ein Oxhoft Ale Preis zu geben, und alle seine Nachbarn zu bewirthen.

Seine Haushaltung ist unglaublich kostbar; nicht sowohl wegen äußern Glanzes, als weil bei ihm so viel tüchtiges Rindfleisch und Pudding verzehrt wird; weil er eine Menge Leute ernährt und kleidet; und eine ganz eigenthümliche Neigung hat, kleine Dienste übermäßig zu belohnen. Er ist ein sehr freundlicher, nachsichtiger Herr, und vorausgesetzt, daß seine Diener sich in seine Eigenthümlichkeiten zu schicken, seiner Eitelkeit von Zeit zu Zeit etwas zu schmeicheln wissen, und ihn nicht zu offen vor seinen Augen betrügen, so können sie mit ihm machen, was sie wollen. Alles, was von ihm lebt, scheint zu gedeihen und fett zu werden. Seine Hausbedienten werden gut bezahlt, reichlich gefüttert, und haben wenig zu thun. Seine Pferde sind verwöhnt und faul, und traben langsam vor seinem Staatswagen her; und sein Haushund schläft ruhig vor der Thüre und wird kaum einen Dieb anbellen.

Seine Familienwohnung ist ein altes castellartiges Herrenhaus, altergrau, und von einem höchst ehrwürdigen, obgleich verwitterten Ansehen. Es ist nach keinem regelmäßigen Plan gebaut worden, sondern ein Gemisch einzelner Theile, in verschiedener Zeit und nach verschiedenem Geschmack aufgeführt. Der mittlere Theil trägt unläugbare Spuren sächsischer Baukunst, und ist so fest, als schwerer Stein und alt englisches Eichenholz ihn machen können. Wie alle Ueberbleibsel aus diesem Styl, ist er voll von dunklen Gängen, labyrinthartigen Verbindungen und düstern Zimmern; und obgleich diese in neueren Zeiten zum Theil gelichtet worden sind, so gibt es doch noch mehrere Orte, wo ihr beinahe im Finstern tappen müßt. Anbauten sind von Zeit zu Zeit gemacht worden und große Veränderungen wurden vorgenommen; während der Kriegszeiten und der Aufstände sind Thürme und Zinnen errichtet, im Frieden neue Flügel angebaut worden, und Nebenhäuser, Meiereien und Wirthschaftsgebäude haben sich nach der Laune oder dem Bedürfniß der verschiedenen Geschlechter gehäuft, so daß es jetzt eine der weitläuftigsten und ausgedehntesten Besitzungen geworden ist, die man sich denken kann. Einen ganzen Flügel nimmt die Familiencapelle ein, ein ehrwürdiges Gebäude, das sehr prächtig gewesen sein muß, und das in der That selbst jetzt noch, trotz allem dem, was zu verschiedenen Zeiten daran geändert und einfacher gemacht wurde, das Ansehen ehrwürdiger, religiöser Pracht hat. Ihre Mauern im Innern prangen mit den Denkmälern von John's Vorfahren, und sie ist mit weichen Kissen und wohlgepolsterten Stühlen nett ausgeputzt, worin die Mitglieder der Familie, welche fleißige Kirchgänger sind, in der Erfüllung ihrer Pflichten sanft ausruhen können.

Diese Capelle in Stand zu erhalten, hat John viel Geld gekostet; aber er hängt an seiner Religion und thut sich etwas auf seinen Eifer zu gut, weil in seiner Nähe mehrere Capellen für abweichende Religionsparteien errichtet worden, und mehrere seiner Nachbarn, mit denen er argen Streit gehabt hat, eifrige Papisten sind.

Den Dienst der Capelle zu versehen, hält er, mit großen Kosten, einen frommen, stattlichen Familiencaplan. Er ist eine sehr gelehrte, würdevolle Person, und ein wahrhaft wohlerzogener Christ, der immer dem alten Herrn bei seinen Behauptungen Recht gibt, mit seinen kleinen Sünden bescheidene Nachsicht hat, die Kinder schilt, wenn sie wiederspenstig sind, und von großem Nutzen ist, da er die Bauern ermahnt, die Bibel zu lesen, ihre Gebete herzusagen, und, vor allem, ihre Abgaben pünktlich und ohne Murren zu bezahlen.

Die Familienzimmer sind in sehr veraltetem Geschmacke, etwas schwer und oft unbequem, aber voll der feierlichen Pracht alter Zeiten; mit reichen, obgleich verschossenen Tapeten, mit unbehülfichen Möbeln und Massen von altem, schwerem Silber ausgestattet. Die großen Kamine, die ungeheueren Küchen, die weitläuftigen Keller, und ausgedehnten Schmaußsäle, – alles spricht von der geräuschvollen Gastfreiheit ehemaliger Zeiten, wovon das jetzige Leben im Schlosse nur ein Schatten ist. Lange Reihen von Zimmern sind indessen offenbar ganz verlassen, und von der Zeit zerstört, und Thürme und Thürmchen sind so verfallen, daß man bei starkem Winde besorgen muß, sie möchten über der Hausbewohnerschaft zusammenstürzen.

Man hat John häufig gerathen, das alte Gebäude einmal durchgängig ausbessern, einige der unnützen Theile desselben niederreißen, und den übrigen mit den aus diesen erhaltenen Materialien mehr Festigkeit geben zu lassen; aber der alte Herr wird immer unwillig, wenn man mit ihm über diesen Gegenstand spricht. Er schwört, das Haus sei ein ganz vortreffliches Haus – es sei dicht und wetterfest, und Stürme könnten es nicht erschüttern – es habe schon mehrere Jahrhunderte gestanden, und werde deßwegen jetzt wahrscheinlich nicht gleich zusammenstürzen – in Bezug auf das Unbequeme, sei seine Familie an die Unbequemlichkeiten gewöhnt, und fühle ohne diese sich nicht wohl – seine unbehülfiche Form und unregelmäßige Bauart rühre davon her, daß sie das Erzeugniß von Jahrhunderten und durch die Weisheit eines jeden Geschlechts verbessert worden sei – eine alte Familie, wie die seinige, müsse ein großes Haus haben, darin zu wohnen; neue, eben erst aufgekommene Familien möchten immerhin in modernen Meiereien und hübschen Landhäusern wohnen; aber eine alte englische Familie müsse ein alt englisches Herrenhaus bewohnen. Wenn ihr ihn auf irgend einen Theil des Gebäudes, als überflüssig, aufmerksam macht, so behauptet er, daß er zu der Stärke oder der Zierde des Uebrigen und der Harmonie des Ganzen wesentlich gehöre, und schwört, die Theile seien so in einander gebaut, daß ihr, wenn ihr den einen herunterreißet, Gefahr lauft, das Ganze über dem Kopfe zusammenstürzen zu sehen.

Das Geheimniß bei der Sache ist, daß John eine große Vorliebe hat, zu beschützen und sich das Ansehn eines Patrons zu geben. Er hält es für unzertrennlich von der Würde einer alten ehrenwerthen Familie, in dem, was sie gibt, freigebig zu sein, und sich von ihren Anhängern aufzehren zu lassen; und so macht er es sich, theils aus Stolz, theils aus Gutmüthigkeit, zu einer Regel, seinen überalterten Dienern immer Unterhalt und Wohnung zu geben.

Die Folge davon ist, daß, wie manche andere ehrwürdige Familienanstalten, seine Wohnung mit alten Untergebenen, die er nicht wegjagen und mit einem alterthümlichen Style, dessen er sich nicht erledigen kann, belastet ist. Seine Wohnung ist wie ein großes Invalidenhospital, und bei aller ihrer Größe nicht um ein Fleckchen zu groß für die Bewohner. Es gibt keinen Winkel, keine Ecke im Hause, welche nicht irgend einer unnützen Person zum Wohnsitze diente. Haufen von alten Trabanten, podagrischen Pensionären und in Ruhestand versetzten Helden der Küche und des Kellers, schlendern um seine Mauern her, kriechen auf seinen Grasplätzen entlang, schlafen unter seinen Bäumen, oder sonnen sich auf den Bänken an seinen Thüren. Jedes Diensthaus und Wirthschaftsgebäude ist mit diesen Ueberzähligen und ihren Familien besetzt; denn sie sind außerordentlich fruchtbar und hinterlassen John, wenn sie sterben, gewiß ein Vermächtniß von hungrigen Mäulern, welche versorgt sein wollen. Man kann mit keiner Hacke gegen den ältesten, verfallensten Thurm schlagen, ohne daß nicht aus irgend einer Spalte oder Schießscharte der graue Kopf irgend eines ausgedienten Untergebenen heraus guckt, der sein ganzes Leben auf John's Kosten verbracht hat, und nun den gräßlichsten Lärm aufschlägt, daß man einem alten Diener der Familie das Dach über dem Kopfe wegbreche. Dieß ist ein Vorwurf gegen den John's ehrliches Herz niemals Probe hält; so daß ein Mensch, der sein Leben hindurch treu sein Rindfleisch und seinen Pudding gegessen hat, sicher sein kann, in seinen alten Tagen mit seiner Pfeife und seinem Bierkrug belohnt zu werden.

Auch ein großer Theil des Parks besteht aus Gehegen, in welchen seine abgelebten Reitpferde frei herumlaufen, um ungestört den übrigen Theil ihres Daseins zu grasen – ein würdiges Beispiel dankbarer Erinnerung, welches nachzuahmen einigen seiner Nachbarn keine Schande bringen würde. In der That, es gehört zu seinem großen Vergnügen, diese alten Rosse denen zu zeigen, die ihn besuchen, bei ihren guten Eigenschaften sich aufzuhalten, ihre früheren Dienste zu erheben, und mit einiger Eitelkeit von den gefährlichen Abenteuern und kühnen Unternehmungen zu reden, bei denen sie ihn getragen haben.

Er treibt jedoch gern seine Verehrung vor alten Familien-Gebräuchen und Familien-Lasten zu einer seltsamen Ausdehnung. Auf seinem Gute hausen Zigeunerbanden; aber er leidet nicht, daß man sie wegtreibt, weil sie seit undenklichen Zeiten sich hier aufgehalten, und unter jedem Geschlechte ihre regelmäßigen Wilddiebstähle getrieben haben. Nur selten läßt er einen trockenen Ast von den Bäumen abhauen, welche das Haus umgeben, da die Raben, welche hier seit Jahrhunderten genistet haben, gestört werden könnten. Den Taubenschlag haben die Eulen in Besitz genommen; aber sie sind angeerbte Eulen und dürfen deßwegen nicht beunruhigt werden. Die Hausschwalben haben, mit ihren Nestern, beinahe alle Schornsteine im Hause angefüllt; Mauerschwalben in alle Friese und Karnieße gebaut; Krähen flattern und krächzen um die Thürme her und sitzen auf jeder Wetterfahne; und in jedem Theile des Hauses kann man alte, grauköpfige Ratten sehen, welche am hellen Tage ungescheut ihre Löcher hinein und herauslaufen. Kurz, John hat eine solche Ehrfurcht vor Allem, was lange in der Familie gewesen ist, daß er selbst nicht einmal von Mißbräuchen welche abzustellen sind, hören will – weil sie gute alte Familien-Mißbräuche sind.

Alle diese Eigenheiten und Gewohnheiten haben natürlich sehr dazu beigetragen, die Börse des alten Herrn leicht zu machen, und da er auf Pünktlichkeit in Geldsachen stolz ist, und seinen Credit in der Nachbarschaft nicht gern verlieren will, so ist er oft in große Verlegenheit gerathen, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen. Die Zwistigkeiten und Verdrüßlichkeiten, welche er fortwährend in seiner Familie hat, haben bedeutend dazu beigetragen, seine Lage noch unangenehmer zu machen. Seine Kinder sind zu verschiedenen Bestimmungen erzogen worden, und haben eine verschiedene Denkweise; und da ihnen immer ihre Meinung frei herauszusagen erlaubt war, so ermangeln sie nicht, sich, bei der gegenwärtigen Lage seiner Angelegenheiten, dieses Vorrechts sehr laut zu bedienen. Einige erhoben sich für die Ehre des Stammes und behaupten, daß die alte Haushaltung in dieser ganzen Ausdehnung erhalten werden müsse, was es auch kosten möge; andere, die klüger und bedächtiger sind, bitten den alten Herrn, seine Ausgaben einzuschränken, und sein ganzes Haushaltungssystem auf einen mäßigern Fuß zu setzen. Zuweilen hat es in der That geschienen, als ob er sich nach der Meinung der Letzteren bequemen wolle; aber ihr heilsamer Rath hat, bei dem unziemlichen Betragen eines seiner Söhne, keinen Eingang finden können. Dieß ist ein lärmender, hitzköpfiger Mensch, von verhältnißmäßig wenig Sitten, der sein Geschäft vernachlässigt, um in die Bierhäuser zu gehen, – der in den politischen Dorfgesellschaften den Redner spielt und unter den ärmsten Unterthanen seines Vaters für ein Orakel gilt. Kaum hört er irgend einen seiner Brüder von Reform oder Einschränkung sprechen, so springt er auf, nimmt ihm das Wort aus dem Munde, und verlangt brüllend eine Umwälzung der Dinge. Ist seine Zunge einmal im Gange, so kann nichts ihr Einhalt thun. Er tobt in der Stube umher; hält dem alten Mann über sein verschwenderisches Wesen eine Strafpredigt; macht seinen Geschmack und seine Gewohnheiten lächerlich; besteht darauf, daß er die alten Diener zum Hause hinausjagen, die abgelebten Pferde den Hunden vorwerfen, den alten Caplan fortschicken, und einen herumziehenden Prediger nehmen – ja das ganze Herrenhaus niederreißen und ein einfaches, aus Mauersteinen und Mörtel gebautes, an dessen Stelle setzen solle. Er schilt über jede gesellschaftliche Vereinigung und jedes Familienfest, und schleicht brummend nach dem Bierhause, sobald eine Equipage zu dem Thor herauf fährt. Obgleich er sich fortwährend darüber beklagt, daß seine Börse leer sei, ermangelt er doch nicht, all sein Geld bei den Zusammenkünften in der Schenke wegzuwerfen, und läßt sehr oft die Zeche für das Getränke anschreiben, bei dem er über seines Vaters Verschwendung predigt.

Man kann sich leicht denken, wie wenig ein solches Betragen sich mit des alten Ritters hitzigem Temperamente verträgt. Er ist durch häufigen Widerspruch so reizbar geworden, daß die bloße Erwähnung von Einschränkung oder Reform das Zeichen zu einem Zanke zwischen ihm und dem Schenken-Orakel abgibt. Da der Letztere zu hartnäckig und widerspenstig ist, sich der väterlichen Zucht zu fügen, und vor dem Prügel keine Furcht mehr hat, so kommt es sehr oft zu Wortkriegen, welche so arg werden, daß John am Ende seinen Sohn Thom zu Hülfe ruft, einen Offizier, der im Auslande gedient hat, aber jetzt auf halbem Solde zu Hause ist. Dieser Letztere steht dem alten Herrn, er mag nun Recht oder Unrecht haben, gewiß bei; er liebt nichts mehr als ein lärmendes und zänkisches Leben; und ist auf einen einzigen Wink bereit, mit dem Säbel herauszufahren, und ihn über dem Haupte des Redners zu schwingen, sobald dieser sich gegen das väterliche Ansehen aufzulehnen wagt.

Diese Familienzwistigkeiten sind, wie gewöhnlich, außer dem Hause bekannt geworden – und geben John's Nachbarschaft seltenen Stoff zu Glossen. Die Leute machen ernsthafte Gesichter und schütteln die Köpfe, sobald von seinen Angelegenheiten die Rede ist. Sie sagen, sie alle hofften, es würde nicht so schlecht mit ihm stehen, als man behaupte; wenn aber die Kinder über des Vaters Verschwendung zu klagen anfingen, müsse es doch nicht so ganz gut stehen. Er solle dem Gerüchte nach bis über die Ohren in Schulden stecken, und beständig mit Wucherern sein Wesen treiben. Er sei ohne Frage ein großmüthiger alter Herr, aber man fürchte, er habe etwas zu schnell gelebt; in der That brächte eine solche Neigung zur Jagd, zu Pferderennen, Schwelgen und Bor[g]en nie etwas Gutes. Kurz, Herrn Bull's Gut sei sehr schön, und die Familie habe es seit alten Zeiten besessen; aber man hätte manche noch schönere Güter gekannt, welche öffentlich ausgeboten worden seien. Das schlimmste von allem ist die Wirkung, welche alle diese Geldangelegenheiten und dieser häusliche Verdruß auf den armen Mann selbst gehabt haben.

Statt seines stattlichen runden Bauches und seines frischen rosigen Gesichts ist er in der letzten Zeit zusammengeschrumpft und welk geworden, wie ein erfrorner Apfel. Seine scharlachne mit Gold besetzte Weste, welche ihm in jenen glücklichen Tagen, wo er mit dem Winde segelte, so straff saß, hängt nun wie ein Segel bei Windstille, lose um ihn. Seine ledernen Beinkleider sind voll Falten und Runzeln und scheinen mit Mühe nur die Stiefeln herauf zu halten, welche auf beiden Seiten um seine einst so derben Beine schlottern.

Statt, wie früher umherzuwandeln, den Hut auf die eine Seite gesetzt; seinen Stock schwingend und alle Augenblicke auf die Steine stoßend; Jedem gerade in das Gesicht sehend und eine Strophe aus einem Canon oder einem Trinkliede herbrummend; schleicht er nun umher, pfeift gedankenvoll vor sich hin, läßt den Kopf hängen, hält den Stock unter dem Arm und steckt die Hände bis auf den Boden seiner Hosentaschen, die augenscheinlich leer sind.

So sieht der ehrliche John Bull gegenwärtig aus; bei all dem ist aber der Geist des alten Herrn noch so stolz und muthig wie jemals. Sobald ihr euch nur den geringsten Ausdruck entschlüpfen laßt, der Mitleid oder Besorgniß verräth, fängt er Feuer, betheuert, daß er der reichste und solideste Mann im Lande sei, spricht von großen Summen, die er anwenden wolle, um sein Haus zu verschönern oder ein anderes Grundstück zu kaufen, und mit einer drohenden Stellung und einer Bewegung mit seinem Prügel scheint er gern noch einmal anbinden zu wollen.

Obgleich in allem diesen vielleicht etwas sehr Sonderbares liegt, so muß ich doch gestehen, daß ich John's Lage nicht ohne ein besonderes Gefühl von Antheil betrachten kann. Bei all seinen seltsamen Launen und seinen eingewurzelten Vorurtheilen, ist er doch ein gerader, tüchtiger alter Degen. Er mag vielleicht nicht ganz der außerordentliche Mensch sein, für den er sich hält, aber er ist wenigstens zweimal besser, als ihn seine Nachbarn machen. Seine Tugenden sind ihm alle eigenthümlich, ganz einfach, vaterländisch und natürlich. Selbst seine Fehler zeugen von der Kräftigkeit seiner guten Eigenschaften. Seine Verschwendung ist ein Beweis seiner Großmuth, seine Zanksucht von seinem Muth, seine Leichtgläubigkeit von seiner Treuherzigkeit, seine Eitelkeit von seinem Stolz, und seine Derbheit von seiner Aufrichtigkeit. Alle sind die Ergebnisse eines kräftigen und freisinnigen Charakters. Er ist wie sein Eichenholz, rauh von Außen, aber gesund und fest von Innen; die Rinde stößt so viel Zweige aus, als die Stärke und Größe des Baumes mit sich bringt; und die Aeste dröhnen und ächzen auf das furchtbarste bei dem leisesten Winde, gerade ihrer Größe und des üppigen Wachsthums willen. Auch liegt etwas in dem Aeußern seines verfallenden alten Hauses, das ungemein poetisch und malerisch ist; und so lang es mit Behaglichkeit bewohnt werden kann, zittere ich beinahe bei dem Gedanken, wenn man bei dem jetzigen Kampfe des Geschmacks und der Meinungen daran rühren sollte. Einige von seinen Rathgebern sind allerdings gute Baumeister, welche ersprießliche Dienste leisten könnten; ich fürchte indessen, daß mehrere davon bloße Gleichmacher sind, die, wenn sie erst mit ihren Hacken an dieß ehrwürdige Gebäude kommen, nicht eher ruhen werden, als bis sie es niedergerissen, und sich vielleicht selbst unter den Trümmern begraben haben. Alles was ich wünsche, ist, daß John's gegenwärtige Lage ihn für die Zukunft mehr Klugheit lehren möge. Er muß aufhören, sich um anderer Leute Angelegenheiten zu bekümmern; er muß von dem fruchtlosen Bemühen abstehen, die Wohlfahrt seiner Nachbarn und den Frieden und das Glück der Welt mit dem Prügel befördern zu wollen; er muß ruhig zu Hause bleiben; sein Haus allmählig ausbessern; sein fruchtbares Gut nach seiner Laune bebauen; mit seinem Einkommen haushalten – wenn er das für geeignet hält; seine ungehorsamen Kinder in Ordnung halten – wenn er kann; die fröhlichen Scenen des alten Glückes erneuern, und sich auf seinem vaterländischen Boden noch lange eines frischen, ehrenvollen und heitern Alters erfreuen.

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