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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Wandelbarkeit der Literatur.

Ein Gespräch in der Westminster-Abtei.

      Ich weiß es, eitel ist des Menschen Drang,
Was immer mag durch Sterbliche entsteh'n,
Muß mit dem Zeitenlauf in Nichts vergeh'n.
      Ich weiß es, all der Musen Himmelssang,
Durch Müh'n erkauft und bittre Herzenswehn,
Scheint eitler Schall, den wenige versteh'n,
      Und bloßes Lob ist leichter, eitler Klang.
Drummond von Hawthornden.

Es gibt gewisse halbträumende Geistesstimmungen, in denen wir uns unwillkührlich aus Geräusch und Glanz hinwegstehlen, und irgend ein ruhiges Plätzchen aufsuchen, wo wir unsern Träumereien nachhängen, und unsere Luftschlösser ungestört bauen können. In einer solchen Stimmung schlenderte ich in den alten grauen Kreuzgängen der Westminster-Abtei umher, mich jener Wonne gegenstandlosen Sinnens erfreuend, welches man gern mit dem Namen Nachdenken belegt; als auf einmal ein Schwarm toller Jungen aus der Westminster-Schule, welche Fußball spielten, in die mönchische Stille des Ortes hereinbrach, und die gewölbten Gänge und die modernden Gräber von ihrer Fröhlichkeit widertönen ließ. Ich suchte mich dadurch vor ihrer lauten Fröhlichkeit zu schützen, daß ich noch tiefer in die Einsamkeit des Gebäudes eindrang, und mich an einen der Kirchendiener wandte, um Zutritt zu der Bibliothek zu erhalten. Er führte mich durch ein Portal, welches an bröckelnder Bildhauerarbeit früherer Jahrhunderte reich war und von dem ein düsterer Gang zu dem Kapitelhause und dem Zimmer führte, wo das Doomsday-Book sich befindet.Das Original des, erst im Jahr 1788 vom Parlament herausgegebenen, Landbuches Wilhelm des Eroberers. Auf diesem Gange erblickte man links eine kleine doppelt verschlossene Thüre, deren Riegel der Kirchendiener mit einiger Anstrengung zurückschob, als würde sie nur selten geöffnet. Wir stiegen nun eine dunkle, schmale Treppe hinan und traten, durch eine zweite Thüre gehend, in die Bibliothek.

Ich sah mich in einem hohen, altväterischen Saale, dessen Decke durch starke Stützen von altem englischen Eichenholze getragen wurde. Er ward spärlich durch eine Reihe gothischer, in bedeutender Entfernung von dem Boden befindlicher Fenster erleuchtet, welche, dem Anscheine nach, auf das Dach der Kreuzgänge hinausgingen. Ein altes Bild, irgend einen ehrenwerthen Würdenträger der Kirche in seinem Amtskleide darstellend, hing über dem Kamin. Um den Saal und in einer kleinen Gallerie standen die Bücher in eichenen, mit Schnitzwerk verzierten Schränken aufgestellt. Sie bestanden hauptsächlich aus alten polemischen Schriftstellern, und hatten weit mehr durch die Zeit, als durch den Gebrauch gelitten. Mitten in der Bibliothek stand ein einzelner Tisch, mit zwei oder drei Büchern darauf, einem Tintenfaß ohne Tinte, und einigen wenigen, wegen langen Nicht-Gebrauchs, vertrockneten Federn. Der Ort schien für ruhiges Studium und tiefes Nachdenken geeignet. Er lag mitten zwischen den massiven Mauern der Abtei und von dem Geräusch der Welt abgeschlossen. Ich konnte nur dann und wann das Geschrei der Schulknaben vernehmen, das schwach aus den Kreuzgängen sich verbreitete, und den Klang der Abendglocke, die zum Gebete läutete und bescheiden über die Dächer der Abtei hintönte. Nach und nach ward der fröhliche Lärm immer schwächer und schwächer, und verstummte zuletzt. Die Glocke hörte auf zu läuten und tiefes Schweigen herrschte in den düstern Hallen.

Ich hatte einen kleinen, dicken, seltsam in Pergament gebundenen Quartband mit messingenen Klappen, herabgenommen, und setzte mich an den Tisch in einen ehrwürdigen Lehnstuhl. Statt indessen zu lesen, versetzte mich das feierliche, mönchische Ansehen und die leblose Ruhe des Ortes in ein anhaltendes Nachdenken. Indem ich auf die alten Bände in ihren modernden Deckeln, wie sie auf den Bücherbrettern neben einander standen, und dem Anscheine nach nie in ihrer Ruhe gestört wurden, umherblickte, konnte ich nicht umhin, die Bibliothek mit einer Art literarischer Katakombe zu vergleichen, wo die Schriftsteller, gleich Mumien, andächtig beigesetzt werden, um sich allmählig zu schwärzen und in der Vergessenheit des Staubes dahinzumodern.

Was mag nicht, dachte ich bei mir selbst, ein jeder von diesen, jetzt mit solcher Gleichgültigkeit an die Seite gelegten Bände, für Kopfzerbrechen gekostet haben! wie viele mühevolle Tage! wie manche schlaflose Nächte! Wie mögen sich die Verfasser derselben in die Einsamkeit ihrer Zellen und Kreuzgänge begraben, sich vor aller Menschen Antlitz und dem noch segensreicheren Antlitz der Natur verborgen, und sich mühevollen Untersuchungen und angestrengtem Nachdenken hingegeben haben! Und wozu dieß Alles? um einen Zollbreit eines staubigen Bücherbretts einzunehmen – oder damit der Titel ihrer Werke dann und wann in einem künftigen Jahrhundert von irgend einem schläfrigen Geistlichen oder zufälligen Besucher, wie ich es bin, gelesen werde, und in dem nächsten Jahrhunderte, selbst für die Erinnerung, ganz untergehe. So verhält es sich mit dieser gepriesenen Unsterblichkeit. Ein bloßes einstweiliges Aufsehn, ein örtliches Lautwerden, gleich dem Klange der Glocke, welcher so eben zwischen diesen Thürmen erschollen ist, der das Ohr auf einen Augenblick erfüllt – noch einige Secunden in Widerhall fortdauert – und dann verhallt, wie etwas, das nicht da gewesen ist!

Während ich so, halb in mich hineinmurmelnd, halb in diese unfruchtbaren Grübeleien versunken, den Kopf in die Hand gestützt, da saß, trommelte ich mit der andern Hand auf den Quartband, bis ich, von ungefähr, die Klappen losgemacht hatte, als auf einmal, zu meinem großen Erstaunen, das kleine Buch zwei- oder dreimal zu gähnen anfing, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlafe erwacht, hierauf ein trockenes Räuspern vernehmen ließ, und endlich zu sprechen begann. Anfangs klang seine Stimme sehr heiser und gebrochen, da eine Spinnewebe, welche eine gelehrte Spinne quer über dasselbe gespannt hatte, ihm im Wege war, so wie auch deßwegen, weil es sich wahrscheinlich durch den langen Aufenthalt in der Kälte und Dumpfheit der Abtei eine Erkältung zugezogen hatte. Nach kurzer Zeit ward indessen seine Stimme vernehmlicher, und ich fand bald, daß es ein ungemein fließend sich ausdrückendes kleines Buch war. Seine Sprache war allerdings ungewöhnlich und veraltet, und seine Aussprache würde man heut zu Tage für barbarisch gehalten haben; allein ich werde mich bemühen, Alles in neuerer Mundart wieder zu geben.

Er begann mit Strafworten über die Vernachlässigung der Welt – darüber, daß man das Verdienst in der Dunkelheit dahin schmachten lasse, und andern solchen Gemeinplätzen schriftstellerischer Unzufriedenheit, und beklagte sich bitter darüber, daß man ihn seit länger als zwei Jahrhunderten nicht geöffnet habe. Nur der Dechant blicke dann und wann in die Bibliothek, nehme zuweilen ein oder zwei Bücher heraus, beschäftige sich einige Augenblicke mit ihnen, und stelle sie dann wieder auf das Bücherbrett. »Was, zum Henker, meinen sie denn,« sagte der kleine Quartband, der, wie ich bemerkte, etwas cholerischer Art war; »was, zum Henker, meint man denn, daß man mehrere tausend Bände unserer Art hier aufspeichern, und von einigen alten Kirchendienern bewachen läßt, wie Schönheiten in einem Harem, bloß damit uns der Dechant dann und wann betrachten kann? Die Bücher sind dazu geschrieben, um Vergnügen zu gewähren und damit man sich an ihnen erfreue; und ich wünschte, daß eine Verordnung erlassen würde, wonach der Dechant Jedem von uns, wenigstens alljährlich, einen Besuch abstatten müßte, oder, wenn er das nicht leisten kann, so mag man von Zeit zu Zeit die ganze Westminster-Schule unter uns loslassen, daß wir auf jeden Fall doch dann und wann einmal in Bewegung kommen.«

»Gemach, mein würdiger Freund,« erwiederte ich: »Ihr wißt nicht, daß Ihr bei weitem besser daran seid, als die meisten Bücher eurer Zeit. Dadurch, daß Ihr hier in dieser alten Bibliothek aufgestapelt worden, seid Ihr wie die wohlaufbewahrten Ueberbleibsel jener Heiligen und Monarchen, welche in den benachbarten Capellen ruhen, während die Ueberbleibsel anderer gleichzeitiger Sterblichen, welche dem gewöhnlichen Gang der Natur überlassen werden, schon längst wieder in den Staub zurückgekehrt sind.«

»Nein, Herr,« sagte der kleine Band, indem er seine Blätter aufblies und eine stolze Miene annahm: »ich bin für die ganze Welt geschrieben worden, nicht aber für die Bücherwürmer einer Abtei. Ich war bestimmt, aus einer Hand in die andere zu gehen, wie andere gleichzeitige große Werke; hier aber habe ich länger als zwei Jahrhunderte fest zugeschlossen gestanden, und wäre schweigend eine Beute der Würmer geworden, die an meinen Eingeweiden nagen, hättet Ihr mir nicht zufällig Gelegenheit gegeben, ein paar Worte zu sagen, ehe ich in Stücke zerfalle.«

»Mein guter Freund,« erwiederte ich: »wäret Ihr in den Umlauf gekommen, dessen Ihr erwähnt, so wäret Ihr schon lange nicht mehr. Nach Eurer Miene zu urtheilen, seid Ihr jetzt sehr vorgerückt an Jahren; sehr Wenige von Euren Zeitgenossen können jetzt noch vorhanden sein; diese Wenigen haben ihr hohes Alter dem Umstande zu verdanken, daß sie, wie Ihr selbst, in alte Bibliotheken eingeschlossen gewesen sind, welche Ihr, – erlaubt mir, das noch hinzuzufügen, – statt sie mit Harems zu vergleichen, weit besser und dankbarer mit den Krankenanstalten hättet zusammenstellen können, welche zum Besten alter und gebrechlicher Leute, mit den religiösen Stiftungen verbunden worden sind, wo sie durch ruhige Pflege, und weil sie ohne Beschäftigung sind, oft ein ungemein hohes, unnützes Alter erreichen. Ihr sprecht von Euren Zeitgenossen, als ob diese in Umlauf wären – wo findet man denn noch etwas von ihren Werken? Was hört man noch von Robert Groteste aus Lincoln? Niemand kann sich mehr abgemüht haben, um zur Unsterblichkeit zu gelangen, als er. Er soll beinahe zweihundert Bände geschrieben haben. Er baute gleichsam eine Pyramide von Büchern auf, seinen Namen zu verewigen; aber ach! die Pyramide ist längst zerfallen, und nur wenige Bruchstücke davon sind noch in den verschiedenen Bibliotheken zerstreut, wo sie selbst von dem Alterthumsforscher kaum in Bewegung gesetzt werden. Wieviel hören wir noch von dem Giraldus Cambrensis, dem Geschichtschreiber, Alterthumsforscher, Weltweisen, Gottesgelehrten und Dichter? Er schlug zwei Bischofthümer aus, um sich zurückziehen und für die Nachwelt schreiben zu können; doch die Nachwelt fragte nie nach seinen Arbeiten. Was hört man von Heinrich von Huntingdon, der, außer einer gelehrten Geschichte von England, noch eine Abhandlung über die Betrachtung der Welt geschrieben, für welche sich die Welt dadurch gerächt, daß sie ihn vergessen hat? Was führt man noch von Joseph von Exeter an, den man das Wunder seiner Zeit in der classischen Schreibart nannte? Von seinen drei großen Heldengedichten ist eins, bis auf ein bloßes Bruchstück, auf immer verloren; die übrigen nur einigen Wenigen bekannt, die nach Seltenheiten in der Literatur suchen, und was seine Liebesgedichte und Epigramme betrifft, so sind sie gänzlich verschwunden. Was weiß man wohl noch von Johann von Wallis, dem Franziskaner, der sich den Namen des Baums des Lebens erworben hatte; von Wilhelm von Malmesbury; – von Simeon von Durham; – von Benedict von Peterborough; – von Johann Hanvill von St. Albans? – von –«

»Aber, mein Freund,« rief der Quartband in einem mürrischen Tone: »für wie alt haltet Ihr mich denn? Ihr sprecht von Schriftstellern, die lange vor meiner Zeit gelebt haben, und entweder Lateinisch oder Französisch schrieben, so daß sie sich gewissermaßen selbst aus ihrem Vaterlande verbannt, und deßwegen verdient haben, vergessen zu werden; ich aber, mein Herr, bin aus der Presse des berühmten Wynkyn de Worde hervorgegangen. Ich ward in meiner vaterländischen Sprache geschrieben, zu einer Zeit, als sich diese zu begründen angefangen hatte, und in der That, ich ward für ein Muster von reinem und zierlichen Englisch angesehen.«

(Ich muß bemerken, daß diese Aeußerungen in so unerträglich altväterischen Ausdrücken vorgetragen wurden, daß ich unendliche Mühe gehabt habe, sie in neuerer Redeweise wieder zu geben).

»Ich bitt' Euch um Entschuldigung,« sagte ich, »wenn ich mich in Euerem Alter geirrt habe, allein das thut wenig, beinahe alle Schriftsteller Eurer Zeit sind ebenfalls in Vergessenheit gekommen, und de Worde's Drucke sind bloße literarische Seltenheiten bei den Büchersammlern geworden. Auch die Reinheit und Festigkeit der Sprache, worauf Ihr Eure Ansprüche auf Unsterblichkeit gründet, sind der trügerische Rückhalt der Schriftsteller aller Zeitalter, bis auf die Zeiten des ehrenwerthen Robert von Gloucester herab gewesen, der seine Geschichte in halbsächsischen Reimen schrieb.«Holingshed bemerkt in seiner Chronik: »Späterhin ward auch durch die Sorgfalt Geffry Chaucer's und John Gowe's, zur Zeit Richard des Zweiten, und nach ihnen durch John Scogan und John Lydgate, den Mönch von Berie (Bury), besagte unsere Sprache zu einer großen Vortrefflichkeit gebracht; obgleich sie ihre eigentliche Vollkommenheit erst zur Zeit der Königin Elisabeth erreichte, wo John Jewell, Bischof von Sarum, John Fox und mehrere gelehrte und treffliche Schriftsteller, die Zierde derselben, zu ihrem großen Lobe und unsterblichen Ruhme, sie auf das Höchste gebracht haben.« – Anm. des Verf. Selbst jetzt noch sprechen manche von Spenser's: »Brunnen von reinem unverderbten Englisch,« als ob die Sprache je aus einem Brunnen oder Quell entsprungen, und nicht vielmehr ein bloßer Zusammenfluß mehrerer Zungen wäre, welcher beständigen Veränderungen und Vermischungen unterworfen ist. Dieß hat die englische Literatur so sehr veränderlich und den darauf gebauten Ruf so wankend gemacht. So lange man die Gedanken keinem dauernderen und unveränderlicheren Mittel, als diesem anvertrauen kann, muß selbst der Gedanke das Schicksal aller andern Dinge theilen und untergehen. Dieß sollte als Warnung gegen die Eitelkeit und den Uebermuth selbst des beliebtesten Schriftstellers dienen. Er findet, daß die Sprache, auf welche er seinen Ruhm gebaut hat, allmählig eine andere Gestalt annimmt und den Zerstörungen der Zeit und den Launen der Mode unterworfen ist. Er blickt zurück und sieht die früheren Schriftsteller seines Vaterlandes, einst die Lieblinge ihrer Zeit, von neueren Schriftstellern verdrängt. Einige wenige Jahrhunderte haben sie in Dunkelheit gehüllt, und nur der eigenthümliche Geschmack des Bücherwurms vermag noch ihre Verdienste zu würdigen. Und so kann er voraussehen, was das Schicksal seines eigenen Werkes sein wird, das, obgleich zu seiner Zeit bewundert und als Muster von Reinheit dargestellt, im Laufe der Jahre veralten und einst ganz ungebräuchlich sein wird, bis es in seinem eigenen Vaterlande beinahe so unverständlich wird, wie ein ägyptischer Obelisk oder eine der Runenschriften, welche in den Wüsten der Tartarei noch vorhanden sein sollen. »Ich muß gestehen,« fügte ich mit einiger Bewegung hinzu, »daß, wenn ich eine jetzige Bibliothek betrachte, welche mit neuen Werken in der ganzen Pracht der Vergoldung und des Einbandes angefüllt ist, ich mich niedersetzen und weinen möchte, wie der gute Xerxes, der, als er über sein Heer Schau hielt, welches in dem ganzen Prunk kriegerischer Zurüstung dastand, bei sich bedachte, daß in hundert Jahren nicht Ein Mann mehr davon am Leben sein würde!«

»Ach,« sagte der kleine Quartband mit einem tiefen Seufzer: »ich sehe wohl, wie die Sache ist; diese neueren Schmierer haben alle gute alten Schriftsteller verdrängt. Ich glaube, daß man heutiges Tages nichts weiter liest, als Sir Philipp Sydney's Arkadia, Sackville's stattliche Schauspiele und seinen Spiegel für Magistratspersonen, oder die schöngesponnenen Euphüismen des »unvergleichlichen John Lyly.«

»Da seid Ihr auch wiederum sehr im Irrthum,« sagte ich: »die Schriftsteller, von denen Ihr glaubt, daß sie beliebt wären, weil dies der Fall war, als Ihr noch Mode waret, sind längst verschollen. Sir Philipp Sydney's Arkadia, deren Unsterblichkeit seine Bewunderer mit solcher Gewißheit voraussagtenLebe auf immer, süßes Buch! das einfache Bild seines angenehmen Geistes und der goldene Pfeiler seines edlen Muthes, und verkünde ewig der Welt, daß, der dich geschrieben, der Schreiber der Beredsamkeit, der Hauch der Musen, die Honigbiene der schönsten Blumen des Geistes und der Kunst, der Verein aller sittlichen und geistigen Tugenden, der Arm der Bellona im Kriege, die Zunge der Suada im Zimmer, der Geist der That in der Wirklichkeit und das höchste Bild der Vortrefflichkeit in Büchern war. Harvey, Pierce's Uebergebühr., und welche in der That voll von edlen Gedanken, schönen Bildern und zierlichen Sprachwendungen ist, wird jetzt kaum mehr erwähnt. Sackville ist in die Dunkelheit eingegangen; und selbst Lyly, obgleich seine Schriften einst das Entzücken eines Hofes und wahrscheinlich durch ein Sprichwort für die Ewigkeit aufbehalten waren, ist kaum mehr dem Namen nach bekannt. Ein ganzer Haufen von Schriftstellern, welche damals schrieben und haderten, sind, sammt ihren Schriften und Streitigkeiten, in Vergessenheit begraben. Welle um Welle hat die nachfolgende Literatur sie bedeckt, und sie so tief in den Grund hinabgespült, daß nur dann und wann ein wißbegieriger Taucher, welcher Bruchstücke des Alterthums sucht, eine Probe davon zur Befriedigung der Neugierigen heraufbringt.«

»Was mich betrifft,« fuhr ich fort, »so seh' ich diese Veränderlichkeit der Sprache als eine weise Einrichtung der Vorsehung an, welche zum Vortheil der Welt im Allgemeinen, und der Schriftsteller im Besondern, es so gewollt hat. Wenn wir nach ähnlichen Erscheinungen schließen wollen, so sehen wir täglich die verschiedenen schönen Geschlechter der Gewächse entstehen, blühen, die Felder auf eine kurze Zeit schmücken, und dann in Staub zerfallen, um ihren Nachfolgern Platz zu machen. Wäre dieß nicht der Fall, so würde die Fruchtbarkeit der Natur, statt eines Segens, ein Fluch sein. Die Erde würde unter der Last eines üppigen und wuchernden Pflanzenlebens erseufzen, und ihre Oberfläche eine verworrene Wildniß werden. Auf ähnliche Weise sinken die Werke des Genie's und der Gelehrsamkeit und machen den nachfolgenden Erzeugnissen Platz. Die Sprache wechselt allmählig, und mit ihr verwelken die Erzeugnisse der Schriftsteller, welche die ihnen gesetzte Zeit geblüht haben; denn, wäre dieß nicht der Fall, so würde die Schöpferkraft des Genie's in Kurzem die Welt überschwemmen und der Verstand in den endlosen Irrgärten der Literatur ganz verwirrt werden. Früherhin gab es einige Schranken für diese übermäßige Vermehrung. Die Werke mußten abgeschrieben werden, was eine langwierige und mühsame Arbeit war; man schrieb sie entweder auf Pergament, was sehr kostbar, so daß oft ein Werk verwischt werden mußte, um einem andern Platz zu machen, oder auf Papyrus, der leicht zerstörbar und sehr vergänglich war. Die Schriftstellerei war ein begrenztes und uneinträgliches Gewerbe, das vorzüglich von Mönchen in der Muße und Einsamkeit ihrer Zellen betrieben wurde. Die Ansammlung von Handschriften ging langsam vor sich, war kostbar und beinahe ganz auf die Klöster beschränkt. Diesen Umständen ist es wohl einigermaßen beizumessen, daß wir mit dem Verstande des Alterthums nicht überschüttet worden sind; daß die Quellen des Denkens nicht gesprengt worden sind und das Genie der Neueren nicht ertränkt wurde in dieser Sündfluth. Die Erfindung des Papiers und der Druckerpresse hat indessen allem diesem Zwange ein Ende gemacht. Sie hat einen Jeden zu einem Schriftsteller geschaffen, und jedes Gemüth in den Stand gesetzt, sich in den Druck zu ergießen und sich über die ganze geistige Welt zu verbreiten. Die Folgen davon sind beunruhigend. Der Fluß der Literatur ist zu einem Gießbach angeschwollen – zu einem Strom geworden – hat sich zu einem Meer ausgedehnt. Vor einigen Jahrhunderten bildeten fünf- oder sechshundert Handschriften eine große Bibliothek; was würdet Ihr aber sagen, wenn Ihr Bibliotheken sähet, wie es deren heut zu Tage gibt, welche drei- bis viermalhunderttausend Bände enthalten; Legionen von Schriftstellern, die alle zu gleicher Zeit beschäftigt sind, und die Presse, welche mit furchtbar zunehmender Thätigkeit dahin arbeitet jene Anzahl zu verdoppeln, ja bis zum Vierfachen zu vermehren? Wenn nicht eine unvorhergesehene Sterblichkeit unter den Abkömmlingen der Muse einreißt, zittere ich, da diese jetzt so ungemein fruchtbar geworden ist, für die Nachwelt. Ich fürchte, das bloße Schwanken der Sprache wird hinreichend sein. Die Kritik kann viel thun. Sie wächst mit dem Zuwachse der Literatur und gleicht einem der heilsamen Hindernisse der Uebervölkerung, von welchem die Staatswirthe zu reden pflegen. Man sollte deßhalb der Vermehrung der Kritiker, guter oder schlechter, alle mögliche Förderung geben. Aber ich fürchte, daß alles dieß vergebens sein wird; was auch die Kritik thun mag, so werden die Schriftsteller schreiben, die Drucker drucken und die Welt unausbleiblich mit guten Büchern überladen werden. Es wird bald eine Beschäftigung für eine Lebenszeit werden, nur ihre Titel zu wissen. Viele Leute von ganz leidlicher Bildung lesen gegenwärtig kaum etwas anderes als Recensionen; und es wird nicht lange dauern, so wird ein Gelehrter nichts weiter sein, als ein wanderndes Bücherverzeichniß.«

»Mein guter Herr,« sagte der kleine Quartband, indem er mir mißmuthig in das Gesicht gähnte, »entschuldigt mich, wenn ich Euch unterbreche, aber ich merke, Ihr habt etwas Hang, breit zu werden. Ich möchte gern etwas von dem Schicksale eines Schriftstellers wissen, der einiges Aufsehen zu machen anfing, als ich auf der Welt trat. Man hielt indessen seinen Ruf nur für vorübergehend. Die Gelehrten schüttelten die Köpfe über ihn; denn er war ein armer halberzogener Wicht, der wenig Latein und gar kein Griechisch wußte, und wegen Wilddiebstahls genöthigt war, sich im Lande flüchtig umherzutreiben. Ich meine, er habe Shakspeare geheißen. Wahrscheinlich ist er bald vergessen worden.«

»Im Gegentheil,« sagte ich; »gerade diesem Manne verdankt man es, daß die Literatur seiner Zeit über die gewöhnliche Dauer der englischen Literatur hinaus im Andenken geblieben ist. Es treten dann und wann Schriftsteller auf, welche der Veränderlichkeit der Sprache Trotz zu bieten scheinen, weil sie in den unveränderlichen Grundsätzen der menschlichen Natur Wurzel geschlagen haben. Sie sind wie riesenhafte Bäume, welche wir zuweilen an den Ufern eines Stromes sehen, die, vermittelst ihrer gewaltigen, tiefgehenden Wurzeln, welche durch die Oberfläche hindurch sich einen Weg bahnen und in die Grundvesten der Erde einzudringen scheinen, es verhindern, daß der Boden um sie her von dem überfließenden Strome hinweggespült werde und manche benachbarte Pflanze und, vielleicht werthloses, Unkraut vor dem Untergange bewahren. Dieß ist der Fall bei Shakspeare, den wir die Schranken der Zeit verachten und bewirken sehen, daß die Sprache der Literatur seiner Zeit in neuerm Gebrauche bleibt und daß mancher unbedeutende Schriftsteller, bloß deßwegen, weil er in seiner Nähe geblüht hat, noch bekannt ist. Aber auch er nimmt, wie ich leider sagen muß, allmählig die Färbung des Alters an, und sein ganzes Aeußere ist mit einer Menge von Erläuterern bewachsen, die, wie umschlingende Ranken und Schmarotzerpflanzen, den edlen Baum, der sie trägt, beinahe ersticken.«

Hier fing der kleine Quartband an, die Seiten zu bewegen und zu kichern, bis er einen plethorischen Lachkrampf bekam, an dem er, seiner ungemeinen Wohlbeleibtheit wegen, beinahe erstickt wäre. »Vortrefflich!« rief er, sobald er wieder zu Athem kommen konnte, – »vortrefflich! und so wollt Ihr mich denn wirklich überreden, daß die Literatur eines Zeitalters durch einen umstreifenden Wilddieb, durch einen Menschen ohne Gelehrsamkeit, durch einen Dichter, ja – einen Dichter! – bleibend gemacht werden könnte!« – und damit keichte er abermals ein krampfhaftes Gelächter hervor.

Ich muß gestehen, daß mich seine Derbheit etwas verdroß, die ich ihm jedoch verzieh, weil er in einem weniger gebildeten Zeitalter geblüht hatte. Ich war indessen entschlossen, meine Sache nicht aufzugeben.

»Ja,« erwiederte ich sehr bestimmt, »durch einen Dichter; denn von allen Schriftstellern hat er die wahrscheinlichste Aussicht auf Unsterblichkeit. Andere mögen aus dem Kopfe schreiben, er aber schreibt aus dem Herzen, und das Herz wird ihn jederzeit verstehen. Er ist der getreue Nachbildner der Natur, deren Züge immer dieselben und immer anziehend sind. Schriftsteller in Prosa sind bändereich und unbehülflich; ihre Blätter wimmeln von Gemeinplätzen, und sie spinnen ihre Gedanken immer bis zum Ekel aus. Bei dem wahren Dichter ist dagegen Alles gedrängt, rührend oder glänzend. Er gibt die ausgesuchtesten Gedanken in der ausgesuchtesten Sprache. Er macht sie durch Alles, was er nur Bedeutsames in der Natur und der Kunst findet, anschaulich. Er bereichert sie durch Bilder aus dem menschlichen Leben, so wie es an ihm vorübergeht. Seine Schriften enthalten mithin den Geist und, wenn ich mich des Wortes bedienen darf, das Arom des Zeitalters, worin er lebt. Sie sind Behältnisse, welche in einem kleinen Raume den Reichthum der Sprache verschließen – ihre Familienjuwelen, welche auf diese Weise in einer bequemen Gestalt der Nachwelt überliefert werden. Die Fassung mag zuweilen veraltet sein und dann und wann geändert werden müssen, wie dieß bei Chaucer der Fall ist, allein das Feuer und der innere Werth der Steine bleiben unverändert. Werft einen Blick auf die lange Reihenfolge der Geschichte der Literatur! Welche gewaltige Thalgründe voll Einförmigkeit, mit mönchischen Legenden und akademischen Streitigkeiten angefüllt! welche Moräste von theologischen Spekulationen! welche furchtbare Einöden von Metaphysik! Nur hie und da sehen wir die vom Himmel erleuchteten Barden, welche wie Feuerthürme auf ihren weit von einander entfernten Höhen stehen, um das reine Licht der dichterischen Weisheit von Zeitalter zu Zeitalter zu befördern.«

Durch Erd' und Wasser dringet
    Die Feder mit Geschicke,
Enthüllt die ird'sche Täuschung
    Und zeiget unserm Blicke
In einem Spiegel Tugend
    Und Frevelthat im Leben;
So süß ist nicht der Honig,
    Den fleiß'ge Bienen geben,
Als all' die goldnen Blätter,
    Die Dichterhäupter reichen, –
Und die, wie Blei den Schlacken,      
    Der Alltags-Sprache gleichen.
Churchyard (1594).

Ich war so eben im Begriff, eine Lobrede auf die Dichter der jetzigen Zeit zu halten, als das plötzliche Oeffnen der Thüre mich veranlaßte umzublicken. Es war der Kirchendiener, der eintrat, um mir anzuzeigen, daß es Zeit sei, die Bibliothek zu schließen. Ich wollte dem Quartbande ein Wort des Scheidens sagen, aber das ehrenwerthe kleine Buch war still; seine Klappen hatten sich geschlossen, und es sah aus, als ob es von allem Vorgegangenen durchaus nichts mehr wisse. Ich bin seitdem zwei- oder dreimal in der Bibliothek gewesen, und habe mich bemüht, es abermals zum Sprechen zu bringen, aber vergebens; und ob dieses abgebrochene Gespräch wirklich Statt gefunden habe, oder ob dieß nicht abermals einer von den seltsamen Tagesträumen ist, mit denen ich behaftet bin, habe ich bis auf diesen Augenblick nicht recht herausbringen können.

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