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Gottfried Crayon's Skizzenbuch

Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleGottfried Crayon's Skizzenbuch
authorWashington Irving
translatoranonym
editorJ. V. Adrian
firstpubca. 1830
year1846
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleGottfried Crayon's Skizzenbuch
created20050812
sendergerd.bouillon
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Die Kunst des Büchermachens.

Wenn der strenge Ausspruch des Synesius wahr ist: »es sei ein größeres Verbrechen, todter Leute Werke zu stehlen, als ihre Kleider,« was wird dann aus den meisten Schriftstellern werden?
Burton's Anatomie der Melancholie.

Ich habe mich oft über die übergroße Fruchtbarkeit der Presse gewundert, und wie es zugeht, daß so manche Köpfe, über welche die Natur den Fluch der Unfruchtbarkeit verhängt zu haben scheint, bändereiche Erzeugnisse unter das Publikum senden. Wie jedoch ein Mensch auf der Reise des Lebens vorschreitet, vermindern sich die Gegenstände, die seine Bewunderung erregen, und er findet fortdauernd sehr einfache Ursachen für große erstaunenswürdige Begebenheiten. So stieß ich auf meinen Wanderungen in dieser großen Hauptstadt zufällig auf eine große Scene, auf eine Scene, welche mir einige von den Geheimnissen der Buchmacherzunft enthüllt, und meinem Erstaunen auf einmal ein Ende gemacht hat.

Ich schlenderte eines Sommertages durch die großen Säle des britischen Museums, mich mit einer Theilnahmlosigkeit, wie sie bei warmem Wetter wohl verziehen werden mag, zuweilen über einen Glaskasten mit Mineralien lehnend, zuweilen die Hieroglyphen auf einer ägyptischen Mumie studirend, und von Zeit zu Zeit beinahe mit gleichem Erfolge bemüht, die allegorischen Gemälde an den hohen Decken zu enträthseln. Während ich so müßig umherschaute, ward meine Aufmerksamkeit auf eine entfernte Thüre am Ende einer Reihe von Zimmern gelenkt. Sie war geschlossen, öffnete sich aber von Zeit zu Zeit, und irgend ein sonderbar aussehendes Wesen, gewöhnlich schwarz gekleidet, stahl sich heraus, und glitt durch die Zimmer, ohne irgend einen der umher aufgestellten Gegenstände zu beachten. Es war in diesen eine Art von Geheimniß, das meine erregte Neugier reizte, und ich beschloß, den Durchgang durch jene Meerenge zu wagen, und die unbekannten Regionen zu erforschen, welche jenseits lagen. Die Thür wich meiner Hand mit Leichtigkeit, wie einem irrenden Ritter die Thore bezauberter Schlösser. Ich fand mich in einem geräumigen Zimmer, in welchem rund umher große Schränke mit ehrwürdigen Büchern standen. Ueber diesen Schränken und gerade unter dem Gesims, waren eine Menge schwarz aussehender Portraits von alten Schriftstellern aufgehängt. Im Zimmer standen lange Tische, mit Pulten zum Lesen und Schreiben, an welchen mehrere bleiche, fleißige Leute aufmerksam in staubigen Büchern lasen, modernde Handschriften durchstöberten, und aus deren Inhalte Auszüge machten. Die größte Stille herrschte in diesem geheimnißvollen Zimmer, und nur durch das Kratzen der Federn auf den Papierschichten, oder gelegentlich durch einen tiefen Seufzer eines jener Weisen wurde sie unterbrochen, wenn er seine Stellung veränderte, um in einem alten Folianten das Blatt umzudrehen, was wahrscheinlich von der Hohlheit und Aufgedunsenheit herrührte, die sich zuweilen bei gelehrten Untersuchungen einfindet.

Von Zeit zu Zeit schrieb einer dieser Leute etwas auf einen schmalen Streifen Papier, und zog eine Glocke, worauf ein Dienender erschien, das Papier in tiefem Schweigen nahm, aus dem Zimmer glitt, und kurz darauf mit gewichtigen Bänden erschien, über welche der Andere mit ungestümer Wißbegier herfiel. Ich hatte keinen Zweifel mehr, daß ich unter einen Haufen von Zauberern, welche in das Studium geheimer Wissenschaften tief versunken wären, gerathen sei. Die Scene erinnerte mich an ein altes arabisches Mährchen von einem Philosophen, der in einer bezauberten Bibliothek im Schooße eines Berges eingeschlossen war, welche nur einmal im Jahre geöffnet wurde; und wo die Geister des Ortes seinen Befehlen gehorchen, und ihm Bücher aller Arten verborgenen Wissens bringen mußten, so daß er, am Ende des Jahres, als das Zauberthor sich wieder aus seinen Angeln bewegte, so erfahren in den verbotenen Künsten herauskam, daß er über die Häupter der Menge hinwegflog, und über die Kräfte der Natur gebieten konnte.

Da meine Neugierde nun im höchsten Grade gespannt war, flüsterte ich einem der Dienenden, als er im Begriff war, aus dem Zimmer zu gehen, die Bitte zu, er möge mir doch eine Erklärung des sonderbaren Anblicks geben. Einige wenige Worte waren hinreichend. Ich fand, daß diese geheimnißvollen Leute, die ich für Zauberer gehalten, meistentheils Schriftsteller, und eben im Begriffe waren, ihren Honigstoff aus den Blumen zu saugen. Ich war nämlich in dem Lesezimmer der großen britischen Bibliothek – einer unermeßlichen Sammlung von Büchern aller Zeitalter und Sprachen, von denen viele schon ganz vergessen sind, und die meisten selten gelesen werden. Zu diesen einsamen Teichen verschollener Literatur nehmen daher manche neuere Schriftsteller ihre Zuflucht, und schöpfen Eimer voll klassischer Gelehrsamkeit, oder »reines, unverdorbenes Englisch,« womit sie ihre eigenen, spärlichen Gedankenbäche anschwellen.

Da ich jetzt im Besitze des Geheimnisses war, setzte ich mich in eine Ecke nieder und beobachtete das Verfahren in dieser Buch-Manufactur. Ich bemerkte einen magern, gelbsüchtig aussehenden Wicht, der nur die wurmstichigsten, mit gothischen Lettern gedruckten Bände zur Hand nahm. Er trug augenscheinlich irgend ein Werk von tiefer Gelehrsamkeit zusammen, das Jedermann, der für einen Gelehrten gelten wollte, sich anschaffen und auf ein in die Augen fallendes Bücherbret in seiner Bibliothek stellen, oder aufgeschlagen auf dem Tische haben mußte, – übrigens aber nie zu lesen brauchte. Ich sah, wie er von Zeit zu Zeit ein großes Stück Zwieback aus der Tasche nahm, und daran nagte; ob dieß aber sein Mittagsessen war, oder ob er dadurch nur der Erschöpfung des Magens begegnen wollte, welche durch das viele Brüten über trockenen Werken herbeigeführt ward, überlasse ich eifrigeren Studirenden, als ich es bin, zu bestimmen.

Dort saß ein behender kleiner Mann in hellfarbigem Kleide, mit einem zimperigen klätschigen Ausdruck des Gesichts, welcher ganz das Ansehen eines Schriftstellers hatte, der auf gutem Fuße mit seinem Buchhändler steht. Nachdem ich ihn aufmerksam betrachtet, erkannte ich einen fleißigen Sammler von vermischten Werken, welche im Handel ihr Glück machten. Ich war neugierig, zu sehen, wie er seine Waare verfertige. Er machte mehr Geräusch und zeigte sich geschäftiger, als alle Andern, guckte in verschiedene Bücher, durchflog die Blätter der Handschriften, und nahm bald ein Stück aus diesem, bald ein Stück aus jenem, »Zeile vor Zeile, Kunde auf Kunde, hier ein wenig und da ein wenig.« Der Inhalt seines Buches schien so mannichfaltig, als der des Hexen-Kessels in Macbeth. Es war ein Finger hier. dort ein Daum, Froscheszeh und Blindschleich-Stachel, nebst seinem eigenen Geschwätz, das war wie »Affenblut,« um die Brühe zu machen, »dick und gut.«

Ist nicht genau genommen, dachte ich bei mir selbst, diese Neigung zum Stehlen am Ende den Schriftstellern weiser Zwecke wegen eingepflanzt? Mag sie nicht der Weg sein, den die Vorsicht wählte, um die Saaten der Erkenntniß und der Weisheit von Jahrhundert zu Jahrhunderten, trotz dem unabwendbaren Untergange der Werke, in welchen er zuerst aufkeimte, zu verbreiten? Wir sehen, daß die Natur weise, obgleich sonderbar, für die Verbreitung des Samens von Klima zu Klima, mittelst der Schnäbel gewisser Vögel, gesorgt hat; so daß Thiere, welche an und für sich nicht viel besser als Aas, und dem Anscheine nach als geächtete Diebe im Garten und dem Kornfelde zu betrachten sind, in der That zu Boten der Natur werden, um deren Segnungen zu verbreiten und dauernd zu machen. Auf ähnliche Art werden die Schönheiten und guten Gedanken alter und verschollener Schriftsteller von diesen Zügen von Raubschriftstellern aufgelesen und wieder ausgestreut, um nach langer, später Zeit wieder zu blühen und Früchte zu tragen. Viele von ihren Werken machen auch eine Art von Seelenwanderung, und gehen in neuen Gestalten hervor. Was früher eine schwerfällige Geschichte war, lebt in der Gestalt eines Romans wieder auf– eine alte Legende verwandelt sich in ein neues Schauspiel – und eine nüchterne philosophische Abhandlung liefert den Stoff für eine ganze Reihe von hochtrabenden und sprudelnden »Versuchen.« So geht es auch mit dem Aushauen unserer Waldstrecken in Amerika, wo wir einen Forst von stattlichen Fichten abbrennen, nimmt ihre Stelle ein Geschlecht von Zwergeichen ein, und wir sehen nie den hingestreckten Stamm eines zu Staub vermodernden Baumes, der nicht ein ganzes Geschlecht von Schwämmen erzeugt.

Laßt uns daher über den Verfall und die Vergessenheit, in welche alte Schriftsteller versinken, nicht klagen; sie gehorchen nur dem großen Gesetze der Natur, nach welchem alle unter dem Monde befindliche Gestalten ihrer Form nach in der Dauer beschränkt seien, ihren materiellen oder geistigen Bestandtheilen nach nie untergehen sollen. Geschlecht auf Geschlecht, sowohl im thierischen, als im Pflanzenleben, geht vorüber, allein das Lebensprincip dauert bis auf die Nachwelt, und die Gattung fährt fort, zu blühen. So erzeugen auch Schriftsteller andere Schriftsteller, und gehen, nachdem sie eine zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen haben, in einem gesetzten Alter heim zu ihren Vätern, an deren Geistesprodukten sie sich früher eines Plagiats schuldig gemacht.

Während ich mich diesen Träumereien überließ, hatte ich mich mit dem Kopfe an einen Haufen ehrwürdiger Folianten gelehnt. Sei es nun, daß die aus diesen Werken entströmenden Dünste, oder die tiefe Stille im Zimmer, oder die von dem vielen Umherwandern herrührende Müdigkeit, oder eine unglückliche mir leider eigene Gewohnheit, Alles zu ungebührlichen Zeiten und an ungebührlichen Orten zu thun, so betäubend auf mich wirkten – kurz, ich schlief ein. Meine Einbildungskraft aber fuhr fort, geschäftig zu sein, und derselbe Schauplatz blieb, mit einiger Veränderung in den Einzelnheiten, vor den Augen meines Geistes. Ich träumte, daß das Zimmer noch mit den Bildern alter Schriftsteller behängt sei, daß aber die Anzahl sich vermehrt habe. Die langen Tische waren verschwunden, und statt der weisen Magier, sah ich einen zerlumpten, abgerissenen Haufen, wie man ihn in der Nähe des großen Magazins alter abgelegten Kleider, in Monmouth-Street, sich herumtreiben sieht. Sobald sie ein Buch in die Hand nahmen, so schien es mir, nach einem der Widersprüche, welche häufig Träume zu begleiten pflegen, daß es sich in ein Kleid von fremdem oder altväterischem Schnitte verwandelte, welches sie sogleich anlegten. Ich bemerkte jedoch, daß keiner sich in einen ganzen Anzug kleiden wollte, sondern von dem einen einen Aermel, von dem andern einen Kragen, von dem dritten einen Schooß nahm, sich so mit lauter Stückwerk schmückend, wobei einige von seinen ursprünglichen Lumpen unter seinem erborgten Putze hervorblickten.

Es war da ein stattlicher, rosiger, wohlgenährter Pfarrer, den ich mehrere verschimmelte polemische Schriftsteller durch ein Augenglas betrachten sah. Er bemächtigte sich bald des faltenreichen Mantels eines der alten Kirchenväter, und, nachdem er einem andern seinen grauen Bart wegstipizt hatte, bemühte er sich überaus weise auszusehen; allein der grinsende Gemeinplatz in seinem Gesichte strafte alle den geborgten Schmuck der Weisheit Lügen. Ein kränklich aussehender Herr war beschäftigt, ein dünnes Gewand mit Goldfäden zu besetzen, die er aus mehreren alten Hofkleidern, von den Zeiten der Königin Elisabeth her, ausgezogen hatte. Ein Anderer hatte sich prächtig aus einer illuminirten Handschrift ausgeputzt, einen Blumenstrauß an seine Brust gesteckt, den er aus dem »Paradiese schöner Sinnsprüche« gepflückt, und schritt, nachdem er Sir Philipp Sidney's Hut auf die eine Seite aufgesetzt, mit einer ausgesuchten Art von gemeiner Zierlichkeit umher. Ein Dritter, von nur winzigem Umfange, hatte sich mit seiner Beute aus mehreren dunkeln philosophischen Abhandlungen wacker ausgestopft, so daß er sich von vorn sehr stattlich ausnahm; aber von hinten war er jämmerlich zerlumpt, und ich bemerkte, daß er seine Beinkleider mit Pergamentfetzen aus einem lateinischen Schriftsteller geflickt hatte.

Es waren einige wohlgekleidete Herren da, die sich nur zu einem einzelnen Edelstein oder dergleichen verhalfen, der unter ihrem eigenen Schmuck glänzte, ohne diesen zu verdunkeln. Einige schienen auch die Trachten der alten Schriftsteller nur deßwegen zu betrachten, um sich ihre Geschmacksgrundsätze anzueignen, und die Art und den Geist derselben anzunehmen; aber ich muß leider sagen, daß es nur zu Viele gab, die sich vom Kopfe bis zu den Füßen, auf die eben beschriebene Art Flickwerk-Weiße schmückten. Ich muß hier eines Genies, in gelblichbraunen Beinkleidern und Gamaschen, mit einem arkadischen Hute, erwähnen, das eine gewaltige Neigung zum Schäferlichen hegte, dessen ländliche Wanderungen sich aber auf die klassischen Orte von Primrose-Hill und die Einsamkeit des Regenten-ParksPrimrose-Hill, der Primelen-Hügel ist der höchste Punkt nordwestlich von London, und der Regenten-Park (Regent's Park), eine große parkartige Anlage, am nordwestlichen Ende der Stadt, welche durch die prächtige Portland-Street mit der Stadt in unmittelbarer Verbindung steht. beschränkten. Es hatte sich mit Kränzen und Bändern aus allen alten Schäferdichtern geschmückt, ließ den Kopf auf eine Seite hängen, und ging mit einer phantastischen Maienblumen-Miene umher, »von grünen Feldern schwatzend.« Die Person aber, welche meine Aufmerksamkeit am meisten erregte, war ein geschäftiger, alter Herr, in geistlicher Tracht, mit einem auffallend großen und viereckigen, aber kahlen Kopfe. Er trat schnaufend und keuchend in das Zimmer, suchte seinen Weg mit den Ellbogen durch die Menge, mit einem Gesicht voll trotziger Selbstgenügsamkeit, und nachdem er sich eines dicken griechischen Quartanten bemächtigt hatte, setzte er ihn auf seinen Kopf, und ging nun majestätisch mit einer furchtbar gekräuselten Perücke hinweg.

Mitten in dieser literarischen Maskerade erscholl plötzlich von allen Seiten das Geschrei: »Diebe, Diebe!« Ich sah auf, und siehe, die Portraits an den Wänden bekamen Leben! Die alten Schriftsteller reckten zuerst einen Kopf, dann eine Schulter aus der Leinwand hervor, blickten einen Augenblick neugierig nieder auf die bunte Menge, und stiegen dann, mit Wuth in ihren Augen, herab, ihr geplündertes Eigenthum in Anspruch zu nehmen. Die Scene des Gewirrs und Getümmels, welche folgte, übersteigt alle Beschreibung. Die unglücklichen Verbrecher suchten vergebens, mit ihrem Raube zu entschlüpfen. Auf der einen Seite sah man ein halbes Dutzend alter Mönche einen neueren Professor entkleiden, auf der andern erging eine gewaltige Verheerung über die Reihen neuerer dramatischer Schriftsteller. Beaumont und Fletcher stürmten, einander zur Seite, wie Castor und Pollux, auf dem Kampfplatze daher, und der gewaltige Ben Jonson that noch mehr Wunder, als damals, wo er als Freiwilliger bei dem Heere in Flandern diente. Was den flinken kleinen Zusammenträger von literarischem Gemengsel betraf, dessen ich vorhin erwähnt habe, so hatte er sich, wie Harlekin, in die mannichfaltigsten Flicken und Farben gekleidet, und es entspann sich um ihn ein ebenso heftiger Streit, wie einst um die Leiche des Patroklus. Es betrübte mich ungemein, mehrere Leute, die ich mit ehrerbietiger Scheu und Achtung zu betrachten gewöhnt war, sich hinwegstehlen zu sehen, ohne kaum einen Lumpen zu haben ihre Blöße zu bedecken. Gerade da fiel mein Blick auf den geschäftigen alten Herrn in der griechischen grauen Perücke, der sich höchst erschrocken davon machte, in Gefolge eines halben Dutzends von Schriftstellern, welche laut hinter ihm her schrieen. Sie waren ihm dicht auf der Ferse; in einem Nu war seine Perücke fort; wie er sich wandte, schälten sie ihm einen Streifen seiner Kleidung ab; bis er nach wenigen Minuten aus seinem herrischen Prunke zu einer kleinen, winzigen »abgeschnittenen kahlen Bluese« zusammenschrumpfte, und nur mit wenigen Lumpen und Lappen, die um seinen Rücken flogen, abzog.

Es lag etwas so belustigendes in dem Unfalle dieses gelehrten Thebaners, daß ich in ein unmäßiges Gelächter ausbrach, welches die ganze Täuschung zerstörte. Das Getümmel und Gezause war zu Ende. Das Zimmer nahm sein gewöhnliches Ansehen wieder an. Die alten Schriftsteller traten in ihre Rahmen zurück, und hingen in düsterer Feierlichkeit an den Wänden. Kurz, ich fand mich wachend in meinem Winkel, vor der ganzen Versammlung von Bücherwürmern, die mich mit Verwunderung anstarrten. Nichts an dem Traume war wirklich gewesen, als mein Gelächter, ein Ton, der nie zuvor in diesem ernsten Heiligthum vernommen worden, und den Ohren der Weisheit so verhaßt war, daß er die ganze Brüderschaft elektrisirte.

Der Bibliothekar kam jetzt auf mich zu und fragte, ob ich eine Eintrittskarte habe. Anfangs verstand ich ihn nicht; allein ich fand bald, daß die Bibliothek eine Art von literarischem »Gehege« sei, das unter dem Schutze der Forstgesetze steht, und daß Niemand, ohne besondere Ermächtigung und Erlaubniß, sich unterfangen würde, darin zu jagen. Mit Einem Wort, ich stand als ein überwiesener Wilddieb da, und war froh, mich eilig zurückziehen zu können, sonst wäre eine ganze Meute von Schriftstellern auf mich losgelassen worden.

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