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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 17
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Gasthofsküche.

Soll ich nicht meine Bequemlichkeit in meinem Gasthofe haben?
Falstaff.

Auf einer Reise, welche ich einst durch die Niederlande machte, war ich eines Abends in der Pomme d'or, dem vornehmsten Gasthof eines kleinen flammändischen Dorfes, angelangt. Die Stunde der table d'hôte war vorüber, so daß ich mich genöthigt sah, ein einsames, aus den Ueberbleibseln des reichlichern Mahles bestehendes Abendessen einzunehmen. Das Wetter war kalt; ich saß allein an dem Ende eines großen, düstern Eßzimmers, und als mein Mahl verzehrt war, hatte ich die Aussicht auf einen langen, einförmigen Abend vor mir, ohne irgend sichtbare Mittel, ihn zu beleben. Ich ließ den Wirth kommen und forderte Etwas zu lesen; er brachte mir den ganzen literärischen Vorrath seines Haushaltes, eine holländische Familienbibel, einen Kalender in derselben Sprache und eine Anzahl alter Pariser Zeitungen. Während ich über einer von den letzteren saß und nickte, alte Neuigkeiten und verschollene Kritiken lesend, schlug von Zeit zu Zeit ein lautes Gelächter, das aus der Küche herzukommen schien, an mein Ohr. Jeder, der auf dem festen Lande gereiset hat, wird wissen, welch eine Lieblingszuflucht die Küche eines Wirthshauses auf dem Lande für die mittlere und unterste Classe der Reisenden ist; vorzüglich bei der zweideutigen Art von Wetter, wo ein Kaminfeuer gegen Abend angenehm wird. Ich warf die Zeitung bei Seite und suchte den Weg nach der Küche, um die Gruppe in Augenschein zu nehmen, die so lustig zu sein schien. Sie bestand zum Theil aus Reisenden, welche einige Stunden vorher in einem Postwagen angekommen waren, und zum Theil aus den gewöhnlichen Besuchern und Zugaben von Wirthshäusern. Sie saßen rund um einen großen glasirten Ofen, den man für einen Altar hätte halten können, an welchem sie opferten. Er war mit allerhand Küchengeräthe von glänzender Helle bedeckt, unter welchem ein gewaltiger kupferner Theekessel dampfte und zischte. Eine große Lampe warf eine starke Lichtmasse auf die Gruppe und ließ manche seltsame Gesichtszüge stark hervortreten. Ihre gelben Strahlen erleuchteten zum Theil die geräumige Küche und erstarben im Dunkel der entfernten Winkel; ausgenommen da, wo sie in sanfterem Glanze auf der breiten Seite eines Schinkenstückes sich sammelten, oder von wohlgescheuertem Küchengeräth zurückgeworfen wurden, das mitten aus der Dunkelheit hervorstrahlte. Ein starkgebautes flammändisches Mädchen mit langen, goldenen Gehängen in den Ohren und einem Halsbande, an welchem ein goldenes Herz hing, war die vorsitzende Priesterin des Tempels.

Mehrere aus der Gesellschaft waren mit Pfeifen versehen, und die Meisten von ihnen mit einer Art von Abendtrank. Ich fand, daß ihre Lustigkeit von den Anecdoten herrührte, welche ein kleiner schwärzlicher Franzose, mit einem trockenen, spitzen Gesichte und breitem Backenbart, aus seinen Liebesabenteuern erzählte; am Ende einer jeden erhob sich ein so ehrliches, ungezwungenes Gelächter, wie man es sich nur in diesem Tempel wahrer Freiheit, einem Wirthshause, gestatten kann.

Da ich nicht wußte, wie ich einen langweiligen, stürmischen Abend besser hinbringen sollte, nahm ich meinen Sitz am Ofen und hörte eine Menge von Reisegeschichten mit an, von denen einige sehr übertrieben, die meisten sehr langweilig waren. Sie sind jedoch alle meinem treulosen Gedächtnisse entfallen, bis auf eine, die ich wiederzuerzählen mich bestreben will. Ich fürchte jedoch, daß sie ihren Hauptreiz durch die Art erhielt, wie sie erzählt wurde, und durch die ganz besondere Miene und das Aeußere des Erzählers. Er war ein wohlbeleibter alter Schweizer, der das Ansehen eines ergrauten Reisenden hatte. Er trug eine verschossene grüne Reisejacke, einen breiten Gurt um den Leib und ein Paar Ueberhosen, mit Knöpfen von der Hüfte bis auf die Fußknöchel. Er hatte ein volles rothes Gesicht, ein Doppelkinn, eine Habichtsnase und freundlich blinzelnde Augen. Sein Haar war blond und drängte sich in krausen Locken unter einer alten grünsammetnen Reisemütze hervor, die er auf die eine Seite gesetzt hatte. Er ward mehr als einmal durch die Ankunft von Reisenden, oder durch die Bemerkungen seiner Zuhörer unterbrochen, und hielt dann und wann ein, seine Pfeife wieder zu füllen; wo er dann immer für das flinke Küchenmädchen einen schelmischen Blick, oder einen schlauen Einfall hatte.

Ich wünsche, meine Leser könnten sich den alten Burschen denken, in den gewaltigen Armstuhl gelehnt, einen Arm in die Seite gestemmt, in der Hand des andern einen sonderbar gearbeiteten Pfeifenkopf haltend, der von ächtem Meerschaum und mit einer silbernen Kette und seidenen Troddeln verziert war – den Kopf auf die eine Seite gelegt und zuweilen einen launigen Blick aus der Ecke des Auges hervorschießend, während er die folgende Geschichte erzählte.

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