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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 22
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Weihnachtsheiligabend.

Sankt Franz, und du, Sankt Benedik,
Bewahrt dieß Haus vor Mißgeschick;
Vor'm Alp und vor dem Poltergeist,
Den man den guten Robin heißt;
Schirmt es vor böser Geister Tücken,
Fe'n, Wieseln, Ratten, Fretten-Spücken,
        Vom Nachtgeläut
        Bis Morgenzeit.
Cartwright.

Es war eine glänzende Mondscheinnacht, aber überaus kalt; unsere Chaise flog pfeilschnell über den gefrorenen Boden dahin; der Postillon knallte unaufhörlich mit der Peitsche, und seine Pferde gingen einen Theil des Weges im Galopp. »Er weiß, wohin es geht,« sagte mein Gefährte, lachend: »und ist begierig, bei Zeit anzukommen, um an den Freuden und dem Wohlleben in der Bedientenstube Theil zu nehmen. Mein Vater, müßt Ihr wissen, ist ein eifriger Anhänger der alten Schule, und bildet sich etwas darauf ein, die alte englische Gastfreiheit noch einigermaßen aufrecht zu erhalten. Er ist ein ganz erträgliches Beispiel von etwas, was man heut zu Tage sehr selten in seiner ganzen Reinheit antrifft, von einem alten englischen Gutsherrn; denn unsere Reichen bringen einen so großen Theil ihrer Zeit in der Stadt zu, und das Modeleben verbreitet sich so sehr auf dem Lande, daß die kräftigen, erhabenen Eigenthümlichkeiten des alten Landlebens beinahe ganz weggeschliffen sind. Mein Vater wählte indessen, von seinen frühesten Jahren, den ehrlichen Peacham statt des Chesterfield zu seinem Musterbuch; er ward bei sich selbst darüber einig, daß es keinen wahrhaft ehrenvolleren und beneidenswertheren Stand gäbe, als den eines Gutsherrn auf seinen väterlichen Landen, und der demnach seine ganze Zeit auf seinem Gute zubrächte. Er ist ein eifriger Vertheidiger der Wiedereinführung der alten ländlichen Spiele und Festtagsgebräuche, und in den alten und neuen Schriftstellern, welche diesen Gegenstand verhandelt haben, sehr belesen. In der That, seine Lieblingsbücher sind die Schriftsteller, welche vor wenigstens zweihundert Jahren blühten, und welche, wie er fest behauptet, weit mehr wie wahre Engländer geschrieben und gedacht haben, als irgend einer ihrer Nachfolger. Er bedauert es selbst zuweilen, daß er nicht einige Jahrhunderte früher geboren worden ist, als England noch es selbst war und seine besonderen Sitten und Gebräuche hatte. Da er etwas entfernt von der Landstraße, in einem ziemlich abgelegenen Theile des Landes wohnt, und keine Nachbarn seines Standes in der Nähe hat, so genießt er der beneidenswerthesten aller Segnungen für einen Engländer, seinen Launen unbelästigt nachgehen zu können. Da er der Repräsentant der ältesten Familie in der Gegend ist, und ein großer Theil der Bauern zu seinen Pachtleuten gehören, so steht er in großem Ansehen, und ist gewöhnlich unter der allgemeinen Benennung, »der Squire,« bekannt, ein Titel, der dem Haupte der Familie seit undenklichen Zeiten zugestanden. Ich denke, es ist am besten, wenn ich Euch diese Winke über meinen würdigen alten Vater gebe, um Euch auf die kleinen Sonderbarkeiten vorzubereiten, die sonst aberwitzig erscheinen möchten.«

Wir waren eine Zeit lang an der Mauer eines Parks hingefahren, und die Chaise hielt endlich an dem Thore still. Dieses war in einem schwerfällig prachtvollen alten Style, von Eisenstäben, oben phantastisch in Zierrathen und Blumen ausgearbeitet. Auf den gewaltigen viereckten Pfeilern, welche die Thorflügel trugen, war oben die Helmzierde des Familienwappens zu sehen. Dicht daneben stand das Pförtnerhäuschen, von dunklen Fichten geschützt und beinahe in Gesträuch begraben.

Der Postillon zog eine große Pförtnerglocke an, deren Klang weit durch die stille, frostige Luft klang, und von dem entfernten Bellen der Hunde beantwortet wurde, welche dem Herrenhause zur Besatzung zu dienen schienen. Eine alte Frau erschien sogleich am Thore. Da das Mondenlicht stark auf sie fiel, sah ich deutlich, daß es eine kleine sehr altfränkisch gekleidete Frau, mit einem netten Halstuch und Brustlatze war, deren Silberhaar unter einer schneeweißen Haube hervorsah. Sie kam knixend, mit manchem Worte einfacher Freude, herbei, ihren jungen Herrn wieder zu sehen. Ihr Mann war, wie es schien, im Herrenhause, und feierte dort die Weihnachten in der Bedientenstube mit; er konnte da nicht entbehrt werden, da er in der ganzen Haushaltung der beste Sänger und Geschichtserzähler war.

Mein Freund that den Vorschlag, auszusteigen, und durch den Park nach dem Hause zu gehen, das nicht weit entfernt war; wobei uns die Chaise nachfolgen sollte. Unser Weg wand sich durch einen stattlichen Gang von Bäumen, zwischen deren nackten Zweigen der Mond hindurchschien, wie er am hohen Gewölbe des wolkenlosen Himmels dahin wandelte. Der Rasenplatz weiterhin war mit einer leichten Decke von Schnee überzogen, welcher hie und da blitzte, wenn das Mondlicht auf die Eiskrystalle fiel; und in der Entfernung konnte man einen dünnen, durchsichtigen Dunst wahrnehmen, der aus der Niederung aufstieg und allmählig die Landschaft zu verhüllen drohte.

Mein Gefährte blickte mit Entzücken um sich: – »Wie oft,« sagte er, »bin ich diesen Weg hinaufgesprungen, wenn ich in den Schulferien nach Hause zurückkehrte. Wie oft habe ich unter diesen Bäumen gespielt, als ich noch ein Knabe war! Ich empfinde gegen sie eine Art kindlicher Ehrfurcht, womit wir auf diejenigen blicken, welche uns in unserer Kindheit gepflegt haben. Mein Vater war immer ängstlich darauf bedacht, daß wir unsere Feiertage hielten und bei Familienfesten um ihn waren. Mit der Sorgsamkeit, womit andere Eltern die Studien ihrer Kinder bewachen, pflegte er unsere Spiele zu leiten und die Aufsicht darüber zu führen. Er war sehr eigen, daß wir die alten englischen Spiele nach ihrer ursprünglichen Form spielten, und zog alte Bücher als Quellen und Gewährsleute für jede »fröhliche Ergötzlichkeit« zu Rath; und doch kann ich Euch versichern, daß es keine angenehmere Pedanterie gegeben hat. Es war die Politik des guten alten Herrn, seine Kinder fühlen zu lassen, daß die Heimath der glücklichste Ort in der Welt sei, und ich sehe dieß herrliche Heimathsgefühl als eine der glücklichsten Gaben an, welche ein Vater seinen Kindern verleihen kann.«

Wir wurden hier durch das Gebell einer Schaar von Hunden von allen Gattungen und Größen empfangen, »Blendlingen, jungen Hunden, kleiner Brut und großen Hunden, nebst Kläffern geringer Art,« die von dem Klang der Thorglocke und dem Gerassel der Chaise aufgestört, mit aufgesperrten Rachen über den Rasen dahergesprungen kamen.

                                  »Die kleinen Hund' und alle,
Tray, Blanch und Schweetheart bellen da mich an!«

rief Bracebridge lachend. Bei dem Klang seiner Stimme verwandelte sich ihr Gebell in ein Freudengeheul, und in einem Augenblick war er umringt und von den Liebkosungen der treuen Thiere beinahe überwältigt.

Wir hatten nun den vollen Anblick des alten Herrenhauses, das theils in tiefem Schatten begraben, theils von dem kalten Lichte des Mondes beleuchtet, da lag. Es war ein unregelmäßiges Gebäude, von ziemlicher Größe, dessen Bauart aus mehreren Zeitabschnitten zu sein schien. Ein Flügel war augenscheinlich sehr alt, mit schweren, in Quadersteinen ausgesetzten, weithinausragenden Erkerfenstern, und mit Epheuranken überwachsen, unter deren Blätter hervor die kleinen rautenförmigen Glasscheiben im Mondlichte glänzten. Der übrige Theil des Hauses war in dem französischen Geschmacke, aus Carl's des Zweiten Zeiten, erbaut, und wie mein Freund mir erzählte, von einem seiner Vorfahren, welcher mit diesem Monarchen nach der Wiederherstellung des Königthums zurückgekehrt war, ausgebessert und verändert worden. Die Gründe um das Haus waren nach der alten, steifen Weise in künstliche Blumenbeete, geschnittene Hecken mit erhöheten Terrassen und schweren steinernen Balustraden, die mit Urnen geschmückt waren, einer oder zwei bleiernen Bildsäulen und einem Springbrunnen, umgewandelt worden. Der alte Herr hielt, wie man mir sagte, sehr darauf, daß dieser veraltete Prunk ganz in seinem ursprünglichen Zustande bleibe. Er bewunderte diesen Geschmack in der Gartenkunst, indem er bemerkte, er habe ein Ansehen von Pracht, sei vornehm und edel, und passe zu der guten alten Familienweise. Die gepriesene Nachahmung der Natur in den neuen Gärten sei zugleich mit den neueren republikanischen Ansichten entsprungen, schicke sich aber nicht für eine monarchische Regierung; sie schmecke nach dem System der Freiheit und Gleichheit. – Ich konnte nicht umhin, über diese Einführung der Politik in die Gartenkunst zu lächeln, wobei ich zugleich die Besorgniß merken ließ, daß der alte Herr etwas zu unduldsam in seinem Glauben sein möchte. – Frank versicherte mich indessen, dieß sei vielleicht das einzige Beispiel, wo er seinen Vater von Politik habe reden hören; diese Ansicht sei ihm, wie er glaubte, von einem Parlamentsmitgliede überkommen, das einst einige Wochen bei ihm gewohnt habe. Der Squire sei eines jeden Grundes froh, um seine geschnittenen Hecken und steifen Terrassen zu vertheidigen, die von Zeit zu Zeit von den neueren Landschaftsgärtnern angegriffen worden wären.

Als wir uns dem Hause näherten, hörten wir den Klang von Musik, und dann und wann ein lautes Gelächter aus dem einen Ende des Gebäudes erschallen. »Dieß,« sagte Bracebridge: »müsse aus der Bedientenstube kommen, wo ein großer Theil des Lärms von dem Squire, während der zwölf Weihnachtstage, nicht nur erlaubt, sondern sogar dazu ermuntert werde, vorausgesetzt, daß nur Alles vollkommen nach altem Brauch zugehe.« Hier wurden die alten Spiele: Blindekuh, das wilde Pferd beschlagen, heiße Muscheln, das weiße Brot stehlen, Apfel hängen und Greifdrachen gespielt; der Jul-Block und das Weihnachtslicht regelmäßig verbrannt, und die Mistel mit ihren weißen Beeren aufgehängt, zur drohenden Gefahr für alle hübsche Hausmädchen.Die Mistel wird in den Pachterwohnungen und Küchen noch zur Weihnachten aufgehängt, und die jungen Leute haben das Recht, die Mädchen unter derselben zu küssen, wobei sie jedesmal eine Beere abpflücken. Wenn die Beeren abgepflückt sind, hört das Recht auf. – Anm. des Verf.

Die Dienerschaft war mit ihren Spielen so eifrig beschäftigt, daß wir mehrere Male klingeln mußten, ehe man uns hörte. Als unsere Ankunft angekündigt ward, kam der Squire heraus, um uns zu empfangen, von seinen zwei anderen Söhnen begleitet; der eine derselben, ein junger Offizier, der sich auf Urlaub hier befand, der andere, ein Oxforder Student, der so eben von der Universität gekommen war. Der Squire war ein schöner, gesund aussehender alter Herr, mit Silberhaar, das sich leicht um ein offenes und blühendes Gesicht kräuselte, worin ein Physiognomist, besonders wenn er, wie ich, vorher ein paar Winke erhalten hatte, eine besondere Mischung von Laune und Wohlwollen entdecken konnte.

Die Bewillkommung der Familie war warm und liebevoll; da der Abend schon weit vorgerückt war, so erlaubte der Squire uns nicht, unsere Reisekleider zu wechseln, sondern führte uns ohne Weiteres bei der Gesellschaft ein, welche in einer großen, altmodischen Halle versammelt war. Sie bestand aus verschiedenen Zweigen eines zahlreichen Familienvereins, worin sich die gewöhnliche Zahl von alten Oheimen und Basen, behaglichen verheiratheten Frauen, verjährten alten Jungfern, blühenden Landvettern, halbflüggen Burschen und helläugigen jungen Mädchen aus der Pensionsschule befand. Diese waren auf verschiedene Weise beschäftigt; Einige spielten Karten; Andere unterhielten sich um den Kamin: an dem einen Ende des Saales war ein Haufen junger Leute, von denen einige beinahe erwachsen, andere noch mehr im zarten und knospenden Alter waren, bei einem fröhlichen Spiele mit ganzer Seele beschäftigt; und eine Menge von Steckenpferden, hölzernen Trompeten und zerrissenen Puppen, die auf dem Boden umher lagen, verriethen die frühere Anwesenheit eines Haufens kleiner Feenwesen, welche, nachdem sie einen glücklichen Tag hindurch sich ergötzt, hinweggetragen worden waren, um eine ruhige Nacht hindurch zu schlummern.

Während der junge Bracebridge und seine Verwandten sich gegenseitig begrüßten, hatte ich Zeit, das Zimmer genauer zu betrachten. Ich habe es eine Halle genannt, denn das war es gewiß in alten Zeiten gewesen, und der Squire hatte augenscheinlich sich alle Mühe gegeben, ihm einigermaßen wieder zu seiner früheren Gestalt zu verhelfen. Ueber dem schweren, weithervortretenden Kamin hing das Bild eines Kriegers in voller Rüstung, der neben einem weißen Rosse stand, und an der Wand gegenüber ein Schwerdt, ein Schild und eine Lanze. An dem einen Ende war ein ungeheures Hirschgeweih in die Wand gepaßt, dessen Enden als Hacken dienten, Hüte, Peitschen und Sporn daran zu hängen, und in den Ecken des Zimmers standen Jagdflinten, Fischernetze und andere Werkzeuge zur Jagd und zum Fischfang. Die Möbel waren nach der schwerfälligen Arbeit früherer Zeiten, obgleich einige zur neueren Behaglichkeit dienliche Gegenstände hinzugefügt waren, und der eichene Fußboden mit einem Teppich belegt, so daß das Ganze eine sonderbare Mischung von Alt und Neu darbot.

Der Rost war aus dem großen, gewaltigen Kamin herausgenommen, um einem Holzfeuer Platz zu machen, in dessen Mitte ein ungeheurer Block glühte und flammte und eine gewaltige Masse Licht und Wärme verbreitete; dieß war, wie ich hörte, der Jul-Block, den der Squire jedesmal am Weihnachtsheiligabend hereinbringen und anzünden ließ, nach alter Sitte.Der Jul-Block ist ein großer Holzblock, zuweilen die Wurzel eines Baumes, welche mit großer Feierlichkeit am Weinachtsheiligabend in das Haus gebracht, in den Kamin gelegt, und mit einem Brande von dem Blocke des vergangenen Jahres angezündet wurde. So lange er brannte, trank man, sang und erzählte Geschichten. Zuweilen zündete man auch Weihnachtslichter dabei an; in den Bauerhütten bildete aber das röthliche Licht des großen Holzfeuers die einzige Beleuchtung. Der Jul-Block mußte die ganze Nacht brennen. ging er aus, so wurde dieß als ein Zeichen von Unglück angesehen.

Herrick erwähnt dieß in einem seiner Lieder:

    Kommt, bringet mit Jubel,
        Ihr lust'gen, lust'gen Buben,
Den Weihnachtsblock an den Herd;
        Indeß mein Weibsen sagt,
        Nun thut, was euch behagt,
Und trinkt, wie's das Herz begehrt.

Der Jul-Block wird noch jetzt in manchen Pachterhäusern und Küchen in England, besonders im Norden, verbrannt, und die Landleute haben mehrere abergläubische Begriffe, welche damit in Verbindung stehen. Wenn ein Schielender oder ein Barfüßiger in das Haus tritt, während er brennt, so hält man dieß für eine üble Vorbedeutung. Was von dem Jul-Block übrig bleibt, wird sorgfältig weggelegt, um damit am nächsten Weihnachtsabend das Feuer anzuzünden.

Es war in der That ergötzlich, den alten Squire in seinem verblichenen Lehnstuhl neben dem gastfreien Kamine seiner Vorfahren zu sehen, wie er sich, der Sonne eines Planetensystems gleich, umblickte, Wärme und Frohsinn in jedes Herz strahlend. Selbst der Hund, welcher ausgestreckt zu seinen Füßen lag, sah, wenn er träge seine Lage änderte und gähnte, freundlich hinauf in seines Herrn Gesicht, wedelte mit dem Schwanze am Boden, und legte sich dann wieder zum Schlaf nieder, der guten Behandlung und des Schutzes sicher. Es geht aus dem Herzen eine ächte Gastfreiheit aus, welche sich nicht beschreiben läßt, die man aber sogleich fühlt, und die den Fremden augenblicklich in Behaglichkeit versetzt. Ich hatte kaum einige Minuten an dem behaglichen Herde des würdigen alten Cavaliers gesessen, als ich mich schon eben so sehr zu Hause fühlte, als ob ich ein Glied der Familie gewesen wäre.

Bald nach unserer Ankunft ward gemeldet, daß das Abendessen aufgetragen sei. Es war in einem geräumigen, eichenen Zimmer angerichtet, dessen Getäfel von Wachs glänzte, und an dessen Wänden mehrere mit Stechpalmen und Epheu verzierte Familienbilder hingen. Außer den gewöhnlichen Lichtern standen zwei große Wachskerzen, Weihnachtslichter genannt, auf einem hochpolirten Speisetisch unter dem Familiensilber. Die Tafel war reichlich mit wohlnährenden Speisen besetzt; der Squire aß aber weiter nichts als Frumenty, ein Gericht, das aus Weizenkuchen bereitet wird, die mit vielem Gewürz in Milch gekocht werden, und das in alten Zeiten ein hergebrachtes Essen am Weihnachtsabend war. Ich freute mich sehr, mein altes Lieblingsgericht, gehacktes Pastetenfleisch, bei dem Mahle zu sehen, und begrüßte es, da ich es vollkommen rechtgläubig fand, und ich mich meiner Vorliebe nicht zu schämen brauchte, mit all der Wärme, womit wir gewöhnlich einen alten und sehr anständigen Bekannten begrüßen.

Die Fröhlichkeit der Gesellschaft ward durch die Laune einer excentrischen Person höchst gesteigert, den Herr Bracebridge immer mit dem sonderbaren Namen Meister Simon anredete. Es war ein untersetzter, flinker, kleiner Mann, der ganz das Aussehen eines schlimmen alten Junggesellen hatte. Seine Nase war wie der Schnabel eines Papagay's gestaltet; sein Gesicht war leicht mit Pockennarben betupft, und beständig mit einer trockenen Röthe überzogen, wie ein erfrorenes Blatt im Herbst. Er hatte ein Auge von ungemeiner Schärfe und Lebendigkeit, und es lag etwas Komisches und Schelmisches darin, das unwiderstehlich anzog. Er war offenbar der Witzbold der Familie, verstand sich bei den Damen sehr auf schelmische Späße und Beziehungen, und erregte unendliches Ergötzen durch seine Anspielungen auf alte Zeiten, an denen ich mich unglücklicherweise, wegen meiner Unbekanntschaft mit der Familienchronik, nicht erfreuen konnte. Es schien ihm großes Vergnügen zu machen, ein junges Mädchen, das neben ihm saß, während des Abendessens in einem beständigen unterdrückten Lachkrampf zu erhalten, ungeachtet ihrer Furcht vor den verweisenden Blicken ihrer Mutter, welche ihr gegenüber saß. Er war in der That der Abgott des jüngern Theiles der Gesellschaft, welche über Alles, was er sagte oder that, und bei jeder Wendung seines Gesichts, lachten. Dieß befremdete mich nicht, denn er mußte in ihren Augen ein Wunder der Vollkommenheit sein. Er konnte den Hanswurst und die Judith nachahmen; mit der Hülfe eines gebrannten Korks und eines Taschentuchs seiner Hand das Aussehen jedes alten Weibergesichtes geben und schnitt aus einer Apfelsine eine so lächerliche Gestalt heraus, daß die jungen Leute beinahe vor Lachen starben.

Frank Bracebridge weihte mich kurz in seine Geschichte ein. Er war ein alter Hagestolz mit einem kleinen, freien Einkommen, das indessen, bei sorgsamer Verwaltung, für alle seine Bedürfnisse ausreichte. Er rollte durch das Familiensystem wie ein herumfahrender Komet auf seiner Bahn; besuchte bald einen Zweig derselben, bald einen andern ganz entferntern, wie dieß oft in England von Herren bei ausgebreiteten Bekanntschaften und wenig Vermögen geschieht. Er hatte ein fröhliches, aufgewecktes Gemüth, das des gegenwärtigen Augenblicks jederzeit genoß, und der häufige Wechsel von Ort und Gesellschaft machte, daß er nicht jene rostigen ungefügigen Gewohnheiten annahm, die man den alten Junggesellen so mitleidlos zur Last legt. Er war eine vollständige Familienchronik, da er die Genealogie, Geschichte und die Wechselheirathen des ganzen Hauses Bracebridge auf das Genaueste kannte, was ihn zu einem großen Lieblinge der alten Leute machte; er war der Anbeter aller ältlichen Damen und veralteten Jungfrauen, unter denen er noch immer ziemlich für einen jungen Burschen galt, und der Vergnügungsrath der Kinder, so daß es in der Sphäre, worin er sich bewegte, keinen beliebtern Mann gab, als Herrn Simon Bracebridge. In späteren Jahren hatte er sich beinahe ausschließlich bei dem Squire aufgehalten, dessen Factotum er geworden, und dem er vorzüglich lieb war, weil er in seine Laune in Rücksicht auf die alten Zeiten einging, und jederzeit ein Lied bereit hatte, welches sich zu der Gelegenheit paßte. Eine Probe dieses eben erwähnten Talents erhielten wir alsbald, denn kaum war das Abendessen abgetragen, und gewürzter Wein und andere, besonders für diese Jahreszeit sich passende Getränke aufgetragen worden, als Meister Simon zu einem guten alten Weihnachtslied aufgefordert ward. Er bedachte sich einen Augenblick, und trillerte dann, mit funkelnden Augen und einer Stimme, die keineswegs schlecht war, nur daß sie zuweilen in das Falsett überging, Tönen eines gespaltenen Rohrs gleich, ein altes närrisches Lied.

Wir sind in den Weihnachtstagen,
Laßt uns die Trommeln schlagen,
Und alle Nachbarn rufet herbei,
Und sind sie dann hier,
So bewirthet sie mir,
Daß Wetter und Wind vergessen sei, u. s. w.

Das Abendessen hatte einen Jeglichen zur Fröhlichkeit gestimmt, und man rief einen alten Harfner aus der Bedientenstube herbei, wo er den ganzen Abend über geklimpert, und sich dem Anscheine nach an des Squire's eigengebrautem Bier gütlich gethan hatte. Er war, wie man mir sagte, eine Art von Anhängsel des Haushalts, und obgleich dem Aeußern nach ein Bewohner des Dorfes, doch weit öfter in der Küche des Squire, als in seinem eigenen Hause zu finden, da der alte Herr ein Freund des Klangs »der Harfe in der Halle« war.

Der Tanz war, wie die meisten Tänze nach Tische, sehr lustig; einige von den älteren Leuten nahmen daran Theil, und der Squire selbst tanzte mehrere Touren mit einer Tänzerin, mit der er versicherte, beinahe ein halbes Jahrhundert lang alle Weihnachten getanzt zu haben. – Meister Simon, der eine Art von Verbindungsglied zwischen der alten und neuen Zeit, und dabei etwas veraltet in der Art seiner Talente zu sein schien, that sich augenscheinlich etwas auf seinen Tanz zu Gute, und suchte sich durch Balance, Rigodon und andere Zierlichkeiten der alten Schule in Credit zu setzen. Unglücklicherweise hatte er aber ein kleines munteres Mädchen aus der Pension zur Tänzerin, die ihn durch ihre wilde Lebendigkeit beständig in Athem erhielt, und alle seine besonnenen Bestrebungen nach Zierlichkeit im Tanz vereitelte; – so sind die ungleichen Verbindungen, zu denen alte Herrn unglücklicherweise geneigt sind!

Der junge Oxforder hatte dagegen eine seiner unverheiratheten Basen aufgefordert, welcher der Schelm ungestraft tausend kleine Streiche spielte. Er war voll von practischen Scherzen, und sein größtes Vergnügen bestand darin, seine Basen und Muhmen zu necken; und dennoch war er, wie alle jungen Tollköpfe, der allgemeine Liebling der Frauen. Das anziehendste Paar im Tanze war aber der junge Offizier und ein Mündel des Squire, ein schönes, erröthendes Mädchen von siebenzehn Jahren. Aus mehreren scheuen Blicken, welche ich im Laufe des Abends bemerkt hatte, schloß ich, daß zwischen ihnen ein kleines Verhältniß im Entstehen sei, und in der That war der junge Krieger gerade ein Held, ein romantisches Mädchen einzunehmen. Er war groß, schlank und hübsch, und hatte, wie die meisten jungen englischen Offiziere, in den letzten Jahren sich auf dem Festlande allerhand kleine Talente angeeignet – er sprach Französisch und Italienisch – zeichnete Landschaften – sang ganz erträglich – tanzte göttlich; vor Allem aber war er bei Waterloo verwundet worden; und welch siebenzehnjähriges Mädchen, die in Gedichten und Romanen wohl belesen ist, könnte einem solchen Spiegel der Ritterlichkeit und Vollkommenheit widerstehen?

Als der Tanz vorüber war, nahm er eine Guitarre zur Hand, lehnte sich, in einer Stellung, von der ich halb glauben möchte, daß sie vorher studirt war, an den alten marmornen Kamin, und fing das kleine französische Lied vom Troubadour zu singen an. Der Squire erklärte indeß, daß er am Weihnachtsabend nichts als gutes altes Englisch hören wolle, worauf der junge Sänger, nachdem er einen Augenblick die Augen gen Himmel gerichtet, als ob er sein Gedächtniß in Anspruch nehme, in eine andere Melodie überging, und, mit einer reizenden Art von Galanterie, Herrick's»Nachtstück an Julie« gab.

Der Glühwurm leih' sein Licht Dir,
Die Sterne glänzen licht Dir,
    Und auch die Elfen klein,
    Mit ihrer Aeuglein Schein
Hellfunkelnd, zeigen freundlich sich Dir.

Kein Irrlicht Dich befange;
Dich beiß' nicht Wurm noch Schlange;
    Mußt weiter nur geh'n,
    Bleib nimmer nur steh'n,
Dann sei vor Geistern Dir nicht bange.

Kein Dunkel laß Dich schrecken;
Will sich der Mond verstecken –
    Die Sterne der Nacht
    Erglühen in Pracht,
Den Weg mit Glanz Dir zu bedecken.

So, Julia, laß mich frei'n Dich,
O so, so finde ein Dich,
    Und wenn Dein Silberfuß
    Mir naht, Dein süßer Gruß –
Dann nenn' ich selig mein Dich.

Das Lied mochte an die schöne Julie, denn so fand ich, hieß seine Tänzerin, gerichtet sein oder nicht; sie war dieser Anwendung sich gewiß unbewußt, denn sie sah den Sänger keinen Augenblick an, sondern hielt die Augen beständig auf den Boden geheftet. Wahr ist es, ihr Gesicht war mit einer reizenden Röthe überzogen, und ihr Busen hob sich sanft; aber alles dieß war ohne Zweifel eine Wirkung der Bewegung beim Tanze; ja, ihre Gleichgültigkeit war so groß, daß sie sich damit belustigte, einen ausgesuchten Strauß von Treibhauspflanzen zu zerpflücken, so daß, als das Lied geendet war, der Kranz in bunten Flocken auf dem Boden lag.

Die Gesellschaft brach jetzt mit dem herzlichen alten Gebrauche des Händeschüttelns auf. Als ich durch die Halle nach meinem Zimmer ging, gab die flimmernde Asche des Jul-Blocks noch ein dämmerndes Licht von sich, und wäre dieß nicht gerade die Zeit gewesen, »wo kein Geist umgehen darf,« so würde ich mich beinahe versucht gefühlt haben, um Mitternacht aus meinem Zimmer zu schleichen, damit ich sähe, ob die Elfen nicht ihre Tänze um den Herd hielten.

Mein Zimmer war in dem alten Theile des Hauses, dessen gewichtige Möbel in der Zeit der Riesen verfertigt worden zu sein schienen. Das Zimmer war getäfelt, mit Kranzleisten von schwerem Schnitzwerk, worin Blumen und abenteuerliche Gesichter auf eine sonderbare Art gemischt waren; und eine Reihe schwarz aussehender Bilder starrte trübselig von den Wänden auf mich herab. Das Bett war von schwerem, wiewohl verschossenen Damast, mit einem hohen Himmel, und stand in einer Nische dem Erkerfenster gegenüber. Ich war kaum im Bette, als eine Musik, gerade unter dem Fenster, die Luft zu erfüllen schien. Ich horchte, und fand, daß es ein Chor Musiker war, vermuthlich die Weihnachtsmusikanten aus einem benachbarten Dorfe. Sie gingen rund um das Haus und spielten unter den Fenstern auf. Ich zog die Vorhänge zurück, um sie deutlicher zu hören. Das Licht des Mondes fiel durch den obern Theil des Fensters, und erhellte schwach das altfränkische Zimmer. Die Töne wurden, wie sie sich entfernten, sanfter und ätherischer, und schienen mit der Ruhe und dem Mondlicht übereinzustimmen. Ich horchte und horchte – sie wurden immer zarter und ferner, und als sie allmählig erstarben, sank mein Haupt auf das Kissen, und ich schlief ein.

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