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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 16
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Begräbnisse auf dem Lande.

Hier ein'ge Blumen! mehr um Mitternacht:
Die Kräuter, die der Thau des Nachts benetzt,
Sind bester Schmuck für Gräber –
Ihr war't wie jetzt gewelkte Blumen; so sei'n
Die Kräuter auch, womit wir auch bestreu'n.
Cymbeline.

Zu den schönen und einfach-herzlichen Gebräuchen des Landlebens, welche in einigen Theilen von England noch fortdauern, gehören die, – Blumen vor den Leichenzügen dahingeschiedener Freunde herzustreuen und auf ihre Gräber zu pflanzen. Sie sollen ein Ueberbleibsel der Gebräuche der ersten Kirche sein; allein sie sind von weit höherem Alter, indem sie schon von den Griechen und Römern beobachtet und häufig von den alten Schriftstellern erwähnt worden sind, und ohne Zweifel stets der freiwillige Zoll der einfachen Liebe waren, der lange bestand, ehe die Kunst versucht hatte, den Schmerz in Gesängen ertönen zu lassen oder ihn auf Denkmale zu graben. Man findet sie jetzt nur in den entferntesten, abgelegensten Gegenden des Königreichs, wo Mode und Neuerungssucht sich noch nicht haben eindrängen und alle merkwürdigen, anziehenden Spuren der alten Zeit auslöschen können.

In Glamorganshire, sagt man, bedecke man das Bett, worauf der Leichnam liege, mit Blumen, ein Gebrauch, auf den in einem der wilden, klagenden Liedern Ophelia's angespielt wird:

Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu seh'n,
Ganz bedeckt mit Blumensegen;
Und zu dem Grab bethaut sie geh'n
Von Liebesregen.

So gibt es auch einen sehr zarten und schönen Gebrauch in einigen entlegenen Dörfern des Südens bei dem Begräbniß junger unverheiratheter Frauenzimmer. Ein junges Mädchen, die der Verstorbenen an Alter, Gestalt und Gesichtszügen am ähnlichsten ist, trägt einen Kranz von weißen Blumen vor der Leiche her, der nachher in der Kirche über dem gewöhnlichen Sitze der Verstorbenen aufgehängt wird. Diese Kränze werden zuweilen von weißem Papier gemacht, um Blumen nachzuahmen, und in denselben befinden sich gewöhnlich ein Paar weiße Handschuhe. Sie sollen als Sinnbilder der Reinheit der Verstorbenen und als Krone der Verklärung dienen, die ihr im Himmel geworden.

In einigen Gegenden des Landes werden die Todten auch unter Gesang von Psalmen und Hymnen zu Grabe getragen, eine Art Triumph, »um,« wie Bourne sagt, »anzudeuten, daß sie ihre Laufbahn mit Freuden zurückgelegt haben, und Sieger geworden sind.« Dieß beobachtet man, wie ich höre, in einigen der nördlichen Grafschaften, besonders in Northumberland, und es macht einen angenehmen, obgleich schwermüthigen Eindruck, an einem ruhigen Abende, in einer einsamen Landschaft, die klagende Weise eines Grabgesanges in der Entfernung anstimmen zu hören, und zu sehen, wie der Zug auf der Flur langsam daherwallt.

So stehn, so stehen wir jetzt rund
Um deinen stillen Grabesgrund;
Dein Grablied singend, legen wir Narcissen dir
Und andre Blumen auf den Stein,
Der unsere Liebe schließet ein.
Herrick.

Auch die Reisenden beweisen diesen vorüberkommenden Leichenzügen in diesen abgelegenen Gegenden eine feierliche Ehrfurcht; denn Auftritte dieser Art, welche sich in den ruhigen Wohnsitzen der Natur begeben, senken sich tief in die Seele. Wenn der Leichenzug sich nähert, bleibt der Reisende mit entblößtem Haupte stehen, um ihn vorübergehen zu lassen; er folgt ihm dann stillschweigend, zuweilen bis an das Grab, zuweilen einige hundert Schritte; nachdem er dem Verstorbenen diesen Zoll der Ehrerbietung dargebracht hat, setzt er seine Reise fort.

Die reiche Ader der Schwermuth, welche durch den englischen Charakter geht, und ihm einige seiner rührendsten und edelsten Züge verleiht, spricht sich sehr schön in diesen erhabenen Gebräuchen und in der Angelegentlichkeit aus, womit die gemeinen Leute für ein ehrenvolles ruhiges Grab sorgen. Der geringste Landmann, welcher Art auch sein niedriges Loos im Leben gewesen sein mag, wünscht doch, daß seinen Ueberbleibseln wenigstens einige Achtung zu Theil werden möge. Sir Thomas Overbury bemerkt, das »schöne glückliche Milchmädchen« schildernd: »So lebt sie, und all' ihre Sorge ist, daß sie in der Frühlingszeit sterben möge, damit man ihr Leichentuch mit recht vielen Blumen zieren könne.« Auch die Dichter, welche immer das Gefühl eines Volkes aussprechen, spielen fortdauernd auf diese angelegentliche Besorgnis um das Grab an. In dem »Trauerspiele von der Jungfrau,« von Beaumont und Fletcher, ist ein schönes Beispiel der Art, wo die eigensinnige Schwermuth eines gemüthskranken Mädchens beschrieben wird:

                                    Wenn sie ein Ufer sieht
Mit Blumen reich bedeckt, so sagt sie seufzend
Den Mägden, welch' ein schöner Ort das sei,
Zum Grab für Liebende, und läßt die Mädchen
Sie pflücken und auf sich als Leiche streu'n.

Die Gewohnheit, Gräber zu zieren, herrschte einst allgemein; man bog Weidenruthen über sie hin, um den Rasen vor allen Beschädigungen zu bewahren, und pflanzte immergrünende Gesträuche und Blumen um sie her. »Wir schmücken,« sagt Evelyn in seiner Sylva, »ihre Gräber mit Blumen und wohlriechenden Pflanzen, den passenden Sinnbildern des menschlichen Lebens, das in der heiligen Schrift mit jenen verwelkenden Schönheit verglichen wird, deren Wurzeln in Unehren begraben worden sind und wieder rühmlich auferstehen.« Dieser Gebrauch ist nun in England sehr selten geworden; man findet ihn indessen noch auf den Kirchhöfen entfernter Dörfer, in den Bergen von Wales; und ich erinnere mich eines Beispiels desselben in der kleinen Stadt Ruthen, welche an dem Eingange des schönen Thales von Clewyd liegt. Auch hat mir ein Freund erzählt, der bei dem Begräbniß eines jungen Mädchens in Glamorganshire gegenwärtig war, daß das weibliche Geleite Schürzen voll Blumen gehabt, welche sie, sobald die Leiche beerdigt gewesen, auf das Grab gesteckt hätten.

Er erwähnte mehrere Gräber, welche auf ähnliche Weise geschmückt worden waren. Da man die Blumen nur in die Erde gesteckt, nicht aber gepflanzt hatte, so waren sie bald verwelkt! und man sah sie in allen Gestalten des Dahinwelkens; einige sich neigend, andere schon ganz abgestorben. Man pflanzte nachher Stechpalmen, Rosmarin und andere immergrünende Sträucher an der Stelle, welche auf einigen Gräbern sehr üppig emporwuchsen und die Grabsteine ganz überschatteten.

Es war sonst eine schwermüthige Zierlichkeit in der Anordnung dieser ländlichen Opfer, welche etwas wahrhaft Dichterisches in sich hatte. Die Rose war zuweilen mit der Lilie gepaart, um ein allgemeines Sinnbild der gebrechlichen Sterblichkeit zu geben. »Diese süße Blume,« sagt Evelyn, »von einem mit Dornen besetzten Stengel getragen und von der Lilie begleitet, sind natürliche Hieroglyphen, von unserm flüchtigen, bewölkten, angstvollen und vorübergehenden Leben, das, so schön auch eine Zeit lang sein Aeußeres erscheint, dennoch nicht ohne seine Dornen und Widerwärtigkeiten ist.« Die Beschaffenheit und Farbe der Blumen und der Bänder, mit denen sie zusammengebunden waren, hatte oft eine besondere Beziehung auf die Eigenschaften oder die Geschichte des Verstorbenen, oder sprach die Gefühle des Trauernden aus. In einem alten Gedicht: »Corydon's Trauertöne« genannt, zählt ein Liebhaber die Zierrathen auf, die er zu wählen beabsichtigt.

Ein Kranz, der wird gebunden,
    Ihn flicht kunstreiche Hand,
Von buntgefärbten Blumen,
    Als treuer Liebe Pfand.

Und buntgefärbte Bänder
    Soll man von mir d'ran sehn;
Doch Schwarz und Gelb vor allen
    Mit ihr zum Grab soll gehn.

Ich deck' ihr Grab mit Blumen,
    Den schönsten, die da blühn;
Ich halte sie mit Thränen
    Statt Regens frisch und grün.

Die weiße Rose, sagt man, wurde auf das Grab einer Jungfrau gepflanzt, ihr Kranz ward zum Zeichen ihrer fleckenlosen Unschuld mit weißen Bändern gebunden, obgleich zuweilen auch schwarze Bänder mit eingeflochten wurden, den Schmerz der Ueberlebenden auszudrücken. Die rothe Rose ward zuweilen gebraucht, um an solche zu erinnern, die sich durch Wohlwollen ausgezeichnet hatten; aber im Allgemeinen brauchte man die Rosen bei Gräbern von Liebenden. Evelyn erzählt uns, daß in der Nähe seines Wohnsitzes, in der Grafschaft Surry, der Gebrauch damals noch nicht ganz abgekommen sei, »wo Mädchen die Gräber ihrer verstorbenen Geliebten mit Rosenbüschen zierten.« – Und Camden bemerkt gleichfalls in seiner Britannia: »Hier herrscht auch der Gebrauch, welcher seit undenklichen Zeiten beobachtet wird, Rosenbäume auf die Gräber zu pflanzen; vorzüglich thun dieß Jünglinge und Mädchen, die ihre Geliebten verloren haben, so daß dieser Kirchhof nun voll davon ist.«

Wenn die Verstorbene unglücklich in ihrer Liebe war, so bediente man sich der Sinnbilder von einem düsterern Charakter, wie Eiben und Cypressen, und wenn man Blumen streute, so waren sie von den traurigsten Farben. So kommt in den Gedichten von Thomas Stanley, welche im Jahre 1651 erschienen, folgende Strophe vor:

                    Doch neige
Sich auf mein traurig Grab
Was Ihr mir weiht, herab, –
    Verlassene Cypressen, Eibenzweige;
Denn holdr'e Blüthen welken hin,
Wenn sie die Unglücksstell' umzieh'n.

In dem »Trauerspiel von der Jungfrau« kommt ein rührendes kleines Lied vor, welches diese Sitte, die Gräber der Frauenzimmer, welche eine unglückliche Liebe gehabt hatten, dergestalt zu schmücken, anschaulich macht.

Legt den Trauerkranz von Eiben
    Wohl auf meine Bahr',
Mädchen, traget Weidenzweige,
    Sagt, daß treu ich war.

Mein' Lieb war falsch, doch ich war fest,
    Von der ersten Stund';
Lieg' leicht auf meiner Hülle,
    Trauter Grabesgrund.

Die natürliche Wirkung des Kummers über die Todten ist, daß der Geist dadurch geläutert und erhoben wird, und wir haben einen Beweis davon in der Reinheit des Gefühls und der ungezwungenen Zierlichkeit der Gedanken, welche in allen diesen Begräbnißgebräuchen vorherrscht. So wurde besonders Vorsorge getragen, daß man nur angenehm riechende immergrünende Sträucher und Blumen brauchen sollte. Die Absicht scheint dabei gewesen zu sein, die Schrecken des Grabes zu mildern, das Gemüth vom Brüten über dem Furchtbaren der hinfälligen Sterblichkeit abzuhalten und das Andenken an die Verstorbenen mit den zartesten und schönsten Gegenständen der Natur in Verbindung zu bringen. Es geht in dem Grabe, ehe der Staub zu dem verwandten Staube zurückkehren kann, ein schrecklicher Uebergang vor, vor dessen Betrachtung die Einbildungskraft zurückschaudert, und wir suchen uns die Gestalt, die wir geliebt haben, noch immer unter den angenehmen Gedankenverbindungen zu denken, welche sie erweckte, als sie vor uns in Jugend und Schönheit blühte. »Legt sie in den Grund,« sagt Laertes von seiner jungfräulichen Schwester:Shakspeare's Hamlet. Fünfter Aufzug.

Und ihrer schönen, unbefleckten Hülle
Entspriesten Veilchen!

Auch Herrick strömt in seinem »Grablied des Jephtha« einen duftenden Strom dichterischer Gedanken und Bilder aus, welcher gewissermaßen die Todten im Andenken der Lebenden mit Wohlgeruch umgibt.

In Frieden schlaf' auf Spezerei'n,
Es soll das Paradies hier sein;
Es mögen Wohlgerüche wachsen, düften
                                                In den Lüften.
Laß Balsam, Kassia Düfte spenden,
Empor aus deinem Denkmal senden.

Die Mädchen finden all sich ein
Um Blumen auf dein Grab zu streun,
Die Jungfrau soll, kömmt sie, zu klagen,
                                        Weihrauch tragen
Auf deinen Altar, dann geschieden
Dich lassen in des Sarges Frieden.

Ich könnte meine Blätter mit vielen Stellen aus den älteren englischen Dichtern anfüllen, welche schrieben, als diese Gebräuche noch galten, und gern häufig darauf anspielten; allein ich habe schon mehr als nöthig ist angeführt. Ich kann jedoch nicht umhin, noch eine Stelle aus Shakspeare zu geben, sollte sie auch schon ganz verbraucht scheinen, da sie die sinnbildliche Deutung, welche oft in diesen Blumengaben liegt, erläutert und zu gleicher Zeit den Zauber der Sprache und das Passende der Bilder hat, wodurch er sich so sehr auszeichnet.

                            Mit den schönsten Blumen,
Weil Sommer währt und ich hier leb', Fidele,
Schmück ich dein traurig Grab; nicht fehle dir
Die blasse Primel, deinem Antlitz gleich; noch
Die Hyacinthe blau wie deine Adern;
Noch wilde Rosen, die wahrhaft nicht süßer
Geduftet, als dein Athem.Shakspeare's Cymbeline. Vierter Aufzug.

Es ist gewiß etwas Rührenderes in diesen frühen, freiwilligen Gaben der Natur, als in den kostbarsten Denkmalen der Kunst; die Hand streut die Blumen, während das Herz warm ist, und die Thräne fällt auf das Grab, während die Liebe die Weidenruthe um den Rasen flicht; aber die Rührung erstirbt unter der langsamen Arbeit des Meißels und erkaltet bei den frostigen Gedanken des bearbeiteten Marmors.

Es ist sehr zu bedauern, daß eine so wahrhaft zarte und rührende Sitte aus dem allgemeinen Gebrauche gekommen ist, und nur noch in den entferntesten unbedeutendsten Dörfern besteht. Allein es scheint, als ob die poetischen Gewohnheiten immer vor den Orten Scheu hätten, welche die gebildete Gesellschaft zu betreten pflegt. Je gebildeter die Leute werden, desto mehr hören sie auf, poetisch zu sein. Sie reden von Poesie, aber sie haben gelernt ihre freien Ergüsse zurückzuweisen, ihren aufstrebenden Bewegungen zu mißtrauen, und an die Stelle ihrer rührendsten und malerischsten Gewohnheiten nur studirte Form und prunkvolle Feierlichkeit zu setzen. Kein Schauspiel kann steifer und frostiger sein, als ein englisches Begräbniß in einer Stadt. Es besteht aus Pracht und düsterem Prunk; Trauerkutschen, Trauerpferde, Trauerfederbüsche und gemiethete Leidtragende, welche aus dem Gram einen Scherz machen. »Es wird,« sagt Jeremias Taylor, »ein Grab gegraben, feierliche Trauer und viel Geschwätz in der Nachbarschaft, und wenn die Tage der Trauer vorüber sind, so sind sie es, und man denkt ihrer nicht mehr.« Der Mitbewohner der fröhlichen und überfüllten Stadt ist bald vergessen; die rasche Folge neuer Freunde und neuer Freuden verwischt ihn aus unseren Gemüthern, und selbst die Scenen und Kreise, worin er sich bewegte, verändern sich ohne Aufhören. Aber Leichenbegängnisse auf dem Lande machen einen ungemein feierlichen Eindruck. Der Streich des Todes verursacht eine größere Lücke in dem Dorfkreise und ist in der ruhigen Einförmigkeit des ländlichen Lebens ein furchtbares Ereigniß. Die hallende Todtenglocke tönt ihren Klang in jedes Ohr; die Schwermuth, die sie einflößt, verbreitet ihre Schwermuth über Hügel und Thal und verdüstert die ganze Landschaft.

Die bleibenden und unbeweglichen Züge der Landschaft erhalten gleichfalls das Andenken des Freundes, mit dem wir uns einst ihrer freuten, und der uns auf unseren einsamsten Spaziergängen Gesellschaft leistete und jede einsame Gegend beleben half. Der Gedanke an ihn verknüpft sich mit jedem Reiz der Natur; wir hörten seine Stimme in dem Widerhall, den er einst gern erweckte; sein Geist weilt in den Lauben, die er sonst besuchte; wir denken an ihn in der wilden bergigen Einsamkeit, oder unter den sinnigen Reizen des Thales. Bei der Frische des heitern Morgens gedenken wir seines leuchtenden Lächelns und seiner ausgelassenen Fröhlichkeit; und wenn der nüchterne Abend mit seinen verhüllenden Schatten und seiner stillen Ruhe wiederkehrt, so rufen wir uns manche Dämmerungsstunde, unter angenehmem Gespräch und in süßgemüthlicher Schwermuth verbracht, zurück.

Jed einsam Plätzchen zaubert mir ihn her,
Nie sei die schuldige Thräne ihm versagt;
Geliebt, bis Leben nicht erfreuet mehr,
Beweint, so lang' die Trauer lebt und klagt.

Eine zweite Ursache, welche das Andenken an die Verstorbenen auf dem Lande erhält, ist, daß das Grab sich unmittelbarer vor den Blicken der Ueberlebenden befindet. Sie gehen auf ihrem Wege zum Gebet bei demselben vorüber; es begegnet ihren Augen, wenn ihre Herzen von den Uebungen der Andacht noch bewegt sind; sie verweilen dabei am Sabbath, wenn das Gemüth von den weltlichen Sorgen sich frei gemacht hat, sich am liebsten von den gegenwärtigen Vergnügungen und Neigungen abwendet und unter den feierlichen Denkzeichen der Vergangenheit sich niederlassen mag In Nord-Wales knieen und beten die Landleute mehrere Sonntage nach der Beerdigung auf den Gräbern ihrer dahingeschiedenen Freunde; und wo der zarte Gebrauch, Blumen zu streuen und zu pflanzen, noch herrscht, wird er immer um Ostern, Pfingsten und an andern Festen wiederholt, wenn die Jahreszeit den Gefährten früherer Feste lebendiger in den Sinn zurückruft. Er wird auch unabänderlich von den nächsten Freunden und Verwandten selbst beobachtet und nicht durch bestellte oder bezahlte Leute besorgt, und wenn ein Nachbar seinen Beistand leiht, so würde es für eine Beleidigung angesehen werden, ihm eine Entschädigung dafür anbieten zu wollen.

Ich habe bei dieser schönen ländlichen Sitte verweilt, weil sie einer der letzten, so wie der heiligsten Liebesdienste ist. Das Grab ist die Feuerprobe der wahren Liebe. Hier legt die göttliche Leidenschaft der Seele ihr Uebergewicht über die instinctmäßige Hinneigung einer bloß thierischen Anhänglichkeit an den Tag. Die letztere muß durch die Gegenwart ihres Gegenstandes beständig aufgefrischt und lebendig erhalten werden; aber die Liebe, welche in der Seele ihren Sitz hat, kann sich von langer Erinnerung nähren. Die bloß sinnlichen Neigungen ermatten und sterben mit den Reizen, welche sie erregten, und wenden sich mit schauderndem Ekel von dem furchtbaren Rande des Grabes ab; daraus aber erhebt sich die wahrhaft geistige Liebe, von jedem sinnlichen Gefühl geläutert, und kehrt wie eine heilige Flamme zurück, um das Herz des Ueberlebenden zu erleuchten und zu heiligen.

Der Kummer um die Verstorbenen ist der einzige Kummer, von welchem wir uns zu scheiden weigern. Jede andere Wunde suchen wir zu heilen – jede andere Betrübniß zu vergessen; aber diese Wunde offen zu halten, betrachten wir als unsere Pflicht – diese Betrübniß nähren wir und brüten in der Einsamkeit darüber. Wo ist die Mutter, welche das Kind gern vergessen würde, das wie eine Blüthe aus ihren Armen schied, obgleich jede Erinnerung daran ein Schmerzgefühl ist? Wo ist das Kind, das die zärtlichen Eltern vergessen würde, obgleich die Erinnerung an sie nur seine Klage erweckt? Wer würde, selbst in der Stunde des Todeskampfes, den Freund vergessen, den er betrauert? Wer würde, selbst wenn das Grab sich über der irdischen Hülle Derer schließt, die er am innigsten liebte, wenn er sein Herz gleichsam zerschmettert fühlt durch die Pforten, welche sich schließen, wer würde einen Trost annehmen, der nur durch Vergessen erkauft werden kann? – Nein, die Liebe, welche über das Grab hinauslebt, ist eine der edelsten Eigenschaften der Seele. Wenn sie ihre Schmerzen hat, so hat sie auch ihre Freuden; und wenn der überwältigende Ausbruch des Kummers sich erst zur sanften Thräne der Erinnerung gemäßigt hat, wenn die plötzliche Angst, die krampfhafte Verzweiflung bei den sichtbaren Trümmern alles dessen, was wir am meisten liebten, sich gesänftigt hat zu sinnigem Nachdenken über das, was der Hingeschwundene in den Tagen seiner Lieblichkeit war – wer würde einen solchen Schmerz aus dem Herzen reißen wollen? Obgleich er zuweilen die heitere Stunde der Freude mit einer vorübergehenden Wolke überzieht, oder eine tiefere Trauer über die Stunde der Betrübniß verbreitet; – wer würde ihn, selbst gegen das Lied der Fröhlichkeit oder den Ausbruch der lauten Lust vertauschen? Nein, es tönt eine Stimme aus dem Grabe, welche angenehmer ist als Gesang. Es gibt ein Andenken an die Todten, zu welchem wir selbst von den Reizen der Lebenden uns hinwenden. O, das Grab! – das Grab! – Es deckt jeden Irrthum – verhüllt jeden Fehler – löscht jeden Groll aus! Aus seinem friedlichen Schooße sprossen nur inniges Bedauern und angenehme Erinnerungen. Wer kann selbst auf das Grab eines Feindes niederblicken und nicht eine reuige Bewegung fühlen, daß er je mit der armen Handvoll Erde, die modernd vor ihm liegt, gestritten habe!

Aber das Grab Derer, die wir geliebt haben – welch ein Ort zum Nachdenken! Da rufen wir in langem Rückblick die ganze Geschichte der Tugend und Milde und die tausend Reize zurück, welche beinahe unbeachtet in dem täglichen vertraulichen Beisammensein an uns verschwendet wurden – hier verweilen wir bei der Zärtlichkeit, der feierlichen, ernsten Zärtlichkeit des Augenblicks der Trennungsscene. Das Todtenbett, mit all seinem unterdrückten Kummer – seine geräuschlose Pflege – seine stumme, sorgsame Aufmerksamkeiten! – Die letzten Beweise der scheidenden Liebe! – Der schwache, flüchtige, durchschauernde – ach, wie durchschauernde – Druck der Hand! – Der letzte liebevolle Blick des starren Auges, welcher noch von dem Rande des Daseins her auf uns fällt! Die schwachen, versagenden Laute, welche noch im Tode uns eine Versicherung der Liebe geben wollen!

Ja, geh' an das Grab der dort eingesenkten Liebe und denke nach! Dort rechne ab mit deinem Gewissen für jede vergangene, unvergoltene Wohlthat – jeden unbeachtet gelassenen Vorzug des dahingeschiedenen Wesens, das nimmer – nimmer – nimmer zurückkehren kann, um durch deine Reue sich versöhnen zu lassen!

Bist du ein Kind und hast je ein Leiden über die Seele, oder eine Furche mehr auf die von Silberhaaren umgebene Stirn eines liebenden Vaters gebracht – bist du ein Gatte und hast je dem liebevollen Wesen, das seine ganze Glückseligkeit in deinen Armen suchte, Gelegenheit gegeben, einen Augenblick an deiner Liebe oder deiner Treue zu zweifeln – bist du ein Freund und hast je in Gedanken, Worten oder Thaten das Gemüth gekränkt, das großmüthig dir vertraute – bist du ein Liebender und hast je dem treuen Herzen, das nun kalt und still zu deinen Füßen liegt, ein unverdientes Weh bereitet; – so sei sicher, daß jeder unfreundliche Blick, jedes unsanfte Wort, jede lieblose Handlung vor dein Gedächtniß treten und peinlich an dein Herz klopfen wird – so sei sicher, daß du dich traurig und reuevoll in das Grab niederlegen und den nicht gehörten Seufzer ausstoßen und die vergebliche Thräne vergießen wirst, desto tiefer, desto bitterer, weil sie ungehört und vergeblich sind.

Dann winde deinen Kranz von Blumen und streue die Schönheiten der Natur um das Grab her; richte dein gebrochenes Herz, wenn du kannst, durch diese zarten, doch vergeblichen Gaben der Liebe auf; aber laß dich warnen durch die Bitterkeit dieser deiner Zerknirschung bei dem Todten, und sei fortan treuer und liebevoller in der Erfüllung deiner Pflichten gegen die Lebenden.

Beim Schreiben des vorstehenden Aufsatzes war es nicht die Absicht, eine ganz ins Einzelne gehende Beschreibung der Begräbnißgebräuche der englischen Landleute zu liefern, sondern nur wenige Winke und Stellen zu geben, welche besondere Gebräuche erläutern; es sollte damit nur eine Anmerkung zu einem andern Aufsatze gegeben werden, der nicht erschienen ist. Der Aufsatz wuchs aber allmählig zu seiner jetzigen Gestalt an, und dieß mag als Entschuldigung für eine so kurze und abgebrochene Erwähnung dieser Gebräuche dienen, nachdem sie umfassend und gelehrt in anderen Werken erforscht worden sind.

Ich muß auch bemerken, wie ich sehr wohl weiß, daß es in anderen Ländern, außer England, auch Sitte ist, die Gräber mit Blumen zu schmücken. In einigen ist sie sogar allgemeiner und wird selbst von den Reichen und den Modeleuten beobachtet; allein sie mag dann wohl ihre Einfachheit verlieren und in etwas Geziertes ausarten. Bright erzählt in seinen Reisen in Nieder-Ungarn von marmornen Denkmalen mit Nischen, um einsam darin zu verweilen, und mit Sitzen in Lauben von Treibhauspflanzen, und daß man die Gräber gewöhnlich mit den schönsten Blumen der Jahreszeit schmücke. Er erzählt beiläufig einen Zug kindlicher Liebe, den ich nicht umhin kann, wieder mitzutheilen; denn es ist eben so lehrreich als erfreulich, durch ihn die liebenswürdigen Tugenden des Geschlechts verherrlicht zu sehen. »Als ich in Berlin war,« sagte er, »geleitete ich den berühmten Iffland zu Grabe. Bei einigem Prunk bemerkte man auch Spuren wahren Gefühls. Während der Feierlichkeit des Einsenkens wurde meine Aufmerksamkeit durch ein junges Frauenzimmer angezogen, welches auf einem kürzlich erst mit Rasen bedeckten Grabhügel stand, den sie ängstlich vor den Tritten der vorübergehenden Menge zu bewahren suchte. Es war das Grab ihres Vaters, und die Gestalt dieser liebevollen Tochter gab ein schöneres Denkmal ab, als es das kostbarste Werk der Kunst sein konnte.«

Ich will nur noch ein Beispiel von einer Grabesverzierung anführen, die ich einst in den Bergen der Schweiz bemerkt habe. Dieß war in dem Dorfe Gersau, welches an den Ufern des Luzernersee's, am Fuße des Rigi, liegt. Es war einst die Hauptstadt einer kleinen Republik, zwischen den Alpen und dem See eingeschlossen, und auf der Landseite nur auf Fußsteigen zugänglich. Die ganze bewaffnete Macht der Republik betrug nicht über sechshundert streitbare Männer, und wenige Quadratmeilen, gleichsam aus den Bergen ausgehöhlt, bildeten ihr Gebiet. Das Dorf Gersau schien von der ganzen übrigen Welt getrennt zu sein, und hat noch die goldene Einfalt einer reineren Zeit behalten. Es hat eine kleine Kirche mit einem daranstoßenden Kirchhofe. An den Kopfenden der Gräber standen hölzerne oder eiserne Kreuze. An einigen derselben waren roh ausgeführte Gemälde befindlich, offenbar Bildnisse der Verstorbenen. An den Kreuzen hingen Blumenkränze, von denen einige verwelkt, andere aber frisch waren, als wären sie gelegentlich erneuert worden. Ich blieb theilnehmend vor dieser Scene stehen, ich fühlte, daß ich an der Quelle der dichterischen Schilderungen stand; denn alles dieß waren die schönen, anspruchlosen Gaben des Herzens, deren Dichter so gern gedenken. An einem lebendigeren und bevölkerteren Orte würde ich geglaubt haben, sie rührten von einer aus Büchern geschöpften Empfindsamkeit her; aber die guten Leute von Gersau wissen wenig von Büchern, es war nicht ein Roman oder ein Liebesgedicht im ganzen Dorfe zu finden, und ich frage, ob je ein Landmann des Orts, während er einen frischen Kranz für das Grab seiner Geliebten wand, träumte, daß er einer der phantasiereichsten Gebräuche dichterischer Frömmigkeit beobachte und im praktischen Sinne ein Dichter sei?

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