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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 12
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Dorfkirche.

                                          Ein Gentleman?
Was, von dem Wollsack? von der Zuckerkiste?
Vom Sammetband? Was ist's, Pfund oder Elle,
Nach dem Ihr Eure Vornehmheit verkauft?
Beaumont und Fletcher's Bettlerbusch.

Es gibt wenige Orte, welche zu dem Studium des menschlichen Charakters eine bessere Gelegenheit darbieten, als eine englische Dorfkirche. Eine solche befand sich unfern von dem Landsitze eines Freundes, bei welchem ich einst mehrere Wochen verweilte, und gab mir nicht selten Stoff zu den mannigfachsten Betrachtungen. Es war eines jener schönen Ueberbleibsel zierlichen Alterthums, welche einer englischen Landschaft einen so eigenthümlichen Reiz geben. Sie lag mitten in einer Grafschaft, in welcher viele alte Familien wohnten, und in ihren kalten und stillen Hallen ruhte der Staub mehrerer edeln Geschlechter. Die innern Mauern waren mit Denkmälern aus jedem Zeitalter und von jedem Styl bedeckt; das Licht strömte durch hohe Fenster und wurde durch die Wappen, womit das Glas reich ausgemalt war, geschwächt. An manchen Stellen der Kirche sah man Grabmäler alter Ritter und edler Frauen von prächtiger Arbeit, mit ihren Ebenbildern in farbigem Marmor. Von allen Seiten traf das Auge auf Beweise vergänglicher Eitelkeit, auf irgend ein stolzes Denkmal, welches menschlicher Hochmuth, in diesem Tempel der demüthigsten aller Religionen, über dem verwandten Staube errichtet hatte.

Die Gemeinde bestand aus den benachbarten Familien von Stande, welche in prächtig ausgeschlagenen und gepolsterten Kirchstühlen saßen, in denen reich vergoldete Gebetbücher lagen, und an deren Thüren ihre Wappen prangten; auf den Dorfbewohnern und Bauern, welche die hinteren Sitze und eine kleine Gallerie neben der Orgel einnahmen, – und den Armen des Kirchspiels, welche auf Bänken in den Seitengängen saßen.

Der Gottesdienst wurde von einem näselnden, wohlgenährten Geistlichen gehalten, der eine artige Wohnung neben der Kirche hatte. Er war ein privilegirter Gast an all den Tafeln in der Nachbarschaft, und hatte als der größte Fuchsjäger in der Grafschaft gegolten, bis Alter und Wohlleben ihn unfähig machten, an einer Jagd weiteren Antheil zu nehmen, als mitzureiten, um die Hunde los lassen zu sehen, und nachher einen Platz bei dem Waidmahle einzunehmen.

Einem solchen Geistlichen gegenüber fand ich es unmöglich, mich in den Gedankengang zu versetzen, welcher sich zu Zeit und Ort schickte; da ich mich wohl, wie andere arme Christen zu thun pflegen, mit meinem Gewissen dadurch abgefunden hatte, daß ich die Bürde meiner eigenen Sünden an des Nächsten Schwelle niederlegte, beschäftigte ich mich damit, Betrachtungen über meine Nachbarn zu machen.

Ich war noch fremd in England, und wünschte daher, die Sitten der vornehmen Stände genauer kennen zu lernen. Ich fand bald, daß, wie gewöhnlich, der geringste Anspruch sich da blicken ließ, wo er noch am ersten hätte gerechtfertigt werden können. Meine Aufmerksamkeit war, zum Beispiel, vorzüglich durch die Familie eines Edelmannes von hohem Range, welche aus mehreren Söhnen und Töchtern bestand, erregt. Nichts konnte einfacher und anspruchsloser sein, als die Art, wie sie sich bei dem Eintritte benahmen. Sie kamen gewöhnlich in der einfachsten Equipage, und oft zu Fuß nach der Kirche. Die jungen Damen pflegten stehen zu bleiben, und auf das leutseligste mit den Bauern zu sprechen, die Kinder zu liebkosen und die Erzählungen der armen Dorfbewohner anzuhören. Ihre Züge waren offen und lieblich-schön und hatten einen Ausdruck von hoher Bildung, aber zu gleicher Zeit von unbefangener Heiterkeit und höchst anziehender Freundlichkeit. Ihre Brüder waren groß und zierlich gewachsen. Sie waren nach der Mode, aber einfach gekleidet, mit großer Nettigkeit und Anstand, aber ohne Stutzerei und Uebertreibung. Ihr ganzes Benehmen war ungezwungen und natürlich, von erhabener Anmuth und edler Gewandtheit, welche die freigebornen Seelen bezeichnet, die in ihrer Entwickelung nie von dem Gefühl der Unterordnung beschränkt worden sind. Es liegt in der wahren Würde eine gesunde Unverzagtheit, welche sich nie scheut, mit Anderen in Berührung und Gemeinschaft zu kommen, so geringen Standes sie auch sein mögen. Nur der falsche Stolz hat etwas Krankhaftes und Empfindliches, und schreckt vor jeder Berührung zurück. Es gewährte mir Vergnügen, die Art zu sehen, auf welche sie sich mit den Landleuten über die ländlichen Geschäfte und Vergnügungen unterhielten, an denen die gebildete Classe dieses Landes so viel Geschmack findet. Bei diesen Unterhaltungen zeigte sich weder Hochmuth auf der einen, noch Kriecherei auf der andern Seite; und nur die gewohnte ehrfurchtsvolle Zurückhaltung, den die Landleute beobachteten, erinnerte an die Verschiedenheit des Standes.

Den Gegensatz mit dieser Familie bildete die eines reichen Bürgers, der ein großes Vermögen angehäuft, und, nachdem er das Gut und das Haus eines zu Grunde gerichteten Edelmannes in der Nachbarschaft gekauft hatte, die ganze Lebensweise und die Würde eines Erbgrundherrn anzunehmen suchte. Die Familie kam jedesmal »en Prince« nach der Kirche. Sie wurde majestätisch in einem, mit dem Wappen prangenden Wagen daher gefahren. Die Helmzierde glänzte in Silberschimmer auf allen Theilen des Geschirres, wo eine Helmzierde nur anzubringen war. Ein dicker Kutscher mit dreieckigem Hut und reicher Tresse darum, und mit einer flachsenen Perücke, welche sich um sein rosiges Gesicht kräuselte, saß auf dem Bocke, ein glatter dänischer Hund neben ihm. Zwei Bediente in glänzender Livree, mit ungeheueren Sträußen und Röhren mit goldenem Knopf, standen hinten auf der Kutsche. Der Wagen wiegte sich auf den langen Federn gar stattlich ab und auf. Selbst die Pferde nagten die Gebisse, schüttelten die Hälse und rollten die Augen stolzer als andere Pferde; entweder weil sie etwas von dem Familienstolze mit erhalten hatten, oder schärfer als gewöhnlich gezäumt waren.

Ich mußte die Art und Weise bewundern, womit diese glänzende Erscheinung sich an der Thür des Kirchhofes präsentirte. Schon das Umkehren um die Ecke war von großem Effect; – ein starker Knall der Peitsche, das Ausgreifen und Anstrengen der Pferde, das Blitzen des Geschirres und das Dahinrollen der Räder durch den Kies. Dieß war der Augenblick des Triumphs und eitlen Ruhms für den Kutscher. Die Pferde wurden abwechselnd angetrieben und zurückgehalten, bis sie schäumten. Nun warfen sie die Beine in hohem Trabe aus, bei jedem Tritte die Kiesel hinwegstiebend. Der Haufe von Landleute, welcher friedlich zur Kirche schlenderte, fuhr schnell zur Rechten und Linken auseinander, in stummer Bewunderung hingaffend. Vor der Thür riß der Kutscher die Pferde so schnell zurück, daß sie auf einmal still standen und beinahe auf die Hinterfüße zurück fielen.

Nun sprangen die Bedienten mit außerordentlicher Eile herab, rissen den Schlag auf, klappten die Tritte herab und bereiteten Alles zum Herabsteigen der erhabnen Familie auf die Erde, vor. Zuerst streckte der alte Städter sein rothes rundes Antlitz zur Thür hinaus, sich mit der stolzen Miene eines Mannes umschauend, der gewohnt ist, auf der Börse zu gebieten und den Stock-Markt mit einem Winke in Bewegung zu setzen. Seine Gattin, eine wohlaussehende, fleischige, behagliche Dame, folgte ihm. Aus ihr sprach, die Wahrheit zu gestehen, wenig Stolz. Sie war ein lebendes Bild des behaglichen, ehrlichen, gewöhnlichen Genießens. Es ging ihr gut in der Welt, und sie hatte die Welt gern. Sie hatte schöne Kleider, ein schönes Haus, einen schönen Wagen, schöne Kinder; Alles um sie her war schön, sie hatte weiter nichts zu thun, als umherzufahren, Besuche abzustatten und Ergötzlichkeiten zu genießen. Das Leben war ein ununterbrochenes Fest für sie, es war ein langer Lord-Mayors-Tag.

Zwei Töchter folgten diesem stattlichen Ehepaare. Sie waren schön zu nennen, hatten aber in ihrem Wesen etwas Anmaßendes, das die Bewunderung abkühlte und den Beschauer zu strengerer Prüfung veranlaßte. Sie waren übermodisch gekleidet, und obgleich ihnen Niemand Reichthum des Putzes abstreiten konnte, so war es doch die Frage, ob er für die Einfachheit einer Dorfkirche geeignet sei. Sie stiegen stolz aus dem Wagen, und gingen zwischen den Reihen der Landleute mit Schritten hindurch, welche kaum den Boden berühren zu wollen schienen, den sie betraten. Sie warfen einen flüchtigen Blick umher, der kalt über die plumpen Gesichter der Bauern hinwegstreifte, bis sie die Familie des Edelmannes erblickten, wo ihre Gesichter sich plötzlich in ein Lächeln verklärten, und sie die tiefsten und zierlichsten Verbeugungen machten, die auf eine Art erwiedert wurden, welche bewies, daß sie nur oberflächliche Bekannte waren.

Ich muß nicht vergessen, der zwei Söhne dieses aufstrebenden Bürgers zu erwähnen, die in einem glänzenden Cabriolet mit Vorreitern nach der Kirche kamen. Sie waren nach den neuesten Vorschriften der Mode gekleidet, mit aller der Kleinlichkeit des Anzuges, welche den Mann bezeichnet, der Ansprüche auf genaue Beobachtung der Mode macht. Sie hielten sich ganz abgesondert, und sahen Jeden, der sich ihnen näherte, von der Seite an, als ob sie seine Ansprüche auf Betrachtung abmäßen; sie sprachen aber selbst nicht miteinander, ausgenommen, wenn sie etwa gelegentlich eine gewöhnliche Modephrase wechselten. Sie bewegten sich sogar künstlich, denn ihr Körper hatte, der Laune des Tages angemessen, schon alle Ungezwungenheit und Freiheit abgelegt. Die Kunst hatte Alles gethan, sie als Modeleute vollkommen zu machen, die Natur ihnen aber ihre namenlose Anmuth versagt. Sie hatten ein gemeines Ansehen, wie Leute, welche zu den gewöhnlichen Beschäftigungen des Lebens erzogen sind, und dabei jene Miene hochmüthiger Anmaßung, welche man nie an dem Mann von gutem Ton sieht.

Ich bin bei dem Ausmalen der Bilder dieser zwei Familien etwas in das Einzelne gegangen, weil ich sie für Proben desjenigen ansah, was man oft in diesem Lande antrifft – anspruchsloser Größe und anmaßender Kleinheit. Ich hege keine Achtung vor betiteltem Rang, wenn er nicht mit wahrem Seelenadel verknüpft ist; aber ich habe in den Ländern, wo die künstlichen Unterscheidungen bestehen, bemerkt, daß die höchsten Classen allemal die höflichsten und anspruchlosesten sind. Die, welche ihres eigenen Standpunktes gewiß sind, suchen selten dem anderer zu nahe zu treten; dagegen ist aber nichts so unangenehm, als die Anmaßungen der Gemeinheit, welche sich selbst dadurch zu heben denkt, daß sie ihre Nachbarn demüthigt.

Da ich diese Familien einmal einander gegenüber gestellt habe, so muß ich auch ihres Betragens in der Kirche gedenken. Das der Familie des Edelmannes war ruhig, ernst und aufmerksam. Nicht, als ob die Glieder derselben eine inbrünstige Andacht gezeigt hätten; es war eher eine Achtung vor heiligen Gegenständen und dem heiligen Orte, welche von guter Erziehung unzertrennlich ist. Die Anderen dagegen waren in einer beständigen Unruhe und flüsterten fortwährend; sie verriethen ein stetes Beachten ihres Putzes und einen ängstlichen Ehrgeiz, der Gegenstand der Bewunderung einer Dorfgemeinde zu sein.

Der alte Herr war der einzige, der wirklich aufmerksam auf den Gottesdienst war. Er nahm die ganze Last der Familien-Andacht auf sich, stand kerzengerade da, und sagte die Responsen mit einer so lauten Stimme her, daß man sie in der ganzen Kirche hören konnte. Es war klar, daß er durchaus ein Mann des Königs und der Kirche war, welcher, wie alle Leute dieser Art, die Idee der Frömmigkeit und Anhänglichkeit an den König in eines verschmolz, die Gottheit gewissermaßen als zur ministeriellen Parthei gehörig ansehend, und die Religion »für eine treffliche Sache haltend, die man schützen und aufrecht erhalten müsse.«

Daß er so laut in die Andacht einstimmte, schien vorzüglich deswegen zu geschehen, um den gemeineren Leuten ein Beispiel zu geben und ihnen zu zeigen, daß er, obgleich so groß und reich, doch nicht über die Religion hinaus sei; so wie ich einst einen von Schildkrötensuppe gemästeten Aldermann, öffentlich einen Teller mit Armensuppe verschlingen sah, bei jedem Mundvoll schmatzend und dabei erklärend: »das sei vortreffliches Essen für die Armen.«

Als der Gottesdienst zu Ende war, eilte ich, meine Gruppen herausgehen zu sehen. Die jungen Edelleute und ihre Schwestern gingen, da der Tag schön war, über das Feld nach Hause, und plauderten auf dem Wege mit den Landleuten. Die Anderen entfernten sich, wie sie gekommen waren, in großem Staate. Die Equipagen rollten abermals an dem Thore vor. Die Peitschen knallten wieder, die Hufe klapperten und das Geschirr blitzte. Die Pferde flogen davon, die Landleute stoben wieder zur Rechten und Linken auseinander, die Räder wühlten eine Staubwolke auf, und die stolze Familie war in einem Wirbelwind dem Auge entzogen.

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