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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 2
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Des Verfassers Auskunft über sich.

Ich theile ganz und gar diese Ansicht Homer's: wie die Schnecke, welche aus ihrer Muschel kroch, baldiglich in eine Kröte verwandelt und somit genöthigt ward, sich einen Stuhl zu machen, auf dem sie sitzen konnte; so wird auch der Reisende, der aus seiner Väter Heimath gezogen, in ganz kurzer Zeit in eine so ungeheure Form umgestaltet, daß er williglich seine Wohnung mit seinen Sitten ändert und gern da lebt, wo er kann, nicht, wo er möchte.
Lily's Euphues.

Es machte mir stets Vergnügen, neue Landschaften aufzusuchen und eigenthümliche Charaktere und Sitten zu beobachten. Schon in meinen Kindesjahren begann ich meine Reisefahrten und machte manchen Entdeckungs-Ausflug in fremde Theile und unbekannte Gebiete meiner Vaterstadt, wodurch ich meine Eltern öfter in Angst versetzte und die Einkünfte des Stadt-Ausrufers steigerte. Mit meinem Eintritt in das Knabenalter erweiterte ich den Kreis meiner Beobachtungen. Meine freien Nachmittage brachte ich mit Streifereien in der Umgegend hin und machte mich mit all ihren, in Geschichte und Sagen berühmten Stellen bekannt. Ich wußte alle Punkte, wo ein Mord oder Raub begangen, oder ein Geist gesehen worden. Ich besuchte die benachbarten Dörfer, achtete auf ihre Sitten und Gewohnheiten, unterhielt mich mit ihren Weisen und großen Männern und vermehrte so den Vorrath meiner Kenntnisse bedeutend. Eines langen Sommertages machte ich sogar eine Reise auf den Gipfel des entlegensten Berges, wo sich meinem Auge manche Meile unbekannten Landes erschloß und ich mit Erstaunen gewahr ward, welch einen ausgedehnten Erdball wir bewohnen.

Diese umstreifende Neigung wuchs mit den Jahren. Reisebeschreibungen zu See und zu Land wurden meine Leidenschaft, und indem ich ihren Inhalt verschlang, vernachlässigte ich die regelmäßigen Schulübungen. Mit welchem Genusse wanderte ich oft auf den HoofdenIn die See gehende Dämme vor den Höfen, wodurch die Wellen gebrochen werden. – Anmerk. des Uebers. und achtete der nach fernen Gegenden abgehenden Schiffe; mit welch sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihren sich senkenden Segeln nach und sah mich in Gedanken den Enden der Erde zugeführt!

Fortgesetztes Lesen und Nachdenken brachten diese unbestimmte Neigung zwar in vernünftigere Schranken, halfen sie aber nur noch entschiedener machen. Ich besuchte verschiedene Theile meines Vaterlandes, und wäre ich bloß von der Liebe zu schönen Landschaften geleitet worden, so würde ich kaum den Wunsch gefühlt haben, sie anderswo befriedigen zu wollen; denn in keinem andern Lande ist die Natur so verschwenderisch mit Reizen ausgestattet. Seine mächtigen Seen, Meeren von flüssigem Silber ähnlich; seine Berge mit ihren prächtigen, duftigen Tinten; seine von wilder Fruchtbarkeit strotzenden Thäler; seine furchtbaren Wasserstürze, die in ihrer Einsamkeit donnern; seine unbegrenzten, in üppigem Grün wogenden Ebenen; seine breiten, tiefen Ströme, welche sich in feierlichem Schweigen dem Meere entgegen wälzen; seine bahnlosen Wälder, wo sich die Vegetation in ihrer ganzen Pracht entfaltet; sein Himmel, der in dem Zauber der Sommerwolken und des glorreichen Sonnenscheins funkelt: – nein, der Amerikaner, welcher erhabene und schöne Landschaftsgemälde sucht, braucht nie außer Landes zu gehen.

Aber Europa zeigte lockend all die Reize geschichtlicher und poetischer Erinnerungen. Die Meisterwerke der Kunst waren dort zu sehen, die Verfeinerungen einer hochgebildeten Gesellschaft, die anziehenden Eigenthümlichkeiten alter, örtlicher Sitten. Mein Geburtsland war jugendlicher Versprechungen voll; Europa war reich an Schätzen, welche Jahrhunderte angehäuft hatten. Selbst seine Ruinen erzählten die Geschichten vergangener Zeiten und jeder zerbröckelnde Stein war eine Chronik. Ich sehnte mich, auf der Schaubühne berühmter Thaten zu wandeln, – in die Fußtapfen des Alterthums, wenn ich so sagen darf, zu treten, – um die zerfallene Burg zu streifen, – über den einbrechenden Thurm mich in Nachdenken zu versenken, – mit einem Worte, der verbrauchten Wirklichkeit der Gegenwart zu entfliehen und mich in der schattigen Größe der Vergangenheit zu verlieren.

Ich hegte überdieß den ernstlichen Wunsch, die großen Männer der Erde zu sehen. Wir haben allerdings unsere großen Männer in Amerika; es gibt keine Stadt bei uns, welche nicht eine beträchtliche Menge derselben aufzuweisen hätte. Ich habe mich zu meiner Zeit zu ihnen gesellt und fühlte mich durch den Schatten, in welchen sie mich stellten, fast verschrumpft; denn es gibt für einen kleinen Mann nichts schrecklicheres, als der Schatten eines großen, besonders des großen Mannes einer Stadt. Es trieb mich aber, die großen Männer Europa's zu sehen; denn ich hatte in den Werken verschiedener Philosophen gelesen, alle Thiere arteten in Amerika aus, und somit auch der Mensch. Ich dachte daher, ein großer Mann Europa's müsse über einen großen Mann Amerika's wegragen, wie ein Alpengipfel über das Hochland des Hudson; und in diesem Gedanken mußte ich auch durch den Anblick verhältnißmäßiger Wichtigkeit und stolzer Erhabenheit vieler Engländer, die uns besuchten und welche, wie man mich versicherte, in ihrem eigenen Lande sehr kleine Leute waren, mich sehr bestärkt finden. Ich will dieses Land der Wunder heimsuchen, dachte ich, und das Riesengeschlecht sehen, das in mir ausgeartet ist.

Mein Glücks- oder mein Unglücksstern wollte, daß meiner Reisesucht Genüge geschah. Ich habe verschiedene Länder durchwandert und viele der wechselnden Scenen des Lebens mit angesehen. Ich könnte nicht sagen, daß ich sie mit dem Auge eines Philosophen durchdrungen hätte; ich verweilte eher mit dem müßigen Blicke bei ihnen, mit welchem unbemittelte Freunde des Malerischen von dem Fenster eines Kupferstichhändlers zu dem eines andern schlendern und bisweilen durch das Abbild der Schönheit, bisweilen durch die Verrenkungen der Karrikatur, und bisweilen durch die Lieblichkeit der Landschaft gefesselt werden. Da es bei den Touristen der Neuzeit Mode geworden ist, mit dem Bleistift in der Hand zu reisen und ihre Mappen mit Skizzen angefüllt nach Hause zu bringen, so fühle ich mich geneigt, zur Unterhaltung meiner Freunde einige derselben auszustellen. Doch sinkt mir bei dem Durchblättern der Bemerkungen und Andeutungen, welche ich zu diesem Zwecke niederschrieb, fast der Muth, wenn ich sehe, wie weit mich meine müßige Laune von den großen Zwecken, welche jeder ordentliche Reisende, der ein Buch schreiben will, zu studiren pflegt, hinweg geführt hat. Ich besorge, ich muß das Loos eines unglücklichen Landschaftmalers theilen, welcher das Festland bereiste und, indem er seiner Schlenderlaune den Willen ließ, nur Ecken, Winkel und abgelegene Orte zeichnete. Demzufolge war sein Skizzenbuch mit einer Menge von Hütten, Landschaften und unbekannten Ruinen angefüllt; aber er hatte versäumt, die St. Peterskirche und das Coliseum, den Wasserfall von Terni und den Meerbusen von Neapel zu malen, und in seiner ganzen Sammlung war nicht ein einziger Gletscher oder feuerspeiender Berg zu finden.

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