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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 26
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Stratford am Avon.

Sanftströmender Avon, an deiner Silberwellen Saum
Umschwebt den lieblichen Shakspeare manch himmlischer Traum;
Beim Mondlicht umtanzen Feen sein Lager, grün belaubt,
Denn heilig ist der Rasen, wo ruhte sein Haupt.
Garrick.

Für einen heimathlosen Menschen, der keinen Fleck auf dieser weiten Erde hat, welchen er wahrhaft sein nennen könnte, gibt es ein augenblickliches Gefühl von etwas, das der Unabhängigkeit und grundherrlichen Bedeutsamkeit gleicht, wenn er, nach einer mühseligen Tagesreise, seine Stiefeln von sich schleudert, die Füße in die Pantoffeln steckt, und nun vor dem Kamine eines Gasthauses Platz nimmt. Laßt die Welt draußen gehen wie sie will, laßt Königreiche entstehen oder untergehen: so lange er das Nöthige hat, um seine Rechnung zu bezahlen, ist er, für den Augenblick, der wahre Alleinherrscher alles dessen, was er um sich sieht. Der Armsessel ist sein Thron, das Schüreisen sein Scepter, und das kleine Zimmer, von etwa zwölf Fuß ins Gevierte, sein unbestrittenes Reich. Es ist ein Stück Zuverlässigkeit, aus der Mitte der Unzuverlässigkeiten des Lebens herausgerissen; es ist ein sonniger Blick, welcher an einem bewölkten Tage freundlich hervorleuchtet; und wer eine ziemliche Strecke auf dem Pilgerpfade des Lebens vorgeschritten, weiß, wie wichtig es ist, selbst mit Bruchstücken und Augenblicken des Genusses hauszuhalten. »Soll ich in meinem Gasthofe nicht thun, was mir beliebt?« dachte ich, als ich das Feuer aufschürte, mich in meinen Armsessel zurücklehnte, und einen wohlgefälligen Blick in dem kleinen Zimmer im rothen Rosse zu Stratford am Avon umher warf.

Jene Worte unsers lieben Shakspeare kamen mir gerade in den Sinn, als die Glocke vom Thurm der Kirche, worin er begraben liegt, zwölf schlug. Es ward leise an meine Thüre geklopft, und ein hübsches Hausmädchen, die ihr lächelndes Gesicht herein steckte, fragte zögernd, ob ich geklingelt hätte. Ich verstand dieß als einen bescheidenen Wink, daß es Zeit sei, schlafen zu gehen. Mein Traum von absoluter Herrschaft war zu Ende, und wie ein kluger Machthaber, der seinem Throne entsagt, um nicht abgesetzt zu werden, nahm ich den Wegweiser durch Stratford unter den Arm, um mich seiner als Kopfkissen-Gesellschafter zu bedienen, ging zu Bett und träumte die ganze Nacht von Shakspeare, dem Jubiläum und David Garrick.

Der nächste Morgen war einer von jenen belebenden, welche wir zuweilen in der ersten Zeit des Frühlings haben, denn es war um die Mitte des März. Die Kälte eines langen Winters war plötzlich gewichen; der Nordwind hatte seinen letzten Hauch von sich gegeben; und ein mildes Lüftchen stahl sich aus Westen, hauchte der Natur neuen Lebensathem ein, und lockte jede Knospe und Blüthe zu Duft und Schönheit hervor.

Ich war zu einer poetischen Wallfahrt nach Stratford gekommen. Mein erster Besuch galt dem Hause, wo Shakspeare geboren, und wo er, der Sage nach, zu seines Vaters Gewerbe, dem Wollekämmen, erzogen wurde. Es ist ein kleines, unansehnliches Haus von Holz und Kalk, ein wahres Nest für den Genius, der seine Freude daran zu haben scheint, seine Abkömmlinge in Seiten-Winkeln auszubrüten. Die Mauern seiner schmutzigen Zimmer sind mit Namen und Inschriften in jeder Sprache, von Pilgrimen aller Nationen, Stände und Verhältnisse, vom Fürsten bis zum Bauern herab, bedeckt, und geben ein einfaches, aber auffallendes Beispiel von der freiwilligen, allgemeinen Huldigung der Menschheit gegen den großen Dichter der Natur.

Das Haus wird von einer geschwätzigen alten Frau, mit einem frostigen rothen Gesicht, woraus ein kaltes, blaues, gieriges Auge glänzt, und das Locken von Flachshaar umgeben, welche sich unter einer ungemein schmutzigen Nachtmütze hervorkräuseln, gezeigt. Sie war besonders geschäftig, uns die Reliquien vorzuweisen, deren dieß Haus, wie alle berühmten Schreine, eine Menge besitzt. Da war der zersplitterte Schaft derselben Flinte zu sehen, womit Shakspeare, bei seinen Wilddiebereien, den Hirsch schoß. Da war auch seine Tabaksdose, welche beweist, daß er wie Sir Walter Raleigh rauchte; eben so der Degen, womit er den Hamlet spielte; und dieselbe Laterne, womit der Bruder Lorenz Romeo und Julie am Grabe fand. So war auch reicher Vorrath von Shakspeare's Maulbeerbaum vorhanden, der eine eben so außerordentliche Kraft der Vervielfältigung zu besitzen scheint, wie das Holz vom wahren Kreuze, von dem so viel vorhanden ist, daß man ein Linienschiff daraus bauen könnte.

Der Lieblingsgegenstand der Neugierde ist indessen Shakspeare's Stuhl. Er steht in der Kamin-Ecke eines kleinen düstern Stübchens, dicht hinter dem, welches seines Vaters Laden war. Hier mag er manches Mal gesessen haben, wenn er als Knabe den sich langsam umdrehenden Bratspieß mit all der Sehnsucht eines Buben betrachtete; oder wenn er am Abend den Gevatterinnen und Klatschschwestern in Stratford zuhörte, die Kirchhofsgeschichten und Sagen von den unruhigen Zeiten in England berichteten. Es ist Gewohnheit, daß jeder, der das Haus besucht, sich in diesen Stuhl setzt; ob man dieß vielleicht in der Hoffnung thut, dadurch etwas von der Begeisterung des Barden in sich zu saugen, weiß ich nicht, ich erwähne nur die Thatsache; und meine Wirthin versicherte mich ins geheim, der glühende Eifer der Gläubigen wäre so groß, daß der Stuhl, obgleich von festem Eichenholze gebaut, doch wenigstens alle drei Jahre einen neuen Sitz bekommen müsse. Es lohnt der Mühe, bei der Geschichte dieses außerordentlichen Stuhles auch zu bemerken, daß er etwas von der flüchtigen Natur des heiligen Hauses von Loretto oder dem fliegenden Sessel des arabischen Zauberers an sich hat; denn ob er gleich erst vor einigen Jahren an eine nordische Fürstin verkauft wurde, so hat er doch, wunderbarer Weise, seinen Weg wieder in die alte Kamin-Ecke zurück gefunden.

Ich bin bei allen solchen Dingen immer sehr leichtgläubig, und lasse mich leicht betrügen, wo der Betrug angenehm ist und nichts kostet. Deßwegen glaube ich leicht an Reliquien, Legenden und örtliche Anecdoten von Gespenstern und großen Männern, und würde Allen, die zu ihrem Vergnügen reisen, rathen, denselben Glauben anzunehmen. Was geht es uns an, ob diese Geschichten wahr oder falsch sind, so lange wir uns überreden können, daran zu glauben, und des ganzen Zaubers der Wirklichkeit genießen? Es gleicht nichts einer entschiedenen, gutmüthigen Gläubigkeit in diesen Dingen; und ich ging bei dieser Gelegenheit sogar so weit, daß ich den Ansprüchen der Wirthin auf eine gerade Abstammung von dem Dichter willigen Glauben beimaß, bis sie, unglücklicherweise für meinen Glauben, mir ein Schauspiel, das sie selbst verfertigt, übergab, welches allen Glauben an ihre angesprochene Verwandtschaft bei mir in Zweifel setzte.

Von Shakspeare's Geburtshause brachten mich einige wenige Schritte zu seinem Grabe. Er liegt im Chore der Pfarrkirche, eines großen und ehrwürdigen Gebäudes, begraben, das vor Alter vermodert, aber reich verziert ist. Es steht an den Ufern des Avon, auf einem schattigen Punkte, und wird durch angrenzende Gärten von den Vorstädten des Ortes geschieden.

Seine Lage ist ruhig und einsam, der Fluß fließt murmelnd am Fuße des Kirchhofs dahin, und die Ulmen, welche an seinen Ufern wachsen, tauchen ihre Zweige in seinen klaren Busen. Eine Allee von Linden, deren Zweige eigenthümlich in einander verstrickt sind, so daß sie im Sommer einen Bogengang von Laubwerk bilden, führt von dem Thore des Kirchhofes bis zur Kirchthüre herauf. Die Gräber sind mit Gras überwachsen; die grauen Grabsteine, von denen einige fast ganz in die Erde gesunken waren, sind halb mit Moos bedeckt, welches gleichermaßen das ehrwürdige alte Gebäude überzogen hat. Kleine Vögel haben ihre Nester zwischen den Kranzleisten und Ritzen der Mauer gebaut und flattern und zirpen beständig umher; und Raben segeln und krächzen um seinen hohen grauen Kirchthurm.

Im Verfolge meiner Spaziergänge traf ich mit dem grauköpfigen Küster zusammen, und begleitete ihn in seine Wohnung wo er die Kirchenschlüssel holen wollte. Er hatte in Stratford als Knabe und als Mann achtzig Jahre gelebt, und schien sich noch immer für einen kräftigen Mann zu halten, mit der kleinen Ausnahme, daß er nun seit einigen wenigen Jahren beinahe des Gebrauchs seiner Beine beraubt war. Seine Wohnung war ein kleines Haus, welches die Aussicht auf den Avon und die ihn begrenzenden Wiesen hatte; es war ein Bild der Nettigkeit, Ordnung und Behaglichkeit, welche in den gemeinsten Wohnungen in diesem Lande herrschen. Ein niedriges, weißgetünchtes Zimmer mit einem steinernen, wohlgescheuerten Fußboden diente zugleich als Wohnzimmer, Küche und Saal. Reihen von zinnernen und irdenen Tellern glänzten den Küchenschrank entlang. Auf einem alten, eichenen, wohlabgeriebenen und polirten Tische lag die Familienbibel und das Gebetbuch, und der Schubkasten enthielt die Familienbibliothek, welche aus etwa zehn, die Spuren der Finger tragenden Bänden bestand. Eine alte Uhr, dieser bedeutende Theil des Ameublements einer ländlichen Wohnung, tickte an der entgegengesetzten Seite des Zimmers; eine glänzende Wärmpfanne hing auf der einen Seite derselben, und des alten Mannes Sonntagsrohr mit hörnernem Griff, auf der andern. Der Kamin war, wie gewöhnlich, breit und tief genug, uns zwischen seine Pfeiler aufzunehmen. In einer Ecke saß des alten Mannes Enkelin, ein hübsches, blauäugiges Mädchen, und nähte, und in der entgegengesetzten war ein verjährter Spießgesell, den der Küster als John Ange anredete, und der, wie ich fand, von Kindheit an sein Gesellschafter gewesen war. Sie hatten in ihrer Kindheit mit einander gespielt; sie hatten in ihrem männlichen Alter zusammen gearbeitet; und sie wankten nun mit einander umher und schwatzten den Abend des Lebens weg, und in kurzer Zeit werden sie wahrscheinlich neben einander auf dem benachbarten Kirchhofe beerdigt werden. Es geschieht nicht oft, daß wir zwei Lebensströme so gleichförmig und ruhig neben einander dahinfließen sehen, man kann sie nur in so ruhigen Schoßgegenden des Lebens finden.

Ich hatte gehofft, von diesen alten Chroniken einige Ueberlieferungsanecdoten über den Barden einzusammeln, allein sie hatten mir nichts Neues mitzutheilen. Der lange Zwischenraum, während dessen Shakspeare's Schriften verhältnißmäßig vernachlässigt worden sind, hat seine Schatten über des Dichters Geschichte verbreitet; und sein gutes oder böses Geschick wollte, daß seinen Lebensbeschreibern kaum eine kleine Handvoll Vermuthungen übrig geblieben ist.

Der Küster und sein Gehülfe waren als Zimmerleute bei den Zurüstungen zu dem berühmten Jubiläum in Stratford angestellt gewesen, und erinnerten sich noch Garrick's, des ersten Anstifters des Festes, der auch die Anstalten dazu leitete. Nach Aussage des Küsters, war er ein kurzer, dicker, sehr lebendiger und geschäftiger Mann. John Ange hatte auch bei dem Umhauen von Shakspeare's Maulbeerbaum geholfen, wovon er ein Stück zum Verkauf in der Tasche hatte, ohne Zweifel ein herrliches Belebungsmittel literarischer Gedanken.

Es ging mir sehr nahe, diese beiden würdigen Bursche sehr zweifelhaft über die beredte Frau, welche das Haus Shakspeare's zeigt, reden zu hören. John Ange schüttelte den Kopf, als ich ihrer werthvollen unerschöpflichen Sammlung von Reliquien, und namentlich ihrer Ueberbleibsel des Maulbeerbaumes erwähnte; und der alte Küster drückte sogar einen Zweifel aus, ob Shakspeare in ihrem Hause geboren sei. Ich entdeckte bald, daß er auf ihr Haus mit einem scheelen Auge sah, als wetteifre es mit dem Grabe des Dichters, da das letztere verhältnißmäßig nur von Wenigen besucht werde. So weichen Geschichtschreiber gleich Anfangs von einander ab, und die bloßen Kiesel machen, daß schon an der Quelle der Strom der Wahrheit in verschiedenen Betten ausströmt.

Wir näherten uns durch den Lindengang der Kirche, und traten durch ein gothisches, reich verziertes, und mit Thüren von massivem Eichenholze versehenes Portal ein. Das Innere ist geräumig, und Bauart und Verzierungen besser, als die der meisten Kirchen auf dem Lande. Es sind da mehrere alte Denkmale von Adeligen und Leuten von Stande, einige mit Wappenschildern und Fahnen darüber, welche zerfetzt von den Wänden herab hingen. Shakspeare's Grab befindet sich im Chore. Die Stelle ist feierlich und grabmäßig. Hohe Ulmen schwanken vor den spitzigen Fenstern, und der Avon, welcher in einer kleinen Entfernung von den Mauern dahinfließt, bewegt sich mit einem beständigen dumpfen Gemurmel. Ein einfacher Grabstein bezeichnet den Ort, wo der Barde begraben ist. Es stehen vier Zeilen darauf, die er selbst verfaßt haben soll, und die etwas ungemein Erschütterndes in sich haben. Wenn sie wirklich von ihm selbst sind, so zeigen sie jene Angelegenheit um die Ruhe im Grabe, welche allein feinfühlenden und denkenden Gemüthern eigen zu sein scheint.

Um Jesu Willen, Freund, o wehre,
Daß jemand diesen Staub entehre;
Gesegnet sei, wer schont die Steine,
Verflucht, wer anrührt mein' Gebeine.

Gerade über dem Grabe, in einer Nische der Mauer, ist Shakspeare's Büste, welche kurz nach seinem Tode aufgestellt worden ist, und für sein Ebenbild gehalten wird. Das Gesicht ist angenehm und heiter, und die Stirn schön gewölbt, und ich dachte, ich könnte auf demselben sehr deutlich die Andeutungen jener fröhlichen, geselligen Gemüthsart lesen, wodurch er sich unter seinen Zeitgenossen eben so sehr auszeichnete, als durch die Ausdehnung seines Genies. Die Inschrift gedenkt seines Alters zur Zeit seines Todes – drei und fünfzig Jahre; ein zu früh für die Welt erfolgtes Dahinscheiden; denn welche Früchte hätten nicht von dem goldenen Herbste eines solchen Gemüths erwartet werden können, geschirmt, wie es war, gegen den stürmischen Wechsel des Lebens, und blühend im Sonnenschein der Gunst des Volks und der Könige.

Die Inschrift auf dem Grabsteine war nicht ohne die beabsichtigte Wirkung. Sie hat es verhindert, daß seine Ueberbleibsel, wie man einst beabsichtigte, aus dem Schoße seines Geburtsortes nach der Westminster-Abtei gebracht wurden. Vor einigen Jahren stürzte auch, als einige Arbeitsleute neben dem Grabe den Grund ausgruben, wo ein Gewölbe gebaut werden sollte, die Erde nach, so daß ein leerer, bogenähnlicher Raum entstand, durch welchen man wohl zu dem Grabe hätte gelangen können. Niemand wagte es indessen, sich mit seinen Gebeinen, welche durch einen Fluch so furchtbar bewahrt waren, etwas zu schaffen zu machen; und damit nicht etwa ein Müßiggänger oder Neugieriger, oder irgend ein Reliquiensammler Versuchung fühlen möchte, einen Raub zu begehen, stand der alte Küster zwei Tage lang Wache bei dem Ort, bis das Gewölbe beendigt und die Oeffnung wieder geschlossen war. Er erzählte mir, daß er es gewagt habe, in das Loch hineinzublicken, aber weder Sarg noch Gebeine habe sehen können; Nichts als Staub. Es war Etwas, dachte ich, Shakspeare's Staub gesehen zu haben.

Zunächst seinem Grabe sind die seiner Gattin, seiner Lieblingstochter Mrs. Hall, und anderer Glieder seiner Familie. Aus einem Grabe dicht dabei ist auch ein lebensgroßes Bild seines alten Freundes John Combe, wucherischen Andenkens, auf welchen er eine komische Grabschrift verfertigt haben soll. Es sind noch andere Denkmale umher, allein es widerstrebt dem Gemüthe, bei etwas zu verweilen, das nicht mit Shakspeare in Verbindung steht. Sein Bild beherrscht den Ort; das ganze Gebäude scheint sein Grabmal zu sein. Das Gefühl ergießt sich, nicht länger von Zweifeln befangen und gequält, hier in vollkommenem Vertrauen; andere Spuren von ihm mögen falsch oder zweifelhaft sein, hier ist aber augenscheinlicher Beweis und unumstößliche Gewißheit. Als ich den hallenden Fußboden beschritt, war etwas gewaltiges und durchbebendes in dem Gedanken, daß hier wirklich die Ueberbleibsel Shakspeare's unter meinen Füßen moderten. Es dauerte lange, ehe ich es über mich gewinnen konnte, den Ort zu verlassen; und als ich über den Kirchhof ging, brach ich einen Zweig von einem der Eibenbäume ab, die einzige Reliquie, welche ich von Stratford mitgebracht habe.

Ich hatte nun die gewöhnlichen Gegenstände der Andacht eines Pilgers besucht, wünschte aber den alten Familiensitz der Lucy in Charlecot zu sehen und den Park zu durchstreifen, wo Shakspeare, gemeinschaftlich mit einigen von den lustigen Gesellen in Stratford, das Jugendvergehen der Wilddieberei begangen hatte. Bei diesem tollen Unternehmen ward er, wie man uns erzählt, ergriffen und nach dem Hause des Wildhüters gebracht, wo er die ganze Nacht in trauriger Gefangenschaft blieb. Als er vor Sir Thomas Lucy gebracht wurde, muß seine Behandlung empörend und demüthigend gewesen sein, denn sie machte einen so tiefen Eindruck auf seinen Geist, daß er dadurch zu einem rohen Pasquill veranlaßt wurde, welches an das Parkthor von Charlecot angeschlagen ward.Die einzige Strophe, welche von diesem Pasquill übrig ist, lautet so:

Ein Parlamentsglied, ein Friedensrichter,
Zu Hause eine Vogelscheuch', in London ein Esel,
Wenn lausig ist Lucy, wie Manche es sprechen,
So ist Lucy lausig, mag's beugen, mag's brechen,
    Groß glaubt er zu sein;
    Doch ein Esel gar fein,
Darf er, seinen Ohren nach, bei Eseln nur sein.
Wenn Lucy ist lausig, wie Manche es sprechen,
Singt den lausigen Lucy, mag's beugen, mag's brechen.

Dieser frevelhafte Angriff auf die Würde des Ritters entflammte ihn so, daß er sich an einen Rechtsgelehrten in Warwick wandte, um die Strenge der Gesetze gegen den reimenden Wilddieb in Anwendung zu bringen. Shakspeare blieb nicht, um der vereinten Macht eines Ritters der Grafschaft und eines Landadvocaten Trotz zu bieten. Er verließ sofort die lieblichen Ufer des Avon und sein väterliches Gewerbe; wanderte hinweg nach London, hängte sich hier an die Theater, ward dann Schauspieler, und schrieb endlich für die Bühne; und durch die Verfolgungen des Sir Thomas Lucy verlor Stratford einen unbedeutenden Wollkämmer, und die Welt gewann einen unsterblichen Dichter. Lange Zeit konnte er indeß die rauhe Behandlung des Erbherrn von Charlecot nicht vergessen, und rächte sich dafür in seinen Schriften; jedoch auf die scherzhafte Weise eines gutartigen Gemüthes. Sir Thomas soll nämlich das Urbild zum Richter Shallow sein, und die Satyre ist schalkhaft durch das Wappen des Richters angedeutet, welches, wie das des Ritters, weiße Hechte führt.Der Hecht ist in großer Menge im Avon bei Charlecot zu finden. – Anm. des Verf.

Mannigfaltige Versuche sind von seinen Biographen gemacht worden, dieses frühe Vergehen des Dichters zu beschönigen und weg zu erklären; ich betrachte es indessen als eine jener gedankenlosen Handlungen, welche in seiner Lage und bei seiner Gemüthsart so natürlich waren. Shakspeare hatte, als er jung war, ohne Zweifel ganz das Wilde und Unregelmäßige eines feurigen, ungezügelten, sich selbst überlassenen Genie's. Die poetische Natur hat an und für sich etwas vom Landstreicherischen an sich. Wenn sie sich selbst überlassen bleibt, läuft sie frei und wild umher, und findet an Allem, was ausschweifend und zügellos ist, Vergnügen. Oft hängt es bei dem Hazardspiele von dem Auswerfen der Würfel ab, ob ein natürliches Genie ein großer Schurke, oder ob es ein großer Dichter werden soll; und hätte Shakspeare's Gemüth nicht glücklicherweise eine literarische Richtung genommen, so möchte er eben so keck alle bürgerlichen Gesetze mit Füßen getreten haben, wie er dieß mit den dramatischen gethan hat.

Ich hege kaum einen Zweifel, daß er während seines früheren Lebens, wo er wie ein ungezähmtes Füllen in der Gegend von Stratford umherstürmte, in der Gesellschaft aller Arten von seltsamen, ungewöhnlichen Charakteren zu finden war; daß er sich mit allen Tollköpfen des Orts verband, und einer von den heillosen Buben war, bei deren Erwähnung die alten Leute die Köpfe schütteln, und es voraussagen, daß sie einmal an den Galgen kommen werden. Ihm erschien die Wilddieberei in Sir Thomas Lucy's Park ohne Zweifel wie einem schottischen Ritter ein Streifzug, und reizte seinen Eifer und seine noch ungezähmte Einbildungskraft, als etwas ergötzlich Abenteuerliches.Ein Beispiel von Shakspeare's wüster Lebensart und Gesellschaft in seinen jungen Tagen, findet sich in einer von Mund zu Mund fortgepflanzten Anecdote, welche der ältere Ireland in Stratford hörte, und die er in seinen »malerischen Ansichten am Avon« erwähnt.

Ungefähr sieben Meilen von Stratford liegt der durstige kleine Marktflecken Bedford, seines Ale wegen berühmt. Zwei Gesellschaften der Dorfmiliz, welche den Namen der Zecher von Bedford führten, pflegten hier zusammen zu kommen, und die Liebhaber von gutem Ale aus den benachbarten Dörfern zu einem Wettstreit im Trinken herauszufordern. Unter andern wurden auch die Bewohner von Stratford entboten, von der Stärke ihrer Köpfe einen Beweis abzugeben; und unter der Zahl der Kämpen war Shakspeare, der dem Sprichwort zum Trotze, daß: »wer sich Bier schenkt, auch wie Bier denkt,« seinem Ale so treu war, wie Falstaff seinem Sekt. Die Ritterschaft von Stratford wankte indessen schon bei dem ersten Anlauf, und blies zum Rückzuge, da sie noch ihrer Beine mächtig war, um sie vom Kampfplatz zu tragen. Kaum waren sie indeß eine Meile marschirt, als ihre Beine ihnen den Dienst versagten, und sie gezwungen waren, sich unter einem wilden Aepfelbaume niederzulegen. wo sie die Nacht zubrachten. Er steht noch, und ist unter dem Namen Shakspeare's Baum bekannt.

Am Morgen weckten die Gefährten des Dichters ihn auf, und schlugen ihm vor, nach Bedford zurückzukehren; er lehnte es aber ab, sagend, er habe genug, da er getrunken hätte mit

Pfeifend Pebworth, tanzend Marston,
Spukend Hillbro', hungrig Grafton,
Finster Exhall, päbstisch Wicksford,
Aermlich Broom und trunken Bedford.

Das alte Herrenhaus von Charlecot und der Park umher sind noch im Besitz der Familie Lucy, und vorzüglich anziehend, weil sie mit diesem sonderbaren, aber erfolgreichen Umstande in der wenig bekannten Geschichte des Barden im Zusammenhang stehen. Da das Haus wenig mehr denn drei Meilen von Stratford entfernt war, beschloß ich, einen Spaziergang dahin zu machen, um mit Muße einige von den Gegenden zu durchstreifen, aus welchen Shakspeare seine frühesten Gedanken über die Darstellung ländlicher Bilder geschöpft haben muß.

Die Gegend war noch nackt und blätterlos; aber die englischen Landschaften sind immer grün, und die plötzliche Veränderung der Temperatur hatte eine überraschend belebende Wirkung auf die Landschaft gehabt. Es war begeisternd und aufregend, dieses erste Erwachen des Frühlings zu beobachten; seinen warmen Hauch zu fühlen, wie er sanft die Sinne überschlich; zu sehen, wie die feuchte, lockere Erde anfing, den grünen Sproß und den zarten Halm hervorkeimen zu lassen, und wie die Bäume und Sträucher, in ihren Lebenstinten und mit ihren schwellenden Knospen die Rückkehr der Blätter und Blumen verkündeten. Das kalte Schneeglöckchen, dieser kleine Grenznachbar an dem Saume des Winters, war mit seinen keuschen weißen Blumen in den kleinen Gärten vor den Bauerhäusern zu sehen. Von den Feldern her hörte man schwach das Blöken der neugefallenen Lämmer. Der Sperling zwitscherte um die Strohdächer und die knospenden Hecken; das Rothkehlchen mischte eine lebendigere Weise in seinen früheren klagenden Wintergesang; und die Lerche, sich aus dem dampfenden Schooße der Wiese erhebend, schwang sich hinauf in die glänzende, flockige Wolke, Ströme von Wohllaut ergießend. Als ich die kleine Sängerin betrachtete, wie sie höher und höher stieg, bis ihr Körper ein bloßer Fleck auf dem weißen Busen der Wolke erschien, während ihr Gesang noch immer das Ohr füllte, da fiel mir Shakspeare's herrliches kleines Lied aus Cymbeline ein:

Horch! Horch. Die Lerch' am Himmelsthor singt hell
    Und Phöbus steigt empor,
Seine Rosse zu tränken an diesem Quell
    An dem Kelch der Blumenflor.

Das holde Ringelblümchen nickt,
    Sein goldnes Aug' schlägt's auf;
Mit allem, was so schön sich schmückt,
    Mein süßes Lieb, wach auf!

In der That, die ganze Gegend umher ist dichterischer Boden, in Alles mischt sich der Gedanke an Shakspeare. Jede alte Bauerhütte, die ich sah, schien mir ein Aufenthaltsort seiner Knabenzeit zu sein, wo er seine genaue Kenntniß des Landlebens und der ländlichen Sitten erlangt, und jene Mährchen und die abergläubischen Träume gehört hatte, die er wie Zauberei in seine Schauspiele verwebt hat. Denn in seinen Tagen war es, wie man sagt, ein gewöhnlicher Zeitvertreib an Winterabenden, »um das Feuer her zu sitzen und sich lustige Geschichten von irrenden Rittern, Königen, Liebhabern, Herrn und Damen, Riesen, Zwergen, Dieben, Zauberern, Hexen, Feen, Kobolden und Mönchen zu erzählen.«Scott zählt in seiner »Entdeckung der Hexerei« ein Heer von diesen Kamindichtungen auf.

Mein Weg führte eine Zeit lang Angesichts des Avon dahin, der eine Menge der abenteuerlichsten Krümmungen und Windungen durch ein breites und fruchtbares Thal macht; zuweilen zwischen den Weiden, welche seine Ufer begrenzten, hindurchschimmerte, zuweilen unter Bäumen oder hinter grünen Ufern verschwand; und zuweilen vollkommen sichtbar dahinfloß und einen blauen Streif um einen Abhang von Wiesenland zog. Dieser schöne Landbusen wird das Thal des rothen Rosses genannt. Eine entfernte Kette welliger blauer Hügel scheint die Grenze derselben zu sein, während die ganze dazwischenliegende liebliche Landschaft gleichsam in den silbernen Banden des Avon gefangen zu liegen scheint.

Nachdem ich die Straße ungefähr drei Meilen lang verfolgt hatte, schlug ich einen Fußpfad ein, welcher die Grenzen der Felder entlang und an Hecken vorbei nach einem Seitenthore des Parks führte; es war indessen für den Fußgänger ein Pfad da, indem ein öffentlicher Weg durch die Besitzung ging. Ich freue mich immer dieser gastfreien Grundstücke, an welchen Jedermann eine Art von Antheil hat – wenigstens so weit es den Fußpfad betrifft. Es versöhnt gewissermaßen einen armen Mann mit seinem Schicksale, und, was mehr ist, mit dem bessern Loose seines Nächsten, daß er Parks und Gärten zu seiner Erholung offen sieht. Er athmet die reinen Lüfte eben so frei ein, und ruht eben so wohlgemuth im Schatten, als der Herr des Bodens; und wenn er auch nicht das Vorrecht hat, Alles, was er sieht, sein eigen zu nennen, so braucht er auch nicht dafür zu bezahlen und es in Ordnung zu halten.

Ich fand mich nun zwischen prachtvollen Eichen- und Ulmen-Alleen, deren gewaltiger Umfang von dem Alter von Jahrhunderten zeugte. Der Wind klang feierlich in ihren Zweigen und die Raben krächzten aus ihren ererbten Horsten in den Baumwipfeln. Das Auge verlor sich in eine weite Ferne, wo nichts die Aussicht unterbrach als eine tief im Hintergrunde stehende Bildsäule und ein umherstreifender Damhirsch, der wie ein Schatten an der Oeffnung vorüberstrich.

Es liegt in diesen stattlichen alten Baumgängen etwas, das fast wie die gothische Baukunst wird, nicht allein der angeblichen Aehnlichkeit des Aeußern wegen, sondern weil sie von einer langen Dauer, so wie davon zeugen, daß sie in einer Zeit entstanden sind, mit welcher wir Begriffe von romantischer Größe verbinden. Sie bekräftigen auch die lange bestehende Würde und stolz erhaltene Unabhängigkeit einer alten Familie; und ich habe einen sehr würdigen, aber aristokratisch gesinnten Freund, wenn er von den prachtvollen Palästen der neueren Vornehmen sprach, die Bemerkung machen hören, daß »das Geld viel über Stein und Mörtel vermöge, aber, Gott sei Dank, eine Eichenallee lasse sich nicht so schnell aufführen.«

Wegen der Wanderungen, welche Shakspeare in seinem früheren Leben in dieser reich ausgestatteten Gegend und in der romantischen Einsamkeit des anstoßenden Parks von Fullbrooke, welcher damals zu dem Gute Lucy's gehörte, vorgenommen, glaubten einige seiner Erklärer, er habe die erhabenen Waldbetrachtungen des Jacques und die bezaubernden Forstgemälde in »Wie es euch gefällt« da geschöpft. Auf einsamen Wanderungen durch solche Gegenden trinkt das Gemüth stille, aber tiefe Züge der Begeisterung und wird für die Schönheit und Majestät der Natur wahrhaft empfänglich. Die Einbildungskraft verliert sich in Träumereien und Entzückungen; unbestimmte, aber schöne Bilder und Gedanken drängen sich herzu, und wir schwelgen in einer stummen und fast unmittheilbaren Ueppigkeit der Gedanken. In einer solchen Stimmung, und vielleicht unter einem dieser Bäume vor mir, welche ihre breiten Schatten über die begraseten Ufer und bewegten Gewässer des Avon warfen, ergoß sich wahrscheinlich des Dichters Phantasie in das kleine Lied, aus welchem die ganze Seele eines ländlich seligen Menschen spricht.

    Unter des Laubdach's Hut
    Wer gerne mit mir ruht,
    Und stimmt der Kehle Klang
    Zu lust'ger Vögel Sang,
Komm geschwinde! geschwinde! geschwinde!
        Kein andrer Feind
        Ihm hier erscheint
    Als Wetter, Regen und Winde.

Das Haus lag jetzt vor meinen Blicken. Es ist ein großes Gebäude von Mauersteinen, mit Ecken von Quadern und in dem gothischen Style aus den Zeiten der Königin Elisabeth erbaut, in deren erstem Regierungsjahre es aufgeführt wurde. Das Aeußere ist beinahe ganz in seinem ursprünglichen Zustande geblieben, und kann als ein anschauliches Muster von dem Aufenthaltsorte eines reichen Landedelmannes jener Tage gelten. Ein großes Thor führt von dem Park nach einer Art Vorhof vor dem Hause, mit einem Rasenplatz, Sträuchern und Blumenbeeten verziert. Das Thor ist eine Nachahmung der alten Brückenköpfe, einer Art Außenwerk, und mit Thürmen zur Seite, obgleich augenscheinlich zur bloßen Verzierung, statt zur Vertheidigung. Die Vorderseite des Hauses ist ganz im alten Style; die Fenster mit steinernen Kreuzen, ein großes Erkerfenster von schwerem Quaderwerkstein und ein Portal mit dem Wappenschilde darüber, in Stein ausgehauen. An jeder Ecke des Gebäudes ist ein achteckter Thurm mit einem vergoldeten Knopfe und einem Wetterhahn auf dem Dache.

Der Avon, welcher sich durch den Park windet, macht gerade an dem Fuße eines sanften Abhanges. welcher sich an der hintern Seite des Hauses hinabzieht, eine Krümmung. Große Herden von Damhirschen weideten oder ruheten an seinen Ufern; und Schwäne segelten majestätisch auf seinem Busen. Wie ich das ehrwürdige alte Haus betrachtete, rief ich mir Falstaff's Lobrede auf des Richters Shallow Wohnsitz in das Gedächtniß zurück, und die angenommene Gleichgültigkeit und wahre Eitelkeit des letztern:

»Falstaff. Ihr habt hier eine artige, reiche Besitzung.

»Shallow. Dürr, dürr, dürr; alles Bettelei, alles Bettelei, Sir John; – nun ja, gute Luft.«

Wie groß auch die Fröhlichkeit in dem alten Hause zu Shakspeare's Zeiten gewesen sein mag, so sah es jetzt sehr still und einsam aus. Das große eiserne Thor, welches sich nach dem Hofe öffnete, war verschlossen; man sah keine Bedienten, welche geschäftig auf dem Platze umherliefen; die Hirsche sahen mich ruhig an, als ich vorüberging, da sie nicht mehr von den Buschkleppern in Stratford beunruhigt werden. Das einzige Zeichen von häuslichem Leben, das ich fand, war eine weiße Katze, die mit scheuem Blicke und verstohlenen Tritten sich nach dem Stalle schlich, als sei sie auf irgend einer verbotenen Unternehmung. Ich muß jedoch nicht zu erwähnen vergessen, daß ich das Gerippe einer diebischen Krähe an der Mauer der Scheune hangen sah, da dieß beweist, daß der gutsherrliche Abscheu gegen alle Wilddiebe bei den Lucy's stets erblich ist, und daß sie ihre grundherrlichen Rechte mit eben der Strenge aufrecht erhalten, welche sich in dem Falle des Barden so nachdrücklich offenbarte.

Nachdem ich eine Zeit lang umhergewandert war, fand ich endlich einen Weg zu einer Seitenthüre, welche der Alltagseingang in das Haus war. Ich wurde artig von einer würdigen alten Haushälterin empfangen, die mir mit der Höflichkeit und Mittheilsamkeit, welche ihrem Stande eigen sind, das Innere des Hauses zeigte. Der größere Theil desselben hat Veränderungen erlitten und wurde dem neuern Geschmacke und der neuern Lebensart angepaßt; es ist da eine schöne, alte Treppe von Eichenholz, und der große Saal, dieser edle Anblick in einem alten Herrenhause, hat noch sehr viel von dem Ansehen, welches er zu Shakspeare's Zeit gehabt haben muß. Die Decke ist gewölbt und hoch, und an dem einen Ende desselben ist eine Gallerie, auf welcher eine Orgel steht. Die Waffen und Siegeszeichen der Jagd, welche früher den Saal eines Landedelmannes schmückten, haben Familienportraits Platz gemacht. Ein großer, geselliger Kamin, für ein großes altväterisches Holzfeuer berechnet, früher der Sammelplatz der Winterlustbarkeiten, ist noch vorhanden. An der entgegengesetzten Seite der Halle ist das große gothische Erkerfenster mit steinernen Kreuzen, welches nach dem Hofe geht. Hier sind in buntem Glase die Wappen der Familie der Lucy seit mehreren Geschlechtern, von denen einige die Jahreszahl 1588 haben, gemalt. Es machte mir großes Vergnügen in den Feldern die drei weißen Hechte zu finden, wodurch der Charakter des Sir Thomas zuerst mit dem des Richters Shallow identificirt wurde. Sie werden in dem ersten Auftritte der lustigen Weiber von Windsor erwähnt, wo der Richter in Wuth über Falstaff ist, weil er »seine Leute geschlagen, seine Hirsche erlegt hat, und in sein Wildhüterhaus eingebrochen ist.« Der Dichter hatte ohne Zweifel seine und seiner Cameraden Vergehungen damals im Sinne, und wir können annehmen, daß der Familienstolz und die rachsüchtigen Drohungen des mächtigen Shallow eine Karrikatur des pomphaften Unwillens des Sir Thomas seien.

»Shallow. Sir Hugh, redet mir nicht zu; ich will die Sache vor die Sternkammer bringen. Wenn er zwanzig Mal Sir John Falstaff ist, so soll er doch Robert Shallow Esq. nicht beschimpfen.

»Slender. In der Grafschaft Gloster, Friedensrichter und Coram.

»Shallow. Ja, Vetter Slender, und Custalorum.

»Slender. Ja, und Ratalorum auch, und ein geborener Gentleman, Herr Pfarrer; der sich Armigero unter allen Rechnungen, Verhaftsbefehlen, Empfangscheinen oder Verschreibungen schreibt: Armigero.

»Shallow. Ja, das thue ich, und habe das zu jeder Zeit seit dreihundert Jahren gethan.

»Slender. Alle seine Nachfolger, welche vor ihm hergingen, haben das gethan, und alle seine Vorgänger, welche nach ihm kommen, können das thun; sie können das Dutzend weiße Hechte in ihrem Wappen dafür geben . . . . .

»Shallow. Es soll vor den Rath kommen; es ist ein Aufruhr.

»Evans. Es schickt sich nicht, daß der Rath von einem Aufruhr höre; es ist keine Gottesfurcht in einem Aufruhr; der Rath, wißt ihr, muß immer nur gottesfürchtige Dinge und keinen Aufruhr vernehmen wollen, richtet Euch darnach.

»Shallow. Ha, bei meinem Leben, wäre ich noch jung, das Schwerdt sollte die Sache entscheiden!«

Nahe bei dem Fenster mit diesem Wappen hing ein Bild von Sir Peter Lely, das eine Dame aus der Familie der Lucy, eine große Schönheit aus der Zeit Karl's II., darstellte; die alte Haushälterin schüttelte den Kopf, indem sie auf das Bild zeigte, und sagte mir, daß diese Dame den Karten übermäßig ergeben gewesen und einen großen Theil des väterlichen Erbguts verspielt hätte, wozu auch der Theil des Parks gehörte, worin Shakspeare und seine Cameraden den Hirsch erlegt. Die Ländereien, welche auf diese Art verloren gegangen, wären bis auf den gegenwärtigen Tag noch nicht ganz wieder an die Familie zurückgekommen. Bloß um dieser gottlosen Dame Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich gestehen, daß ihre Hand und ihr Arm ungemein schön waren.

Das Bild, welches meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war ein großes Gemälde über dem Kamin, das die Portraits des Sir Thomas Lucy und seiner Angehörigen darstellte, welche die Halle in dem letzten Abschnitte von Shakspeare's Leben bewohnten. Ich glaubte Anfangs, es sei das des rachsüchtigen Ritters selbst, allein die Haushälterin versicherte mich, es stelle seinen Sohn vor; da das einzige Bild des erstern, welches noch vorhanden, das aus seinem Grabe in der Kirche des benachbarten Weilers Charlecot sei. Dieses Bild gibt einen lebendigen Begriff von der Tracht und den Sitten der damaligen Zeit. Sir Thomas ist in eine Halskrause und ein Wamms gekleidet, in weiße Schuhe mit Bandrosen darauf, und hat einen spitzen gelben, oder wie Meister Slender sagen würde: »rohrfarbenen Bart.« Seine Gemahlin sitzt auf der andern Seite des Bildes mit einer breiten Halskrause und langem Brustlatz, und die Kleidung der Kinder hat eine höchst ehrwürdige Steifheit und Förmlichkeit. Große Jagd- und Wachtelhunde sind zu der Familiengruppe gesellt; ein Falk sitzt im Vordergrunde auf seiner Stange und eines von den Kindern hält eine Armbrust in der Hand; – Alles die Erfahrenheit des Ritters in der Treibjagd, Falkenbeize und dem Bogenschießen andeutend – so unentbehrlich für einen vollkommenen Edelmann in jenen Tagen.Der Bischof Earle bemerkt, indem er von dem Landedelmanne seiner Zeit spricht: »seine Art der Haushaltung kann man bald an den verschiedenen Arten von Hunden und den Dienern, welche er in seinen Ställen verpflegt, erkennen, und die Tiefe seiner Kehle ist der Maßstab für die Tiefe seines Gesprächs. Einen Falken hält er für den wahren Refrain des Adels, und bildet sich sehr viel darauf ein, großes Vergnügen an dieser Jagd zu finden und die Fußriemen um die Faust geschlungen zu tragen.« Und Gilpin bemerkt in seiner Schilderung eines Herrn Hastings: er hielt alle Arten von Hunden, welche Rehe, Füchse, Hasen, Ottern und Dachse jagen, und hatte Falken von aller Art, sowohl lang- als kurzflügelige. Sein großer Saal war gewöhnlich mit Markknochen bedeckt, und voll von Falkenstangen, Hühner-, Wachtel- und Dachshunden. Auf einem breiten mit Ziegelsteinen belegten Herde lagen einige der vorzüglichsten Dachs-, Hühner- und Wachtelhunde. – Anm. des Verf.

Ich sah mit Bedauern, daß die alten Möbel aus der Halle verschwunden waren; denn ich hatte gehofft, den stattlichen Armsessel von Eichenholz mit Schnitzarbeit zu sehen, in welchem der Landedelmann in früheren Zeiten den Scepter der Herrschaft über seine ländlichen Besitzungen zu schwingen pflegte, und in welchem wahrscheinlich der gestrenge Sir Thomas ebenfalls in furchtbarer Würde thronend, saß, als der Uebelthäter Shakspeare vor ihn gebracht wurde. Da ich mir gern Bilder zu meiner eigenen Unterhaltung ausmale, so gefiel ich mir in dem Gedanken, daß eben dieser Saal der Schauplatz des Verhörs des unglücklichen Barden am Morgen nach seiner Gefangenschaft im Wildhüterhause gewesen sei. Ich dachte mir den ländlichen Machthaber, von seiner Leibwache, von Haushofmeister, Pagen und Bedienten in blauen Röcken mit ihren Wappenschilden umgeben; während der unglückliche Verbrecher, verlassen und muthlos, von Wildhütern, Jägern und Hundepeitschern bewacht und von einem Schwarm Bauerlümmel begleitet, hereingebracht wurde. Ich dachte mir die frischen Gesichter neugieriger Hausmädchen durch die halbgeöffneten Thüren hereinblickend; während die schönen Töchter des Ritters sich anmuthig über die Gallerie lehnten, den jugendlichen Gefangenen mit dem Mitleide betrachtend, welches stets in Frauenherzen wohnt. – Wer würde geglaubt haben, daß dieser arme Wicht, so vor der beschränkten Macht eines Landedelmannes und dem Spotte der Bauern zitternd, bald das Entzücken der Prinzen, das Thema aller Zungen und Alter, der Alleinherrscher über das menschliche Gemüth werden, und seinen Unterdrückern durch eine Karrikatur und ein Pasquill die Unsterblichkeit verleihen würde!

Ich wurde nun von dem Haushofmeister eingeladen, in den Garten zu gehen, und ich fühlte mich geneigt, den Obstgarten und die Laube zu sehen, wo der Richter den Sir John Falstaff und den Vetter Silence mit einem Apfel vom vergangenen Jahre, von seinem eigenen Pfropfreis, und mit einer Schüssel Feldkümmel bewirthete; allein meine Wanderungen hatten mir schon einen so großen Theil des Tages weggenommen, daß ich genöthigt war, alle weitere Nachforschungen aufzugeben. Als ich im Begriff war, mich zu beurlauben, ward ich sehr angenehm durch das freundliche Ersuchen der Haushälterin und des Haushofmeisters überrascht, daß ich doch einige Erfrischungen zu mir nehmen möchte; ein Zug guter alter Gastfreiheit, von dem wir Schlösser-Jäger leider nur selten Beispiele in neueren Zeiten finden. Ich zweifele nicht, daß dieß eine Tugend ist, welche der gegenwärtige Repräsentant der Lucy von seinen Vorfahren geerbt hat; denn Shakspeare stellt, selbst in seiner Karrikatur, den Richter Shallow als beflissen in dieser Rücksicht dar, wie seine angelegentlichen Aufforderungen an Falstaff beweisen.

»Bei allen Teufeln, Herr, Ihr sollt heute Nacht nicht fort. Ich werde Euch nicht entschuldigen; Ihr werdet nicht entschuldigt; Ihr dürft nicht entschuldigt werden; Entschuldigungen werden nicht angenommen; Entschuldigungen sollen Euch nichts helfen; Ihr sollt Euch nicht entschuldigen können. . . . . . Einige Tauben, Davy, ein Paar kurzbeinige Hühner, ein Stückchen Hammelsbraten und einige niedliche kleine artige Leckerbissen soll Wilhelm, der Koch, zubereiten.«

Mit großer Ueberwindung sagte ich nun der alten Halle Lebewohl. Mein Gemüth hatte sich in die eingebildeten Auftritte und Charaktere, welche damit in Verbindung standen, so hineinversetzt, daß ich wirklich unter ihnen zu leben schien. Alles brachte sie mir gleichsam vor die Augen, und als sich die Thür des Speisezimmers öffnete, glaubte ich beinahe die schwache Stimme Meister Silence's zu hören, wie er sein Lieblingslied hergurgelte.Heinrich IV. Thl. II. Fünfter Aufzug. Dritter Auftritt.

Wo Männer allein, geht's drauf und drein,
Und lustige Fastnacht willkommen.

Bei der Rückkehr in mein Gasthaus konnte ich nicht umhin, die besonderen Gaben des Dichters zu bewundern, der es so sehr verstand, den Zauber seines Gemüths selbst über das Antlitz der Natur zu verbreiten, den Sachen und Orten einen Reiz und Charakter zu verleihen, der ihnen nicht eigen ist, und diese Werktags-Welt in ein vollkommenes Feenland zu verwandeln. Er ist in der That der wahre Zauberer, dessen Zauberspruch nicht allein auf die Sinne, sondern auf die Einbildungskraft und das Herz wirkt. Unter dem zauberischen Einflusse Shakspeare's war ich den ganzen Tag in einer vollständigen Verblendung umhergegangen. Ich hatte die Landschaft durch das Prisma der Dichtung betrachtet, welches jeden Gegenstand mit den Farben des Regenbogens überzieht. Ich war von Geschöpfen der Einbildungskraft, von reinen Luftgebilden, durch dichterische Kraft heraufbeschworen, welche aber doch für mich den ganzen Reiz der Wirklichkeit hatten, umgeben gewesen. Ich hatte Jacques unter seiner Eiche sein Selbstgespräch halten hören; hatte die schöne Rosalinde und ihren Begleiter sich durch den Wald wagen sehen; und war, vor allen Dingen, mehr als einmal im Geiste mit dem dicken Jack Falstaff und seinen Zeitgenossen, von dem erhabenen Richter Shallow bis zu dem artigen Meister Slender und der lieblichen Anne Page, in Gesellschaft gewesen. Zehntausend Mal Ehre und Segen über den Barden, der so die schalen Wirklichkeiten des Lebens durch unschuldige Blendwerke vergoldet; der ausgesuchte und unerkaufte Vergnügungen auf meinen Wechselpfad gesäet, und meinen Geist in mancher einsamen Stunde mit all den herzlichen und fröhlichen Mitgefühlen des geselligen Lebens erquickt hat!

Als ich auf meinem Rückwege über die Avon-Brücke ging, stand ich still, die entfernt liegende Kirche zu betrachten, worin der Dichter begraben liegt, und konnte mich über den Fluch nur freuen, welcher seine Asche ungestört in ihrem ruhigen und geheiligten Gewölbe erhalten hat. Welche Ehre könnte seinem Namen dadurch gewachsen sein, daß er in die Gemeinschaft des Staubes mit den Grabdenkmälern und Wappenschildern und feilen Lobinschriften der betitelten Menge gekommen wäre? Was würde ein dichtgefüllter Winkel in der Westminster-Abtei gewesen sein, im Vergleich mit diesem ehrwürdigen Gebäude, das in schöner Einsamkeit als sein alleiniges Grabdenkmal dazustehen scheint. Die ängstliche Sorge über die Bewahrung des Grabes mag wohl nur die Folge einer überspannten Empfindlichkeit sein; allein die menschliche Natur ist aus Schwächen und Vorurtheilen zusammengesetzt, und ihre schönsten und zärtlichsten Regungen sind mit diesen erkünstelten Gefühlen gemischt. Der, welcher Ruhm in der Welt sucht, und eine reichliche Ernte weltlicher Gunst eingesammelt hat, wird nach Allem finden, daß es keine Liebe, keine Bewunderung, keinen Beifall gibt, welcher der Seele so wohl thäte, als der, welcher ihm aus seinem Geburtsorte ward. Hier will er in Frieden und Ehre neben seinen Verwandten und seinen Jugendfreunden ruhen. Und wenn das müde Herz und der schwache Kopf ihn zu erinnern beginnen, daß der Abend des Lebens herannaht, so wendet er sich so innig wie das Kind nach der Mutter Arm, um im Schooße des Schauplatzes seiner Kindheit in Schlaf zu sinken.

Wie würde es den Geist des jugendlichen Barden erheitert haben, hätte er, als er von Leid bedrängt, in eine ungewisse Welt hinauswanderte, und einen letzten Blick in seine väterliche Heimath zurückwarf, voraussehen können, er würde nach manchen Jahren mit Ruhm bedeckt dahin zurückkehren; sein Name würde der Stolz und die Ehre seines Geburtsortes werden; seine Asche würde als der kostbarste Schatz desselben gewissenhaft bewahret, und der seinen Augen entschwindende Thurm desselben, auf welchen diese in thränenvoller Betrachtung sich hefteten, würde eines Tages das Wahrzeichen werden, welches inmitten der lieblichen Landschaft sich erhebend, die wissenschaftlichen Waller jeder Nation zu seinem Grabe leitete!

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