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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 18
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Geisterbraut.

Erzählung eines Reisenden.Der unterrichtete Leser, in unnützer Gelehrsamkeit wohl bewandert, wird gewahren, daß der Schweizer seine Erzählung auf eine kleine französische Anecdote gegründet hat, welche sich auf eine in Paris vorgefallene Begebenheit bezieht. – Anmerk. des Verf.

Er, für den der Tisch gedeckt,
Liegt, traun, die Nacht kalt hingestreckt!
Ich führt' zur Stub' ihn gestern Nacht,
Heut' Nacht hat Gray-steel ihm das Bett gemacht.
Sir Eger, Sir Grahame und Sir Gray-steel.

Auf dem Gipfel einer der Höhen des Odenwaldes, einer wilden und romantischen Gegend des obern Deutschlands, nicht weit von dem Zusammenflusse des Mains und des Rheins gelegen, stand vor vielen, vielen Jahren das Schloß des Baron von Landshort. Es ist nun ganz zerfallen, und beinahe unter Buchen und dunkeln Fichten begraben, aus denen jedoch noch der alte Wachtthurm hervorblickt, der, wie einst sein Besitzer, sein Haupt hoch empor zu tragen strebt und auf die benachbarte Gegend hinabblickt.

Der Baron war ein trockener Zweig der großen Familie von Katzenellenbogen,Der Name einer ehemals sehr mächtigen Familie dieses Landes. Die Benennung soll eine erlauchte Dame der Familie, ihres schönen Armes wegen berühmt, veranlaßt haben. – Anmerk. des Verf. und erbte mit den Besitzungen seiner Ahnen auch zugleich ihren ganzen Stolz. Obgleich der kriegerische Sinn seiner Vorfahren den Gütern der Familie sehr geschadet hatte, so suchte der Baron den äußeren Glanz seines Standes doch immer noch zu behaupten. Die Zeiten waren friedlich und die deutschen Edelleute hatten fast allgemein ihre unbequemen, alten, wie Adlersneste an den Bergen hangenden Burgen verlassen und bequemere Wohnungen in den Thälern erbaut; der Baron blieb indeß noch immer in seiner kleinen Veste stolz abgeschlossen, und nährte, mit angeerbter Hartnäckigkeit, den ganzen alten Familiengroll, so daß er mit einigen seiner nächsten Nachbarn um Streitigkeiten willen gespannt war, die noch von ihren Ururgroßvätern herrührten.

Der Baron hatte nur ein Kind, eine Tochter, aber die Natur wägt, wenn sie nur Ein Kind gewährt, dieß immer dadurch auf, daß sie es zu einem Wunder macht; und so war es mit der Tochter des Barons. Alle Ammen, Gevatterinnen und Muhmen vom Lande versicherten ihren Vater, daß es ihres Gleichen nicht in Deutschland gäbe, und wer hätte das besser wissen sollen als diese? Sie war überdieß mit großer Sorgfalt unter der Oberaufsicht zweier unverheiratheten Basen erzogen worden, die einige Jahre ihres frühern Lebens an einem der kleinen deutschen Höfe zugebracht hatten, und in allen zur Erziehung einer Frau von Stande nöthigen Zweigen des Wissens erfahren waren. Unter ihrer Anleitung ward sie ein Wunder der Vollkommenheit. In ihrem achtzehnten Jahre konnte sie bewunderungswürdig sticken und hatte ganze Heiligengeschichten in Tapetenarbeit genäht, und in die Gesichter eine solche Kraft des Ausdrucks gebracht, daß sie aussahen, wie arme Seelen im Fegefeuer. Sie konnte ohne große Schwierigkeit lesen, und hatte sich durch mehrere Kirchen-Legenden, und beinahe alle ritterlichen Wunder im Heldenbuche glücklich hindurchbuchstabirt. Sie hatte selbst bedeutende Fortschritte im Schreiben gemacht; war im Stande, ihren Namen, ohne einen Buchstaben auszulassen und so leserlich zu schreiben, daß ihre Basen ihn ohne Brille entziffern konnten. Sie besaß eine große Fertigkeit, kleine artige unnütze Spielwerke, wie bei den Frauen herkömmlich, zu machen, verstand die künstlichsten Tänze der damaligen Zeit, spielte mehrere Weisen auf der Harfe und Zither und wußte alle zärtliche Balladen aus den Minnesängern auswendig.

Ihre Basen, die in ihren jüngeren Jahren flatterhaft und große Coquetten gewesen waren, schickten sich auch vortrefflich dazu, über die Aufführung der Nichte zu wachen; denn es gibt keine so streng kluge und unerbittlich ehrsame Duenna, wie eine überalterte Coquette. Sie durfte nie das Gebiet des Schlosses überschreiten, ohne wohl begleitet oder vielmehr wohl bewacht zu sein, mußte beständig Lehren über Anstand und strengen Gehorsam anhören, und was die Männer betraf – ha! – da hatte man ihr eingeprägt, sie so fern von sich zu halten und ihnen so wenig zu trauen, daß sie, wenn sie nicht ausdrücklich dazu Erlaubniß erhalten, auf den schönsten Cavalier von der Welt auch nicht einen Blick geworfen haben würde – nein, nicht, wenn er zu ihren Füßen gestorben wäre.

Die guten Wirkungen dieses Systems zeigten sich auf eine wunderbare Art; das Fräulein war ein Muster von Folgsamkeit und Anständigkeit. Während Andere ihre Lieblichkeit in dem frohen Glanze der Welt vergeudeten, und leicht von jeder Hand gepflückt und an die Seite geworfen werden konnten, erblühte sie keusch zu einer frischen und lieblichen Weiblichkeit unter dem Schutze dieser unbefleckten Jungfrauen, wie eine Rosenknospe unter schützenden Dornen sich entfaltet. Ihre Basen betrachteten sie mit Stolz und Entzücken, und behaupteten, daß, wenn auch alle junge Damen in der Welt sich verirren könnten, der Erbin von Katzenellenbogen, dem Himmel sei gedankt, nie so etwas begegnen würde.

Aber, obgleich der Baron von Landshort nicht mit vielen Kindern gesegnet war, so war doch seine Haushaltung nicht klein, denn die Vorsehung hatte ihn mit einer Menge armer Anverwandten bereichert. Diese besaßen, ohne Ausnahme, die liebevolle Zuneigung, welche allen untergeordneten Verwandten eigen ist, hingen sehr an dem Baron, und benutzten jede mögliche Gelegenheit, in Haufen nach dem Schlosse zu kommen und dieß zu beleben. Alle Familienfeste wurden von diesen guten Leuten auf Kosten des Barons begangen, und wenn sie sich gehörig gesättigt, so erklärten sie laut, daß nichts auf Erden so herrlich sei, als diese Familienzusammenkünfte, diese Jubelfeste des Herzens.

Der Baron hatte, obgleich ein kleiner Mann, eine große Seele, die vor Freuden bei dem Gefühle anschwoll, der größte Mann in der kleinen Welt um ihn her zu sein. Er erzählte gern lange Geschichten von den gewaltigen alten Kriegern, deren Bilder finster von den Wänden herabblickten, und Niemand hörte ihm dabei ruhiger zu, als die, welche er auf seine Kosten ernährte. Er neigte sich sehr zum Wunderbaren bin, und glaubte steif und fest an alle die Erzählungen von übernatürlichen Begebenheiten, deren in Deutschland jeder Berg und jedes Thal voll ist. Die Gläubigkeit seiner Gäste übertraf seine eigene; sie hörten jede wunderbare Erzählung mit offenen Augen und offenem Munde an, und verfehlten nie, erstaunt zu sein, wenn sie ihnen auch schon zum hundertsten Mal wiederholt wurde. So lebte der Baron von Landshort, das Orakel seines Tisches, der unumschränkte Beherrscher seines kleinen Gebiets, und glücklich vor Allem in der Ueberzeugung, daß er der weiseste Mann seines Zeitalters sei.

Zu der Zeit, von welcher meine Geschichte handelt, war auf dem Schlosse eine große Familienversammlung; sie galt einer Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit; – man erwartete nämlich den bestimmten Bräutigam der Tochter des Barons. Eine Verhandlung war zwischen dem Vater und einem alten Edelmanne in Bayern zu Stande gebracht worden, die Würde ihrer Häuser durch die Heirath ihrer Kinder zu vereinigen. Die Einleitung dazu war mit der gehörigen Pünktlichkeit getroffen worden. Die jungen Leute waren mit einander verlobt, ohne sich je gesehen zu haben, und der Tag zur Vermählung war angesetzt. Der junge Graf von Altenburg war zu dem Ende von dem Heere abberufen worden, und bereits auf dem Wege zu dem Baron, um dort seine Braut in Empfang zu nehmen. Man hatte selbst schon aus Würzburg, wo er durch einige Umstände aufgehalten wurde, Briefe von ihm, in welchen der Tag und die Stunde bestimmt war, zu welcher er eintreffen würde.

Das Schloß war im Aufruhr, um die Anstalten zu treffen, den Bräutigam gehörig zu empfangen. Die schöne Braut war mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschmückt worden. Die beiden Basen hatten bei ihrer Toilette den Vorsitz gehabt, den ganzen Morgen sich über jedes Stück ihres Anzuges gestritten. Die junge Dame hatte diesen Zwist benutzt, ihrem eigenen Geschmack zu folgen, und glücklicherweise war dieser ein guter. Sie sah so lieblich aus, als ein jugendlicher Bräutigam nur wünschen kann, und die Bewegung, welche die Erwartung ihr mittheilte, erhöhte ihre Reize um so mehr.

Die Röthe, welche ihre Wangen und ihren Nacken übergoß, das leise Wogen des Busens, das Auge, welches dann und wann in Sinnen verloren schien; Alles verrieth die sanfte Erregung, die in ihrem Herzen vorging. Die Basen waren fortwährend um sie her beschäftigt; denn unverheirathete Basen pflegen immer großen Antheil an Angelegenheiten dieser Art zu nehmen. Sie gaben ihr eine unendliche Anzahl von klugen Rathschlägen, wie sie sich benehmen, was sie sagen, und in welcher Weise sie den erwarteten Geliebten empfangen solle.

Der Baron war nicht weniger mit Vorbereitungen beschäftigt. Er hatte, die Wahrheit zu sagen, eigentlich nichts zu thun; allein er war von Natur ein feuriger, unruhiger, kleiner Mann, und konnte durchaus nicht müßig bleiben, wenn Alles in Bewegung war. Er lief, mit der Miene unendlicher Bedrängtheit, im Schlosse Trepp auf und ab; er rief beständig die Leute von ihrer Arbeit, um sie zu ermahnen, fleißig zu sein; und tummelte sich mit einer so unnützen Ruhelosigkeit, und so belästigend, wie eine große blaubauchige Fliege an einem Sommertage, in jedem Saale und jedem Zimmer umher.

Mittlerweile war das gemästete Kalb geschlachtet worden; die Wälder hatten von dem Geschrei der Jäger wiedergehallt; die Küche war voll von Leckerbissen; der Keller hatte ganze Oceane von Rhein- und Firnewein hergeben müssen, und selbst das große Heidelberger Faß war in Contribution gesetzt worden. Alles war in Bereitschaft, den ausgezeichneten Gast mit Saus und Braus, in dem wahren Geiste deutscher Gastfreiheit zu empfangen – aber der Gast erschien noch immer nicht. Stunde auf Stunde verfloß. Die Sonne, welche ihre sinkenden Strahlen auf die reichen Forste des Odenwaldes geworfen hatte, glänzte jetzt gerade an den Gipfeln der Berge. Der Baron erstieg den höchsten Thurm, und strengte seine Augen an, in der Hoffnung, den Grafen und seine Begleiter in der Entfernung zu entdecken. Einmal glaubte er schon, sie zu sehen; Hörnerklang scholl aus dem Thale, von dem Widerhall in den Bergen verlängert. Eine Anzahl Reiter ward weit unten sichtbar, welche langsam den Weg entlang zogen; als sie aber beinahe den Fuß des Berges erreicht hatten, lenkten sie plötzlich in eine andere Straße ein. Der letzte Strahl der Sonne schied – die Fledermäuse begannen im Zwielicht zu schwirren – die Straße ward dunkler und dunkler, und man sah nichts sich darauf bewegen, als zuweilen einen Landmann, der sich von seiner Arbeit nach Hause schleppte.

Während das alte Schloß von Landshort sich in einer so tödtlichen Unruhe befand, trug sich in einem andern Theil des Odenwaldes eine sehr bedeutende Begebenheit zu.

Der junge Graf von Altenburg setzte seine Reise ruhig und in der nüchternen, schlendernden Weise fort, wie ein Mann seiner Vermählung entgegenreist, wenn seine Freunde ihn aller Mühe und Ungewißheit einer langen Bewerbung überhoben haben, und der so gewiß ist, eine Braut zu finden, als ein Mittagsessen am Ende seiner Reise. Er hatte in Würzburg einen jungen Waffengefährten getroffen, mit welchem er zusammen an der Grenze gedient hatte, Hermann von Starkenfaust, einen jungen Mann von dem kräftigsten Arme und dem bravsten Herzen unter der deutschen Ritterschaft, der nun von dem Heere zurückkehrte. Seines Vaters Schloß lag nicht weit von der alten Burg Landshort, allein eine alte Fehde hatte die beiden Familien entzweit, und sie einander fremd gemacht.

In der ersten Wärme des Augenblicks der Erkennung, hatten die jungen Freunde einander alle ihre unterdessen bestandenen Abenteuer und Glücksfälle erzählt, und der Graf gab die ganze Geschichte seiner bevorstehenden Vermählung, mit einer jungen Dame, die er nie gesehen, von deren Reizen er aber die hinreißendsten Beschreibungen gehört.

Da der Weg der Freunde nach derselben Gegend hinführte, so wurden sie einig, den übrigen Theil ihrer Reise zusammen zu machen; damit sie dieß aber mit um so größerer Bequemlichkeit thun könnten, waren sie frühzeitig von Würzburg aufgebrochen, und der Graf hatte seinem Gefolge den Befehl gegeben, ihm nachzukommen.

Sie verkürzten sich die Zeit mit Erinnerungen auf ihren im Kriege bestandenen Fährlichkeiten und Abenteuern; aber der Graf war mitunter ein wenig langweilig, wegen der gepriesnen Reize seiner Braut und des Glückes, das ihn erwartete.

Auf diese Weise waren sie in die Berge des Odenwaldes gekommen, und ritten durch einen seiner einsamsten und dickbelaubtesten Pässe. Man weiß, daß die Wälder von Deutschland jederzeit eben so sehr von Räubern, als seine Burgen von Gespenstern heimgesucht worden sind; und gerade um diese Zeit waren die ersteren besonders zahlreich, da Schaaren von entlassenen Soldaten im Lande umherstreiften. Es wird daher nicht ungewöhnlich scheinen, daß auch die Ritter von einer Bande dieser Herumstreifer, mitten im Walde, angefallen wurden. Die Angegriffenen vertheidigten sich sehr tapfer, waren aber fast übermannt, als des Grafen Gefolge zu ihrem Beistande herzukam. Bei ihrem Anblick nahmen die Räuber die Flucht; der Graf hatte indessen bereits eine tödtliche Wunde erhalten. Man brachte ihn langsam und vorsichtig nach Würzburg zurück, und rief, aus einem benachbarten Kloster, einen Mönch zu Hülfe, der seiner Heilkunde für Leib und Seele wegen in gleich großem Rufe stand; allein die Hälfte seines Wissens war unnütz; die Augenblicke des unglücklichen Grafen waren gezählt.

Mit seinem letzten Athemzug bat er seinen Freund sich sogleich nach dem Schlosse von Landshort zu begeben, um dorthin die Nachricht von dem Vorfalle zu bringen, der ihn an der Erfüllung seines Versprechens hinderte. Obgleich nicht der leidenschaftlichste Liebhaber, war er doch einer der pünktlichsten Menschen, und es schien ihm äußerst viel daran zu liegen, daß diese Sendung schnell und gehörig ausgerichtet werde. »Geschieht dieß nicht,« sagte er: »so werde ich nicht ruhig in meinem Grabe schlafen!« Er wiederholte diese letzteren Worte mit besonderer Feierlichkeit. Eine, in einem so bedeutsamen Augenblicke gethane Bitte ließ kein Zaudern zu. Starkenfaust suchte den Grafen zu beruhigen, versprach, seinen Wünschen getreulich nachzukommen, und gab ihm seine Hand zum feierlichen Pfande. Der Sterbende drückte sie, in dankbarer Anerkennung, verfiel aber bald in Geistesabwesenheit – sprach von seiner Braut – seiner Verbindung – seinem gegebenen Worte; befahl, daß man ihm sein Pferd bringen solle, damit er nach dem Schlosse von Landshort reiten könne, und gab in dem Augenblick seinen Geist auf, wo er sich in den Sattel zu schwingen glaubte.

Starkenfaust weihte dem frühzeitigen Tode seines Waffengefährten einen Seufzer und eines Kriegers Thräne, und dachte dann über den bedenklichen Auftrag nach, den er auszurichten übernommen hatte. Sein Herz war schwer, und sein Kopf ungewiß; denn er sollte, ein ungebetener Gast, sich feindlich gesinnten Leuten vorstellen und mit einer Nachricht, welche ihre Hoffnungen vereiteln mußte, ihre Freude stören. Indeß regte sich bei ihm doch ein Gefühl von Neugierde, die weitberühmte Schönheit von Katzenellenbogen zu sehen, die den Augen der Welt so sorgsam entzogen wurde; denn er war ein leidenschaftlicher Bewunderer des schönen Geschlechts, und es lag in seinem Charakter eine Hinneigung zum Außerordentlichen und ein Unternehmungsgeist, die ihm ein großen Gefallen an jedem Abenteuer einflößten.

Vor seiner Abreise nahm er mit der heiligen Brüderschaft des Klosters die nöthige Abrede wegen des Begräbnisses seines Freundes, der in der Cathedrale zu Würzburg neben einigen seiner erlauchten Verwandten beigesetzt werden sollte. Das trauernde Gefolge des Grafen übernahm die Aufsicht über seine irdischen Ueberbleibsel.

Es ist jetzt hohe Zeit, zu der alten Familie von Katzenellenbogen, welche mit Ungeduld auf den Gast, und mit noch größerem Verlangen, auf das Mittagsessen wartete, und zu dem würdigen kleinen Baron zurückzukehren, den wir auf dem Wartthurm, frische Luft schöpfend, verließen.

Die Nacht brach an, aber immer noch erschien kein Gast. In Verzweiflung stieg der Baron vom Thurme herab. Das Gastmahl, welches von Stunde zu Stunde verzögert worden war, konnte nicht länger verschoben werden. Die Speisen waren bereits verdorben; der Koch in Todesangst; und die ganze Hausgenossenschaft sah aus, wie eine durch Hunger zur Uebergabe gebrachte Besatzung. Der Baron sah sich gezwungen, das Fest ohne die Gegenwart des Gastes beginnen zu lassen. Alle setzten sich an den Tisch und waren eben im Begriff anzufangen, als der Klang eines Hornes von Außen die Ankunft eines Fremden meldete. Ein zweiter langgezogener Ton erfüllte die alten Burghöfe, und der Widerhall wurde von dem Thurmwart beantwortet. Der Baron eilte, seinen künftigen Schwiegersohn zu empfangen.

Die Zugbrücke war herabgelassen worden und der Fremde hielt vor dem Thore. Es war ein schlanker, stattlicher Ritter auf einem schwarzen Rosse. Sein Gesicht war bleich, aber er hatte ein glänzendes, schwärmerisches Auge und den Ausdruck edler Schwermuth. Der Baron fühlte sich etwas beleidigt, daß er so einfach und allein daher gekommen sei. Seine Würde war einen Augenblick gekränkt, und er fühlte sich geneigt, dieß als einen Mangel an gehöriger Ehrfurcht bei dieser wichtigen Gelegenheit und gegen die bedeutende Familie anzusehen, mit welcher der Bräutigam sich verbinden sollte. Er beruhigte sich indessen mit der Betrachtung, daß es jugendliche Ungeduld gewesen sei, welche ihn vermocht habe, seinem Gefolge voraus zu eilen.

»Es thut mir leid,« sagte der Fremde, »hier zu so ungelegener Zeit zu überraschen« –

Hier unterbrach ihn der Baron mit einer Fluth von Complimenten und Begrüßungsworten, denn, die Wahrheit zu sagen, er bildete sich auf seine Höflichkeit und Beredsamkeit etwas ein. Der Fremde versuchte ein oder zweimal, den Strom seiner Rede zu hemmen, allein vergebens; er neigte also den Kopf, und ließ ihn dahin rauschen. In dem Augenblicke, wo der Baron zu einer kleinen Pause gekommen war, hatten sie den innern Schloßhof erreicht und der Fremde wollte so eben wieder anfangen zu reden, als er abermals durch die Erscheinung der weiblichen Mitglieder der Familie unterbrochen wurde, welche die zaudernde und erröthende Braut herbeiführten. Er blickte diese einen Augenblick wie ein Verzückter an; es schien, als ob seine ganze Seele sich in einem einzigen Blick ergösse und auf der lieblichen Form verweile. Eine von den Basen flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie machte einen Versuch zu sprechen; ihr feuchtes, blaues Auge erhob sich schüchtern; sie warf einen scheuen, forschenden Blick auf den Fremden, und schlug es wieder nieder. Die Worte erstarrten ihr auf den Lippen; allein ein sanftes Lächeln umschwebte diese, und die Grübchen auf ihren Wangen zeigten, daß ihr Blick nicht unbefriedigt geblieben sei. Es war unmöglich, daß einem Mädchen von achtzehn Jahren, für Liebe und Heirath bereits gestimmt, ein solcher Cavalier nicht gefallen hätte.

Der Gast war spät angekommen, und alles weitere Reden wurde dadurch aufgehoben. Der Baron entschied, und verschob alle weiteren Unterredungen auf Morgen, und ging voran zu dem noch unberührten Gastmahl.

Dieß ward in dem großen Rittersaal der Burg aufgetragen. An den Wänden umher hingen die Bilder der Helden aus dem Hause Katzenellenbogen, und die Siegeszeichen, welche sie in Schlachten und auf der Jagd davon getragen. Zerhackte Panzerhemden, gesplitterte Turnierlanzen und zerrissene Banner waren mit der Beute der Jagd vermischt; die Wolfsrachen und Eberhauer blinkten gräßlich zwischen Armbrüsten und Streitäxten hindurch, und ein gewaltiges Hirschgeweih zweigte sich unmittelbar über dem Haupte des jugendlichen Bräutigams auseinander.

Der Cavalier gab auf die Gesellschaft oder das Mahl selbst nur sehr wenig Acht. Er genoß fast nichts, sondern schien in Bewunderung seiner Braut versunken. Er sprach so leise mit ihr, daß man nichts von dem, was er sagte, verstehen konnte – denn die Sprache der Liebe ist nie laut; aber wo gibt es ein so stumpfes weibliches Ohr, das nicht das leiseste Flüstern derselben auffaßte? Es lag ein Gemisch von Zärtlichkeit und Ernst in seiner Art und Weise, das auf die junge Dame einen mächtigen Einfluß zu haben schien. Während sie mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte, kam und wich ihre Gesichtsfarbe. Zuweilen antwortete sie erröthend, und wenn sich sein Auge von ihr abwandte, warf sie einen verstohlenen Blick auf sein romantisches Gesicht, und ein leichter Seufzer zärtlicher Glückseligkeit hob ihre Brust. Es war klar, daß das junge Paar ganz in einander verliebt war. Die Basen, tief in die Geheimnisse des Herzens eingeweiht, erklärten, daß Beide bei dem ersten Blicke sich geliebt hätten.

Das Fest wurde sehr fröhlich, oder doch wenigstens mit großem Geräusche fortgesetzt, denn die Gäste waren sämmtlich mit jener derben Eßlust gesegnet, welche von leichten Börsen und Bergluft unzertrennlich ist. Der Baron erzählte seine besten und längsten Geschichten, und nie hatte er sie so gut oder mit so großer Wirkung erzählt. War irgend etwas Wunderbares darin, so waren seine Zuhörer ganz voll Erstaunen, und war irgend etwas scherzhaftes darin, so lachten sie gewiß zur rechten Zeit. Der Baron stand freilich wie die meisten großen Männer zu hoch, um andere als sehr schale Scherze zu machen; allein jeder derselben war mit einem vollen Glase vortrefflichen Hochheimers gewürzt, und selbst ein schwerfälliger Scherz wirkt, mit gutem alten Wein vorgesetzt, unwiderstehlich.

Aermere und schlauere Witzlinge sagten Manches, das sich nur etwa bei ähnlichen Gelegenheiten wiederholen lassen dürfte; den Frauen ward mancher kecke Scherz in die Ohren geflüstert, worüber sie, bei unterdrücktem Lachen, beinahe ersticken wollten; und ein armer, aber lustiger, dickköpfiger Vetter des Barons sang ein paar Lieder, bei denen sich die Basen durchaus die Fächer vorhalten mußten.

Bei all diesem lustigen Treiben behauptete der fremde Gast einen höchst sonderbaren und unzeitigen Ernst. Je tiefer es in die Nacht ging, desto düsterer ward seine Miene, und so seltsam es auch scheinen mag, selbst die Scherze des Barons schienen ihn nur noch schwermüthiger zu machen. Zuweilen war er in Gedanken verloren, zuweilen deutete das verstörte, rastlose Umherirren seines Auges auf ein unruhig bewegtes Gemüth. Seine Unterhaltungen mit der Braut wurden immer ernster und geheimnißvoller. Dichte Wolken umhüllten die schöne Heiterkeit ihrer Stirne und ein leises Zittern begann ihre zarten Glieder zu durchzucken.

Alles dieß konnte der Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht entgehen. Ihre Fröhlichkeit ward durch die unerklärliche Düsterkeit des Bräutigams erstickt; diese steckte an; man flüsterte mit einander und warf sich Blicke zu, die von Achselzucken und zweifelhaftem Kopfschütteln begleitet waren. Gesang und Lachen wurden seltner und seltner, und es entstanden öde Pausen in der Unterhaltung, welchen endlich phantastische Erzählungen und Legenden von übernatürlichen Dingen folgten. Eine traurige Geschichte veranlaßte die andere noch traurigere, und der Baron brachte die Damen beinahe zu Krämpfen durch die Geschichte von dem gespenstischen Reiter, der die schöne Leonore entführte; eine schreckliche, aber wahre Geschichte, welche seitdem in vortreffliche Verse gebracht worden ist, und an die alle Welt glaubt.

Der Bräutigam hörte diese Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit an. Er hielt seine Augen fest auf den Baron geheftet, begann, als die Geschichte zu Ende ging, allgemach von seinem Sitze aufzustehen, und ward immer größer und größer, bis er, in des Barons verzücktem Auge, beinahe Riesengröße zu erreichen schien. In dem Augenblicke, wo die Erzählung geendigt war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, und nahm von der Gesellschaft feierlich Abschied. Alles war erstaunt. Der Baron war vollkommen wie vom Donner gerührt.

»Wie! um Mitternacht das Schloß verlassen? Wie, da Alles zu seinem Hierbleiben eingerichtet, und ein Gemach für ihn bereit ist, wenn er sich zurückzuziehen wünscht?«

Der Fremde schüttelte düster und geheimnißvoll den Kopf: »ich muß mich diese Nacht in einem andern Gemache betten!«

Es lag etwas in dieser Antwort und in dem Tone, womit sie gegeben wurde, was des Barons Herz erbeben machte, allein er faßte sich und wiederholte seine gastfreundliche Einladung.

Der Fremde schüttelte bei diesem Antrage schweigend, aber entschieden, den Kopf, und der Gesellschaft ein Lebewohl zuwinkend, schritt er langsam aus der Halle. Die Basen waren durchaus versteinert, – die Braut ließ den Kopf hängen und eine Thräne schlich sich in ihr Auge.

Der Baron folgte dem Fremden in den großen Hof des Schlosses, wo das schwarze Streitroß stand, mit dem Fuße scharrend und voll Ungeduld schnaubend. – Als sie das Portal erreicht hatten, dessen tiefer Bogen durch ein Feuerbecken nur schwach erhellt wurde, blieb der Fremde stehen und redete den Baron mit einer hohlen Stimme an, welche in dem Gewölbe nur noch grabähnlicher klang.

»Nun, da wir allein sind,« sagte er, »will ich Euch die Ursache meines Weggehens mittheilen. Ich habe eine feierliche, eine unauflösliche Verpflichtung –«

»Nun, könnt Ihr nicht,« sagte der Baron, »irgend Jemanden an Eurer Stelle senden?«

»Sie läßt keinen Stellvertreter zu – ich muß in eigner Person erscheinen – ich muß fort, in die Cathedrale von Würzburg« –

»Ja,« sagte der Baron, indem er sich ein Herz faßte, »aber nicht eher als morgen – morgen sollt Ihr Eure Braut dahin führen.«

»Nein! nein!« erwiederte der Fremde, mit zehnfacher Feierlichkeit: »ich bin keiner Braut verpflichtet – die Würmer! die Würmer erwarten mich! ich bin todt – Räuber haben mich erschlagen – mein Körper liegt in Würzburg– um Mitternacht soll ich zur Erde bestattet werden – das Grab erwartet mich – ich muß mich einstellen!«

Er schwang sich auf sein schwarzes Streitroß, sprengte über die Zugbrücke, und der Klang der Hufe verlor sich im Pfeifen des Nachtwindes.

Der Baron kehrte, in der äußersten Bestürzung, in den Saal zurück, und erzählte, was vorgefallen war. Zwei Damen fielen sogleich in Ohnmacht, und andern ward wehe bei dem Gedanken, mit einem Gespenst geschmaust zu haben. Einige meinten, es sei der in den deutschen Sagen berühmte wilde Jäger gewesen, Andere sprachen von Berg- oder Waldgeistern und anderen überirdischen Wesen, mit welchen die guten Deutschen seit undenklichen Zeiten so sehr geplagt sind. Einer von den armen Verwandten wagte es zu äußern, das Ganze sei wohl ein scherzhafter Ausweg des jungen Cavaliers gewesen, und selbst das düstere dieses Einfalls passe zu dem finstern Wesen des Mannes. Allein diese Aeußerung machte den Unwillen der ganzen Gesellschaft, und besonders den des Barons rege, der ihn geradezu wie einen Ungläubigen behandelte, so daß er gern so schnell als möglich seine Ketzerei abschwor und sich an die wahren Gläubigen anschloß.

Welche Zweifel man aber auch gehabt haben mochte, so wurden sie am folgenden Tage durch die, auf regelmäßigem Wege anlangenden Nachrichten, welche die Ermordung des jungen Grafen und seine Beisetzung in der Cathedrale von Würzburg bestätigten, vollkommen widerlegt.

Man kann sich leicht die Angst in dem Schlosse denken. Der Baron verschloß sich in sein Zimmer. Die Gäste, welche hergekommen waren, sich mit ihm zu freuen, konnten ihn doch nicht wohl in den Stunden seiner Trauer verlassen. Sie wandelten auf den Höfen umher, oder sammelten sich in Gruppen, im Saale, schüttelten die Köpfe oder zuckten die Achseln über das Unglück eines so guten Mannes, und saßen länger zu Tische und aßen und tranken wackerer als je, um sich bei gutem Muthe zu erhalten. Am bedauerungswürdigsten war aber die Lage der verlassenen Braut. Einen Gatten verloren zu haben, ehe sie ihn nur einmal umarmt – und solch einen Gatten! War das Gespenst schon so edel und angenehm, wie mußte der lebende Mann gewesen sein? Sie erfüllte das Haus mit Klagen.

In der zweiten Nacht ihres Wittwenthums hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, begleitet von einer ihrer Basen, welche darauf bestand, mit ihr in einem Gemache zu schlafen. Die Base, eine der besten Geistergeschichten-Erzählerinnen in Deutschland, hatte grade eine ihrer längsten aufgetischt, und war mitten in derselben eingeschlafen. Das Zimmer war abgelegen, und hatte die Aussicht aus einen kleinen Garten. Die Nichte lag gedankenvoll und blickte auf die Strahlen des aufgehenden Mondes hin, wie sie auf den Blättern einer Espe zitterten, die vor dem Fenster stand. Die Schloßuhr hatte so eben die Stunde der Mitternacht verkündigt, als eine sanfte Musik aus dem Garten herauf ertönte. Sie sprang eilig aus dem Bett und trat leise an das Fenster. Eine schlanke Gestalt stand im Schatten der Bäume. Als sie den Kopf erhob, fiel ein Strahl des Mondlichts auf ihr Gesicht. Himmel und Erde! sie sah den Geister-Bräutigam! In diesem Augenblick hörte sie einen lauten Schrei hinter sich, und ihre Base, die von der Musik erwacht, und ihr stillschweigend nach dem Fenster gefolgt war, fiel ihr in die Arme. Als sie wieder hinblickte, war das Gespenst verschwunden.

Von den beiden Frauenzimmern bedurfte die Base jetzt denn am meisten Ermuthigung, sie war vor Schreck ganz außer sich. Was die junge Dame betraf, so war selbst mit dem Geiste ihres Geliebten noch etwas verknüpft, das ihr erfreulich schien. Der Anschein männlicher Schönheit war stets noch da; und obgleich der Schatten eines Mannes wenig gemacht ist, die Gefühle eines liebekranken Mädchens zu beschwichtigen, so ist doch selbst dieß, wenn der wirkliche Geliebte fern ist, noch tröstend genug. Die Base erklärte, daß sie nie wieder in diesem Zimmer schlafen, die Nichte, dießmal widerspenstig, erklärte fest, daß sie in keinem andern des Schlosses schlafen würde. Natürlich mußte sie nun allein bleiben; vorher ließ sie sich aber von der Base das feierliche Versprechen geben, die Geschichte von dem Geiste Niemand zu erzählen, damit ihr nicht der einzige, traurige, auf Erden noch gebliebene Trost geraubt würde – den, das Zimmer zu bewohnen, in dessen Nähe der schützende Schatten ihres Geliebten wache.

Es ist ungewiß, wie lange die gute alte Dame dieß Geheimniß bewahrt haben würde, denn sie sprach gern von wunderbaren Begebenheiten, und es liegt immer ein stiller Triumph darin, der Erste zu sein, der eine schauderhafte Geschichte vorträgt; man führt es indessen in der Gegend noch immer als ein merkwürdiges Beispiel weiblicher Verschwiegenheit an, daß sie das Geheimniß eine ganze Woche bewahrte, nach deren Verlauf sie alles weiteren Zwanges durch die Nachricht überhoben wurde, welche des Morgens beim Frühstück gebracht ward, daß die junge Dame nirgends zu finden sei. Ihr Zimmer war leer – ihr Bett unberührt – das Fenster war offen und der Vogel davongeflogen.

Das Erstaunen und den Schrecken, welche diese Nachricht erregte, können sich nur Diejenigen denken, welche den Eindruck beachtet haben, den das Unglück eines großen Mannes unter seinen Freunden hervorbringt. Selbst die armen Verwandten ließen Messer und Gabel einen Augenblick von der unermüdlichen Arbeit des Zerlegens ruhen; auf einmal aber rang die Base, die bis dahin starr dagestanden hatte, die Hände und kreischte: »das Gespenst! das Gespenst! sie ist von dem Gespenst entführt worden.«

Mit wenigen Worten erzählte sie nun den furchtbaren Auftritt im Garten, und schloß mit der Behauptung, daß das Gespenst seine Braut hinweggeführt haben müsse. Zwei von den Bedienten bestätigten diese Aussage, denn sie hatten um Mitternacht das Geklapper von Pferdehufen den Berg hinab gehört, und zweifelten nicht, daß es das Gespenst auf seinem schwarzen Rosse gewesen, das seine Braut zum Grabe hinweggeschleppt habe. Alle Anwesenden fühlten das gräßlich Wahrscheinliche dieser Aussage; denn Begebenheiten dieser Art sind in Deutschland überaus gewöhnlich, wie dieß manche sehr echte Geschichten beweisen.

Welche traurige Lage für den armen Baron! welche herzzerreißende Betrachtungen mußten sich nicht einem liebenden Vater und einem Gliede der großen Familie von Katzenellenbogen aufdringen! Seine einzige Tochter verschloß entweder das Grab, oder er bekam irgend einen Waldgeist zum Schwiegersohn, und vielleicht dereinst einen ganzen Haufen von Geisterenkeln. Wie gewöhnlich, machte ihn dieß alles vollständig verwirrt, und das ganze Schloß gerieth darüber in Aufruhr und Bewegung. Alle männliche Bedienten mußten aufsitzen und jeden Weg und Steg im Odenwalde durchstreifen; der Baron selbst hatte so eben seine Reisestiefeln angezogen, sein Schwerdt umgegürtet, und war im Begriff, sein Roß zu besteigen, um ebenfalls auf Nachforschung auszugehen, als eine neue Erscheinung der Sache eine andere Wendung gab. Man sah eine Dame sich dem Schlosse nähern, die auf einem Zelter ritt, und von einem Cavalier zu Pferde begleitet wurde. Sie galoppirte zum Thore hinauf, sprang vom Pferde, warf sich zu den Füßen des Barons und umfaßte seine Kniee. Es war seine verlorene Tochter, und ihr Gefährte – der Geister-Bräutigam. Der Baron konnte vor Erstaunen nicht zu sich kommen. Er blickte auf seine Tochter, dann auf den Geist, und konnte beinahe seinen Sinnen nicht trauen. Der Letztere hatte sich indeß wunderbar zu seinem Vortheil verändert, seit er seinen Besuch in der Geisterwelt abgestattet. Sein Anzug war glänzend, und seine Gestalt erschien darin im schönsten Ebenmaße. Er war nicht mehr bleich und schwermüthig. Auf seinem schönen Gesichte strahlte der Glanz der Jugend, und die Freude lachte in seinem großen dunkeln Auge.

Das Geheimniß war bald aufgeklärt. Der Cavalier (denn, wahrlich, Ihr müßt doch alle schon längst gemerkt haben, daß es kein Geist war) kündigte sich als den Freiherrn Hermann von Starkenfaust an. Er erzählte sein Abenteuer mit dem jungen Grafen. Er sagte, wie er nach dem Schlosse geeilt sei, um die schlimme Botschaft zu überbringen, wie aber die Beredsamkeit des Barons jeden seiner Versuche, seine Geschichte zu erzählen, vereitelt habe. Wie der Anblick der Braut ihn so ganz bezaubert, daß, um einige Stunden in ihrer Nähe zuzubringen, er stillschweigend den Irrthum habe fortdauern lassen. Er habe jedoch nicht gewußt, wie er sich auf eine anständige Art zurückziehen solle, bis des Barons Geistergeschichten ihn auf den Gedanken seines ungewöhnlichen Abzugs gebracht habe. Die angeerbte Feindschaft der Familien erwägend, habe er seine Besuche heimlich wiederholt – den Garten unter dem Fenster der jungen Dame durchstreift – geworben – gewonnen – sie im Triumph davon geführt – und mit einem Wort, die Schöne geehelicht.

Unter anderen Umständen würde der Baron unerbittlich gewesen sein, denn er hielt sehr auf väterliches Ansehen, und verfocht Familienfehden mit gehöriger Hartnäckigkeit; allein er liebte seine Tochter; er hatte sie für verloren gehalten; er freute sich, sie wieder lebend zu finden, und ihr Gatte war, wenn gleich aus einem feindlichen Hause, doch, dem Himmel sei's gedankt, kein Gespenst. Es lag allerdings in dem Scherz, den der Ritter mit ihm getrieben, sich gegen ihn für einen Todten auszugeben, etwas, das mit seinen Begriffen von strenger Wahrheitsliebe nicht so recht zusammenpassen wollte; allein mehrere alte anwesende Freunde, welche mit im Kriege gewesen waren, versicherten ihn, daß in der Liebe sich jede Kriegslist entschuldigen lasse, und daß der Cavalier um so mehr dazu berechtigt gewesen sei, diese zu brauchen, da er kürzlich als Anführer eines Reiterhaufens gedient habe.

Es ward daher Alles auf das Beste ausgeglichen. Der Baron verzieh dem jungen Paare auf der Stelle. Die Festlichkeiten auf dem Schlosse begannen aufs Neue, die armen Verwandten überhäuften das neue Familienglied mit liebender Zärtlichkeit; es war ja so wacker, so großmüthig und – so reich. Die Basen ärgerten sich allerdings ein wenig, daß ihr System der strengen Abgeschiedenheit und des Gehorsams sich so schlecht bewährt habe, schrieben aber Alles ihrer Nachlässigkeit zu, daß sie die Fenster nicht vergittern lassen. Eine von ihnen fühlte sich besonders gekränkt, daß ihre wunderbare Geschichte so ganz verdorben, und das einzige Gespenst, das sie in ihrem Leben gesehen, ein unechtes gewesen sei; aber die Nichte schien vollkommen zufrieden zu sein, daß sie das Gespenst aus wirklichem Fleisch und Blut bestehend gefunden – und so endigte die Geschichte.

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