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Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt

Ferdinand Gregorovius: Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt - Kapitel 9
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authorFerdinand Gregorovius
titleGöthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt
publisherVerlag Wilhelm Bornträger
year1849
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Wilhelm Meister's Wanderjahre oder die Entsagenden.

»Dieses sollte aber andeuten, daß man auch die anderen Bürger jeden zu dem Einen Geschäfte, wozu er geeignet ist, hinbringen müsse, damit jeglicher des Einen ihm eigentümlichen sich befleißigend nicht Viele, sondern Einer werde; und so auch die gesammte Stadt uns zu Einer erwachse und nicht zu Vielen.« –

Platon in der Republik.

Die Wanderjahre

Trotz alles inneren Reichtums der Wanderjahre dürfte es schwer sein, ihre dichterische Anlage und Ausführung mit dem plastischen Baue und dem durchglühten Leben der Lehrjahre nur im Entferntesten zu vergleichen. Göthe hat das Schicksal gehabt, seine beiden großartigsten Schöpfungen durch ein beträchtliches Zeitintervall in zwei sich nicht mehr ganz entsprechende Hälften teilen zu müssen; und wie Klopstock nicht ungestraft die letzten zehn Gesänge seines Epos erst im Alter vollendete, hat auch Göthe den blühenden Genius der Jugend für seinen zweiten Teil des Faust und seine Wanderjahre nicht mehr dauernd beschwören können;

Schon von Seiten dieses Schicksals liegen die Wanderjahre dem zweiten Teile des Faust durchaus parallel. Wie hier mit dem ersten Teile die eigentliche Tragödie endigt, endigt mit den Lehrjahren der eigentliche Roman. In beiden Fortsetzungen verschwindet und muß das Interesse an den dramatischen Personen verschwinden, welche nunmehr vor dem großen Weltdrama, das sich in den mannigfaltigsten Erscheinungen und immer weiter und weiter werdenden Kreisen aufthut, vollends in den Hintergrund treten. Wo daher die Handlung abnimmt und die Intensität ihrer bewegenden Kraft verliert, gewinnt die Extensität der Erscheinung, und wo die bildnerische Gestalt ausgeht, sproßt ein Reichtum von Ideen empor, der uns entschädigen muß. Der zweite Teil des Faust wie die Wanderjahre sind daher unerschöpfliche Repertorien von Schätzen des Wissens und der Reflexion, von Maximen und lehrhaften Winken aus jederlei Richtung des Lebens, wie sie nur das gereifte Alter in die Archive seiner Erfahrung niederlegen kann. Wie man schon in den Lehrjahren und im ersten Teile des Faust Zusammenklänge entdeckt, so begegnen sich in den Wanderjahren und Faust's zweitem Teile noch mehr Göthe's Gedanken, sowol auf dem Wege der humanischen Weltthätigkeit und Weltweite im Allgemeinen, als auch im Besonderen in einzelnen Themen, wie in der bekannten geognostischen Naturansicht Göthe's, welche in den Wanderjahren Jarno vertreten muß. Das Stoffartige und Studienhafte beherrscht den zweiten Teil des Faust, wie es die Wanderjahre beherrscht. Es dürfte wol eine lohnende, besondere Aufgabe sein, die Verwandtschaft von Faust und Meister genauer zu erforschen; und da beide universelle Dichtungen als typische Lebensentwicklungen des Menschen betrachtet werden können, so liegt es nahe, daß auch Dichtung und Wahrheit im Verhältniße zu den sie fortsetzenden Tag- und Jahresheften mit in den Kreis dieser Betrachtung gezogen werden können, wie eine solche Andeutung bereits gemacht worden ist. Wilhelm Danzel über Göthes Spinozismus S. 93

Während Göthe im Jahre 183l am vierten Acte des Faust arbeitete, äußerte er selbst über den Zusammenhang der für sich bestehenden Massen des Ganzen: »Dem Dichter liegt daran, eine mannigfache Welt auszubrechen, und er benutzt die Fabel eines berühmten Helden bloß als eine Art von durchgehender Schnur, um darauf aneinander zu reihen, was er Lust hat. Es ist mit der Odyssee und dem Gil Blas auch nicht anders.« (Eckermann &c. II. 284.) Auf eine solche Schnur hat Göthe denn auch die einzelnen Massen der Wanderjahre gereiht; aber wenn im Faust die reinere Form der Composition schon einen poetischen Zusammenhalt gibt, vermag die Romanform dies gleicherweise nicht. Lust und Laune des Poeten wird hier viel eher Willkür, und vergißt man nicht, welcher Art das Ganze zusammengesetzt worden, wie Göthe noch zuletzt aus äußerlichen Rücksichten die makarischen Lehrsprüche und die Reflexionen im Sinne der Wanderer hineinbrachte, so wird man sich über die didaktisch fragmentarische Art der Wanderjahre nicht täuschen dürfen. Das Ganze erscheint als Mosaik, und der Poet wird oft zum Redaktor. Nicht selten tritt auch die Poesie aus dem blütenreichen Garten der herrlichsten Gewächse, woran auch dieses Buch überreich ist, in die nackte Prosa einer handgreiflichen Wirklichkeit heraus. Rosenkranz zeigt deshalb in seiner Verteidigung der Wanderjahre gegen Laube, der ihm auf den philosophischen Standpunct nicht folgt, eine zu große Vorliebe für göthesche Dichtung überhaupt, wenn er über dem Philosophischen das Aesthetische nicht beachtet, und es gar unternimmt, die trockenste technologische Detaillirung des Webehandwerks für die Poesie zu retten, weil wir doch gegenwärtig die Noth der Berliner und der Schlesischen Weber kennen gelernt hatten. (Göthe u. s. Werke S. 428.) Ebenso wenig dürfte man dem Urteile Rosenkranz' durchaus beipflichten, daß die Novellen der Wanderjahre Meisterstücke seien. Abgesehen von dem Mann von funfzig Jahren, einer trefflichen Erzählung, welche die krystallinische Klarheit göthescher Gebilde mit einer Gefühlslebendigkeit, die sich der alternde Dichter gleichwol darin nicht mehr zutrauen mag, und mit der stillen Pracht der Scenerie verbindet, erscheinen die übrigen frostig und nicht selten geringfügig. Oder welche Meisterlichkeit wollte man wol in der pilgernden Thörin, im nußbraunen Mädchen, in Nicht zu weit, gar in der gefährlichen Wette finden, welche eine studentische Albernheit zum Gegenstande der Behandlung hat, während die neue Melusine ebenso wenig als die Wette oder Wer ist der Verräther sich durchaus unter die Kategorie der Entsagung und Wanderung bringen läßt, unter welche doch Rosenkranz alle Novellen will gebracht wissen.

Göthe, so scheint es, ließ in den Wanderjahren seinem eigentümlichen und durchaus epischen Zuge zur Episode behaglich die vollste Freiheit und reihte an einander, was anzureihen er eben odysseische Lust hatte, ohne dem Grundgedanken zu viel Abbruch zu thun. Jener homerische Zug ist aber tief in Göthe's reicher, zeugungskräftiger Natur begründet. Seine epische Dichtung strotzt wie ein südlicher Baum von Blüten und Früchten, wo neben den reifen immer noch Fruchtansätze sich bilden, welche als selbstständige Frucht sofort sich ablösen würden, wenn die Sonne seines poetischen Genius auf ihnen liebend verweilen wollte. Schon im Werther finden sich solche Ansätze zur Novelle innerhalb der Novelle, wie die meisterhaften Skizzen von dem Wahnsinnigen und dem Bauernburschen beweisen; in den Wahlverwandtschaften sehen wir einen ähnlichen novellistischen Ansatz in der Geschichte des unglücklichen Mädchens, welches an dem Tode ihres Bruders Schuld wird, und eine schon ausgebildete und abgelöste Novelle: die wunderlichen Nachbarskinder. Die Lehrjahre endlich drängen eine ganze Fülle von Episoden aus sich heraus. Aber mit seiner eigenen Beschränkungsfähigkeit wußte Göthe im Werther, in den Wahlverwandschaften und in den Lehrjahren die schwellende Bildungskraft seiner Phantasie zu mäßigen und sie zu jener rätselhaften Kunst umzuzwingen, wonach die eigentlichen Ereignisse und Katastrophen der Haupthandlung aus kleineren Spiegelbildern magisch zurückstralen und eine zauberische oft grauenerregende Helle über das Ganze verbreiten, daß man sich von dem Geiste der Notwendigkeit dämonisch durchschauert fühlt. Diese Kunst der Objectivirung ist's, die man in Shakespeare's Lear und Hamlet lernen kann, es ist eine Großheit, welche in Göthe's Dichtung immer von der gewaltigsten Wirkung bleiben muß. In den Wanderjahren nun wuchert die Lust der Episode ungehemmt und zum Nachteile der Dichtung so ungezügelt, daß die Novelle, welche im sonstigen Epos nur als überhellendes Streiflicht wirkte und das objective Leben auf die interessirten Subjecte reflectirte, um sie auf eine allgemeine sittliche Basis zu stellen und ihnen die zusammenhangslose atomistische Besonderheit zu nehmen, hier sich geschwätzig aufdrängt und mit rednerischer Prätension in das Proscenium stellt.

Indem wir nunmehr den Versuch machen, die Wanderjahre darzulegen, scheint es, daß sie selbst dazu auffordern, sie auseinander zu legen. Denn ihre ganze Composition ist von der Art, daß sich gewiße angereihte oder durcheinander gezogene Massen von selber zur Sonderung anbieten. Zuerst springt die Zweiheit eines novellistischen und eines didaktisch-pragmatischen Teiles in die Augen.

Der rote Faden der Idee, welcher sich durch alle Novellen hindurchschlingen soll, ist schon in der angeführten meisterhaften Abhandlung von Hotho nachgewiesen, wie auch das mittelgliedartige Verhältnis der Wahlverwandschaften zu Lehr- und Wanderjahren von ihm betrachtet worden ist. Hiebei dürfte nur die Bemerkung am Orte sein, daß eine zu streng behauptete Zwischenstellung der Wahlverwandschaften die Gefahr mit sich zu bringen scheint, dieser kunstvollen Dichtung ihre eigentümliche Selbstständigkeit zu nehmen, indem sie mit in die Novellen der Wanderjahre herabgedrückt wird. Denn auf der anderen Seite stehen doch die Wahlverwandschaften offenbar auch zu Werther in dem innigen Zusammenhange der Wechselseitigkeit, und Werther's sociale Bedeutung auch für den Begriff der Ehe und der geforderten aber nicht geleisteten Schicksalsüberwindung durch Entsagung darf doch nicht geleugnet werden, so daß in diesem Betracht, wenn man über die Zeit der Dichtung hinwegsieht, auch Werther's Leiden (wie einige Unterhaltungen der Ausgewanderten) mit vollem Rechte in den Novellencyklus der Wanderjahre hineingezogen werden konnten.

Ein Teil der Novellen – und von den ohne Nötigung der organischen Idee hineingebrachten kann hier nicht die Rede sein – lehnt sich nun an den letzten Abschnitt der Lehrjahre, wo das eheliche Verhältniß von Mann und Weib gefunden wurde. Irrtum und Leichtsinn im Knüpfen der heiligsten Bande, welche wie in den Wahlverwandschaften das zermalmende Schicksal, oder wie in den Lehrjahren moralischen Verlust, sittlichen Untergang und Verstörung der Gesellschaft zur Folge haben, dir sentimentale Preisgabe der schwächeren an die prävalirende Individualität, wie bei Werther, der gleich Eduard einen nur mißglückten Versuch zum Entsagen und Entfliehen macht, sollen hier durch Resignation und Wanderung vollends überwunden und dem Schicksale der Blitz der Zerstörung aus der Hand geschlagen werden. Dies ist der verbindende Gedanke der Novellen; ob sie immer vermögend genug sind, ihn anschaulich darzustellen, das freilich darf bezweifelt werden.

Die einzige Novelle, welche der Intention durchaus genügt, ist der Mann von funfzig Jahren, worin eine überraschend neue Collision zwischen dem Vater und dem Sohne aufgewiesen wird, welche in der pilgernden Törin schon anklingt. Der Mann von funfzig Jahren ist deshalb auch die einzige Erzählung, deren Personen in den Zusammenhang des Ganzen mit einzutreten ganz im Stande sind und sich an die pythische Familien- und Ehepriesterin Makarie schließen, während Lenardo's nußbraunes Mädchen keinen eigentlich in unsere allgemeine Kategorie gehörenden Collisionsfall darbietet. Denn es wäre wunderlich genug, einem Menschen, der sein grillenhaftes Gewissen und sein Barmherzigkeitsgefühl durch eine nicht gehaltene Zusage aufgestört hat, Entsagung und Wanderung, ich weiß nicht wovon und wohin, aufzulegen, statt ihn die leicht zu tilgende Schuld durch besseres Thun an Ort und Stelle vernunftgemäß tilgen zu lassen.

Der auf die Beseitigung des Wahnes und Wehes gerichtete Plan der dahin gehörenden Novellen also, mögen sie die Idee erreichen oder hinter ihr zurückbleiben, greift in diesem Sinne ohne Zweifel in das philosophisch-pädagogische Problem der Wanderjahre überhaupt hinein. Denn nachdem die Lehrjahre die Individualität herausgebildet und befreit haben, soll nun in den Wanderjahren die Gesellschaft gefunden werden, welche mit den pädagogischen Mitteln naturgemäßer und gesunder Entwicklung jedes Einzelnen ausgerüstet, die Garantie eines sittlich und materiell ungestörten Gleichgewichtes der Arbeit und des Genusses in sich selber findet. Dieser neben und zwischen den Novellen hingehende pragmatische Teil der Wanderjahre, ihre allgemeine ethisch-pädagogisch-sociale Seite legt consequent ansteigend in drei Gruppen sich auseinander, in das System der Familie (S. Joseph, der Oheim und Makarie), in das System der Erziehung (pädagogische Provinz), endlich in das System der Gesellschaft (die Kolonie).

Der Begriff der Familie, womit die Wanderjahre sich sofort eröffnen, wird durch den Begriff der Ehe, als den Endschluß der Lehrjahre, zunächst gefordert.

Die Ehe hat Göthe in den Wahlverwandschaften als das erhabne Mysterium der göttlichen Einheit und Erfüllung der Menschennatur offenbart; im Wilhelm Meister entwickelt er ihren Begriff nicht mehr erhaben dialogisch wie dort, sondern dialectisch-dramatisch nach den verschiedensten Seiten der praktischen Lebensmanifestation und im weitesten Verhältniße zu dem socialen Wesen des Menschen überhaupt.

Der organische Fortgang von diesem ersten Fundamente der geselligen Gestaltung der Menschheit zu einem schönen und freien Weltorganismus stellt sich im Processe der Wanderjahre überaus einfach dar; denn die Ehe empfängt das in sich gebildete und reif gewordene Individuum als der innerste und erste sociale Lebenskreis, aus dem die Riesenpflanze der menschlichen Gesammtentfaltung aufwachsend sich ausbreitet. Um ihn schließen sich concentrisch die weiteren Kreise der Familie, worin die Ehe die Unendlichkeit ihrer fleischgewordenen Liebe in einer organisch gegliederten Einheit zusammenfaßt, und der Gesellschaft, welche die höhere Kategorie ist, der sich die Individuen und die Familien unterordnen, als einer wechselwirkenden Association aller freien Individualitäten, deren Einheitspunkt wiederum ist die realisirte Freiheit als das Glück eines Jeden im Allgemeinen. Aber der Horizont der Gesellschaft soll sich nicht an dem »Verfluchten Hier« einer Faustkolonie begrenzen, sondern endlich in den Weltzusammenhang, den Weltbund, übergehen.

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